Skip to main content

Full text of "Zeitschrift für Bücherfreunde"

See other formats



















































THE J. PAUL GETTY MUSEUM LIBRARY 


iWs 

1 Wtl 

m fl» 

t®5^8^SP 

|M|d 


JpiW#!^ iwRÄiy 

ii) S'* 

i 

ilwmWi^mm gBlS» 

3 Rl~/^|^« 

sBKmhbtcm 























































































ZEITSCHRIFT FÜR BÜCHERFREUNDE 


Digitized by the Internet Archive 
in 2018 with funding from 
Getty Research Institute 


https://archive.org/details/zeitschriftfurb1906gese_0 


ZEITSCHRIFT 

FÜR 

BÜCHERFREUNDE 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen 


Herausgegeben 

von 

FEDOR VON ZOBELTITZ 


Zehnter Jahrgang — 1906/1907 

Zweiter Band 



Bielefeld und Leipzig 

Verlag von Velhagen & Klasing 













Inhaltsverzeichnis. 

X. Jahrgang 1906/1907. — Zweiter Band. 


Größere Aufsätze. 


Benzmann, Hans: Zur Erinnerung an Sophie Mereau... 

Crüwell, G. A.: Friedrich Roth-Scholtz und Chrysostomus Hanthaler. Mit 9 Abbildungen 

Ebstein, Erich: Johann Friedrich Blumenbach als Bibliophile. 

Engel, Fritz: Der „Ulk“. Sein Werden und Sein. Mit 36 zum Teil farbigen Abbildungen 
Geiger, Ludwig: Die Ausgaben von Börnes Schriften und die Herstellung einer neuen Edition 
Goebel, Theodor: Eine wirtschaftliche Buchdruckergeschichte. I . 

— — Dasselbe. II. 

— — Dasselbe. III. 

Harrwitz, Max: Verlorene Bücher und Peter Philipp Wolf: ein vergessener Schriftsteller. 

Mit Porträt Wolfs und 3 Faksimiles. 

Hirschberg, Leopold: Johann Peter Lyser. Mit 53 teilweise farbigen Abbildungen und 

Faksimiles. 

Houben, H. H.: Aus dem Leben Heinrich Laubes. Mit 3 Abbildungen . 

Loubier, Jean: Anthoine de la Sales Fünfzehn Freuden der Ehe. Mit 4 Abbildungen 
Loewenstein, Oskar: Die Buchbinderei im Lichte der dritten Deutschen Kunstgewerbe- 
Ausstellung zu Dresden. I. 

— — Dasselbe. II. 

Molsdorf, W.: Mittelalterliche Formschnittdarstellungen des Apostolischen Glaubens¬ 
bekenntnisses. Mit 6 Abbildungen. 

von Rözycki, K.: Die Buchdruckerkunst in Polen bis zur Mitte des XVII. Jahrhunderts . 

von Schleinitz, Otto: Die Bibliophilen. W. M. Voynich. Mit 6 Abbildungen. 

Schlossar, Anton: Vom Freiheitssänger Anastasius Grün. Erinnerungsblätter im hundert¬ 
sten Jahre seiner Geburt und zum dreißigsten Todestage. Mit einer Anzahl un¬ 
gedruckter Briefe Grüns und 24 Abbildungen. 


Seite 

457 

258 

466 

401 

473 

393 

461 

497 

433 

29 7 
353 
370 

375 

409 

452 

487 

481 


270 

















































VI 


Inhaltsverzeichnis. 


Seite 

Schreiber, W. L.: Jost Ammans Bibelbilder von 1573 .267 

Springer, Jaro: Gegenseitige Kopien von Miniaturen.426 

Steiner, Emanuel: Die Pflege unserer Bibliotheken. Mit 4 Abbildungen.285 

Trommsdorff, Paul: Briefe von Karl Philipp Conz und Karl Friedrich Stäudlin an Herder 385 
von Zur Westen, Walter: Exlibris von Mathilde Ade. Mit 9 Abbildungen.505 


Chronik. 


Seite 

Aus dem Insel-Verlag, (—bl—). 468 

Brentano, Clemens: Godwi. Neudruck. (—m.). . 472 

Celander: Der verliebte Studente. Neudruck. (—bl—) 472 

Cervantes: Don Quichotte de la Mancha. Ausgabe 

auf Blättern aus Korkholz. (B.). 432 

Engel, Eduard: Geschichte der deutschen Literatur 

von den Anfängen bis in die Gegenwart. (—bl—) 471 

Ettllnger, Karl: Der neue Martial. (Paul Seliger) 295 

von Günderode, Karoline und Creuzer: Melete von 
Ton. Neu herausgegeben von Leopold Hirsch¬ 
berg. (—bl—). 472 

Hardie, M.: English coloured books. (—bl—) . . 430 

Hayn, Hugo: Vier neue Kuriositäten-Bibliogra¬ 
phien. Bayrischer Hiesel. Amazonen-Literatur. 
Halsbandprozeß und Cagliostro. Bibliotheca 

selecta erotico-curiosa Dresdensis. (L. Frankel) 352 

Hcroux, Bruno: Eindrücke einer Reise von Leipzig 


nach Oberitalien. (Gg. Witkowski). 469 

Hohenzoilern-Jabrbuch. Neunter Jahrgang. (—bl—) 293 
Kelter, Heinrich: Heine-Biographie. 2. Auflage von 

Dr. Anton Lohr. (—m.). 294 

Kersten, Paul: Moderne Entwürfe für Bucheinbände. 

Band II, zweite Hälfte. (—m.). 432 

Kierkegaard, Sören: Aforismer. Herausgegeben von 

Kristian Kongstad. (B.). 432 

Labler, W.: „Kling, Klang, Gloria“. (—m.) . . . 472 


Seite 


Laubes ausgewählte Werke. Herausgegeben von 

Dr. H. H. Houben. (—m.). 431 

Loubier, Jean: Der Bucheinband in alter und neuer 

Zeit. (Dr. Hermann Schmitz). 390 


von Menzel, Adolph: Abbildungen seiner Gemälde 
und Studien. Unter Mitwirkung von Dr. E. 
Schwedeler-Meyer und Dr. J. Kern herausge¬ 
geben von Dr. Hugo von Tschudi. (R.) . . 429 

Menzel, Adolph: Die Armee Friedrichs des Großen 


in ihrer Uniformierung. (—bl—). 470 

Moderne Illustratoren: Aubrey Beardsley von G. Eß- 

wein. (Ernst Schur). 470 

Möricke, Ed.: Lieder und Gedichte. Illustriert von 

Heinrich Vogeler. (— m.). 295 

Müller, Wilhelm: Gedichte. Herausgegeben von 

James Taft Hatfield. (—m.). 47 2 

von Münchhausen, Börries Frhr.: Balladen. Mit 

einem Einschaltblatt. (—bl—). 429 

Neuer deutscher Kalender 1906 . (K. E. Graf zu 

Leiningen-Westerburg). 294 


Retif-Bibliothek. Verzeichnis der französischen und 
deutschen Ausgaben und Schriften von und 
über Retif de la Bretonne unter Mitwirkung 
von MaxHarrwitz herausgegeben von Dr. Eugen 


Dühren. (—bl—). 431 

Romdahl, Axel L.: Om Exlibris. (B.). 470 


Strlndberg, August: Ordalek och Smäkonst. Heraus¬ 
gegeben und illustriert von A. Sjögren. (—bl—) 293 


Q XdGXD 


Aus den Bibliotheken. (L. Fränkel). 296 

Aus meiner Bibliothek. (J. G. A. von Szalatnay.) 

Mit Abbildung. 510 

Ausstellung alpiner Exlibris in München. (If.) . . 296 

Die Bibliothek der Stadt Wasserburg a. Inn. (K. Brun¬ 
huber) . 292 


Ergänzungen zum Goedeke. (Othmar Schissei von 


Fleschenberg.). 391 

Vom alten Quaritch-House. (Dr. W. Jordan) . . 509 

Zum 200. Geburtstag K. H. von Heineckens. (G. 

A. Crüwell.) Mit Porträt. 428 

Zur Literatur der Totengespräche. (Karl Schneider) 392 
Zwei Flugblätter von 1626 u. 1682. (Norbert Rosenthal) 512 


“W 


Beilagen. 


Die Könige in Paris. Zeichnung von Josef Farago. (Zu Engel: „Der Ulk“).(S. 404—405) 

Einband von Walter Tiemann für Anthoine de la Sale: Die fünfzehn Freuden der Ehe. (S. 372—373) 

Exlibris Dr. Heinrich Stümcke. Entworfen und ausgeführt von Mathilde Ade.(S. 508—509) 

Herbststimmung. Zeichnung von Paul Haike. (Zu Engel: „Der Ulk“).(S. 408—409) 

Lyser, J. P.: Beethoven. Einzelblatt.(S. 308—309) 

— — Beethoven-Apotheose. Erste Fassung. Federzeichnung. 1845.(S. 324—325) 

— — Beethoven-Apotheose. Zweite Fassung. Federzeichnung. 1845. (S. 324—325) 

— — Faksimile eines Briefes an den Musikschriftsteller Dr. Aug. Schmidt in Wien.(S. 346—347) - 







































Inhaltsverzeichnis. 


VII 


Lyser, J. P.: Titel der „Linorah“ .. . (S. 320—321) 

— — Titelbild (Lithographie) zum „Mozart-Album“. (S. 314— 315) 

Neujahrswunsch der Zeitschrift für Bücherfreunde 1907 . (S. 392—393) 

Obere Hälfte eines Oktavblattes mit Anastasius Grüns Handschrift seines Gedichts „So einer“ . . . . (S. 284—285) 
Oberes Stück aus dem der Kgl. Öffentl. Bibliothek zu Stuttgart gehörigen Holzschnitt des Credo mit 

Aposteln und Propheten. (S. 454—455) 

Roth-Scholtz, Friedrich. Nach einem Stich in der K. K. Fideikommiß-Bibliothek zu Wien.(S. 264—265) 

Vollbild aus Balladen von Börrles Freiherrn von Münchhausen, gezeichnet von Robert Engels. (Verlag 

von F. A. Lattmann, Goslar).(S. 428—429) *=» 


Beiblatt. 


Mitteilungen der Gesellschaft der Bibliophilen VII, i; X, 1. 
Rundfragen VII, I; VIII, I; IX, i; XI, I. 

Rundschau der Presse VII, 2; VIII, I; IX, I; X, 3; XI, I; 
XII, 3. 

Berichtigungen und Nachträge zum Deutschen Anonymen- 
Lexikon VII, 4. Von Paul Trommsdorf. 


Von den Auktionen VII, 6; VIII, 3; IX, 2; X, 6; XI, 3; XII, 7. 
Kleine Mitteilungen VII, 7; VIII, 5; IX, 6; X, 5; XI, 7; 
XII, 10. 

Kataloge VII, 9; VIII, 6; IX, 10; X, 10; XI, 115 XII, 14. 
Inserate VII, 8; VIII, 6; IX, 8; X, 8; XI, 8; XII, 12. 

An unsere Leser XII, 1. 













A. 


van der Aa, Pieter 259. 

Aachen 424. 

Abeking, H. 407, 408. 

Adam, Paul 424. 

Adams, C. 380. 

Ade, Mathilde 505 ff. 

Admont, Stift 392. 

Adreßbücher X, 5. 
v. Ahlefeld, Charlotte 460. 
Akademie, Kgl. für graphische 
Künste 426. 

Albin, Eleazer 430. 

Alloue 464. 

Althoff VII, 6. 

Altona 425. 

Altorf 259. 

Amherst, Lord VII, 7. 

Amman, Jost 267 ff, 502. 

Amsler & Ruthardt IX, 5. 
Anderson, H. 410. 

Andreas, der heilige 452. 
Andresen, A. 267, 269. 
Anurysowicz, Lazarus 490, 493 
d’Annunzio, Gabriele 468. 
Anonymen-Lexikon VII, 4. 
Antiquariatskataloge XI, 11. 
Apel, Theodor 466. 

Apostolisches Glaubensbekennt¬ 
nis 452 ff. 

Arbeitsgemeinschaften 399. 
Arbeitszeit 497. 

Arnd, Eduard 365. 
v. Arnim. Achim 459, 460. 
Arnold, Robert F. 392. 

Assmg, Ludmilla 353. 
v. Attems, Marie Gräfin 272, 277. 


Schlagwort-Register 

zur 

Zeitschrift für Bücherfreunde 

X. Jahrgang 1906/1907 

Band II. 



Die kursiv gedruckten Zahlen verweisen auf das Beiblatt. 


Auerbach, Berthold 475. 
Auersperg, Graf A. A. 270 ff 
von Auersperg, Adolf 271. 
von Auersperg, Andreas Frhr. 271. 
von Auersperg, Cäcilie Gräfin 274. 
von Auersperg, Emilie Gräfin 277. 
v. Auersperg, Guido Graf 285. 
von Auersperg. Herbard VIII 271. 
von Auersperg, Maria Gräfin 271, 
272. 

v. Auersperg, Theodor Graf 281. 
Auersperg, Stammschloß 277. 
Augezdecki, A. 496. 

Auktionen VII, 6; VIII, 3 ; 

IX, 2; X, 6; XI, 3; XII, 7. 
Ausstellungen 373 ff, 409 ff; X, 5. 
Autographen VIII, 4; VIII, 5; 

IX, 2; X, 9; XI, 3. 

Autorrecht 398. 


B. 


Babicz, J. 495. 

Bach, Friedemann 340. 

Baedeker 485. 

Badius, Jodocus 502. 

Baluschek, H. 408. 

Barmen 413. 

Bartholomaeus 434. 

Bassaeus 269. 

Bathori, Stefan 492. 

Batik 409, 410. 

Battermann 425. 

Bäuerle 272. 

Bauernfeld, Eduard 273, 279, 283. 
Bauernkrieg 512. 


Baumgarten, Konrad 492. 

Baxter, (ieorge 430. 
von Bayros, Franz 468. 

Bazyhk, C 49s. 

Beardsley, Aubrey 469. 
Bechstein, L. 297. 

Beck, Karl 320. 

Becker, C. 267. 

van Beethoven, L. 298, 308, 308/ 
309, 309, 324/325, 331, 33s, 342, 
343 5 V U* 8 . 

Behrens, Lilly 418, 

Behrens, Peter 417. 

Beijers, J. L. XI, 7. 

Belly 404. 

Belwe, Georg 382. 

Bendemann 315. 
de Benedictis, Franciscus 482. 
Benzmann, Hans 457 ff 
Bergenau, A. A. 272. 
v. Berlepsch-Valendas, H. E. 413. 
Berliner Kgl. Bibliothek XII, 12, 
*3 

„Berliner Tageblatt“ 401. 
Beurmann, Ed. 475. 

Beyer, Conrad VIII, 4. 

Bibel 267 ff, 296, 511; X, 7. 
Bibliographien 347, 352. 
Bibliophilen- Gesellschaften AT, 10. 
Bibliotheca Lucchesiana IX, 9. 
Bibliothekswesen 267 ff, 292, 296, 
511; IX, 6: XI 7. 
von Biedenfeld, Frhr. 365 
von Biedermann W. Frhr. XII, ix. 
Bierbaum, O J. 468, 507 
v. Billichgratz, Freiin 272. 
v. Bismarck, Otto 401, 402. 
Björnson 401. 

Blado, Antonio 485. 

Blei, Franz 370. 


Bloch, Iwan 431. 

Blockbücher 454, 455. 
Blumenbach, Joh. Fr. 466 ff 
Böhmer, Ed. 296. 

Bohn, H. G. 509. 

Bohner, Ludwig 309. 

Bolemovius, F. 496. 

Bonomi, S. 484. 

Boole, George 481. 

Börne, Ludwig 104, 369, 473 ff. 
Boerner, C. G. VII, 6; IX, 4; 

X, 9; XI, 3; XII, 7. 

Borsdorf, Rudolf 488. 

Bossuet 397. 

Böttger, Adolf 314. 

Böttger, C. 416. 

Bouchot 456. 

Braun 257. 

v. Braunthal, Braun 276. 
Brentano, Clemens 457, 458 ff, 

472. 

Brentius, J. 267. 

Breslauer, Martin 266; VIII, 5. 
Breviarium Benedictinum Com- 
pletum VII, 8. 

Breyer, C. W. Fr. 435, 436, 450. 
Briefe 385 ff 

Brockhaus 357, 366, 367; X, 5. 
Brockhaus, Albert 355. 

Brodhag 473, 475, 476, 477. 
Brooks, Vincent 431. 
Brüderschaften 399, 400. 

Brühl, Graf 428. 

Brunhuber, K. 293. 
von Brüning 296. 

Brzes'c 495. 

Buchbmdekunst 287 ff 
Buchbinder-Fachschulen 425. 
Buchbinderei 373 ff, 409 ff. 
Buchdrucker-Arbeitsordnung 500. 



II 


Schlagwort-Register. X. Jahrg. Bd. II. 


Buchdruckergeschichte 461 ff, 
393 ff, 497 ff . 

Buchdruckerkunst 487 ff. 
Buchdruckerlehrlinge 462, 463. 
Buchdruckerlöhne 498. 
Buchdruckerstreik 395, 499. 
Bucheinband 390. 

Bucheinbände 287 ff, 432; IX, 9. 
Bücher kleinsten Formats 510. 
Buchkunst (Zeitschrift) IX, 9. 
Buchschnitt 422, 423. 

Buhtz, Walter 417. 

Burmeister, Fr. 302, 315. 
Burmeister, L. P. A. Th. 302. 


c. 

Cagliostro 352. 

Campe, Julius 306, 329, 375, 474, 
476 . 477 - 

del Canto, Francisco 486. 
Carivell, M. 432. 

Caesarius 491. 

Castelli 273, 283. 

Celander 472. 

Cervantes 432. 

Cezary, Franz 491. 

Chodowiecki, D. 466. 
von Chotek 317. 

Christus 455. 

Clovis, Brüder 379. 
Cobden-Sanderson, T. J. 379. 
Cockerell, Douglas 379, 
de Colines, Simon 503. 

Collin, W. 381, 419. 

Comenius, J. A. 494. 
de Commines, Ph. X, 9. 

Conz, Karl Philipp 385 ff. 
Cornelius, Peter 342. 

Cotenius, M. 496. 

Cotta, J. G. 276, 358, 

Cramer 438. 

Cranach, Lucas 420. 

Crane, Walter 431. 

Crantz 395. 
v. Crätz, J. 440. 

Credo 452 ff, 472. 

Cruse, Louis 482. 

Crüwell, G. A. 257 ff, 429. 
Czenstochau 494. 


D. 

Dalmatin 271. 

Dannhorn, Hans 382, 426. 

Danzig 492. 

Daubmann, Johann 484, 486, 496. 
Davids Psalmen 486. 

Devrient, Emil 317, 337, 344. 
Devrient, Ludwig 299. 
Dictionarius Sex Linguarum 483. 
Diderot 397, 398. 

Didot, F. A. 502. 

Diptychon XII, 13. 

Disraeh 509. 

Dobert, Paul 417. 

Dobromil 493. 

Dolet, Etienne 399. 

Dorn, Heinrich 311. 

Dörnhöffer, Friedrich X, 6, 
Dornseiffen-Doorn, J. IX, 5. 
Doves Bindery 379. 

Draudes, Georg 261. 

Dresden 373 ff. 

Dreyer, A. IX, 7. 
Droste-Hülshoff, A. 458. 

,,Drucker des Servius“ 481. 
Druckerei-Polizei 395. 

Dühren, Eugen 431. 

Dumoulin 503. 

Dürer, Albrecht 281. 

Durrieu, Graf Paul X, 9. 
Düsseldorf 424. 


E. 

Ebmeier, Luise 507. 

Ebrard XII, 1. 

Ebstein, Erich 466 ff. 
Echtermeyer 367. 
v. Eckartshausen, Karl 440, 442. 
Eckmann, Otto 413, 414. 

Edel, Edmund 408. 

Edelmann, Max 506. 


Eder, J. M. IX, 8. 

Edlinger 436. 

Ehmke, F. H. 416. 

Eisenhoit 391. 

Elberfeld 424. 

Engel, Eduard 471. 

Engel, Fritz 401 ff. 

Engels, Robert 394, 428/429, 429. 
Erasmus IX, 4. 

Eßwein, G. 469. 

Estienne, Robert 503. 

Ettlinger, Karl 295. 

Evangeliar von Prüm X, 7; XI, 8. 
Eve, Nicolas 379. 

Exlibris 259, 264, 285, 290, 294, 
295 » 47 °. S05ff- 


F. 

Farbekochen 503. 

Farago, Josef 401, 404/405, 408, 

420. 

Feininger, L., 403 ff. 

Ferroni, C. 484. 

Feyerabend, S. 268, 269. 

Fichet, Guillaume 394. 

Ficker, Joh. 418. 

Fiedorowicz, J. 492. 

Fiol, Swantopelk 488. 

Fischer, L. 303. 

Flugblätter 512. 

Flyge, J. L. XI. 9. 
de Fontaneto, G. 483. 

Forbes Kelsall VII, 6. 
Formschnittdarstellungen 452 ff. 
Fouquet, Iehan X, 9. 

Foxwell, Somerton IX, 6. 

Fradin, Franpois 482. 

Francesco di Libri 482. 
Franchelli, A. G. 483. 

Frank, C. 294. 

Fränkel, L. 296, 352. 

Franz I., König von Frankreich 
395 - 

Fregoso, A. 485. 

Friburger 395. 

Fruchtschale, Die XII, 11. 
Fugger XII, 11. 

Fürst, Artur 405. 

Fürst, P. 512. 

Fürst, Rudolph 47t. 

Füßli 434. 


G. 


Gaab, Johann Friedrich 388. 
Gaedertz, K. Th, 298, 332. 
Garamond, Claude 502. 
Garwolczyk, M. 491. 

Gaßner 448. 

Gaul, Franz XII, 9. 

Gebetbücher XII , 11. 

Gehrke, Fritz 406, 407. 

Geiger, J. P. 281. 

Geiger, Ludwig 473 ff. 

Geliert 437. 

Gemeinschaften 461. 

Genzsch & Heyse X, 6. 

Gering 395. 

Gerster, L. 466. 

Gesellschaft der Bibliophilen 
VII, x; X, x ; XII, 1. 

Gilhofer & Ranschburg VIII, 4; 

XI, 11; XII, 9. 

Giolito, G. F, 485. 

Gladstone 509. 

Glaßbrenner 314. 

Goebel, Th. 393 ff, 461 ff, 497 fr. 
Godart & Merlin 466. 

Goedeke 391, 473. 

Goldsmith, Sir Julian IX, 6. 
Görres, Joseph 460. 

Goethe, J.W. 308, 341, 353, 388, 
428, 459, 480; XI, 10 \XII, 10,11. 
von Goethe, Walther X, 7. 
Grandjean 502. 

Graz 281, 284 
Greeneaway, Kate 431. 

Gressel, Joh Georg 472. 

Greve, Felix Paul 468. 

Grisebach, Ed. 370, 371. 
Grisebach, Hans X, 5. 

Grolier, Jean 290, 420. 

Groß, Karl 424. 

Großherzog, Wilhelm Ernst-Aus¬ 
gabe 468. 

Grote, George IX, 6. 


Grün, Anastasius 270 ff. 
v. Günderode, Karoline 458, 472. 
Gurkfeld 272, 276. 

Gußmann, Otto 418. 

Gutenberg 393, 394. 

Gutzkow, Karl 312, 369, 476, 


H. 


Haber, Siegmund 402. 

Häckel, Ernst 507. 

Hagen, August 339. 

Hahnemann 346. 

Haiirsch 273. 

Halke, P. 402 ff. 

Hallberger, Ed. 366. 369. 
von Haller, Albrecht 466. 

Haller, Johann 488. 

Han, Weygand 268. 

Hanthaler, Chr. 257 ff. 

Hardie, M. 430. 

Harrwitz, Max 438 ff. 

Harrys, Georg 342. 

Hartmann, Rudolph 451. 

Haspe 401. 

Hatfield, J. T. 472. 

Hauptmann, Gerhart X, 7. 
Hauslab, von 259. 

Hayn, Hugo 352. 

Hebbel 481. 

Heberle, Irene 508. 

Heckscher, J. 346. 

Hein, Franz 417. 

Heine, Heinrich 294, 302, 306, 
307, 312, 322, 331, 342, 343, 362, 
368, 369. 

Heine, Th. Th. 412. 
v. Heinecken. K. H. 428 fr. 
Heinrich II., König von Frankreich 
398 . 

Heiserer 292. 

Helgoland 275, 284 ff. 

Helicz, Johann 490. 

Helicz, Paul 490. 

Hell, Theodor 312. 

Helmolt XI, 9. 

Hendrick aus Haarlem 482. 
Hennequin-Oostburg, J. IX, 5. 
Herder, Joh. Gottfr. 385 fr, 459. 
Herloßson 315, 343. 

Heroux, Bruno 469. 
Herrmannsthal 273. 

Hertwig, Max 424. 

Herwegh, Georg 277. 

Heiz, Henriette 474. 

Herzeghy, Moritz 329. 

Herzke, F. 402. 

Hiersemann, Karl W. XI, 8. 
Hiesel, Bayrischer 352. 
Hirschberg, L. 297 ff, 472. 
Hochfeder, Kaspar 488. 

Hoff, Heinrich 366. 

Hoffmann, E. Th. A. 298, 299, 338. 
Hoffmann von Fallersleben 277. 
Hoffmann & Campe 304, 334, 474. 
Hof- und Staatsdruckerei, K. K. 
XII, 11. 

Hohenzollern-Jahrbuch 293. 
Holbein, Hans 420; IX, 5. 
Holzmann, Michael 473, 474. 
Holzschnitte 267 ff. 

Honter, Joannes 484. 

Hormayr 273, 282. 

Horneyer 363. 

„Hortus animae“ X, 6, 7. 
Hortzschansky XII, 2, 3, 12. 
Houben, H. H. 344, 353 fr, 431, 
476. 

Hübel & Denck 382. 

Hupp, Otto 418. 
v. Hutten IX, 4. 


I. 

Illustratoren 469. 
v. Imhoff, Amalie 459. 
Immermann 306. 
Imperial-Gravüren IX, 7. 
Insel-Verlag 468. 


J- 

Jackson, J. B. 430. 
Jaggard, W. VIII, 5, 6. 
Janicki, Clemens 489. 


Januszowski 490. 

Jean Paul 385. 

Jedrzejowczyfe, M. 490, 491. 
Jellinek, A L. VII, 1, 2; VII 1 , t ( 
IX, 1; X, 3; XI, II. 

Jenson, Nicolas 377, 394. 
Jesuiten 434. 437, 440. 447. 
Jobsiade 468. 

Johann, Erzherzog 280, 346. 
Jordan, W. 510. 

Jung, Marianne 459. 

Jüngstes Gericht 454. 

Junk, Wilhelm X, 5. 


K. 


Kahlert, August 341, 365. 
Kalender 294; X, 5. 

„Kapelle“ 499. 

Kapitelband 423. 

Karcan, J. 495, 496. 

Karl VII. von Frankreich 394. 
Karl IX., König von Frankreich 
398 

Karpeles, Gustav 298, 306. 
Karweysse, Jakob 40a. 

Kataloge VIII, 6; IX, 10; XI, iij 
XII, 14. 

Katharina, die heilige 456. 
v. Kaulbach, Wilh. XI, 10. 
Kawieczyuski, M. 495. 

Kayser, Johann Friedrich 329. 
Kayser, K. Ph. 460. 

Keiter, H 294. 

Keller, Georg 269. 

Kersten, Paul 383, 417, 425, 432. 
Keysser XI, 7. 

Kierkegaard, Soren 432. 

Kiew 494. 

Kilian, W. P. 258. 

Kind, Friedrich 314. 

Kind, Roswitha 314. 

Kippenberg, August 392. 

Kirkall, E. 430. 

Kiszka, J. 406. 

Klaar, Alfred 473. 

Kleinste Bücher 510 ff. 

Klimsch XII, 10. 
v. Kluckhohn, A. 434. 

Knaake IX, 4; XI, 3. 
Knabensperg, J. 505. 

Knorr, G. W. 258. 

Kobylinski, A. 491. 

Koch, Max 459. 

Kochanowski, Johann 490, 492. 
Kolb, Gust. 354. 

Kölner Stadtbibliothek XI, 7. 
Kolowrat, Graf 278. 

Kongstad, Knstian 432. 

Koniäs 510. 

Königsberg i. Pr. 496. 

Konrad, Paul 493. 

Korbach, Benedikte 459. 
Kordecki, A. 494. 

Korkholz 432. 

Kortüm 468. 

Köster, Albert 468. 

Kostümwerke XII, 9. 

Kovacs Jenö 508. 

Krackowizer, Ferd. XII, 10. 
Krakau 487—491. 

Kralitzer Drucke 510. 

Krause, Jakob 391. 

Kugler, Franz 298. 

Kühn, Grete 418. 

Kunstgewerbe-Ausstellung 409 fr. 
Kurz, H. 336. 

Kyster 378, 417. 


L. 


Labler, W. 471. 

Lacroix, Paul 431. 

Lafayette 359. 

Lafontaine, Justus 391. 

Laibach 278. 

Langenschwarz, M. 318. 

Larsen, Karl 468. 

Laube, H. 353 ff, 431. 

Laube, Iduna 360. 

Lauterbach, Johann 267, 268, 269. 
Le Be, Guillaume 503. 

Le Begue, Jean 427. 

Le Blon, Abraham 431. 

Le Blon, J. Ch. 431. 

Leffler, Heinrich 471. 

Lehmann, Martin 418. 





Schlagwort-Register. X. Jahrg. Bd. II. 


III 


zu Leiningen -Westerburg, Graf 
294 - 295, 509; VIII, 5; IX, 9. 
Leipzig 300, 314, 357, 437. 
Lemberg 492. 

Lempertz, Heinrich 266 
Lenau, Nicolaus 273, 282, 283. 
Lencicius, D. 494, 495. 
de Leon, Juan 486. 
Leonhardt-Lyser, Caroline 314, 
3 I 5. 3 i 6> 3 i 9 < 

Lern, Wolfgang 489. 

Leroy d’Etiolles VIII, 5. 

Le^ki, Martin 493. 

Lesser, F. Ch. 266. 

Leverkühn, Paul 296. 

Lewald, Aug. 307, 475. 

Lhomme, Martin 399. 
v. Lichtenberg, Leopold Frhr. 272. 
Liebenwein, M. 294. 

Liebpert, Ulrich 259. 
Liepmannssohn, L. VIII, 4; IX, 2. 
Lilien, E. M. 408. 

Lilienfeld 261, 265. 

Lilius, Dominicus 484. 

Limburger 374. 

von Linne, Karl XI, 8. 

Linz a. d. D. 512. 

Lissa 494. 

List, A. 374, 375. 

Littauer, Hugo 404. 

Livre d’heures X, 9. 

Loeber jun., J. A. 409, 410, 4x1, 
424. 

von Lobmayer 506, 507. 

Lohr, Anton 294. 

Loiseau 394. 

London IX, 6; XI, 5. 

Losko 496. 

Lotz, Georg 332. 

Loubier, Jean 373, 390. 

Louis XI von Frankreich 395. 
Louis XII. von Frankreich 395. 
Louis XIII., König v. Frankreich 

395 

Louis XIV., König von Frank¬ 
reich 396. 

Louis XV., König v. Frankreich 

396 . 

Louis XVI., König v. Frankreich 

396 

Loewenstein, Oskar 373 ff, 409 ff. 
Lublin 493. 

Ludwig, Erzherzog v. Österreich 
278. 

Ludwig, G. H. E. 417. 

Lufft, Hans 267. 

Luther, M. 268, 269, 512. 

Lütke 457. 

Lyck 496. 

Lyon 497. 

Lyser, Gustav 307, 314, 323. 
Lyser, J. P. 297 ff. 


M. 


Mader, Georg 295. 

Maioli, Thomas 377. 

Maire, Albert X, 7. 

Maittaire, Michel 260. 

Malecki, J. 496. 
de Malesherbes, L. 397. 
v. Maltitz, G. A. 306. 

Mamonicz, Lukas 495. 
Mancinellus, A. 482. 

Mansfeldt. Edgar 327. 

Manzel, Ludwig 405, 407, 417, 
418. 

Maria Magdalena 453, 456. 
Marienburg 492. 

Markowicz, J. 496. 

Martialis. M. Valerius 295. 
Martin, Henry 426. 

Marx, Friedrich 272. 

Masselin, Robert 485. 

Massimi 296. 

Mathias Corvinus 377. 

Matthaeus 454. 

Matthews 378. 

Maximilian I. 281, 450 
Maximilian Joseph, König 450. 
Mayr, Lucas 270. 

Meaupeou, Kanzler 397. 
Medicigräber X, 6. 

Mehring, Sigmar 405. 

Meil, J 7 W. 457. 
Meisterschaftsbriefe 465. 
Meisterschafts - Erwerbung der 
Buchdrucker 464. 

Melanchthon IX, 4, 5. 


Mellottee, Paul 393 ff, 461 ff, 497 ff. 
Mendelssohn, Moses 387. 
Mendelssohn-Bartholdy, F. 313, 
316, 323. 

Menschenleder IX, 9. 

Menzel, Adolph 346, 429, 470. 
Mephistopheles 304, 312. 

Merckel 306. 

Mereau, Sophie 457 ff. 

Mermagen, Jul. 424. 

Metternich 273, 274. 

Meyer, J. S. 329. 

Meyers Konversations - Lexikon 

X, 5- 

Meyerbeer, G. 328. 

Michelangelo X, 6, 

Miltenberg, Schloß XI, 4. 
Miniaturen 426 ff. 

Minois, Claude 260. 

Misinta, Bernardinus 482. 
Mittelsdorf, J. 425. 
„Mitternachtszeitung“ 363. 
Moeller-Koburg, Klara 416, 417. 
Molsdorf, W. 452 ff. 
de Montefalcho, Clara 484. 
Moreau, Mace 399. 

Morel, Jean 499. 
de Morgan, Augustus IX, 6. 
Mörike, Ed. 295. 

Morris, Max 458. 

Mosse, Rudolf 401. 

Mozart 314/315, 335, 340, 343, 344. 
Müller, F, R. 310. 

Müller, Johannes 360. 

Müller, Wilhelm 472. 

Müller, William 419. 
Müller-Scheessel, E. 4x8. 
Müllner, R. F. 344. 
von Münchhausen, Frhr. Börries 
428(429, 429. 

Münzer, Käthe 408, 414. 

Murger 468. 

Murmelius, St. 495. 

Muskau 368. 

Musophilus 472. 

Mutzenbecher VIII, 3. 


N. 


v. Nassau, Adolph 395. 
Nehring, Melchior 492, 496. 
Neuner 273. 

Nicolai 438. 

Niembsch 275. 

Nietzsche, Friedrich 468. 
„Nunne“ 403. 

Nürnberg 455. 


o. 


Olschki, Leo S. XI, 8. 
Oelsner 438. 

Oeser 428. 

Osiander 385. 

Ossuna 486. 

Osterberger, Georg 496. 
Oesterreich, Richard 418. 
Ostrogörski 489. 

Ottmann, V. XII, 1. 
Oxford-Papier X, 7. 


P. 


Pachel, Leonard 482. 

Padeloup 377. 

Paganini, Nicolo 341, 342. 
Papierindustrie X, 7. 

Paul, Emile X, 8. 

Paulmann 313. 

Paulus, H. E. G. 388. 

Paur, Hans 454. 

Pearson, Henri Hugo 324. 
Penicaud, J. J. 376. 

Perl, Max VIII, 3; X, 6; XI, 4. 
Pestalozzi 434. 

Petit, Jehan 483. 

Petrarca 486. 

Petrikovius 491. 

Pfaff, Friedrich 459. 

Pfizer, Paul 273. 

Philomusus 472. 

Pichon, Jeröme X, 8. 
Piotrkowczyk 491. 


Pirkheimer 391. 

Planck, Hans XII, 10. 

Plannck, Stephan 481. 

Plantin 502. 

Platen 306. 

Poczajöw 493. 

Pocci, Franz 298, 468. 

Polen 487 ff. 

Policius 493. 

Polliot, Etienne 399. 

Pöltzel, M. 457. 

Posen 492. 

Potocki, Johann 494. 

Pralle, Heinrich 411. 
von Preußen, Prinzessin Friedrich 
Karl 296. 

Printz 408. 

Privilegien 397, 398. 

Proctor 487. 

Psalterium cum Hymnis 483. 
v. Pückler-Muskau, Fürst 353, 359, 
361, 3 6 9- 
Pultusk 493. 

Puschkin 296. 


Q. 


de Quarengiis, P. J. 483. 
Quaritch 509. 
Quittenbaum 303. 


R. 


Rabe, Georg 268. 

Rabelais, Francois X, g. 
v. Radies, P. 271. 

Radziwill, Fürst N. C. 495. 
Radziwill-Bibel 495. 

Rastrelli, J. 3x1. 

Rauch, Wilhelm 412. 

Regulus, Albert 492. 
Reichsdruckerei 412, 414. 
Reimers, G. 283. 

Reinganum, M. 476, 478. 
Reinhardt, Alfred 374. 

Reinhold 306. 

Rej, Nicolaus 490, 492. 

Rentz, Michael 259. 

Retif de la Bretonne 431. 
Reuchlin IX, 5. 

Richter, F. H. 271. 

Richter, Ludwig 282. 

Rickmer, W. IX, 7. 

Riemann, Hugo VII, 8. 
Riepenhausen 467. 

Riezler, Sieg. 434, 442. 
von Rivoli, Herzog X, 9. 
Robinson 392. 
von Rochow 362. 

Rodecki, A. 490, 496. 

Röding 306. 

Röhr. 425. 

Romdahl, Axel L. 470. 

Ronge, Johannes 336. 

Röppke, Friedr. 306, 3x3. 
Rosenthal, Ludwig 512. 
Rosenthal, Norbert 512. 
Rossowski, J. 492. 

Roetenbeck, M. 260. 
Roth-Scholtz, Anna Maria 261. 
Roth-Scholtz, Friedrich 257 ff. 
Rothschild, Walter 487. 
Rousseau 439. 
von Rözycki, K. 487 ff. 

Rübezahl 311. 

Rückert, Friedrich 319, 323. 
Rüdiger, Michael 259. 

Rüge, Arnold 367, 369. 
Rundfragen VII, 1; VIII, 1; 

XI, 1. 

Rundschau der Presse VII, 2 ; 
VIII, 1; IX, I; X, 3; XI, 1; 

XII, 3. 

de Rusconibus, G. 483. 

Ruest, Anselm 472. 

Rütten & Löning 478. 


s. 


de la Sale, Anthoine 370 ff. 
Sandecensis, Johann 492, 493. 
Sandecki, Johann 488. 
v. Sandersleben, Georg 374. 


Saphir 317, 341. 

Saß 433. 

Sattler, Joseph 414. 

Savage 430. 

Savello, Victor 320. 

Savigny 459. 

Scharfenberg, Markus 489, 490. 
Scharfenberg, Nicolaus 492, 493. 
Schedel, Christoph 491. 

Schedel, Georg 485. 

Scheible, J. 475. 

Scherenberg, H. 401 ff. 

Schiller 458, 459, 468. 

Schindler, A. 343. 

Schissei von Fleschenberg, O. 392. 
Schlegel, A. W. 459. 
v. Schlegel, Karoline 459. 
von Schleinitz, O. 481 ff; VII, 8; 

IX, 7; XI, 5. 

Schlesier, Gustav 367, 368. 
Schlossar, A. 270 ff. 

Schlosser, Johann Georg 387. 
Schmidt, August 326, 346/317. 
Schmidt, J. B. 418. J4 + 
Schmidt-Cabanis, R. 404, 405. 
Schmitz, Hermann 391. 
Schnapper-Arndt, G. 473, 476. 
Schneider, Karl 392. 

Schnurrer, Chr. Friedr. 387. 
von Schönaich-Carolath, Prinz 
A', 6; XI, 4. 

Schöttgen 258. 

Schreiber, Walther 505. 
Schreiber, W. L. 267 ff. 
Schriftgießer 503. 

Schröder - Devrient, Wilhelmine 
323 - 

Schuch 374. 

Schüddekopf, C. VII, 1; X, 2. 
Schülerarbeiten (Buchbinderei) 

424. 

Schultze, Karl 332, 414, 417. 
Schulz, Wilhelm 408. 

Schumann, Robert 309, 316, 322, 

339 , 343 - 
Schüpfel 266. 

Schur, Ernst 470. 

Schwab, Gustav 273, 276. 
Schwarz, C. G. 261. 

Scinzenzeler, Ulrich 482. 
Scinzenzeles, J. A. 482. 

Seidl, J. G. 273. 

Seliger, Paul 295. 

Sesso, Marchio 484. 

Seuffer, G. 296. 

Seume 310. 

Sextilis, Petrus 492. 

Seyfried 340. 

Shakespeare VIII, 5. 

Siberch, John X, 8. 

Siebeneicher, S. 491. 

Sigismund I., König 489, 492. 
Sigismund August, König 492. 
Signete 257, 259, 260, 262, 265, 
266. 

Silber, Eucharius 481. 

Silber, M. 485. 

„Simplizissimus“ 406. 

Sjögren, A. 293, 294. 

Skaiski, B. 490. 

Skriblerus 433 ff. 

Smieszkowicz 493. 

Smith & Son, W. H. 379. 

Sorg, Anton 453. 

Sötebier, W. 424, 

Sotheby VII, 6; XI, 6. 

Spazier, R. O. 359. 

Spieß 438. 

Sporck, Graf 259. 

Spoer), J. C. 260, 261. 

Sprenger, R. 296. 

Springer, Jaro 426 ff. 

Stargardt, J. A. VIII, 5. 

Stäudlin, Karl Friedrich 385 ff. 
Stauropigium 402. 

Steffens, Henrik 355. 

Steiner, Em. 2871?. 

Steiner, H. 425. 

Steinmann, Ernst X, 6. 

Stern, Alfred 473. 

Stern, Erich 408. 

Stern, Ernst 407. 

Sternacki, S. 490. 
Stillschweigende Genehmigung 
397 - 

Stöckel, Wolfgang 4 88. 

Stöhr, Aug. 295. 

Storm, Theodor 338. 

Storr, Gottlob Christian 388. 
Strakosch, A. 354. 

Strathcona 487. 

Strindberg, A. 293. 



IV 


Schlagwort-Register. X. Jahrg. Bd. II. 


Strobel, Buchhändler 434. 
Stuchs, Georg 488. 

Stümcke, Heinrich 508/509. 
v. Sutherland, Herzog XI, 6. 
Sutro 296. 

Sütterlin, L. 382, 425. 
v. Szalatnay 511, 512. 
Szczerbicz, P. 492. 

Szeliga, Johann 493. 


T. 


Taddei, Rosa 308. 

Tarnow 493. 

Tartini 345. 

Tauber 259. 

Taubersche Buchhandlung 258. 
Teuscher, Christoph 339. 

„The Connoisseurs Library“ 430. 
Thesaurus Symbolorum ac Em- 
blematum 260 ft. 

Thorn 496. 

Thum am Hart, Schloß 271 fT. 
Tichatschek 323. 

Tteck, Ludwig 308, 344. 
Tiemann, Walter 371, 372, 417, 
468. 

Tirol 449, 450. 

Tobner, P. 265. 

Totengespräche 392. 
Trentham-Hall- Bibliothek XI, 6. 
Tretter, Martin 492. 

Tristan ünd Isolde 287. 
Trommsdorff’. Paul 385 ff; VII, 4. 
von Tschudi, Hugo 429. 
Tullberg, Hasse W. 470. 

Turgot 396. 


Turlot 503. 
Turobinus, A. 491. 
Tuscher, C. M. 258. 
Typenpreise 503. 
Tzschoppe 360. 


u. 


Uhland 273. 

„Ulk“, Der 401 ff. 
Ungier, Florian 488, 489. 
Urban. Joseph 413, 471. 
Usteri, Paul 448. 


V. 


v. Valvasor, J. W. Frhr. 271, 272. 
Vanselow 408. 

Varnhagen von Ense 353, 364, 385. 
v. Veldeke, Heinrich XII, 12. 
Verard, Antoine 398. 
Vergoldeschule 423. 
Verimontaeiquerenus 472. 
Verlorene Bücher 433 ff. 

Vetter, Daniel 494. 

Vietor, H. 489. 

Vitre, Antoine 503. 

Vogeler, Heinrich 295. 
Volkmann, Paul 383. 
Volksbibliotheken XI, 10. 
Voltaire 398. 

Vorsatzpapiere 422. 

Voynich, W. M. 481 ft’, 
de Vries, R. W. P. IX, 5. 


w. 

„Wage“, Die 473. 

Wagner, Richard 323. 

Walter, Christoffel 267. 

Walzel. Oskar XII, 10. 
Warschau 493. 

Wasserburg a. Inn 292. 
von Weber, Karl Maria 299. 
Weidmann, Buchhändler 277. 
Weigel, Oswald VII, 7; IX, 4; 

X, 6; XI, 3. 

Weigel, Rudolf 267. 

Weil, J. 478. 

Weinhold, G. A. 260. 

Weinreich, Hans 492, 496. 
Weiße, Franz 415, 424. 

Wenzel, Heinrich 365. 

Werner, R. M. 480. 

Wernher XII, 12. 

Westenrieder 435 
Wiebe, F.mil X, 6; XI, 4. 
Wieck, Clara 309, 311. 

Wieck, Friedrich 309. 
Wieczorkowicz, J. 493. 

Wienbarg 306, 307. 

Wierzbieta. M. 490. 

Wieynk, H. 469 
Wilczek, Hans Graf 374. 

Wilke, H. 404, 408. 

Will 258. 

Willemer, Marianne 459. 

Wilno 495. 

Winckelmann 428. 

Winnerl, Benno 292. 

Witkowski, Georg 469. 
VVitthauer, Fr. 273. 

Wohl, Jeanette 478. 
Wohl-Strauß, Frau 476. 



Wohlfahrtseinrichtungen in 
Druckereien 396. 

Wohlrab, Johannes 492. 

Wolf, Friedrich August 343, 385. 
Wolf. Karl 4 j 6. 

Wolf, Louise 438. 

Wolf, Ludwig 436. 

Wolf, Peter Philipp 433 ff. 

Wolff, A. 425. 

Wolff, Nicolaus 482. 

Wolff. O. L. B. 323. 362. 
Worfschaufel. St. 496. 

Woynicz 481. 

Wright, Benjamin 484. 

Wujek, Jal-ob 492. 

Wüst, Henriette 317. 


X. 

Xenien 438 


z. 

Zahn-Toof 378. 

Zainer, Günther 487. 

Zarnosc 493. 

Zamoyski, Johann 492, 493. 
Zeidler XI. 9. 

Zeise, Heinrich 333, 338. 

Zeitler, J. 370 ff. 

,,Zeitschwingen“ 473. 

„Zeitung für die elegante Welt“ 

„ 354 

Zensur 39O, 307. 

Zille, Heinrich 408, 411. 
von Zur Westen, Walter 505 ff. 
„Züricher Zeitung“ 434. 



ZEITSCHRIFT 

FÜR 

BÜCHERFREUNDE. 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz. 

io. Jahrgang 1906/1907. _ Heft 7: Oktober 1906. 


Friedrich Roth-Scholtz und Chrysostomus Hanthaler. 

Von 

Dr. G. A. Crüwell in Wien. 


ie Mitwelt hat den Nürnberger Buch¬ 
händler Roth-Scholtz (1687—1737) als 
abgeschmackten Gernegroß einge- 
Darin sind alle Quellen 1 einig. Wenn 
aber jener Kreis von Buchhändlern, die das Beste 
ihrer Arbeitskraft und ihrer Begabung zur Ver¬ 
herrlichung ihres Standes aufbrauchten, seinen 
kritischen Chronisten gefunden hat, dann wird 
dem geschmähten Nürnberger eine sichtbare 
Stelle eingeräumt werden müssen. Und in der 
Tat, nichts kann an¬ 
ziehender, nichts der 
Würde eines Standes 
angemessener sein, als 
das Streben, über die 
Bedeutung und die Ver¬ 
dienste dieses Standes 
ein richtiges Urteil zu 
verbreiten. Mochte 
Roth-Scholtz’ Persön¬ 
lichkeit die Zeitgenos¬ 
sen seine Verdienste 


1 Vgl. über ihn Braun in 
der Allgemeinen Deutschen 
Biographie 29. 346 ff. mit 
Quellenverzeichnis. Immer¬ 
hin ist Roth - Scholtz selbst 
sein verläßlichster Gewährs¬ 
mann. 


vergessen lassen: wir Nachgebornen machen es 
umgekehrt. Wir wägen seine Leistungen und 
messen nach ihnen seine Persönlichkeit. Bei einem 
solchen Verfahren kann diese nur gewinnen: 
Roth-Scholtz’ rastloser, von den buntesten Plänen 
schwirrender Geist, sein fahriges Temperament, 
das ihn, ein kaum begonnenes Werk unter der 
Feder, schon von neuen literarischen Großtaten 
träumen ließ, fügen die Konturen seiner Per¬ 
sönlichkeit zu einem fast modern anmutenden 

Bilde zusammen. Und 
wenn wir die Weiten 
seiner Interessen ab¬ 
stecken wollen, dürfen 
wir über seinen Lei¬ 
stungen auch die Fülle 
seiner Entwürfe nicht 
vergessen. 

Freilich, die Rolle, 
die sich Roth-Scholtz 
selbst in der Versamm¬ 
lung „derer gelehrten 
Buchhändler“ zugewie¬ 
sen hat, gebührt ihm 
nicht. Denn diese 
Schwäche haben Zeit¬ 
genossen mit Behagen 
überliefert: seine ma߬ 
lose Eitelkeit. Die 




Abb. 1. Signet Roth-Scholtz. 


Z. f. B. 1906/1907. 


33 
















Crüwell, Friedrich Roth-Scholtz und Chrysostomus Ilanthaler. 


258 


Aureole, mit der er seinen Stand umgab, wußte 
er stets so geschickt anzubringen, daß dabei 
sein Name in besonders günstige Beleuchtung 
rückte. Mit den spärlichen Lorbeerblättern 
eines Buchhändlers, der gelegentlich eine ver¬ 
stohlene Annäherung an die Wissenschaft 
wagt, wollte sein ehrgeiziger Kopf sich nicht 
bescheiden. 1 Homo doctissimus, Vir huma- 
nissimus, das waren die Prädikate, die er sich 
von armen Literaten darbieten ließ, deren Be¬ 
geisterung vermutlich mit der Höhe der Be¬ 
zahlung wuchs. Die Gelehrten seiner Stadt und 
seiner Zeit, das war der Kreis, in dem er sich zu 
Hause fühlte und, ein Gleicher unter Gleichen, zu 
wandeln pflegte. Nur im pompösen Faltenwurf 
des Scholarenmantels trat er vor die Künstler, 
die seine Züge einer bewundernden Nachwelt zu 
übermitteln hatten. Die beigefügten Bildnisse 
(Abb. 2 und 7) geben einen guten Begriff von sei¬ 
nem Hang zur Pose. Das Porträt im „Thesaurus“ 
(Abb. 2) ist von Carl Marcus Tuscherf 1705—175 1) 
gemalt und vom Kunsthändler Georg Wolfgang 
Knorr 2 gestochen. Ob Roth-Scholtz’ leiden¬ 
schaftliche Liebe zu den „chymischen Wissen¬ 
schaften“ einem ehrlichen Interesse oder über¬ 
spannten Vorstellungen entsprang, will ich nicht 
entscheiden. 

Auf alle Fälle dürfen wir uns diesen „doc- 
tus bibliopola“ nicht als einen versonnenen 
Phantasten vorstellen. Für die gemeine Deut¬ 
lichkeit der Dinge hat er sich jederzeit Ver¬ 
ständnis bewahrt. Als der letzte Inhaber der 
Tauberschen Buchhandlung in Nürnberg im 
Jahre 1716 gestorben war und nur zwei Töchter 
hinterlassen hatte, da kam, wie Roth-Scholtz selbst 
schreibt (Schöttgen, Historie derer Buchhändler, 
42), „nicht ohne Göttliche Schickung ihr gutes 
Vertrauen an ihn“. Und was kommen mußte, 
kam: der 32jährige Gehilfe führte am 15. Januar 
1720 die 45 jährige Erbin Anna Maria Tauberin 
(Abb. 3) heim. Ein angeblich in Leipzig ge¬ 


drucktes Carmen nuptiale, als dessen Verfasser 
„Megander“ zeichnet (ein Deckname, hinter dem 
wohl in einiger Entfernung der mutige Bräuti¬ 
gam wenigstens als Besteller zu finden sein 
wird), schildert dieses Ereignis in den folgenden 
Strophen: 3 

Der Tauben Nutzbarkeit wird allzeit hoch gepriesen / 
Die sich der wahre GOtt zum Opfer Vieh ernannt; 
Der Heyden eitler Sinn der Venus vorgespannt; 

Die auch der Heyland selbst als ohne Falsch gewiesen. 
Sie nutzen ohne Schad / und geben reiche Heut / 
Drum wählt Herr Roth-Scholtz sich der Taubrin 

Nutzbarkeit. 

Der Tauben Lieblichkeit hat viele sehr vergnüget / 
Wann Gold-Saphirner Glantz den schlanken Hals 

erfüllt; 

Die Tauben-Augen sind der Anmuth wahres Hild 
Dahero bleibt die Lieb bey ihnen stets besieget. 

So ist ein schönes Weib des Mannes Wonn und 

Freud / 

Herr Roth-Scholtz liebet auch der Taubrin Lieb¬ 
lichkeit. * 

Der Tauben Kernigkeit ist sonders hoch zu schätzen / 
Da allzeit Paar und Paar bleibt gantz allein vereint; 
Ein Bild der keuschen Lieb/ die es recht ehrlich 

meint / 

Drum bleibt ihr Schnäbeln auch ein wolerlaubts Er¬ 
götzen. 

Roth-Scholtzens reiner Sinn hat auch dahin gedeut/ 
Da er gefunden hat der Taubrin Kernigkeit. 

Der Tauben Einigkeit ist daraus zu ermessen / 

Dass sie gantz ohne Gail gefunden worden sind; 
Wol dem/ der solches Weib als rares Kleinod findt / 
Der kann viel Ungemach in solcher Eh' vergessen. 
Herr Roth-Scholtz lebt vergnügt/ der sich selbst hat 

bereit/ 

Ein rechtes Paradeiss bey Taubrin Einigkeit. 

Der Tauben Fruchtbarkeit pflegt sich bald zu ver¬ 
mehren j 

O welch ein schöner Hauff kommt nur von einem 

Paar / 

Wann sie geheget sind durch ein und anders Jahr; 
So wolle GOttes Gut viel Leibes-Frucht bescheren / 


1 Will im Nürnberger Gelehrten-Lexikon III. 402ff. schrieb seine Skizze von Roth-Scholtz’ Leben in der Form 
eines Pasquills und schildert ihn geradezu als Windbeutel. Dabei ist sie im Verlage von Roth-Scholtz’ Geschäfts¬ 
nachfolger erschienen. 

2 Knorr war Geist vom Geiste Roth-Scholtz’. Nach Nagler VII. 87 f. war er „ein Mann, der sich seinerzeit Wichtig¬ 
keit zu geben suchte. Er schrieb eine Künstlerhistorie, die er mit Bildnissen zierte, die aber nicht zur Vollendung kam“. — 
Will a. a. O. VII. 404 übertreibt wohl nicht, wenn er berichtet, Roth-Scholtz hätte sich fast zwanzigmal in Kupfer stechen 
lassen. Im Katalog der Sammlung Lempertz S. 39 sind noch sechs weitere Bildnisse von ihm verzeichnet; die Wiener 
Fideikommißbibliothek besitzt nicht weniger als zwölf. 

3 Das überaus seltene Blatt findet sich in einem Mischband der Wiener Universitätsbibliothek. 

4 Diese Reize seiner Frau bewogen Roth-Scholtz, ihr Bildnis von W. P. Kilian stechen zu lassen. Unterschrift: 
„Hat das Original dieses Bildes gefunden Friederich Roth-Scholtz Siles.“ Siehe Sammlung Lempertz 836. 






Crüwell, Friedrich Roth-Scholtz und Chrysostomus Hanthaler. 


259 


Daß der Roth -Scholtzen- Stamm weit werde aus- 

gebreit / 

Zu GOttes Preiss und Ehr durch Taubrin Frucht¬ 
barkeit. 

Das Sinnbild wird erfüllt/so sich Herr Roth-Scholtz 

wählet: 

Wann seine Tauberin wie eine Taube girrt/ 

Aus dessen Bücher-Schatz viel tieffe Seufzer führt; 
So nutzt sie ohne Schad/ die er sich hat vermählet. 

Es lebe dann vergnügt in Treu-vereintem Sinn / 

Von GOttes Güt beglückt Roth-Scholtz und Tauberin. 

Der fünfte Vers der ersten und der vierte 
Vers der letzten Strophe dieses Gedichts, das 
überdies noch den Titel „Prodest sine detri- 
mento Columba“ führt, sind Anspielungen auf 
den Spruch, den ein Signet Roth-Scholtz’ aus 
dem Jahre 1716 als Devise führt. Signete waren 
immer Roth-Scholtz’ Schwäche. Schon vor 
seiner Verbindung mit der Tauberschen Buch¬ 
handlung ließ er für vier auf seine Kosten bei 
Tauber unter der beliebten Flagge „Frankfurt 
und Leipzig“ 1714 gedruckte Bücher ein Signet 
(Abb. 9) anfertigen (Lamm zwischen drei Sternen 
mit Fahne „Redemptor salvabit fideles“ und De¬ 
vise „Patitur et Liberat“). Nach seinem Eintritt in 
die Taubersche Offizin entwirft er 1716 ein neues 
Signet (Abb. 8) mit dem Spruch „Prodest sine 
detrimento“ (Bücherraum; Pallas mit dem Ägis- 
schild in der Rechten; Eule, Hahn; Putten mit 
mathematischen Instrumenten um einen Globus). 
Von diesem Signet gibt es zwei Varianten 
(Pallas mit dem Speer in der Rechten, die 
Ägis ans Knie gelehnt, die Putten in geänderter 
Gruppierung; in der zweiten Variante fehlt der 
Hahn) \ Für sein Hauptwerk, das ihm die 
dankbare Anerkennung der Universität Altorf 
sicherte (S. I. Apins Vitae Professorum Philo¬ 
sophie, qui a condita Academia Altdorfin. ad 
hunc usque diem claruerunt. 1722), ließ Roth- 
Scholz ein eigenes Signet schneiden (Pallas mit 
mathematischen und musikalischen Instrumenten, 
nach Altorf im Hintergrund weisend; Eule, 
Ampel). Endlich glaubte es Roth-Scholz seinen 
gelehrten Liebhabereien schuldig zu sein, ein 
Wappen zu führen (brennendes Herz mit drei 
Sternen, gekrönt von der Themis). Von einem 
blühenden und einem dornigen Zweige umrankt, 
wurde es auch zum Signet ausgestaltet (Abb. 4). 

Es wäre erstaunlich, wenn Roth-Scholtz, der 


keine Gelegenheit versäumte, sich auf dem Wege 
des Sinnbildes im Gedächtnis der Nachwelt zu 
erhalten, kein Bücherzeichen besessen hätte. 
Doch ist es mir nicht gelungen, in der Litera¬ 
tur der Bücherzeichen sein Exlibris verzeichnet 
zu finden. Nun befindet sich unter den wert¬ 
vollen Büchern, die der verstorbene österreichi¬ 
sche Feldzeugmeister von Hauslab gesammelt 
hat und die durch die Munifizenz des regieren¬ 
den Fürsten Liechtenstein dem Bestände der 
Wiener Universitätsbibliothek einverleibt wurden, 
folgendes Werk: „Bellum et excidium Troja- 
num ex Antiquitatum Reliquiis, Tabula praeser- 
tim, quam Raphael Fabrettus edidit, Iliaca deli- 
neatum, . . . illustratum ä Laurentio Begero.“ 
Das hübsche Buch, das bei Michael Rüdiger 
in Berlin erschien und von dem kurfürstlich 
brandenburgischen Buchdrucker Ulrich Liebpert 
1:699 gedruckt ist, enthält auf der Rückseite 
des Titelblattes das Exlibris unseres Roth-Scholtz, 
und zwar eingraviert. Das im Barockstil ge¬ 
haltene, von Allegorien aller Art erfüllte Blatt, 
dessen Mittelstück das Wappen Roth-Scholtz’ 
darstellt (Abb. 6), ist von dem bekannten Kupfer¬ 
stecher Michael Rentz gestochen, einem Nürn¬ 
berger, der sich später im Dienste des Grafen 
Sporck einen Namen machte (Nagler 13. 35 ff.). 
Ob das Buch zu jenen vierhundert Werken ge¬ 
hörte, die Roth-Scholtz der Universität Altdorf 
schenkte, vermag ich nicht zu entscheiden. 

Der Hang Roth-Scholtz’, immer neue Sig¬ 
nete zu entwerfen, kann zwanglos als typischer 
Einzelfall in einer allegorischen und emblemati- 
schen Darstellungen leidenschaftlich zugeneigten 
Zeit erklärt werden. Seit dem Ende des XVI. Jahr¬ 
hunderts, genauer, seit der allgemeinen Rezep¬ 
tion des Humanismus, konnten sich Künstler 
und Literaten in der Erfindung und Zeichnung 
von Sinnbildern nicht genug tun — ein Ge¬ 
schmack, der ja auch im Barock seinen monu¬ 
mentalen Ausdruck fand. Wenn aber Roth- 
Scholtz in diesen Dingen besonders unermüd¬ 
lich war, so entsprach das nicht nur seinem 
auf theatralische Selbstdarstellung gerichteten 
Wesen, sondern entsprang auch einem Plane, 
der ihn jahrelang beschäftigte und ihn endlich 
bestimmte, der Entwicklung der Buchhändler¬ 
signete wissenschaftlich nachzugehen. Dieleider 
nicht völlig ausgereifte Frucht dieses Planes ist 


1 Ohne Zweifel diente diesem Signet das Buchdrnckerzeichen Pieters van der Aa in Leiden als Vorbild. — Die 
zweite Variante führt das Stechermonogramm M. 




2ÖO 


Crüwell, Friedrich Roth-Scholtz und Chrysostomus Hanthaler. 



Abb. 2. Friedrich Roth-Scholtz. 

Nach einem Stich in der K. K. Fideikommiß-Bibliothek zu Wien, 


der „ Thesaurus Symbolorum ac Emblematum. 
i. e. Insignia Bibliopolarum et Typograph onaiT . 
Dieses Buch war nicht nur sein Lebenswerk, 
es ist auch die einzige seiner zahlreichen 
Schriften, die seinen Namen der Nachwelt 
überlieferte. Es ist — das ergibt die Datierung 
seiner einzelnen Teile — nicht 1730, wie das 
Titelblatt verzeichnet, sondern 1728—1733, ver¬ 
mutlich aber erst 1734 in Nürnberg und Alt¬ 
dorf erschienen 1 und stellt nur den ersten Teil 
des geplanten Werkes dar. Dieser Teil bringt 


auf 50 Blättern (Sectiones) die Re¬ 
produktion von 508 Signeten. Das 
Tafelwerk wird von einer Dissertation 
Johann Conrad Spoerls, Predigers an 
der St. Egydikirche in Nürnberg, 
eingeleitet. Die Dissertation ist in 
Form eines Briefes an Roth-Scholtz 
geschrieben — eine Stilform, die, ein 
zweifelhaftes Vermächtnis der italie¬ 
nischen Renaissance, hinter Schwulst 
und geschmackloser Verhimmelung 
die gründlichen Kenntnisse des Autors 
nur erraten läßt. Außer dieser Ein¬ 
leitung hat Roth-Scholtz noch zwei 
Schriften abgedruckt: Georg Andreas 
Weinholds und Claude Minois Unter¬ 
suchungen über typographische Sym¬ 
bole. Aus der mit Gelehrsamkeit 
sehr sparsam begabten Feder Roth- 
Scholtz’ stammt ausschließlich eine 
langweilige und umständliche PT- 
klärung eines Teiles seiner Signete, 
die er sich in das ihm stets fremd 
gebliebene Latein übertragen ließ. 

Wohl aber rühren Plan und 
Anlage des schönen Werkes von 
Roth-Scholtz her. Und wenn der 
verdienstvollen Arbeit eine Nachwelt 
beschieden ist, woran heute, da die 
wissenschaftliche Verzeichnung der 
Signete eine Renaissance feiert, nicht 
zu zweifeln ist, so hat sein Name 
vollen Anspruch, in der historischen 
Bücherkunde mit Achtung genannt 
zu werden. Es bedarf keines Nach¬ 
weises, daß Roth-Scholtz in der wissenschaft¬ 
lichen Untersuchung der Signete kräftig vor 
gearbeitet wurde. Zahlreiche allegorische 
Werke des siebzehnten Jahrhunderts enthielten 
auch Signete. Und in Michel Maittaire besaß der 
Nürnberger Bibliograph einen sehr gelehrten 
Mitarbeiter: Sectio XXI des „Thesaurus“ ent¬ 
hält 11, Sectio XXXVI 7 Signete, die Schriften 
Maittaires entnommen sind. Auch die Signet¬ 
sammlung des Nürnberger Arztes Michael 
Roetenbeck konnte Roth-Scholtz benützen. 


1 Schon diese Datierung zeigt, daß der „Thesaurus“ in einzelnen Teilen ediert wurde. Im Anzeigenteile einer 
seiner Schriften (1726) sagt Roth-Scholtz: „Ferner sind zu haben . . . Insignia Bibliopolarum . . . Sectio I—XII . . . Auf 
diesen XII Sect. sind bereits 165 von obgemeldeten Handlungs- und Druckerzeichen zu finden; Es soll auch fleißig 
damit continuiret werden, wann zwey Sectiones fertig seyn, so werden sie auf einem gantzen Bogen vor zwey gute 
Groschen, an die Liebhaber ausgegeben . . .“ 



















Crüwell, Friedrich Roth-Scholtz und Chrysostomus Hanthaler. 


2ÖI 


Wenn aber Braun (Allgemeine Deutsche Bio¬ 
graphie 29. 347) behauptet, daß Georg Draudes 
„Typographicus discursus experimentalis . . . 
cum praecipuorum typographorum . . . insig- 
nibus, quae frontispiciis librorum imprimere 
consueverunt.“ (Francofurti, 1625) Roth-Scholtz 
als unmittelbares Vorbild diente, so beruht das 
auf einem Irrtum. Wir wissen aus der Vorrede 
Spoerls, daß Draudes Buch damals so unauf¬ 
findbar war, daß sogar seine Existenz geleug¬ 
net wurde. Dagegen scheint Roth-Scholtz bei 
Christian Gottlieb Schwarz die nachdrücklichste 
Unterstützung gefunden zu haben. Schwarz, 
Professor der Dichtkunst an der Altorfer Uni¬ 
versität, hatte durch eine Reihe von Schriften 1 
lebhaften Anteil an der erwachenden Buch¬ 
geschichte gezeigt und setzte sich offenbar kräftig 
für den Plan Roth-Scholtz’ ein. Gewiß ist, daß 
er ihm die in seiner eigenen Bibliothek gefun¬ 
denen Signete zur Verfügung stellte. (Sectio 
III—IV mit 30, Sectio XXIII—XXVI mit 33 
Signeten.) Roth-Scholtz stattete seinen Dank 
damit ab, daß er den „Thesaurus“ Schwarz wid¬ 
mete und sich für diesen Anlaß wahrscheinlich 
von Spoerl eine überaus langatmige Widmungs¬ 
phrase zimmern ließ. 

Über den Anteil des eifrigsten Mitarbeiters 
Roth-Scholtz’ am „Thesaurus“ haben Mit- und 
Nachwelt ein beharrliches Stillschweigen bewahrt. 
Und doch zeigen die Sectionen XLIII—XLVIII 
mit dem Quellenvermerk: „E Libris Bibliothecae 
Campililiensis Ord. Cisterc. Austr. inferior, desig- 
nata a R. P. Chrysostomo Hanthaler benevole 
communicata“, daß die Rolle, die Hanthaler 
(Abb. 5) bei der Schöpfung des „Thesaurus“ 
übernommen hatte, nicht gering war. 

Johann Chrysostomus Hanthaler (1690 bis 
1759), 2 der in seiner entbehrungsreichen Jugend 
einmal Korrektor einer Druckerei war und 
seit 1719 der Bibliothek des niederöster¬ 
reichischen Zisterzienserstiftes Lilienfeld Vor¬ 
stand, hat zeitlebens lebhafte Beziehungen zur 
wissenschaftlichen Buchforschung unterhalten. 
Ein von ihm angefertigter Handschriftenkatalog 
seines Stiftes, der sich nach den josefinischen 
Bücherstürmen in die Wiener Universitätsbiblio¬ 
thek gerettet hat, zeigt seine Vertrautheit mit 
den wertvollsten Schätzen seiner Bibliothek. 
Aber ein Kind seiner Zeit, der nur der Eklekti- 



Abb. 3. Anna Maria Roth-Scholtz, geborene Tauber. 
Nach einem Stich in der K. K. Fideikommiß-Bibliothek zu Wien. 


zismus ein erstrebenswertes Ziel schien, zer¬ 
splitterte er seine Kräfte in einer allzu reich 
gegliederten Arbeitsverteilung: Chronikenedie¬ 
rungen, Welt-, Lokal- und Klostergeschichte, 
Moraltheologie, Numismatik. . . „che due lepri 
caccia, l’una non piglia, e l’altra lascia“, heißt 
es in einem Augsburger Sinnbilderbuch jener 
Zeit. So geriet der sonst harmlose und ver¬ 
diente Mann auf Irrwege. Die historische Kritik 
mußte ihn einer groben Versündigung gegen den 
wissenschaftlichen Anstand schuldig sprechen: 
er war ein literarischer Fälscher und gab Chro¬ 
niken heraus, die nie geschrieben wurden, sondern, 
wie Pallas dem Haupte des Zeus, nur seinem 
nach Lorbeer schmachtenden, auf die Auf¬ 
spürung alter Chroniken fanatisch erpichten 
Geiste entsprangen. Daß es ihm gelang, die 
Gelehrten jahrelang zu täuschen, beweist aber 
nicht weniger die Gründlichkeit seiner Kennt¬ 
nisse , wie die wahllose Art, sie zu verwerten. 

In welche Zeit die Beziehungen Hanthalers 


1 Vgl. Designatio Exercitationum Academicarum, quas diversis temporibus edidit Ch. G. Schovarzius. [Altorfi], 1731. 

2 Über Hanthaler vgl. Krones in der Allgemeinen Deutschen Biographie 10. 547 ff. mit der Angabe der Quellen. 
















2Ö2 


Crüwell, Friedrich Roth-Scholtz und Chrysostomus Ilanthaler. 



zu Roth-Scholtz fallen und wie sie entstanden, 
darüber können wir heute nur Vermutungen 
anstellen. Jedenfalls flog einer der zahllosen 
Briefe, die der schreibselige Roth-Scholtz mit 
den Gelehrten aller Länder wechselte, auch in 
das abseits gelegene niederösterreichische Zister¬ 
zienserstift. Der Nürnberger brauchte gewiß 
nicht stürmisch zu werben, um den Lilienfelder 
zur Mitarbeit am „Thesaurus“ zu gewinnen. Han- 


thalcr, ein genauer Kenner und Schätzer der 
damals noch reichen Bestände seiner Stifts¬ 
bibliothek, zeichnete nun eigenhändig 93 Sig¬ 
nete aus den ihm anvertrauten Büchern ab und 
sandte sie nach Nürnberg. Er tat dies, wie wir 
sehen werden, gegen die Zusicherung Roth- 
Scholtz’, eines seiner Werke zu verlegen. Wie 
das Titelblatt und der Kustos der letzten Sectio 
versprechen, sollte schon dem ersten Teil des 
„Thesaurus“ ein Index folgen. Statt dessen 
aber erhielt der bestürzte I lanthaler nach drei¬ 
jährigem Warten die Nachricht vom Tode seines 
Nürnberger Freundes. Da entschloß sich der 
fleißige Mann, „da doch ein Teil des ,The¬ 
saurus' von ihm sei“, diesen Index selbst her¬ 
zustellen, vielleicht nur zu eigenem Gebrauch, 
wenn auch nichts gegen seine Absicht spricht, 
ihn zu veröffentlichen. Jedenfalls enthält das 
Exemplar der Wiener Universitätsbibliothek, das 
offenbar das Handexemplar Hanthalers war, auf 
sechs eingefügten Blättern einen 

INDEX 

Onomasticus 

Typographorum, & Bibliopolarum 
Omnium, 

hoc in Thcsauro occurcntium, 

Adjectis ad singulos Annis, & Locis, quibus claruerunt: 
confectus 

ä P. Chrysostomo Hanthaler Professo & Bibliothecario 
Campililiensi 
Anno Sal. MDCCXLI. 1 

Dem Titel folgt eine Art Nachruf auf Roth- 
Scholtz, der uns einige Andeutungen über die 
Beziehungen beider Männer bringt. Dieser 
Nachruf lautet: 2 


1 Namenverzeichnis aller in diesem „Thesaurus“ vorkommenden Drucker und Buchhändler, wobei jedem einzelnen 
die Jahre und die Orte, an denen sie blühten, hinzugefügt sind. Verfaßt von P. Ch. H., Professor und Bibliothekar zu 
Lilienfeld. Im Jahre des Heils 1741 - 

2 Deutsch etwa: „So wie vom Geschick der Väter meist auch das Glück der Söhne abhängt, und, wenn jene vor 
der Zeit abscheiden, die noch unerwachsenen Nachkommen aus der Lebensbahn gedrängt werden oder sie mühselig weiter¬ 
schreiten, so werden auch der Nachlaß und die Werke gelehrter Männer, geplant oder gerade erst begonnen und nur 
zum Teil veröffentlicht, selbst mitgetroffen, wenn der Tod dazwischen tritt: und der findet sich selten, der, um sie zu 
vollenden, Fleiß, Zeit und Kosten mit der Mühe zu vereinen entschlossen wäre. 

H. Friedrich Roth-Scholtz aus Hernstadt in Schlesien, Buchhändler in Nürnberg und Altdorf, Erbe des Tauberschen 
Geschäftes, hatte den kraftvollen und hochherzigen Plan, eine vollständige Darstellung der literarischen, vorzüglich aber 
der typographischen Geschichte nach Kräften zu unterstützen. Daher wendete er nicht geringe Mühe an ein Biographi¬ 
sches Buchhändlerlexikon: desgleichen an eine Bibliothek aller veröffentlichten und unveröffentlichten Schriftsteller des 
Buchhändler- und Buchdruckerwesens. Er versprach mir auch schon, Verlag und Kosten eines Kataloges unserer alten 
im ersten Jahrhundert seit der Erfindung des Buchdrucks erschienenen Ausgaben zu übernehmen. Den ersten Teil des vor¬ 
liegenden Thesaurus, der die Signete der Buchdrucker und Buchhändler vorstellt, hat er mit ungeheurem Sammelfleiß und 
bei so viel in Kupfer gestochenen Sektionen, auf denen 508 Signete vor aller Augen liegen, mit nicht geringen Kosten, 
in mühsamer Arbeit vollendet; dies getan, gab er gar, den Willen über das Schicksal stellend, sich der Hoffnung hin, 





























Crüwell, Friedrich Roth-Scholtz und Chrysostomus Hanthaler. 


263 



„Uti fato Parentum plerümque ambulat for- 
tuna Filiorum, illisque ante tempus decedenti- 
büs, Proles necdum adultae vel plane 
exturbantur e via, aut saltem 
aegerrime progrediuntur: ita et 
Partus, atque opera Virorum 
Eruditorum afifecta, vel in- 
choata duntaxat, et ex 
parte vulgata, morte inter- 
veniente,deficiunt et ipsa, 
rarusque est, qui ad ea 
perficienda industriam, 
tempus ac sumtus cum 
cura collocare decernat. 

Erat D. FRIDERI- 
CVS ROTHSCHOLT- 
ZIVS Herrenstadio-Sile- 
sius, Bibliopola Norim- 
bergensis, et Altorfinus, 

Haeres Officinae T aube- 
rianae, ingenti sane animo, 
atque liberali, ad Historiae 
Literariae, praecipue verö Typo 
graphicae Integritatem pro viribus 

juvandam. Unde curas_ 

jam non minimas con- 
tulit in Lexicon Biblio- 
polarumBiographicum: 
item in Bibliothecam 
omniuni Scriptoram de 

Re Libraria et Typographica in diversis Unguis 
tarn editorum quam ineditorum. Spopondit 




UsSr. 


T&77 


2-UJ 


Abb. 5. 


Nach einer Gouache in der K. K. Fideikommiß-Bibliothek zu Wien. 


jam etiam mihi curas et impensas suas in Re- 
censum Editionum nostrarum Veterum , Seculo I. 

ab inventa Typographia excusarum. 
Thesauri praesentis, exhibentis 
Insignia Typographorum et 
Bibliopolaruni, Partem Iam 
ingenti conquirendi indu- 
stria, et sumtu non minimo 
tot Sectionum in aes in- 
cisarum, quibus Insignia 
octo supra quingenta 
jam omniü oculis pro- 
stant, operose absolvit, 
vir profectö, animum 
supra fortunam exten- 
dens, in spem tarnen 
ingressus operam suam, 
quam utilis esset, tarn 
etiam gratam fore Erudi- 
tis, et inde futurum, ut 
nullo suo detrimento in Rem 
Literarium liberalis, suoque 
modo etiam profusus existeret. 
Verumtamen tarnen eripuit notis 
virum, commodorum 
nostrorum vere magis, 
quam suorum solici- 
tum, mors intempestiva, 
illa ultima linea re- 
rum: quae eidem nec¬ 
dum quinquagenario accidit forte sub annum 
1737. unacum ipso tot opera praeclara, quae 




«HB 


sein Werk werde nicht nur nützlich sein, sondern auch von den Gelehrten dankbar willkommen geheißen werden und 
werde, wenn er es an nichts fehlen ließe, in der Literaturgeschichte nicht nur einen angesehenen sondern in seiner Art 
sogar glänzenden Rang einnehmen. Indessen aber hat uns diesen um unsere Vorteile mehr als um seine besorgten Mann 
ein vorzeitiger Tod, jenes letzte Ziel der Dinge, entrissen: er hat den noch nicht Fünfzigjährigen im Jahre 1737 plötz¬ 
lich überfallen, mit ihm so viel vortreffliche Werke, die er unter der Feder hatte, vernichtend. 

In einem zweiten Teil des vorliegenden Thesaurus versprach er, die Zahl der Signete bis zur Zahl Tausend zu 
vollenden, hierauf ein Verzeichnis nach Namen, Orten und Zeit beizufügen und vielleicht noch eine Erklärung wenn nicht 
aller, so doch der meisten Signete anzuschließen. Durch diese Daten vermehrt, wäre nach diesem Plan gewiß ein ausgezeich¬ 
netes Werk zustande gekommen. Doch habe ich bisher noch keinen gesehen, der Hrn. Roth-Scholtz bei diesem Werke 
nachfolgen und dieses herrliche Vermächtnis bis zum letzten Federstrich vollenden wollte. Was zwar einige etwa beab¬ 
sichtigen, ist mir nicht bekannt. 

Damit indessen dieser erste Teil der allein schon so viel Arbeit und Fülle an Angaben in sich schließt und keinen 
geringen Nutzen gewährt, nicht eines raschen Gebrauches entbehre, habe ich mich vorläufig entschlossen, wenigstens jenen 
Index, den der Kustos der letzten Sectio anzeigt, den der Namen, abzufassen: besonders, weil doch etwas an diesem 
Thesaurus mein Werk ist. Ich habe nämlich alle Signete, welche sich auf den Sektionen XLIII bis XLVIII von Nr. 404 
bis 496 befinden, aus Büchern unserer Bibliothek abgezeichnet und Hrn. Roth-Scholtz übermittelt. Ein anderes Mal bin 
ich mit ihm übereingekommen, bei allen Signeten, die ich in dem Verzeichnis unserer alten Ausgaben in sehr großer 
Zahl besonders hervorheben würde, mich auf seinen Thesaurus, dem er jenes Verzeichnis, dessen Titel schon veröffent¬ 
licht ist, anschließen wollte, überall zu beziehen. 

In diesem Namenverzeichnis habe ich zunächst alle Buchdrucker und Buchhändler in der alphabetischen Folge 
ihrer Zunamen aufgezählt, aber damit sie in einem und demselben Werke dem Leser besser bekannt würden, habe ich 
jedem einzelnen den Ort wie das Jahr, da sie blühten, beigefügt. Ich hätte auch die beiden andern vom Herausgeber 
















Crüwell, Friedrich Roth-Scholtz und Chrysostomus Hanthaler. 


264 



Abb. 6. Exlibris Roth-Scholtz. 

sibi erant in manibus, fato praecipitans. 

Praesentis Thesauri Parte altera pollicebatur 
numerum millenarium Insigniurn complendum: 
adjiciendos deinde Indices, Onomasticum, Topo- 
graphicum, et Chronologicum: forsitan pariter 
additurus Explicationem, nisi omnium, certe 
plurimorum Insigniurn. Egregium certe hoc 


pacto evassiset hoc opus, his 
numeris absolutum. Sed qui 
D. ROTHSCHOLZIO succe- 
dere in hanc operä vellet, et 
partum hunc praeclarum ad 
umbilicum perducere, cgo 
quidem hactenus neminem 
vidi. Quid forte adhuc medi- 
tentur nonnulli, mihi non 
constat. 

Ne interim Prima haec 
Pars, quae etiam sola multam 
jam curam, censumque copio- 
sum insumsit, neque minimam 
praestat utilitatem, usu careat 
cxpedito, libuit interim mihi, 
Indicem quem secuturum cu- 
stos ultimac Sectionis dcsignat, 
Onomasticum saltem confi- 
cere: praecipue, quia aliquid 
saltem huius Thesauri est 
meum. Etenim Insignia omnia, 
quae in Sectionibus XLIII. us- 
que ad XLVIII, ä n. 404 us- 
que 496. spectantur, ego cum 
D. ROTHSCHOLZIO e Libris 
Bibliothecae nostrae, manu 
mea delineata communicavi. 
Alias vero cum ipse depactus 
cram, Insignia omnia quae 
mihi in Recensu Editionum 
nostrarum Veterum maximo 
numero laudanda forent, suo 
e Thesauro, cui ille dictum 
Recensum, Titulo jam vul- 
gato, in jüngere voluit, ubique allegare. 

Hoc proinde Onomastico Indice Typographos 
omnes, atque Bibliopolas ordine cognominum 
suorum Alphabetico recensui: qui tarnen ut una 
eademque opera Lectori tanto melius innotesce- 
rent ad singulos Locum pariter, et annum, 
quibus claruere, adjeci. Confecissem et alios 


versprochenen Verzeichnisse angefertigt, das topographische, nämlich aller Städte und Orte, in denen diese Buchdrucker 
und Buchhändler ihre Offizinen einrichteten, damit klar gemacht würde, in welcher Zeitfolge die einmal erfundene Buch¬ 
druckerkunst sich in den verschiedenen Ländern ausbreitete und in so vielen Städten gleichsam wie eine willkommene 
Bürgerin aufgenommen wurde; desgleichen das chronologische, das gezeigt hätte, welche Buchdrucker und Buchhändler 
sich in den einzelnen Jahren gefolgt wären. Freilich konnte das auf Grund eines einzigen unvollständigen Bandes in 
keinem dieser beiden Verzeichnisse abgeschlossen und genügend ausführlich gezeigt werden. 

Ich gedenke seinerzeit, wenn die nötigen Unterstützungen zur Hand sind, mit derselben Genauigkeit und Sorgfalt 
ein Ortsverzeichnis der Drucker anzufertigen, der des Umfangs und der Würde dieses Stoffes nicht unwert befunden 
wird. Für das vorliegende Verzeichnis ist zu bemerken, daß die römischen Zahlen die Sektion, die arabischen die 
Nummer jeder Sektion anzeigen.“ 


















FRIDERICUS ROTH-S CH O L, TZ 

. ofvlejztw CP £> ilcbh eCCL4HUf Sir (u9 tb Uop&itL 

QVorvm faerycg h- Alltorß?u, 

pnDem "3acto c el»irra Liu- m crrSe 

Ca/t3at~ atrucerum ■ e 3 / ,tr Itereur puis < 

&£o 0\pJ~JC - J'CJCOjC^TJW £ st. Vkleat nunc lurtca. turl.L ! 

Kultur Itt arre tätet ; ncmcna ^fa acta macieat . 

0a^ß CP il/cPcorntf . juam. Lbrt's pfnau-ele*- erneut , 
etr 3e cur &hf aculcun <7"2f pgcatr nstfe Jluum 
Cf'rejlcc fruttt ^JpLc-n3cr . tffVcTu^jue pia pertut creßce ! 

^~zfCcnr Cö irnua& m&r>i&n*r 'A Jane ^J3ne tutet— . 

* Jyml er Jfom JCir. * ^Ct/Zui tunan»r £t~ ^nx.tiiutPthiJ' 

CmZtriaJircn Ehren rerfirtiact Cüri. Sptrt.lbfftmr, 

$m? JFrtsf/snhrel— yvn ** jtu> 

wrda ^‘ ■ u» ctJZZrcB^l.Tif.C 


Abb. 7. Friedrich Roth-Scholtz 
Nach einem Stich in der K. K. Fideikommiß - Bibliothek zu Wien. 


Zeitschrift für Bücherfreunde X. 


Zn Criiwell: Friedrich Roth-Scholtz und Chrysostomus Hanthaler. 










Crüwell, Friedrich Roth-Scholtz und Chrysostomus Hanthaler. 


265 



Abb. 8. Signet Roth-Scholtz. 


duos Indices, ab Editore 
promissos, Topographi- 
cum videlicet Urbium 
omnium, et Locorum, 
in quibus hi Typographi, 
et Bibliopolae officinas 
suas instruxerunt, ut pa- 
tuisset, qualiter successu 
temporis Ars Typogra- 
phica semel inventa di- 
versas in Provincias pro- 
pagata, totque in Urbi- 
bus tanquam civis gra- 
tissima fuerit recepta: 

Chronologicum item, qui 
docuisset, quinam in 
singulos annos Typo¬ 
graphi et Bibliopolae sibi 
successerint. Verum- 
tamen in utraque hac 
notitia hoc e solo vo¬ 
lumine intercepto nihil 
integre lateque satis do- 
cere poterat. 

Cogito suo tempore, posteaquam subsidia 
necessaria fuerint ad manus, Indicem hujusmodi 
Topographico-Typographicum cum fide, eaque 
cum cura conficere, qui tanti argumenti, ampli- 
tudini ac dignitati mole pariter non impari sit 
commensus. Pro Indice praesenti notandum, 
numeros Romanos designare Sectionem, uti 
Arabicos numerum cujusque Sectionis.“ 

Soweit der Mönch. Man sieht, hier kommt 
endlich ein Zeitgenosse zu Wort, der zu den 
ehrlichen Bewunderern Roth-Scholtz’ gehört; 
und die Ehrlichkeit seiner Bewunderung braucht 
nicht verdächtigt zu werden, weil sie auch ein 
bescheidenes Eigenlob mit einschließt. Die 
Wendung „vir commodorum nostrorum magis 
quam suorum sollicitus“ scheint die Angabe 
Wills (a. a. O. 3. 404), Roth-Scholtz hätte durch 
seine künstlerischen Passionen sein Geschäft 
ruiniert, zu bestätigen. Die spärlichen An¬ 
deutungen über das Verlagsübereinkommen Han- 
thalers und Roth-Scholtz’ lassen auf eine ziem¬ 
lichrege Verbindung der beiden Männer schließen. 


Doch ist, wie Herr Stiftskämmerer P. Tobner 
die Güte hatte mir mitzuteilen, in Lilienfeld nicht 
ein einziger an Hanthaler gerichteter Brief vor¬ 
handen. Über den mehrfach erwähnten Ent¬ 
wurf Hanthalers zu einem „Recensus Editionum 
Veterum“, ein Werk, das er im Anschluß an 
den „Thesaurus“ bei Roth-Scholtz verlegen lassen 
wollte, erfahren wir in dem oben erwähnten 
handschriftlichen Katalog der Lilienfelder Manu¬ 
skripte Näheres. 1 Der Titel dieses Kataloges 
lautet: „Catalogus Manuscriptorü Campililiensium 
item Editionem Veterum, quae ante annum 1500 
prodierunt & Manuscriptis prope pares censen- 
tur: Cum notis & observationibus utilibus ac 
perpetuis. Anno DCCXXXII.“ 2 

Trotz dieses verheißungsvollen Titels enthält 
der Katalog ausschließlich die Handschriften des 
Stiftes Lilienfeld. Der seltsame Grund für diese 
Beschränkung geht aus folgender Notiz hervor: 
„NB Continentur hic sola MSS.ta cum quibus 
Recensus Editionü Veterum, alio volumine sepa- 
ratus ob inaequalitatem chartae compingi non 


1 Wiener Universitäts-Bibliothek Ms. 499. Es ist durchwegs in Hanthalers sauberer und ebenmäßiger Schrift. 

2 „Verzeichnis der Lilienfelder Handschriften, wie der alten Ausgaben, die vor dem Jahre 1500 herauskamen und 
den Handschriften fast gleich geschätzt werden: mit nützlichen und fortlaufenden Anmerkungen und Beobachtungen. 
I 73 2 *“ — Das Datum des Titels entspricht nur der Zeit der Anfertigung des Titelblattes. Reisen und andere Arbeiten 
verzögerten die Fertigstellung des Kataloges fast um zehn Jahre. 

Z. f. B. 1906/1907. 


34 

























Criiwell, Friedrich Roth-Scholtz und Chrysostomus Ilanthaler. 


266 


potuit.“ 1 Ebenso wie 
das Handschriftenver¬ 
zeichnis hatte Han- 
thaler also auch den In¬ 
kunabelkatalog seines 
Stiftes verfaßt und, wie 
wir aus der Vorrede 
zum Handschriften¬ 
katalog wissen, 2 mit 
besonderen Erläute¬ 
rungen ausgestattet. 

Leider ist dieser Kata¬ 
log, der über die gewiß 
beträchtlichen Früh¬ 
druckbestände Lilien¬ 
felds schätzbare Auf¬ 
schlüsse geboten hätte, 
verloren gegangen. Wie 
an der Fertigstellung 
des „Thesaurus“, wurde Roth-Scholz auch an 
der Erfüllung seiner Zusage, diesen Katalog zu 
verlegen, durch seinen vorzeitigen Tod ver¬ 
hindert. 

Die Zweifel Hanthalers an der Vollendung 
des „Thesaurus“ waren nur zu sehr berechtigt. 
Wenn die Angabe F. Ch. Lessers (Typo- 
graphia Jubilans, Leipzig, 1740, S. 222), Roth- 
Scholtz habe „mehr als funffzehen hundert sol¬ 
cher Zeichen beysammen gehabt“, richtig ist, 
so ist es auffallend, daß sich niemand fand, der, 
um mit Hanthaler zu sprechen, „dieses herrliche 
Vermächtnis bis zum letzten Federstrich voll¬ 
enden wollte“. Erst im Jahre 1765 erschien bei 
Schüpfel in Altdorf ein „Index Insignium Biblio- 
polarum et Typographorum quondam collec- 
torum editorumque a Frid. Roth-Scholtzio.“ 3 
Und ein volles Jahrhundert nach der Veröffent¬ 
lichung des „Thesaurus“versuchte Heinrich Lem- 
pertz eine Art Ergänzung des Werkes mit seiner 
Schrift „ Sechs Blätter Insignien berühmter 
Druckereien des ersten typographischen Jahr¬ 


hunderts, die im .The¬ 
saurus' von Roth- 
Scholtz fehlen“. 4 

An dem künstleri- 
schenErfolge, denRoth- 
Scholtz mit seinem 
„Thesaurus“ bei seinen 
Zeitgenossen erzielte, 
kann nicht gezweifelt 
werden. Die Begeiste¬ 
rung, mit der Hanthaler 
dem Werke seine 
schmückendsten Epi¬ 
theta spendete, mag 
für die Aufnahme des 
Werkes in allen Krei¬ 
sen bezeichnend ge¬ 
wesen sein. Und die 
Nachwelt kann das 
günstige Urteil über das prächtige Werk nur 
bestätigen. Die wissenschaftliche Wertung des 
„Thesaurus“ aber war erheblich niedriger. 
Wenn Lesser (a. a. O. 222) feststellt: „Ich habe 
an solchen Zeichen bemerckt, daß einige mit 
ihrem Originali nicht gar zu genau überein 
kommen“, so hat er nicht nur vollkommen 
recht, sondern drückt das Urteil der wissen¬ 
schaftlichen Kreise präzis aus. Wir aber, denen 
eine fortgeschrittene Technik verbietet, den 
„Thesaurus“ als wissenschaftlichen Behelf zu 
benützen, freuen uns nicht nur an der künst¬ 
lerischen Bedeutung des schönen Werkes, 
sondern zögern auch nicht, den Rang, der ihm 
in der Geschichte des Bücherwesens zukommt, 
gebührend zu schätzen. Und wir weisen dem 
„Thesaurus“ gerade heute, da für Werke dieser 
Art das verfeinerte Rüstzeug wissenschaftlicher 
Forschung und das mächtige Arsenal moderner 
Reproduktionstechnik aufgeboten wird, eine 
von Jahr zu Jahr wachsende Bedeutung in der 
bibliographischen Literatur zu. Mit dieser 



Bcfwftzius; 


irimbergae, 

JLZJ.*, 


Abb. 9. S ig n e t Ro th-Sch o 1 1 z. 


1 „Hier sind nur die Handschriften enthalten, mit denen das in einem besonderen Bande befindliche Verzeichnis 
der alten Ausgaben wegen des ungleichen Formats nicht zusammengebunden werden konnten.“ 

2 De Cataloge Editionum Veterum, peculiari Praeloquio ago deinde in fronte illius opellae“ („Über das Verzeichnis 
der alten Ausgaben handle ich in einer besonderen Vorrede am Beginn jenes Schriftchens“). 

3 Dieser Index übertrifft Hanthalers Verzeichnis dadurch, daß er neben einem Namenverzeichnis auch ein Orts¬ 
verzeichnis enthält. Mit dem Signet 472 hat der Indexschreiber ebensowenig etwas anzufangen gewußt, wie die Heraus¬ 
geber des „Thesaurus“. Hanthaler ergänzte aber nachträglich richtig: „Jonas Ifling“. — Bei diesem Anlaß sei es mir 
gestattet, Herrn Martin Breslauer in Berlin für die liebenswürdige Bereitwilligkeit, mit der er mir sein Exemplar des 
„Thesaurus“ und „Index“ zur Einsicht sandte, meinen aufrichtigsten Dank zu sagen. (Katalog I. 667.) 

4 Bibliographische und xylographische Versuche. Köln. 1838 in zweiter Auflage unter dem Titel: „Beiträge zur 
älteren Geschichte der Buchdruck- und Holzschneidekunst.“ Köln, 1839. 















Schreiber, Jost Ammans Bibelbilder von 1573. 


267 


Anerkennung können wir das ungünstige Urteil, 
das Roth-Scholtz bei seinen Zeitgenossen ge¬ 
funden hat, korrigieren, ohne es gänzlich zu ver¬ 
werfen. Seien wir gerecht: was ist von den vielen 
gepriesenen Werken so vieler gepriesener Männer 
jener Zeit lebendig bis auf unsere Tage gekom¬ 
men? Wie viele Kunst, wie viele Gelehrsamkeit 
jener Zeit ist heute verweht, vergessen. Ver¬ 
dient dann nicht ein Mann, dem es geglückt 


ist, wenigstens ein lebenskräftiges Werk ge¬ 
schaffen zu haben, Anspruch auf eine Beur¬ 
teilung, die seinem Wesen gerecht wird. Es 
wäre nur tadelnswert, über einem Denkmal, 
dessen dauernde Schönheit uns zur Bewunderung 
zwingt, seinen Schöpfer zu vergessen. Wünschen 
wir also mit dem Hochzeitsdichter des Nürn- 
bergers, „daß der Roth-Scholtzen-Stamm weit 
werde ausgebreit“! Prodest sine detrimento. 



Jost Ammans Bibelbilder von 1573. 

Von 

Professor W. L. Schreiber in Potsdam. 


ür jeden, der sich mit den Werken 
Jost Ammans beschäftigt, ist der erste 
Band von A. Andresens „Der deutsche 
Peintre-graveur“ ein unerläßliches Hilfsmittel. 
Das dort gegebene Verzeichnis der Arbeiten 
des fleißigen und begabten Nürnberger Künst¬ 
lers ist leidlich vollständig und zuverlässig, doch 
fällt ein Teil dieses Verdienstes auf C. Becker 
zurück, der 1854 sein Buch „Jobst Amman, 
Zeichner und Formschneider, Kupferätzer und 
Stecher“ veröffentlicht hatte. Dieses hat An- 
dresen als Grundlage für seine Arbeit benutzt, 
es erweitert und berichtigt, zuweilen aber auch 
Irrtümer abgeschrieben, die er bei einiger Vor¬ 
sicht wohl hätte vermeiden können, so z. B. in¬ 
dem er das 188. Bild der Bibelfolge von 1571 
als das babylonische Weib bezeichnete, obschon 
es die von dem Drachen verfolgte Messias¬ 
mutter darstellt. In mancher Beziehung hat 
Andresen sogar sein Vorbild verschlechtert; 
namentlich hat er die vielfach vorkommenden 
Holzschneiderzeichen, die sein Vorgänger mit 
gebührender Sorgfalt berücksichtigt hatte, in 
recht ungenügender Weise behandelt. 

Wenig logisch ist auch Andresen bei seiner 
Datierung der Evangelienbilder von 1573 ver¬ 
fahren. Becker hatte wenigstens die richtige 
Jahreszahl vorangesetzt, Andresen zählt sie aber 
unter Nr. 186 als „Die biblischen Figuren 1579“ 
auf und erwähnt bei Nr. 188 nur kurz, daß sie 
bereits 1573 in dem Biblischen Handbüchlein 
des J. Brentius abgedruckt wären. Letzteres 


hat weder Becker noch Andresen gesehen, son¬ 
dern sie schöpften ihre Nachricht aus Rudolph 
Weigels Kunstkatalog, Band III, Nr. 16358. Wie 
es aber Weigel fertig gebracht hat, die vielen 
Holzschnitte zu zählen, hingegen die geringe 
Mühe scheute, das Titelblatt sorgfältig durch¬ 
zulesen, ist geradezu unfaßbar. Brentius ist 
nämlich gar nicht der Verfasser, sondern er 
hat nur eine Vorrede dazu geschrieben; der 
wirkliche Autor ist Johann Lauterbach. Da 
auch Weigels Angaben bezüglich der Holz¬ 
schnitte nicht ganz zutreffen, so möchte ich 
das seltene Buch etwas genauer beschreiben, 
doch sei mir gestattet, einige Worte voraus¬ 
zuschicken. 

In seiner 1563 in Wittenberg erschienenen 
Flugschrift „Bericht von Unterschied der Biblien“ 
sagt Christoffel Walter, der Korrektor der Hans 
Lufftschen Druckerei: „Die Figuren in der 
Nachdrücker Biblien sind zum teil gantz klein , 
vnd was den Text belanget, fast vnkentlieh 
(d. h. mit so kleinen Typen gedruckt, daß man 
sie kaum lesen kann). Vmb die Figuren aber 
herumb , haben sie viel Narrenwerck, Puppen- 
werck vnd Teufelswerck lassen malen. Denn 
sie haben etliche Leisten vmb die Figuren lassen 
machen, weil die Figuren so klein sind, darauf 
stehet so narrische fantasey, von Teuflischen an¬ 
gesichten, Vhu vnd andern vnfletigen greslichen 
angesichten vnd monstris. Vnd haben solche 
Leisten vmb die Figuren gesc/dossen vnd ge- 
satzt, welche viel besser in dem Marcolfo , denn 






268 


Schreiber, Jost Ammans Bibelbilder von 1573. 


in der Biblia, neben Gottes zuort, stehen solten 
Diese scharfen Worte richteten sich gegen eine 
1562 von Weygand Han, Georg Rabe und 
S. Feyerabend in Frankfurt am Main gedruckte 
Bibel und bewirkten in der Tat, daß das Ver¬ 
legerkonsortium die Holzstöcke nicht wieder 
verwendete, sondern eine neue Bilderfolge von 
Jost Amman (A. 181) zeichnen ließ, die zum 
ersten Male in einer 1564 von ihnen gedruckten 
Lutherbibel erschien. In der Vorrede hierzu heißt 
es: „Damit aber der Christliche Läser denselben 
vnsern angezuandten Fleiß in jetziger Frank¬ 
furter Bibel erkenne, So haben zuir erstlich , so 
vil die Figuren belangt, die alten mit den 
Leisten {diezveil sie vielen misfallen ) hinzueg 
gethan vnd an derselben statt ganz neuzue, 
schöne , künstliche zurichten lassend 

Im Jahre 1569 löste sich das Konsortium 
auf und die Stöcke gingen in den Besitz der 
Erben des Weygand Han über. Hingegen er¬ 
schien 1571 in Feyerabends Verlag eine neue von 
Amman entworfene Serie vonBibelbildern(A.i82) 
die speziell für das Oktavformat berechnet war. 
Man folgte damals im allgemeinen immer noch 
der aus dem XV. Jahrhundert übernommenen 
Tradition, die Illustrationen zu den vier Evan¬ 
gelien als einen für die Postillen reservierten 
Bilderkreis zu betrachten. Deswegen enthielt 
Ammans Holzschnittfolge, abgesehen von den 
apokalyptischen Figuren, nur eine sehr kleine 
Zahl neutestamentlicher Bilder. Als daher 1573 
Lauterbachs Handbüchlein erscheinen sollte, 
fehlte es an Illustrationsmaterial, und Feyerabend 
bestellte zur Ergänzung desselben bei Amman 
eine Serie sogenannter Evangelienbilder. 

Diese von Andresen unter Nr. 186 be¬ 
schriebene Folge bildet trotz einiger Abwei¬ 
chungen tatsächlich eine Fortsetzung der Bibel¬ 
bilder von 1571. Bei beiden ist die Darstellung 
in ein Queroval eingepaßt, doch sind die älteren 
Bilder von Zierrahmen eingeschlossen, bei den 
jüngeren hingegen nur die Ecken mit Ver¬ 
zierungen ausgefüllt; ferner messen die früheren 
57 : 73, die späteren 60 : 80 mm. Nicht mit Un¬ 
recht hat Becker die letzteren „zu den besten 
Werken Ammans“ gezählt, doch ist auch bei 
der älteren Folge das Geschick des Meisters, 
der zweihundert Rähmchen in stets wechseln¬ 
dem Muster entwarf, bewundernswert, so daß 
der Bilderschmuck des Lauterbachschen Buches 
einen durchaus einheitlichen Eindruck macht. 


Sein Titel lautet: 

Enchiridion Veteris et Novi Testainenti, 
autore Johanne Lauterbachio poeta coronato. 
Lib. VI. compraehensum. (Nun 7 Zeilen Erläu¬ 
terung). Cum praefatione D. Johannis Brentij. 
P.—Handbüchlein deß Alten vnd Neiauen Testa¬ 
ments, gestellt von Johann Lauterbach, gekrönten 
Poeten, i)i sechß Bücher, Vnd mit schönen Fi¬ 
guren gezicrct. Mit einer Vorred H. Johannis 
Brentij. Gedruckt zu Franckfurt am Mayn, 
M. D. LXXIII. 

Es umfaßt 58 Lagen zu je 8 Blatt mit den 
Signaturen )(, A—Z, a—-z, Aa—Mm; in dem 
Exemplar der Kgl. Bibliothek zu Berlin be¬ 
findet sich noch ein Nachtrag von 4 Blatt 
mit der Signatur HI1HI1, der eine Widmung 
an Lucas und Osiander nebst einem Druck¬ 
fehlerverzeichnis enthält. Die Blätter G 3, 
Mm 8 und HhHh 4 sind leer; auf Mm 7 steht 
die Druckangabe „Impressum PYancofurti ad 
Moenum, apud Paulum Reffeier, impensis Sigis- 
mundi Feyerabent“, dann das Signet der Firma 
(P. Heitz, Frankfurter Büchermarken Tf. XL 
Nr. 52) und darunter „M. D. LXXIII.“ 

Der Inhalt des „Büchleins“, das in Wirk¬ 
lichkeit also ein starker Band ist, besteht ledig¬ 
lich aus Reimen. Der Verfasser hat die Bibel 
in sieben Teile zerlegt und jedes dort berich¬ 
tete Ereignis einzeln in einem lateinischen 
Distichon und vier deutschen Verszeilen be¬ 
sungen. Der Hexameter und die beiden ersten 
deutschen Zeilen schildern die Tatsache, der 
Pentameter und der Schluß des deutschen Ge¬ 
dichtes ziehen die Nutzanwendung daraus. 
„Kains Brudermord“ diene als Beispiel: 

Impius obstruncat sanctum Camus Abelem. 

Qui pius est duram sustinet orbe crucem. 

Cain aufi bösem frechen muth, 

Abel den frommen würgen thut. 

Im leben der sich frömblich heit, 

Viel stäts muß leiden in der Welt. 

Schön sind diese Reime gerade nicht; da 
das Buch aber nach oberflächlicher Schätzung 
etwa vierzehnhundert solche Verse enthält und 
Jöcher erzählt, daß der Verfasser „sich zu Tode 
gekümmert habe, weil ihm die Poesie nicht so 
gut als anderen geflossen“, muß es ihm jeden¬ 
falls „Arbeit“ genug verursacht haben. 

Die beiden ersten Teile, welche die jüdische 
Geschichte bis zur Zeit der Könige behandeln, 
sind mit den Holzschnitten 1—78 der von 




269 


Schreiber, Jost Ammans Bibelbilder von 1475. 


Andresen unter Nr. 182 beschriebenen Folge 
illustriert. Die Reihenfolge zeigt nur geringe 
Abweichungen, doch sind die drei Holzschnitte 
eingeschaltet, die der lateinischen Bibel von 
1571 fehlen, aber in der Sonderausgabe der 
Bilder enthalten und von Andresen auf Seite 301 
verzeichnet sind. Zu den beiden folgenden 
Teilen, die den Rest des Alten Testaments, die 
Apokryphen und Propheten umfassen, wurden 
die Holzschnitte 79—160 in stark verändeter 
Reihenfolge verwendet. Als wirkliche Verschie¬ 
denheiten sind jedoch nur folgende zu erwähnen: 
Nr. 83 fehlt und an ihrer Statt ist versehentlich 
Nr. 127 wiederholt, die Stöcke 7, 134 und 138 
sind doppelt abgedruckt, endlich ist ein von 
Andresen nicht beschriebenes Bild als 118a ein¬ 
zuschalten. Die Nr. 118 stellt nämlich nicht, 
wie Andresen angibt, Ahabs Tod dar, sondern 
die Steinigung des Naboth; die 118 a hingegen, 
wie Ahab auf den Ratschlag der falschen Pro¬ 
pheten hört. Für den siebenten Teil — um 
ihn hier gleich anzuschließen — wurden die 
Stöcke 173—198 benutzt; von den dazwischen 
liegenden Bildern 161—172 sind im fünften und 
sechsten Teil nur 162—168 abgedruckt, die 
anderen waren teils überflüssig, teils wurden sie 
durch die neue Folge ersetzt. 

Von dieser verzeichnet Andresen unter 
Nr. 186 74 Bilder nebst 4 Wiederholungen; bei 
Lauterbach sind es 75 verschiedene Stöcke und 
7 sind doppelt abgedruckt, doch ist die Reihen¬ 
folge eine völlig andere. Es fehlen Andresen 
1 und 8, die vielleicht damals noch nicht ge¬ 
schnitten waren, dagegen sind drei vorhanden» 
die weder in der Sonderausgabe der Holzstöcke 
von 1579 noch in der späteren Auflage von 
1587 enthalten sind. Zunächst eine prächtige 
mit Ammans Monogramm versehene Darstellung 
des Matthäus, die Andresen, Seite 303 Z.7 erwähnt, 
dann der von Andresen Seite 311 Nr. 1 verzeich- 
nete Andreas und schließlich ein unbeschriebenes, 
der Nr. 39 ähnelndes Bild, auf dem der Heiland 
drei Jüngern das himmlische Zeichen deutet. 

Die Gesamtzahl der Holzschnitte beträgt 
also nicht 280, wie Weigel angab, sondern 
283, von denen 201 der Folge von 1.571, die 
übrigen der neuen Serie angehören.. Anscheinend 
ist die letztere von Feyerabend. 1573 aber nicht 
nur zu Lauterbachs Buch, sondern auch noch zu 
einem anderen, Andresen unbekannt gebliebenen 
Druckwerk verwendet worden. Nach Weigels 


Kunstkatalog Bd. IV Nr. 20104 sollen die Stöcke 
nämlich auch abgedruckt sein in „ Das Neuw 
Testament. Tentsch , D. Mart. Lntlier. Auß 
sonderlichem ßeiß aujfs neuw mit schönen Figuren 
. . . gezieret vnd zugericht. Frankfurt am Mayn , 
bey Georg Raben , in Verlegung Sigmund Feyr- 
abends 1573“. 

Es war ja überhaupt die Gewohnheit dieses 
gewiegten Buchhändlers, die ihm gehörenden 
Holzstöcke nicht nur in möglichst vielen ver¬ 
schiedenen Druckwerken zu verwenden, sondern 
auch in Sonderausgaben erscheinen zu lassen, 
wodurch er zwar zunächst seinen eigenen Vor¬ 
teil wahrnahm, aber doch auch wesentlich zum 
Ruhme Jost Ammans beitrug. Von allen größe¬ 
ren Holzschnittfolgen dieses Meisters ist nur 
eine einzige, das Kartenspielbuch von 1588, in 
seinem Wohnorte Nürnberg gedruckt worden, 
alle übrigen hat er für Frankfurter Verleger, 
und zwar fast ausschließlich für Feyerabend, 
entworfen. Für ihn hat er von 1563— 159 ° fast 
alljährlich Bücherillustrationen, Titelblätter und 
Signete geliefert, deren Gesamtzahl sich auf 
etwa zweitausend beläuft, wozu sich noch die 
Radierungen für Fronspergers Kriegsbuch, zum 
Catalogus gloriae mundi des Chassanaeus u. a. 
gesellen. 

Georg Keller, ein Schüler Ammans, hat be¬ 
kanntlich erzählt, daß während seiner vierjährigen 
Lehrzeit sein Meister „so viel Stücke gezeichnet 
habe, daß zu zweifeln, ob alle auf einem Heu¬ 
wagen hätten fortgeführt werden können“. 
Man hat das Wort „Stücke“ als Stöcke aus¬ 
legen wollen und vermutet, daß Keller Holz¬ 
platten gemeint habe. Da er aber 1576 ge¬ 
boren wurde, Amman schon 1591 starb, so 
kann seine Lehrzeit erst in die letzten Lebens¬ 
jahre des Meisters fallen. Aus dieser Periode 
sind jedoch außer dem erwähnten Kartenspiel¬ 
buch und einigen Titelblättern nur die Evan¬ 
gelienbilder bekannt, die 1587 bei Bassaeus er¬ 
schienen, und die wenigen Illustrationen im 
Heldenbuch von 1590. Erscheint daher die 
Deutung, die man den Worten Kellers geben 
wollte, schon aus diesem Grunde unwahrschein¬ 
lich, so ist es überhaupt zweifelhaft, ob sich 
Amman auf das Holzschneiden verstand. Es 
läßt sich vielmehr auf Grund der Formschneider¬ 
monogramme, die sich auf vielen seiner Illustra¬ 
tionen befinden, vermuten, daß er nur die Zeich¬ 
nungen lieferte. Feyerabend war hingegen, wie 






270 


Schlossar, Vom Freiheitssänger Anastasius Grün. 


urkundlich feststeht, ein Holzschneider und ließ, 
anscheinend bis über die Mitte der siebziger 
Jahre hinaus, die Stöcke in seiner eigenen Werk¬ 
statt schneiden. Später jedoch dürfte diese 
Arbeit von fremden Holzschneidern bewirkt 


worden sein und zwar teilweise gleich in Nürn¬ 
berg, denn verschiedene Illustrationen, die Am¬ 
man für Feyerabend gezeichnet hat, tragen das 
Monogramm des dortigen Formschneiders Lucas 
Mayr. 



Vom Freiheitssänger Anastasius Grün. 

Erinnerungsblätter im hundertsten Jahre seiner Geburt und zum dreißigsten Todestage. 
Mit einer Anzahl ungedruckter Briefe Grüns. 

Von 


Dr. Anton Schlossar in Graz. 



waren hundert Jahre seit der Geburt des 
Grafen Anton Alexander Auersperg ver¬ 
flossen, den die Literaturgeschichte unter dem 
erwähnten Decknamen kennt; am 12. Sep¬ 
tember jährte sich zum dreißigsten Male der 
Todestag des Poeten. Vielleicht bedeuten¬ 
der als der in Deutsch-Österreich vielfach 
festlich begangene und in Zeitschriften 
und Zeitungen zum Anlasse von Ver¬ 
öffentlichungen über den von unserer 
Generation halb Vergessenen genommene 
hundertjährige Geburtstag erscheint die 
letztere Zeitangabe, denn nach dem ^.Sep¬ 
tember ist das Vorzugsrecht des Druckes 
von Grüns Dichtungen erloschen und 
diese werden Gemeingut; damit aber 
dürften sie weite Verbreitung im deutschen 
Volke erlangen. Schon sind eine Reihe von 
Ausgaben der Poesien Anastasius Grüns 
in Vorbereitung, deren billiger Preis sie 
auch ärmeren Kreisen vermitteln und wohl 
eine dichterische Persönlichkeit in des 
Wortes edelster Bedeutung dem jetzigen 
Geschlechte so nahe bringen wird, als 
Anastasius Grün es verdient. 

Der Hauptsitz des Geschlechtes der 
Auersperge ist Krain; dort steht auch 
das Stammschloß gleichen Namens beim 
Markte Auersperg, das als Majoratsherr¬ 
schaft seit 1067 dem Hause zugehört 
(Abb. 10). Ursprünglich in Schwaben an¬ 
sässig, kamen die Auersperge etwa im 
XI. Jahrhundert nach Krain und erscheinen 
in den ältesten Urkunden als„Owersperch“, 
„Auersperch“, „Auversperch“ sowie in 


Abb. 1. Anastasius Grün im Jahre 1844. 


wei Gedenktage des Jahres 1906 erinnern 
an einen dereinst in allen deutschen 
Gauen hochgefeierten Dichter, an den 
„Wiener Spaziergänger“ Anastasius Grün (Por¬ 
träts Abb. 1, 4, 12 und 22). Am it. April 









Schlossar, Vom Freiheitssänger Anastasius Grün. 


271 



Abb. 2. Maria Gräfin von Auersperg 
zur Zeit ihrer Vermählung mit Anastasius Grün (1840). 


anderer Schreibart. Zuerst tritt ein Adolf 
von Auersperg auf den Krainer Boden 
um 1060. Zweige des uralten Geschlechtes 
finden wir schon frühzeitig auch in Friaul, 
später solche in Böhmen, Österreich und 
Schlesien, und viele der Auersperge haben 
in hohen Staatsanstellungen, als Landes¬ 
hauptleute und Statthalter, als Kriegs¬ 
helden- und Führer sich Ansehen und 
Ruhm erworben. Was das Gebiet von 
Krain betrifft, so sind verschiedene Ge¬ 
schlechtsangehörige durch ihre Taten in 
den Türkenkriegen daselbst zu höchsten 
Würden gelangt und haben namentlich 
durch die Verteidigung der Grenzen her¬ 
vorragend gewirkt. So hatte der kaiserliche 
General und geheime Kriegsrat Andreas 
Freiherr von Auersperg durch seinen Sieg 
über die Türken bei Sissek 1593 den Bei¬ 
namen „Schrecken der Türken“ errungen. 
Schon Herbard VIII. v. Auersperg war ein 
gefeierter Held, der 1675 in der Türken¬ 
schacht bei Budaschki fiel. Dieser Her¬ 
bard VIII. war auch der damals in Krain 
eingedrungenen evangelischen Lehre zu¬ 
getan und begünstigte Dalmatin, den 
Übersetzer der Bibel ins Slovenische, mit 
Rat und Tat. Seit Kaiser Friedrich III. 
bekleiden die Auersperge das Oberst- 
Erbmarschall-Amt in Krain und in der windi- 
schen Mark. Johann Weikard von Auersperg 
wurde 1654 in den Reichsfürstenstand erhoben 
und begründete die fürstliche Linie. Die Söhne 
des 1466 gestorbenen Engelhard von Auersperg: 
Pankraz und Vollrad stifteten zwei heute noch 
bestehende gräfliche Linien, und der seit 1650 
gräflichen Pankrazschen Linie gehört auch der 
Zweig der Auersperge zu Thurn am Hart in Krain 
an. 1 Der bei allen Zweigen der Auersperge im 
Wappen (Abb. 22) als Hauptwappentier vorkom¬ 
mende Auerochs erweist, eines wie hohen Alters 
sich dieses ruhmvolle Adelsgeschlecht erfreut, 
dessen Abkömmlinge seit vielen Jahrhunderten 
auf allen Gebieten der Geschichte und Kultur¬ 
geschichte Krains eine geradezu führende Rolle 


spielen. 2 3 — Graf Anton Auersperg — der später 
als Anastasius Grün zum Dichterruhme gelangte 
— ist also dem Zweige der gräflich Pankrazschen 
Linie zu Thurn am Hart entsprossen. Dieses 
Schloß (Abb. 6 und 13), ein alter, fester Bau mit 
vier Ecktürmen liegt nahe der kroatischen und 
hart an der steirischen Grenze. Heute noch be¬ 
findet es sich dem Äußeren nach in dem gleichen 
Zustande, wie es der rühmlichst bekannte Chronist 
J. W. PTeiherr v. Valvasor in seinem Hauptwerke 
abbildetd Von dem Städtchen Gurkfeld, wo 
der Savefluß die Grenze zwischen dem Lande 
Krain und Steiermark bildet, liegt Thurn am 
Hart südlich, von Waldungen und schönen Park¬ 
anlagen umgeben; gegen Süden weiterhin dehnen 
sich die Weingärten aus, denen Graf Auersperg- 


1 Die ausführlichste Monographie über „Die Fürsten und Grafen von Auersperg“ ist noch immer die unter diesem 
Titel in dem „Neuen Archiv für Geschichte usw.“ (Wien) II. Jahrg. 1830 Nr. 76 ff. von F. H. Richter veröffentlichte 
genealogische Arbeit. — Vgl. auch: P. v. Radies, „Herbard VIII. Freiherr zu Auersperg“. Wien 1862. 

2 Joh. Weichh. Freih. v. Valvasor: „Die Ehre des Hertzogthums Grain.“ Laibach, 1689. Fo. Bd. III. S. 576. 

3 Das in Abb. 21 wiedergegebene Auerspergsche Wappen zeigt zugleich das Exlibris des Guido Grafen von Auers¬ 
perg auf Sonegg, eines jungen Großneffen Anastasius Grüns, der in Thurn am Hart geboren ist. 










Schlossar, Vom Freiheitssänger Anastasius Grün. 


272 


Grün seine besondere ökonomische Tätigkeit 
zuwandte. Der Besitzer von Thurn am Hart 
war auch Inhaber der einstigen Herrschaft 
Gurkfeld (Abb. 9). Das Städtchen selbst ist durch 
ein merkwürdiges Gebäude ausgezeichnet, das 
dem hier eben erwähnten berühmten Chronisten 
Freiherrn von Valvasor gehörte und in dem er 
auch starb. Vom Schlosse aus schweift der 
Blick in südlicher Richtung über die fruchtbare 
Ebene bis zu dem wilden Uskokengebirge. 
Gegen Osten zu bildet nicht fern der Sotlafluß 
die Grenze gegen Kroa¬ 
tien. Zum siebzigsten 
Geburtsfeste hat der 
mit Anastasius Grün 
befreundete Dichter 
Friedrich Marx dem 
Schlosse Thurn am 
Hart eine poetische Ver¬ 
herrlichung gewidmet, 
in der die Bedeutung 
des Schlosses für den 
,Wiener Spaziergänger' 
dichterisch schön aus¬ 
gesprochen ist, wie 
dort 

Der hohe Sangesmeister 
In der Zeiten Harfe griff, 

Für den großen Kampf der 
Geister 

Männlich schon den 
Degen schliff. 

In jenem Schlosse 
hausten die Vorfahren 
Anastasius Grüns; auch 
dessen Vater Alexan¬ 
der Graf Auersperg, 
der den Staatsdienst, den er früher bekleidet, 
verlassen hatte, wohnte dort mit seiner Gattin, 
der Mutter Grüns, einer gebornen Freiin von 
Billichgratz. Ein zufälliger längerer Aufenthalt 
des Elternpaares in Laibach, wo der Graf in 
dem deutschen Ordenshause (Abb. 11) stets 
sein Absteigequartier hatte, war der Grund, daß 
Anton Alexander Graf Auersperg-Grün am 
11. April 1806 daselbst das Licht der Welt er¬ 
blickte. Während jener Zeit schwieriger politi¬ 
scher Verhältnisse — Krain stand ja sogar eine 
Zeitlang unter französischer Herrschaft — erhielt 
der junge Graf seine erste Erziehung in Thurn 
am Hart unter der Leitung eines „Exfranzis- 



Abb. 3. Maria Gräfi 
geborene Gräfin von 


kaners“, als Hofmeister aber stets unter den 
Augen des trotz der Fremdherrschaft mit 
wahrem Patriotismus für Österreich und dessen 
Herrscherhaus beseelten Vaters. Schon 1813 
wurde der Knabe der Theresianischen Ritter¬ 
akademie in Wien übergeben, kam aber wegen 
seiner Ungebärdigkeit daraus entfernt in die K. K. 
Ingenieursakademie. Da erfolgte im Jahre 1818 
der Tod des Vaters. Es sei gleich hier be¬ 
merkt, daß die noch junge Witwe (Abb. 5) sich 
1819 neuerlich mit I .copoldFreiherrn von I Jchten- 
„ berg vermählte. Man 

fand cs nicht passend, 
daß der junge Graf und 
einzige Sohn — drei 
Schwestern waren noch 
der Ehe entsprossen — 
weiter eine militärische 
Erziehung erhielte, 
und so wurde er nun¬ 
mehr der Klinkow- 
strömschen Privater¬ 
ziehungsanstalt in Wien 
anvertraut, einem sonst 
tüchtigen pädagogi¬ 
schen Institute, das 
aber, in streng kleri¬ 
kalem Geiste geleitet, 
durch diesen den Zög¬ 
ling „anwiderte“ und, 
wie Auersperg - Grün 

später selbst schrieb, 
„zu manchen seiner 
späteren Richtungen 
die Aufklärung“ gibt. 
Übrigens zeichneten 
Fleiß und Erfolg in den 
Lehrgegenständen den muntern und aufgeweckten 
Knaben aus. Nachdem er noch die sogenannten, 
damals in Österreich eingeführten philosophischen 
Studien vollendet, wurde er Hörer der Rechte 
an der Universität in Wien; zwei Jahrgänge der 
Rechte hörte er in Graz. Zu jener Zeit begann 
Auersperg seine ersten Gedichte zu veröffent¬ 
lichen, die in dem Taschenbuch „Philomele“ 
und in Bäuerles „Wiener Theaterzeitung“ er¬ 
schienen. In letzterer (Jahrgang 1825 Nr. 29) 
findet sich sein überhaupt erstes gedrucktes 
Poem „Heinrich Frauenlob“, das er mit dem 
Decknamen „ Ant. Alex. Bergenau“ Unterzeichnete. 
Später von ihm veröffentlichte Lieder und Balladen 


n von Auersperg, 
Attems (um 1874). 





Schlossar, Vom Freiheitssänger Anastasius Grün. 


273 


bis 1829 trugen seinen vollen Namen. Solche 
finden sich namentlich, außer in der erwähnten 
„Theaterzeitung“, in Castellis Taschenbuche 
„Huldigung den Frauen“ (1827—1829) sowie 
in dem von Hormayr herausgegebenen histo¬ 
rischen „Archiv“ (1826—1827), ebenso in Hor- 
mayrs „Taschenbuch für vaterländische Ge¬ 
schichte“ (1827—1828, in späteren Jahrgängen 
schon unter dem Namen Anastasius Grün) und 
an anderen Orten. In Wien war es noch 
während seiner Studienzeit, wo Auersperg in 
dem für die Geschichte 
der Literatur in Öster¬ 
reich so bemerkenswer¬ 
ten „Silbernen Kaffee¬ 
hause“ Neuners zu den 
jungen und älteren Dich¬ 
tern und Schriftstellern 
in Beziehungen trat, die 
daselbst zu verkehren 
pflegten. Von denNamen 
derselben seien etwa J. G. 

Seidl, Bauernfeld,Castelli, 

Fr. Witthauer, Haiirsch, 

Herrmannsthal und na¬ 
mentlich Niembsch ge¬ 
nannt, der in der Folge 
unter dem Namen Lenau 
zu so hoher dichterischer 
Berühmtheit gelangte 
und mit dem ihn bald be¬ 
sonders innige Freund¬ 
schaft verband. 

Der großjährig ge¬ 
wordene Graf Auersperg 
erschien nun berufen, 
die Herrschaft Thurn am 
Hart in Krain zu übernehmen; dies geschah im 
Jahre 1831. Er nahm in dem Schlosse seinen 
Wohnsitz, nachdem er schon im Jahre vorher 
eine größere Reise unternommen, die ihn nach 
München, Stuttgart, Straßburg und durch die nörd¬ 
liche Schweiz geführt hatte. In Stuttgart und im 
Schwabenlande überhaupt, wo er den von ihm so 
hochverehrten Uhland sowie Gustav Schwab, Paul 
Pfizer und die meisten der schwäbischen Dichter 
persönlich kennen lernte, weilte Anastasius Grün 
besonders gern und unternahm auch in der 
Folge noch einige Reisen dahin. Andere 
Reisen führten ihn während der Zeit bis 1848 
durch Italien, wo die meisten seiner „Lieder 
z. f. b. 1906/1907 


aus Italien“ entstanden, ferner nach Frankreich, 
wo er sich in Paris längere Zeit aufhielt, dann 
nach Belgien und England. Im Jahre 1836 bereiste 
er mit Bauernfeld zusammen die Rheingegenden 
und Nord- und Süddeutschland. Später unter¬ 
nahm Auersperg von Thurn am Hart aus ver¬ 
schiedene Badereisen in kroatische und steirische 
Bäder, nach Gastein und Franzensbad; ganz be¬ 
sonders fand er sich befriedigt von dem mehr¬ 
maligen Aufenthalte in Helgoland, wo er zu An¬ 
fang der fünfziger Jahre dreimal weilte. 

Es muß hier, bevor 
noch der späteren dich¬ 
terischen Tätigkeit Ana¬ 
stasius Grüns gedacht sei, 
zurückgegriffen werden 
auf seine ersten selbstän¬ 
dig erschienenen poeti¬ 
schen Veröffentlichun¬ 
gen. Ein lyrisches Bänd¬ 
chen „Blätter der Liebe“ 
(Stuttgart, 1830) ging 
ziemlich unbeachtet vor¬ 
über; Aufmerksamkeit 
erweckte jedoch der un¬ 
mittelbar darauf heraus¬ 
gegebene Romanzen¬ 
kranz „Der letzte Ritter“ 
(München 1830), der in 
demselben Jahre bei 
Franckh in München er¬ 
schien. Schon ein Jahr 
später wurde bei Hoff- 
mann & Campe in Ham¬ 
burg ein kleines Büch¬ 
lein „Spaziergänge eines 
Wiener Poeten“ ohne 
Angabe des Verfassers herausgegeben, das in 
allen deutschen Gebieten das höchste Aufsehen 
erregte, in dem von Metternich geknechteten 
Österreich aber von den geistig Strebenden 
geradezu mit Jubel aufgenommen wurde. Die 
feurigen Strophen dieses Liederbuches richteten 
sich gegen alle Mißstände, die im Reiche 
des Kaisers Franz durch die jede freiheitliche 
Regung niederhaltende Regierung hervorgetreten 
waren; in glänzender, bilderreicher Sprache be¬ 
kämpfte der Dichter den Zensurzwang, die 
Pfaffenherrschaft, den Mauthkordon, kurz jeder 
Unterdrückung der Freiheit des Gedankens, 
apostrophierte den Kaiser selbst, um Schutz 

35 



Abb. 4. Anastasius Grün im Jahre 1835. 

Nach einem Stich im „Deutschen Musenalmanach“, Leipzig 1836. 


















274 


Schlossar, Vom Freiheitssänger Anastasius Grün. 



im Auge, die sicli aber alle als falsch vermutet 
erwiesen. In literarischen Kreisen war der 
eigentliche „Spaziergänger“ allerdings bald be¬ 
kannt geworden; trotzdem gestand er nieman¬ 
dem seine Autorschaft ein. Ja, er tat dies selbst 
dann nicht, als Metternich schon wußte, wer 
die Gedichte verfaßt habe. So finden sich 
z. B. in dem „Frühlingsalmanach“ von Lenau 
für 1836 noch gesondert die Gedichtgruppen: 
„Neuere Spaziergänge eines Wiener Poeten“ und 
„Lieder aus Italien von Anastasius Grün“, als 
ob dies zwei verschiedene Verfasser wären. Daß 
übrigens dem Dichter, wenn auch spät, doch 
eine „Strafe“ zuteil wurde, erweise der nach¬ 
folgende ungedruckte Brief an einen Freund 
(vielleicht Bauernfeld), der zugleich darlegt, daß 
Anastasius Grün, erbittert über die ihm be¬ 
reiteten Unannehmlichkeiten und Verfolgungen 
von seiten der Regierung, wie er dies schon 
1835 zusammen mit Lenau beabsichtigte, nach 
Amerika auszuwandern willens war. Der Brief, 
von Thum am Hart 20. November 1838 datiert, 
lautet: 


Abb. 5. Cäcilie Gräfin von Auersperg, 

Anastasius Grüns Mutter (um 1820). 

und Hilfe bittend, und zeichnete den allmäch¬ 
tigen Minister, zu dem das Volk artig sagte: 
„Dürft’ ich wohl so frei sein frei zu sein“, mit 
geradezu verblüffender Treue. Selbstverständlich 
wurden die „Spaziergänge“ innerhalb der schwarz¬ 
gelben Grenzpfähle eines der am strengsten ver¬ 
botenen Bücher, was nicht hinderte, daß sie 
dennoch Eingang fanden und 
von jedem halbwegs Gebil¬ 
deten geradezu verschlungen 
wurden. Aber ihr Verfasser 
blieb in dem Mantel der 
Anonymität verhüllt und 
hütete sich selbst seinen 
literarischen Freunden gegen¬ 
über sich zu verraten, denn 
wenn Anastasius Grün- 
Auersperg seine Autorschaft 
eingestanden hätte, wäre ihm 
trotz des gräflichen Namens 
strengste Bestrafung zuteil 
geworden. Vergebens fahn¬ 
dete die Polizei nach dem 
„Wiener Spaziergänger“ und 
hatte verschiedene Verfasser 


Innigstgeliebter Freund! Einem so lieben theil- 
nehmenden Freunde wie Du er mir immer gewesen, 
muß ich mit der vollsten Aufrichtigkeit antworten. Mein 
Plan auszuwandern ist noch immer nicht wankend ge¬ 
macht worden und ich bedaure nur, daß die Ausführung 
jetzt so schwierig ist, da tausend Fäden oder vielmehr 
Taue mich an den Heimatboden binden. Vor 6—8 
Jahren wäre es mir leichter gewesen und ich hätte mir 
nun schon längst eine passende Existenz auswärts ge¬ 
gründet. Damals war ich für die Zukunft voll Hoffnung, 
während ich jetzt diese unfruchtbare Wucherpflanze mit 



Abb, 6. Schloß Thum am Hart. 
Zeichnung Anastasius Grüns aus dem Jahre 1831. 


















Schlossar, Vom Freiheitssänger Anastasius Grün. 


275 


Stumpf und Stiel ausgejätet habe. Was mir fehlt? 
Materiell nichts! Aber der Mensch lebt nicht von Brot 
allein — den Rest der Antwort ergänzest Du wohl selbst, 
da auch Dir und vielen Andern dasselbe fehlt. Es 
kommt nur auf den Grad von Resignation oder Philo¬ 
sophie, wenn Du lieber willst an, welcher je dem Einen 
oder Andern eigen ist. Und wenn Du mir Niembsch 
[Lenau] mit Recht als Muster stoischer Gelassenheit 
rühmest, so wirst Du mir deshalb nicht übel wollen, wenn 
ich ehrlich gestehe, daß ich mich materiell und geistig 
etwas mehr zum Epikurismus hinneige und daher, wenn 
meinen geistigen Lungen die hiesige Luft zu dick und 
drückend wird, anderswo frischere mir individuell gesund 
aufsuchen will. Es ist nicht ein einzelnes isoliertes Übel, 
das mich schmerzt, sondern die Summe all der klein¬ 
lichen, zweck- und nutzlosen Vexationen, die mich an¬ 
widert. Da haben sie mich, da ich nun aus meiner 
Identität mit dem grünen Domino kein Hehl mache, 
zu einem Strafbetrage von 25 Dukaten verurtheilt! (eine 
beliebte Zahl, die eine ominöse Analogie zwischen dem 
hier ländigen Schriftsteller- und Armee-Reglement ver- 
räth.) Nun werde ich dadurch freilich nicht zum Bettler, 
aber fett wird auch Niemand davon. Es ist genug für 
einen ehrlichen Mann von einem Sicard (Polizeijupiter 
von Laibach!) vorgefordert und verurtheilt zu werden, 
weil man unter der Firma des Anastasius Grün mehrere 
höchst anstößige Schriften (ipsissima verba!) im Aus¬ 
land habe drucken lassen, wobei allerdings die Frei¬ 
lassung eines sechswöchentlichen Rekurses zugestanden. 
Erbaulich und tröstlich bleibt es dennoch in literarischen 
Angelegenheiten einen Richter zu haben, der seine 
eigene Muttersprache nicht zu schreiben versteht! doch 

genug und schon zu viel von diesem Jammer!-— 

Manches würde ich so gern noch diesem Blatte an¬ 
vertrauen, um es Dir mein lieber Freund mitzuteilen, 
aber die Hoffnung, Dir bald selbst in Person gegenüber¬ 
zustehen und Dir die treue Hand zu schütteln über¬ 
hebt mich einstweilen dessen. Ich denke nämlich in 
14 Tagen beiläufig in Wien einzutrefifen. Tausend 
herzliche Grüße an Dich und die Freunde von Deinem 
aufrichtigen Freunde A. Auersperg. 



Abb. 7. Theodor Graf von Auersperg, 
der Sohn Anastasius Griins (um 1875). 


Einige Jahre vor der Abfassung dieses Briefes 
war des Dichters zweites Freiheit atmendes 
Werk, der „Schutt“ (Leipzig, Weidmann 1835) 
erschienen, den er unter dem beibehaltenen 
Pseudonym Anastasius Grün herausgab. Hoch¬ 
strebende, vornehme Gedanken in edler Form 
bezeichnen den Inhalt auch dieser Dichtungen. 
Erst 1837 wurden die gesammelten „Gedichte“ 
in der Weidmannschen Ver¬ 
lagsbuchhandlung zu Leipzig 
herausgegeben, die alle fol¬ 
genden Werke des Poeten 
(bis auf seine Übertragung 
der englischen Volksballade 
„Robin Hood“, die bei Cotta 
erschienen), sowie die rasch 
nacheinander nötigen Neu¬ 
auflagen in ihren Verlag auf¬ 
nahm. 

Eine bezeichnende Reihe 
von polemischen Veröffent¬ 
lichungen im September und 
Oktober des Jahres 1837 in 
der Augsburger „Allgemeinen 





Abb. 8. Helgoland 1854. Vignette eines Briefes von Anastasius Grün an seine Gattin. 













2 y 6 


Schlossar, Vom Freiheitssänger Anastasius Grün. 



Abb. 9. Ansicht von Gurkfeld, der einstigen Gräflich Auerspergschen Herrschaft und Stadt in Krain (um 1846). 


Zeitung“ zeugt von der vornehmen, ritterlichen 
Denkweise des gräflichen Dichters und zu¬ 
gleich davon, wie berechtigt die Klagen Auers¬ 
pergs über die österreichischen Verhältnisse 
waren, denen er in dem hier eben abgedruckten 
Briefe Ausdruck gegeben. Der österreichische 
Schriftsteller Braun von Braunthal hatte in dem 
von ihm 1836 veranstalteten „Österreichischen 
Musenalmanach“ unter dem Namen A. Grün 
fünf einzelne Gedichte gebracht, die offenbar 
den Glauben erwecken sollten, deren Verfasser 
sei in der Tat Auersperg. Doch die damals 
außerordentlich verbreitete „Allgemeine Zei¬ 
tung“ erklärte in einer scharfen Erklärung Auers¬ 
pergs dieses Vorgehen für einen literarischen 
Gaunerstreich, und es kam zu einem erregten 
Wortkampfe zwischen beiden in dem erwähnten 
Blatte, den Braun, wiewohl er im Unrechte 
war, derart beleidigend fortführte, daß eine 
Herausforderung von seiten Auerspergs zum 
Zweikampf erfolgte. Nun zog sich Braun aller¬ 
dings zurück und gab eine Ehrenerklärung ab. 
Man muß noch wissen, daß Braun schon lange 


eifrig daran tätig gewesen war, den nach¬ 
spürenden Regierungsorganen den Grafen als 
Verfasser der verpönten poetischen Schriften 
zu denunzieren und dessen Identität mit Ana¬ 
stasius Grün und dem Wiener Spaziergänger 
nachzuweisen. In einem (ungedruckten) Briefe 
an G. Schwab vom 1. Oktober 1837 richtet 
Auersperg bezüglich der Erklärung Braunthals, 
„daß er die Identität des Anastasius Grün mit 
dem Grafen Auersperg [man beachte: ohne 
Nennung des Vornamens!] beweisen könne“, 
die Worte an den Stuttgarter Freund: „Wichtig 
wäre es mir, durch Herrn Cotta erfahren zu 
können, ob Braunthals Erklärung mit dem Im¬ 
primatur der österreichischen Zensur versehen 
war oder nicht. Im Bejahungsfälle welche 
Folgerungen!“ Begreiflicherweise standen die 
bedeutenderen österreichischen Schriftsteller auf 
Seite Auerspergs, und Braunthals Vorgehen 
wurde von allen heftig verurteilt. 

Am 11. Juli 1839 vermählte sich Graf Auers¬ 
perg. Eine Anzahl der in den „Blättern der Liebe“ 
aufgenommenen Gedichte sowie eine später in 















Schlossar, Vom Freiheitssänger Anastasius Grün. 


277 



Abb. 10. Stammschloß Auersperg in Krain. 


den „Gedichten“ mit „Erinnerung 1837“ über- 
schriebene Reihe von Strophen erweist, daß der 
jugendliche Poet schon frühzeitig seine Neigung 
zunächst einer jungen Dame der Laibacher Ge¬ 
sellschaft zugewendet hatte, die in der Blüte 
ihres Lebens starb. Aber auch eine zweite 
Dame, zu der er sich später hingezogen fühlte, 
die mit ihm entfernt verwandte Emilie Gräfin 
Auersperg, wurde im Jahre 1838 vom Tode hin¬ 
weggerafft. Die Gemahlin, die er nunmehr heim¬ 
führte, war Marie, die Tochter des steirischen Lan¬ 
deshauptmanns Grafen von Attems (Abb. 2 u. 3), 
und diese Vermählung ist in gewisser Beziehung 
auch zu politisch-literarischer Bedeutung gelangt. 
Eine Notiz in der Leipziger Allgemeinen Zeitung 
knüpfte an die Nachricht von Auerspergs Ehe 
die Mitteilung, daß er sich um den Kammer¬ 
herrnschlüssel bewerbe. Diese vollkommen 
unwahre Nachricht fand Eingang in alle mög¬ 
lichen Blätter und veranlaßte eine Zahl von 
freiheitlich gesinnten Dichtern zu poetischen 
Vorwürfen, die dem „Wiener Spaziergänger“ ge¬ 
macht wurden: er habe seine Gesinnung ge¬ 


ändert und wolle sich dem Hofschranzentum 
anschließen. Namentlich Georg Herwegh und 
Hoffmann von Fallersleben hatten Dichtungen, 
die diesen Gedanken aussprachen, veröffentlicht. 

Wie ungerechtfertigt solche Vorwürfe waren, 
zeigte wenige Jahre später Auerspergs Auftreten 
im Laibacher Landtage, in dem der Graf als 
Landstand Sitz und Stimme hatte. Die Dar¬ 
legung dieser Angelegenheit geht am besten 
aus einem (ungedruckten) Briefe Grün-Auers¬ 
pergs vom 23. Mai 1844 an seine Verleger 
und Freunde Weidmann in Leipzig hervor, 
denen er schrieb, als es sich darum handelte, 
eine neue Auflage der „Spaziergänge“ für den 
Verlag vorzubereiten. Der zweite größere Teil 
dieses Schreibens finde hier seine Stelle: 

„Übrigens wäre es mir aus einem Grunde, den ich 
Ihnen zur Beherzigung mitteilen will, nicht unlieb, 
wenn sich das Erscheinen der neuen Auflage der 
Spaziergänge noch ein paar Monate verzögern wollte. 
Mit dem Verwaltungsjahr 1843/44 ist infolge ver¬ 
fehlter Grundschätzungen des Katasters für die Provinz 
Krain, in welcher ich begütert bin, eine so namhafte 
Erhöhung der Grundsteuer eingetreten, daß unser armes 













278 


Schlossar, Vom Freiheitssänger Anastasius Grün. 


Land nicht imstande ist, sie zu erschwingen. Obschon 
ich mich bisher konsequent von aller Teilnahme an den 
Landtagen unserer Provinz ferngehalten — erschien ich 
doch wieder zum erstenmal auf dem Landtage vom 
11. Sept. v. J., an welchem jene Steuer-Erhöhung den 
Ständen kundgegeben wurde, weil ich die Überzeugung 
hatte, dahin diesem einzelnen Falle . . . Ersprießliches 
für das Land gewirkt werden könne. — Eine begründete 
Darlegung der vorigen Basis, von der man bei der 
neuen Besteuerung ausgegangen war, sollte der Staats¬ 
verwaltung, sobald die Materialien gesammelt sein 
würden, vorgelegt werden. Mit der Verfassung dieser 
Vorstellung und Beschwerde haben meine Mitstände 
mich betraut und mich zugleich zu einem Mitgliede der 
Deputation erlesen, welche diese Schrift nach Wien zu 
überbringen und daselbst mit... Aufklärungen zu unter¬ 
stützen hat. Während ich in Wien in Angelegenheiten 
meines Landes tätig wäre und vielleicht schon einigen 
Erfolg errungen hätte, könnte das gleichzeitige Eintreffen 
jener Spaziergänge einiges Mißfallen auf meine Per¬ 
sönlichkeit leiten und vielleicht der von mir vertretenen 
Angelegenheit schaden. So bereit ich bin, für jeden 
Schritt meines bürgerlichen und literarischen Tuns mit 
meiner Person einzustehen, so möchte ich es doch zu 
verhindern trachten, daß nicht das ganze Land zu ent¬ 
gelten hat, was ich gern ganz allein auf meinen Kopf 
nehme. Daß aber bei der menschlichen Schwäche .. . 
jene Besorgnis nicht ganz unbegründet ist, werden Sie 
wohl zugestehen, denn nur wenigen großen Charaktern 
ist es gegeben, die Person des Sprechers strenge von 
der vertretenen Sache zu sondern. Ist einmal die Sache 
meiner Provinz abgetan und kann allfälliges Mißfallen 


nur mehr meine Person allein treffen, dann in Gottes 
Namen vogue la gakrel“ 

Übrigens erschien die Neuauflage der „Spazier¬ 
gänge“ im Jahre 1844 dennoch, da sich die 
Mission hinausschob. Tatsächlich verfocht Auers¬ 
perg, als er mit zwei Grafen Lichtenberg im 
März 1844 zu dem genannten Zwecke sich nach 
Wien begab, sowohl vor dem den Kaiser ver¬ 
tretenden Erzherzog Ludwig, als auch vor dem 
Staats- und Konferenzminister Grafen Kolowrat 
die Angelegenheit in der mannhaftesten und frei¬ 
mütigsten Weise. 

Nicht nur durch solches Auftreten, auch durch 
einige kräftige poetische Strophen z. B. in der 
1843 erschienenen neuen Dichtung „Nibelungen 
im Frack“, in dem 1844 entstandenen und ver¬ 
öffentlichten Gedichte „Apostasie“ trat Auers¬ 
perg den ihm gemachten Vorwürfen der Ab¬ 
trünnigkeit entgegen. Am glänzendsten zeigt wohl 
sein Auftreten im Jahre 1848 und sein späteres 
politisches Wirken, wie sehr man ihm Unrecht 
getan habe. 

Bis zu dem erwähnten, an großen Ereignissen 
so reichen Jahre lebte Graf Anton Auersperg 
an der Seite der von ihm geliebten und hoch- 



Abb. 11. Anastasius Grüns Geburtshaus in Laibach 
(links hinten, nebst dem Denkstein im Vordergründe, rechts die Deutsche Ordenskirche, zu der das Haus gehört). 












Schlossar, Vom Freiheitssänger Anastasius Grün. 


279 


verehrten Gattin zurückgezogen in Thurn am 
Hart, zum Teile auch in Graz, wo die Eltern 
der Gräfin wohnten. Alljährlich unternahm er 
eine Fahrt nach Wien, auch suchte er wohl 
teils in Gesellschaft der Gemahlin, teils allein 
Badeorte auf, dehnte eine Reise sogar bis in 
das süd- und norddeutsche Gebiet aus. Längere 
Zeit, im Juni und Juli 1847, verweilte Auers¬ 
perg in Franzensbad. Die Gattin selbst hielt 
sich einigemal zur Badekur in Ischl auf, gewöhn¬ 
lich wenn ihr Gemahl selbst abwesend auf Reisen 
war, auf dessen Wunsch, um nicht in dem schön, 
aber recht vereinsamt gelegenen Schlosse Thurn 
am Hart allein zu weilen. Leider war dem Ehe¬ 
paare viele Jahre lang kein Kindersegen be- 
schieden, ein Umstand, der auf das Gemüt 
des Feinfühligen recht niederschlagend wirkte 
und auch der Grund war zu dem am Schlüsse 
der Briefe an die Gattin häufig wiederkehrenden 
Wunsche, der sich in den Worten kundgab: 
„Gott segne das Bad!“ 

Während von den „Gedichten“ Anastasius 
Grüns in den vierziger Jahren Auflage um Auf¬ 
lage folgte, hatte er schon vor den „Nibelungen 
im Frack“ eine größere Dichtung ins Auge ge¬ 
faßt, die ihn in Thurn am Hart Jahre hin¬ 


durch beschäftigte und die 1850 unter dem 
Titel „Pfaff vom Kahlenberg. Ein ländliches 
Gedicht“ erschien. Das ganze frohe, österreich¬ 
ische Leben, Natur und Volk seiner weiteren 
Heimat, hat Anastasius Grün in dieser farben¬ 
reichen Dichtung geschildert, die epische und 
lyrische Partien von großer Schönheit enthält 
und den Herzog Otto den Fröhlichen, den 
bäuerlichen Minnesänger Nithort und den aus 
dem Volksbuche bekannten Pfarrer von Kahlen¬ 
berg in der Mitte von prächtig gezeichneten, 
bäuerlichen und volkstümlichen Szenen vorführt. 

Der „Pfaff vom Kahlenberg“ war die letzte 
Dichtung, die vor dem Eingreifen Auers¬ 
pergs in die politischen Verhältnisse des Jahres 
1848 nahezu vollendet wurde. Während seiner 
zufälligen Anwesenheit in Wien am 13. März 
1848 war er mit seinem alten Freunde Bauern¬ 
feld selbst in die ausbrechende Bewegung hinein¬ 
gezogen und erlebte nun, wie sich unter seinen 
Augen die von ihm einst in den „Spaziergängen“ 
ausgesprochenen freiheitlichen Wünsche erfüllten. 
Einige Tage darauf brachte er die Nachricht 
von der errungenen Konstitution persönlich nach 
Graz. Es vollzogen sich nun die bekannten 
großen politischen Ereignisse. Graf Auersperg- 



Abb. 12. Anastasius Grün mit Gattin und Sohn im Garten seiner Villa am Rosenberge bei Graz (um 1875). 













28o 


Schlossar, Vom Freiheitssänger Anastasius Grün. 



Abb. 13. Schloß Thum am Hart. 
Nach einem lithographierten Briefkopf um 1844. 


Grün wurde im Frühjahr 1848 von Krain aus 
in das Frankfurter Vorparlament entsendet, bald 
darauf, nicht ohne Einsprache der slovenischcn 
Nationalen, in Laibach zum Abgeordneten der 
Nationalversammlung gewählt und war gleichsam 
von einem Siegeszuge umjubelt nach Frank¬ 
furt gereist. Aus jener Zeit rührt das Gedicht 
„Dem Erzherzog Reichsverweser“ her, in dem 
Grün in Erzherzog Johann einen Fürsten feiert, 
den er schon seit Jahren persönlich kannte und 
hoch verehrte, der sogar bei der Hochzeit Auers¬ 
pergs in Graz persönlich anwesend gewesen war. 
Die Verhandlungen in Frankfurt und namentlich 
die Greuel der Revolution widersprachen den 
Anschauungen des freiheitlichen, aber sittlich 
hochstehenden Dichters, der die geistigen Güter 
des Volkes nur auf geistigem Wege errungen 
und dauernd erhalten sehen wollte. Er legte 
daher sein Abgeordnetenmandat zurück und zog 
wieder in das idyllische Thurn am Hart. 

Von der Zeit an, da durch das Oktober¬ 
diplom des Jahres 1861 eine Neugestaltung der 
österreichischen Verfassung in freiheitlichem 
Sinne erfolgte, beginnt die rege politische Tätig¬ 
keit des Grafen Anton Auersperg. An dieser 
Stelle, wo mehr das Wirken des Dichters in den 
Vordergrund tritt, kann die parlamentarische 
Tätigkeit natürlich nicht behandelt werden. Es 


sei nur angedeutet, daß 
Auersperg in demselben 
Geiste, der seine Dich¬ 
tungen durchweht, für 
die höchsten Güter des 
Volkes auch als Parla¬ 
mentsredner auftrat. Er 
wurde 1860 in den ver¬ 
stärkten Reichsrat, 1861 
in das I Ierrenhaus berufen 
und glänzte dort sowie im 
Krainer Landtag als Red¬ 
ner, der jeden Fortschritt 
verteidigte, jede Unter¬ 
drückungbekämpfte. 1863 
wurde ihm die Geheim¬ 
ratswürde verliehen und 
auch sonst in der Folge 
der hochverdiente Dichter 
und Politiker durch seinen Monarchen aus¬ 
gezeichnet. Als Auersperg im März 1868 jene 
glänzende Rede hielt, die den Sturz des von 
Österreich mit dem päbstlichen Stuhle ge¬ 
schlossenen Konkordats zur I 7 olge hatte, wurde 
er vom Volke bejubelt; er galt als einer der volks¬ 
tümlichsten Staatsmänner seines heimatlichen 
Österreich, für dessen I leil er mit der Kraft seiner 
Rede stets von neuem eintrat. Es lag ihm fern, 
einen Ministerposten, für den er ausersehen war, 
anzunehmen; der Vertretung seines deutschen 
Volkes in Österreich wollte er sein ganzes 
weiteres Streben weihen, und er tat dies auch 
bis zum letzten Atemzuge. Selten ist wohl ein 
Volksmann und Dichter so geehrt worden 
als Graf Auersperg am 11. April 1876, an 
seinem siebzigsten Geburtstage. Ehrengeschenke, 
Diplome, Glückwünsche inVers und Prosa wurden 
ihm in so erdrückender Menge zuteil, daß 
seine menschliche Kraft nicht ausreichte, alles 
zu ertragen. 1 Er wurde bald darauf ernstlich 
krank, und schon am 12. September 1876 schied 
der große Dichter und volkstümliche Staats¬ 
mann zu Graz in dem Hause, das er sich in¬ 
zwischen dort erbaut hatte (Abb. 14), aus dem 
Leben. Die Gattin des Dichters errichtete 
ihm auf einer Höhe bei dem Schlosse Thurn 
am Hart ein hochragendes, architektonisch 


1 Die zahlreichen Festgaben, Ehrendiplome und andere Widmungsgegenstände ließ Auerspergs Gemahlin geschmack¬ 
voll zusammengestellt photographieren; es haben sich noch einige dieser interessanten photographischen Blätter erhalten, 
eines derselben in der Hand des Verfassers dieser Zeilen. — Der Wiener Schriftstellerverein Concordia ehrte den Ge¬ 
feierten durch eine aus diesem Anlasse geprägte Gedenkmedaille, die in Abb. 16 und 18 reproduziert ist. 





Schlossar, Vom Freiheitssänger Anastasius Grün. 


28l 


prachtvoll ausgestattetes Mausoleum (Abb. 24). 
Dort ruht er neben seiner Gattin, die ihm im 
Tode bald nachfolgte. 

Nach zwanzigjähriger Ehe, im Jahre 1858, 
war dem Grafen Auersperg ein Sohn geboren 
worden. Theodor Auersperg (Abb. 7) erhielt die 
sorgfältigste Erziehung und wuchs zum begabten 
Jüngling empor. Aber leider sollte ihm kein 
langes Leben beschieden sein: im Jahre 1881 
brachte dem hoffnungsvollen Sohne Anastasius 
Grüns ein Sturz mit dem Pferde den Tod. 
Graf Theodor Auersperg ist der dritte, den 
die Gruft im Mausoleum zu Thurn am Hart 
einschließt. 

Zur Übersicht sei an dieser Stelle noch jener 
Dichtungen Anastasius Grüns gedacht (Faksi¬ 
mile Abb. 21), deren in der obigen Skizze nur 
flüchtig Erwähnung geschah oder die als später 
erschienene gar nicht genannt worden sind. „Der 
letzte Ritter“ (1830) bietet einen Romanzenkranz 
in der schon von Uhland etwas geändert an¬ 
gewendeten Nibelungenstrophenform, der präch¬ 
tige Bilder und Szenen aus dem Leben Kaiser 
Maximilians I. enthält und die Beziehungen des 
ritterlichen Kaisers zu hervorragenden Persönlich¬ 
keiten in Krieg und Frieden in kräftiger, edler, be¬ 
geisterter Dichtersprache zeichnet. Ohne eigent¬ 
lich ein Epos zu sein, schildert die Dichtung 
die romantischen Züge, deren 
so viele in Maximilians Leben 
hervortreten, sein Walten und 
Wirken bis zum Tode, und weihe¬ 
voll führt der „Epilog“ zu dem 
gewaltigen kunstvollen Toten¬ 
denkmale des Kaisers in der Inns¬ 
brucker Hofkirche. Manche Stelle 
in dieser an Poesie so reichen 
Dichtung weist auf die brau¬ 
send dahinströmenden Verse der 
„Spaziergänge eines Wiener 
Poeten“, die ja nahezu gleich¬ 
zeitig entstanden sind. Von den 
Ausgaben dieses Gedichtes sei 
als typographisch besonders be¬ 
merkenswert und heute schon 
zu den Seltenheiten zählend, 
die Erstausgabe in Klein-Quart 
(München 1830) erwähnt, die 
ein schön gestochenes Titelblatt 
Z. f. B. 1906/1907. 


mit einer Vignette enthält, Maximilian vor 
dem sein Bildnis zeichnenden Albrecht Dürer 
zeigend (Abb. 19). Zu erwähnen ist ferner die 
fünfte (Miniaturausgabe) von 1847 mit dem 
nach der Zeichnung J. P. Geigers auf dem Titel¬ 
blatt gestochenem Porträtkopfe des ritterlichen 
Kaisers. — Auch die „Spaziergänge“ wurden 
in vierter Auflage 1845 i m Miniaturformat mit 
einem gestochenen Titel von Geigers Meister¬ 
hand vorgelegt (6. Auflage Abb. 15). — Grüns 
„Schutt“ (1835) gilt a ^ s des Poeten gedanken¬ 
reichste Dichtung. Die freiheitliche Gesinnung der 
„Spaziergänge“ tritt uns auch darin, aber in all¬ 
gemeinerer Geltung entgegen; aus dem Schutte 
der zerfallenen alten Welt entsteht dem Dichter¬ 
geiste eine neue Welt der Freiheit und Humanität; 
er schildert in vier größeren Dichtungen die 
Klagen und Leiden eines in einem Turme ge¬ 
fangenen Dichters, das Entstehen und Vergehen 
eines Klosters, das Aufblühen des nordamerika¬ 
nischen, frisch pulsierenden Lebens im Lande, 
im Gegensatz zu den Trümmern Pompejis, und 
bietet endlich in „Fünf Ostern“ eine visionenhafte 
Betrachtung der an dem heiligen Boden Je¬ 
rusalems vorüberziehenden Jahrhunderte, die 
Christus der Sage nach zu Ostern hernieder¬ 
steigend anstellt Auch vom „Schutt“ liegt 
in der siebenten eine zierliche Miniaturausgabe 
(von 1846) vor, mit einem Stiche Geigers. 

Der „Pfaff vom Kahlenberg“ wurde gleich 



























282 


Schlossar, Vom Freiheitssänger Anastasius Grün. 




Abb. 15. Gestochener Titel zu den „Spaziergängen 
eines Wiener Poeten“. 6. Auflage. Berlin 1861. 

nach der ersten Auflage im Miniaturformat her¬ 
ausgegeben (1850). Eine Szene aus der Dichtung, 
von Ludwig Richter gezeichnet, ziert das Titel¬ 
blatt. 

Die letzten beiden poetischen Werke, die 
Anastasius Grün vor dem nach seinem Tode 
erschienenen Gedichtbande „In der Veranda“ 
veröffentlicht hat, sind Übertragungen. 
Schon vor den vierziger Jahren hatte der dieser 
Sprache Kundige sich mit der Übersetzung 
slovenischer Volkslieder beschäftigt, die er 
in Hormayrs Taschenbuch und anderwärts 
vereinzelt zum Abdrucke bringen ließ. Die 
Schönheit dieser Volksdichtungen mit ihrer oft 
elegischen Stimmung wußte der Bearbeiter vor¬ 
trefflich wiederzugeben, und er veranstaltete nun, 
mit einer gehaltvollen Einleitung versehen, die 
über die Bedeutung dieser slavischen Gesänge 
aufklärt, eine Sammlung derselben, die unter 
dem Titel „Volkslieder aus Krain“ 1850 bei 
seinen Leipziger Verlegern erschienen ist. Mit 
der Herausgabe dieser Lieder ist Auersperg 
wohl am besten dem ihm so oft von slove¬ 


nischer Seite gemachten ungerechten Vorwürfen 
begegnet: er stehe den slavischen Geistesbe¬ 
strebungen feindlich gegenüber. — Das an¬ 
dere Werk vortrefflicher Übertragungskunst 
waren die englischen Volksballaden über ,.kobin 
Hood“ (Stuttgart, Cotta, 1864), mit denen er 
sich ebenfalls jahrelang beschäftigt hatte. Audi 
diesen Balladen, die von dem merkwürdigen 
Volkshelden erzählen, dessen Taten Jahrhunderte 
hindurch sich in den Liedern Englands erhalten 
haben, ist eine ausführliche, einleitende Darstellung 
des Bearbeiterts vorangestellt. 

Nur wenige Worte noch über die eigent¬ 
lichen „Gedichte“ Grüns, zu denen auch die 
Sammlung „In der Veranda“ gehört, deren 
Bogen er auf seinem letzten Kranken¬ 
lager korrigierte. Als Lyriker und Balladen¬ 
dichter weist Anastasius Grün vielleicht nicht 
immer jene Glätte und jenen Fluß der Verse 
auf wie andere berühmte Poeten unter seinen 
Zeitgenossen. Aber wenige haben das Leben 
und Weben der Natur so aufmerksam beobachtet 
und zum menschlichen Fühlen mit sinniger Be¬ 
trachtung in so bedeutungsvolle Verbindung 
gebracht wie er. Meist sind es heitere, zum 
Herzen dringende Bilder und Gedanken, die den 
Leser dieser lyrischen Blüten erfreuen; fern 
von der Melancholie eines Lenau z. B. weist er 
uns das frische Leben in Wald und Gebirge, 
die Schönheit des Meeres und den Zauber, 
den es auf das Gemüt ausübt: alles gibt 


Abb. 16. Denkmünze zu Anastasius Grüns 70. Geburtstage. 
(11. April 1876). 









Schlossar, Vom Freiheitssänger Anastasius Grün. 


283 




Abb. 17. Titelstahlstich (Illustration zu „Der Ring“) der 
Miniaturausgabe von Anastasius Grüns „Gedichten“ 

13. Auflage. Berlin 1866. 

Uns aber hat an ihren Glanz 
Des Zerrbilds Fratze sich gekettet. 

Die tiefempfundenen Sonette, die Grün an 
Lenau 1845 gerichtet hat, sind in der „Veranda“ 
enthalten; das letzte dieser Sonette entstand in 
Helgoland, wo Grün eben weilte, als ihm die 
Todesnachricht zukam: „Ein Ort ist’s, recht zu 
denken dieses Toten — Und solcher Kunde 
könnt ihr bessern Boten — Als sein geliebtes 
Meer wohl nicht erbitten . . Noch mehr und 
weiterhin hat er das Andenken des unverge߬ 
lichen Freundes und großen Dichters geehrt; 
er hat 1851 dessen „dichterischen Nachlaße 
mit einem überaus innigen Vorwort heraus¬ 
gegeben. Im Jahre 1855 erschien ferner im 
Cottaschen Verlage die ebenfalls von Anastasius 
Grün herausgegebene vierbändige prächtige 
Gesamtausgabe der Werke Nikolaus Lenaus, 
der Grün die von ihm verfassten „Lebens¬ 
geschichtlichen Umrisse“ vorangestellt, als ein 
bleibendes literarhistorisch bedeutendes Denk¬ 
mal für den unglücklichen Dichter. 


ihm Veranlassung zu feiner poetischer Be¬ 
obachtung. Einige kräftig gezeichnete er¬ 
zählende Stücke bietet namentlich „In der 
Veranda“, ein Werk, in dem auch manches 
politische Lied enthalten ist, das in der vor¬ 
märzlichen Sammlung keine Aufnahme finden 
konnte. Auch von der Sammlung der „Gedichte“ 
liegt in der dreizehnten Auflage (1865) eine mit 
schön gestochener Zeichnung G. Reimers ver¬ 
sehene Miniaturausgabe vor (Abb. 17). 

Die leicht skizzierte Darstellung des Lebens 
und Wirkens Anastasius Grüns böte eine emp¬ 
findliche Lücke, wenn sie nicht mehrerer 
Freunde gedächte, mit denen er bis zu deren 
Lebensende innig verkehrte und deren einige viel¬ 
genannte Namen österreichischer Dichter auf¬ 
weisen. Zu diesen gehören insbesondere Franz 
Castelli und Eduard Bauernfeld. Mit beiden 
stand Grün von seinem ersten Auftreten als 
Dichter an in den freundschaftlichsten Beziehungen, 
später in eifrigem Briefwechsel und beide haben 
ihn auch in seinem Dichterheim zu Thurn am 
Hart besucht. Der berühmteste und von Grün 
am höchsten verehrte seiner Freunde aber ist 
der unglückliche Nikolaus Lenau, dessen trauriges 
Geschick Auersperg Schritt für Schritt ver¬ 
folgte. Ihm, dem freilich schon von Wahnsinn 
Umnachteten, hat Anastasius Grün seinen „Pfaff 
vom Kahlenberg“ gewidmet, im Unmut über 
die Greueltaten aber, die sich an die er¬ 
rungene „Freiheit“ geknüpft, ruft er dem Freunde 
in der Widmung zu: 

Du hast in Deiner Nacht gerettet 

Ihr Bildnis groß und rein und ganz; 


Abb. 18. DenkmiinzezuAnastasiusGrünsyo. Geburtstage. 
(Rückseite.) 












Schlossar, Vom Freiheitssänger Anastasius Grün. 


284 




In literargeschichtlichen Werken 
verschiedener Nationen ist Anastasius 
Grün längst gewürdigt, auch die Be¬ 
deutung des Staatsmannes Anton 
Alexander Graf Auersperg und seine 
mannhafte, echt deutsche Gesinnung ist 
oft hervorgehoben worden. Des edlen 
Mannes aber, des echt menschlich 
fühlenden mit dem besten Herzen, hat 
man bisher selten gedacht. Und doch 
sind auch seine Herzenseigenschaften 
besondrer Aufmerksamkeit wert. Wie 
den Freunden gegenüber eine Natur 
voll zarten Freundessinnes ohne Falsch 
und Hehl, so war Graf Auersperg 
auch reich an inniger Liebe für seine 
Gemahlin. War er von Hause abwesend, 
so unterließ er es nie, fast täglich Briefe 
an die Hochverehrte zu senden und ihr von 
seinem Leben und Treiben zu berichten. Von 


Abb. 19. Gestochene Titclvignctte zur ersten Auflage von 
Anastasius Grüns „Letzten Ritter“. München 1830. 

dem Aufenthalte in Helgoland (Briefkopf Abb. 8), 
der ihn zu einer Reihe von Liedern begeisterte 
und währenddessen ihn nur einmal die 
Gattin besuchte, liegt eine reiche Zahl 
bisher gänzlich unbekannter und unge¬ 
druckter Briefe an sie vor, aus denen 
zum Schlüsse noch einiges mitgeteilt sei. 
Es dienen diese Briefe zugleich als inter¬ 
essante Schilderung des damaligen Bade¬ 
lebens. 

Zunächst ein Schreiben, am 8. August 
1850 in Helgoland abgesendet: 

„Mein theures liebes angebetetes Maritscherll 
Soeben ist das Hamburger Dampfschiff ange¬ 
kommen und ich eilte sogleich auf das Postbüreau 
um nach Briefen von Dir zu fragen. Gottlob es 
ist einer da! — Möchte nur jedes Dampfschiff — 
es kommt wöchentlich nur dreimal — mir einen 
Brief von Dir, mein Engel bringen. — Du äng¬ 
stigst Dich ohne allen Grund um mich in Betreff 
des Vorzugs, den ich dem Helgoländer Bade 
gebe. Du kannst überzeugt sein, daß ich mit 
aller möglichen Vorsicht bade und gewiß nicht 
mit jugendlichem Leichtsinn, der mir übel an¬ 
stehen würde. — Bereits habe ich zwei Bäder 
ganz gut überstanden und es kommt mir vor als 
ob sie mir recht gut anschlagen könnten. — 
Heute war der herrlichste Badetag und ich bin 
mit den Wellen schon etwas vertrauter geworden. 
Auch an Gesellschaft fehlt es nicht; aus Öster¬ 
reich ist nebst dem Neuwall’schen Ehepaare 
noch Dr. Lichtenfels, ein General Gf. Morzin 
und ein Bon. Morzin und ein Bon. Puthon aus 
Wien da. Auch sonst giebt es sehr anständige 
Gesellschaft, im Ganzen über 800 Fremde. Meine 
Wohnung ist recht anständig, zwar etwas klein, 
nur ein Zimmerchen, aber elegant und reinlich im 
















& if*™' bo™' y 

^f'irvns*-' / iri^hr-Oc^y^ j 

f^h*u~ f rv * 1M **'/ ****•"“- £+*•— ' 


<&Cn^ ijL*!-' hVu^. 


TH^Cr. t A-^ J 

0 ^ X~ j/<j ^v-yfc+'j/lh^ 

qKt^ fou* -tCr-it €<^C^ j^Coj^JL % 


CJ-T-+. t) **JS 


(Bf. aXCrdX l^XT *^ 1 ^, ., 

eÜ /*£*. 

i^sr 


ä^c XV- e^c / 


folU^- t^U«. 

<£/ O ^ ^ ^ 


^rn-» « « 

i/ ^ 1 «' » 4 L<U-At«. ' 

w*^ h-tr-'f'tsbr* ^ 

yU M XfrZjr JUyjr’/ 

Abb. 21. Obere Hälfte eines Oktavblattes mit Anastasius Grüns Handschrift seines Gedichts „So einer“. 
(Mit kleinen Änderungen aufgenommen in der Sammlung „In der Veranda“. Berlin 1877). 





Zeitschrift für Bücherfreunde X. 


Zu Schlossar . Ko;« Freiheitssänger Anastasius Grün. 






Schlossar, Vom Freiheitssänger Anastasius Grün. 285 



Abb. 22. Exlibris Guido Graf von Auersperg (Großneffe von Anastasius Grün) 
mit dem Wappen der Pankrazschen Linie des Geschlechts. 


höchsten Grade, in der oberen Stadt mit der Aussicht 
aufs Meer. Das Haus heißt ,,Stadt London“ und ich 
sende Dir eine kleine Abbildung davon. — Ich habe zwar 
die Unbequemlichkeit täglich die große Treppe, welche 
die untere Stadt mit der oberen verbindet, einigemale 
auf- und absteigen zu müssen, dafür aber auch die Aus¬ 
sicht aufs Meer und die reinste beste Luft. — Das alles 
wäre wohl und gut, wenn ich nur Dich, mein Engel, in 
meiner Nähe hätte. — — Millionenmal Dich um¬ 
armend, mit der zärtlichsten Liebe Dein treuer. 

A.“ 

(Aus einem Schreiben vom 10. August 1850) „Heute 
ist ziemlich stürmisches Wetter und da wir nicht auf Hel¬ 
goland selbst, sondern auf einer anderen Sandinsel — 
die Düne genannt — baden, so gab es eine ziemlich 
lange dauernde Herüberfahrt. Diese Fahrten hin und 
zurück sind sonst, wenn Wind und Wetter günstig, sehr 
angenehm. Sie kürzen auch den langen Vormittag, mit 
dem man sonst nicht fertig zu werden wüßte. Heute 
habe ich mein viertes Bad hinter mir; bisher schlägt 
es mir ganz gut an. — Vieles zu dem Wohlbefinden, das 
man hier spürt, liegt wohl in der überaus reinen gesun¬ 
den Seeluft. Meine Tagesordnung ist, daß ich morgens 
um 7 Uhr aufstehe, zwischen halb 8 und 8 Uhr ein sehr 
leichtes Frühstück nehme, dann in die untere Stadt 
hinabsteige und zur Düne hinüberfahre. — Dort wird 
schnell ein Badekarren gesucht und schleunig ins Meer 
gestürzt. — Dann nimmt man ein stärkeres Frühstück, 
nachdem man früher etwas Bewegung gemacht hat. 
Die jübrigen Vormittagsstunden werden zu kleinen 
Spaziergängen oder Seefahrten benützt; um 4 Uhr geht 
man zu Tische, wo man zwar recht gut ißt, aber un¬ 
endlich langsam bedient wird. — Dann wird, nachdem 
man zwischen 6—7 Uhr von der Tafel aufgestanden, 


wieder promeniert oder zur 
See gefahren — und der Abend 
von den meisten im Kur- oder 
sogenannten Konversations¬ 
saale zugebracht. Da meine 
Natur wie Du weißt, nicht über¬ 
aus geselliger Art ist, so lese 
ich Abends gewöhnlich die 
mit dem letzten Dampfschiff 
gekommenen Zeitungen oder 
spaziere zum Leuchtthurm 
und diskurire mit den alten 
Helgoländern. Um l \ 2 n Uhr 
gehe ich dann zu Bette und 
wünsche Dir aus der Ent¬ 
fernung eine gute, gute Nacht 
und träume von Dir.“ 

<«- 

(Aus einem Schreiben vom 
13. August 1850) „Mein Befin¬ 
den ist ganz gut, ich könnte 
fast sagen vortrefflich, wenn 
die alte Sehnsucht meines 
Herzens mich blos auf mein körperliches Wohlsein 
reflektieren ließe. Auffallende Wirkungen des Bades 
spüre ich bisher noch keine weder im guten noch im 
schlimmen Sinne, es müßte denn dies allgemeine körper¬ 
liche Wohlbefinden auf Rechnung des Bades zu setzen 
sein, während ich es vielmehr der äußerst reinen, 
milden und gesunden Seeluft zuschreibe. Es ist seltsam, 



Abb. 23. Anastasius Grün um 1874. 






















































286 


Schlossar, Vom Freiheitssänger Anastasius Grün. 



Abb. 24. Das Mausoleum beim Schlosse Thurn am Hart. 


was man unter dem Schutze dieser köstlichen Seeluft 
Alles verträgt. Man badet in Sturm und Platzregen, 
man ißt und trinkt dreimal so viel als sonst ohne 
irgend eine Beschwerde, man fährt im offenen Boote 
im schärfsten Wind und strömenden Regen hinüber 

zur Düne, ohne nachtheilige Folgen.-Gestern 

geschah mir eine schmeichelhafte Überraschung. Ich 
ging in die ziemlich spärlich ausgestattete Leihbiblio¬ 
thek, welche ein alter ehrenfester Lotse für die Bade¬ 
saison unterhält, um eine kleine Lektüre auszusuchen. 
Als ich auf Befragen meinen Namen nannte, umarmte 
mich der alte Mann fast aus Freude und wollte von mir 
durchaus keine Bezahlung annehmen. Natürlich ließ 
ich dies nicht zu, aber die Geschichte freute mich.“ 

(Aus einem Schreiben vom 15. August 1850). „Heute 
Abends wird eine große Seefahrt rund um die Insel 
herum veranstaltet, wobei fast 800 Badegäste in einer 
Unzahl von größeren und kleineren Booten die Rund¬ 
reise unternehmen; zu Deiner Beruhigung, mein Engel, 
füge ich hinzu, daß ich in einem der größeren Boote 
meinen Platz genommen habe. Die ganze Küste und 
alle Grotten und Felsen werden dabei mit bengalischem 
Feuer erleuchtet, es soll ein wunderbarer Anblick sein. 


O wärst Du nur dabei!-Dieser Tage habe ich 

auch angefangen, einige Zeichnungen von Helgoland 
zu versuchen und interessante Punkte aufzunehmen.— 
Wie angenehm wird es sein diese Bilder in der Er¬ 
innerung zu betrachten und in der Gesellschaft mit Dir!“ 

Die erwähnten Bilder in I Iandzeichnung und 
zarter Aquarellierung haben sich jüngst im 
Nachiah des Dichters gefunden. 

Aus dem Jahre 1854 liegen aus Helgoland 
Schreiben an die Gemahlin vor, die mit¬ 
unter in hübschen Vignetten Abbildungen von 
Örtlichkeiten daselbst und des Lebens und 
Treibens der Badegäste zeigen. Die Art dieser 
Vignetten erweist das S. 275 wiedergegebene Bild 
des Briefkopfes. Die Gräfin hatte ftir eine kurze 
Zeit selbst auf Helgoland geweilt und darauf 
bezieht sich der Anfang des Schreibens vom 
29. August 1854: 

„Die beifolgende Vignette gefiel mir nicht übel, 
darum nahm ich sie im Vorbeigehen mit, um Dir zu¬ 
gleich die Erinnerung an einen Weg aufzufrischen, den 
wir so oft mit einander gemacht und dessen 190 Stufen 
ich nun allein hinauf- und hinabsteige, wenigstens zwei¬ 
mal des Tages, nämlich zum Bade und zu Tische, bis¬ 
weilen auch 4 bis 5 mal. Heute über acht Tage kommt 
das Dampfschiff an, welches mich morgen über acht 
Tage dieser lieben Insel entführt, von der ich auch 
diesmal hoffe, daß sie mir Gesundheit und Lebenskraft 
wiedergegeben haben wird, denn sonst wäre diese 
lange Trennung von Dir, mein Engel, doppelt zum ver¬ 
zweifeln. Mein Befinden ist gottlob gut, die Bäder 
schlagen mir trefflich an und die hiesige Existenz habe 
ich mir durch eine zweckmäßige Tageseintheilung so 
erträglich gemacht als es nur immer möglich ist, wenn 
ich Dein liebes Gesichtchen nicht sehen kann. Neues 
giebt es von hier aus nichts zu berichten. Die Mono¬ 
tonie des hiesigen Lebens ist nur selten durch kleine 
Intermezzos unterbrochen.“ 

Damit seien diese Erinnerungen an einen 
großen und bedeutenden Dichter geschlossen. 
Sein reiches Dichtergemüt wird jetzt, da seine 
Werke für das Volk frei geworden, für das er in 
Lied und Wort eingestanden, auf die neue Gene¬ 
ration, die den „Wiener Spaziergänger“ noch 
zu wenig kennt, gewiß reiche Wirkung ausüben 
und tausende von Herzen ihm nahe bringen. 



















Zur Pflege unserer Bibliotheken. 


Von 

Emanuel Steiner in Basel. 


I. 


Das uncrebundene Buch. 

o 


s ist eine Tatsache, die am besten 
der deutsche Kunstbuchbinder beweisen 
könnte: daß in Deutschland das Inter¬ 
esse für schöne und dauerhaft hergestellte 
Bucheinbände noch immer ein geringes ist. Das 
heißt: oft ist # das Interesse da, aber es ist nicht 
genügend stark, um für die Kosten einzustehen, 
die ein vollkommener Bucheinband verursacht. 
Ein großer Teil Schuld trifft allerdings die Imi¬ 
tationssucht, die unser heutiges Einbandwesen zu 
einem Unwesen ersten Ranges gestempelt hat, und 
die Unfähigkeit, diese Tatsache zu erkennen. 

Denn der Bucheinband ist in seiner Erscheinung 
nicht mehr, was er einst war: ein möglichst dauer¬ 
hafter und mit größter Sorgfalt hergestellter — er 
ist vielmehr das Produkt einer Zeit, deren Erzeug¬ 
nisse den Typus der Massenanfertigung und damit 
der unsoliden und unpersönlichen Arbeit tragen. 
Es sei zugegeben, daß heute, wo der Bücherkonsum 
ein so gewaltiger ist, dem einzelnen Buch nicht 
die Sorgfalt gewidmet werden kann, wie dies in 
einer Zeit möglich, da die Druckerkunst noch nicht 
erfunden war oder erst in ihren Anfängen lag, und 
das Buch als solches einen kostbaren Wert präsen¬ 
tierte. Damals waren Bibliotheken, wie sie heute 
viele Private besitzen, eine Undenkbarkeit. Heute 
hat jeder gebildete Mensch seine eigene Bibliothek 
und er ist um so stolzer auf sie, je wertvoller und 
je größer sie ist. Wertvoller aber doch nur in literari¬ 
schem Sinne bei uns, denn Besitzer von Bibliotheken, 
wie sie in England und Frankreich oder in Amerika 
nicht selten sind, die auf den Einband großes 
Gewicht legen und tausende dafür auswerfen, haben 
wir tatsächlich nicht. 

Man muß sich nur eine Bibliothek ansehen, 
wie sie bei uns überall zu finden ist und den 
Typus einer „zeitgemäßen“ Einrichtung bildet. Der 
Eindruck ist in der Regel ein jammervoller. Am 
besten kommen noch die speziell einen wissenschaft¬ 
lichen Charakter tragenden Bücher fort, und dies 
aus besonderen Gründen. Einmal hat das Format 
dieser Bücher bestimmtere Grenzen und das Schild¬ 
chen auf dem Rücken steht in gleicher Höhe. Auch 
ist der schäbige Überzug meist dunkel gehalten. 
Kommt dazu noch ein dunkles Zimmer, so läßt 
sich das Ganze leidlich ansehen. 

Heikler ist die Sache, wenn uns etwa mit Ge¬ 
nugtuung die Bibliothek einer schönen Literatur 
gezeigt wird. Da kommen wir in einen Irrgarten. 
Der Inhalt geht mich hier nichts an; es gibt genug 
zu sagen, was den Einband anbelangt. Das Zimmer 



ist schön, die Möbel sind kostbar, aber jetzt wird 
der Vorhang vor dem Bücherschrank zurückgezogen, 
und eine andere Welt tritt in Erscheinung. Eine 
eigentümliche Welt! Was sind das für Bücher! 
Mit bunten Fetzen notdürftig bekleidet, ein tolles 
Kunterbunt, suchen sie sich gegenseitig zu halten. 
Das wackelt und schlottert auf diesen Brettern, 
daß man ein Stein sein müßte, um nicht Mitleid 
zu empfinden. Mitleid mit dieser Gesellschaft und 
ihrem Besitzer! Aus allen Ländern (soll heißen 
„Läden“) ist sie hergeschleppt worden, gleich fertig 
angezogen: Schund für echt genommen, zur not¬ 
wendigsten Repräsentation! — Gewiß, es ist nicht 
weit her mit unserm Bedürfnis nach Schönem und 
Gutem, so lange unsere Bibliothek einen solchen 
Eindruck gewährt. 

Was zu einer jeglichen Anlage nötig ist: der 



Pergamenteinband zu ,, T r i s t anju n d Isolde“. 
(Himmel blau, Erde grün mit weißen Rosen; übermalter Goldstempel; 
Stern in Gold.) Entwurf und Ausführung: E. Steiner in Basel. 












288 


Steiner, Zur Pflege unserer Bibliotheken. 



Leder ei nband 

mit bemalter und vergoldeter Pergamenteinl age. 
Entwurf und Ausführung: E Steiner in Basel. 


Plan zur Sache, der mangelt unseren Bibliotheken. 
Wer weih denn von den meisten Bücherbesitzern, wie 
sein Buch gebunden werden kann? Wer besitzt ein 
von Bibliophilen oder Fachmännern geschriebenes 
Buch darüber? Es mag sein, daß fachtechnische 
Abhandlungen oft wenig genießbar sind; aber 
man sollte sich wenigstens an einen gewissenhaften 
und tüchtigen Buchbinder halten, der über alles 
Wissenswerte Auskunft zu geben vermag. 

Der Raum gestattet mir nicht, mich über dieses 
Thema eingehend zu verbreiten; ich muß mich 
darauf beschränken, einige hauptsächliche Regeln 
aufzuführen, die jedermann beobachten sollte, dem 
es daran gelegen ist, daß seine Bibliothek auch 
nach außen hin einen mustergültigen Eindruck 
gewähre und somit auch späteren Geschlechtern. 
Freude bereiten kann. 

Man kaufe ein Buch nie gebunden und bestehe 
darauf, ein solches nur broschiert anzunehmen. Der 
Verlegereinband ist der denkbar schlechteste Ein¬ 
band. 1 Nicht nur, daß er von keinem künstlerischen 
Wert sein kann, da auch der beste Schmuck nur 
ein äußerlicher ist und den Stempel der Verviel¬ 
fältigung trägt — er ist in jeder Beziehung un¬ 


genügend. Die ganze Konstruktion ist unsolid 
und das Werk hat nur scheinbaren Zusammenhang 
mit der Decke. Diesen verliert es je nach der 
Schwere des Buches früher oder später. Das zur 
Verwendung kommende Material ist oft imitiert. 
Papier wird täuschend zu Leinwand, ja sogar zu 
Leder gestempelt. Das Gold ist kein echtes und 
wird bald schwarz. 


Bei einem Lieferungsu'erke nehme man die dazu 
angepriesene Decke nie an, denn ein Buch „in Decke 
gehängt“ (wie der Fachausdruck richtig sagt) ist 
das unsolideste Buch. Für den Preis, den eine 
solche Decke nebst einbinden kostet, erhält man 
vom Buchbinder schon einen recht hübschen 
zweckmäßigeren Einband. 


Man vertraue seine Bücher nie dem billigsten 
Buchbinder an, denn der billigste Buchbinder ist 
auch der gewissenloseste und schlechteste. Es kostet 
oft Mühe oder Sachverständnis, um eine Mehrarbeit 
am Buche, die auch Mehrkosten bedingt, heraus¬ 
zufinden. Diese Mehrarbeit ist eine verborgene, 
wenn sie sich auf das wichtigste, nämlich auf die 
Konstruktion, vereinigt. Die äußere Erscheinung 
vermag der Bücherfreund schon eher zu beurteilen, 
da sie sich auf Material und dessen Verarbeitung 
sowie auf künstlerische Erscheinung im allgemeinen 
bezieht. 

Man dränge den Buchbinder mit der Arbeit 
jiicht. Der Buchbinder hat im Winter die Hände 
voll zu tun, während im Sommer niemand an ihn 
denkt. Wenn er sich im Winter auch mit mehr 
Kräften versehen wollte, so ist ihm das meist un¬ 
möglich gemacht, da ihm in dieser Zeit kein tüch¬ 
tiger Arbeiter zur Verfügung steht. Auch wäre 
eine Möglichkeit in diesem Sinne nicht einmal gut, 
da die Arbeit, die in jeder Werkstätte wieder ihren 
besonderen Charakter hat, darunter leiden würde. 
Bei kostbaren Einbänden sind Monate des Wartens 
nicht zu viel, und man sollte sich im eigenen Inter¬ 
esse darnach einrichten. Erfordert doch schon, 
wie ausgerechnet wurde, der sogenannte Halbffanz- 
band 30 einzelne Arbeitsakte, die, wenn der Einband 
vollkommen werden soll, viele Unterbrechungen 
erleiden. Ein kostbarer Einband aber verlangt 
unendlich mehr Arbeit und Zeit. Skizzen, Ent¬ 
würfe, geeignete Materialbeschaffung, eventuelle 
Extrabeschaffung von Stempelmaterial, das ge¬ 
schnitten werden muß, von Schließen und Eck¬ 
stücken, die nicht passend vorhanden sind — dies 
alles sind .nur Vorbereitungen, ehe zur eigentlichen 
Arbeit geschritten werden kann. 

Für das broschierte Buch hat der Buchbinder ver¬ 
schiedene Einbände. Einmal, als die billigsten, den 


1 Die sogenannten Verlegereinbände haben sich mit dem Aufschwung der deutschen Bibliophilie ganz erheblich 
verbessert. Aber der Reiz des persönlichen Geschmacks fehlt ihnen naturgemäß. F. v. Z. 




Steiner, Zur Pflege unserer Bibliotheken. 


289 


sogenannten Pappband (Papierüberzug), den Halb¬ 
leinenband (Leinenrücken und Papierüberzug) und 
den Ganzleinenband. Diese Einbände, wenn auch 
sorgfältiger und mit echtem Material ausgeführt, 
taugen nicht viel mehr als die Verlegereinbände, 
da der Buchblock wie bei jenen nur in die Decke 
geklebt ist. Sie können also höchstens bei kleinen 
Bändchen, wie z. B. solchen von Reclams Univer¬ 
salbibliothek, in Frage kommen. 

Der solide Einband fängt erst da an, wo als 
Rückenmaterial Leder zur Verwendung kommt. Da¬ 
mit findet auch eine bessere Behandlung und 
Verbindung mit der Buchdecke statt. Die Enden 
der Schnüre, auf die das Buch geheftet ist, 
werden nicht nur an die Deckel geklebt, sondern 
durch die Buchdeckel gezogen. Durch diesen 
Prozeß gewinnt die Verbindung zwischen Buchblock 
und Buchdecke den größten Halt. Nun muß man 
freilich wissen, daß sich vielfach die Buchbinder 
der Aufgabe entziehen, den Halblederband auf 
diese Weise herzustellen. Der Bücherbesitzer 
sollte aber keinen Halblederband annehmen , der nicht 
auf solche Weise gefertigt worden ist. Ohne diese 
Mehrarbeit hat das Leder am Rücken gar keinen 
Zweck, denn das Buch wird weit eher aus der 
Decke fallen, als daß das Rückenmaterial zugrunde 
geht. Der Einband wird etwas teurer zu stehen 
kommen, aber die Differenz ist nicht allzu groß. 
Ob ein Buch nach dieser Methode gebunden 
wurde oder nicht, merkt man schon an der äußeren 
Erscheinung. Bei Nichtanwendung des Verfahrens 
ist der Bucheinband schlaff und ohne festen Halt. 


Eine nächststehende Einbandart ist der soge¬ 
nannte Halbfranzband. Er ist dem Halblederbande 



gleich und es ist auch hier, was Erhöhung der Dauer¬ 
haftigkeit anbelangt, dasselbe zu verlangen wie 
beim Halblederbande. Es ist die sorgfältigere Be¬ 
handlung und der reichere Schmuck, der diese 
Einbandart über die andere erhebt. Dieser Schmuck 
ist hauptsächlich ein konstruktiv betonter und damit 
wird der Typus geschaffen. Der Rücken ist nämlich 
nicht glatt, sondern mit sogenannten Nerven oder 
erhabenen Bünden versehen. Früher waren diese 
Bünde (Schnüre, auf die das Buch geheftet ist) 
echt; heute ist die Echtheit nur auf Bestellung 
zu erhalten, da die Kosten dafür größere sind. 
Mancher Buchbinder würde in Verlegenheit ge¬ 
raten, sollte er sich dieser Arbeit unterziehen, 
da sie ihm vollständig entwöhnt ist. Heute wird 
die Schnur in das Buch versenkt, was eine be¬ 
deutende Arbeitsverminderung, damit aber auch 
eine Verschlechterung des Einbandes bedeutet. 
Diese Bünde sind also nicht echt und werden 
durch Kartonstreifchen ersetzt, die vor dem Leder¬ 
bezug auf den Rücken gebracht werden. Wer es 
nicht wagt, seine Bücher mit kostspieligen, aber 
echten Bünden ausstatten zu lassen, der wird 
auch so einen Einband erhalten, der, was min¬ 
destens die Schönheit anbelangt, dem echten nicht 
viel nachsteht. 

Der Halbfranzband ist dem Halblederbande 
auf jeden Fall vorzuziehen, gerade deshalb, weil 
die Dauerhaftigkeit in den erhabenen Bünden zum 
Ausdruck kommt. Man kann wohl sagen: erst 
ein Buch mit erhabenen Bünden hat Charakter. 

Von diesen Alltagseinbänden führt ein großer 
Schritt zu den Ganzlederbänden. Diese Einband¬ 
art kommt wohl nur bei schönen und seltenen 
Druckwerken oder für bestimmten Zweck in 



Z. f. B. 1906/1907. 


Pergamenteinbände von Emanuel Steiner in Basel. 


37 
















290 


Steiner, Zur Pflege unserer Bibliotheken. 


Anwendung. Ihre Ausführung bedingt einen Mehrauf¬ 
wand an Material, gröberer Sorgfalt und kostbarem 
Schmuck. Auf den wichtigsten Punkt ist auch 
hier wieder zu achten: die Schnüre dürfen nicht 
i?i das Buch eingelassen werden , sondern das Buch 
muß darauf geheftet werden. In diesem Falle sind 
die Bünde auf dem Rücken dann echte zu nennen. 
Ein auf solche Weise behandelter Einband ist der 
Idealband. Das Buch hält bei gutem Material 
und technisch vollkommener Behandlung hunderte 
von Jahren aus. Es läßt sich bequem öffnen, 
ohne dabei an Festigkeit einzubüßen. 

,,Das bequeme Öffnen“ bildet hauptsächlich 
den wunden Punkt bei unseren heutigen Büchern. 
Bequem öffnen lassen sich die letzterwähnten, mit 
echten Bünden versehenen Bücher. Hier allem haben 
wir das Vollkommene. Bequem lassen sich auch 
die Bücher öffnen, die gebunden vom Buchhändler 
gekauft 7 i>erden. Aber diese Bequemlichkeit erfolgt 
ganz auf Kosten eines festen und soliden Ein' 
bandes. Es gibt wohl noch eine Art von Einband, 
über die der Buchbinder verfügt und die den 
Wünschen gerecht werden soll, ohne den Kosten¬ 
punkt wesentlich zu erhöhen: das Buch auf Band 
geheftet. Noten, auch Bücher mit sehr starkem 
Papier oder Tafeln, lassen sich kaum anders bin¬ 
den, aber das muß betont werden, daß allen 
auf solche Art gebundenen Büchern das Festge¬ 
fügte mangelt. Wo letzteres erreicht werden will, 
kann es nur auf Kosten des bequemen Öffnens 
geschehen, falls man sich nicht zu der einzig 
richtigen Art, dem Buch mit echten Bünden, ent¬ 
schließen kann. 

Also: einem Buche, damit es sich besser öffne, 
das Rückgrat zu brechen, ist Barbarismus. Größere 
Bücher fügen sich willig dem Gesetze der eigenen 
Schwere, aber wo es sich um einen „kleinen“ Band 
handelt, mit dem man nicht fertig wird, muß er 
eben als „Büchlein der Geduld“ in beiden Händen 
gehalten, oder aber, auf Kosten des Bucheinbandes 
— auf Band geheftet werden. 

Von unserem Standpunkte aus ist das „Büch¬ 
lein der Geduld“ vorzuziehen. 

Als Material für den Rückenbezug oder für 
ganze Deckenbekleidung können verschiedene Arten 
in Anwendung kommen. Als billigstes Leder kommt 
Schafleder in Betracht. Diesem weit vorzuziehen 
ist Ziegenleder. Das beste und schönste Ziegen¬ 
leder kennen wir unter dem Namen „Saffian“ und 
„Maroquin“. Das feine und elegante Kalbleder ist 
nach den Untersuchungen eines ernannten Komitees 
der „Society of Arts“ das denkbar schlechteste 
Leder und verfällt sehr schnell. Nicht weniger 
schlimm ist es mit dem beliebten Juchtenleder, das 
ebenfalls bald spröde und brüchig ist. Das beste 


Leder, das Verwendung finden kann , ist Schweins- 
leder. 

Neben Leder bildet Pergament eine angenehme 
Abwechslung. Was seine Dauerhaftigkeit anbelangt, 
so kommt es dem besten Leder gleich. Dabei 
ist es verhältnismäßig sehr billig. 

II. 

Das gebundene Buch. 

Der Kenner schätzt in hohem Maße die Buch¬ 
einbände eines Grolier. Er erkennt sie, abge¬ 
sehen von dem Typischen in der Dekoration, 
an dem Exlibris Groliers, und an seinen beiden 
schönen Devisen. Diese Besitzerzeichen sind auf 
der Vorder- und Rückseite der Grolierschen Ein¬ 
bände aufgedruckt. Heute wird es Mühe kosten, 
eine Bibliothek zu finden, bei deren Einbänden 
eine solche Anbringung möglich wäre, denn unsere 
Einbände haben selten einen vollständigen Leder¬ 
bezug. Mit der Anbringung unserer heutigen Innen- 
Exlibris ist es aber eine bedenkliche Sache. Ich 
anerkenne den künstlerischen Wert, den ein solches 
Exlibris haben kann, vollständig; was aber seine 
Verwendung anbelangt, so möchte ich raten, von 
einer solchen abzustehen. Ein solches Exlibris 
kann das ganze Buch verderben. Abgesehen von 
der Gelegenheit, die es bietet, die bizarrsten Dinge 
auf das Papier zu bringen, die sich durch die 
ganze Bibliothek in jedem Buche wiederholen, so 
bleibt es auf jeden Fall immer etwas Aufgcklcbtes 
und bleibt ohne jegliche Vermittelung zu dem Ein¬ 
bande. Bei Büchern mit buntem Vorsatz ist die 
Wirkung geradezu eine brutale. Es ist darum vor¬ 
zuziehen, sich einen Stempel schneiden zu lassen, 
der möglichst einfach und in beschränktem Um¬ 
fange gehalten ist. Diesen kann der Buchbinder 
in der äußeren Dekoration des Buches anbringen 
oder in schwarz auf dem fliegenden Vorsatz (wenn 
dieser bunt ist, dann auf dem folgenden weißen 
Blatt) abdrucken. 1 

Die künftige Aufstellung des Buches ist nicht 
ohne wesentliche Bedeutung für seine Konservierung. 
Vor allem soll das Buch so wenig der Hitze als 
der Feuchtigkeit und auch nicht direktem Sonnen¬ 
lichte ausgesetzt werden. Der Bücherschrank soll 
von der Wand abstehen, besonders, wo er ein ge¬ 
schlossener ist, damit er nicht Feuchtigkeit auf¬ 
nimmt. Auch soll er nicht in der Nähe eines 
Ofens aufgestellt werden. Überhaupt ist darauf 
zu achten, daß die Temperatur eine möglichst 
gleichmäßige ist. Bei feuchtem Wetter soll der 
Schrank geschlossen bleiben, wogegen bei warmem 


1 Auch ich ziehe auf Ganzlederbänden ein Super-Exlibris vor. Im übrigen teile ich die Ansicht unseres fach¬ 
männischen Herrn Mitarbeiters nur da, wo unschön gezeichnete und billig wiedergegebene Innen-Exlibris in Frage kommen. 
Ich lasse meine Exlibris häufig ganzseitig abdrucken und hinter den Vorsatz miteinbinden. F. v. Z. 





Steiner, Zur Pflege unserer Bibliotheken. 


29I 


Wetter die Türen öfters geöffnet werden sollen, 
um Luft eindringen zu lassen. Direktes Sonnen¬ 
licht ist den Büchern in hohem Maße schädlich. 
Nicht nur der Farbe des Materials wegen, mit 
dem sie bezogen sind und die natürlich leidet, 
sondern auch des Materiales selbst wegen, das 
damit einem Verfalle unterworfen wird. Gegen 
eventuelle Gefahren des Sonnenlichtes empfiehlt 
das oben erwähnte Komitee, für die Fenster ge¬ 
körntes Glas zu verwenden. 

Als den gefährlichsten Feind für eine Biblio¬ 
thek wurde die Verwendung von Gasbeleuchtung 
in Bibliotheken erkannt. Die Gasdünste schaden 
den Büchern vermutlich der schwefligen Säure 
w T egen, die sie enthalten. Am meisten leiden die 
Bücher auf den obern Regalen darunter. Es muß 
darum dringend empfohlen werden, von einer Be¬ 
leuchtung mit Gas abzusehen. 

Die Bücherbretter, auf denen die Bücher ruhen, 
müssen möglichst glatt sein, um die Bücher beim 
Fferausnehmen zu schonen. Die Bücher sollen 
nicht zu gedrängt stehen, da sie sonst beim Heraus¬ 
nehmen leiden; aber auch das Umgekehrte darf 
nicht der Fall sein, da durch das Freistehen die 
Bücher ihre Festigkeit und Geschlossenheit verlieren. 

Die Bücher sollten mindesens einmal im Jahre 
aus dem Schrank genommen werden. Gehörig 
gelüftet (in der warmen Jahreszeit), werden sie ab¬ 
gestaubt und zwar so, daß die obere Seite des 
Buches nach unten gekehrt wird, um das Ein¬ 
dringen des Staubes zu vermeiden. 

Wenn sich im Innern oder auf der äußeren Seite 
des Buches Stockflecke zeigen, ist es ein Zeichen, 
daß die Aufbewahrung der Bücher keine gute ist, 
und es muß für Abhilfe des Feuchtwerdens ge¬ 
sorgt werden. 

Nach dem Abstäuben und eventuellen Reinigen 
von Stockflecken folgt eine Konservierung des 
Leders, deren es jedes Jahr einmal bedarf. Es 
ist bewiesen worden, daß Leder an Einbänden, 
die oft in Gebrauch waren, sich besser konserviert 
hat als solches an Büchern, die immer im Schranke 
standen. Leder nimmt gern Fett auf und braucht 
solches zu seiner Unterhaltung. Diese Arbeit muß 
der Vorsicht halber dem Fachmanne überlassen 
werden, da nicht alle Leder gleichmäßig behandelt 
werden können. 


Dem Buchbinder des Hauses sollte überhaupt 
im Jahre mindestens einmal Gelegenheit gegeben 
werden, die Bibliothek zu besichtigen. Daß er diese 
Gelegenheit mit Vorliebe ergreift, ist wohl das beste 
Zeugnis für ihn. Der tüchtige Buchbinder steht in 
einem engen Verhältnis zu seiner Arbeit und er 
prüft gern die Dauerhaftigkeit und die Gesamt¬ 
wirkung seiner Einbände. Gerade die letztere 
Möglichkeit ist ihm nur auf solche Weise gegeben, 
und sie ist für ihn um so mehr ein Bedürfnis, je 
individueller er arbeitet. 

Ein approbiertes Mittel gegen den Bücherwurm 
gibt es leider nicht. Am besten ist es, man legt 
beim Vorkommen solcher Kampfer oder Naph¬ 
thalin in die Bücherschränke. 

Statt ,,Sage mir, was du liesest, so will ich dir 
sagen, wer du bist“ könnte man von unserem 
Standpunkte aus oft sagen: „Laß mich deine 
Bibliothek besichtigen und ich will dir zeigen, daß 
es mit deinem gepriesenen Schönheitssinne nicht 
weit her ist.“ 

Lieber mag ich eine Bibliothek sehen, in der 
die Hälfte der Bücher ungebunden ist, als eine 
solche, deren Einbände aus leichter, bunter und 
billiger Garderobe bestehen. Lieber ist mir eine 
Bibliothek von bescheidenem Umfange, die aber 
keinen Widerspruch bedeutet zu der übrigen Ein¬ 
richtung, wenn diese eine zweckmäßige, dauerhafte 
und geschmackvolle ist. 

An scheinbar Nebensächlichem kann man er¬ 
kennen, ob der Inhaber einer Wohnung einen 
feinen Schönheitssinn besitzt oder nicht. Die Ein¬ 
richtung im allgemeinen kann eine gute sein, wenn 
man sich an einen tüchtigen Lieferanten hält; dann 
aber hört das Zufällige auf. Was an den Wänden 
hängt, was auf den Schränken und Tischen steht 
und wie es steht, und was der Bücherschrank für 
Geheimnisse birgt — das hängt gewöhnlich von 
dem persönlichen Geschmack des Besitzers ab. 

So ungern ich es sage: was die Ausstattung 
der Bibliothek anbelangt, so würden wir einen 
Vergleich mit andern Ländern schlecht bestehen. 





Chronik. 


Die Bibliothek der Stadt Wasserburg a. Inn. 

Ende vorigen Jahres betraute die Stadt Wasser¬ 
burg mich mit der Ordnung des Stadtarchivs; zugleich 
wurde mir auch die städtische Registratur zugänglich, 
in welcher die der Stadt gehörigen Bücher unterge¬ 
bracht sind. 

Über das Entstehen und die Schicksale dieser 
städtischen Büchersammlung sei kurz folgendes be¬ 
richtet. 

Der größte Teil der Bücher stammt aus dem 
Besitz der früheren „Lesegesellschaft“ Wasserburg, 
die im Jahre 1808 von Pater Benno Winnerl, O. S. B., 
Stadtpfarrer und Dekan in Wasserburg, gegründet 
wurde. (Benno Winnerl, geboren zu München 1764, 
widmete sich dem geistlichen Stande und trat zu Bene¬ 
diktbeuern in den Benediktinerorden ein. Am 16. April 
1806 wurde Winnerl durch königliche Ernennung Pfarrer 
von Wasserburg, wo er bis zu seinem Lebensende 1824 
ungemein segensreich wirkte. Das Grabdenkmal mit 
seinem Bilde ist noch erhalten und befindet sich im 
Friedhofe zu Wasserburg links von der Aussegnungs¬ 
halle. Die Grabschrift rühmt besonders seine außer¬ 
ordentliche Herzensgüte: Omnibus pater bonus, egenis 
praecipue quos ita juvit et fovit, ut ipse tandem egeret.) 
Dieser Lesezirkel scheint nun anfänglich nicht allzu¬ 
sehr geblüht zu haben, denn erst nach dem Tode B. 
Winnerls (1824), als dessen ungemein reicher und wert¬ 
voller Bücherschatz, meist aus der Klosterbibliothek 
Benediktbeuern, dann auch aus anderen Bibliotheken 
aufgehobener Klöster wie Altötting, Gars, Erding her¬ 
rührend, in den Besitz der Lesegesellschaft überging, 
„wuchs die früher nur aus 26 Mitgliedern gewesene 
Anzahl schnell über 50“. (Heiserer, Chronik der Stadt 
Wasserburg, S. 79. Manuskript im städtischen Archiv.) 
Im Jahre 1836 zählte der Verein bereits ungefähr 
60 Mitglieder. „Es ist erfreulich,“ schreibt Heiserer 
(a. a. O.S.98), „daß sich gegen 60 Individuen zu dem 
Zwecke der Geistes-, Herzens- und Verstandesbildung 
vereinigt haben.“ Späterhin trat indes durch das 
Emporkommen einer anderen Gesellschaft ein Rück¬ 
schlag ein. Heiserer bemerkt in seinen Aufschreibungen 
unter dem 10. Februar 1852 hierüber folgendes: „Eine 
jüngere Gesellschaft — die Liedertafel — will die ältere 
Gefährtin, den Lese-Conversations- und Musikverein, 
überflügeln und an den Rand des Grabes bringen. Die 
Mitgliederzahl der Lesegesellschaft ist bedeutend ge¬ 
schwunden, die Liedertafel beynahe noch so groß. Die 
Mitgliederwerbung der letzteren geht im Sturm. Die 
Liedertafel bietet mehr vorübergehende Genüsse, ist 
eine Tochter der Jungzeit, die Lesegesellschaft ist 
ernst, kann jetzt nur durch Lektüre und spärliche 
Unterhaltung den Geist beschäftigen. Den Sieg der 
einen oder anderen Gesellschaft muß man abwarthen.“ 
Im Jahre 1868 löste sich die Lesegesellschaft auf, ihre 
Bibliothek, „bestehend aus 4—5000 Bänden“ (Wasserb. 
Anzeigblatt 1868 Nr. 36 S. 142), kam im September 
selbigen Jahres unter den Hammer, der größte Teil 
fiel der Stadt zu. Anfangs der siebziger Jahre wurden 


die Bücher durch Herrn Benefiziat Sturm geordnet und 
im Rathause aufgestellt. Bei dem großen Brande des 
Rathauses im Mai 1874 konnten sie glücklicherweise 
gerettet werden. Besondere Verdienste um die Ret¬ 
tung derselben erwarb sich Herr Postrat Merkel, gegen¬ 
wärtig in Speier, der damals als Ingenieur in Wasser¬ 
burg tätig war. Im Jahre 1887 wurden auf Anregung 
des Stadtpfarrers Lechner 413 Werke meist theolo¬ 
gischen und philosophischen Inhalts vom Dachraum des 
Rathauses, wo sie späterhin lagerten, mit Einwilligung 
der Stadtgemeinde in die Dekanatsbibliothek als einen 
würdigeren Aufbewahrungsort verbracht. Unter Herrn 
Bürgermeister Alfred Ertl endlich wurden, auf dessen 
dankenswerte Anregung hin, sämtliche auf dem Dach¬ 
boden noch befindlichen Bücher in die Registratur 
verbracht und dort verwahrt. 

Bei Sichtung der Bestände fanden sich vor folgende 
Inkunabeln: Vocabul. jur. utriusque. Speier. Peter 
Drach. Sept. 1478; Liber moralit. von Frater Math. 
Farinator de wena 1479; Summa de casibus per fratr. 
Astes. Venedig. Leonhard Wild aus Regensburg. 
28. April 1480; Casus brev. decret. Sexti et Clement. 
Straßburg 1485; Casus longi sup.quinque libros decretal. 
a dom. Bemardo. Straßburg 1488; Vocabul. utr. jur. 
Basel. Nicol. Keßler 1488; Vocabul. breviloq. Stra߬ 
burg 1489; Summa Antonini de vitiis pars II. Straßburg 
Joh. Reynard (Gruninger). 16. Sept. 1490; Vocabul. 
brevil. c. arte dipht. Straßburg 1493. Ant. Mancinellus 
Vel. Horatius c. quattuor com. Venedig. 16. Febr. 1495; 
Trilog. animae. Nürnberg. Ant. Koberger. 6. März 1498 
(diese Inkunabel trägt auf dem Titelblatt den hand¬ 
schriftlichen Vermerk Ex Biblioteca Aquburge); Beken- 
haub, dictionarius. Nürnberg. Anton Koberger. 4. Febr. 
1499. 3 Bände folio und eine nur teilweise erhaltene 
Inkunabel: Ordo missal. sec. brev. chori ecclesiast. 
Frising; Kanon herausgerissen, die letzten Blätter feh¬ 
len, auf der Innenseite des Deckels steht handschrift¬ 
lich vermerkt 1498. Ferner fand ich Drucke von E. 
Ratdolt, Seb. Gryphius, E. Vögelin (Sachsenspiegel 
1561), Joh. Blaeu, H. Petri, J. Oporin, Christ. Plantin, 
sechs Ausgaben der Elzevire aus den Jahren 1629—56 
(res publicae, Curtius Rufus), ein geschriebenes Anti- 
phonarium aus Kloster Chiemsee (XVIII. Jahrhundert), 
verschiedene gelehrte Zeitschriften des XVIII. und 
XIX. Jahrhunderts, zahlreiche philologische, juristi¬ 
sche und historische Werke, worunter eine ganze 
Reihe recht interessanter Bavarica. Im ganzen werden 
es wohl 3—4000 Bände sein. An Exlibris sind mir 
bis jetzt 27 verschiedene, meist aus dem XVII. und 
XVIII. Jahrhundert stammend, zu Gesicht gekommen, 
unter ihnen das des Ingolstädter Universitätsprofessors 
Morasch, das des P. P. Finauer in München und das¬ 
jenige des Joh. W. Chnol, Stadtpfarrers von Wasserburg 
1654. Pfarrer Chnol spielt bekanntlich eine Rolle in 
Jensens Roman „Aus der vergessenen Zeil“. 

Was die 413 Bücher betrifft, die in der Dekanats¬ 
bibliothek aufbewahrt werden, so bemerkte ich unter 
ihnen Menke, Acta Eruditorum. Lips. 1682—1731. Nova 



Chronik. 


293 


acta ib. 1732—1758, tadellos erhalten, Schweinsleder¬ 
bände, aus der früheren Klosterbibliothek Benedikt¬ 
beuern, und 34 Inkunabeln. Als Drucker bzw. Druck¬ 
orte konnte ich bisher feststellen: Günther Zainer, 
Augsburg. 13. Januar 1471. Speculum vitae humanae; 
Friedrich Creußner, Nürnberg. 1474. Joh. v. Mecheln, 
Offizii missae expositio; Anton Sorg, Augsburg. 1475. 
Nyder, Expositio Decalogi; Nicolaus Keßler, Basel 1487. 
Petr.Lombardus,Text. Sententiarum; Erhard Ratdolt aus 
Augsburg. Venedig 1484. Medit. Augustini; Joh. Gru- 
ninger, Straßburg 1487. Summa Antonini. 4 Bände; 
Anton Koberger, Nürnberg. 1488. Baptista de Salis, 
Summa casuum; Bonetus Locatellus, Venedig. 1488. 
Ambrosius de Spira, Sermones; Nicolaus Keßler, Basel 
1489. Gerson. Opera, pars I, III, 4 Bände, Dubl.; Joh. 
Koelhof, Köln 1494. Joh. de Vankel, Sum. textual. ac 
conclus. Clement; Heinrich Gran, Hagenau 1497. Cour. 
Summenhart, Tractatulus bipartitus. Zu Gesicht ge¬ 
kommen ist mir auch Schedels Chronik. Leider fehlen 
die ersten und letzten Blätter dieser Inkunabel. 
Wasserburg a. I. K. Brunhuber. 


Hohenzollern - J ahrbuch. 

Dies alljährlich wiederkehrende Prachtwerk ist nun¬ 
mehr in seinen neunten Jahrgang eingetreten: ein treuer 
Freund der preußischen Bibliotheken, eine Fundgrube 
für die Geschichte unserer engeren Heimat und un¬ 
seres Regentenhauses, auch vom bibliophilen Stand¬ 
punkte aus ein Werk, an dem man Freude haben kann. 
Wieder liegt uns ein stattlicher Folioband vor (325 
Seiten), geschmückt mit zahllosen Textabbildungen, 
farbigen Tafeln, Karten, Plänen und Faksimilien, und 
wieder hat der Verlag von Giesecke & Devrient in 
Leipzig rühmenswertes in der Ausstattung geschaffen. 
Besonders die Farbendrucke sind von seltener Schön¬ 
heit, vor allem die Tafel mit den Miniaturbildnissen 
der Königin Luise und die Prunksupplik des Kurfürsten 
Albrecht Achilles an Papst Sixtus IV. 

In der Mitarbeiterliste treffen wir noch zweimal auf 
den Namen des Geheimrats Berner; ein glänzender 
Historiker ist mit ihm aus dem Leben geschieden. 
Seine letzten Veröffentlichungen sind Tagebuchfunde; 
er beschreibt mit anschaulich gestaltender Feder das 
Kriegstagebuch des Prinzen Louis Ferdinand und das 
eines Rudorfif-(Zieten-)Husaren, beide aus dem Jahre 
1806 stammend. Von sonstigen Abhandlungen seien 
erwähnt: die lebhaften Schilderungen der „Franzosen 
in Berlin 1806—08“ vom Archivar Dr. Herrn. Granier 
— der höchst interessante ikonographische Aufsatz des 
Herausgebers Dr. Paul Seidel „Königin Luise im Bilde 
ihrer Zeit“ und im Anschlüsse daran Dr. Paul Bailleus 
Mitteilungen über die Kindheit und Jugend der Köni¬ 
gin, sowie Dr. Paul Zimmermanns in gewissem Sinne 
„aktuellen“ Untersuchungen „Brandenburg und Braun¬ 
schweig“. Mit den Ereignissen vor hundert Jahren 
beschäftigt sich noch ein Beitrag: Dr. Georg Schuster, 
Archivar am Königlichen Hausarchiv in Charlottenburg, 
gibt den Aufsatz wieder, den Kronprinz Friedrich 
Wilhelm (IV.) im Herbst 1807 in Memel über die Flucht 


der königlichen Kinder von Berlin nach Danzig aus¬ 
gearbeitet hatte, eine Niederschrift, die man nicht ohne 
Rührung lesen kann. Einen schätzenswerten Beitrag 
zur Porträtkunde der fränkischen Hohenzollern liefert 
F. H. HofmannSAxmGatn in seiner Arbeit über das 
Markgrafenfenster in Sankt Sebald zu München; von 
Burgen der Hohenzollern handelt ein Aufsatz des be¬ 
kannten Architekten Bodo Ebhardt. Eine Flugschrift 
Friedrichs des Großen von 1745, die wohl zu publi¬ 
zistischen Zwecken verbreitet werden sollte, obwohl 
man kein Druckexemplar von ihr kennt, beschreibt 
Geheimrat Koser, während Archivassistent Melle 
Klmkenborg sich mit den Siegeln der preußischen Kö¬ 
nige bis zum Jahre 1806 beschäftigt. 

Eine Anzahl Miszellen beschließt, wie immer, den 
Band, der seinen Vorgängern nichts nachgibt. Das 
„Hohenzollern-Jahrbuch“ kann 1907 sein erstes Jubi¬ 
läum feiern. Es wird aber hoffentlich nicht das ein¬ 
zige bleiben. —bl— 


Verschiedenes. 

In der Buchdruckerei von Albert Bonnier in Stock¬ 
holm ist ein Gedichtband August Strindbergs „Ordalek 
och SmakoJist“ in recht origineller Ausstattung erschie¬ 
nen. Herausgeber und Illustrator in einer Person ist 
Herr Arthur Sjögren, ein Künstler von geschmackvoller 
Phantasie. 

Der lichtgrüne Kanevaseinband trägt unter dem 
schwarzen Titeldruck eine Vignette in Vollschwarz und 
Rot: Wildgänse über Tannen und Birken streichend. 
Die gleichen nordischen Baummotive als Silhouetten 
an einem stillen See und gegen den klaren Himmel 
gestellt, schwarz auf grünem Grund, nur wenig mit 
Weiß gehöht, zieren das abgepaßte Vorsatzpapier. Den 
Titeldruck des Innentitels begrenzt eine Vignette von 
dekorativ-landschaftlichem Charakter als Hintergrund 
zu einer altnordischen einfachen Harfe. Ein zweites 
Titelblatt trägt in rot und schwarzen feingeschnittenen 
Typen den Buchnamen und ein leichtes rotes Orna¬ 
ment. Die gleichen hübschen Buchstaben sind zum 
Textdruck verwandt; der typographische Spiegel ist 
von dünnen roten Linien eingerahmt, wodurch ein 
geradezu heiterer Eindruck erzielt wird. Den einzelnen 
Gedichten sind Vollbilder sowie auch Kopf- und End¬ 
vignetten in farbiger Ausführung beigegeben. Bald in 
ausgesprochener Aquarellmanier, bald in farbiger 
Lithographieart ausgeführt, stellen die allerliebsten 
Bildchen Landschaftssegmente, Tierbilder und Pflanzen¬ 
studien dar. Auch ein paar Tuschzeichnungen von 
pikantem Reiz sind darunter. Erstaunlich ist die Wir¬ 
kung, die der Künstler Wolkenbildungen in willkür¬ 
licher Farbbewertung abgewinnt. Diese gelb-rot¬ 
schwarzen, von freierfundenen Mustern durchzogenen 
Wolkenschwaden erinnern oft an die subtile Kunst der 
Japaner. Die liebevolle Behandlung der Vogelmotive 
dagegen zeigt, daß der Künstler neben eigner Phan¬ 
tasie auch genaue Naturbeobachtung anzuwenden ge¬ 
lernt hat. 







294 


Chronik. 


Auch als Exlibris-Zeichner ist Arthur Sjögren von 
nicht zu unterschätzender Bedeutung. Von den drei 
eignen Bücherzeichen, die uns vorliegen, ist das kleinste 
von harmonischer Zierlichkeit. Winzige weiße Renais¬ 
sancearabesken auf rotem Grund umgeben das schwarz 
auf weiß gezeichnete Phantasiewappen: Pinsel, Feder 
und Kohlestift nebst Spruchband als Träger eines 
Schildes mit dem Monogramm des Künstlers. Das 
gleiche Signet in größerem Maßstabe tut als Briefkopf 
gute Dienste. Das zweite Exlibris ist nur in Schwarz¬ 
weiß gehalten und hat seinen Hauptreiz in der pikan¬ 
ten Abwechslung glatt schwarzer, weißer und ge¬ 
strichelter Flächen. Das dritte in Schwarz auf Tongelb 
zeigt den Mottoluxus und die etwas komplizierte Sym- 
bolistik der Neuromantiker: den Tod im Frack mit der 
Sektschale des Lebens in der Knochenhand, den Pfau 
Eitelkeit ihm zu Häupten, das Tierbild des Krebses 
und die vergängliche Pusteblume am schön geschnör- 
kelten Initial. Diese Art von novellistischen Legenden 
sind vielfach beliebt. Mit dem eigentlichen Wesen des 
Bucheignerzeichens haben sie wenig zu tun. 

-bl- 


Kalender-Sammler weise ich auf eine Neuheit hin, 
die in ihrer Originalität aus der Menge der jetztzeit¬ 
lichen Kalender vorteilhaft hervorragt: es ist dies der 
„Neue Deutsche Kalender“ 1906, den der tätige Verein 
,,Heimat“ zu Kaufbeuren in Schwaben und sein Vor¬ 
stand Kurat C. Frank herausgeben. Der erste Jahr¬ 
gang, 1905, „dem ganzen lieben deutschen Volke“ 
gewidmet, hat bereits starken Anklang und Absatz 
gefunden, ebenso eine ihm günstige Kritik. Der Preis 
des Kalenders von 1905 — kleines Format — war 
60 Pfennige; die Ausgabe von 1906 ist doppelt so 
groß und kostet 1 Mark. 

Der nach altemVorbild geschaffene Kalender weicht 
von den heute üblichen historischen, landschaftlichen, 
Wappen- u. a. Kalendern reichlich ab; denn im Namens¬ 
verzeichnis finden wir bei der Mehrzahl der Kalender¬ 
tage Bildchen und Vignetten in viereckiger Umrahmung, 
die sich auf den betreffenden Tag und Heiligen oder 
sonstiges beziehen und jenen gewissermaßen illustrieren. 
Im ganzen ist der Kalender, abgesehen von den Him¬ 
melszeichen, Zeichen für Wetterprognosen („geradeso 
glaubhaft wie in allen anderen Kalendern“) und Mond¬ 
vierteln, noch mit 230 Bildchen geschmückt, die der 
als geschickter Zeichner bekannte Kunstmaler Maxi¬ 
milian Liebenwein in Burghausen a. o. S. — auch ein 
beliebter Exlibris-Künstler — gezeichnet hat. 

Die Monats-Kopfvignetten sind fast alle drei¬ 
teilig: in der Mitte das übliche Monatsbild, wie Wasser¬ 
mann, Fisch, Widder, Stier, Zwillinge usw., rechts 
und links davon sehr gefällige und ländliche Szenen, 
zum Teil alpinen Charakters, die sich auf den be¬ 
treffenden Monat beziehen; z. B. Obstbaumschnitt, 
Almvieh, Maitanz, Sprung über das Sonnwendfeuer, 
Erntewagen, Schwammerlsucherinnen, Pferdeschwem¬ 
men, Sämann, schreiender Hirsch, Traubenschnitt, 
Martinigänse, Jäger, Flachsbrechen, Schweinestechen 
usw. Den meisten Tagen sind, wie bemerkt, Bildchen 
beigegeben, in denen Ernst und guter Humor gleich 


vertreten sind; trotzdem die in Rot und Altgrün ge¬ 
druckten Vignetten auf den ersten Blick einen alt- 
väterischen Eindruck machen, sind sie dennoch gut- 
modern entworfen, ohne Steifheit und ohne die Lange 
weile überlieferter Schablonenhaftigkeit. Die Darstellung 
der Heiligen herrscht vor, doch immer wieder in ver¬ 
schiedenen Auffassungen ; auch nimmt die Szene häufig 
Bezug auf besondre Eigenschaften oder auf Attribute 
der einzelnen Heiligen, so z. B. bei Paulus von Theben 
(10. Jänner), dessen Rabe ihm Brot bringt; bei St. Agathe 
(5. Hornung), die sich die abgeschnittene Brust bedeckt, 
bei Julian (16. Hornung), „bindet den Teufel an und 
zerprügelt ihm seinen höllischen Buckel“; bei Willigis 
(23. Hornung), Bischof von Mainz, „eines Radmachers 
Sohn ; er nahm das Rad in sein Wappen" (M ainz); bei St. 
Florian (4. Mai), „dem Herrn der Brünste“ mit Wasser¬ 
kübel und Feuersbrunst; bei Benno, Bischof von 
Meißen, nachmals Patron von München (16. Juni), die 
Münchener Frauentürme und die in einem Fisch 
wiedergefundenen Domschlüssel, bei St. Ulrich, Bischof 
von Augsburg (4. Juli), der die Ungarn 973 auf dem 
Lechfeld schlug: der gegen ungarische Pfeile mit dem 
Allerheiligsten anreitende Bischof; bei Bernhard von 
Clairvaux, einem Abt von 1153 (20. August, Ernte¬ 
monat), der Heilige mit einem Bernhardinerhund; beim 
Lukastag (18. Oktober, Weinmond) ist der geflügelte 
Stier mit dem Künstlerschild abgebildet; bei den 
heiligen drei Königen (6. Jänner) sieht man drei 
Kronen; bei Fastnacht (25. Februar) Till Eulen¬ 
spiegel mit Eule und Spiegel; beim Gertraudentag 
(17. März) zwei Mäuslein, die den Spinnrocken an¬ 
nagen („Gertraud stellt das Spinnen ein, dieweil ihr die 
Mäuslein den Spinnrocken in’s Mausloch mit fortge- 
gezogen“); bei den drei Azis (12. Mai) die drei Eis¬ 
männer; bei St. Rupprecht (24. September) Burg 
Hohensalzburg und die Salzkufe unterm Krumm¬ 
stab; bei Kosmas und Damian (27. September) die 
zwei wundertätigen Heiligen und Patrone der Ärzte; 
bei St. Gallus (16. Oktober) ein dem heiligen Gallus, 
Stifter von St. Gallen, Holz zum Lagerfeuer schleppen¬ 
der Bär; bei St. Wolfgang, Bischof von Regensburg 
(31. Oktober), ein schwitzender Teufel, „der die Steine 
zum Bau der Kirche führen mußte“; bei der heiligen 
Barbara (4. Dezember) die Kartaune der St. Barbara. 
Diese Beispiele mögen genügen; die Bilder verraten 
gesunden altdeutschen Humor in neuem Gewände und 
sind von besterWirkung. Die J ahresregentin, F rau Venus, 
mit Amor und einem Liebespaar, hat Liebenwein auch 
in einem Bilde am Eingang des Kalenders gebracht. 
DerText rührt vom altertumskundigen Kuraten C. Frank 
her, ist in nicht geziertem Altdeutsch gehalten und 
bringt alte und neue Versehen, historische Daten, Le¬ 
genden usw. Gedruckt ist das Ganze tadellos bei 
Josef C. Huber in Dießen am Ammersee. 

K. E. Graf zu Leiningen - Westerburg. 


Der Verlag von J. P. Bachem in Köln hat Heinrich 
Keiters Heine-Biographie für die zweite Auflage von 
Dr. Anton Lohr neu bearheiten lassen. Es handelt 
sich um eine Charakteristik Heines „vom christlichen 







Chronik. 


295 


Standpunkte“ aus. Daß Heine bei einer solchen Be¬ 
urteilung nicht sonderlich gut fortkommen kann, ist 
klar. Aber es muß doch betont werden, daß die Ver¬ 
fasser verstanden haben, in die Wesensart Heines ein¬ 
zudringen und daß sie dem Großen in seiner dichteri¬ 
schen Persönlichkeit durchaus gerecht werden. Vom 
gleichen Standpunkt aus hat Dr. Lohr auch die 
„Dichtungen“ Heines „für die deutsche Familie aus¬ 
gewählt“, die derselbe Verlag in einem hübsch aus¬ 
gestatteten Bande (gebunden. M. 3) erscheinen läßt. 

—m. 


Der G .J. Göschensche Verlag in Leipzig hat seiner 
billigen Ausgabe von Eduard Mörikes Werken eine 
Auswahl Mörikescher Lieder und Gedichte folgen 
lassen, zu der Heinrich Vogeler eine allerliebste Titel¬ 
umrahmung und eine Anzahl sehr reizender Blattvig¬ 
netten gezeichnet hat. Das Büchelchen, auf sogenann¬ 
tem falschen Bütten hübsch gedruckt und in Pappe 
gebunden mit grüngoldenem Rückenschild, ist billig 
(M. 2,50) und dürfte schon deshalb viel Anklang fin¬ 
den; eine Bibliophilen-Ausgabe auf echtem Bütten, in 
Pergament oder Leder gebunden, kostet M. 12. 

—m. 


Der neue Martial von Karl Ettlmger. Berlin, 
Egon Fleischel & Co., 1905. 37 S. 

Das römische Epigramm zeigt einen bestimmten 
Gegensatz zur griechischen Gattung, indem es meistens 
nur ein Ausdruck der Anschauungen der politischen 
Gesellschaft war. Während sich dem griechischen 
Dichter jedes innere und äußere Erlebnis zum Epi¬ 
gramm gestaltet: der Eindruck, den eine Gegend auf 
ihn macht, ein schwüler Mittag, eine Sturmnacht, aber 
auch ein Menschenschicksal, ein Buch und vor allem 
jede Regung des Herzens, so daß Wilamowitz-Moellen- 
dorff diese Kunstgattung in ihrer Vielseitigkeit mit dem 
lyrischen Gedichte unserer Tage vergleichen konnte, 
liebt es das römische Epigramm, mit Energie und 
Scharfsinn auf unmittelbare Tatsachen der Gegenwart 
einzugehen und Personen und Erscheinungen des poli¬ 
tischen und sozialen Lebens mit beißendem Spotte und 
in überraschenden Wendungen zu beleuchten. Der 
Meister dieser den Griechen fast unzugänglichen Spiel¬ 
art des sozialen, polemisch-satirischen Sinngedichts, ist 
M. Valerius Martialis, der es mit überraschender Ge¬ 
wandtheit nicht nur versteht, fein und treffend das 
Lächerliche an Ereignissen und Persönlichkeiten auf¬ 
zufassen, sondern darüber hinaus auch die römische 
Welt und Gesellschaft um sich her in tausend kleinen 
Zügen zu schildern, wobei es wohl zur Sache gehört, 
daß man an seiner Hand auch durch Pfützen waten 
muß. Auf jeden Fall bilden die vierzehn Bücher seiner 
Epigramme eine der wichtigsten Quellen zur Sitten- und 
Kulturgeschichte des ausgehenden ersten Jahrhunderts 
n. Chr. Aber er gehört nicht nur seiner Zeit an, sondern 
hat auch für die Weltliteratur eine große Bedeutung, 
insofern er es vermöge seiner scharfen Beobachtungs¬ 
gabe verstanden hat, eine Fülle allgemein menschlicher 
Typen hinzustellen, die in jedem Zeitalter, solange die 
Menschen eben Menschen sind, anzutreffen sein werden. 


Es ergeht ihm ebenso wie dem Lukianos, der auch 
nie veralten kann, eben weil er seiner Zeit bis auf den 
Grund geschaut hat. Die unverwüstliche Frische von 
Martials Muse bekundet sich auch in der kleinen Aus¬ 
wahl von 107 Sinngedichten, die Karl Ettlinger aus der 
über 1500 Nummern umfassenden Sammlung des Ori¬ 
ginals mit kecker Hand herausgegriffen und in moderne 
Form gegossen hat. Die Gestalten, die er uns vor¬ 
führt, muten uns an, als habe der Dichter nicht vor 
1800 Jahren im alten Rom gelebt, sondern wandle im 
zwanzigsten Jahrhundert mitten in Berlin oder irgend 
einer anderen Großstadt umher. Um dies zu zeigen, 
wollen wir auf gut Glück einige der Epigramme heraus¬ 
greifen, die zugleich den Beweis liefern werden, wie 
glücklich Ettlinger es versteht, die Pointe herauszu¬ 
arbeiten. 

Sechs Sesterzen soll ich dem Lumpen 
Linus bis morgen abend pumpen. 

Linus, ich schenke dir lieber drei, 

Denn so spar ich die Hälfte dabei. 

Du glaubst wohl, Gellia, daß es dich ziere, 

Wenn du dich salbst vom Kopfe bis zum Schuh? 
Kind, wenn ich meinen Dackel parfümiere, 

Riecht er genau so angenehm wie du. 

Du scheinst ja meine Werke hoch zu schätzen, 

Weil du mich bittest, sie dir auszuleihen. 

Du kriegst sie nicht, da mußt du schon verzeihen: 
Ich kann sie grad so gut wie du versetzen. 

Du fragst, wie ich mich wohl benehmen würde, 
Bekäme ich auf einmal Reichtum in die Hand? 

Wie würdest, Quatschkopf, du dich wohl benehmen, 
Bekämest du mit einemmal Verstand. 

Paul Seliger. 

Exlibris. 


Eine erste Ausstellung alpiner Exlibris hat die 
alpine Abteilung der „Münchner Freien Studenten¬ 
schaft“ Juli und August 1906 im Parterresaal des 
Münchner Kunstvereins veranstaltet und sich dadurch 
ein schätzenswertes Verdienst erworben. Drei Sammler 
und Autoritäten des Exlibris-Gebiets, Graf Leiningen- 
Westerburg (München) voran, Georg Mader (Augs¬ 
burg) und August Stöhr (Würzburg), trugen zum besten 
Gelingen bei. In der Ausstellung wurde aus einer 
langen Reihe in- und ausländischer Sammlungen eine 
Spezialkollektion von 300 für Künstler, Sammler, Biblio¬ 
philen, Alpinisten interessanten Exlibris vereinigt. Von 
namhaften Künstlern sind, außer vielen anderen, Otto 
Barth, Karl Biese, Hermann Hirzel, Fritz Klee, Arpad 
Schmidhammer, E. Tobler vertreten; teilweise mit sehr 
hübschen Leistungen. Größtenteils wählten die Künstler 
natürlich Alpenlandschaften, verschneite Berggipfel, 
von Höhenzügen umrahmte Täler als Motive. Einige 
Alpinisten haben auf ihr Exlibris direkt ihren Lieblings¬ 
gipfel zeichnen lassen. Andere begnügten sich damit, 










296 


Chronik. 


durch die Künstler alpines Rüstzeug, Steigeisen, Schnee¬ 
schuhe, Rucksack u. dergl., zum Ornament an- und in- 
einanderfügen zu lassen. Gibt’s doch Motive für alpine 
Exlibris im Überfluß, und es wirkt höchst erfreulich, 
hier nicht nur dies, sondern auch die Tatsache, daß 
die Exlibris-Kunst so zahlreiche Freunde unter den 
Alpinisten besitzt, zu erkennen. If. 


Aus den Bibliotheken. 


Jüngste Schicksale hervorragender Privatbiblio- 
tlieken. Die großartige Sammlung von Büchern aus 
den Gebieten der romanischen Philologie und der 
Kirchengeschichte, besonders des Reformationszeit¬ 
alters, die Eduard Böhmer (früher Professor beider 
Fächer an der Halleschen, dann des ersteren an der 
Straßburger Universität, seit Jahrzehnten in Lichten- 
thal bei Baden-Baden privatisierend) systematisch zu¬ 
sammengebracht hatte, fiel nachdem im Frühlinge 1906 
erfolgten Tode des betagten Gelehrten (geh. 1827) nun¬ 
mehr teils der Landes- und Universitätsbibliothek zu 
Straßburg, der Heidelberger Universitäts-, der Berliner 
Königlichen Bibliothek, teils der Kgl. Öffentl. Bibliothek 
zu Stuttgart zu. Letzterer hat er, wohl mit Rücksicht 
auf ihre große Bibelsammlung, seinen Besitz an italieni¬ 
schen und spanischen Bibeln, soweit sie nicht schon 
vorhanden sein sollten, zugewiesen. Die Bücher sind 
vor kurzem in Stuttgart eingetroffen und es wur¬ 
den, nachdem die Dubletten ausgeschieden worden, 
224 Bände, ganze Bibeln und Bibelteile, darunter allein 
207 in spanischer Sprache, der Württembergischen 
Landesbibliothek eingereiht. Deren Bibelsammlung er¬ 
höht dieser Zuwachs auf nahezu 8000 Bände. — Genaue 
Revision der zunächst für ganz verloren gehaltenen be¬ 
rühmten Sutroscheti Bibliothek zu San Francisco hat 
ergeben, daß deren wertvollster Teil gerettet worden 
ist. Unter den Seltenheiten, die den Flammen des 
1906er Riesenbrandes zu entreißen gelungen ist, befin¬ 
den sich die ersten vier Shakespeare-Folioausgaben so¬ 
wie vorzüglich erhaltene Erzeugnisse der Pressen Guten¬ 
bergs, Caxtons, der Aldus und Elzevirs. — Die russische 
Regierung hat kürzlich die ausgezeichnete Bibliothek 
des großen nationalen Dichters Puschkm (1827 ge¬ 
storben) für 18000 Rubel erworben. Man brachte 
sie vorläufig im Gebäude der Kaiserlichen Akademie 
der Wissenschaften zu Petersburg unter, wo sie verwahrt 
bleiben soll, bis dereinst das geplante — heutzutage 
natürlich mehr als fragliche — „Pantheon der russischen 
Literatur“ gebaut sein wird, das den Namen „Puschkin- 
Museum“ erhalten und Dokumente zur Geschichte der 
russischen Gegenwart von der Zeit des genialen 
Poeten ab aufnehmen soll. — Die umfängliche Biblio¬ 
thek des Folkloristen und schwäbischen Dialektdichters 


Professor Gustav SeuJJer in Ulm (geb. 1835), reich an 
Werken über Sage, Volkslied, deutsche Mundarten 
poesie u. a., ging an B. Seligbergs Antiquariat (F. Seuffer) 
in Bayreuth über, um in Antiquarkatalogen ausge¬ 
boten zu werden. — Desgleichen wird die beträcht¬ 
liche Büchersammlung germanistischen, anglistischen, 
deutsch • dialektologischen , literarhistorisch - pädagogi 
sehen, volkskundlichen Inhalts, die der Kealgymnasial- 
Professor Dr. Robert Sprenger zu Northeim i. 1 L 
(1851 —1905) hinterlassen hat, durch Einzelverkauf zer¬ 
rissen werden. 

Eine interessante Büchersammlung wurde Ende 
August in München im ganzen ausgestellt: die des 
in Sofia verstorbenen flirstl. bulgarischen Hofrats und 
Museumdirektors Dr. Paul I^verkühn, eines Vetters 
unsers genialen Bibliophilen Eduard Grisebach, der 
etwa gleichzeitig das Zeitliche gesegnet, aber wenigstens 
in der Gesamtheit seiner herrlichen Büchcrschälzc (die 
der Regierungsassessor Dr. von Brüning in Wies¬ 
baden erworben hat) fortlebt. Die Leverkühnschc 
Bücherei enthält, den Neigungen und wissenschaft¬ 
lichen Bestrebungen des Begründers entsprechend, vor¬ 
nehmlich die ornithologische Literatur in einer Reich¬ 
haltig- und Vollständigkeit, wie sie kaum in den größten 
öffentlichen Bibliotheken anzutreffen sein dürfte. Es 
sind Schritte getan worden, siq für München festzuhaltcn; 
der Erfolg dieser Absicht hängt zunächst davon ab, ob 
die aufzubringenden Mittel genügen werden, die aus¬ 
wärtige Konkurrenz zu schlagen. Hoffentlich machen 
sich da opferwillige Private mit verhältnismäßig geringem 
Aufwand um Staat und Wissenschaft verdient. Der bel¬ 
gische Generalkonsul L. Steub vermittelt Besichtigung 
und Auskünfte. — Anläßlich der neuerdings von den 
Zeitungen gemeldeten Ehescheidung der Fürstin Mas- 
simo, der Tochter des spanischen Prätendenten Don 
Carlos, ward auch der Tatsache gedacht, daß zu 
Ende des XV. Jahrhunderts im Palaste des alten Adels¬ 
geschlechts der Massimi zu Rom drei Schüler Guten¬ 
bergs eins der ersten außerhalb Deutschlands hervor¬ 
getretenen Buches gedruckt haben. Es waren dies 
Konrad Sweynheim, Arnold Pannartz und Ulrich 
Hahn, die betreffende Schrift die Episteln Ciceros. 
Was die unschätzbar wertvolle Bibliothek der Familie 
betrifft, so ist bei jüngster Gelegenheit definitiv fest¬ 
gestelltworden, daß sie schon vor einigen Jahren samt 
und sonders infolge Vermögensverfalls des fürstlichen 
Hauses dem Verkauf unterstellt wurde und daß dabei 
auch alle die Inkunabeln, die seit Jahrhunderten sorg¬ 
sam und ängstlich behütet worden waren, in fremden 
Besitz gelangt sind. — Aus der Bibliothek der verstor¬ 
benen Prinzessin Friedrich Karl von Preußen wurde 
eine größere Partie von Werken ausgeschieden, die 
von der Buchhandlung Max Jaeckel in Potsdam er¬ 
worben worden ist und auf den Antiquariatsmarkt ge¬ 
bracht werden soll. L. Fränkel. 


Nachdruck verboten. — Alle Rechte vorbehalte7i. 

Für die Redaktion verantwortlich: Fedor von Zobeltitz in Berlin W. 15. 

Alle Sendungen redaktioneller Natur an dessen Adresse erbeten. 

Gedruckt von W. Drugulin in Leipzig für Velhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig auf Papier der Neuen Papier -Manufaktur 

in Straßburg i. E. 












ZEITSCHRIFT 

FÜR 

BÜCHERFREUNDE. 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz. 

io. Jahrgang 1906/1907. _ Heft 8: November 1906. 


Johann Peter Lyser. 


Von 


Dr. Leopold Hirschberg in Berlin. 



ichts ist mir auf literarischem Gebiete 
ti unsympathischer als das sogenannte 
Säkular - Artikel - Fabrikationswesen. 
Der ganz äußerliche Anlaß der durch unser 
Dezimalsystem bedingten Wiederkehr eines 
hundertsten oder fünfzigsten Geburts- oder 
Todestages gibt diesen Artikelschreibern die 
Gelegenheit, den Lesern ihrer Zeitung — es 
kommen natürlch nur Tagesblätter, nicht wissen¬ 
schaftliche Zeitschriften in Be¬ 
tracht — irgend etwas über 
den betreffenden Jubilar vorzu¬ 
orakeln, von dem sie gewöhn¬ 
lich bis dahin keine Ahnung 
gehabt haben. Da wird zu¬ 
nächst das Konversations-Lexi¬ 
kon, wenn es sich gar nicht 
umgehen läßt, auch wohl eine 
Literatur-, Kunst- oder Musik¬ 
geschichte zu Rate gezogen, 
und dann wird lustig darauf 
losgeschrieben, die abgestan¬ 
denen Gemeinplätze werden 
durchfurcht und beackert, aber 
eine schöne Frucht kann auf 
diesem dürren Erdreiche natur¬ 
gemäß nicht gedeihen. 

Der Grund zu dieser Erbitte¬ 
rung, die sicher viele mit mir 
Z. f. B. 1906/1907. 



Abb. x. Selbstportät. 

Aus „Neue Kunst-Novellen“. Frankfurt a. M. 1837. 
(J. D. Sauerländler.) 


teilen, der aber nur höchst selten Luft gemacht 
wird, wurde bei mir gelegentlich des hundert¬ 
sten Geburtstages des Dichters Ludwig Beck¬ 
stein gelegt. Ich behaupte, daß keiner der Ver¬ 
fasser, die damals über den Dichter schrieben 
(mit wenigen Ausnahmen), auch nur ein einziges 
seiner zahlreichen Werke gelesen hatte. Die 
Unkenntnis leuchtete aus jeder Zeile hervor. 
Mit überlegnem, achselzuckendem Bedauern aber 
vernahm man da die traurige 
Mähr, daß Bechsteins Märchen¬ 
buch zwar ausgezeichnet, alles 
übrige von ihm aber wertlos und 
unbedeutend sei. Und das soll 
nun eine Ehrung für den Gefeier¬ 
ten sein! Wie sehr im Gegenteil 
durch solches völlig überflüssige 
Geschreibsel dem Andenken des 
Toten geschadet wird, liegt auf 
der Hand. 

Wer das verantwortungs¬ 
volle Amt übernimmt, über einen 
Künstler — wenn er auch von 
den „Kompendien des Wissens“ 
verurteilt oder übergangen wird 
— zu schreiben, der hat als 
ehrlicher Mann die Pflicht, in 
alles das, was der Künstler ge¬ 
leistet, einzudringen. Wenn er 
3 * 








298 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


bis zum hundertjährigen Geburtstag damit nicht 
fertig wird, dann soll er bis zum fünfzigsten 
Todestag warten; und wenn es dann auch noch 
nicht soweit ist, dann soll er es ganz lassen. 
Oder aber — und das dürfte wohl das beste 
sein — man läßt alle Jubiläen aus dem Spiel 
und schreibt, wenn man seine Ausführungen vor 
dem Richterstuhl der Wissenschaft vertreten zu 
können glaubt. 

Ich meinesteils muß gestehen, daß ich den 
hundertsten Geburtstag des Mannes, dem meine 
Arbeit gilt, schmählich habe vorübergehen lassen. 
Die Tatsache, daß man das Geburtsjahr mit voller 
Sicherheit nicht kennt, kann mich nicht entschul¬ 
digen. Auch will ich freimütig bekennen, daß ich 
für derartige äußerliche Dinge keinen Sinn habe. 
Ich war in meinen Vorstudien und Sammlungen 
eben noch nicht so weit als heute, wo ich es 
wage, eine erschöpfende Arbeit, wie sie mir am 
Herzen lag, zu schreiben. Daß diese in literar¬ 
historischer Beziehung eine wenn auch kleine 
Lücke ausfüllt, ist sicher, da weder die Deutsche 
Biographie noch Goedeke irgend etwas über 
Lyser verlauten lassen. Nur zwei anerkannte 
Forscher sind dem völlig Verschollenen in 
mehreren gediegenen Artikeln näher getreten: 
Gustav Karpeles und Karl Theodor Gaedertz. 
Ersterem bin ich noch zu besonderem Dank 
dafür verpflichtet, daß er mir Quellen nach¬ 
gewiesen hat, aus denen ich vieles schöpfen 
konnte. 

Seit fünfzehn Jahren „sammle“ ich Lyser. 
Die Bibliophilen werden verstehen, was das zu 
bedeuten hat; ihnen sei es gleich hier gesagt, 
daß diese Sammlung eine äußerst schwierige, nur 
sehr langsam von der Stelle rückende ist. Wie 
ich darauf gekommen bin, Lyser zu sammeln? 
Mich haben von je vielseitige Menschen inter¬ 
essiert, wenn sie es auch nicht zur Berühmt¬ 
heit gebracht haben. Lyser ist zum mindesten 
ein solcher vielseitiger Mensch gewesen; er übte 
die drei Schwesterkünste Poesie, Malerei und 
Musik gleichzeitig aus und tritt damit als Vierter 
zu dem Trifolium Emst Theodor Amadeus Hoff- 
manu, Franz Pocci und Franz Kugler. 

Leben und Leiden. 

Oft, nachdem ich als wackerer Chorknabe die 
Missa von Anfang bis zu Ende mitgesungen hatte, 


stürmte ich hinab vom hohen Chor, warf mich betend 
auf den Estrich und weinte heißeThränen seliger Lust! 
War denn nicht Himmel und Erde mein? Sah ich sic 
nicht in ihrem schönsten Prangen? Hort' ich nicht 
ihre tausend und aber tausend Stimmen, vom süßen 
Flüstern des eben erblühten Schneeglöckchens an bis 
zum verhallenden Donner? Wußt' ich’s nicht, wie alles: 
Licht, Duft und Ton nur eins ? 

Es ioar\ — Zerstört ist der reine Dreiklang. — 
Mir flüstert kein Schneeglöckchen mehr die freudige 
Kunde zu: ,Der Lenz erwacht!“ — Kein Gloria tragt 
mehr auf den Schwingen der Andacht dies Herz 
empor, daß es jubelnd anbetet und mit einstimmt in 
den Lobgesang seliger Myriaden — ach! selbst den 
verhallenden Donner vernehm’ ich nicht mehr und mit 
ihm die Gewißheit: daß nun beendet der Kampf und 
aufs Neue lächeln wird der reine Himmel! Nur einzelne 
grelle Schläge schrecken mich empor und dann ist’s 
wieder todt und öde um mich. Entsetzt fliehe ich aus 
den heitersten Umgebungen, denn jene fröhlichen 
Menschen mit ihren Scherzen, ihren lachenden Mienen, 
ihren warmen Herzen — wie Schattenbilder erscheinen 
sie mir, die, stumm, das laute tonvolle Leben höhnend 
nachäffen. O Qual! — Wann endest du? Find’ ich 
nimmer dein Ziel? Fänd’ es dann mich und bald! — 
bald. 

Es ist das einzigemal in seinen zahllosen 
Schriften und Aufsätzen, daß Johann Peter Lyser 
sein jammervolles Geschick so offen enthüllt 
und beklagt. Die eben gehörten Worte bilden 
einen Teil der Einleitung seiner 1834 veröffent¬ 
lichten Künstlernovelle „Ludwig van Beethoven 1 '. 
(77). 1 Wie lag es doch so menschlich nahe, 
in diese erschütternden Klagen auszubrechen, 
gelegentlich einer Dichtung, die den unsterb¬ 
lichen Meister verherrlichen sollte, den das 
gleiche Los betroffen hatte! Rechne man dies 
Lyser nicht als Unbescheidenheit an oder daß 
er auch von ferne nur einen Vergleich seiner 
Person mit Beethoven damit bezweckte. Nie¬ 
mand war bescheidener als Lyser; aber wir 
können es uns lebhaft vorstellen, daß der rettungs¬ 
los Ertäubte einen gewissen Trost darin ge¬ 
funden haben mag, wenn ein so ungleich Höherer 
als er dieselbe Pein erdulden mußte. Und — 
wie eben gesagt — nur dieses einemal hat Lyser 
so unverhüllt von seinem ,Weh gesprochen; 
sonst verbarg er sein Empfinden unter der 
Maske novellistischer Erzählung oder des Humors. 
Er hatte sich in das Unabänderliche gefügt und 
genug zu tun, sich und die Seinen brav und 
ehrlich, wenn auch häufig sehr kümmerlich, 
durchs Leben zu schlagen. Er hatte leiden 


1 Die eingeklammerten Zahlen weisen auf die am Schluß des Aufsatzes befindliche Bibliographie hin. 




299 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


gelernt, ohne zu klagen, und hatte auch keine 
Zeit, müde zu sein. 

Was wir in den Kompendien (263, 265, 290) 
über Lysers äußeres Leben finden, ist im höch¬ 
sten Grade dürftig und soll an den geeigneten 
Stellen dieser Arbeit gewissenhaft erwähnt und 
richtig gestellt werden. Dazu verhalf mir ein 
glücklicher Zufall: die bis jetzt nur briefliche 
Bekanntschaft mit einer Tochter des Künstlers. 
Ihr besonderer Wunsch — diese übergroße Be¬ 
scheidenheit scheint ein Erbteil ihres Vaters 
zu sein — verbietet 
mir jegliche nähere Er¬ 
örterung über ihre Per¬ 
son. In allen Fällen ist 
es am besten, wenn 
man autobiographische 
Daten verwerten kann, 
selbst wenn sich, wie es 
hier der Fall ist, Dich¬ 
tung und Wahrheit die 
Wage halten. Lyser hat 
leider keine zusammen¬ 
hängenden Memoiren ge¬ 
schrieben, obwohl diese, 
da ihn ein ziemlich un- 
stätes Wanderleben um¬ 
hertrieb und mit bedeu¬ 
tenden Menschen in nahe, 
oft freundschaftliche Be¬ 
rührung brachte, inter¬ 
essant genug hätten wer¬ 
den können. Verstreute Zeitungsartikel und Briefe 
müssen hier aushelfen. Wer sich aber die Mühe 
nimmt, seine Werke aufmerksam durchzulesen 
(und das ist keineswegs unlohnend), der wird 
auch aus ihnen vieles ermitteln. Ein Fragment 
der Jugendgeschichte möge darum hier an Stelle 
öder biographischer Daten seinen Platz finden. 
Es ist in der Novelle „Der Meister und der 
Maestro“ (109) enthalten und möge überschrie¬ 
ben werden: 

Aus meinem Jugendleben. 
Dichtung und Wahrheit . 1 

Ich bin in dem Städtchen 2 geboren, wo ich Sie, 
Herr von Weber ,3 zuerst zu sehen so glücklich war, 


ich bin mithin Ihr Landsmann. Musik waren die 
ersten Eindrücke, deren ich mich zu erinnern ver¬ 
mag! Musik war das erste, was ich lernte, und lange 
Zeit das einzige, was zu lernen ich Lust bezeigte. Ich 
war noch nicht vier Jahre alt, als meine Eltern mit mir 
meine Geburtsstadt und mein Vaterland verlieben, und 
den Süden zu ihrem bleibenden Aufenthalt erwählten. 
Wir erreichten Bonn, unsern bestimmten neuen Wohn¬ 
ort, und hier war es, wo ich den großen Beethoven sah, 
als er seinen letzten kurzen Besuch in seiner Vaterstadt 
machte. Wir bewohnten ein und dasselbe Haus mit 
ihm, und der große Meister verschmähte es nicht, mich 
einige Male vorzunehmen ,4 um zu hören, wie weit ich’s 

denn schon gebracht hätte. 
Ich weiß nicht, wie es kam, 
daß schon damals dieser 
Umstand mein kindisches 
Herz mit Stolz erfüllte. — 
Es war mir, als hätte ich die 
heilige Weihe vom Ton¬ 
künstler erhalten, und nie 
wich diese Erinnerung aus 
meiner Seele; es mußte et¬ 
was Außerordentliches aus 
mir werden, das stand fest 
in mir. 

In diesem Bewußtsein 
betrieb ich meine Kunst mit 
glühendem Eifer, und später 
wandte ich mich auch der 
Malerei zu, weil ich gar 
bald die geheime Beziehung, 
in der Musik und Malerei 
zueinander stehen, auffand. 

Meine Lehrer waren mit 
meinen Fortschritten zufrie¬ 
den und hofften viel von 
mir; und ich — ach! was 
hoffte ich damals nicht alles! 

Zwölf Jahre war ich alt — da starben meine Eltern 
schnell hintereinander. 5 Ich hatte weder in Bonn, noch 
überhaupt im südlichen Deutschland Verwandte, und 
so wurde ich nach * * * in das Haus meines Onkels 
und Vormunds zurückgesandt. 

Der Onkel freute sich über meine Fähigkeiten, über 
mein Talent und meinen Fleiß, er gewann mich lieb, 
und ich — obgleich ich meine Eltern tief betrauerte — 
war doch zu jung und von Natur zu heiter, um nicht 
bald wieder mich recht herzlich zu freuen, und das gab 
es für mich überall, wo nur musizirt wurde. 

— — Mit den Gesellen und übrigen Lehrburschen 
zog ich als Lehrbursch über Land, einer lustigen Bauern¬ 
hochzeit zu, wobei wir aufspielen sollten. — Lachend 
und schäkernd zogen wir unsere Straße fort, und schon 
sahen wir von Ferne den Turm des freundlichen Dörf¬ 
chens Atzbiill in der heitern blauen Morgenluft empor 



Abb. 2. Fiedel-Hänschen. 

Titelkupfer aus „Das Buch der Mährchen für Söhne und Töchter 
gebildeter Stände“ (Leipzig 1844, Wiegand.) 


1 Zum näheren Verständnis der Erzählung diene die Bemerkung, daß Johannes — so nennt sich Lyser hier ganz offen 
— seine Schicksale in der Weinstube von Lutter und Wegner erzählt, und zwar in Gegenwart von Karl Maria von 
Weber, Ernst Theodor Amadeus Hoffmann und Ludwig Devrient. 

2 Flensburg. —• 3 Karl Maria von Weber. — 4 Fraglich. — 5 Entspricht nicht den Tatsachen, 










3oo 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 



Abb. 3. Titelkupfer zu Heft 3 von „Leipzig, wie cs geht und steht“. 
(1835. Verlag von VV. Zirges.) 


ragen, als ein altes zerlumptes Weib von fremdartigem 
Aussehen wie ein Gespenst aus einem Graben dicht 
vor uns auftauchte, und uns mit widerlich meckernder 
Stimme um ein Almosen ansprach. Der alte Jäger¬ 
glaube, demzufolge es einen unglücklichen Tag be¬ 
deutet, wenn man frühmorgens auf der Landstraße 
einem alten Weibe begegnet, ist in meiner Heimat 
auch auf andere Leute, insbesondere aber auf die Musi¬ 
kante?! übergegangen, und so kam es, daß unsere Ge¬ 
sellen und Lehrburschen das alte Weib, statt mit einem 
Almosen, mit argen Verwünschungen bedachten, was 
die Alte mit einer reichlichen Flut der auserlesensten 
Schimpfnamen, welche sie ihnen nachrief, zu vergelten 
sich mühte. Nur ich und mein jüngerer Vetter Georg 
waren minder hartherzig als die andern; wir hatten 
gleich anfangs wie auf Verabredung unsere ganze Bar¬ 
schaft, welche bei jedem aus einem Schilling bestand, 
hervorgeholt und boten jetzt der Alten das Geld. 

Sie nahm es freundlich schmunzelnd und rief: 
„Großen Dank, brave Jungen! — kommt, kommt! gebt 
mir eure Patschhändchen, will hineingucken und euch 
wahrsagen.“ Georg, dem die Alte gar unheimlich zu 
werden begann, lief aber schnell davon, ich blieb zö¬ 
gernd zurück. 

„Hübscher Junge! armer Junge!“ rief die Alte dem 


Fliehenden nach. „Läuft vor der alten 
Mutter! läuft, was er kann und wird doch 
dem Tode nicht entlaufen! Muß sterben, 
eh’ er dreißig Jahre zählt! arme, hübsche, 
junge Frau, arme kleine Kinder! bleiben 
zurück, armer, armer George!“ 

Mir ward jetzt selber unheimlich zu 
Muthe und ich hatte nicht übel Lust, eben¬ 
falls davonzulaufen, als die Alte mich 
fragte: „Und du Hänschen, bist auch 
bange? oder soll ich dir wahrsagen?“ 
Ich schämte mich meiner Furcht, und 
obwohl im Innern bebend und von einem 
unerklärlichen, geheimen Grauen erfaßt, 
hielt ich doch der Alten meine Hand hin 
und sprach mit erzwungenem Lachen: 
„Sage mir wahr, alte Hexe! ich fürchte 
mich nicht.“ 

„Nein, du fürchtest dich nicht!“ grin- 
selte die Alte mich an, indem sie mit 
ihrer eiskalten Knochenfaust meine Rechte 

packte und einige Sekunden hielt.- 

Plötzlich hörte sie auf zu lächeln und sprach 
sehr ernst: „Er fürchtet sich wirklich nicht. 
Nun denn, Sühnchen, so will ich dir auch 
Alles ehrlich sagen, was ich aus deiner 
Hand herauslese.“ Und wechselweise in 
meine flache Hand und mir ins Auge 
blickend, sprach sie in langsamem, näseln¬ 
dem, singendem Tone: 

„Du hast einen gar großen Lehrmeister 
in der edlen Musika gehabt, nicht so, Söhn- 
clien? Gut, Söhnchen! träumst von hohen 
Dingen, Ruhm und Ehren. — Armer Junge! 
wird nicht viel werden. In eine??i Stücke 
wirst du deinem großen Meister gleiche?!. 
Ist ein Hauptstück , Hänschen, aber ein betrübtes , und 
wird dir Kreuz und Elend bringen.- Du hast's voll¬ 

bracht .“ 

Als das alte Weib so geendet hatte, ließ es meine 
Hand los und stieg, starr mich anblickend, wieder in 
den Feldgraben hinab. — Ich weiß nicht, wie ich wie¬ 
der zu meinen Gefährten gelangte. Nach drei Tagen 
gingen wir, halbtodt vor Erschöpfung, zurück nach * * *. 
Als wir wieder bei dem Graben vorbeikamen, in 
welchem die alte Zigeunerin verschwenden war, erfaßte 
mich eine namenlose Angst, in demselben Augenblick 
sagte der Altgeselle Lorenz zu mir: „Du, Johannes! in 
der Zeitung steht, daß Beethoven ganz taub geworden 
ist, er“ — weiter hörte ich nichts, denn ein betäubender 
Schlag dröhnte durch mein Haupt, und als ich mich 
wäeder erholte, brauste es mir vor den Ohren wie 
wogendes Wasser. 

Von diesem Tage an begann mein Leiden, wofür 
die menschliche Sprache keine Worte hat! Ich fühlte 
mit jedem neuen Morgen, w r ie mein sonst iibe?feines 
Gehör mehr und mehr abnahm. — In Todesangst ging 
ich zu einem Arzt, ich erzählte ihm von einem Freunde , 
der mir geklagt habe, wie er befürchte, taub zu werden, 
ich beschrieb dem Arzte den Zustand meines Freun¬ 
des — meinen Zustand! auf das genaueste! — der Arzt 















Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


301 



Abb. 4. Titelkupfer zu ,.Deutsehe Volksblumen durch 
Friedr. Goldschmied“. 

(Leipzig o. J. Verlag von Fischer und Fuchs.) 


zuckte die Achseln und meinte, den 
Symptomen nach sei das Übel unheil¬ 
bar und langsam, doch sicher fort¬ 
schreitend. Dies war ein Donnerschlag 
für mich! Ich suchte mir heimlich 
Alles zu verschaffen, was in neuester 
Zeit von den berühmtesten Ärzten über 
die beginnende und zunehmende Taub¬ 
heit geschrieben wurde, ich las es mit 
Begierde, ich verglich meinen Zustand 
mit Allem, was in den Büchern über 
diesen Gegenstand gesagt wurde, und 
mit Verzweiflung fand ich in Allem die 
Bestätigung dessen, was mir schon der 
Arzt erklärt hatte. Ich gerieth darüber 
in eine Stimmung, die an Raserei 
grenzte, um so mehr, als jetzt hin und 
wieder Tage kamen, wo es mir fast 
unmöglich schien, mein Unglück zu ver¬ 
bergen, und das war es doch, was ich 
jetzt vor Allem wollte, denn nichts er¬ 
schien mir gräßlicher, als daß die 
Menschen es erfahren sollten, ich sei 
— taub. Der Gedanke: Mitleid zu er¬ 
regen, war mir so unerträglich, daß ich 
mehr als einmal auf dem Punkte stand, 
ein Selbstmörder zu werden. 

-Es glückte mir, die mit jedem 

Jahre häufiger und stärker wieder¬ 
kehrenden Anfälle meines Übels zu 
verbergen. Doch, was glich meinem 
Schreck, meiner Todesangst, als ich 
eines Abends, wo ich eben in dem 
Konzert eines durchreisenden Künstlers 
mitwirken sollte, plötzlich kemen Ton 
mehr vernalun. Alles still — furchtbar 
still um mich — ich war vollkommen 
taub. Aber eben in der Verzweiflung 
fand ich einen tollkühnen Muth. ,,Mag 
es gehen, wie es will!“ dachte ich, und 
meines Instrumentes gewiß, ging ich 
keck vor, als die Nummer, in der ich 
mitwirken sollte, an die Reihe kam. Es war Mozarts 
Arie aus „Titus“ mit dem obligaten Bassetthorn. — — 
So war ich denn nun an meinen Platz, neben der Gattin 
des Konzertgebers, welche die Arie singen sollte, ge¬ 
treten. — Mein Auge w r ar fest auf ihren Mund gerichtet, 
und als der Taktstock des Dirigenten fiel, setzte ich 
fest und sicher ein, und hielt bis zur letzten Note aus. 

Ich hatte keinen Ton gehört, selbst nicht den Ton 
meines Instrumentes. Als die Arie geendet, sah ich 
nur, wie sich alle Hände im Saale regten und lange 
und anhaltend aneinanderschlugen. Die Sängerin warf 
mir einen seelenvollen Blick zu und redete zu mir — 

tch hörte es nicht /-Endlich hielt ich es nicht mehr 

aus, ich drängte mich aus dem Kreise, indem ich 
lachend sagte: ich würde Umfallen vor Durst , wenn 
ich nicht sogleich etwas zu trinken bekäme! — Ich 
stürzte fort aus dem Saal in die Schenkstube, wo ich, 
ich weiß nicht wie viele Gläser glühenden Punsch hinab¬ 
stürzte. -Nach einiger Zeit war es mir plötzlich, 


als vernähme ich einen heftigen Knall, dem ein dumpfes, 
leichtes Summen folge; als das Summen sich legte, 
hörte ich wieder. — Nun vernahm ich die Lobsprüche, 
mit denen man mich überschüttete — ich sollte heute 
schöner, seelenvoller denn je geblasen haben.- 

Ich hatte jetzt ein Mittel gefunden, womit ich mein 
Übel verbergen konnte, wenn es unvermuthet und plötz¬ 
lich mich überkam. Es war ein entsetzliches Mittel, 
aber ich gebrauchte es, so oft ich mir nicht zu helfen 
wußte, und es glückte mir jedesmal damit. Freilich 
mußte ich mit jedem folgenden Male die Menge des 
Getränkes verdoppeln, wenn es mir noch helfen sollte; 
ich that es aber, um mein Geheimniss nur nicht zu ver- 
rathen, und ertrug es, daß man mich als jungen Trunken¬ 
bold ausschrie und — verachtete. 

— — Ein alter mir befreundeter Mann, dem ein 
Zufall mein Geheimniss verrathen hatte, versprach mir 
ein Mittel, das mir unfehlbar helfen sollte, das Ein¬ 
treten meiner gänzlichen Taubheit möglichst lange 



















302 


Hirschberg, Johanu Peter Lyscr. 


hinauszurücken; doch solle ich ihm schwören, es nur 
im äußersten Nothfall anzuwenden und alle geistigen 

Getränke fortan meiden. Ich schwur ihm dies zu,- 

und er — bereitete mir Opiumtränke. 

Es hielt hin damit bis vor zwei Jahren, da erklärte 
mir der Alte, wie er schon seit lange die Opiumdosen 
habe verdoppeln , ja verdreifachen müssen, — daß er 
jetzt aber in Gefahr gerathe, mich zu vergiften; nur ein- 
mal höchstens noch dürfe ich von dem gefährlichen 
Mittel Gebrauch machen, dann müsse ich meinen aufs 
äußerste gereizten Nerven Ruhe gönnen. 

-Mein Loos war gefallen! — — Ich entfloh 

nach Deutschland, wo ich als Maler meinen L T nterhalt 
zur Genüge fand. Aber ich floh die Menschen, wo ich 

konnte.-Da kam ich nach Berlin , sah den Herrn 

Kammergerichtsrath, den Meister Ludwig — sah Sie, 
Herr von Weber, vernahm von Ihrer neuen Oper und 
war entschlossen. Mit aller Vorsicht nahm ich eine 
kleine Dosis Opium, die Wirkung blieb nicht aus, ich 
hörte besser. Ich verstärkte sie von Tag zu Tag, bis 
ich gestern und heute das Äußerste wagte. 

Der „Freischütz“ ist die letzte Oper, welche ich 
gehört habe, von morgen an werde ich nichts mehr 
hören. - 

Von den in dieser Geschichte auftretenden Per¬ 
sonen leben die meisten nicht mehr! Callot-Hoffmann 
war der erste, über dessen Gruft sich kurze Zeit nach¬ 
her ein einfacher Denkstein erhob. Dann schied Weber, 
nachdem er noch zwei unsterbliche Werke geschaffen 
hatte. Bald darauf beklagte Deutschland den Verlust 
Beethovens, und mit dem Schlüsse des Jahres 1832 
ging der Meister Ludwig Devrient heim. 

-Und an den Vettern George und Johannes 

ist die Prophezeiung des Zigeunerweibes in Erfüllung 
gegangen. 

Ich habe absichtlich diesen Novellen - Ab¬ 
schnitt ziemlich vollständig gegeben (nur Neben¬ 
sächliches ist fortgelassen), weil er uns in er¬ 
greifender Weise das unsägliche Elend, das 
Lyser betraf, schildert und damit zugleich den 
Kernpunkt dieses Lebens trifft. Die teilweise 
romantische Färbung abgerechnet, haben wir ein 
treues Bild der Gemütsverfassung eines Mannes, 
dem das Geschick die mannigfachsten Anlagen 
verliehen, ihre volle künstlerische Entfaltung 
aber grausam verhindert hat. Wenn wir zu¬ 
nächst einmal ganz von seinen künstlerischen 
Leistungen absehen, so können wir dem armen 
Manne unsere Bewunderung insofern nicht ver¬ 
sagen, als er trotz seines Leidens stets arbeits¬ 
kräftig und arbeitsfreudig gewesen ist. Es ist 
leicht, sehr leicht, über Vielschreiberei zu spotten; 
bei Lyser ist dieser Spott durchaus unangebracht. 
Doppelt schwer war es für ihn bei seiner Taub¬ 
heit, sich sein Brot zu verdienen. 


Und man braucht nicht gerade ein besonders 
tiefes Gemüt zu besitzen, um sich von diesem 
Leben sogar rühren zu lassen. Nachdem der 
Ärmste sich einmal in das Unabänderliche ge¬ 
fügt hatte, da bekam er auch wieder seinen 
alten Humor wieder, da verbarg er nicht 
mehr sein Leiden, da Unterzeichnete er sich — 
vielleicht durch Tränen lächelnd — als der 
„taube Maler“. Da schuf er Karikaturen und 
schrieb Humoresken. Unablässig war er be¬ 
müht, sein Leiden gewissermaßen aus seinem 
Leben auszuschalten; konnte er von der Kunst, 
die sein Denken und Fühlen so ganz und gar 
beherrschte, auch nichts hören, so bildete er 
sein Auge förmlich zum Ohr aus: wie Tiresias 
ein blinder Seher, so war Lyser ein tauber 
Hörer. Diese letztere fast beispiellose Eigen¬ 
schaft nötigte namentlich Heinrich Heine unein¬ 
geschränkte Bewunderung ab. In den „Eloren- 
tinischen Nächten“ 1 sagt er von ihm: 

„Dieser Maler war immer ein wunderlicher 
Kautz; trotz seiner Taubheit liebte er enthu¬ 
siastisch die Musik und er soll es verstanden 
haben, wenn er sich nahe genug am Orchester 
befand, den Musikern die Musik auf dem Ge¬ 
sichte zu lesen, und an ihren I'ingerbewegungen 
die mehr oder minder gelungene Exekuzion 
zu beurtheilen; auch schrieb er die Operkritiken 
in einem schätzbaren Journale zu Hamburg. 
Was ist eigentlich da zu verwundern? In der 
sichtbaren Signatur des Spieles konnte der 
taube Maler die Töne sehen. Giebt es doch 
Menschen, denen die Töne selber nur un¬ 
sichtbare Signaturen sind, worin sie Farben und 
Gestalten hören.“ 2 

Von anderen autobiographischen Berichten 
wird an den geeigneten Stellen die Rede sein. 

Ludwig Peter August Theodor Burmeister , 
genannt Johann Peter Lyser soll am 2. Oktober 
1803 (nach eigener Angabe schon 1801) in 
Flensburg geboren worden sein. Sein Vater 
war der bekannte sächsische Hofschauspieler 
Friedrich Burmeister , dessen fünfzigjährigem 
Künstlerjubiläum (15. Februar 1844) der Wolfif- 
sche „Almanach für Freunde der Schauspielkunst 
auf das Jahr 1844“ nicht weniger als 12 Seiten 
widmet. In ihm ist von Anreden, Festessen, 
Fest-Aufführungen, Huldigungs-Gedichten die 


Der Salon, Hamburg 1837. Bd. 3, S. 45 f. 


2 Vergl. die betreffende Stelle der Autobiographie. 





Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


303 


Rede — des Sohnes, der sich doch damals 
schon längst einen Namen gemacht hatte, wird 
mit keinem Worte gedacht Als Johann Peter 
etwa zwei Jahre alt war, verließ Burmeister seine 
Gattin. Die Ehe wurde getrennt. Später 
heiratete Frau Burmeister den Schauspiel¬ 
direktor Lyser, der den Sohn seiner Frau 
adoptierte und dessen große musikalische 
Anlagen gründlich schon in frühester Jugend 
ausbilden ließ. 1 Von 1807—1815 lebte die 
Familie in Hamburg. Dann ging es nach den 
Rheinlanden; in Köln sang der Kleine als Chor¬ 
knabe in den Kirchen. Mit vierzehn Jahren las 
Peter alle Partituren, dirigierte, spielte Violine, 
Flöte und Klavier. Als er etwa sechzehn Jahre 
zählte, bekam er eine böse Erkältung, die be¬ 
sonders die Gehörorgane in Mitleidenschaft zog, 
so daß er erst auf einem, dann auf dem andern 
Ohre taub wurde; vollständige Taubheit trat 
in seinem zweiundzwanzigsten Febensjahre ein. 
Die Jahre 1819—1823 wurden abwechselnd in 
Schwerin und Rostock zugebracht; in Schwerin 
erhielt er Unterricht im Zeichnen durch den 
Pagenlehrer L. Fischer; unter Quittenbaum 
studierte er in Rostock Anatomie. Da die 
Familie von schweren Schicksalsschlägen be¬ 
troffen worden war, gab er von 1823 bis 1828 
in Flensburg Unterricht im Zeichnen; auch 
war er in Hamburg als Dekorationsmaler tätig, 
um seine Familie zu unterstützen. 1828 ver¬ 
läßt er Hamburg, und nun beginnt ein ziem¬ 
lich regelloses Wanderleben. Die Mutter Peters 
war 1821, der Stiefvater Lyser 1823 gestorben; 
so lief der taube, kaum den Kinderschuhen 
entwachsene Junge elternlos in der Welt umher. 

Mit diesen Angaben steht ein Selbstbericht 
Lysers, den er in den „Erinnerungen aus dem 
deutschen Norden“ (135) gibt, in Widerspruch. 
Hören wir seine eigenen Worte: 

„Ich war damals (1829) als ein seltsames 
Subjekt nach Hamburg gekommen! Von frü¬ 
hester Jugend zum Künstler bestimmt, hatte 
ich die Kunst mit Leidenschaft geübt — als 
plötzlich dem zwanzigjährigen Jüngling mit 
einem Schlage alle Hoffnungen vernichtet 
wurden! Gewaltsam hinausgeschleudert aus der 


Bahn, verbrachte ich mehrere Jahre in dumpfer 
Betäubung! Endlich fand ich mich wieder, aber 
was nun beginnen? Meine Verwandten meinten, 
ich sollte Buchdrucker werden! und drei Mo¬ 
nate lang stand ich vor dem Letternkasten 
und setzte das „Sonderburger Wochenblatt“ 
— dann aber hielt ich’s nicht länger mehr aus 
und ging — zur See. Fünf Jahre lang diente 
ich auf einem Westindienfahrer, und als ge¬ 
prüfter Untersteuermann betrat ich 1828 wieder 
den heimathlichen Boden, um — als Theater¬ 
maler mich bei meinem Vater 2 der damals das 
Theater in Lüneburg und Halle übernommen, 
engagiren zu lassen. Der Vater machte in 
Lüneburg und Halle schlechte Geschäfte, be¬ 
warb sich deshalb um die Konzession für Al¬ 
tona, und so kam ich wieder dorthin.“ 

Der Widerspruch in beiden Berichten mußte 
mit biographischer Ehrlichkeit registriert wer¬ 
den; ihn aufzuklären, dürfte von geringem 
Belang sein. Uns interessiert namentlich die 
Weltreise des tauben Jünglings, die ihn bis zu 
der Insel St. Thomas führte. Sicherlich ist es 
das Meer mit seinen Wundern, seiner maje¬ 
stätischen Ruhe und seiner wilden Bewegung 
gewesen, das in der Seele des auf sein Innen¬ 
leben Angewiesenen den Funken der Poesie 
entzündete. Zu der bisher geübten Malerei 
und Musik trat die Dichtkunst. Und diese 
dichterische Begeisterung muß damals so ge¬ 
waltig in ihm gewesen sein, daß er noch zwanzig 
Jahre später (1847) davon träumte und sang. 
„Ein Sonntagsmorgen 11 (142) heißt die hübsche 
Skizze, die ich hier mitteile: 

Ein Sonntagsmorgen! Aber keiner in der schönen 
Kaiserstadt, keiner auf dem Lande, in der Brühl oder 
auf dem Kahlenberge! Ein Sonntagsmorgen zur See, 
auf einer hübschen, schnellsegelnden Kauffahrerbrigg, 
die eben im Begriffe ist, den Wendekreis des Krebses 
zu übersegeln. 

Der Ozean ist spiegelglatt, eine leichte Brise bläht 
die weißen Segel milde, erfrischende Luft umweht uns, 
und heilige Stille ruht über dem Wasser und tiefes 
Dämmern. 

Am Steuerruder, die Trille mit kräftiger Faust len¬ 
kend und dabei aufmerksam auf die Bussole blickend, 
steht der alte Steuermann, neben ihm, die Arme über¬ 
einandergeschlagen, lehnt der Kapitän, mit Falken- 


1 Lyser, Direktor einer Wandertruppe, stammte aus angesehener holsteinischer Familie, muhte aber wegen eines 
Duells flüchten und vertauschte seinen ursprünglichen Namen Mertens mit Lyser. Er war ein vortrefflicher Gatte und 
Vater des kleinen Peter, der auch mit größter Liebe an seinem Stiefvater hing. (Bericht der Tochter.) 

2 Es kann natürlich nur der Stiefvater Lyser gemeint sein, denn Burmeister war seit 1811 fest am Dresdner Hof- 
heater engagiert. 






304 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 



Abb. 5. Titelkupfer zu „Mephistopheles“. 

(Leipzig, Brüggemanns Verlags-Expedition. 1833.) 

blicken den Stand der Segel beobachtend, nur wenige 
Matrosen befinden sich auf dem Vorderdecke, und im 
Mastkorbe sitzt einer und lugt aus — er sieht aber 
nichts als Himmel und Meer, denn nicht das kleinste 
Segel läßt sich am Horizont entdecken, und wie weit 

ist’s noch bis zum nächsten Eilande!- 

Jetzt rötet sich zuerst ein kleiner Punkt am öst¬ 
lichen Horizonte, aber rasch bricht unter diesen Breite¬ 
graden Tag und Nacht an, und ehe du dir’s versiehst, 
flammt der ganze Horizont in wundervollem Licht¬ 
purpur. An der lichtesten Stelle zuckt es jetzt auf — 
einen Goldblick möcht’ ich es nennen, wenn diese Be¬ 
zeichnung nicht zu matt wäre. — Noch einen Moment 

— jetzt wiegt sich der gewaltige Feuerball auf den 
Wogen — die Luft weht schärfer durch das Tauwerk 

— und das Meer scheint geschmolzenes Metall, aber 
wie das flimmert und funkelt und aufblitzt, und Milli¬ 


onen leuchtende Funken sprüht, und dazu der Kon¬ 
trast — grad über der Stelle, wo du stehst, ist der 
Himmel noch tief dunkelblau und die Sterne flim¬ 
mern dran, oder der bleiche Mond. — Noch ein 
Moment: der Feuerball steigt höher — jetzt erzittert 
er — wirft seine unzähligen Strahlengarben aus — 
und es wird Licht! — 

Der dänische Märchendichter Andersen 
hat ein „Bilderbuch ohne Bilder“ geschrieben; 
wer sollte bei dieser Skizze des deutsch¬ 
dänischen Märchendichters Lyser nicht an 
ein Gleiches denken? — 

Noch ein anderes Werk unseres Autors 
müssen wir für seine Jugendgeschichte als 
autobiographisches I Iilfsmittel heranziehen. 
Es ist sein erstes selbständig gedrucktes 
Buch, der Roman „Benjamin“ ( 2 ), im Jahre 
1830 in Hamburg bei Hoffmann und Campe 
erschienen, bereits mit dem Zusatze „Aus 
der Mappe eines tauben Malers“, versehen mit 
zwölf selbstradierten Blättern. Die Ausführung 
der letzteren ist miserabel, wie überhaupt die 
illustrative Ausstattung der Bücher aus obigem 
Verlag eine jammervolle ist, da der alte 
Campe nur höchst ungern Geld dafür ausgab. 
Dieses seltene Buch 1 ist in vielfacher Hin¬ 
sicht interessant. Der „Versuch eines Ver¬ 
suches“ ist dem „Herrn Doktor Ludwig 
Börne“ zugeeignet; die „in freudigster Ver¬ 
ehrung“ geschriebene, sehr launige Widmung 
erläutert zunächst das erste Blatt der Umrisse 
folgenderm aßen: 

Ich stand im verflossenen Sommer in der Vorhalle 
der Hoffmann und Kampeschen Buchhandlung — 
betrachten Sie gefälligst das erste Blatt meiner Um¬ 
risse, und ich bin gewiß: schöne Erinnerungen werden 
in Ihrer Seele auftauchen. Sie werden auf den ersten 
Blick unsern Herrn Verleger erkennen, sowie seine 
Komptoirgehilfen, besonders den kleinen freundlichen, 
etwas fetten (ich nenne ihn nur immer meinen Gevatter, 
weil er nie unterläßt, so oft ich komme, mir seine 
Tabaksdose zu offerieren). Auch der kleine Lieblings¬ 
hund des Herrn Kampe wird Ihnen noch erinnerlich 
sein, sowie endlich der kleine Laufbursche und Lampen¬ 
anzünder, der von den sechs Lampengläsern in der 
Regel immer drei zerbrach, weshalb er seit einiger 
Zeit zu seiner nicht geringen Kränkung seine Ehren¬ 
charge als Aufklärer und Verbreiter des Lichts in der 
Hoffmann und Kampeschen Officin verloren hat, und 
nur noch ein simpler Laufbursche ist. — Aber ich sehe 
im Geiste Ihren Blick fragend auf die schlanke Gestalt 
eines jungen, liebenswürdigen Mannes geheftet, der, 


1 Bis vor kurzem war es mir unmöglich, ein Exemplar des „Benjamin“ aufzutreiben. Erst im Januar dieses 
Jahres fand ich ein absolut neues, unaufgeschnittenes Exemplar im Original-Umschlage im Ausverkauf einer modernen Buch¬ 
handlung in Hannover, wo ich es für io Pf. erwarb. 






Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


305 



Abb. 6. Einzelblatt. O. O. u. I. Lyser del Menzel litb. 


auf den Fußspitzen sich erhebend, mit heraufgerecktem 
Halse vor dem Bücherrepositorium rechts steht und 
etwas zu suchen scheint. — Sie kennen ihn nicht? — 
ich glaub’s! denn Sie sahen ihn noch nie. 

„Dieser holde Mann bin ich!“ 

In der Zueignung sagt Lyser in bezug 
auf sein Buch ferner: „Ich griff hinein ins bunte 
Menschenleben, und in mein eigenes — und so 
entstand mein Benjamin. Mein Buch enthält 
nur Wahres , und dennoch ist alles erdichtet 
— aber nichts erfunden “. Schon in diesem 
Werke ist das bekannteste der Lyserschen 
Gedichte, das er später unter der Überschrift 
„Malerlust“ in die „Lieder eines wandernden 
Malers“ (13) aufgenommen hat, enthalten; es 
möge hier, da es gewissermaßen ein „Bruchstück 
eigner Konfession“ ist, seine Stelle finden: 
z. f. B. 1906/1907. 


Töne und Farben. 

Zu singen und zu malen 
Ist meines Lebens Lust! 

Die Töne und die Farben 
Sind eins in meiner Brust. 

Und sollt ich eines lassen, 

Ging’s mit dem andern nicht, 

Es findet sich zum Bilde 
Mir immer das Gedicht. 

Der Blume süßes Leben, 

Des Maienhimmels Pracht; 

Der Mädchen Rosenwangen, 

Der Liebe Wonnenacht, 

Und Himmels-Lust und Wehe, 

Im Busen mir erglühn! — 

Drum, was ich nicht kann malen, 

Das mag im Bilde blühn! 

Mit vielem Humor schildert der Autor das 
kleinstädtische Leben in „Dummburg“, wo er 

39 























3°6 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


von der Taubheit ist noch nirgends 
Launige Erinnerungen 


seine Jugendzeit zugebracht hat; dann kommt 
er in die Residenz, um Malunterricht zu neh¬ 
men; ein homosexuelles Attentat von seiten des 
Mannes, der sich als sein Mäcen ausgibt, mi߬ 
glückt; endlich schließt er sich einer wandern¬ 
den Schauspielertruppe an. 

Alles atmet Lebenslust und Lebensfreude; 

die Rede, 
aus dem vagabun¬ 
dierenden Schauspielerleben seiner frühesten 
Jugend erzählt Lyser 1845 in der zweiten seiner 
„Kleinen Geschichten aus dem Tagebuche eines 
wandernden Musikanten“ unter der Überschrift 
„Der Stadtmusikant“ (123) 
und in dem „Portrait“ des 
Schauspielers Friedrich 
Röppke (74), das er 1833 
entworfen hat; endlich 
auch in dem „Mozart- 
Album“ (150 b). 

Jedenfalls wohnte der 
„ausgezeichnete, geniale 
junge Maler, Dichter und 
Privatdoktor der Philo¬ 
sophie Jean Pierre Lyser“ 
in der Mattentwiete No. 

12 in Hamburg. 1 Der 
Buchhändler Julius Campe 
hat sich zuerst des jungen 
Mannes angenommen. „In¬ 
folge meines fünfjährigen 
Seelebens war übrigens 
mein dermaliger Anstand 



ganz der eines echten 
Seebären und meine Kon¬ 
versation war mit den ab¬ 
sonderlichsten nautischen Ausdrücken gespickt“ 
(135). Campe machte ihn mit Heine, Immer¬ 
mann, Reinhold, Wienbarg, Röding, Merckel, kurz 
mit allen damals in Hamburg lebenden schrift¬ 
stellerischen Notabilitäten bekannt. Mit dem 
talentvollen G. A. v. Maltitz, dem Verfasser der 
einst vielbewunderten „Pfefferkörner im Ge- 
schmacke der Zeit“, verband den Vater Lyser 
innige Freundschaft; der Sohn zeichnete ihm 
Karikaturen für den „Norddeutschen Courier“ 
( 135 )- 

Heinrich Heine hat nicht gerade häufig in 
seinen Werken und Briefen von Lyser ge- 


Abb. 7. Bildnis der Frau Caroline Leonhardt-Lyse r. 
Bleistiftzeichnung. 


Benjamin, S. 60. 


sprochen; wo dies aber geschieht (272, 273), 
dann immer voller Freundschaft und Teilnahme. 
Ausführlicher dagegen sind Lysers Berichte 
(135, 144), und es ist vornehmlich Karp eles 
zu danken, daß er diese aus dem Staube der 
Bibliotheken herausgezogen hat. „Vom ersten 
Tage unserer Bekanntschaft an gehörte Heine 
mir zu jenen Menschen, an die ich täglich, 
stündlich gedacht habe und noch denke mit un¬ 
verminderter Begeisterung, und das will bei mir 
nach fünfzehnjähriger Trennung immer mehr 
bedeuten, als wenn ich in meinem Sünden¬ 
register nachschlage, wi' oft ich mich verliebt 
ha bckorbt und erhört 

wo bin“ (130). Heine 
verbrachte, wie Strodt- 
mann (293) berichtet, im 
Sommer 1830 oft halbe 
Tage in Gesellschaft des 
tauben Malers. Zuweilen 
erschien er auch abends 
und blieb die ganze Nacht. 
Lyser mußte ihm dann 
immer starken Tee vor¬ 
setzen, in den er weder 
Milch noch Rum, aber 
sehr viel Zucker schüttete. 
Mehrmals verlangte Heine 
beim Eintreten sofort 
Feder und Tee und 
schrieb dann, auf dem 
Sofa liegend, das eine 
oder das andere Gedicht, 
das ihm unterwegs in den 
Sinn gekommen, auf ein 
Blättchen seiner Brief¬ 
tasche. Wie aufmerksam Lyser an dem damals 
(1830) entbrannten Streite zwischen Heine und 
Immermann einerseits und Platen andrerseits 
teilgenommen, das ist in den bereits mehrfach 
zitierten „Erinnerungen aus dem deutschen 
Norden“ (135) mit Laune und wissenschaftlichem 
Ernste auseinandergesetzt. 

Daß übrigens ein leicht hingeworfenes Ge¬ 
dicht Lysers die Grundlage für ein sehr an¬ 
mutiges Heinesches gebildet hat, darüber 
schreibt Lyser in seinem „Morgenstündchen in 
Wandsbeck“ (144): 

„Heine forderte mich auf, in seiner (Heines) Manier 
ein etwas frivoles Lied zu improvisieren. Ich ließ mich 
nicht lange bitten und warf folgendes Liedchen hin: 









Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


307 


Magst du dich auch selbst belügen, 

Mich belügst du nicht, mein Kind! 

Möglich, daß die Küsse trügen, 

Wie oft Worte möglich sind. 

Nicht entscheid’ ich solche Fragen! 

Lüg’ mit Worten, lüg’ im Kuß, 

Lüge dreist — ich will’s drauf wagen, 

Weil ich dich schon lieben muß. 

Heine las das Lied und sprach rasch: „Nicht übel 
— bis auf den Schluß, der an Goethes Art und Weise 
erinnert — warten Sie! so würde ich’s gegebenhaben!“ 
Und er schrieb: 

In den Küssen — welche Lügen! 

Welche Wonne in dr Schein! — 

Ach, wie süß ist das ügen, 

Süßer noch: Betrog ün. 

Liebchen, wie du dich auch 

wehrest, 

Weiß ich doch, was du erlaubst! 

Glauben will ich, was du schwörest! 

Schwören will ich, was du glaubst! 

Heine reichte mir das Lied, 
und als ich es gelesen hatte, drehte 
ich das meinige zusammen und 
benutzte es als Fidibus, womit ich 
mir die Cigarette anzündete. 

Dem Verkehr mit Heine 
entbliihten zahlreiche Zeich¬ 
nungen und Karikaturen der 
verschiedensten Art. Auch 
mehrere Bildnisse des Dich¬ 
ters (158, 159) hat Lyser ge¬ 
zeichnet. Sie sind sämtlich, 
zum höchsten Schmerze aller 
Heine-Forscher, verloren. Mir 
hat es ein glücklicher Zufall 
vergönnt, wenigstens eine Por¬ 
trätskizze (93) aufzufinden. August Lewald er¬ 
zählt nämlich in seinen „Aquarellen aus dem 
Leben“ (283): 

Eine hübsche Zeichnung von Lyser aus der Harz¬ 
reise schenkte er 1 meiner Frau. Er selbst saß darin, 
in luftiger Wandertracht, nachlässig in der Hütte des 
alten Bergmanns, der mit seinem spinnenden Weibe, 
halbabgewendet, am Fenster hockte und Zither spielte. 
Der Mond schien herein. Vor ihm lag das junge Mäd¬ 
chen, auf dem Fußschemel kniend, und sprach die 
Worte, die er selbst unter die Zeichnung geschrieben 
hatte: 

Daß du gar zu oft gebetet, 

Das zu glauben wird mir schwer; 

Dieses Zucken deiner Lippen 
Kommt wohl nicht vom Beten her. 


1 Heine. — 2 183 5. 


Lyser hat diese Skizze, laut Signatur, am 
25. September 1829 gefertigt und Heine ver¬ 
ehrt. Dieser gab sie an Lewald am 30. April 1831, 
als er sich anschickte, nach Paris zu gehen. 
Wir bieten den Lesern diese kostbare Reliquie 
gleichfalls in Reproduktion. 

Spurlos verschwunden ist eine Zeichnung, 
von deren Existenz Ludolf Wienbarg in seinen 
„Wanderungen durch den Thierkreis“ (295) be¬ 
richtet: 

Er (Heine) drückte sich das rothseidne Taschentuch, 
das er sich zur Nacht um den Kopf gewickelt, mit beiden 
Händen an die glatten schwarzen Haare, klagte an¬ 
fangs, wie gewöhnlich, über Kopf¬ 
weh, wickelte und zupfte darauf 
den bunten mephistophelischen 
Schlafrock in den kühneren Wurf 
eines Faustmantels um die Schulter 
und begann mit lächelnder Miene 
und blinzelnden Augen, aber im 
trockensten Dozententon, mir als 
einem jungen Scholaren die tiefere 
welthistorische Bedeutung seiner 
liederlichen Lieder auseinander¬ 
zusetzen. Ich mußte ihm gerade 
ins Gesicht lachen und blieb dem 
ungeachtet ein aufmerksamer 
Zuhörer. Die Situation war so 
komisch, daß, wie gleich nachher 
der taube Lyser ins Zimmer trat, 
er sich kichernd uns am Tische 
gegenübersetzte und eine der 
lustigsten Karikaturen von uns ent¬ 
warf, wie sie seiner flüchtig ge¬ 
schickten Feder nicht selten un- 
gemein gelingen, und die, wie ich 
glaube, Heine noch gegenwärtig 2 
aufbewahrt. 

Diese Hamburger Zeit, mit 
ihrem anregenden Verkehr, ihren ersten schrift¬ 
stellerischen und künstlerischen Erfolgen, die ihn 
vor Mangel und Not bewahrten, war vielleicht 
die glücklichste in Lysers Leben. Er stellte an 
das Leben ja so geringe Ansprüche. Die frohe 
Stimmung übertrug sich auch auf seine Kunst 
und seinen Gemütszustand. Die Umschlags¬ 
zeichnungen, die er für den Lebrunschen „Al- 
manach dramatischer Spiele“ (62, 67, 71, 72) 
und das „Politische Taschenbuch“ von Wit, 
genannt von Dörring (61, 68), zeichnete, sind 
teilweise von überwältigender Komik, die Er¬ 
klärungen, die der Maler dazu gibt, immer 
treffend, bisweilen drastisch. So äußert er 1831 
(67), daß er sich „von einem verdammten Re¬ 
zensenten im Berliner Konversationsblatt sein 



Abb. 8. Gustav Lyser, 
Redakteur der „Dakota Freie Presse”, 
Yankton, S. D. 










Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


308 




Abb. 9. Bildnis der Improvisatrice Rosa Taddei. 
(Lithographie. 1829. Aus.- ..Herbstgabe“, Taschenbuch auf das 
Jahr 1840 von Caroline Leonhardt-Lyser.) 


bißchen Geist nicht abdisputiren“ lassen will. 
Daß er sich von 1830 an ganz offen als „tauber 
Maler“ unterzeichnet, beweist ebenfalls, wenn 
wir auf den eingangs mitgeteilten poetischen 
Lebensabriß zurückgehen, daß seine Gemüts¬ 
stimmung damals eine durchaus heiter-resignierte 
gewesen sein muß. Anfangs wollte er keinen 
Menschen sein Unglück wissen lassen, genau 
wie Beethoven seine Freunde beschworen hatte, 
das fürchterliche Geheimnis seiner beginnenden 
Taubheit niemandem zu verraten. Lyser konnte 
sich — vielleicht mit dem Tod im Herzen — 
jetzt sogar darüber lustig machen. In den 
„Lichten Stunden eines wahnsinnigen Musikers“, 
enthalten im Taschenbuch „Cäcilia“ (8), findet 
sich folgende dafür charakteristische Stelle: 

Es gibt sehr viel in der Welt, worüber ein Ci- 
devant-Kapellmeister, wenn er ernstlich darüber nach¬ 
denkt, entweder des Teufels oder verrückt werden 
kann — aber ich flehe euch, ihr Götter! — wenn ich 
auch verrückt werden muß, laßt mich nur nicht taub 
werden! Wenn es sein muß — nun ja! verrückt! aber 
nur nicht taub . — 


Taub möchte ich nicht gerne werden. 

Mein verrückter Herr Kapellmeister! Diese Paro¬ 
die war malitiös, und: „Ich werde es nie dulden, daß 
man mich in meinem eigenen Hause beleidigt.“ 

Der taube Lyser (nach Louis Philipp). 

Heines Fortgang von Hamburg zersprengte 
den Freundeskreis, und auch Lysers Bleiben 
war dort nicht langer. Der alte Wandersinn 
erwachte wieder und so ging es Anfang des 
Jahres 1832 wieder hinaus in die Welt. 

Im Februar 1832 stand er vor Goethe. 

Beter muß ein schöner Jüngling gewesen 
sein. Nach seinem in skizzenhafter Manier ge¬ 
zeichneten, den „Neuen Kunst-Novellen“ (21) 
beigegebenen Selbstporträt ist bei dem Wiener 
Photographen Kurz eine künstlerische Photo¬ 
graphie gefertigt worden, die mir Lysers 
Tochter freundlichst verehrt hat. Nach dieser 
ist unsere Porträt (Abb. 1) ausgeführt. Das 
Profil ist von edelster Schönheit: eine hohe, ge¬ 
wölbte Stirn, eine kräftige, feingeformte Nase, 
ein sanft blickendes treues Auge. Lange Locken 
wallen über Haupt und Schultern. Dazu die 
genialische altdeutsche Malertracht — — ich 
stelle mir den Tieckschen „Franz Stcrnbald“ 
so vor. 

Auf dieses blondlockige Jünglingshaupt hat 
der Altmeister in Weimar, vier Wochen vor 
seinem Tode, segnend seine Hand gelegt und 
ihm Worte gütevoller Weisheit auf seinen Le¬ 
bensweg mitgegeben, die Lyser nie, auch nicht 
im größten Elend seiner letzten Jahre vergessen 
hat, die ihm das trübe Dunkel seiner Pfade er¬ 
hellt haben, gleich dem Stern, den die Könige 
im Morgenlande geschaut: 

„Du mußt dich, liebes Kind, mehr wie jeder 
andere vor Menschenhaß und Menschenver¬ 
achtung zu wahren suchen! Taube sind von 
Natur mißtrauisch! Dumme Menschen werden 
sehr oft dein Unglück zu ihrem Vortheil be¬ 
nutzen. Denke dann: es waren eben dumme 
Menschen, und Dummheit ist das größte Un¬ 
glück, denn sie macht die Menschen unfähig, 
das höhere Ewiggöttliche im Menschen nur zu 
ahnen, geschweige denn zu erkennen! Der 
Gemeinheit und Niederträchtigkeit setze nur 
immer das Bewußtsein entgegen, daß du weder 
gemein noch niederträchtig bist, daß du un¬ 
beirrt durch alle die kleinen und großen Kala¬ 
mitäten des Alltagslebens dem Ziele zustrebst, 
welches du selbst dir aufstelltest und dann 
















Abb. io. Beethoven 
Einzelblatt. 


Zeitschrift für Bücherfreunde X. 


Zu Hirschberg: Johann Peter Lyser. 




















Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


309 


vergiß nie: daß noch viele gute Menschen 
leben!“ (270, 296.) 

Von Weimar aus ging er nach Leipzig. 
Sein liebenswürdiges Wesen, seine stets heitere 
Laune, seine mannigfachen Talente im Verein 
mit der Anmut seiner äußern Erscheinung ließen 
ihn schnell Freunde gewinnen. Für einen 
jungen phantastischen Künstler konnte es in 
der Tat damals kaum einen geeigneteren Ort 
geben als Leipzig. Der Mittelpunkt des Kreises, 
in den Lyser trat, war Robert Schumann. 

Schumann hatte gerade das trockne Jus an 
den Nagel gehängt und schwelgte nur in Musik. 
Um ihn scharten sich der geniale, frühver¬ 
storbene Schunke, Banck, Knorr und andere; 
eine Art Mittelpunkt bildete das Haus des be¬ 
rühmten Friedrich Wieck, dessen Töchterchen 
Clara gerade damals berühmt zu werden an¬ 
fing. Die Vertreter der neuen Kunstrichtung 
gründeten den bekannten Davidsbund, allen 
Spielern Schumannscher Klavierwerke wohl 
bekannt. Schumann selbst figurierte als „Flo- 
restan“ und „Eusebius“, Wieck als „Meister 
Raro“; andere hießen „Walt“, „Julius“, „Serpen- 
tinus“; unser Lyser wurde ,,Fritz Friedrich“ 
genannt; Clara Wieck war die in den„Schwärm- 
briefen“ verewigte „Chiara“. Voller Begeisterung 
erzählt „Fritz Friedrich“ selbst davon (92): 

Was glich jenen Abenden, wo Francilla Pixis und 
das Wundermädchen Clara zusammen spielten und 
sangen! Banck lief wie toll herum und suchte neue 
Liederformen — Schunke, den Tod in der Brust, schrieb 
seine Phantasie „Beethoven“ — Bürck schnappte ein 
Bischen über, Lyser dichtete seine Wanderlieder an 
Claras Klavier, und Schumann selbst mag wohl in jenen 
Tagen zuerst über seine „Kreisleriana“ nachgesonnen 
haben, denn eben in jener Zeit war es, wo das Urbild 
des Callot-Hoffmannschen Kapellmeisters, der unglück¬ 
liche Ludwig Bohner, sich kurze Zeit in Leipzig auf¬ 
hielt. Ein großes Blatt, welches Lyser damals zeichnete, 
(166) zeigte, wie auf einem bunten Maskenball, alle die 
lieben, anmuthigen und wunderlichen Gestalten. 

Einer der Bundesabende wird so geschil¬ 
dert (276): 

, In dem matt erleuchteten Zimmer sitzt Zilia am 
Klavier und spielt, Eusebius beugt sich über ihren 
Stuhl, — Serpentin lehnt an dem Tisch, Walts Nacken 
umschlingend mit den Beinen und manchmal auf und 
ab reitend, — Florestan auf dem Tische stehend und 
ciceronisirend — Fritz Friedrich mit der Laterna ma- 
gica die Musik durch Faschingsfiguren an Wand und 
Decke illustrirend. 

Es kann wohl kaum einem Zweifel unter¬ 
liegen, daß Lyser sehr tätig mitwirkte, die von 



Abb. 11. Beethoven, die „Pastorale“ komponierend. 
(Aus dem Taschenbuch „Cäcilia“. Hamburg 1833, Hoffmann 
und Campe.) 


Schumann gegründete, noch heutigen Tages 
bestehende „Neue Zeitschrift für Musik“ ins 
Leben treten zu lassen. Lyser gehörte, wie 
Schumann an seine Mutter schreibt (291), zu 
seinen täglichen Gesellschaftern; die Duzbrüder¬ 
schaft zwischen beiden war schnell eingeleitet. 
Bereits in der zwölften Nummer der jungen 
Zeitung findet sich der Anfang der Kunstnovelle 
„Vater Doles und seine Freunde“ (76). Manche 
Zeichnung Robert Schumanns (164) und Clara 
Wiecks (165) wurde von Lyser entworfen; sie 
sind leider ebenso wie eine frühere von Carl 
Maria von Weber (155) verloren gegangen. In¬ 
teressant ist auch ein Essay über Clara in dem 
schon erwähnten Taschenbuch „Cäcilia“ (8), vor 
allem deshalb, weil es wohl einen der frühesten 
Berichte über die berühmte Pianistin darstellen 
dürfte. Es heißt darin: 

Man könnte Clara, wie sie sich zu Hause gibt — 
unbefangen und kindlich gegen den Vater und ihre 
Umgebungen, beim ersten Blick für ein ganz liebens¬ 
würdiges dreizehnjähriges Mädchen — und weiter 
nichts halten — aber beobachtet man sie genauer — 
da zeigt sich alles anders! Das feine, hübsche Gesicht- 
chen mit den etwas fremdartig-geschnittenen Augen, 
der freundliche Mund mit dem sentimentalen Zug, der 












3io 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 



Abb. 12. Aus F. R. Müller, Ein neuer Don Quixote. 
(Wien und Leipzig 1846.) 


1 Brief an Robert Schumann vom 10. 
Februar 1839. 


dann und wann etwas spöttisch oder schmerzlich — 
besonders, wenn sie antwortet, sich verzieht, dazu das 
Graziös-Nachlässige in ihren Bewegungen — nicht stu- 
dirt, aber weit über ihre Jahre hinausgehend. 

Der Verkehr in diesen musikalischen Krei¬ 
sen ließ den armen Lyser sein Unglück häufig 
genug schmerzvoll empfinden. In Hamburg 
waren seine Freunde ja ausschließlich Dichter 
und Schriftsteller. Und gerade beim Anblick 
des Wunderkindes Clara bricht er in die er¬ 
greifenden Worte aus: 

Musik / — was sagt dieses Wort nicht alles! — 
Sie erfüllt mein Herz! sie hielt mich aufrecht im Sturm 
des Lebens — sie ist mir Trost und Stab, da mir alle 
farbigen Frühlingsblumen welkten, und die Luftschlösser 
meiner Jugendphantasien zertrümmerte. — Sie ist es, 
welche das Restchen Hoffnung und das Fünkchen 
Glauben so noch in mir bewahrte, daß ich nicht in jenem 
letzten entsetzlichen Schmerz unterging — genug da¬ 
von ! 

Bei alledem erfüllte den tauben Maler eine 
unbändige Lebenslust und Lebensfreude. „Gott 


weiß woher es kommt, daß ich mich oft für 
jünger halte als ich bin — ich fühle wirklich 
im Vergleich mit andern Männern meines Al¬ 
ters wie ein Kind, ich kann mich noch so von 
ganzem I lerzen freuen und mich betrüben, noch 
ebenso schwärmen wie damals, als ich noch 
hören konnte — und wie lange ist das schon 
her! Seh ich diese lebensmüden übersättigten 
Greise, so gerath’ ich oft in Versuchung, stolz 
zu werden und zu denken, da bin ich doch ein 
andrer Kerl und noch nicht abgethan!“ 1 

In den Sommer des Jahres 1833 dürfte jene 
köstliche Fußreise durch Böhmen und Sachsen 
fallen, deren poetisches Tagebuch Lysers be¬ 
kanntestes Werk, die „Lieder eines wandernden 
Malers“ (13), darstellen. Aussig, Dux, Bilin, 
Mariaschein werden besucht, mit besonderm 
Entzücken auf der Kuppe des Donnersberges 
verweilt. Auf dem Friedhofe bei Teplitz steht 
er an 

Seumes Grab. 


Fort, aus der heitern Gesellschaft 
Hatt' ich mich geschlichen, 

Denn seltsame Wehmut 
Zuckte mir plötzlich durchs Herz. 
Worüber? — 

Was weiß ich’s! — alte Gedanken 
Von Heimat und Glück, sie tauchen 
Wohl oftmals ohn’ unsern Willen 
Hervor aus den Gräbern, 

Wo sie schlummern sollten, 

Wie alles, was dem blühenden Leben 
Feindlich und höhnend entgegentritt. 


Ich ging durch die Gärten und Wiesen! 
Purpurroth 

Brannte der westliche Horizont! 

Kühlende Lüftchen 

Ließen erklingen die Wipfel der Bäume, 
Die Büsche und Gräser 
Stimmen mit ein, sie sangen 
Ihr Abendlied! 

Und vom Friedhof her 

Summte das Todtenglöckchen dazu. 

Hin zog mich’s zum Friedhof! 

Da stand ich bei der Kapelle — vor mir 
Erhob sich ein Eichbaum — seine Zweige 
Liebend ausbreitend über einen 
Einfachen Grabstein, 

Und auf dem Grabstein las ich den Namen: 
„Seume." 

Eines Mannes Grab hab’ ich gesehn! 

Und heilige Erde 

































Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


31 I 


Nehm’ ich mit von dem Grabe, 

Und ein Eichenblatt, 

Das vor mir niederfiel. 

Theure Zeichen einer würdigen Stunde! 

Ich will euch tragen mit mir, 

So lang’ ich wandre. 

Und so oft ich euch anblicke, will ich sagen: 

„Eines Mannes Grab hab’ ich gesehn!' 1 
Und will streben: 

Selber ein Mann zu sein, so lang’ ich wandre. 
Schmücke mein einsames Grab auch nimmer ein Denk¬ 
stein, 

Breite kein Baum seine grünenden Zweige 

Je drüber aus — was schad’t es? 1 

Das herrlichste Denkmal des Mannes bleibt immer: 

Zu leben in der Erinnerung würdiger Männer. 

Und mehr als alle prunkenden Monumente 
Sagt das Manneswort: 

„Er war ein Mann.“ 


kenne, Böhmen am meisten! vielleicht darum, weil 
ich es nächst jenem am genauesten kenne. Aber auch 
ganz gewiß, weil es gar so lieb und schön und dabei 
so kräftig ist und so viel große Erinnerungen einer 
großen, herrlichen Vorzeit sich bewahrt hat. 

Für den Künstler — er mag nun treiben welche 
Kunst er will, ist Böhmen vollends recht wie geschaffen! 
In seiner Natur paart sich das Großartige mit dem 
Lieblichen, das Düstere mit dem Lachenden wie nir¬ 
gends anderswo in diesem Grade. Der Böhmen Sprache 
klingt wie Musik und Musik ist eine Sprache, die jeder 
Böhme versteht und liebt, und Böhmens Töchter ver¬ 
stehen zu lieben und Böhmens Wein erfreut das Herz, 
und Böhmens Männer zeugen dafür, daß es auch noch 
anderswo als im Norden Männer gibt, stolz, ja trotzig, 
kühn, frei und dabei treuergeben ihrem Herrscherhause. 
So aber will ich ein Land, ein Volk! — wie soll ich’s 
nicht lieben? und wer, der es kennt, sollt’ es nicht 
lieben ? 





Vorbei am Schlachtfelde von Kulm in den 


schattigen Bilagrund! 


Dann über Freiberg nach 


Flause. 

Die „Lieder eines wandernden Malers' 
machten Lysers Namen in weiten Kreisen 
bekannt. Über den poetischen Wert der 
einzelnen Gedichte werden wir später 
noch zu sprechen haben. Sie erschienen 
(genau wie der erste „Maler Nolten") mit 
einer Musikbeilage in kleinem Querquart- 
Format; die Beilage ist ebenso selten wie 
die des berühmteren Bruders. Sie führt 
den besondern Titel „Melodienkranz“ (13 a) 
und hat einen andern Verleger (Emil 
Güntz) als die Gedichtsammlung (Gustav 
Schaarschmidt). Unter den Komponisten 
der zehn Lieder finden wir nicht unbe¬ 
deutende Namen: Heinrich Dorn,}. Rastrelli 
und, was wieder nicht uninteressant sein 
dürfte, die damals fünfzehnjährige Clara 
Wieck. 

Wie nachhaltig übrigens die Erinnerung 
an jene romantische Wanderung bei Lyser 
gewesen sein muß, das zeigen seine eigenen 
Worte, die er dreizehn Jahre später in der 
Einleitung seiner Skizze „Männeli Schaper" 

(123) schrieb: 

Böhmen! Das Herz schlägt mir schneller 
und höher, wenn ich diesen Namen nur aus¬ 
spreche! Ich habe schöne Länder gesehen und 
wahrhaftig! mein Vaterland, umrauscht von den 
stolzen Wogen zweier Meere, ist auch schön und 
ich lieb es von ganzer Seele, aber nach meinem 
Vaterlande lieb ich vor allen Ländern, die ich 


Ungemein fruchtbar an literarischen Arbeiten 
verschiedenster Art waren diese vergnügten 
Leipziger Jahre. Flatte sich Lysers Ruf als 


Hufaza/U. 


1 Hat sich in traurigster Weise bewahrheitet. 


Abb. 12. Titelbild (Lithographie) zu „Das Buch vom Rübezahl“. 
(Leipzig 1834, Wigand.) 






















312 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 





r,v Umschlag zum Taschenbuch ,,M eph is t o phe 
(Leipzig, Brüggemanns Verlags-Expedition. 1833.) 


feinsinniger Kunst-Ästhetiker doch bereits so 
fest gegründet, daß Karl Gutzkow , dem die 
Fortsetzung der klassischen Hogarth-Erklärungen 
Lichtenbergs übertragen worden war, keinen 
Augenblick zögerte, Lyser damit zu betrauen, 
da Zeitmangel ihn selbst daran verhinderte (271). 
Ohne einen Augenblick die Hindernisse zu ver¬ 
kennen, die sich ihm entgegenstellen würden, 
um diese ehrenvolle Aufgabe mit Geschick zu 
lösen, ging Lyser redlich an die Arbeit; be¬ 
reits im Oktober 1832 konnte er mit Befrie¬ 
digung auf das vollendete Werk (7) blicken. 
Verschiedene Taschenbuch- und Zeitschriften- 
Beiträge stellt er zu einem Bändchen „Novellen 11 
Leipzig 1834(14) zusammen. Das interessanteste 
an diesem, im ganzen herzlich schwachen Buche, 
sind fünf „Fresko-Sonette 1 ', an Dichter und Schrift¬ 
steller gerichtet. Wir finden die Namen 
W. Menzel, H. Heine, K. Gutzkow, H. Laube 


und L. Börne. Das an Heine gerichtete Sonett 
lautet: 

H. Heine. 

Ein zweiter Knabe mit dem Wunderhorn 
Ist er durchs deutsche Vaterland gezogen, 

Und mächtig rauschten des Gesanges Wogen 
Aus seines Herzens tiefsten heilgen Born. 

Doch unsre Esel reckten ihre Ohr’n, 

Und die Piepvöglein kamen angeflogen, 

Und waren der Manier gar sehr gewogen, 

Weil sie gemiithlich. — Da erfaßt ihn Zorn! 

Das Horn zerbrach er, winkte dem Le Grand: 
„Heran Gespenster Tambour! komm heran! 

Das blöde Volk! es hat uns nie verstanden.“ 

Der Tambour mächtig seine Trommel rührt! 
Gemüthlich HelG in Deutschland musizirt, 

Und Deutschlands Sänger klagt in fernen Landen. 
Weit wichtiger ist das Jahr 1834 für Lysers 
literarische Bedeutung insofern, als er in diesem 


Theodor Hell (Hofrat Winkler), Herausgeber der „Penelope“, der „Abendzeitung“ usw. 

































































Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


313 




Abb. 14. Innerer vorderer Umschlag 

zum ,, P o 1 i tis ch e n Tas c h e n bu ch für 


Abb. 15. Innerer hinterer Umschlag 
das Jahr 1830“. (Hamburg, Hoffmann & Campe.) 


zuerst auf einem Gebiete sich betätigte, auf 
dem er sein Bestes leistete, nämlich als Märchen- 
und Sagen-ErZähler. Vier solcher Sammlungen, 
jede mit eigenen Zeichnungen, traten an das Licht: 
,,Des Knaben Wunderhorn“, Mährchen und 
Lieder (9), das „Buch vom Rübezahl“ (10), dem 
Herzensfreunde Robert Schumann gewidmet, das 
„Buch der Mährchen für Söhne und Töchter ge¬ 
bildeter Stände“ (n) und endlich eine Sammlung 
von Kinder-Märchen und Erzählungen, betitelt 
„ Nannette, die junge Waise“ (12). Daß es 
Lyser an emsigen, angestrengtem Fleiß hätte 
fehlen lassen, um sich seinen Lebensunterhalt 
zu verdienen, wird wohl niemand behaupten 
können. Dabei zeichnete er weiter für Campe 
in Hamburg, fertigte die witzsprühenden Illu¬ 
strationen für das 1833 erschienene Herloß- 
sohnsche Taschenbuch „Mephistopheles“ (75), 
schrieb für Schumanns Zeitschrift den „ Händel“ 
(78), für den „Kometen“ die „Berenice“ (79) 
und sammelte schließlich seine bis dahin in 
Z. f. B. 1906/1907 


Zeitschriften verstreuten Produkte zu einem 
Bande „Künstler-Novellen“ (16). Die künftigen 
Schreiber einer deutschen Theatergeschichte 
werden ferner die „Portraits“ (74), die Lyser 
von den Schauspielern Paulmann und Friedrich 
Röppke entworfen hat, nicht vernachlässigen 
dürfen. 

Der Leipziger Aufenthalt verschallte dem 
Künstler auch die Bekanntschaft Felix Me?ulels- 
sohn-Bartholdys. Lyser ließ sich, wie er selbst 
erzählt (137), dem gefeierten Komponisten bald 
nach dessen erstem glanzvollem Konzerte ver¬ 
stellen. Mendelssohn hieß ihn herzlich willkom¬ 
men, unterhielt sich mit ihm interessiert über seine 
kürzlich veröffentlichte Kunstnovelle „Vater 
Doles“ (76), während Lyser dem Tondichter 
begeistert von der Wirkung, die die Hebriden- 
Ouvertüre auf ihn ausgeübt hatte, sprach: 

Etwas verwundert fragte mich .Mendelssohn: ,ob 
ich denn noch Musik hören könne“ und als ich darauf 
erwiderte: Ja, -wenn ich es will und ein paar Tage 

40 






























































































































































314 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


Kopfschmerzen nachträglich nicht scheue 1 , mußte ich 
ihm die Sache näher erklären. 18 Er hörte mir mit 
sichtlicher Bewegung zu, meinte aber am Schlüsse 
lachend: ,ich sei eigentlich ein glücklicher Unglück¬ 
licher, daß ich keine schlechte Musik zu hören brauche“, 
dann bedankte er sich, daß ich ihm zu Ehren ein paar 
Tage Kopfweh nicht gescheut habe. 

Lyser hatte die Jahre seines Leipziger Aufent¬ 
haltes in jeder Hinsicht gut angewendet und 
konnte mit Befriedigung auf sein Leben daselbst 
zurückblicken. Es teilte sich zwischen emsigster 
literarisch-künstlerischer Tätigkeit und hohen, 
geistigen Genüssen, die der Davidsbiindler- 
Kreis jedem seiner Teilnehmer bereitete. Dali 
er bei alledem noch Zeit fand, auch die Prosa 
des Alltagslebens ausgiebig und erfolgreich 
zu studieren, beweisen die 1835 herausge¬ 
kommenen vier Hefte seines „ Leipzig wie es 
geht und steht , lebt und liebt oder Spaziergänge 
in und um Leipzig“ (19). Daß Glaßbrenners 
„Berlin wie es ist und — trinkt“ dabei Modell 
gestanden hat, wird niemand leugnen wollen; 
doch ist das anspruchlose und schnell beliebt 
gewordene Werkehen durchaus keine sklavische 

1 Hier haben wir die Bestätigung für die Anwendung 
des Opiums zur Besserung des Gehörleidens, wovon in dem 
Abschnitt „Aus meinem Leben“ ausführlich die Rede war. 



Meistoi Fnck 

Abb. 16. Aus „Abendländische Tausend und eine Nacht“. 
(Meißen 1838—1839, Goedsche.) 


Nachahmung seines Vorbildes, sondern zeigt 
überall Selbständigkeit und eine nicht gewöhn¬ 
liche Kraft des Witzes. Vor Glaßbrenner hat 
Lyser das voraus, daß er sein eigner Illustrator 
sein konnte; und so haben alle vier Hefte, die 
übrigens weit seltener als die Glaßbrennerschen 
sind, ein illuminiertes Titelkupfer, von denen 
wir das interessanteste in Reproduktion geben 
(Abb. 3). 

Sogar zum „Doktor“ scheint Lyser es noch in 
Leipzig gebracht zu haben. Zu meiner Über¬ 
raschung fand ich in dem mir vorliegenden 
Taufzeugnis des Sohnes Gustav den Vater als 
„Doktor der Philosophie“ glänzen. Ich wandte 
mich deshalb brieflich an Gustav Lyser und 
erhielt von ihm folgenden Bescheid: 

Wie ich sicher weiß, studierte er in Kiel, später 
wohl auch in Leipzig. Ob er nun in Pleiße-Athen seinen 
Doktor machte, oder in Anbetracht seiner hervorragen¬ 
den Leistungen als Musikkritiker, lllustrateur, Novellist 
und Poet honoris causa den Doktor erlangte, vermag 
ich nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Ich kann mich 
aber erinnern, daß 1850, als ich mit ihm vorübergehend 
in Leipzig war, der Dichter Adolph Böttger, Dr. Burk¬ 
hardt sowie Dr. Kühne ihm einige Male dieses Prädi¬ 
kat zukommen ließen. Als wir einige Monate später 
in Handewitt bei Flensburg (Nordschleswig) seinen da¬ 
mals bereits über 80 Jahre zählenden Freund aus seiner 
Jugendzeit, den kerndeutschen Pastor Siemsen, be¬ 
suchten , schrieb dieser ihm (der Vater war ja leider 
taub) nach der ersten freudigen Begrüßung in sein 
Notizbuch: 

„Ich gratulire auch zum Doktor der Philosophie.“ 

In Leipzig sollte er vor seinem Weggang 
auch noch die Frau kennen lernen, durch die 
er manche Stunde des Glückes genossen hat, 
aber auch viel der Trübsal erfahren sollte. Im 
Hause Friedrich Wiecks lernte er Caroline 
Leonhardt aus Zittau kennen, die vorübergehend 
in Leipzig weilte. Mit ihrer Herzensfreundin, 
der Dichterin Roswitha Kind, der Tochter des 
Freischütz-Dichters Friedrich Kind, war sie für 
einige Wochen Gast des Professors Kind in 
Leipzig. Lysers großes Talent für die Musik, 
Dichtkunst und Malerei, das trübe Schicksal 
seiner Jugend, die Anmut seiner äußern Er¬ 
scheinung, vor allem aber sein trauriges Ge¬ 
brechen erregten Carolinens Mitgefühl in hohem 
Grade, und sie machte der Freundin und deren 
Familie kein Hehl aus ihrem Interesse für den 
tauben Mann. Hatte doch auch sie, früh ver¬ 
waist, des Trüben viel im Leben erfahren. 
Die blutigen Kriege hatten ihre Familie um 







Zeitschrift für Bücherjreundr X. 


Zu Hirschberg: Johann Peter Lyscr. 


































Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


315 


fast ihr ganzes Vermögen gebracht, und so 
versuchte sie, durch ihr nicht gewöhnliches 
schriftstellerisches Talent sich selbst etwas zu 
verdienen. Ihre Erziehung war eine glänzende 
gewesen, und schon früh zeigte sich bei ihr 
eine Begabung, die sie später zu einer her¬ 
vorragenden Vollkommenheit ausbilden sollte: 
die der freien Improvisation. Aber mit den 
Honoraren der dichtenden Frauen, die damals 
vielfach für halb verrückt, zum mindesten 
überspannt gehalten wurden, stand es noch 
schlechter als mit denen der männlichen Schrift¬ 
steller. Von ihrem kleinen Erbteil, das ihr nach 
ihrer Mündigkeit zugefallen war, war ihr nicht 
mehr viel übriggeblieben; wohl aber besaß sie 
Optimismus und Lebensmut genug, um auf 
ein großes Glück, Berühmtheit und — glänzende 
Honorare zu hoffen. 

„Wenn dieser taube J. P. Lyser einige Jahre 
sorgenfrei leben und eine große Kunstschule 
besuchen könnte, so wird er ein bedeutender 
Portraitmaler; seine Portrait-Skizzen sind originell 
und treffend ähnlich“, schrieb Professor Kind 
an den Maler Bendemann in Dresden. Dies 
gab den Ausschlag, und so siedelte Lyser im 
Herbst 1835 zu seinem Vater, dem Königlich- 
Sächsischen Hofschauspieler Burmeister, nach 
Dresden über. 

Bereits im Jahre 1831 hatte Peter, wie aus 
einem Briefe an Herloßsohn 1 hervorgeht, vor¬ 
übergehend in Dresden geweilt. Auf ihrem 
Sterbebette hatte die Mutter dem Sohne seine 
Abkunft mitgeteilt, und, dem Marryatschen 
„Japhet, der seinen Vater sucht“ ähnlich, war 
dieser nach Dresden gewandert, um sich dem 
nicht wenig erstaunten Erzeuger in persona vor¬ 
zustellen. Papa Burmeister hatte inzwischen 
dem Gotte Hymen einen neuen Altar errichtet; 
nichtsdestoweniger muß es ihm zur Ehre nach¬ 
gesagt werden, daß er den Sohn mit väter¬ 
licher Freude empfing. Der oben erwähnte 
Brief an Herloßsohn läßt sogar erkennen, daß 
Lyser, dem im allgemeinen der Küchenmeister 
Schmalhans keine fremde Erscheinung war, dort 


1 Original in der Handschriftensammlung der Königl. 
Bibliothek zu Berlin. 

2 Aus eben diesem Briefe geht hervor, daß Lyser der 
vertraute Freund einer der interessantesten Dichter-Erschei¬ 
nungen, des Friesen Harro Harring , gewesen sein muß, mit 
dem ihn die Not zuweilen zusammenführte und dem er nun, 
da es ihm gut geht, mit aller Teilnahme helfen möchte. 


sehr bequem und üppig lebte; aber trotzdem 
ihn dort, wie er schreibt, „der Hafer sticht“, 
sehnt er sich doch sehr nach „Lipsia“ und den 
lieben Freunden. 2 

Burmeister ließ Peter die Akt-Schule der 
Dresdener Kunst-Akademie besuchen. Lyser 
war fleißig und machte große Fortschritte. 
Auch Caroline Leonhardt war nach Dresden 
übergesiedelt, um als eifrige Schülerin Friedrich 
Kinds Metrik zu studieren. Ihr Interesse für 
Lyser war zur innigen Liebe geworden; sie 
fühlte sich berufen, dem tauben Manne Lebens¬ 
gefährtin und kräftige Stütze zu werden. Ohne 
Furcht und Zagen glaubte sie sich dieser 
schweren Aufgabe gewachsen, wiewohl es an 
warnenden und abmahnenden Freundesstimmen 
nicht fehlte. Sie verlobten sich. Ihren Lebens¬ 
plan hatten sie sich wohl eingeteilt; zusammen 
wollten sie arbeiten und Schriftstellern und sich 
gegenseitig - helfen und nützen. Vater Bur- 
meister gab dem braven Sohne eine hübsche 
Ausstattung und 25 Taler monatlichen Zu¬ 
schuß; auch Caroline hatte noch ein paar 
hundert Taler im Vermögen; und so sind, 
unter der herzlichsten Teilnahme zahlreicher 
Freunde 



Sc/meewrrte/ien. 


Abb. 18. Aus „Abendländische Tausend und eine Nacht" 
(Meißen 1838—1839, Goedsche.) 








3 iö 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 



Abb. 19. Umschlagzeichnung zu „AbendländischeTausend und 
eine Nacht“. (Meißen 1838—1839, Goedsche.) 

— Ludwig Peter August Burmeister, genannt 
Lyser — 

Privatgelehrter und Maler hier, ehelicher Sohn 
des Hofschauspielers Friedrich Burmeister, hier 
— und — 

— Caroline Wilhelmine Leonhardt — 
nachgelassene Tochter des Bürgers und Kauf¬ 
manns Carl Gottlob Leonhardt zu Zittau 
am 26. Mai 1836 in der Kreuzkirche zu Dresden 
getraut worden. 

Lyser muß in seiner Eigenschaft alsBräutigam, 
die er übrigens vor den Leipziger Freunden 
geheim hielt, öfters schon in Geldverlegenheiten 
gewesen sein. Es ist leicht zu begreifen, c^aß 
das väterliche Taschengeld in diesem Falle 
keineswegs ausreichte. Mit voller Kraft warf er 
sich, um der schönen Braut dann und wann 
etwas zu schenken, auf die Schriftsteller ei. 
Der Briefwechsel mit Robert Schumann , 1 
der am 7. November 1835 seinen Anfang 
nimmt, 2 gibt in dieser Beziehung manchen inter¬ 
essanten Aufschluß. Er sendet dem „liebsten 
Mensch und Redakteur“ im Februar 1836 die 
Trilogie-Novelle „Sebastian Bach und seine 
Söhne“ (80) und fordert für den „Friedemann“ 


(die erste Abteilung) „3, schreibe drei Stück 
Friedrichsd’or, nicht mehr aber auch nicht 
weniger“. Er erwähnt, daß ihm von der „Abend- 
Zeitung“ das gleiche 1 Ionorar gewährt werde, 
und fahrt fort: 

„Du wirst das Geld mir sogleich senden, denn ich 
brauch es, das kannst Du mir glauben! Thu mir also die 
Freundschaft und beende die Sache schnell und ver¬ 
dirb mir hier das Geschäft nicht durch Deine als klas¬ 
sisch anerkannte Saumseligkeit. — Nur mach alle Briefe 
und Sendungen an mich unter Adresse Kuvert an 
PauR, indem mon eher Papa sonst das Geld in Emp¬ 
fang nimmt, ich es aber aus Gründen diesmal selbst in 
Empfang nehmen möchte. 

Wieck ist hier, Klara ist sehr hübsch geworden, 
und da sie jetzt auch den Bach studiert, so könnt ich 
mich schon immer recht herzhaft verlieben, wenn mich 
nicht eine niederträchtige Hypochondrie erfaßt hätte, 
so daß mir Gesellschaft, Weiber, Wein pp. kurz Alles 
jetzt Pomade ist.“ 

In einem Postskriptum wird „Fräulein Caroline 
Leonhardt“ genannt, die sich Schumann emp¬ 
fehlen läßt. — Aber Schumann schwamm auch 
nicht im Golde, und so schreckt Lyser, da die 
Geldsendungen sich verzögerten, nicht vor un¬ 
schönen Grobheiten zurück, von denen eine: 
„Wer nicht Wort hält ist ein Schlingel und kein 
Davidsbiindler“ noch die gelindeste ist. 

Mitte März schreibt er selig und vergnügt 
an den Freund: 

„Beifolgenden Aufsatz von der Leonhardt sende 
ich Dir mit der ergebensten Anzeige: Daß sie und ich 
heute als den 16. März am Geburtstage meines Vaters 
unsere Verlobung gefeiert haben, zu der Messe hoffe 
ich Dich zu sehen und im August ist Hochzeit und im 
April 1837 gedenke ich Dich so Gott will zu Gevatter 
zu bitten, ist’s ein Junge so soll er Wolfgang Amadeus 
Ludwig heißen.“ 

Der „Bach“ gefiel Schumann sehr gut, und 
er verlangt von Lyser Fortsetzung und Schluß. 
Dieser schreibt: 

„In einigen Tagen gedenk ich selber in Leipzig zur 
Messe einzutrefifen, dann magst Du mich in Gottesnamen 
in Dein Zimmer bei Champagner oder Burgunder ein¬ 
sperren und mich nicht eher losgeben bis die letzte 
Zeile geschrieben ist. Hier hab ich zu schrecklich zu 
tun, Vorarbeiten zur Messe, Hauskauf, Aufgebot, 
Bürgerrecht — meine Braut caressiren, Geduld traute 
Seele und Geld, dann soll sich Alles bald finden. Mil¬ 
lionen Grüße an Felix; für sein herrliches Geschenk, 
das mich halb närrisch vor Freuden machte, bring ich 
ihm selbst meinen Dank.“ 4 


1 Alle zitierten Briefe Lysers sind hier zum erstenmal gedruckt. Originale im Besitze der Königl. Bibliothek zu 
Berlin. — 2 Er endigt am 15. November 1844 mit dem 44. Briefe. — 3 Musikalienhändler in Dresden. 

4 Felix Mendelssohn-Bartholdy hatte Lyser ein eigenhändig geschriebenes „Lied ohne Worte“ verehrt. 



















Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


317 


Die Ehe war sehr glücklich. Allerdings 
mußte Lyser das Opfer bringen, seinem aka¬ 
demischen Mal- und Zeichnen-Studium zu ent¬ 
sagen. Beide Ehegatten waren unbestechlich; 
sie lobten in ihren Kritiken jedes echte Talent 
und ebneten ihm die Wege, machten sich 
aber auch manchen Feind, da sie keiner Clique 
angehören wollten. Schon im ersten Monate 
jedoch wurden Nahrungssorgen bemerkbar, da 
beide keine Ahnung von dem Werte des Geldes 
hatten und durchaus nicht zu wirtschaften ver¬ 
standen. Rührend klingt es uns aus einem Briefe 
an Schumann vom 26. Juni 1836 entgegen: 

,,Wär ich allein, macht ich mir so viel nicht draus, 
aber Alter, ich hab ein liebes Weib, der ich keine 
Sorgen bereiten möchte. Thu also dazu und bald — 
daß ich ihr einen frohen Tag machen kann. Von 
meinem Freund erwart ich’s, daß er mir den wohlver¬ 
dienten Lohn nicht verkümmert: übrigens, wer schnell 
sendet giebt doppelt. 

Mache, daß ich nicht die traurige Zahl jener armen 
Teufel vermehre, die, während man ihre Sachen mit 
Wohlgefallen liest, Noth leiden.“ 

Sobald er Geld hat, ist er guter Dinge und 
von neuem Arbeitsmut beseelt. Schon im Juli, bald 
nach der Vollendung des recht umfangreichen 
„Bach“, schreibt er einen „Gluck“ (82) für Schu¬ 
manns Zeitschrift: 

„Aber der Teufel soll mich holen, wenn Du ihn 
unter vier Louisd’or in Bausch und Bogen erhältst; ich 
kann nicht anders, denn ich erwarte einen schreienden 
Zeugen meiner keuschen Glut.“ 

Schumann scheint dies letztere und eine 
spätere ähnliche Bemerkung mißverstanden zu 
haben, denn auf seine verfrühte Gratulation zur 
Vaterschaft Lysers antwortet der letztere, stets 
in Geldnot befindliche, sehr launig: 

„Da bis dato der Erbe meiner Güter das Licht der 
Welt noch nicht erblickt hat, sintemalen um einen 
Menschen zu erschaffen 9 Monate vonnöthen sind, ich 
aber erst seit dem 26. Mai d. J. verheiratet bin, so 
kommt Deine Grußbestellung noch um einige Zeit zu 
früh; so bald es indessen an der Zeit ist, werd ich ihn 
ausrichten.“ 1 

Im Sommer 1836 unternahm Peter im Auf¬ 
träge des Oberstburggrafen vonChotek eine Reise 
nach Prag, um die Krönungsfeierlichkeiten zu 
zeichnen (169). Von Prag aus ging er nach 
Wien und war (Brief an Schumann) fünf Wochen 
lang „Herr von Lyser“. 

Das erste Kind, Dorothea Henriette Caroline 



Abb. 20. Umschlagzeichnung (Rätselbild) zu ,,Abendländische 
Tausend und eine Nacht. (Meißen 1838—1839, Goedsche.) 


Luise Burmeister, wurde dem glücklichen Paare 
am 1. Oktober 1837 geboren. Unter den Tauf¬ 
paten befanden sich die Frau Emil Devrients 
und die berühmte Henriette Wüst. Der Ver¬ 
kehr Lysers in Dresden war ein angenehmer 
und anregender. Besonders befreundet war er 
mit Emil Devrient; und dieser Freundschaft 
verdanken auch die 1836 erschienenen „ Um¬ 
risse nach Darstellungen von Emil Devrient“ 
(20) ihre Entstehung. Im Arbeiten war er un¬ 
ermüdlich; mit allen nur möglichen Redaktionen 
knüpfte er Verbindungen an. Namentlich seinen 
Wiener Aufenthalt hatte er in dieser Beziehung 
trefflich benutzt; der dort sehr einflußreiche 
Saphir förderte ihn, und wir finden von 1837 
an ganz regelmäßig Beiträge für den viel¬ 
gelesenen und vielbelachten „Humorist“. Wie 
Lyser selbst an den Redakteur der Zeitschrift 
„Ost und West“, Glaser in Prag, am n. Juni 
1837 schreibt, arbeitete er fortwährend für 
Landet, Bäuerle, Lax, den Phönix, Saphir, die 
Schumannsche Musikzeitschrift, die Lewaldsche 
„Europa“, für Harrys in Hannover, ganz ab¬ 
gesehen von den zahlreichen Zeichnungen, die 
er für verschiedene Zeitschriften und Musikalien- 
Händler lieferte. Daß er dabei noch eine sehr 
beträchtliche Menge selbständiger Werke voll¬ 
endete und unterbrachte, muß uns mit 


1 Brief vom 21. XI. 36. 































318 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


Bewunderung für die Arbeitskraft des Mannes, 
der sich seiner Verpflichtungen gegen seine 
Familie wohlbewußt war, erfüllen. Diese selb¬ 
ständigen Werke sind die zweibändigen „ Neuen 
Kunst Novellen“, (21) mit sieben Zeichnungen bei 
Sauerländer in Frankfurt erschienen und bald 
in zahlreiche fremde Sprachen übersetzt; das 
niedliche, dramatische Feen-Märchen „ Polichinell “ 
(22) mit 20 spottschlechten Reproduktionen 
Cruishankscher Originalien, 1837 in Stuttgart 
herausgekommen; die musikgeschichtlich be¬ 
deutsame Monographie „ Giacomo Meyerbeer 
(24) (Dresden 1838); ein großangelegtes, wahr¬ 
scheinlich aber nicht zu Ende geführtes „ Fabeln - 
und Märchenbuch “ (25), eine Sammlung der 
beliebtesten deutschen Dichtungen dieser Art, 
mit zahllosen Zeichnungen geschmückt Gerade 
dieses Werk scheint verschwunden zu sein. 
Wie Loge im „Rheingold“ durchstöberte ich 
alle Winkel der Welt, um die bibliographische 
Notiz in Albertis (263) und Schröders Schrift¬ 
steller-Lexikon (290) bestätigt zu finden, wonach 
dies Buch in drei Heften mit 500 Abbildungen 
während der Jahre 1838 — 1841 erschienen sein 
soll. Ich fand nirgends ein weiteres Exemplar 
außer dem meinigen, und so muß ich dieses, 
einen durchaus kompletten Eindruck machende, 
für maßgebend halten, solange ich nicht eines 
andern belehrt werde. Mein Exemplar hat Quart- 
Format und 320 paginierte, in der Tat aber nur 
160 Seiten, da der Druck zweispaltig ist. Außer 
dem reichen lithographischen Titelblatt, das 
zwar den Vermerk „Holbein gez.“ trägt, aber 
sicher auch von Lyser stammt, der, wie 
wir noch sehen werden, solche unschuldigen 
Mystifikationen liebte, enthält es noch 82 litho¬ 
graphierte Vignetten (sämtlich 12 cm lang und 
7 cm hoch), von denen 20 die Bezeichnung 
„Atelier v. T. Boesche in Berlin“ tragen. Im 
übrigen ist das Buch, aus dem wir eine Ab¬ 
bildung (Abb. 50) geben, ohne Ort-, Jahr- und 
Verleger-Angabe erschienen. 

Einmal auf dem kritischen Pfade angelangt, 
ist es auch angebracht, die bisherigen Täusch¬ 
ungen über das Bildnis der Caroline Leonhardt- 
Lyser zu zerstören. Das bisher gewöhnlich 
dafür gehaltene ist weiter nichts als eine von 
Lyser im Jahre 1829 in Hamburg gezeichnete 

1 Herbstgabe. Ein Taschenbuch auf das Jahr 1840 
von Caroline Leonhardt-Lyser. Mit sieben Umrissen von 
J. P. Lyser. Meißen, bei F. W. Goedsche, S. 289. 


Porträt-Studie der berühmten italienischen Im- 
provisatrice Rosa Taddei (Abb. 9), die in diesem 
Jahre die nordische 1 lafenstadt besuchte. Caroline 
Leonhardt-Lyser erwähnt dies ausdrücklich in 
ihrer Novelle „Rosa Taddei“. 1 Eine wunder¬ 
schöne, lebenswahre Bleistiftzeichnug, bisher 
unbekannt und hier (Abb. 7) zum erstenmal ver 
off entlieht, hat der Künstler direkt nach dem 
Leben im Jahre 1835 entworfen (18). Zwischen 
beiden Physiognomien besteht eine gewisse Ähn¬ 
lichkeit. Eine dritte, idealisierte Darstellung gibt 
Lyser in dem dritten Jahrgange des Taschen¬ 
buchs „Herbstgabe“ 1842 zu einer Novelle 
seiner Gattin. Auch diese Studie geben wir, 
zum Vergleich, in Reproduktion (Abb. 35). 

Auch Frau Caroline war von ehrlichem 
Streben beseelt, und ihr Fleiß hielt gleichen 
Schritt mit dem des Gatten. Nicht nur, daß 
sie zahlreiche Gedichte und Novellen, teils selb¬ 
ständig, teils in Taschenbüchern herausgab, 
Operntexte verfaßte und dabei doch ihre Haus¬ 
frauen- und Mutterpflichten voll erfüllte, so 
wollte sie auch gern ihr großes Improvisations¬ 
talent praktisch verwerten. Der fabelhafte Er¬ 
folg des Improvisators Maximilian Langen¬ 
schwarz, der 1838 in Dresden wiederholt auf- 



Der gestiefelte Kater 

Abb. 21. Aus „AbendländischeTausend und eineNacht“. 
(Meißen 1838—1839, Goedsche.) 














Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


319 


getreten war, spornte die von edlem Ehrgeiz 
Beseelte mächtig an. Sie übte sich in allen 
möglichen Reimstilen, nahm Stimm- und Sprach- 
ausbildungsunterricht bei den Schauspielerinnen 
Devrient und Berg und wagte ihren ersten Ver¬ 
such in der sächsischen Bergwerksstadt Frei¬ 
berg. Der Erfolg war ausgezeichnet. Lyser 
berichtet am 12. Dezember 1839 darüber an 
Schumann: 

„Der Erfolg ist in jeder Hinsicht ehrenvoll für 
meine Frau. Geldgewinn war aber nicht dabei, da eben 
die Bauer und Pauli aus Dresden zum Gastspiel er¬ 
wartet wurden.- 

Ich habe jetzt den Luther (103) für Dich vorge¬ 
nommen und Du darfst sicher sein, ein so gutes Stück 
Arbeit zu erhalten, daß Du den neuen Jahrgang Deiner 
Zeitschrift ehrenvoll damit eröffnen könntest. Aber ich 
bitte Dich, lieber Alter, sende nur was ich noch an 
Honorar für diese Novelle von Dir zu bekommen habe 
cito citissimo zum heiligen Christ, damit dieser Heilige 
kein Heuliger für mich werde; wenn Du einmal Gatte 
und wirkücher Vater sein wirst, so wird Dir ein ganz 
neues Licht darüber aufgehen, was die Weihnachtszeit 
für ein Ereigniss für einen Hausvater ist und wie schreck¬ 
lich es ist, in dieser Zeit kein Geld zu haben. Wenn 
Du glaubst, ich machte hier Spaß, so irrst Du Dich ge¬ 
waltig; denn zehn fehlgeschlagene Hoffnungen, keine 
sichere Einnahme, dabei eine kränkliche Frau, ein liebes 
Kind, eine Amme und leider einige dringende Schulden, 



Der KJabotermarm . 

Abb. 22 Aus ,,Abendländische Tausend und eine Nacht“. 
(Meißen 1838—1839, Goedsche.) 


sieh Schatz, das ist eben nichts spaßhaftes zum heiligen 
Christ. 

Ich bitte Dich drum, hilf mir, meine Arbeit ist’s 
werth, und ich glaube, ich bin’s auch werth; bin ich nur 
erst glücklich ins neue Jahr hinüber, so werden mir 
mein Talent und Fleiß und der liebe Gott schon weiter 
helfen und somit basta!“ 

Drohend taucht also schon hier, bei Beginn 
der Ehe, das Gespenst der Not auf. Aber beide 
Gatten traten in den Kampf des Lebens mit 
neuem Mut und neuer Tatkraft ein. Frau 
Caroline wandte sich an Friedrich Rückert mit 
der bestimmten Anfrage, ob der Entschluß, 
Improvisatrice werden zu wollen, einer Dichterin 
würdig sei. 1 Rückert erinnerte sich an das 
Auftreten der Rosa Taddei in Rom und er¬ 
klärte, daß besonders eine Frau befähigt sein 
müsse, den Eingebungen des Augenblicks zu 
folgen und eine Gabe auszubilden, bei der 
das Gefühl das wesentliche sei. Nun reiste 
Caroline ungesäumt zu Rückert, um sein Urteil 
über ihre Leistungen zu erhalten. Rückert, den 
die begabte Frau auf das höchste interessierte, 
machte täglich Übungen mit ihr in allen mög¬ 
lichen Rhythmen und Formen. Ohne ein 
veritables Urteil aber wollte sie nicht von 
dannen ziehen, und Rückert, immer zur Poesie 
bereit, gab ihr folgendes: 

An Caroline Leonhardt-Lyser. 

Der erste Dichter, der die Welt entzückte, war 
Gewiß ein Stegreifdichter, dem, vom Geist bewegt, 
Unvorbereitet von der Lippe floß das Wort. 

Lang vor Homer hat Orpheus um Eurydice, 
Beseelte Saiten rührend, mit Stegreifsgesang 
Ans Thor der Hölle, das nicht widerstand, gepocht. 
Und weil zum Anfang wieder nur das Ende kehrt, 
So wird zur Stegreifdichtung unsre Dichtung auch 
Einst wiederkehren, wenn ich prophezeien kann. 
Nicht aus dem Stegreif heute, sondern sattelfest 
Im Flügelroß, auf welches mich Begeistrung hob, 
Rieht’ ich des Loblieds goldnen Pfeil, den tönenden, 
Auf eine Stegreifdichterin und preise dich, 

Corinna Deutschlands! ich, der erste Dichter nicht, 
Noch auch der letzte, dich, die letzte nicht, jedoch 
Gewiß die erste deutsche Stegreifdichterin. 

So vorbereitet und gerüstet, trat Caroline 
Lyser — trotzdem sie ihr zweites Kind bereits 
unter dem Herzen trug — im Jahre 1840 in 
Nürnberg vor ein großes Publikum und erregte 
stürmischen Jubel. Auch Rückert war von Er¬ 
langen nach Nürnberg herübergekommen und 

1 Beyer, C., Friedrich Rückert. Frankfurt a. M., 
1888. Seite 113 f. 










320 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 



/fv-sf xzz/zz yJ//s//zez/eA/y/fZ’Zzrs/ yyyy/ e//e Aiz/y/r y/er 7bnasfon //// /yyy/yy/A/zyyA xzy AroMzArrzy 

(* Jcr/y.v/yro// ) 

(Ali/ ♦ ) (Ayry/ye/Aezy r (jy/y/r/y f SJrr * /yyy /*jr*tr/y //y,, 

Ihr x/e xir/y se/J/rr /ciyyifr/ yyy y/rr •\Vyyy/s . 

(jfi/ 1» ) f^re/z/iy/, fieyyyyy/ufre KS, AS D/CS ozuw,,»,, 

fetr/s J/r/zy/yy/yf y.t/, 

(Mi/ Sf uzu/ [> )lt?i/ WA’r /);</, (>)'Sntr/ru{k) /fir/ T/AzyzA/ Ajy /)-{?) /V 
( + )/)yy yyyy Jh/-{ !>) -tS/ -(i* )*{ yJzy/Aj ( i> ) /fyy\‘t 
90 

Dir- e/az/Xezi tzzyy/y/ze Azz/Aezy 7y//ie Aez/z/yzy zezir^fy/x/ /rz/yy yyyiy/y .rzzzzy Sy/y/zzxx y/yy 7o/iy/rfr// izyryy /////•. 

7 / 

Ks y/zz-Af Xzzzezf/' Arrr/y (/J/zy . J y f zzz/ X yyyyy// zyyyyr/yy /. 1/n// .) 7’y/ryyyrfrzi . 

22 

i7ec/e AIo/Z/yzzz/zr/ /yyy/ yyyy/ /'/fyyz • //yyy'/r/yyyzz / rzz/y yyyyy/ y/zzxy/Ay* /yy/’A rz/’/y yy / ///y _ 

?.t 

Diese Ibrxrz/Z/z//zz/// Aex/eAet /Arz/s yyy h'rrzzAr/z s f/iey/s i/y A’eezi > . 

24 

Normafton/rrt ix/ y/zr DzzrteyzierrZ Z y/ye.sr Aez/yto zzzzc c/ze /Ar y,yyyy>yyzyy//e 7/’>/yyzrf. / yyyyy// Aezz/e ///yxczrAzyizzz/z 

f.> 

Dze D/zrtonaz-tezi yyzejy/ezz _ ("y/yz.u/yyyyjzyyzyyez/ zyyye y/yy yyyy.ueyx/eyy yyyyy/ zizzZ/r/s/rzy Ayzyyezy y/rx Ay/x/y/yy.t Arz/y/y/zy/ zy/yy 
7zei yyyezzi x/eA Ae/ y/ezz Ar/ze^/y/zzyzz/ezz bto.s.s zzy/r y/er obersten /u/Azz -Lüut eia. s />// dm //- 7baarim •//// 
ß tzyze ct/Zezi., Ctzzsxez' vor dry yy/yy rx/yzz /'yyy/zzy ■ I/yz/zr t yy/y ;> y/r///,/// /MUSS . ■—0 





Abb. 23. Aus ,, Musikalisches Bilder ABC“. (Berlin 1842, Schlesinger.) 


verlebte frohe Stunden mit dem Ehepaare, da 
Johann Peter die Gattin auf diesem ihren ersten 
Ausfluge in die große Welt begleitet hatte. Im 
Sommer besuchten beide den Dichter auf seinem 
Tuskulum Neuseß bei Koburg. 

Was Lyser in dieser Zeit arbeitete und 
schaffte, um die Familie standesgemäß zu unter¬ 
halten: das aufzuzählen, würde einen zu großen 
Raum einnehmen. Ich verweise auf die am 
Schlüsse der Arbeit befindliche, sicher noch ganz 
unvollständige Bibliographie. Novellen, Humo¬ 
resken und Kunstberichte in den „Cyanen“, im 
„Orpheus“, im „Humorist“, ein Operntext „Sal¬ 
vator Rosa“ für den Dresdener Kapellmeister 
Rastrelli, ein gleicher „ Isola“ (nach Rumohrs 
Novelle „Der letzte Savello“) 1 für Felix Mendels¬ 
sohn-Bartholdy, den dieser niemals komponierte, 
Illustrationen für andre Autoren und endlich 
sein umfangreichstes und bestes Werk „Abend¬ 
ländische Tausend und eine Nacht“, mit der 
Fortsetzung „Einhundert und eine Nacht“, zu- 


1 Urania, Taschenbuch auf das Jahr 1834. Leipzig. 


sammen in 19 Bändchen, sind während der Jahre 
1838—1840 in Meißen erschienen. Weiterhin 
ein höchst merkwürdiges, satirisches Buch 
„Der fahrende Münchhausen“ (30), 1840 ver¬ 
faßt, mit 8 karikierenden Federzeichnungen in 
der Manier der damals berühmtesten Maler 
(Abb. 39, 42 und 52). Lyser gab es unter dem 
Pseudonym „ Victor Savello“ heraus und wirft 
interessante, satirische Schlaglichter auf die da¬ 
maligen Zeit- und Literaturverhältnisse. Speziell 
der Abschnitt „Deutschland und die Deutschen“ 
und der poetische Anhang „Mitternächte und 
verpanzerte Lieder“, eine Satire auf die Karl 
Beckschen „Nächte. Gepanzerte Lieder“, weiter¬ 
hin die Bemerkungen über Heine und die Jung¬ 
deutschen verraten viel scharfe Beobachtung. 
Da das Büchlein zu den Seltenheiten gehört 
und von den meisten nur schwer oder gar nicht 
zu erreichen sein dürfte, so möchte ich wenigstens 
die witzige Abkanzelung der damaligen Zeit¬ 
schriften hier zum Neudruck bringen, was der 
„Deutschen Bibliographischen Gesellschaft“ eine 
besondere Freude bereiten dürfte: 



















WM 

wmm 

mm 


an«'* 


KW»; 


Abb. 24. Titel der „Linorah" 
(Altona, H. Poppe & Co. 1860). 


Zu Hirschbergt Johann Peter Lyser, 







































































































Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


321 



Abb. 25. Titel zum ,,Musikalischen Bilder ABC“. 
(Berlin 1842, Schlesinger.) 


Ich war bei meinem Ver¬ 
leger zu Tische; die Frau des¬ 
selben, welche mich unend¬ 
lich verehrt, wollte mir zu 
Ehren ein großes Traktement 
veranstalten, wobei natür¬ 
licherweise die ersten Mai¬ 
krebse nicht fehlen durften. 

Hierzu bat sie ihren Mann 
um das nötige Geld, der aber 
brummte: Krebse ? — kaufen ? 

— warum nicht gar! Geh auf 
mein Lager, da findest du 
Krebse übergenug. Die Frau 
ging, nahm die auf dem 
Lager befindlichen Krebse, 
kochte sie, wir aßen sie und 
so bekam ich die ganze junge 
Literatur in den Leib. 

Nachts darauf erlebte ich 
den Pendant zu Swifts Mär¬ 
chen von der Tonne, oder 
auch zu Hauffs Nacht im 
Ratskeller zu Bremen. Genug, 

— sämtliche Geister sämt¬ 
licher deutschen Zeitschriften 
erschienen in meinem Schlaf¬ 
zimmer und hielten eine große 
Konversation. Da sah ich 
die Abendzeitung, ein hageres, langes Frauenzimmer, 
mit einem gelbbraunen faltigen Gesichte; hinter ihr 
drein trippelte ihr Literaturblatt. Der Komet, als 
Hanswurst gekleidet, und ein wenig angesofifen, hum¬ 
pelte ihr entgegen, riß mit heißerer Kehle einen Dampf¬ 
witz und empfahl sich „mit ungeheurer Ironie“ ihrer 
Protektion. Vespertina lächelte gnädig und verhieß 
sie ihm; darüber sprangen, grüngelb vor Neid und 
Wut, und schwindsüchtig keuchend die Rosen herbei. 
„Vespertina!“ schrien sie, „willst du uns treulos wer¬ 
den? willst du außer uns noch etwas loben?!!“ — 

„Beruhigt euch, meine süßen Kinder!“ lispelte Ves¬ 
pertina, „es ist nicht so gemeint, ich lobte ja nur aus — 
Rücksicht, doch Euch liebe ich und hab’ euch geliebt 
und werde euch lieben immerdar.“ — Ein wieherndes 
Gelächter erscholl jetzt, so daß Vespertina zusammen¬ 
schrak, die Rosen aber wimmerten jämmerlich, denn 
ein schmutziges Wiener Fratschlerweib rasete heran, 
warf mit Zoten und Schimpfworten um sich, und machte 
sich endlich über die Rosen her, sie zu zerzausen. Es 
war die Eisenbahn, verlegt von Pönicke und Sohn. 

Der Berliner Freiinüthige, in seinem neuen Kostüme 
als Eckensteher, sprang den Rosen zu Hilfe, der Ham¬ 
burger blinde Argus bellte aus Leibeskräften und die 
hannoversche Posaune tutete um Hilfe. Aber der 
Kampf dauerte fort und wurde immer heftiger, zumal 
der Hamburger Telegraph der Eleganten mit beiden 
Fäusten in die falschen Locken fuhr und diese sich ver¬ 
gebens hinter Karl Becks gepanzerte Lieder und hinter 
die Peitsche des Rheinischen Postillions flüchtete. Der¬ 
weilen wälzte sich der schwäbische Humorist vor 
Lachen über seine eigenen Witze und Bäuerles Theater- 
Z. f. B. 1906/1907. 


zeitung, im roten, goldverbrämten Rock, mächtiger 
Perücke und Federhut, blies die Trompete und lud 
im Marktschreierton den gaffenden Jan Hagel ein, auf 
die erste, einzige, vollkommenste Zeitschrift Europas zu 
pränumeriren. 

Vergebens ermahnte das Morgenblatt zur Ordnung, 
ging Ost und West mit gutem Beispiele voran! — 
schlug doch das Menzelsche Literaturblatt selber mit 
Keulen drein und besserten sich doch kaum die Blätter 
für literarische Unterhaltung insoweit, daß sie sich 
nicht mehr in Persönlichkeiten ergingen! Nur der 
Eremit ging in sich und trauerte in Sack und Asche 
aus Mangel an Abonnenten, die Frauenzeitung gebär¬ 
dete sich nach wie vor sehr verliebt und arrogant. — 

Der allgemeine Kampf wurde immer hitziger — 
nicht eine Schlacht, ein Schlachten war’s zu nennen! 
und was das Schrecklichste war: die Europa und das 
Mitternachtsblatt plünderten die Erschlagenen und 
schmückten sich mit dem Raube, um nur kein Honorar 

zahlen zu dürfen.-Da erschien endlich der Tag 

des Gerichts! scheußliche Furien, in Gestalt von Lum¬ 
pensammlerinnen entstiegen dem Boden, bemächtigten 
sich der ausgearteten Journale, welche sich alsbald in 
wirkliche Lumpen verwandelten und rissen sie mit sich 
hinab in den Abgrund. 

Caroline Leonhardt-Lyser wurde nach ihrem 
erfolgreichen Nürnberger Abend an viele Fürsten¬ 
höfe eingeladen. Sie bekam zwar ganz gute 
Honorare, auch Schmucksachen; allein damals 

41 






















322 


Ilirschberg, Johann Peter Lyser. 


kosteten die Reisen mit Eil- oder Extrapost 
sehr viel; sie brauchte schöne Toiletten, um 
vor den höchsten Herrschaften erscheinen zu 
können, und persönliche Bedienung; dazu kamen 
die vielfachen andern Unkosten, die ein Konzert- 
Bureau oder Impresario damals noch nicht ab¬ 
nahm — kurz es blieb sehr wenig übrig. Im 
Winter 1840 muß die Not besonders groß ge¬ 
wesen sein. Darüber liegen zwei authentische 
Berichte von Lyser selbst vor; zunächst ein 
herzzerreißender Brief an Robert Schumann, 
datiert „Leipzig d. 25. Nov. 1840“: 

In wahrer Verzweiflung schreib ich Dir; ist es Dir 
gar nicht möglich, mir nur, aber citissimo, mit zwei Tha- 

1 Erschien unter dem Titel „Die Sängerin“ (in). 


lern auszuhelfen? meine Frau und mein liebes Kind 
sind krank, wollen mich haben, und ich kann nicht von 
hier fort, wenn Du mir nicht hilfst, ich hab hier Alles 
versucht! meine guten Arbeiten um einen Spottpreis 
ausgeboten, an Schmidt hab ich die Mara* gesandt, 
aber ehe ich von Wien (wenn er sie nimmt), Geld be¬ 
komme, können Frau und Kind mir verderben und 
sterben. Lieber! kannst Du, so hilf mir, Gott wird es 
Dir an Debicr guten Clara vergelten, und ich will es ja 
gerne ehrlich abarbeiten. Ich wäre selbst gekommen, 
aber ich bin selbst unwohl und gehe in diesem Wetter 
in einem Frack umher, weil ich keinen Oberrock habe. 

In eine so prekäre Lage war Lyser nur 
durch seine Gutmütigkeit und Vertrauensselig¬ 
keit einem „guten Freunde“ gegenüber gekommen; 
eine leidige Wechsel-Affäre war die Lolge, und 
Lyser sollte in das Schuldgefängnis wandern. 



Abb. 26. Zeichnung Lysers zu H. Heines „Harzreise“, mit Gedicht von Heine. Gezeichnet 25. Sept. 1829. 
Zum erstenmal veröffentlicht in Lewalds „Europa“, Stuttgart 1838. 





























































































Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


323 


In diesen Drangsalen bewährte sich Felix 
Mendelssohn dem Freunde gegenüber als edel¬ 
mütiger diskreter Helfer (137). Er verlangte 
Lyser das Wort ab, niemandem, auch Schu¬ 
mann nicht, etwas darüber zu sagen: 

„Er drückte mir herzlich die Hand, ich hing ihm 
den Mantel um, ergriff das Licht und begleitete ihn bis 
ans Hausthor, da standen wir noch einmal Hand in 
Hand einander gegenüber und sahen uns lange und ernst 
an, Felix zog mich näher zu sich strich mir mit der Hand 
über die Stirn und küßte mich, dann ging er und war 
nach wenigen Augenblicken auf dem dunklen Platz 
meinen Blicken entschwunden, für immer auf Erden! — 

Solange Mendelssohn lebte, hielt ich mein Ver¬ 
sprechen, nicht davon zu reden, daß er mir geholfen, 
als mir sonst niemand half; den Manen des Geschie¬ 
denen aber bin ich es schuldig, frei zu bekennen: ich 
war ihm hoch verpflichtet. Sehr oft wohl mag Felix 
Mendelssohn-Bartholdy andern auf ähnliche Weise ge¬ 
holfen haben, es lag in seiner Natur.“ 

Daß Lyser in seiner Eigenschaft als Theater- 
Berichterstatter, besonders nachdem er das 
Feuilleton der,,Abendzeitung“ (175) übernommen 
hatte, auch der Opernbühne nahe stand, ver¬ 
steht sich von selbst. Mit Tichatschek , dem 
Heldentenor, und der genialen Wilhelmine 
Schrdder-Devrient verband ihn innige Freund¬ 
schaft. Letztere hat er durch eine interessante 
Zeichnung in einer ihrer Glanzrollen, der 
Weberschen Euryanthe, verewigt (Abb. 31). 
Mit dem bekannten tüchtigen Chor-Dirigenten 
Fischer verkehrte er viel, ebenso mit keinem 
Geringeren als Richard Wagner-, höchst be¬ 
dauerlicherweise sind sechs Umrisse „Richard 
Wagner als Dirigent“ (177), die Anfangs der 
vierziger Jahre entstanden und für die Dresdener 
Schaffenszeit des Meisters zweifellos von Wichtig¬ 
keit sind, völlig verloren gegangen. 

Frau Caroline machte inzwischen weite 
Kunstreisen; sie brachten aber Lyser, den die 
Triumphe der Gattin mit glücklichem Stolze 
erfüllten, die Tragödie seines Lebens. Denn 
nachdem die Künstlerin die Pracht der Paläste 
geschaut, nachdem sie den jubelnden Beifall, 
der ihren Leistungen überall gezollt wurde, mit 
wonniger Genugtuung genossen, gefiel es ihr 
nicht mehr zu Hause in den kleinlichen Ver¬ 
hältnissen. Es war ihr alles zu ärmlich; der 
taube Mann war kein glänzender Kavalier, der 
sie anstaunte, und so entstand unmerklich eine 
Verstimmung und Entfremdung zwischen den 
Gatten. Werfen wir keinen Stein auf die Frau, 
deren feuriges Temperament den Beifall der 


Menge nicht mehr entbehren konnte! Wohl 
war sie nicht blind für die guten Seiten ihres 
Kindes-Mannes, wohl bemitleidete sie seine Hilf¬ 
losigkeit, wohl wußte sie, daß Lyser durch seine 
ausgebreiteten literarischen Bekanntschaften in 
Leipzig, Dresden, Wien und Berlin ihr die Bahn 
so geebnet hatte, daß sie schon als seine 
Gattin auf wohlwollende Beurteilung in den 
Tagesblättern rechnen konnte. Aber sie begann 
sich doch allmählich für ein Opferlamm zu 
halten, und die Pflichten gegen den Gatten und 
die Kinder wurden ihr schwer. 

Am 23. Dezember 1840 hatte sie ihr zweites 
Kind geboren, einen Sohn Gustav, der noch 
heute als Chef-Redakteur einer angesehenen 
deutschen Zeitung in Yankton im Staate Dakota 
(Nord-Amerika) lebt. Zwei Dichter waren seine 
Taufpaten, Friedrich Riickert und der berühmte 
deutsche Improvisator, Professor der Philologie 
in Jena und vielseitige fruchtbare Schriftsteller 
Oskar Ludwig Bernhard Woljf. Noch war die 



Abb. 27. Hinterer Umschlag des Taschenbuchs „Cacilia“. 
(Hamburg 1833, Hoffmann und Campe.) 






















324 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 



mm ywMJE 

Abb. 28. Lithographie zu den ,, F 1 o r e n t i n i s c h e n Nächten“ von Heinrich Heine (1836). 
Aus Lewalds „Europa“, Stuttgart 1837. 


Kluft nicht so unüberbrückbar geworden, daß 
sie nicht zusammen leben, arbeiten und an ihren 
prächtig gedeihenden Kindern sich hätten er¬ 
freuen können. Aber nach der Geburt des 
dritten Kindes Henriette (1842) verließ Frau 
Lyser ihren Gatten und ihre drei Kinder (im 
Alter von fünf, einundeinhalb Jahren und zwei 
Monaten). Sie erklärte ihm, daß sie ihn nie 
so geliebt habe, wie man einen Mann lieben 
solle: sie liebe einen andern Mann , der ihren 
Deklamationen und Erzählungen „mit Wonne 
lausche“, der auch für sie eine große Leiden¬ 
schaft hege. 

Diesen Schlag hat Lyser nie verwunden; 
er hatte seine Frau aufrichtig geliebt. Andrer¬ 
seits war er viel zu vernünftig und gutherzig, 
um ihr das neue Glück zu mißgönnen. Er sah 
vollkommen ein, daß ein tauber Mann für die 
glutvolle Frau, die sich stets mitteilen mußte, 
nie so recht gepaßt hatte. Aber ihn jammerten 
die Kinder, die er als tauber Mensch nicht 
oder nur unsäglich schwer erziehen konnte, da 
die Leiden und Wünsche der kleinen Wesen 
ihm ja nicht zu Gehör kommen konnten. Auch 
verdiente er allein nicht genug, um einen so 
schwierigen Haushalt bestreiten zu können. 
Da erbot sich Frau Lysers späterer Gemahl, 


1 Ist es auch so nicht geworden. 


Mr. Henri Hugo Pearson 
aus Edinburgh, in edel¬ 
herzigster Weise, ftir die 
Kinder sorgen zu wollen. 
Pearson, ein nicht unbe¬ 
deutender Tonsetzer, er¬ 
klärte, daß nur Frau 
Lyser seine Künstler¬ 
seele verstehe, und 
glaubte ernstlich, ohne 
ihre Hilfe nie ein be¬ 
rühmter Mann werden 
zu können. 1 Er wußte 
es Lyser begreiflich zu 
machen, daß auch für 
dessen Kinder nur Vor¬ 
teile aus einer Verbin¬ 
dung mit Frau Caroline 
entstehen würden und 
bat inständig, daß Lyser 
ihrem Glücke nicht hin¬ 
dernd in den Weg treten 
möge. — Hierauf leitete Lyser gegen die Gattin 
die Klage wegen Verlassung ein. Wie mag es 
damals, wo ihm sein Gebrechen so recht fühl¬ 
bar und schonungslos zu Gemüte geführt wurde, 
in der Seele des unglücklichen Mannes aus¬ 
gesehen haben! Im Frühjahr 1844 wurde die 
Ehe, nach achtjähriger Dauer, geschieden, im 
September desselben Jahres schloß Frau Caro¬ 
line die zweite Ehe und nannte sich Leonhardt- 
Pearson. Es hatte Mühe gekostet, und nur ihrer 
unbeugsamen Energie war es gelungen, den 
Mann seiner stolzen, reichen Familie in England 
abzuringen. Die beiden Mädchen wurden der 
Mutter zugesprochen, doch litten die Verwandten 
Pearsons nicht, daß die Töchter zu ihrer Mutter 
kamen; so blieb also Lyser nichts anderes übrig, 
als alle drei Kinder zu behalten. 

Auf die Produktionskraft Lysers waren diese 
aufregenden Jahre von übelstem Einfluß. Kein 
einziges größeres Werk ist in dieser Zeit ans Licht 
getreten; in Zeitschriften und Almanachen hat er 
natürlich manches (vielfach auch wohl pseudo- 
oder anonym) veröffentlicht — denn wovon 
hätte er sonst leben sollen? Wie trostlos es 
ihm in jeder Hinsicht damals ging, das spiegelt 
am besten ein an Schumann gerichteter Brief 
(datiert 14. November 1844 — „Serapionstag“) 
wieder; Kummer und Sorge, vollständige Rat- 
und Hilflosigkeit sprechen aus den Worten: 











Abb. 29. B e e t ho ven - Ap o th eo s e. Erste Fassung. Federzeichnung. 1845. 


Zeitschrift für Bücherfreunde X. 


Zu Hirschberg: Johann Peter Lyse, 

















Abb. 30. Beethoven-Apotheose. Zweite Fassung. Federzeichnung. 1845. 































































Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


325 



fl T Ultimi ne Schrdder-J)euri ent Scene aus Euvyanthe Herr Seht i.f len 

r/t Dresden 

Abb. 31. Lithographie aus dem Jahre 1836. 

Aus Lewalds ,,Europa“, Stuttgart 1837. 


„Ich habe mehrere Jahre 
nichts geschrieben, was ich 
unter meinem Namen her¬ 
auszugeben mich nicht ge¬ 
schämt hätte. Das kam 
daher, weil der allezeit ge¬ 
schäftige Satan mir ein Ey 
in mein eheliches Leben 
gelegt hatte, woraus natür¬ 
lich eine ganze Legion ehe¬ 
licher Plagen hervorgekro¬ 
chen kam! Die Geschichte 
ist zu nichtswürdig, als daß 
ich darüber reden möchte; 
gehört wirstDu davon haben, 
denn natürlich haben unsre 
guten Elbe-Abderiten tüch¬ 
tig darüber geträtscht. Was 
sie über mich alles gefaselt 
haben mögen,weiß ich nicht, 
kümmre mich auch nicht 
drum und lache höchstens 
drüber: ich weiß, was ich 
werth bin, und der eine 
Umstand mag für mich 
zeugen: daß meine Kinder 
bei mir sind, während die 
Mutter — jetzt Madame 
Pearson — in Wien lebt — 
gottlob! ich habe die un¬ 
selige Geschichte hinter mir, vor einem neuen Haupt¬ 
eselsstreich bewahrt mich die gemachte bittere Erfah¬ 
rung! — Ich lebe fortan meinen Kindern und der Kunst, 
von der ich erst jetzt ganz erkannt habe, was Börne 
so schön davon sagt: sie gewährt uns, was uns die 
Erde vorenthält: einen Frühling, der nicht abblüht, 
eine Zeit, die nicht rostet, wolkenloses Glück und ewige 
Jugend. 

Übrigens muß ich wieder von vorn anfangen, denn 
alles, was ich außer meinen Kindern besaß, ist zum 
Teufel! ich bin gegenwärtig wieder so arm, als ich vor 
14 Jahren war, wo ich in Sachsen einwanderte. Hier 
in Dresden bring ich’s zu nichts, das Volk ist dumm, 
pauvre und indifferent, wie Du finden wirst, wenn Du 
verdammt sein solltest, hier länger leben zu müssen. 
Wie hab ich nicht gewünscht, etwas zu verdiene ?!/ 
Noch vor acht oder zehn Tagen schrieb ich an Bürck, 
den Redakteur des Menschenfreundes,, stellte ihm meine 
Noth vor, bot ihm Aufsätze für seinen Menschenfreund 
an, schickte ihm auch eine hübsche ausgemalte Zeich¬ 
nung aus Don Giovanni mit der Bitte, sie nur aus Men¬ 
schenfreundlichkeit für einen Thaler abzukaufen. — Er 
hat mir weder geantwortet noch die Skizze zurückge¬ 
sandt. Gestern aber las ich im „Menschenfreund“ von 
der Anhänglichkeit eines Gimpels an einen Schriftsteller 
nebst andern merkwürdigen und großherzigen Zügen 
der Viehheit. 

Ich bin jetzt fest entschlossen nach Stuttgart zu 
gehen, wo ich die Hoffnung habe, eine kleine Anstel- 


1 Dazu ist es nie gekommen. 


lung bei der Theaterbibliothek zu erhalten. 1 Ich muß 
von Leipzig aus die Tour über Frankfurt zu Fuß machen, 
was übrigens für mich weiter nichts ist, denn ich bin 
gesund und kräftig und an Strapazen und Entbehrun¬ 
gen gewöhnt. Bin ich in Stuttgart mit allem in Ordnung, 
so hol ich mir meine Kinder, welche derweile bei der 
verheiratheten Amme meines ältesten Mädels bleiben, 
wo sie gut und sicher aufgehoben sind. — Das Reise¬ 
geld bis Leipzig hab ich, dort muß ich suchen etwas 
von meinen Arbeiten zu versilbern, trotzdem aber 
laborier ich noch an einem ganz infamen „Aber“. Ich 
mußte nämlich vor ungefähr drei Wochen, wo alle drei 
Kinder auf einmal den Keuchhusten bekamen, ä la 
Hoffmann meinen einzigen Rock verkaufen, um nur 
Medizin zu schaffen, und sitze noch dermalen in einer 
blauwollenen gestrickten Jacke den Tag über in Arrest; 
ist es nicht zu vermeiden, daß ich einen Gang gehen 
muß, so muß ich mir von meinem Wirth, einem armen 
Schuster, einen Rock borgen; — einen Rock, dem es 
Jedermann ansieht, daß es ein geborgter ist, da er mir 
nicht paßt. 

In dieser höchst herzbrechenden und daneben doch 
wieder höchst lächerlichen Situation bitt ich Dich, mein 
lieber Freund, in der Voraussetzung, daß Du nicht zum 
Verein der Menschenfreunde gehörst, deren Mitgefühl 
zu erregen es nothwendig ist, daß man entweder ein 
Ochs oder Esel, ein Hund oder Ginipel oder sonst ein 
unvernünftiges Geschöpf seyn muß, — ich bitte Dich, 
sag ich, daß Du Deine Garderobe musterst, und falls 
sich ein alter, leidlich ganzer und nicht schmutziger 
Rock darunter fände, mir selbigen überlassen wolltest 





















326 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


zur Reise. Baares Vermögen setz ich bei Dir nicht vor¬ 
aus und bitte dich daher nicht um Geld; könntest du 
aber vermitteln, daß Brendel 1 meinen eingesandten 
Aufsatz auf- und die Novelle „Hofifmann“ 2 annimmt 
und mir für Beides in Leipzig ein kleines Honorar aus¬ 
zahlen laßt, so war mir’s lieb. Übrigens verwende ich 
meinen letzten disponiblen Neugroschen daran, diesen 
Brief zu frankiren (da ich in meiner blauwollenen 
Kunigunde nicht zu Dir kommen kann und in der ge¬ 
borgten Schusterhülle mich nicht vor Deiner Frau sehen 
lassen mag; ich stand zwar nie in dem Ruf eines Stutzers 
und Löwen erster Klasse, aber man kann nicht ver¬ 
langen, daß ein junger Mensch von 43 Jahren aller und 
jeglicher kleinen Eitelkeit 
einer jungen Frau gegen¬ 
über entsagt haben soll). 

— Also lieber Alter! mach 
es nicht wie Bürck und 
laß mich nicht ohne alle 
Antwort, Du mögest nun 
meine Bitte erfüllen kön¬ 
nen oder nicht! also ant¬ 
worte mir heute noch 
durch die Stadtpost oder 
einen blau und gelb ange¬ 
strichenen Chaisenträger, 
denn sonst hoff ich und 
harr ich und ärgere mich 
am Ende, daß ich Dich 
gebetett habe. Gern säh 
ich Dich noch einmal, 
spätestens am Montag will 
ich reisen. Ich wohne 
F reiberger Straße imPalm- 
baum drei Treppen hoch. 

Dein alter J. P. Lyser. 

Dieser Brief und 
noch ein kleines, einen 
Tag später abgesand¬ 
tes Billett bedeutet den Schluß des Briefwechsels 
mit Robert Schumann. Sicherlich hat letzterer 
den bescheidenen Wunsch des unglücklichen 
Freundes erfüllt. Ob Lyser in der Tat nach 
Stuttgart, nach Art des von ihm so hoch ver¬ 
ehrten Seume, gewandert ist, und was er über¬ 
haupt vom November 1844 bis zu Beginn des 
Jahres 1845 getrieben hat, ist nicht zu ermitteln 
und wohl auch belanglos. Er war eben wieder 
ein wandernder Maler geworden, aber ohne die 
Freudigkeit seiner Jünglingsjahre, ein schwerge¬ 
prüfter, heimatsloser, irrender Wanderer.- 

Pearson veranlaßte den tauben Maler, ihm 
nach Wien, wo er selbst seinen Wohnsitz ge¬ 
nommen hatte, zu folgen. So zog Lyser im 


März 1845 nach Wien; auch die beiden Töchter 
kamen alsbald zu dem Ehepaar Pearson. 

Lyser fand in Wien rasch Beschäftigung und 
Arbeit genug, um für seinen und seines Söhnchens 
Unterhalt zu sorgen. Neuer Lebensmut beseelte 
den schon so oft Getäuschten, in seinen I lofif- 
nungen so viel Betrogenen. Vor allem war es 
die von Dr. August Schmidt gegründete, sehr 
angesehene und trefflich geleitete „Wiener All¬ 
gemeine Musik - Zeitung“, die ihm ihre Spalten 

öffnete. Mit Schmidt 
stand Lyser schon seit 
dem Jahre 1839 in 
regem brieflichen Ver¬ 
kehr. Sein erster Bei¬ 
trag , der die heiter¬ 
beruhigte Stimmung 
nicht verkennen läßt, 
ist ein Gedicht „An der 
Donau“ (121); dann 
folgt eine romantische 
„Ein Traum“ 
(122), in der er seine 
erste Nacht in Wien 
witzig beschreibt; nun 
kramt er in seinen Kr- 
innerungen und verfaßt 
„Kleine Geschichten 
aus dem Tagebuche 
eines wandernden Mu¬ 
sikanten“ (123), ver¬ 
öffentlicht seinen „Hofif- 
mann“, von dem noch 
zu sprechen sein wird, schreibt über Berlioz, Balfe, 
Rochlitz, Alexander Dreyschock (124—129) — 
kurz, es ist wie immer, wenn er mit der Misere 
des Daseins nicht zu kämpfen hat, eine Zeit rast¬ 
loser Tätigkeit. Frühere Verbindungen werden 
nicht vernachlässigt, neue angeknüpft. Eine 
noch heute höchst aktuelle, ganz verschollene 
Abhandlung in der Neuen Zeitschrift für Musik: 
„Mozarts eigene Verdeutschung des Textes Don 
Giovanni“ (120) hat speziell für Musiker großes 
Interesse; vor allem aber sind die 1845 * n der 
Gaßnerschen „Zeitschrift für Deutschlands Musik¬ 
vereine und Dilettanten“ begonnenen 3 „Artisti¬ 
schen Lichtbilder I: Richard WagneV so wichtig 
(119), daß Ludwig Nohl in seinem „Musik- 


' M I • 

\V& *."’(», LilJÜL^.'F 


'•sh: : 



. - J :> C. ' , 

L ■ c üT. 








V . .'-' Ü - 

j 

V* /■ ' \ -J V» 


Abb. 32. Die sogenannte „Champagner-Arie“ aus Mozarts 
„Don Juan“. Aus dem Taschenbuch „Cacilia“. 
(Hamburg 1833, Hofifmann und Campe.) 


Skizze 


1 Nachfolger Schumanns in der Redaktion der „Neuen Zeitschrift für Musik“. 

2 Erschienen später in Wien unter dem Titel „Kunst und Leben“. — 3 Wurden wahrscheinlich nicht fortgesetzt 







Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


327 


drama“ (286) einen neuen Abdruck von ihnen 
gegeben hat. 

Dabei half er in uneigennützigster Weise 
dem Komponisten Pearson, der mittlerweile das 
Pseudonym „Edgar Mansfeldt“ angenommen 
hatte, durch Zeitungsartikel und Besprechungen 
seiner Werke. So schreibt er am 27. März 1845 
an Schmidt: 

„Die beifolgende Notiz über Pearsons Oper bitte 
ich recht bald in Ihr Blatt aufzunehmen, sowie ich Sie 
überhaupt bitte, seiner Kunstbestrebungen, so oft Sie 
Gelegenheit haben, freund¬ 
lich zu gedenken, sie ver¬ 
dienen es.“ 

Die darin zu Tage 
liegende Unvorsichtig¬ 
keit Lysers sollte für ihn 
üble Folgen haben und 
den Freundschaftsbund 
mit Schmidt zerreißen. 

In der „Wiener Allge¬ 
meinen Musik-Zeitung“ 
erschien am 14. März 
1846 eine „Bekannt¬ 
machung in Angelegen¬ 
heit eines ungewissen 
Hrn. Edgar Mansfeldt, 

Komponisten aus Schwe¬ 
den“ (209). In recht 
scharfer Weise nahm 
der Redakteur Stellung 
gegen die Verfasser 
mehrerer Aufsätze, die 
den Komponisten Mans¬ 
feldt in übertriebener 
Weise lobten und als Messias der Musik pro¬ 
klamierten. Außer einem gewissen Löffler, 
einem durchaus anrüchigen Subjekte, das für 
Geld alles tat, war auch Lyser Verfasser der 
Artikel. Es ist dies das einzige Mal gewesen, 
daß Lyser den point d’honneur in der Schrift¬ 
stellerei nicht ganz gewahrt hat. Pearson 
nämlich, der durchaus berühmt und reich 1 
werden wollte, hatte Lyser die Verpflegung 
und pekuniäre Sicherstellung seiner drei Kinder 
zugesichert, wenn er durch seine journalistischen 
Verbindungen für eine möglichst große Ver¬ 
breitung seiner Kompositionen sorgen würde. 
Nun war Lyser sicherlich von dem Wert der 


Pearson-Mansfeldtschen Schöpfungen durch¬ 
drungen — S e S en seine Überzeugung würde 
er nichts geschrieben haben —, aber er schoß 
in höchst unvorsichtiger Weise über das Ziel 
hinaus. Selbst wenn man die ganz abnormen 
Lebensbedingungen Lysers, seine Taubheit und 
die dadurch bedingte Weltunkenntnis und er¬ 
leichterte Betrugsmöglichkeit als plausiblen Ent¬ 
schuldigungsgrund ins Feld führt: er durfte 
doch nicht so verfahren. Aber von Not gedrängt, 
von unmündigen Kindern, die die Mutter herz¬ 
los verlassen hatte, um¬ 
geben, und auf der an¬ 
dern Seite die Aussicht 
auf Versorgung seiner 

Lieblinge!- 

„Wer hob den ersten 
Stein wohl auf, 
Wer griff in seinen 
Busen nicht?“ 
singt der Eremit im 
„Freischütz“. Kurz — 
die sehr unerquick¬ 
liche Affäre, die durch 
eine persönliche War¬ 
nung des Redakteurs 
vor der Publikation des 
Ganzen sich leicht hätte 
erledigen und aus der 
Welt schaffen lassen, 
wuchs sich zu einem 
argen Skandal aus, von 
dem das sensations¬ 
lüsterne Publikum Wiens 
für einige Wochen sich 
nähren konnte. Erwiderung folgte auf Erwide¬ 
rung (289 b, c), schließlich noch eine „Ab¬ 
fertigung“ und ein „letztes Wort“ (289 d); Schmidt 
erklärte Lyser für einen „Verfälscher“; Robert 
Schumann soll ihm von da an seine Freund¬ 
schaft aufgesagt haben. 

Die nächste Folge dieser bösen Sache war 
der Wegzug des Ehepaars Pearson von Wien, 
wobei nur die älteste Tochter mitgenommen 
wurde. Lyser blieb mit dem Söhnchen und 
dem jüngsten Töchterchen in Wien zurück. 

Für die jetzt folgenden Jahre in Lysers 
Leben finden wir manchen schätzbaren An¬ 
haltspunkt in den „Jugenderinnerungen“ seines 



Abb. 33. Titelbild (Radierung) zu „Benjamin“. 
(Hamburg 1830, Hoffmann und Campe.) 


1 Die reichen Angehörigen Pearsons waren gegen die Ehe mit einer geschiedenen Frau und setzten ihm nur eine relativ 
sehr geringe jährliche Rente aus. 















328 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 



Sohnes Gustav, die dieser in den Jahren 1902 
bis 1906 in einer Artikel-Serie der deutsch¬ 
amerikanischen Zeitschrift „Jowa-Reform“ ver¬ 
öffentlicht hat (284). Die Misere des Lebens 
begann wieder und wird deutlich illustriert durch 
einen Brief Lysers an Giacomo Meyerbeer, den 
er am heiligen Abend des Jahres 1846 an 
den Tonmeister richtete und den wir des all¬ 
gemeinen Interesses wegen, das er beansprucht, 
hier veröffentlichen: 1 

An G. Meyerbeer. 

Hochverehrtester Herr und Meister! 

Daß ich es nicht schon unternahm, Sie in Wien 
persönlich zu begrüßen, hat zwei Ursachen, erstens eine 
böse Hand, an der ich mich schon an die zwei Monate 
hinschleppe und zweitens der Umstand, daß ich mir’s 
denken kann, wie Sie hier umlagert sind. Jedem 
Künstler ist seine Zeit theuer, Ihnen muß sie es doppelt 
sein. Vielleicht störe ich Sie gerade in einem freien 


Augenblicke, wo Sie Lust zum Schaffen hätten 
und so freudig mich jedenfalls Ihr Anblick 
stimmen würde, ich kann Ihnen dafür nichts 
bieten, da von einem eigentlich mündlichen 
Austausch unserer Ansichten nicht die Rede 
sein kann, bloß zu kommen und anzugaffen ist 
nicht meine Art. Ich sah Sie in Dresden, Ihr 
Bild lebt in meiner Erinnerung fort, wie Ihre 
Werke in meiner Seele und so verspar ich mir 
das Wiedersehen lieber bis zur Aufführung Ihrer 
Oper. 

Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen hier 
einen Aufsatz von mir über die deutsche Oper 
mitzutheilen. Nächstens erscheinen in derselben 
Zeitschrift 2 größere Aufsätze, C. M. v. Weber 
und Giacomo Meyerbeer. — Ich nehme nämlich 
an, daß mit Weber eine Kunstepoche völlig ab¬ 
schließt und zwar die rein romantische, und mit 
Ihnen und durch Sie eine ganz neue beginnt, 
nämlich die romantisch-historische. Ich glaube, 
es ist mir gelungen, hier nachzuweisen, welches 
Verdienst Sie Sich durch Einführung dieses 
Genres um die moderne deutsche Oper erworben 
haben, die ja auch nur durch Sie, und von allen 
lebenden Tonkünstlern der Einzige, im Auslande 
vertreten wird. Sobald ich die Musik zum 
Struensee erlangen kann, werde ich sie durch- 
studiren. Herr Pcarson hat mir soviel darüber 
geschrieben und ist so entzückt davon, daß ich 
höchst begierig bin, dieses Ihr neuestes Werk 
kennen zu lernen. Ich hatte im Sinn, Ihnen einige 
Skizzen aus dem Robert und den Hugenotten zu 
senden, die ich entworfen habe, meine böse Hand 
hat mich leider bis jetzt von allem anhaltenden 
Arbeiten so auch in Ausführung der Entwürfe 
verhindert. Und um mein Unglück voll zu 
machen, ist in diesem Augenblick bei der Re¬ 
daktion des Blattes, das fast alles von mir druckt, nicht 
daran zu denken, in diesem Augenblick eine Abrechnung 
zu erhalten, wo sie eben jetzt für mich so wünschens- 
werth wäre. 

Was ich als Schriftsteller leiste, wissen Sie — auch 
ist mein Fleiß gewiß bedeutend, — wie sollte ich mich 
da schämen, einem Künstler wie Ihnen das ehrliche 
Geständniß abzulegen, daß es mir trotz Talent und 
Fleiß und vielfacher Anerkennung der Besten, in dieser 
großen Stadt im Augenblick um nichts besser geht als 
manchem Mann und Künstler, mit welchen ich mich 
in keiner Hinsicht vergleichen darf. 

Träfe es nur mich, würde ich vielleicht darüber 
lachen und auf bessere Zeit hoffen, die ja kommen 
muß, allein in diesem Augenblick ist es so arg, daß ich 
heute, wo über tausend Kinder einen Freudentag haben, 
um meinen beiden Kleinen ein Mittagessen zu schaffen, 
heut um 3 Uhr noch nicht gefrühstückt habe. — Ich 
weiß, es ist dies in Wien nichts besonderes. — Haydn 
und in früherer Zeit Mozart mit seiner Constanze 
und Beethoven haben sehr oft einen Tag nichts ge¬ 
habt — allein wie gesagt, mich schmerzen die Kinder 


Original im Besitz des Herrn Professor Dr. Gaedertz in Greifswald; mit dessen freundlicher Genehmigung. 

























Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


329 


— da wage ich denn die Bitte, daß Sie mir mit 20 fl. 
C. M. aus der Noth helfen, damit ich mich einrichten 
und ruhig meine begonnenen Arbeiten vollenden kann. 

Ich fürchte, Sie zu beleidigen, wollte ich es wagen, 
Innen eine Anweisung im Betrage auf die Redaktion 
der Wiener Zeitschrift, zahlbar Ende Januar 1847 aus¬ 
zustellen, aber erwähnen muß ich es allerdings, damit 
Sie nicht glauben, ich wolle diese Summe als Geschenk. 
Nach dem Gesagten darf ich Sie wohl nicht erst um 
sofortige Beantwortung dieser Zuschrift ersuchen; wie 
diese Antwort übrigens lauten möge, meine Gesinnung 
für Sie und Ihr Genie bleibt stets dieselbe wie sie war 
und wie ich sie unzählige mal vor ganz Deutschland 
aussprach. 

Mit innigster Verehrung verharrend 

Ihr Lyser M. 

Wien, den 24. Dezember 1846 
nachmittags 3 Uhr. Adresse 
I. P. Lyser wohnt Stadt 
große Schottenstraße Nr. 853. 

5 te Stock Thüre Nr. 16. 

Die in diesem Briefe erwähnte Handver¬ 
letzung, entstanden durch Überfahren durch 
einen Fiaker, hatte Lyser die Bekanntschaft 
eines vortrefflichen Mannes verschafft, des 
Dr. med. Moritz Herzeghy , eines Ungarn aus 
reicher Familie. Er war ein ausgezeichneter 
Arzt und stellte als solcher unsern Freund 
völlig her, außerdem aber ein Mensch von um¬ 
fassender Bildung und schriftstellerisch äußerst 
tätig. Zwischen den beiden begabten und ge¬ 
mütsreichen Männern entwickelte sich bald eine 
ideale Freundschaft (284). Sie zeitigte auch 
insofern einen materiellen Erfolg, als Her- 
zeghy Lyser mit dem reichen Varietebesitzer 
Daum bekannt machte, für dessen «Elysium» 
er köstliche «Faschingszüge» zeichnete und auch 
Dekorationen malte (180). Herzeghy war ein 
glühender Republikaner und zog den Freund, 
der seinem innersten Empfinden nach ebenfalls 
demokratisch gesinnt war, mitten in den Strudel 
der bald erwachenden Revolution. Lyser schrieb 
Aufsätze für die damals erscheinende «Parole» 
(189) und beteiligte sich auch als Kämpfer und 
Krankenpfleger. Sein persönlicher Mut war 
ebenso groß wie sein moralischer; des Sohnes 
eigene Worte lauten (284): 

„Als Schriftsteller hat er nie einer schlechten Sache ‘ 
das Wort geredet, nie der Dummheit Konzessionen ge¬ 
macht und zu keiner Zeit sich gescheut, das Kind beim 
rechten Namen zu nennen. Große Männer, wie Fried¬ 
rich Rückert (mein Taufpate), geniale Naturen, wie 
Heinrich Heine, Robert Schumann und andere wurden 
seine intimen Freunde, aber das gesamte Philisterium, 
Z. f. B. 1906/1907. 



Abb. 35. Idealisiertes Porträt der Frau Leonhardt-Lyser. 
(Lithographie.) Aus „Herbstgabe“, Taschenbuch auf das Jahr 1841 
von Caroline Leonhardt-Lyser. (Meißen, Goedsche.) 


die reaktionären Bureaukraten usw. wurden ihm nach 
1848 feind und außer Julius Campe und J. S. Meyer, 
sowie dem kunstverständigen Buchdrucker Johann 
Friedrich Kayser in Hamburg, fand er später keine 
Verleger mehr.“ 

Zu größeren selbständigen Werken blieb 
Lyser in dieser aufregenden Zeit natürlich wenig 
Muße. Verschiedene Taschenbuch-Erzählungen 
wurden gefertigt und an Kunst-Zeitschriften 
Beiträge geliefert. Aus dem Jahre 1848 ist die 
schön ausgestattete (Abb. 50) Broschüre « Erz¬ 
herzog Johann der Freund des Volkes » (34) 
in hohem Maße bemerkenswert, nicht nur, weil 
Lyser sich darin zum ersten Male als Historiker 
von Befähigung bewährt, sondern weil hier 
auch seine politischen Ansichten unverhüllt dar¬ 
geboten werden. Das Buch dürfte, wie manches 
andere Lysers, kaum mehr auffindbar sein, 
und deshalb mögen einzelne Stellen der Ein¬ 
leitung der Vergessenheit entrissen werden: 

42 










330 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


Es ist ein schöner Traum, daß wir einst dahin ge¬ 
langen können, keines sichtbaren Oberhauptes mehr 
zu bedürfen, das die Gesetze schützt und ein Richter 
ist denjenigen, die sie verletzen. Aber es ist ein Traum, 
mindestens für uns; und unsere Kinder und Enkel 
werden es noch nichterieben, daß dieser schöne Traum 
zur Wirklichkeit wird, weil noch lange Zeit verloren 
gehen dürfte, bis die Masse des Volkes vollkommen 
reif ist für die vollkommenste Regierungsform: die rein 
demokratische. 

Noch ist uns die Monarchie eine Nothwendigkeit , 
und zwar die dy?iastische\ wäre es diese nicht, wäre es 
keine mehr! Sie ist die einzige, welche das Volk heilig 
hält, welche es anerkennt als unverletzlich , solange 
nicht eigene Schuld oder Schwäche der Fürsten ge¬ 
waltsam den frommen Glauben an sie und ihre Würde 
zerstört. 

Die Geschichte nennt uns der Fürsten wenige, die 
es sich zur Aufgabe gestellt haben, ganz ihre hohe 
Sendung zu erfüllen. Zu allen Zeiten gab es Schwäch¬ 
linge und Tyrannen.-Das Volk haßte diese und 

verachtete jene, doch die Idee der Monarchie blieb 
ihm heilig; es fühlte die Nothwendigkeit derselben, wenn 
es sie auch nicht klar erkannte, und wo je ein guter 
Fürst erschien, da wurde er geliebt und verehrt mit 
einer Hingebung, deren nur das Volk als Volk fähig 
ist. Seien wir gerecht! Es ist nicht leicht, ein guter 
Fürst zu sein, und es ist das mit Schuld des Volkes, 
welches nur zu leicht erschlafft, wo es gilt, dem Fürsten 
gegenüber seine Würde zu behaupten. — — Die 
Schuld der Fürsten entspringt nur zu oft aus der Schuld 
der Völker! Das Volk selber ist es, welches dem Ty¬ 
rannen das Schwert schmiedet, womit er es würgt. Wo 
unter solchen Umständen ein wahrhaft edler Fürst er¬ 
scheint, mag immerhin der Freund der Menschheit 
sich erhoben fühlen und gleich jenem griechischen 
Forscher jubelnd sein „Gefunden!“ ausrufen. Und es 
ist ein Fund köstlicher denn jener, welchen der alte 
Forscher that.- 

Der Verfasser dieser Lebensskizze des edlen deut¬ 
schen Fürsten gesteht es offen, daß er mit besonderer 
Liebe und Begeisterung diese Arbeit unternahm. Ein 
so schönes, klares Leben wie Erzherzog Johann es 
lebte, erhebt den, der es betrachtet, erfüllt ihn mit 
Freude und Zuversicht und ermuthigt ihn, selber rüstig 
und unbeirrt weiter zu streben auf der Bahn des Rechts 
und der Wahrheit .“ 

Lyser hat auch selbst in einer anonym er¬ 
schienenen Schrift „Die Wiener Ereignisse . . . 
geschildert von einem Augenzeugen“ (35) die 
ganze Revolutionszeit geschildert. Sie teilte mit 
den andern gefährlich titulierten Werken das 
Schicksal, konfisziert bezw. vernichtet zu werden. 
Lyser wurde nebst allen Ausländern, die sich 
an der Revolution beteiligt hatten, 1851 aus¬ 
gewiesen und ging zunächst nach Dresden, wo 


1 Bericht der Tochter. 



Abb. 36. Aus Hundert und eine Nacht". 

(Meißen 1840. Gödsche.) 

seine früheren Freunde dem Sohne Gustav einen 
Freiplatz in der Freimaurerschule verschafft 
hatten. Des Knaben Erziehung war bei dem 
tauben Vater, dem das Kind schon frühzeitig 
Stab und Stütze hatte sein müssen, arg ver¬ 
nachlässigt worden. Aber Gustav wollte sich 
durchaus nicht von seinem Vater trennen, und 
so zogen denn beide mit Beginn des Jahres 1852 
in Altona ein. 1 

Wie muß dem fast Fünfzigjährigen zumute 
gewesen sein, als ihm die Tore der Stadt sich 
öffneten, in der er eine so schöne, anregende 
Jugend genossen hatte! Nun kam er wieder, 
wie Odysseus, vielduldend und viel verschlagen, 
nicht viel besser als ein Bettler. In der Fremde 
hatte er das Glück erjagen wollen, vorüber¬ 
gehend schien es ihm zu erblühen; aber drei 
der entsetzlichen „vier grauen Weiber“, der 
Mangel, die Not und die Sorge, hatten sich an 
seine Sohlen geheftet: nur die Schuld war ihm 
bis dahin ferngeblieben. 

Die beiden Töchter (die jüngste, Henriette, 
die mit Gustav treu beim Vater in Wien aus¬ 
geharrt hatte, war neun Jahr alt) wurden bei 
der Mutter und deren zweiten Gatten Pierson 
zu arbeitsfreudigen, anspruchslosen Mädchen 
erzogen. Die älteste heiratete 1861; die zweite 
blieb bei ihrem vielfach hartgeprüften Pflege- 













Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


331 



Abb. 37. Beethoven durch die Straßen Wiens gehend. 
Aus dem Taschenbuch „Cacilia“. 

(Hamburg 1833. Hofimann und Campe.) 


vater bis zu dessen Tode 1873, dann später in 
dessen Familie; jetzt lebt sie, rüstigen Geistes, 
in innigem Briefwechsel mit dem amerikanischen 
Bruder stehend, in einem weltvergessenen 
bayerischen Dörfchen. — —- 

Lyser war der dänischen Sprache zwar voll¬ 
kommen mächtig; doch für den Druck hat er 
nie eine dänische Zeile geschrieben. Er blieb 
bis zu seinem Tode ein Kerndeutscher. Doppelt 
schwer mußte er mit dem kleinen Sohne die 
dänische Wirtschaft in seinem Heimatslande 
Schleswig-Holstein empfinden. Der deutsche 
Unterricht in der Schule wurde schmälich ver¬ 
nachlässigt und statt dessen dänisch getrieben. 
Die denkbar schärfste Zensur wurde gehand- 
habt; der erste Abzug jeder Zeitung mußte 
zuerst nach der Polizeidirektion geschickt und 
mit dem Weiterdrucke solange gewartet wer¬ 
den, bis von dort die Erlaubnis kam. 1 Daß 
solche traurige Umstände die Schriftstellerei, 
auf die doch allein angewiesen war, un¬ 
endlich erschwerten, ist verständlich. Das 
„erste Debüt“ nach seiner Rückkehr in den 


Norden war „ De Swienegel als Wettrenner “ (36) 
1853 bei Hofimann und Campe erschienen. 
Er blieb bei den plattdeutschen Märchen und 
veröffentlichte 1855 „ De dree Jungfern un de 
dree Ratshe 7 'rn“ (37). Aber vor Not konnten 
ihn weder der Erlös dieser Büchlein noch seine 
Zeitungsbeiträge (191—197) schützen. Am 
15. Juli 1854 schreibt Heine aus Paris an Julius 
Campe: 2 

-sonst streckt der Hase alle vier Füße von 

sich, wie auf dem allerliebsten Bilde von Lyser, dessen 
Humor von der köstlichsten und wahrsten Art ist. 
Daß für solche Metischen i?i Deutschla?id nichts ge¬ 
schieht, ist empörend. 

Aber es geschah nichts. Der unglückliche 
Mann mußte weiter literarische Frohndienste tun, 
um nicht zu verhungern. Mehrere Broschüren 
musikgeschichtlichen Inhalts (38—40), teilweise 
von wissenschaftlichem Werte, eine hübsche Be¬ 
schreibung der Hamburger Schillerfeier von 
1859 (41) u. a. fielen neben den Beiträgen zu 
den „Jahreszeiten“, dem „Freischütz“, dem 
„Omnibus“ usw. ab. Aber im Jahre 1860 
sollte Lysers Name in aller Munde sein, und es 
ist deshalb unbegreiflich, wie in dem sonst 
doch im ganzen zuverlässigen Brümmerschen 
Dichter-Lexikon (265) und ähnlichen Kompen¬ 
dien das Jahr 1859 als das Todesjahr Lysers 
angegeben werden konnte. 

Allerdings trägt er selbst in gewissem Sinne 
die Schuld daran, und er konnte in den letzten 
Jahren des furchtbarsten Elends mit einigem 
Rechte die Worte des Bettlers aus Raimunds 
„Verschwender“ auf sich anwenden: 

„Durch eigne Schuld bin ich gekränkt!“ 

Als nämlich 1858 Lysers Altonaer und 
Hamburger Freunde verlangten, daß sich die 
beiden Töchter um den tauben, kränklichen 
Vater kümmern sollten, da hat der alte Mann 
dies abgelehnt und sich i 8 $q öffentlich für tot 
aiisgeben lassen. Die Mädchen, die dem Vater 
sicherlich von Herzen gern geholfen hätten, 
bekamen diesen überhaupt nicht mehr zu sehen. 
Im Jahr 1860 aber wurde Lysers Name, wie 
wir bald hören werden, fast täglich von den 
Hamburger und Altonaer Zeitungen genannt; 
sollte Frau Caroline Pierson, die von Brümmer 
als „Gewährsmann“ angeführt wird, niemals ein 
solches Blatt gelesen haben? — 


1 Bericht von Gustav Lyser (284). — 2 Heine, Briefe, 4. Teil Hamburg 1876, S. 344. 


















332 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 



Abb. 38. Holzschnitt aus „De Swienegel als Wettrenner'*. 
(Hamburg 1853, Hoffmann und Campe.) 


Im Jahre 1858 hatte der Komiker Karl 
Schnitze in Gemeinschaft mit einem Herrn Lange 
in dem alten „Joachimsthal“ das St. Pauli Ti¬ 
voli-Theater errichtet und zu einem Volks¬ 
theater ausgestaltet, in dem die plattdeutsche 
Komödie gepflegt wurde. K Th. Gaedertz, dem 
wir die ausgiebigsten Studien darüber ver¬ 
danken und dessen Werk, „Die plattdeutsche 
Komödie im neunzehnten Jahrhundert“ (269) im 
folgenden auch ausschließlich benutzt werden 
muß, mißt diesem Institute eine Berühmtheit 
zu, die über die Grenzen der kleinen nor¬ 
dischen Republik weit hinausgeht. In diesem 
„Karl Schultze-Theater“ erregte im Juni 1860 
eine Parodie der kurz vorher im Hamburger 
Stadttheater aufgeführten Meyerbeerschen Oper 
„Dinorah oder die Wallfahrt nach Ploermel“, 
die sich „Linorah oder die Wallfahrt nach der 
Ölmühle “ (42) betitelte, ein geradezu sensatio¬ 
nelles Aufsehen. Der Verfasser war kein an¬ 
derer als unser Lyser. Gaedertz erzählt: 

Lyser, dem selbst seine Feinde weder Originalität 
noch Genialität abstreiten können, befolgte Goethes 
Spruch „Greift nur hinein ins volle Menschenleben“ 
aufs äußerste. Es war ein kühner Griff, von dem wir 
nicht behaupten wollen, daß er nicht hart an die Gren¬ 
zen des ästhetisch Schönen und theatralisch Erlaubten 
streife. Doch Lyser kannte seine Pappenheimer. Bei 
der ersten Vorstellung wußte das Publikum nicht, wie 
es das Gebotene aufnehmen sollte. Es war verblüfft, 
es erstaunte unbewußt über die Keckheit, mit welcher 

1 Muß „Lotz“ heißen. 


ihm hier eine neue Speise aufgetischt war. Sollte es 
sich ärgern und sein Mißfallen zu erkennen geben? 
Nein, dazu hatte es sich zu gut amüsiert. Sollte es 
applaudieren? Nein, dazu hatte es sich wieder zu sehr 
geärgert. Es verzog sich also ganz ruhig, und Karl 
Schultze, dem das Herz nicht wenig geklopft haben 
mag, sagte zu seinem damaligen technischen Leiter, 
Herrn Ferdinand Barte: „Morgen gevt wi dat Stück 
wedder.“ Er gab es morgen, gab es übermorgen und 
überübermorgen usw., und so vergingen wenige Wochen, 
bis Linorah zum Benefiz des Melkmann Clas zum fünf¬ 
zigsten Male bei ausverkauftem Hause gespielt wurde. 

Gaedertz gibt dann weiter eine genaue In¬ 
haltsangabe der lustigen, im Buchhandel völlig 
unauffindbaren Parodie mit ausgiebigen wört¬ 
lichen Zitaten. Drei Worte des Stückes: „Wo 
kann’t angahn!“ sind in Hamburg sprich¬ 
wörtlich geworden, und Lyser nimmt die Autor¬ 
schaft derselben auf das entschiedenste in An¬ 
spruch. Da Karl Schnitze dasselbe tat, so 
entspann sich ein lebhafter Federkrieg zwischen 
den beiden. Lyser ließ sein Werk, das bis 
dahin nur Manuskript war, drucken; innerhalb 
von drei Tagen waren die 2000 Exemplare 
vergriffen , ein wohl ziemlich einzig dastehen¬ 
der buchhändlerischer Erfolg; ein gleicher wurde 
dem durch eine neue Vorrede vermehrten Neu¬ 
druck (42 a) zuteil. In beiden Vorreden be¬ 
klagt sich Lyser, daß man ihm sein Eigentum 
rauben wolle. Denn sein Name war auf dem 
Theaterzettel nicht genannt worden; dann, als 
das Publikum ungeduldig den Namen des 
Autors verlangte, hatte Schultze zuerst die 
Frechheit, sich selbst als Verfasser der „Linorah“ 
zu bezeichnen; und erst auf Lysers Beschwerde 
hin bequemte er sich, als „Mitverfasser“ zu 
gelten. Die eignen Worte des Dichters, der sein 
Werk nicht zur gemeinen Farce herabgewürdigt 
wissen wollte, lauten : 

Das Publikum Hamburgs kennt mich seit 32 Jahren 
als Schriftsteller, denn im Jahre 1828 erschienen meine 
ersten literarischen Arbeiten in der von dem verstor¬ 
benen Dr. Pappe herausgegebenen Zeitschrift „Lese¬ 
früchte* 1 , sowie in den „Originalien“ von Georg Loz. 1 
Diese Arbeiten, so schwach sie immer waren, erwarben 
mir die Theilnahme eines Zimmermann, Bärmann, Le- 
wald, Heinrich Heine, Maltitz und anderer damals in 
Hamburg lebender geschätzter Schriftsteller. Das 
Hamburger Publikum, dem das, was ich später schrieb, 
nicht unbekannt ist, wird mir Zutrauen, daß es mir 
nicht einfallen kann, mich mit fremden Federn zu 
schmücken, allein ich finde auch keine Veranlassung, 
so ohne weiteres was ich geschrieben habe, für das 
Geisteserzeugnis eines andern ausposaunen zu lassen. 
Wie schlecht sich’s mit seinen eige 7 ien geistigen Kälbern 













Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


333 


pflügt, erfuhr Herr K. Schultze gelegentlich der ersten 
und letzten Aufführung seiner Lokalposse „Hamburger 
Kinder“. Er begnüge sich daher gütigst mit dem pe¬ 
kuniären Gewinn, welchen ihm meine fünfzigmal ge¬ 
gebene Linorah brachte, und dem Bewußtsein, sie mit 
5 Mark Kurant honorirt zu haben. 

Diese schriftstellerisch ebenso gewandte wie 
den Stempel der Wahrhaftigkeit an sich tragende 
Abfertigung des dreisten Fälschers hatte für 
Lyser nur einen ideellen Erfolg. Während das 
Publikum Tag für Tag sein Geistesprodukt be¬ 
jubelte, blieb es bei den 5 Mark Kurant als seinem 
Totalhonorar. — — 

Und nun brach die trübste Zeit in des 
Ärmsten Leben an. Schon oftmals hatte er 
dem dürren Gespenst, Hunger geheißen, mutig 
ins Auge geblickt; immer wieder hatte ihn seine 
nie versagende Arbeitskraft in den Stand ge¬ 
setzt, den Dämon zu verscheuchen. Aber jetzt 
wurde dies schwer und schwerer. Er war alt 
geworden und sein früher widerstandsfähiger 
Körper siech und hinfällig. Nur der unbeschreib¬ 
lich ausdrucksvolle Gesichtsausdruck war ge¬ 
blieben und das schöne volle Haupthaar, wenn 
es auch schlohweiß geworden war. Einsam 
verflossen die Tage des Alten, denn auch der 
Sohn hatte den Vater verlassen und sich seinen 
Unterhalt selbst suchen müssen. Er lernte in 
der Kayserschen Druckerei die Schriftsetzerei, 
betätigte sich selbst als Schriftsteller 1 und war 
eine Zeitlang Schauspieler. Sah sich der Greis 
auch häufig genug genötigt, die Mildtätigkeit 
Fremder in Anspruch zu nehmen, so tat er 
dies doch in würdiger Art. Ein im Oktober 
1863 an Heinrich Zeise gerichteter Brief er¬ 
läutere die gewählte Form, die von einer kriechen¬ 
den Demütigung nichts erkennen läßt (296): 

Verehrter Herr! Sie kennen mich vielleicht kaum 
dem Namen nach, ich Sie persönlich gar nicht. Aber 
Ihren guten Vater kannte ich, und weiß sehr wohl zu 
würdigen, was er wirkte für die Wissenschaft und für 
das Leben seiner Mitmenschen. 

Und da ich voraussetze, daß, wie ein altes gutes 
deutsches Sprichwort sagt: „der Apfel nicht weit vom 
Stamme falle“, so wage ich in Gottes Namen die An¬ 
frage an Sie zu richten, ob Sie einem alten Bruder in 
Apollo, der sich augenblicklich in der allerpeinlichsten 
Verlegenheit befindet, helfen können und wollen, damit 
er im Stande ist, eine bestellte Arbeit pünktlich abzu¬ 
liefern ? 

Ihr Vater hat mir in meinen Jünglingsjahren man¬ 
ches Gute erwiesen. Es sollte mich freuen, dürft’ ich 



Abb. 39. Karikatur nach Horace Vernet aus „Der fahrende 
Münchhausen“. (Meißen 1840, Goedsche.) 


mir selber sagen, der Sohn hatte das Herz seines Alten. 
Ich schäme mich nicht, einem guten Menschen für mir 
bewiesenes Gutes zu danken, umsoweniger, als ich 
die vielen, welche mein Unglück — (ich bin seit 33 
Jahren stocktaub) — ausbeuteten, jemals gehaßt habe, 
wieviel Böses sie mir auch zufügten; ich konnte sie 
eben nur bemitleiden, weil sie mein Vertrauen auf die 
Menschheit mißbraucht hatten, eingedenk der Lehren, 
die mir Goethe gab. 2 — — 

Diese Zuschrift zeigt Ihnen: daß ich seitdem das 
Vertrauen auf gute Menschen noch nicht verloren habe, 
obgleich die Dummen seit zwölf Jahren hier ihr mög¬ 
lichstes thaten, um mich herunterzubringen, und um es 
zu verhindern, daß hier in meinem Vaterlande mein 
Talent jene Anerkennung fände, deren es sich allerdings 
in Wien und Paris, wo von meinen musikalischen 
Schriften die Rede ist, noch heute erfreut. — Das 
letztere (nämlich zu verhindern, daß ich hier bekannt 
würde — man hat mich hier, mit meinem Freund 
Heine zu reden, systematisch todtgeschwiegen), ist den 
Leuten gelungen, das erstere wird ihnen nie gelingen! 
Ich bin zu sehr Egoist, um mich herunterbringen zu 
lassen, und kein Mensch soll einmal das Recht haben 
zu sagen: „Der Vetter Beethovens hat geendet wie der 
Neffe Rameaus.“ Können und wollen Sie mir helfen, 
so geben Sie meinem Boten die Antwort mit. 

Ein Tagebuch Lysers (vom 1. Juli 1867 bis 
8. März 1869) hat sich erhalten und ist 1888 
in der „Deutschen Schriftsteller-Zeitung“ (151) 
veröffentlicht worden. Ein Meer blutiger Tränen! 
Und doch dabei welch gelenke Arbeitskraft! 
Gedichte, Romane, Novellen, Dramen, Lust- 


1 Er verfaßte u. a. mehrere mit Beifall aufgeführte Theaterstücke und ging 1874 nach Amerika. 

2 Hier folgen die oben zitierten Worte Goethes. 







334 


Hirschherg, Johann Peter Lyser. 


spiele, Possen, Soloscherze, Bilder aller Art, 
Leitartikel — man überfliege nur einmal die 
Nummern 199—258 der Bibliographie — wech¬ 
seln mit literarischer Handlangerarbeit, die vor 
nichts zurückscheute, sofern die Sache nur nicht 
unehrenhaft zvar (153). Dazwischen porträtiert 
der alte Mann bald die neugeborenen Zwillinge 
seiner Freunde, bald das Fräulein in der Theater¬ 
kneipe, um einige Schillinge 1 herauszuschlagen. 
Betrogen und verlassen, aber von einem be¬ 
wundernswerten moralischen Mut aufrecht er¬ 
halten, vermochte er mit der angestrengtesten 
Arbeit kaum so viel zu erringen, um nicht 
buchstäblich zu verhungern; denn was er ver¬ 
diente, reichte zur äußersten Not gerade dazu, 
nicht auch nur zum geringsten darüber hinaus. 
Mit zerrissenen Kleidern und Schuhen schwankt 
er auf den Straßen umher, um das, was er 
mühsam ersonnen und niedergeschrieben, für 
wenige Pfennige wegzugeben. Bei solchen 
Wanderungen begegnet er öfters alten Bekann¬ 
ten, die er viele, viele Jahre nicht gesehen hat; 
er erkennt sie und schleicht weiter. 

„Ich habe den Mut zu leben, solange ich noch 
muß!“ schreibt er am 27. Juli 1867 in sein 
Tagebuch. Ein Heroismus sondergleichen 
gehörte dazu, wenn man folgendes liest: 

26. Juli 18/6. „Der liebe Gott verläßt keinen 
dummen Deutschen“ — will sich das auch an mir be¬ 
währen? — Bei einer Tasse 
miserablem Kaffee ohne Zucker 
und Rum — unsere verfälschte 
Milch verabscheue ich — und 
einer Pfeife Sechslingstabak 
schrieb ich die ersten drei 
Szenen zum „Paul Jonas“, 
brachte sie zu Dannenberg und 
erhielt wider mein Erwarten 4 
Schilling, konnte mich also in 
Brot und Schafkäse satt essen. 

Wolkenbruchartiger Regen! 

Donner und Blitz. In dem 
scheußlichen, fußtiefen Morast, 
der seit Wochen alle Straßen 
bedeckt, sind meine armen 
Schuhe beinahe gänzlich zu¬ 
grundegegangen. Macht „Paris 
und Mexiko“ Glück, so muß 
Dannenberg mit einem neuen 
Paar aushelfen. Als ich zu 
Hause kam, war meine Wirthin 
ausgegangen, und ich mußte 
eine Stunde warten, bis ich in 


mein Logement gelangen konnte; ich legte mich dann 
gleich auf meinen Strohsack. 

13. Januar 1868. Ich konnte den ganzen Tag nicht 
arbeiten. Thau- und Sauwetter. Gehungert Abends 
den Frühlingsprolog geschrieben. 

/7. Januar 186S. Gestern Nacht um 12 Uhr be¬ 
endete ich die Elena. Gottlob! daß ich damit zustande 
gekommen bin! Es soll das Letzte gewesen sein, was 
ich für Scherff geschrieben. Ich schrieb an den alten 
Scherfif und gab Brief und Manuskript der Elena der 
alten Hexe zur Besorgung. Für 1 Schilling ein Fein 
brot gekauft, das hübsche Bäckermädchen schenkte 
mir noch einen Schillingsstollen dazu. — Gott im 
Himmel (wie die Frommen zu sagen pflegen) sei ge¬ 
lobt! Der alte Scherff hat für den Schluß der Elena 
meine fällige Monatsmiete diesmal noch bezahlt, ob 
mehr? weiß ich nicht, denn meine „verwunschene Prin¬ 
zessin“ kam wieder angesoffen nach Hause, gab mir 
aber ein Schwarzbrot zu 2 Schilling für 1 Schilling, Leber¬ 
wurst und 1 Schilling bar zu Kümmel, wovon ich ihr 
natürlich sofort ihr Glas, „voll bis zum Lberschnappen“, 
verabreichte. Jetzt kocht sie Kaffee, wenn ich den 
getrunken habe, werde ich zu Bette gehen, denn Prin¬ 
zessin Tulipane mit dem Höcker kann sich kaum auf 
den Beinen halten! Sie nimmt sich mit ihrer feuerroth 
gesoffenen Nase aus, wie der „im Irrgarten der Liebe 
umhertaumelnde Kavalier“. 

30. April 1S69. Mein kleiner lieber Otto Wörris- 
hofer ist diesen Morgen auf dem Schoße seiner Gro߬ 
mutter an den Folgen des Typhus sanft entschlafen. 

Eh Du die Qual und die Lust 

Noch dieses Lebens erkannt, — 

Eh sich verrathene Liebe 

Zum bittersten Hohn Dir gewandelt im Herzen, 



1 I Schilling = 7 fl 2 Pfennig. 


Abb. 40. Der Buchladen von Hoffmann und Campe. Aus „Benjamin“. 
(Hamburg; 1830, Hoffmann und Campe) 












































































































































Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


335 


Eh Dir der Glaube entschwand, 

Ach! und nichts groß mehr erschien, 

Glückliches Kind! — gingst Du heim. 

Und dennoch wein ich um Dich. 

So enthüllen diese Tagebuch-Bruchstücke 
außer dem materiellen Elend noch schweres 
häusliches Leid und geben den täglichen Bitter¬ 
keiten und Enttäuschungen eines Menschen 
Ausdruck, der von den schlechtesten Subjekten 
abhängig ist. 

Die Einzelheiten von Lysers letzten Tagen 
und seinem Tode sind grauenvoll. 1 Der Un¬ 
glückliche ist buchstäblich verhungert und er¬ 
froren. In seiner Krankheit hatte man ihm alle 
Kleidungsstücke gestohlen, so daß er nur noch 
eine zerlumpte Pferdedecke besaß. Als die 
Nachbarn der Polizei von dem Zustande, in 
dem sich der sterbende Lyser befand, Nach¬ 
richt gegeben hatten, da wurde er im Tragkorb 
ins Krankenhaus geschafft. Mit Händen und 
Füßen sträubte er sich dagegen: sogar an den 
Thürpfosten klammerte er sich, aus Furcht, 
nach seinem Tode seziert zu werden! Aber er 
ist diesem Lose nicht entgangen und im platten 
Sarge beerdigt worden. 

Den Tag seines Todes kennt man nicht; 
sein Todesjahr war 1870, das hundertste Ge¬ 
burtsjahr dessen, dem er in seinem Lebens¬ 
schicksal so ähnelte — Ludwig van Beethovens. 


Und so falle der Vorhang über dem er¬ 
schütternden Trauerspiel! Der stillen Tränen, 
die Ihr dem armen tauben Maler nachweint, 
braucht Ihr Euch nicht zu schämen. Ein Mensch 
ist er gewesen, dem nichts Menschliches fremd 
war, der sich in allem Unglück noch immer 
etwas von den Idealen des Lebens bewahrt 
hatte. Und nirgends hat er dieser seiner Ge¬ 
sinnung schöner Ausdruck gegeben, als in dem 
„Fresko-Sonett“, das er zu dem „Hansa-Album“ 
(115) beigesteuert hat: 

Ob mir entschwand die ros’ge Jugendzeit, 

Ist mir die Jugend dennoch treu geblieben. 

Ja, ich vermag es noch, wie sonst zu lieben, 
Empfinde noch wie früher Lust und Leid! — 

Und noch wie sonst bin ich zum Kampf bereit! — 
Ob mich das Schicksal rauh umhergetrieben: 

Was ich gedacht, gesungen und geschrieben, 

Frisch blieb’s und trotzet der Vergänglichkeit. 

Warum das wohl? — so manchen seh’ ich alt, 

Der doch viel jünger ist, denn ich, an Jahren, 

Und weniger des Wehs als ich erfahren. 

Ich rühme mich der schaffenden Gewalt, 

Des jugendliche7i Sinns für edle Thaten, 

Weil ich die Jugend nimmer feil verrathen. 

Einige Bemerkungen über Lysers Werke. 

Es ist schwer, die Werke so vielseitiger 
Künstler, wie Lyser es ist, im Zusammenhänge 

zu betrachten; man muß 
da eine Sonderung ein- 
treten lassen. Andrer¬ 
seits ergänzen sich die 
verschiedenen Künste in 
diesen Werken wieder so 
sehr und fließen so un¬ 
merklich in einander, daß 
man leicht in die Gefahr 
eines zu großen Schema- 
tisierens kommt. Was 
bisher über Lyser gesagt 
und geschrieben worden 
ist, bewegt sich in ziem¬ 
lich allgemeinen Äuße¬ 
rungen, da es, wenn 
man sich nicht speziell 
mit der Sammlung der 
Lyseriana befaßt, unmög¬ 
lich ist, außer ein paar 


1 Mitgeteilt in No. 296 der Bibliographie. 



Abb. 41. Das ,, B an d e 1 -T e r z e 11 “ von Mozart. (Lithographie.) 



















336 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 



„Rest-Artikeln“, die mit der Bezeichnung „ver¬ 
griffen und selten“ die Augen von Katalog¬ 
lesern blenden sollen, nennenswertes von seinen 
Werken zu erhalten. Auch meine Sammlung ist 
trotz heißesten Bemühens noch immer nicht 
komplett, dürfte aber jedenfalls die vollständigste 
jetzt existierende sein. Und wenn ich mir nun 
erlaube, einige Beurteilungen der Biographie 
hinzuzufügen, so kann ich mit gutem Gewissen 
sagen, daß ich Alles, was mir nur irgend zu¬ 
gänglich war, auch eingehend studiert habe. 

Beginnen wir mit dem Poeten Lyser. H. 
Kurz (282), dem offenbar nur die „Lieder eines 
wandernden Malers“ Vorgelegen haben, rühmt 
ihm „Lebendigkeit, Frische und Wärme“ nach. 
Die kleinen Proben, die wir im ersten Teil 
dieser Arbeit gegeben haben, dürften diese 
Ansicht bestätigen. Im ganzen scheint mir 
Lysers poetische Begabung weit weniger in dem 
gereimten Gedichte zu liegen als vielmehr in 
der freien, bardenartigen Improvisation. So er¬ 
hebt sich die bereits mitgeteilte Ode „Seumes 
Grab“ stellenweise zu wirklicher Größe des 
Ausdrucks; und auch das einfache, im Tage¬ 
buch enthaltene „Kindertodtenlied“ (wenn man 
es so bezeichnen darf) mutet durch Schlichtheit 
der Empfindung und Sprache ungemein an. 
Am glücklichsten ist der Poet da, wo er ganz 
einfache „malerische“ Stimmungen schildert 
oder wo ihm die direkte Mitwirkung der Musik 


vorschwebt. In erster Hinsicht dürfte z. B. „Das 
Dorfkirchlein“ von Bedeutung sein: 

Friedhof still und Kirchlein hell, 

I nter Ulm und Weiden. — 

Wenn ich einmal schlafen will, 

Sollet ihr das Bettlein kühl 
Mir daselbst bereiten. 

Hab’ das Plätzchen schon gewählt, 

Bei dem Rittersteine, 

Wo, von Abendgluth bestrahlt 
Kirch’ und Friedhof ich gemalt 
Einsam und alleine. 

Will dafür ein frommes Bild 
Auch dem Kirchlein malen, 

Und die Maid, die’s Herz mir füllt, 

Soll, so lieb sie ist und mild, 

Drauf als Heil’ge strahlen. 

Als „musikalische Poesie“ könnte das Ge¬ 
dicht „Neue Wanderschaft“ bezeichnet werden, 
das höchst anmutig mit einem kleinen Solo 
des Waldvögeleins beginnt, worauf ein T'utti 
der Waldbäume, Quellen, Blumen, Vögel und 
Winde einsetzt, das sich dann von neuem 
in Einzelstimmen sondert. Um die Romantik, 
die ohne Tiecksche Waldhörner ja gar nicht 
zu denken ist, voll zum Ausdruck zu bringen, 
setzen solche vor dem Schlußchor freudig ru¬ 
fend ein. Interessant dürfte es sein, zu erfahren, 
daß Lyser auch das reizende Ständchen aus 
Shakespeares „Cymbeline“ frei übersetzt und 
mit zwei neuen Strophen versehen hat. Dies 
mögen sich alle Sänger der herrlichen Schu- 
bertschen Komposition, die sich bis jetzt mit 
den abscheulichen Worten eines gewissen Reil 



Abb. 43. Titelbild (Lithographie) zu ,, D e u t s ch 1 an d und 
Johannes Ronge“. Leipzig 1845. 

(ln Kommission bei E. Pönicke und Sohn.) 












Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


3 37 



Donna Diana 

DonCäriar Vcrlohi*eji bin ich'. falViuhnuch mellt sclmell 

Abb. 44. Aus „Umrisse nach Darstellungen von Emil Devrient“, 
Steinzeichnung. O. O. u. J. 


behelfen mußten, merken. — 

Daß Lyser, der der Poesie 
der Volkssagen und -Märchen 
ja so nahe gestanden hat, 
auch manche schöne Gabe auf 
dem Gebiete der Ballade spen¬ 
det, kann nicht weiter Wunder 
nehmen. Die beste Leistung 
dieser Art dürfte die nach 
einer Volkssage auf Rügen ge¬ 
dichtete Ballade „Das Schwa- 
nenmädchen“ (146 b) sein, in 
der mit ungewöhnlicher Kunst 
und sicherster Empfindung 
der Volkston getroffen ist: 

In der stillen Bai! — in der stillen 
Bai 

Schwimmen sieben Schwäne, 
weiß wie Schnee, 

Schwimmen her und hin, und 
die Meeresfei 
Trägt im Herzen, ach! so tiefes Weh. — 

Weil die Schwäne ihre Töchter sind — 

Und sie weint, daß ein geliebtes Kind 
In des Glücks, der Liebe Vollgenuß 
Grausen Todes Beute werden muß. 

Wenn es Zwölfe schlägt! wenn es Zwölfe schlägt, 

In der heil’gen, gottgeweihten Nacht, 

Auf der Spiegelfluth sich kein Weilchen regt, 

Still am Himmel strahlt der Sterne Pracht: 

Heben, wie ein leichter Nebelflor — 

Sich die Schwäne aus der Bai empor! 

Und sie fliegen übers blaue Meer, 

Süße Weisen singend, hin und her . . . 

Zu erwähnen ist noch, daß in dem ab¬ 
wechslungsreichen Taschenbuch „Cäcilia“ (8) 
sich der Text zu einem Oratorium „Kain“ nach 
Lord Byron und einer großen Oper „Hamlet“ 
findet. Das erste ist dem damals gefeierten 
Komponisten des „Weltgericht“, Friedrich 
Schneider, als „Versuch zur Begründung eines 
freien Oratoriums für den Concertsaal“ gewidmet, 
und es kann wohl keinen Zweifel unterliegen, 
daß Robert Schumann bei seinen späteren 
Meisterschöpfungen auf gleichem Gebiete vieles 
aus früheren Beratungen über diesen Gegen¬ 
stand mit Lyser verwertet hat. 

Die Hauptbedeutung Lysers dürfte in seiner 
starken Begabung als Märchen- und Sagen- 
erzählerY\e.gtn. Nicht alle die zahlreichen Werke 
aus diesem Gebiete sind gleichwertig; vieles 
Schwache läuft im Beginn unter und die Dar¬ 
stellung ist im Anfänge vielfach salopp. Das 
Z. f. B. 1906/1907. 


wichtigste Werk aus seiner ersten Schafifens- 
periode ist das „BucIl vom Rübezahl“ (n), 
eine vollständige, 16 Nummern umfassende 
Sammlung aller Volksmärchen aus dem Riesen¬ 
gebirge. Sprache und Darstellung verrät zwar 
auch hier noch den Anfänger; der Kern dieser 
Poesie ist aber von dem Autor schon voll er¬ 
faßt worden. Ein Arsenal von Unwahrschein¬ 
lichkeiten und Geisterspuk reicht nicht hin, ein 
Märchen zu bilden; ein tiefer, ernster Sinn muß 
zugrunde liegen. Und daß dieser nicht fehle, 
danach hat Lyser gestrebt. Das Titelbild, das 
er zu dem Büchlein gezeichnet und bei dessen 
Entwurf zweifellos Heines „Harzreise“ Modell 
gestanden hat (vergl. Seite 311), verrät uns, 
wie Lyser erzählen will: 

Könntest du dir nun einbilden, mein gnädiger 
Leser! oder du, o holde Leserin! Du säßest, wie der 
wandernde Maler Johannes Lyser, in einer schlesischen 
Baude ein paar tausend Fuß hoch über dem Thalboden! 
— ringsum alles eingeschneit — und der Sturm wild 
sausend über die kahle Bergeshöh. Aber in der Stube 
ist’s warm und traulich, und ein liebes blondes Kind 
mit klugen blauen Augen erzählt soeben: das erste 
Märchen. 

Das kurz vor dem „Rübezahl“ entstandene 
„Buch der Mährchen für Töchter und Söhne ge¬ 
bildeter Stände“ ' (1 o) darf nicht unerwähnt 
bleiben, weil sich zwei wunderhübsch erzählte, 
augenscheinlich selbst erfundene Märchen darin 
finden. Das eine, „Fiedel-Hänschen“ geheißen, 
ist ganz in poetisch-musikalische Schwärmerei 

43 


















338 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


getaucht;, noch nach vielen Jahren hat sich 
Lyser in seiner Novelle „Männeli Schaper“ 
(123) mit Genugtuung an dieses Jugend¬ 
werk erinnert. Das andere ist mehr eine Le¬ 
gende; es heißt „Das Bild des Herrn“ und 
erzählt einfach und ergreifend die Geschichte 
eines Malers, der in der Einfalt seiner frommen 
Jugend ein Christusbild malt, dann aber, nachdem 
er ein berühmter und gefeierter Künstler gewor¬ 
den, die Pfade Gottes verläßt, endlich, an Kör¬ 
per und Geist gebrochen, zurückkehrt und vor 
diesem Jugendbildnis den ewigen Frieden findet. 
Hier sind viele autobiographische Züge einge¬ 
woben; der Maler selbst trägt den Namen Benja¬ 
min, wie der bereits erwähnte Roman aus dem 
Jahre 1830(2). Auch aus diesem sehr seltenen 
Büchlein geben wir eine Reproduktion, das 
„Fiedel-Hänschen“ (Abb. 2). 

Die in den Jahren 1838/1839 erschienene 
15- (eigentlich 30-)bändige Märchen- und Sagen- 
Sammlung ,,Abendländische Tausend und eine 
Nacht“ (26) sowie ihre 1840 herausgekommene 
Fortsetzung „ Einhundert und eine Nacht“ (29) 
in vier Bänden sind der beste Beweis für den 
ungeheuren Fleiß Lysers, aber auch für seine 
im Laufe der Jahre gewonnenen Kenntnisse der 
Volkskunde. Im Vorwort betont der Verfasser, 
daß die morgenländischen Märchen der 1001 
Nacht, die E. T. A. Hoffmann „das ewige 
Buch“ nannte, bis heute noch nichts von ihrer 
Jugendfrische und ihrem eigentümlichen Reize 
eingebüßt hätten. Für das Abendland exi¬ 
stiere noch keine ähnliche Sammlung, und es 
sei schwer zu verstehen, warum diesem offen¬ 
bar zugestandenen Mangel noch nicht Rech¬ 
nung getragen worden sei. Deutschland, die 
Schweiz, Frankreich, Holland, Italien, Spa¬ 
nien, Portugal, Ungarn, England, Schottland, 
Irland, Rußland, Schweden und Dänemark bie¬ 
ten eine Fülle von Märchen und Sagen dar; 
sie alle liefern Lyser den Stoff. — Man weiß, 
wie geschickt die orientalische Sammlung ver¬ 
knüpft ist, wie uns das Schicksal Scheheraza- 
dens nicht minder interessiert als die Erzählungen 
selbst. Auch Lyser versucht es, durch eine 
Originalnovelle die einzelnen Stücke zweckmäßig 
zu verbinden. Zwei Freunde gelangen in die 
Wohnung eines Freiherrn von Runsitten, der 
auf einem weltentlegenen Ostseeschlosse mit 
seiner Gattin, einer lieblichen Tochter und dem 
Schloßkaplan ein einsames, durch Schwermut 


getrübtes Leben führt. Die Freunde, deren 
einer Maler ist, haben die Länder durchstreift, 
um Märchen und Sagen zu sammeln, und sie 
bringen reiche Beute mit. Dazu kommt, daß 
der Freiherr selbst kürzlich eine große Bibliothek 
geerbt hat; alle finden Geschmack an solchen 
nächtlichen Unterhaltungen, die quantitativ sehr 
verschieden ausfallen; bald der, bald jener nimmt 
das Wort, und durch die reizvolle Abwechselung 
beginnt der Trübsinn des Schloßherrn sich zu 
verlieren. „Man muß gestehen“ — so sagt der 
Kritiker des Dullerschen „Phönix“ (288) — 
„daß der Sammler hier glücklich erfunden hat; 
in einer stillen, schaurigen Gegend, auf einem 
alten abgelegenen Schlosse ist das abendlän¬ 
dische Märchen ebenso zu Hause als das per¬ 
sische am Hof eines prachtliebenden Schah, 
in dem phantastisch geschmückten Gemach, 
oder das arabische vor dem Zelte des Beduinen, 
wenn die zuhorchenden Freunde stumm mit 
untergeschlagenen Beinen im Kreise umher¬ 
sitzen.“ So ziehen nun mehrere hundert Mähren 
vor uns vorüber, sorgfältig ausgewählt und 
bearbeitet, bisweilen wörtlich von andern über¬ 
nommen; „Das kalte Herz“ von Hauff, „Stumme 
Liebe“ von Musäus, „Ignaz Denner“ von Hofif- 
mann u. a. m. fehlen nicht. Mit Absicht sind 
auch neuere Sagen nicht fortgelassen worden, 
da Lyser sehr richtig darauf hin weist, daß 
sehr viele ältere Sagen durchaus keinen Wert 
haben, wogegen einzelne moderne existieren, 
die es recht eigentlich verdienen, in das Volk 
überzugehen. 

Das Werk erfuhr durchweg nur günstige 
Beurteilungen und wurde von jung und alt ver¬ 
schlungen. Bald war alles vergriffen; unbegreif¬ 
licherweise erschien aber keine neue Auflage. 
So gehörte das vollständige Werk bald zu den 
Seltenheiten. Zu diesem Punkte ist ein Brief 
Theodor Storms an Heinrich Zeise (296) vom 
4. April 1888 nicht ohne Interesse: 

Den alten J. P. Lyser, einen kleinen Mann mit 
großem Kopf und schlohweißem, vollen Haupthaar, 
augenscheinlich verarmt, traf ich vor zirka 20 (etwas 
mehr oder weniger) Jahren in Altona. Ich frug Lyser, 
der mit Ihnen das Übel fast völliger Taubheit theilte, 
nach seinen „Abendländische tausend und eine Nacht“, 
die ich einmal in Händen gehabt, und aus denen „Der 
Schatten des Grafen“ mir im Gedächtniß geblieben 
war. Er wußte selbst nicht, wo es noch zu bekommen 
sei, und erst vor drei Jahren, trotz Aufruf im Buch¬ 
händler-Börsenblatt, habe ich durch einen Buchhändler 





Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


339 


in Stuttgart das fünfbändige (!) Werkchen aufgejagt. 
Die spätere kleine Sammlung von Lyser „Einhundert 
und eine Nacht“, die nicht so vergriffen ist, enthält be¬ 
sonders interessante Sachen, so die Sage vom „Wehr¬ 
wolf“ von Lyser selbst und die Sage vom „Giftfresser 
Teuscher in Leipzig“ 1 von demselben. Als ich Lyser 
sah, lebte er mit einem Sohn in Armuth in einer Dach¬ 
kammer und fertigte für das Theater auf dem Ham¬ 
burger Berg Schauspiele für 5 Thaler Honorar, so eins: 
„Die Ermordung Lincolns“. Der Arme, nun schläft 
er wohl längst den Schlaf ohn’ Träume und Erwachen. 

Der Bilderschmuck der reizenden Sammlung 
ist ein mannigfaltiger und teilweise auch vor¬ 
trefflicher. So vor allem die beiden alle¬ 
gorischen Umschläge, die fast immer fehlen 
und die wir deshalb hier in Reproduktion 
geben (Abb. 19 und 20). Sie sind, wie Lyser 
im Vorwort sich äußert, ein „Räthsel, dessen 
Deutung der Zeichner den geehrten Lesern 
einstweilen überläßt und sie freundlich einladet, 
selbe zu versuchen und an die Verlagsbuch¬ 
handlung einzusenden“ Am Schlüsse des 
Werkes sollten die drei der Idee des Zeichners 
am nächsten kommenden Auflösungen mit ab¬ 
gedruckt werden, sowie des Verfassers eigne Deu¬ 
tung; beides ist unterblieben. Unter den 30 
Lithographien heben wir als besonders gelungen 
hervor: die beiden Korallenschnuren, der Kla- 
botermann (Abb. 22), Hamlet, Schneewittchen 
(Abb. 18), das Käthchen von Heilbronn, das 
Katzenreich, Romeo und Julia, Meister Puck 
(Abb. 16), der gestiefelte Kater (Abb. 21), 
Lureley, Sigismund von Pohlen, die Schwanen- 
burg bei Cleve, Kapitän Grog, Dummdusel und 
Klugspitz, die Maehr vom Ratskeller in Bremen, 
die Braut. Am Schluß jedes Bändchens finden 
sich Nachweisungen über die Herkunft der darin 
enthaltenen Stücke. 

Wenden wir uns Lysers Arbeiten auf dem 
Gebiete des Romans und der Novelle bezw. 
Humoreske zu, so müssen wir allerdings sagen, 
daß sein allererstes Werk, der schon mehrfach 
erwähnte komische Roman „Benjamin“ (2), auch 
sein bestes ist. Wenn wir von den vielfachen 
stilistischen Schwächen, die lediglich auf Rech¬ 
nung der Jugend des Verfassers zu setzen sind, 
absehen, so haben wir in diesem „Roman aus 
der Mappe eines tauben Malers“ ein Werk vor 
uns, das auf eine bedeutende literarische Zu¬ 
kunft vernehmlich hinweist. Es ist dieser Ro¬ 


man auch nur ein Fragment; ein zweiter Teil 
ist dem ersten nie gefolgt. Aber selbst dieses 
Bruchstück zeigt einen beträchtlichen Grad von 
richtiger Beobachtungsgabe, lebenswarme Schil¬ 
derungen und einen ausgesprochenen Sinn für 
Humor. Gestalten wie der Herr Fürchtegott 
Dünnbein, wohlbestallter Stadtschreiber zu 
Dummburg, und der frühere Heldenspieler und 
jetzige Kneipwirt Strutzel können kaum lebens¬ 
wahrer gezeichnet sein, während der Held selbst 
ein wohlgelungenes Selbstporträt darstellt. Daß 
Lyser späterhin niemals mehr der größeren 
Form des komischen Romans sich zuwenden, 
sondern sein ausgesprochenes Talent in kleineren 
Stücken gewissermaßen verzetteln mußte, ist 
aufs höchste zu bedauern. Lyser, der so gut 
wie immer von der Hand in den Mund leben 
mußte, hatte eben weder die Zeit noch die 
Sammlung, die zu einem größeren Werke un¬ 
bedingt nötig ist; Taschenbücher und Zeitungen, 
seine Haupterwerbsquelle, können nur wenig 
umfangreiche Arbeiten brauchen. 

Gleichwohl hat er auch auf einem kleinen 
Gebiete anerkennenswertes geschaffen, auf dem 
der Kunstnovelle , wobei zu bemerken ist, daß 
durch diese Bezeichnung leicht ein Irrtum er¬ 
zeugt werden kann und Lyser besser getan 
hätte, die zuerst gewählte Bezeichnung „Künst¬ 
lernovelle“ (16) beizubehalten. Die Zahl dieser 
Stücke ist ungemein groß, da unser Autor dieses 
Gebiet jahrelang bebaute; und ich wüßte in 
der Tat, wenigstens was die Quantität anlangt, 
kein Analogon dafür in der deutschen Literatur. 
Die ausgezeichneten, später entstandenen „Künst¬ 
lergeschichten“ von August Hagen 2 gehen von 
ganz anderen Voraussetzungen aus. Lyser war 
in der Tat dazu berufen, diesen anmutigen und 
dankbaren Zweig der Novellistik zum Grünen 
zu bringen; denn er vereinigte mit seltener Ge¬ 
wandtheit die drei Hauptkünste in sich. Robert 
Schumann scheint es gewesen zu sein, der 
Lyser auf die Künstlernovelle als sein ureigenstes 
Gebiet hingewiesen hat; sein erstes Werk dieser 
Art ,, Vater Doles und seine Freunde“ (76), das 
eine Episode aus Mozarts Leben zugrunde legt, 
erschien bereits in No. 12 des ersten Jahrganges 
der Schumannschen Zeitschrift. Es folgten 
dann „Beethoven“ (77), „Händel“ (78), der drei¬ 
teilige „Sebastian Bach und seme Söhne“ (80), 


1 Zuerst als „Christoph Teuscher. Ein Nachtstück“ (105) veröffentlicht. 

2 4 Bände. Leipzig 1833—1840. 





340 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 



Abb. 45. Wolfgang Amadeus Mozart. 
(Bleistiftzeichnung. 1845.) 


worin vor allem das erschütternde Schicksal 
des genialen Friedemann Bach ergreifend ge¬ 
schildert wird, und endlich „Gluck in Paris“ 
(82). Ein großer Teil der Schumann-Lyser- 
schen Korrespondenz wird von den Unterhand¬ 
lungen über diese Novellen ausgefüllt; Schumann 
hatte eine starke Meinung von dem Können 
seines Freundes und schrieb ihm (am io. Sep¬ 
tember 1836): 

Hast du schon den Gluck fertig, so schicke. Meine 
Leser wünschen es. Nimm dich nur recht ineinander 
und bedenke, daß Beethovens letztes Werk sein bestes 
war. 

So wurden immer mehr Komponisten in 
novellistischer Form behandelt, bald große wie 
Haydn (89), bald geringere wie Bellini (85), 
Tartini (84), Vogler (96), Schenk (97); unter 
den Meistern der Zeichnung und Malerei finden 
wir Jacques Callot (83) und Correggio (21), unter 
den Dichtern Ljither (103) und E . T. A. Hojf- 
mann (127). Die zweite Sammlung dieser 


Stücke in Buchform „Neue Kunstnovellen“ (21) 
kommt antiquarisch öfters vor. Wir geben, 
außer dem darin enthaltenen Selbstporträt, die 
leicht hingeworfene Skizze des seine Teufels¬ 
sonate spielenden Tartini (Abb. 49). 

Wie ernst Lysers Leistungen übrigens da¬ 
mals genommen wurden, beweist die Tat¬ 
sache, daß ein so anerkannter Musiker wie 
Seyfried zu einzelnen Punkten der Novelle „Jo¬ 
hannes Schenk“ das Wort ergreift. Uns inter¬ 
essieren hier weniger die wissenschaftlichen Er¬ 
örterungen als vielmehr die Beurteilung der 
ganzen Persönlichkeit Lysers. 

Herr J. P. Lyser, dessen verdienstvolles literarisch¬ 
belletristisches Wirken wohl schwerlich einen aufrich¬ 
tigeren Bewunderer finchn dürfte, als eben denjenigen, 
welcher hier gewissermaßen die Rolle eines Diabolus 
rotae übernehmen mußte, wolle vorstehenden Commen- 
tar bloß für das ansehen, was er zu sein beabsichtigt 
. . . . dann aber möge er versöhnt, ohne Groll, als ge¬ 
rader, offenherziger Deutscher einschlagen in die, mit 
dem alten Advokatenspruche ihm dargebotene Rechte: 

, Amicus personae, inimicus causae.“ 

Was bei fast allen Novellen Lysers auf¬ 
fallen muß, ist der Umstand, daß er, wo es 
nur irgend möglich ist, seiner Verehrung für 
zwei Männer Ausdruck gibt: für Mozart und 
E. 7 . A. Hojfmann. Viele schätzbare Winke 
über des letzteren Leben finden sich, mannig¬ 
fach verstreut, vor; in der Novelle „Kunst 
und Leben“ (127) hat er seinem Ideal ein 
Denkmal gesetzt. So gibt er ferner eine frag¬ 
mentarische Fortsetzung des „Kater Murr“ in 
der „Cäcilia“ (8) unter dem Titel „ Variationen 
von Luca fa presto“. Hoffmanns köstliche 
Novelle „Signor FUrmica“ hat Lyser zu einem 
trefflichen Text „Salvator Rosa oder zwei 
Nächte in Rom“ (23) für den Dresdner Kapell¬ 
meister Josef Rastrelli verwendet; die Oper ist 
in den Jahren 1837—1840 häufig zur Auf¬ 
führung gekommen; sogar ein Klavierauszug 
mit Text ist von ihr erschienen. Er verschmäht 
es nicht, den Meister, dem er in seiner Viel¬ 
seitigkeit ja sehr ähnlich ist, bisweilen wörtlich 
zu kopieren; der Berggeist Zebedäus von Quarz 
im vierten Märchen des „Rübezahl“ ist eine 
photographisch treue Wiedergabe des „Klein 
Zaches“. Den Märchenstil seines Vorbildes 
macht er sich zu eigen, und wenn man in der 
Novelle „Drei Tage“ (116) eine Stelle liest, 
wie: 








Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


341 


Da zog ein wundersames Klingen durch 
den Park, die Baumkronen rauschten, die 
Büsche flüsterten, die Bäche und Kunst¬ 
wässer rieselten vernehmlicher, die Vögel 
sangen abgebrochene Sehnsuchtslaute und 
in all dieses liebliche Getön erklangen 
wie von einem zarten Elfenchor hinge¬ 
hauchte Stimmen — 

so springt die Ähnlichkeit mit dem 
„Goldnen Topf“ in die Augen. Die 
Hoffmann-Erinnerungen, die Lyser in 
der „Armen, häßlichen Putzmacherin“ 
(140) gegeben hat, dürften wohl auch 
den Hoflfmannbiographen entgangen 
sein. 

„Fast bei allen Humoristen findet 
sich eine große Vorliebe für die 
Musik“, behauptet August Kahlert in 
seinem Artikel „Goethes Verhältnis 
zur Tonkunst“. 1 Auch bei Lyser 
geht der Humorist mit dem Musiker 
Hand in Hand; die Leichtigkeit, 
witzige Essays zu entwerfen und 
komische Geschichten zu schreiben,,' 
machte ihn zu einem dauernden Mit¬ 
arbeiter des Saphirschen „Humorist“ 
und zu einem intimen Freunde des 
Witzkönigs. Im „ Vetter Kirchhof“ 
(104) bringt ein Berliner Kauf¬ 
mannsjüngling einer 800,000 Mark 
schweren Hamburgerin die Grund¬ 
begriffe der Kantischen Philosophie 
dem Erfolge, daß die Schülerin 








7 ~ AZ" 




Abb. 46. Bildnis des Nieolo Paganini. Lithographie. 
(Hamburg 1830, Hoffmann und Campe.) 


mit 


bei 

statt vom 

„negirenden Prinzip“ vom „Prinzipal im Neg¬ 
ligee“ spricht. In der Humoreske „Ein Liebes¬ 
brief“ (146) findet sich die köstliche Schilde¬ 
rung eines Wiener Salonlöwen, der u. a. die 
Worte „Mit dem Gürtel, mit dem Schleier“ 
für ein Zitat von Nestroy ausgibt. Sehr 
gelungen ist in der Novelle „Drei Tage“ 
(11 ö) die Figur des Dichters Rosenschein, 
der der neuen Schule angehört, aller ritter¬ 
lichen Galanterie gegen Damen abgeschworen 
hat und nur das „freie Weib“ bewundert, 
eine Vorahnung unserer ganz Modernen. In 
der Humoreske „Die Fahrt nach dem Rabe- 
nauer Grunde“ (i 14) überläßt ein Ehemann seine 
Gattin ihrem Verführer unter der Bedingung, 
daß sie jedes Jahr eine vierwöchentliche Butter¬ 
milchkur unternehmen müssen und hat dann 


„Der Freihafen“, Heft 4. Altona 1838, S. 174 ff. 


seine diabolische Freude an den beiden Rittern 
von der traurigen Gestalt. Alles das und 
noch vieles mehr ist natürlich nur für die 
augenblickliche Erheiterung der Leser bestimmt 
gewesen, ohne irgend welchen Anspruch auf 
Künstlerschaft zu erheben, hat aber in dieser 
Hinsicht völlig seinen Zweck erfüllt. Bedeuten¬ 
der und von tieferem Sinn durchdrungen ist 
die weit ausgeführte Humoreske „Der Kram¬ 
pus, eine fabelhafte Begebenheit“ (149), die eines 
Neudruckes würdig wäre. In den „Miniaturen“ 
(136) hat Lyser die bekannte Geschichte von 
dem Mittagsbesuche Heines bei dem Bankier 
Gumpel (Gumpelino) mit drastischer Komik er¬ 
zählt; Karpeles hat die höchst amüsante Anek¬ 
dote wieder abgedruckt. 

Dies bringt uns auf den Feuilletonisten und 
Kritiker Lyser. Wenn irgend etwas von seinen 
Schriften der völligen Vergessenheit entrissen 
zu werden verdient, vielleicht unter dem Titel 
„Gesammelte Abhandlungen zur Literatur und 




















342 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


Musik“, in der Weise, wie dies kürzlich mit den 
Aufsätzen des Dichterkomponisten Peter Cor¬ 
nelius geschehen ist, so sind es diese in allen 
nur möglichen Zeitschriften und Zeitungen 
verstreuten Berichte Lysers. Einige, wie die 
Artikel über Heine (280), Mendelssohn-Bart¬ 
holdy (281) und Richard Wagner (286) haben 
zwar Neudrucke erlebt, werden aber binnen 
kurzem ebenso verschwunden sein wie die Ori¬ 
ginale; denn in Tagesblättern und versteckten 
Stellen größerer Werke haben solche Neudrucke 
keinen Bestand. Die Zusammenstellung der ein¬ 
zelnen Artikel würde allerdings eine große Mühe 
kosten, doch wird sich diese durch den durch¬ 
aus wichtigen Inhalt belohnen. Es sei darum 
diesem Wunsche hier nachdriicklichst Ausdruck 
gegeben. 

Lyser als Musiker zu beleuchten, gehört in 
ein Fachblatt; in dem musikalischen Analogon 
der „Zeitschrift für Bücherfreunde“, der in Ber¬ 
lin erscheinenden „Musik“ wird in nächster Zeit 
darüber ein Aufsatz von mir zu finden sein. 
Und so bleibt uns nur noch der Zeichner kurz 
zu betrachten. 

Die Zahl der Lyserschen Zeichnungen auf 
tausend zu schätzen, dürfte nicht zu hoch, eher 
zu niedrig gegriffen sein. Die Hälfte davon ist 
leider unwiederbringlich verloren, ca. 500 Num¬ 
mern sind vervielfältigt worden. Unter den 
Einzelblättern ist vor allem der „Paganini“ 
zu erwähnen, über den wir am besten Heinrich 
Heine reden lassen (272): 

Ich glaube, es ist nur einem einzigen Menschen 
gelungen, clie wahre Physiognomie Paganinis aufs 
Papier zu bringen; es ist ein tauber Maler, Namens 
Lyser, der, in seiner geistreichen Tollheit, mit wenigen 
Kreidestrichen den Kopf Paganinis so gut getroffen 
hat, dab man ob der Wahrheit der Zeichnung zugleich 
lacht und erschrickt. „Der Teufel hat mir die Hand 
geführt“, sagte mir der taube Maler, geheimnißvoll 
kichernd und gutmüthig ironisch mit dem Kopfe nickend, 
wie er bey seinen genialen Eulenspiegeleien zu thun 

pflegte.-In der That, es war Paganini selber, den 

ich alsbald zu Gesicht bekam. Er trug einen dunkel¬ 
grauen Oberrock, der ihm bis zu den Füßen reichte, 
wodurch seine Gestalt sehr hoch zu seyn schien. Das 
lange schwarze Haar fiel in verzerrten Locken auf seine 
Schulter herab und bildete wie einen dunklen Rahmen 
um das blasse, leichenartige Gesicht, worauf Kummer, 
Genie und Hölle ihre unverwüstlichen Zeichen ein¬ 
gegraben hatten. Neben ihm tänzelte eine niedrige, 
behagliche Figur, putzig prosaisch: rosig verrunzeltes 
Gesicht, hellgraues Röckchen mit Stahlknöpfen, unaus¬ 
stehlich freundlich nach allen Seiten hingrüßend, mit¬ 


unter aber, voll besorglicher Scheu, nach der düsteren 
Gestalt hinaufschielend, die ihm ernst und nachdenk¬ 
lich zur Seite wandelte. Man glaubte das Bild von 
Retzsch zu sehen, wo Faust und Wagener vor den 
Thoren von Leipzig spatzieren geht. Der taube Maler aber 
kommentirte mir aber die beiden Gestalten in seiner 
tollen Weise, und machte mich besonders aufmerk¬ 
sam auf den gemessenen breiten Gang des Paganini. 
„Ist es nicht“, sagte er, „als trüge er noch immer die 
eiserne Querstange zwischen den Beinen? Er hat sich 
nun einmal diesen Gang auf immer angewöhnt. Sehen 
Sie auch, wie verächtlich ironisch er auf seinen Be¬ 
gleiter manchmal hinabschaut, wenn dieser ihm mit 
seinen prosaischen Fragen lästig wird; er kann ihn 
aber nicht entbehren, ein blutiger Contrakt bindet ihn 
an diesen Diener, der eben kein andrer ist als Satan. 
Das unwissende Volk meint freylich, dieser Begleiter 
sei der Commöclicn- und Anekdotenschreiber Harrys 
aus Hannover, den Paganini auf Reisen mitgenommen 
habe, um die Geldgeschäfte bey seinen Conzerten zu 
verwalten. Das Volk weiß nicht, daß der Teufel dem 
Herrn Georg Harris bloß seine Gestalt abgeborgt hat 
und daß die arme Seele dieses armen Menschen unter¬ 
dessen, neben anderem Lumpenkram, in einem Kasten 
zu Hannover solange eingesperrt sitzt, bis der Teufel 
ihr wieder ihre Fleisch-Enveloppe zurückgiebt und er 
vielleicht seinen Meister Paganini in einer würdigeren 
Gestalt, ncmlich als schwarzer Pudel, durch die Welt 
begleiten wird.“ j 

Bezüglich der bekannten Beethoven- Zeich¬ 
nung Lysers (Abb. 10, 11 und 37) befanden sich 
die Biographen bisher deshalb in einem großen 
Irrtum, weil ihnen Lysers Lebensgeschichte 
nicht bekannt sein konnte. Daß die Zeichnung 
von ihm stammt und auch ein Original ist, 
steht außer Zweifel; aber nach dem Leben, wie 
bisher vermutet wurde, kann sie nicht gefertigt 
sein, aus dem einfachen Grunde, weil Lyser 
Beethoven nie „durch die Straßen Wiens gehend“ 
gesehen haben kann. Die Annahme, daß Abb. 10 
1825 (1) gezeichnet ist, kann nicht widerlegt 
werden; aber in diesem Jahre befand sich 
Lyser als Steuermann auf hoher See. Auch 
an andern Orten kann Lyser mit Beethoven 
nicht zusammengetroffen sein; denn Beethoven 
kam in den letzten Jahren seines Lebens (und 
diese sind der Zeichnung zugrunde gelegt) nicht 
über Wien und seine Umgebungen heraus. Es 
muß also diese Beethovenzeichnung als eine freie 
Pha?itasie Lysers bezeichnet werden, wobei ihn 
allerdings sein ästhetisches Gefühl arg im Stiche 
gelassen hat. Denn was bei Paganini erlaubt 
war — die Annäherung an die Karikatur — 
durfte bei einem Beethoven nicht angewendet 
werden. Und so stimme ich ganz der zornig 



Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


343 


erregten Äußerung A. Schindlers bei, der 
Beethoven doch wie keiner kannte, daß der 
Meister auf diesem Bilde „wie ein Börsenjude“ 
aussehe. 1 Besser gelungen scheint die auf Abb. io 
wiedergegebene Skizze des Kopfes zu sein. Andre 
Forscher 2 3 4 hinwiederum sind anderer Meinung 
und halten die Ähnlichkeit der Zeichnung mit 
dem Original für bedeutend. Soviel aber steht 
fest, daß sie eine Autentizität zur Beurteilung 
von Beethovens Äußerem nicht in Anspruch 
nehmen darf. Weit schöneres hat Lyser in 
den beiden Entwürfen ,,Beethovens Apotheose“ 
(46, 47) geleistet, die auch die Sorgfalt er¬ 
kennen lassen, mit der er diesen ihm am Herzen 
liegenden Gegenstand behandelte. Hübsch ist, 
was er darüber am 29. Dezember 1836 an 
Schumann schreibt: 

Für Beethovens Denkmal glüht mir der Kopf, da 
will ich ein Blatt entwerfen, wie es noch nicht dagewesen 
ist und auch so leicht nicht wiederkommen soll, wohl¬ 
gemerkt wenn Du mir gute Ausführung zusicherst; jeder 
Kopf soll tönen! Natürlich, daß ich für solch eine Arbeit 
zu solchem Zwecke nichts verlange; so ein Blatt könnte 
mir nur der Alte selber durch eine Gegendichtung be¬ 
zahlen ! 

Beethoven steht in träumerischer Stellung, 
von zwei Genien gekrönt, da; die Umrandung 
zeigt allegorische Darstellungen seiner Werke 
(Christus am Ölberg, Fidelio, die Pastorale, das 
Quartett usw.). Obgleich beide Entwürfe in der 
„Musik“ (285) reproduziert sind und von Inter¬ 
essenten leicht eingesehen werden können, so 
sehen wir von ihrer Wiedergabe an dieser 
Stelle doch nicht ab (Abb. 29 und 30). 

Daß Lyser seinen besondern Liebling Mo¬ 
zart, den er in seinen Schriften, wo es nur 
irgend angängig ist, erwähnt, nicht undarge- 
stellt lassen würde, ist klar (Abb. 45). Er hat, 
ähnlich wie bei Beethoven, eine Mozartverherr¬ 
lichung (49) komponiert (Abb. 17); wir bringen 
hier ferner ein ungemein seltenes Blatt (Litho¬ 
graphie)^ das berühmte „Bandeiterzett“ (Abb. 
41) darstellend, das ja auch in Mozarts einaktige 
Oper „Der Schauspieldirektor“ aufgenommen 
ist; außerdem finden sich zahlreiche Dar¬ 
stellungen aus „Don Juan“ (Abb. 32) in der 
„Cäcilia“ (8), als Umschlagszeichnungen (72) und 
im „Mozart-Album“, 150b (Abb. 48). 


Wieviel Vignetten zu Musikalien (262) Lyser 
gezeichnet haben mag, wird sich wohl nie er¬ 
mitteln lassen, da ein Verzeichnis darüber nicht 
existiert und die ganze Musikliteratur nach 
ihnen zu durchstöbern ein Ding der Unmög¬ 
lichkeit ist. Weite Verbreitung fand seinerzeit 
das reizende „Musikalische Bilder-ABC“ (31), 
„zum Lesenlernen der Noten, Vorzeichen und 
Schlüssel nach Art der Bilderfibeln eingerichtet, 
mit Fleiß und Sorgfalt ausgeführt“ (Abb. 23 
und 25). 

Im allgemeinen erhalten wir von den Zeich¬ 
nungen Lysers den Eindruck, daß sie, selbst 
in den nicht von vornherein darauf abzielenden 
Vorwürfen, hart an der Grenze der Karikatur 
stehen. In der Tat hat nun Lyser diese Kunst 
bis zu einem hohen Grade von Vollkommen¬ 
heit ausgebildet, und es ist aufs höchste zu 
bedauern, daß ich von seiner bereits 1832 er¬ 
schienenen „Anleitung zum Caricaturzeichnen“ 
(5) nirgends ein Exemplar auffinden konnte, um 
hier daraus Proben geben zu können. Ein ausge¬ 
zeichnetes Blatt dieser Art der feinen Karikatur 
ist „Die Willy“ (90), nach der bekannten Episode 
in den „Florentinischen Nächten“ Heines, 4 
den schätzbarsten Heine-Forschern bisher un¬ 
bekannt, wiewohl sie von der Existenz der 
Zeichnung wußten (Abb. 28). Die Personen 
auf diesem wertvollen Blatte sind: Mamsell 
Laurence, die dicke Mutter mit der Trom¬ 
mel, der die Triangel schlagende gelehrte 
Hund, der Zwerg Monsieur Türliitü, seine 
Fechterkünste übend; phantastische Gebilde 
dienen als Staffage. Von großem Interesse ist 
ferner, daß Lyser das Manuskript Heines Vor¬ 
gelegen haben muß, da die Zeichnung Lysers 
bereits vom Jahre 1836 signiert, dieser Band 
des „Salon“ aber erst 1837 erschienen ist, 
ein neuer Beweis für die hohe Achtung, die 
Heine für den Künstler hegte. Bemerkenswert 
sind weiterhin die Karikaturen zum Herloß- 
sohnschen „Mephistopheles“ (75), kolorierte 
Lithographien von kühnem zeichnerischen 
Schwung; wir geben außer dem vorderen Um¬ 
schlag, der nur bei den seltenen Exemplaren 
im Originalkarton erhalten ist (Abb. 13) das 
Titelbild (Abb. 5) und eine ungemein fein und 


1 Schindler, A., Biographie von Ludw. van Beethoven, 3. Aufl. Münster 1860, Teil 2, S. 294. 

2 Vgl. Frimmel, Neue Beethoveniana {268). 

3 Aus der Al. Fuchsschen Sammlung von Mozart-Bildern in der Königl. Bibliothek (Musik-Sammlung) zu Berlin. 

4 Der Salon, Bd. 3, Hamburg 1837, S. 83 ff. 





344 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 



Abb. 47. Titelvignette (Holzschnitt) zu „De dree Jungfern und 
dree Rathsherrn“. (Hamburg 1855 S. Berendsohn.) 


zart ausgeführte, bisher noch nie veröffentlichte 
aber für den „Mephistopheles“ projektierte Feder¬ 
zeichnung 1 (Abb. 34), das „Brummkonzert“ (6). 
In gleicher Weise grenzen an die Karikatur, 
wiewohl ohne Berechtigung, die „Umrisse zu 
Schillers Werken“ (17), von denen bereits eine 
Probe in dem Schillerheft dieser Zeitschrift 2 3 
gegeben worden ist, die uns nach mehr davon 
nicht lüstern macht. Sie sind offenbar ein vom 
Verleger zum Jahr 1836, in dem Schiller „frei“ 
wurde, bestelltes und von Lyser eilig und zer¬ 
fahren ausgeführtes Werk. Weit höher stehen 
die in demselben Jahre (1836) herausgegebenen 
„ Umrisse nach Darstellungen von Emil Devricnt“ 
(20), die theatergeschichtlich von Bedeutung 
sind, wie Houben in seinem „Emil Devrient“ 
auch gebührend hervorhebt (274). Aber Hou¬ 
ben irrt, wenn er diese Zeichnungen (Abb. 44) 
bis in das Jahr 1840 hineindatiert, denn am 
13. bezw. 30. Dezember 1836 schreibt Lyser 
aus Dresden an Schumann: 

Ich habe nach Devrient (!) neun Umrisse auf Stein 
gezeichnet und diese drucken lassen, noch vor Weih¬ 
nacht müssen sie ins Publikum, soll mir nicht für dieses 
halbe Jahr aller Vortheil entgehen.- 


1 Zeitschrift für Bücherfreunde, 1905, H. 2|3, S. in. 

2 Goethes Urteil über die Mephistopheles - Bilder, die 
Lyser bei seinem Besuche vorlegte, ist in Sauers „Euphorion“ 
von 1902 (Bericht über einen Besuch bei Goethe von R. 
M. Werner) nachzulesen. 

3 Die Ankündigung ist nicht erfolgt. 


Thu mir die Liebe und empfiehl in der neuen Zeit¬ 
schrift die beifolgenden Umrisse vom Verfasser des 
Vater Doles Deinen Lesern zum KaufD Das Heft 
kostet 16 Groschen, Prachtexemplare auf feinem Pa¬ 
pier 1 Thaler. Es ist in allen Kunsthandlungen in Dres¬ 
den, in Leipzig bei Robert Friese zu haben. 

Trefflich sind die karikierten Zeichnungen 
Lysers zu dem komisch -saty rischen, 1846 
erschienenen Roman „Ein neuer Don Quixote“ 
von R. F. Müllner (131). Da auch dieses Buch 
wohl schwer noch aufzutreiben sein dürfte, so 
geben wir ein Bild daraus in Reproduktion 
(Abb. 12). 

Als besonders charakteristisch für den 
Karikaturisten Lyser erscheint mir die kolorierte 
Titellithographie zu Friedrich Goldschmieds 
„Deutsche Volksblumen“ (95) einer ca. 1838 er¬ 
schienenen, verschollenen Märchensammlung 
(Abb. 4). Nicht nur Genialität zeigt diese „ me - 
fistofelische Ouvertüre zum Gestiefelten Kater“ 
— so bezeichnet sie der Autor in der Vorrede — 
sondern sie ist wie keine zweite Darstellung 
auch bezeichnend für die Unmenge der kari¬ 
kierten Objekte, die auf dem immerhin kleinen 
Blatte Platz finden. Indem ich die genaue 
Erklärung des Blattes gebe, wie sie in der Vor¬ 
rede enthalten ist, möchte ich noch ganz be¬ 
sonders auf das vorzügliche Karikaturporträt 
Ludzvig Tiecks hinweisen, das (oben in der 
Mitte) die Zeichnung krönt: 

Das Hauptbild veranschaulicht die Scene, wo der 
Kater den Popanz persuadirt, sich in eine resp. Maus 
zu verwandeln. Der Kater erscheint als vacirender 
Gelehrter und doctor philosophiae, gestiefelt, hält in 
der Linken sein Wanderstöcklein, etwa einen tüchtigen 
Ziegenhainer, spielt mit der Rechten an einem sehr 
zierlichen Busenstreif auf der Brust, trägt seine gewöhn¬ 
lich gelben Lederhosen und einen unsichtbaren Brust¬ 
latz, und hat zur Seiten ein niedliches Ränzchen. Die 



Abb. 48. Osmin. Vignette aus dem „Mozart- Album“. 
(Hamburg 1856, J. F. Kayser.) 










Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


345 


Physiognomie drückt kätziges, schmieg- und schmeichel- 
sames Blinzeln aus, während er den Schwanz ob purer 
Katzennatur in die Höh’ reckt. Er scheint soeben 
seine Petition gemacht zu haben und den Bescheid zu 
erwarten. Ihm gegenüber der Popanz mit der Larve 
des Fieschi und einer reich versteinten Krone, hält mit 
der Linken einen Portierstab und in der Rechten eine 
Knute, indem er noch im Arme ein Bündel Ruthen mit 
dem Liktorenbeil trägt. Am Beile hängt die Wagschale 
der Gerechtigkeit, freilich sehr schief, aber ganz natür¬ 
lich, denn in der linken Schale liegt nur ein wenig Heu, 
in der rechten dagegen ein voller Geldsack. An der 
Schale, worin das Heu liegt, hängt zwar noch ein Bar- 
birmesser, aber umsonst, sie muß in die Höhe 
schnellen. Das popanzische Korpus zieren Ketten, wor¬ 
an zwei Halseisen hängen, und prangt mit Orden und 
dem /\ der Freimaurer. Auch ein Buch der Weisheit 
erblickt man und zwar aufgeschlagen, worauf eine Brille 
und eine gewaltige Nase befindlich, sintemal der Weis¬ 
heit ebensogut als der Gerechtigkeit oft derbe Nasen 
gedreht werden. Hinten am Schopfe hat sich der Po¬ 
panz einen unsterblichen Haarbeutel angebunden. 
Dieser Zopf könnte sich füglich aufs junge Deutschland 
beziehen, denn unter ihm hängt ein Edikt und die 
Strafruthe des Himmels, ein Komet. Das Fußwerk des 
Popanz ist seltsam genug eine Löwenklaue und ein 
zischender Schlangenkopf. Beides soll andeuten, daß 
der Popanz ebenso oft gewaltig auftritt und nieder¬ 
schmettert, als er schlangengleich heimtückisch ver¬ 
giftet. 

Die Dekoration ist der Palast des Popanzes. Die 
Säulen scheinen aus Kanonenläufen zu bestehen. Man 
schaut durchs offene Fenster in die mondbeglänzte 
Zaubernacht. 

In der Arabeskeneinfassung ist zu sehen, wie der 
Kater den verwandelten Popanz, das Popanzmäuschen, 
verfolgt, bis er es endlich auf dem Spiegel des Narren 
oder der Wahrheit — gleichviel — erhascht, und unten im 
Mittelpunkte verschlingt. Die Verfolgung wurde dem 
Kater übrigens gar nicht so leicht gemacht. Denn die 
Kinder des Popanzes, als da sind: eine Vogelscheuche 
(mit einem Dreimaster, aufgespreizten Rockschößen, 
um die Hüfte ein Skalpirmesser geschnallt, an 
den Händen Stülphandschuhe und in der Rech¬ 
ten Amors Geschoß), von einem Nachtlämpchen 
hold erhellt und verklärt, ferner Hofgelehrte 
nebst ihren kollegialischen Eseln, junge Europäer 
im schwarzen Sammtrock und mit weißem Filzhut, 
gespießte Frösche, arme Sünder am Galgen und 
Irrwische, scheinen Alles angewandt zu haben, 
den Kater auf dem ohnehin schon wirren Ara¬ 
beskenweg noch mehr zu verwirren. Aber er 
ist ein tüchtiger Kater, und Gevatter Fuchs über 
ihm scheint sagen zu wollen: wahrlich, wenn 
ich nicht der Fuchs Reineke wär, möcht ich 
schon der gestiefelte Kater sein, denn — auch 
ich fresse Mäuse. Oben über Fuchs, Kater und 
Popanz erblickt man ein wundersames Portrait, 
und wenn der Beschauer dasselbe mit Kater und 
Fuchs vergleicht und fac similia findet, so ist das 
natürlich, denn als olim dem Jupiterkopf der 
Z. f. B. 1906/1907. 



Abb. 49. Tartini, seine ,,Teufe 1 s-Sonate“ spielend. 

Aus „Neue Kunst-Novellen“. 

(Frankfurt a. M. 1837, J- D. Sauerländer.) 

gestiefelte Kater entsprang, da sprach der Olympier 
Zeus: simile simili gaudet! 

Außer diesen angedeuteten Arabesken sind noch 
einige Extravaganzen bemerkenswerth. In der untersten 
Ecke des Bildes erblickt man einen Doppelkopf, ein 
Eselportrait mit schrecklichen Ohren und eine Magister¬ 
fratze mit römischer Nase, Brille und furchtbarer 
Perücke und geistlichem Krügelchen, Herrn Gottsched 
bezeichnend. Gleich über ihm einen Uhu mit gebogner 
Nase über seiner Schuld brütend. Er ist ins Helle 
geraten und wird von Buschkleppern in Krähengestalt 
eifrigst verfolgt in der Nähe der Vogelscheuche; gleich 
an Amors Geschoß befindet sich ein Schmetterling, der 
das Unglück gehabt, am Bogen hängen zu bleiben. 
Gleich am Dreimaster sieht man einen Stulpenstiefel, 
den der ritterliche Kater im Vorbeirennen verloren und 
der zum größten Leidwesen der Vogelscheuche in’s 
Gesicht fliegt. Weiter hinauf sieht man den Jagdranzen 
des Katers, mit einem Fuchsschwänze, der eben dem 
Kater entfallen zu sein scheint. Über dem Kater, der 



252 . Pas unb bie j^pintif. 

Abb. 50. Aus „Fabeln und Mährchenbuch' 
Lithographie, ca. 1838. (Berlin o. J.) 


44 














346 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


jetzt nur noch einen Stiefel an hat, sieht man einen 
jungen Deutschländer — ein knochendürres Männchen 
ohne Laub und Lob — auf einem Federkiele voltigieren. 
Ihm fliegt der andre Stiefel, den der Kater jetzt eben 
verloren, grad an den Hirnkasten und wird wahrschein¬ 
lich das Haut- und Knochenmännchen vollends aus 
der Balance bringen. Oben in der Ecke erscheint ein 
Spukgeist mit der Maulsperre, nicht unähnlich der 
Ahnfrau. Links in der obersten Ecke ist zu sehen ein 
jämmerlicher Literaturfrosch von einem Pfeil durch¬ 
bohrt, in dessen letzten Seufzern das Wörtchen Gutz¬ 
kow ertönt. Daneben figuriert ein eineiliges Teufelchen, 
das die Seele des Frosches eben in voller Glorie zu 
holen scheint. Weiter unten hängt an einer Girlande 
ein armseliger Schächer (eine Art Gimel am Gamma 
des Galgen), die Hände auf den Rücken geknebelt, mit 
herabflattemdem Haupthaar. Mit gebücktem Kopfe 
scheint er über sein Schicksal nachzudenken, während 
ihn schon die Raben umflattern und sein Kadaver in 
Beschlag nehmen wollen. Unter dem armen Sünder 
am Galgen erblickt man ein Wappenschild, wie es 
Hogarth in dem Leben einer Buhlerin anbrachte. Auf 
den ersten Blick erscheint es wie das altfranzösische 
Wappen mit den drei Lilien; statt der Lilien sind aber 
hier Bierhähne. Was das Schild hier soll, wird erklär¬ 
lich, wenn man den darunter befindlichen Pudelkopf 
nicht außer acht läßt. Dieser Pudelkopf ist nämlich 
das getreue Porträt des Hundes M. in einer bekannten 
Novelle. Darunter ist ein Paradiesapfel ersichtlich, 
daran die in eine Fliege verwandelte Eva nagt. Gleich 
darunter sieht man eine geschüpperte Schlange, die den 
Schmetterling frißt, der soeben als verwandelter Geist 
aus dem nahen Todtenschädel gekrochen. Rechts unten 
ander großen grünen Guirlande fliegt eine lyrische Bienen¬ 
königin. Tief unten zur Linken des Katers guckt ein 
majestätischer Storch hervor und scheint dem Kater, 
der die Popanzmaus eben auf dem Spiegel der Er¬ 
kenntnis erwischt, sagen zu wollen: ich bin ganz der 
Meinung des Herrn Professors. Der Narr, der dem 
Kater den Spiegel, worauf die Popanzmaus attrappirt 
wird, vorhält, ist mit der Fratze des Mefostofiles 
geschmückt, trägt die Schellenkapuze und macht eine 
höhnische verschmitzte Lache. Daneben ist der Kelch 
der Kritik befindlich, über ihm schwebt der Göthische 
Geist als Schmetterling, und eben kriecht ein Salaman¬ 
der, namens Bettina heran, und guckt tückisch nach 
dem enteilenden Schmetterling auf. Unter dem Kater, 
der,behaglich zusammengekugelt, das Popanzmäuschen 
in aller Ruhe verzehrt, figurirt eine Rosette, Edelstein¬ 
bild der Wunderblume des Mährchens. 

Und nun zum Schluß eine lithographische 
Karikatur Lysers (6), von außergewöhnlichem 
Interesse deshalb, weil sie zugleich eine der 
frühesten Arbeiten Adolf Menzels ist (1832). 
Von dem seltenen Blatt (Abb. 6) existiert außer 

1 Dorgerloh, Adolph Menzel. Leipzig 1896. S. 27, 
No. 68. 


dem schwarzen auch ein handkolorierter Abzug. 
Es heißt „Unterschied zwischen Allopathie und 
Homöopathie” und wird von Dorgerloh * folgen¬ 
dermaßen erklärt: 

Der Tod kniet in der Mitte des Blattes, den Schädel 
noch mit lockigem Haupthaar und Bart und großer 
Brille versehen, umhüllt mit dem Leichentuche; er faßt 
die beiden mit Totenköpfen gezierten Fahnen der zur 
Seite stehenden Ärzte, und den durch Hahnenschwanz 
und den oben auf der Fahnenstange stehenden Hahn 
als Hahnemann bezeichneten Erfinder der Homöopathie 
und links den neben einer riesigen Medizinflasche 
stehenden hageren Allopathen und ruft ihnen zu: „Seid 
einig! einig! einig!" Dahinter steht nachdenklich 
lächelnd Mephisto. Hahnemann wird von einem Harle¬ 
kin bekränzt. Über dem Tod schwebt ein Uhu; 
zwischendurch gewahrt man Grabmonumente und 
Kreuze. 

Vorstehende Arbeit war bereits völlig 
fertiggestellt und befand sich in den Händen 
des Herausgebers dieser Zeitschrift, als — offen¬ 
bar durch eine zufällige Mitteilung meinerseits 
beschleunigt — in dem Verlag von Max Jaecke 
in Potsdam ein Aufsatz von Dr. J. Heckscher 
in Hamburg: „Johann Peter Theodor Lyser” 
erschien. Daß ich dem trefflichen Forscher 
nicht nur neidlos die „Priorität" überlasse, son¬ 
dern mich auch über das in der Arbeit zutage 
tretende Interesse an Lysers Persönlichkeit herz- 



Abb. 51. Aus „Erzherzog Johann, der Freund des 
Volkes“. Holzschnitt. (Wien 1848.) 







/ 



^.v^, <*-. 

y -•* '^7/ ^>^ 4 ,^. ^ ^ A 

2 >/- ^ 4 ^ y^sT**^^ *y 

/ y* . AT £ */~£r*ßky*0+*/j ^yZLs 

Lz. %/#jf&**~*h ^7 ^s*#**#- 

^tS .127 * 

, . %.x t.,^A* ,ßßtss£^ 

5 i~J^/ißyM' /A ’^^ 

~>A? ^ÄA' 

■it^A ~ ' 5 ^ r ' 

~*-A , fy '■ y? 

77 /^ 

Abb. 52. Faksimile eines Briefes von Lyser an den MusikschriftsteUer Dr. Au g. Schmidt in Wien, 



Zeitschrift für Bücherfreunde X. 


Zu Hirschberg .- Johann Peter Lyser. 







Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


347 


lieh freue, wird jeder, der meine Ausführungen 
des Lesens wert erachtet, unschwer erkennen. 
Heckschers Bibliographie und die meine er¬ 
gänzen sich gegenseitig. Biographisch bringt 
Heckschers Arbeit wenig und auch nichts Neues; 
auf Seite 9, wo von Lysers Vater Burmeister 
die Rede ist, sogar Unrichtiges. Ich bin über¬ 
zeugt, daß Heckscher sich von meinen Aus¬ 
führungen ebenso gern belehren lassen wird, 
wie ich mich von den seinigen, und daß ihm 
vor allem die mir gelungene Auffindung der 
verschiedenen, zur Heineforschung wichtigen 
Lyserschen Zeichnungen eine ganz besondere 
Freude und Genugtuung bereiten wird. 

Bibliographie. 

Die folgende, 296 Nummern umfassende 
Bibliographie erhebt nicht den Anspruch auf 
Vollständigkeit, wenn sie auch die bisher bei 
weitem vollständigste ist. Wer den Mangel 
unserer selbst größten Bibliotheken an Zeit¬ 
schriften aus den Jahren 1820—1850 kennt, 
wer da weiß, wie groß die Schwierigkeiten 
sind, sie überhaupt zu erhalten, der wird zu¬ 
gleich auch wissen, daß diese Bibliographie 
nicht vollständig sein kann. Sie wird es viel- 



Abb. 53. Karikatur nach Phiz aus „Der fahrende 
Münchhausen“. (Meißen 1840, Goedsche.) 


leicht sogar niemals werden, da ein großer 
Teil der 1848 er revolutionären Zeitungen usw. 
unwiderbringlich vernichtet wurde. Was mir 
irgend erreichbar war, ist gewissenhaft durch¬ 
mustert worden; doch müssten die Bibliotheken 
in Wien, Leipzig, Dresden, Hamburg und Al¬ 
tona an Ort und Stelle durchsucht werden. 
Eine Ergänzung des Verzeichnisses in dieser 
Hinsicht soll von Zeit zu Zeit erfolgen. Alle 
Mitteilungen dazu werde ich herzlich dankend 
quittieren. 

I. Selbständige Werke. 

(Bücher und Zeichnungen.) 

1. Bildnis von Beethoven. 4 0 . (Wien 1825, Steindruck, 
Bonn.) 

2. Benjamin. Ein Roman. Aus der Mappe eines tauben 

Malers. Erster Teil, mit zwölf Charakterbildern, erfunden 
und radiert vom Herausgeber. Hamburg 1830. 8°. 

3. Bildnis von Paganini. Hamburg 1830. 4 0 . (Stein¬ 

druck nebst Faksimile.) 

4. Bildnis von Goethe (wohl 1832). (Vergl. Gaedertz, Bei 
Goethe zu Gaste, Leipzig 1900, S. 371.) 

5. Anleitung zum Caricaturzeichnen, das Höhere dieser 
Kunst; dargestellt und durch Beispiele erläutert. Mit 6 Stein¬ 
drucken und erklärendem Text. Leipzig 1832. Qu. 4 0 . 

6. Unterschied zwischen Allopathie und Homöopathie. Litho¬ 
graphie , schwarz und koloriert. Lyser deh, Ad. Menzel 
lith. ca. 1832. 

6 a. 3 Entwürfe (Federzeichnungen) zum „ Mephistopheles u 
von Herloßsohn, ca. 1832 (cf. Nr. 75 der Bibliographie.) 

7. J. P. Lysers ausführliche Erklärung der Hogarthischen 

Kupferstiche, mit verkleinerten, aber vollständigen Kopien 
derselben von E. Riepenhausen. (Bildet die 13. Lieferung 
des Lichtenbergschen Werkes.) Göttingen 1833. 8°. 

8. Cacilia. Ein Taschenbuch für Freunde der Tonkunst. 

Herausgegeben von Lyser. Hamburg 1833. KI.-8 0 . Mit 

8 Federzeichnungen, 3 Umschlagszeichnungen von Lyser 
und 4 Musikbeilagen (darunter 3 von Lyser). 

9. Des Knaben Wunderhorn. Mährchen und Lieder. Mit 
8 Steindrucken. Leipzig 1834. 

10. Das Buch der Mährchen für Töchter und Söhne ge¬ 
bildeter Stände. Leipzig 1834. 8°. Mit 8 illuminierten 

Kupfern von Lyser. 

11. Das Buch vom Rübezahl. Eine vollständige Sammlung 

aller Volks-Mährchen aus dem Riesengebirge, gesammelt 
und neu erzählt von J. Lyser. Leipzig 1834. 8°. Mit 

6 Lithographien von Lyser. (Robert Schumann gewidmet.) 

12. Namiette, die junge Waise. Gesammelte Mährchen 

und Erzählungen für Kinder gebildeter Stände. Mit 8 illum. 
Bildern. Leipzig 1834. 16 0 . 

13. J. Lysers Lieder eines wandernden Malers. Mit 

Kompositionen von Becker, Dorn, Friederike Hesse, Krug, 
Poley, Rastrelli und Klara Wieck. Leipzig 1834. 8°. 

13 a. Melodienkranz. Eine Sammlung auserlesener Kom¬ 
positionen von J. Rastrelli, C. F. Becker, R. Poley, H. Dom, 
etc. für Singstimme mit Pianofortebegleitung, Text von 
J. Lyser. Leipzig, bei Emil Güntz. Kl. qu. 4 0 . 36 Seiten. 

14. Novellen von J. Lyser. Leipzig 1834. 8°. 

15. Don Juan in Leipzig. Ein Capriccio in zwanglosen 

Heften. 1. Heft. Leipzig 1835. 8°. 

16. Künstler-Noveilen. Leipzig 1835. 8°. Nach einer 

Mittheilung Lysers im „Mozart-Album*' (150b) anonym 
erschienen. 

17. Umrisse zu Schillers Werken, erfunden und gezeichnet 
von J. P. Lyser. Leipzig o. J. (18359. Q u - 4 °- Enthält 
11 Steinzeichnungen zu Wallensteins Lager, Die Piccolomini, 
Wallensteins Tod. 

18. Bildnis der Caroline Leonhardt, Bleistiftzeichnung. 
1835. Original in meinem Besitz. (Zum erstenmal hier 
veröffentlicht.) 








343 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


19. Leipzig wie es geht und steht, lebt und liebt; oder 
Spaziergänge in und um Leipzig. Herausgegeben von 
J. Lyser. 4 Hefte. Leipzig 1835. 8°. Mit 4 illuminierten 
Kupfern von Lyser. 

20. Umrisse nach Darstellungen von Emil Devrient, ent¬ 

worfen und auf Stein gezeichnet von J. P. Burmeister-Lyser. 
(Dresden 1836.) Qu. 4 0 . 8 Blätter. 

21. Neue Kunst-Novellen. In 2 Bänden. Frankfurt 1837. 
Mit 7 Federzeichnungen von Lyser. 

22. Polichinell. Dramatisches Feen-Märchen für kleine 
und große artige Kinder. Von J. P. Lyser. Stuttgart (1837). 
8°. Mit 20 Holzschnitten nach Cruikshank. 

23. Salvator Rosa oder zwei Nächte in Rom. Komische 
Oper in 2 Aufzügen von Burmeister-Lyser, in Musik gesetzt 
von Jos. Rastrelli. Textbuch. Dresden u. Leipzig (1837). 

24. Giacomo Meyerbeer. Sein Streben, sein Wirken und 
seine Gegner. Für Freunde der Tonkunst. Dresden 1838. 

25. Fabeln und Mährchen-Buch. Berlin o. J. (1838—1841). 
Mit (angeblich) 500 Abbildungen. (In meinem Exemplar nur 
82 Lithographien.) 

26. Abendländische Tausend und eine A T acht oder: Die 
schönsten Mährchen und Sagen aller europäischen Völker. 
Zum ersten Male gesammelt und neu bearbeitet. 15 Bänd¬ 
chen. Meißen 1838—1839- Mit 3° Steinzeichnungen und 
2 Umschlagszeichnungen von Lyser. Kl.-8°. 

27. Erzählungen für das jugendliche Alter. Aus dem 

Französischen von j. Lyser. Mit Titelbild und Vignetten 
Straßburg 1839. 12°. 

28. Neue Erzählungen J'iir das jugendliche Alter. Aus 

dem Französischen. Strassburg 1840. 12°. 

29. Einhundert und eine Nacht. Ein Mährchen- und Sagen- 
Strauß. 4 Bändchen. A. u. d. T.: Fortsetzung von Abend¬ 
ländische Tausend und eine Nacht etc. Meißen 1840. Kl. 8°. 
Mit 4 Steinzeichnungen von Lyser. 

30. Der fahrende Münchhausen oder neue Reisebilder. 
Von Hyronimus Freiherm von Münchhausen. Aus dem 
Französischen übersetzt von Victor Savello. Meißen 1840. 
8°. Mit 8 Federzeichnungen von Lyser. 

31. Musikalisches Bilder-ABC zum Lesenlernen der Noten 

und Schlüssel. Vorschule des ABC vom Professor Panseron. 
Berlin 1842. Qu. 4°. 12 lithographierte Tafeln von Lyser 

mit Text. 

32. Deutschland und Johannes Range. Ein ernstes Wort 
zu rechter Zeit. Mit lithographiertem Portrait. Leipzig 
1845. Imp. 4 0 . 

33. Hundert und Eins! Mährchen und Lieder und 

schöne Geschichten. Mit schönen Bildern für gute Kinder. 
Wien 1847. l6°. 

34. Erzherzog Johann , der Freund des Volkes. Biographi¬ 
sche Skizze von J. P. Lyser. Wien 1848. 4 0 . Mit 1 Por¬ 
trät-Lithographie und 17 Holzschnitten, davon I von Lyser. 

35. Die Wiener Ereignisse vom 6. Oktober bis 12. No¬ 

vember 1848. Geschildert von einem Augenzeugen. Wien 
1849. 8°. 

36. De Swinegel als Wettrenner. Ein plattdeutsches Mär¬ 
chen. Neu illustriert und mit einem Nachwort versehen 
von J. P. T. Lyser. Hamburg (1853). 12°. Mit 10 Holz¬ 
schnitten von Lyser. 

37. De dree Jungfern un de dree Ratsherrn, oder datt 
groote Kackthorn-Knopp-Schüüern to Altona. Hamburg 1855. 
8°. Mit 4 Holzschnitten von Lyser. 

38. General-Übersicht der Geschichte der Musik in Europa. 
Hamburg 1856. 

39. G. Meyerbeer und J. Lind. Fragmente aus dem 
Tagebuche eines alten Musikers. Wien 1857. (Erwähnt 
in Fetis, Biogr. des Musiciens, Art. Lyser.) 

40. Die letzte Stadt-Theater-K-isis in Hamburg. Einfache 
Wahrheit. Hamburg, Juli 1858. 

41. Die Schiller-Tage (Nov. 10.—13. 1859) in Hamburg- 
Altona. Gedenkblätter für spätere Tage. Hamburg, Hirsch¬ 
manns Zeitungsladen. 1859. 

42. Linorah, oder die Wallfahrt nach der Ölmühle. 
Hamburger Lokalposse in 2 Bildern. (Parodie der Oper: 
Dinorah.) Wo kann ’t angahn! — Dem Humor liebenden 
Publikum Hamburgs ist dieser flüchtig hingeworfene Scherz 
gewidmet von dem Verfasser J. P. Lyser. Altona 1860. 


42a. — Dasselbe. Zweite Auflage, mit einem zweiten 
Vorworte von dem Verfasser, als Erwiderung auf die 
„Warnung“ des Herrn K. Schultze in Nr. 236 der „Ham¬ 
burger Nachrichten“. Altona 1860. 

43. Spaziergänge eines kleinen Teufels in Hamburg , Altona 
und Umgegend. I. Heft. Hamburg 1860. 

44. Melkmann Clas sin Fastnach in Hamborg, 1861. 
E11 bannigen Fastnachsspaß mit Gesang. Anhang: Eine 
Fastnachts-Epistel auf das Jahr 1861. Hamburg 1X61. 

45 - D e Geschieht von de olle Erou Beerbomsch un eeren 
lütten Swien-Peter. Altona 1862. 

46. Beethovens Apotheose. Lithographie. I. Fassung. 

47. Dasselbe. 2. Fassung. 

48. Das Bändel-Terzett (von W. A. Mozart). Lithographie. 

49. a) Mozarts Verherrlichung. Lithographie. 

b) Mozarts Bildniss. Bleistiftzeichnung (1845). 

II. Literarische und illustrative Beiträge zu 
Almanachen, Taschenbüchern, Zeitungen, Zeit¬ 
schriften usw. 

50. Sendschreiben an Dr. Ludwig Börne. (Lesefrüchte 
von Dr. Pappe. Hamburg 1829.) 

51. Adler und Lorbeerbaum. (Lotz, Originalien, Ham¬ 
burg 1830, erwähnt in No. 144 dieses Verz.) 

52. Der Weinkeller. Ein Scherz. Lotz, Originalien. Ham¬ 
burg 1830, Bd. XIV, H. 5, No. 60.) 

53. Lieder eitles wandernden Malers. (Ibid. 1830, II. 6, 

No. 67, 68.) 

54. Lied. (Ibid., 1830, H. 6, No. 77.) 

55. Flitterwochen. Eine Humoreske. (Ibid. 1830, H. 7, 
No. 79—81.) 

56. Paganini. (Ibid. 1830, PI. 7, No. 88.) 

57. Ly das Traum. (Ibid. 1830, H. 7, No. 89.) 

58 Veit Werner. Ein Nachtstück al fresco. (Ibid. 1830, 
H. 9, No. 113, 114.) 

59. Serenade. (Ibid. 1830, H. II, No. 134.) 

60. Schutzschrift zum Besten der großen Damenhüte. (Ibid. 

1830, H. 12, No. 150.) 

61.5 Steindrucke. (Lyser del, Speckter sc.) Nebst Er¬ 
klärung der Zeichnungen von J. P. T. Lyser, Maler. (Poli¬ 
tisches Taschenbuch für das Jahr 1830. Herausgegeben 
von Wit, genannt von Dörring. Hamburg 1830.) 12°. 

62. 3 Steindrucke. Nebst Erklärung der Zeichnungen auf 

dem Umschlag. (Alman. dram. Spiele, herausg. von Lebrun. 
Hamburg 1830.) 12°. 

63. Verbesserungen zu Ludolf Vinetas (Ludolf Wienbargs) 
„Paganini“. Hamburg 1830. 

64. Phantasien aus D-moll. (Beigefügt zu Ludolf Vinetas 
„Paganini“.) Hamburg 1830. Wieder abgedruckt in No. 8 
dies. Verz. 

65. Rede zum neuen Jahre 1831, gehalten vor den vier 
Wänden meines Stübchens. (Lotz, Originalien, 1831, Bd. XV, 
H. 1, No. 2.) 

66. Für Freunde der Tonkunst. (Ibid. 1831, H. 5» No. 58.) 

67. 3 Steindrucke. Nebst Erklärung der Zeichnungen 

auf dem Umschlag. Unterz.: Der taube Maler. (Alman. 
dram. Spiele etc. Hamburg 1831.) 12°. 

68. 3 Steindrucke. Nebst Erklärung der Zeichnungen. 
Von J. P. T. Lyser. (Politisches Taschenbuch für das Jahr 

1831. Herausgegeben von Wit genannt von Dörring. Ham¬ 
burg 1831). 12°. 

69. Der Blumenstrauß und die schönen Zähne. (Der 
Komet, Dresden 1831, No. 177, 178.) 

70. Freiberg , eine Reiseskizze. (Zeitung für Reisen und 
Reisende, Beilage zum „Kometen“, 1831, No. 40, 50.) 

71 .3 Steindrucke. Nebst Erklärung der Zeichnungen auf 
dem Umschläge. (Alman. dram. Spiele etc. Unterz.: Leipzig 
im Juni 1832. J. P. Lyser. — Hamburg 1833.) 12 0 . 

72. 3 Steindrucke. Erklärung der Zeichnungen auf dem 
Umschläge. (Alm. dram. Spiele etc. Hamburg 1833). 12°. 

73. 3 Kompositionen eigener Gedichte. I. Bayerisches Lied. 
2. Ich liebe dich. 3. Frage nicht. (Cäcilia. Taschenbuch 
von Lyser. Hamburg 1833.) 






Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


349 


74. Portraits von J. Lyser (Paulmann, Friedrich Röppke, 
Der Sänger Martin). (In: Unterhaltungen für das Theater- 
Publikum. Herausgegeben von August Lewald. München 
i 8 33 -) 

75- 8 illuminierte Kupfer und ß Umschlagszeichnungen zu: 
Mephistopheles. Ein politisch-satirisches Taschenbuch auf 
das Jahr 1833. Herausgegeben von C. Herloßsohn. Leipzig 

1833. Gr. 80. 

76. Vater Boies und seine Freunde. Blätter aus dem 
Tagebuch eines ehemaligen Thomas-Schülers. (N. Zschr. f. 
Mus., Leipzig 1834, No. 12-18.) 

77. Ludwig lan Beethoven. Vom Verfasser des „Vater 
Doles“ etc. (Ibid. 1834, No. 31—37.) 

78. Händel. Vom Verfasser des „Vater Doles“ etc. (Ibid., 

1834, No. 67—70. 72.) 

79. Berenice. Eine Reminiszenz aus dem Sommer 1833. 
(Der Komet, 1834, No. 69.) 

80. Sebastian Bach und seine Söhne. (Vom Verfasser des 
„Vater Doles“ etc.) (N. Zschr. f. Mus. 1836, No. 21—26, 
43—46, 49, 50, 52.) 

81. Davidsbündlerbriefe. Dresden. März. (Don Giovanni.) 
Unterz.: Fr. Friedrich. (N. Zschr. f. Mus. 1836, No. 26.) 

82. Gluck in Paris. (Vom Verfasser des „Vater Doles“ 
etc.) (N. Zschr. f. Mus., 1836, No. 45—49.) 

83. Jaques Callot. Novelle von J. Lyser. (Vergißmein¬ 
nicht. Ein Taschenbuch. Leipzig 1836.) 

84 a. Tartini. (Phönix, herausgeg. von Ed. Duller, 3. Jahre. 

I. Halbj. 1837.) 

84 b. Dasselbe. (Ortlepp, E., Großes Instrumental-u. Vokal- 
Konzert, Stuttgart 1841, Bd. 9.) 

85 a. Vincenzo Bellini. (Ib. 1837.) 

85b. Dasselbe. (Ortlepp, E., Großes Instrumental u.Vokal- 
Konzert, Stuttgart 1841, Bd. 7.) 

86. Des Onkels erste Liebe. Novellette von J. Burmeister- 
Lyser. (Der Humorist von Saphir, Wien 1837, No. 3, 4, 7, 8.) 

87. Trompeter und Graumännchen. Ein Mährchen. [Enth. 
auch eine Volkssage: Der Trompeter im Trompeterschlö߬ 
chen zu Dresden.] (Der Humorist 1837, No. 104—114.) 

88. An Hertha. (Gedicht für Komposition.) Unterz. 

J. P. Lyser, Dresden. (Ib. 1837, No. 129.) 

89. Joseph Haydns Lehrjahre. Unterzeichnet: Burmeister- 
Lyser. (Phönix, herausgeg. von Ed. Duller, 3. Jahrg., 2. Halb¬ 
jahr 1837, No. 179—182, 184, 186.) 

90. Die Willy. Lithographie v. J. 1836. Nach Heines 
Florentinischen Nächten. (Lewalds Europa 1837.) 

91. Szene aus Euryanthe in Dresden. Wilhelmine Schröder- 
Devrient und Herr Schuster. Lithogr. (Lewalds Europa 1837.) 

92. Robert Schumann und die romantische Schule in Leipzig. 
Der Humorist, Wien 1838, 29. Okt. (Wieder abgedruckt 
in No. 292 dies. Verzeichn.) 

93. Am 25. Sept. 1829 verfertigte Zeichnung zur Harz¬ 
reise von Heinrich Heine. (Europa von A. Lewald 1838 
cf. No. 283 dies. Verz.) 

94- &) Abschied vom Millischauer Berge (7. Juli 1833.) 

b) Gedicht vom 19. Juli 1833. Von J. G. 1 (sic.) T. Lyser. 
(Gedanken und Gedichte aus den Fremdenbüchern in der 
.Sächsischen Schweiz. Gesammelt von J. G. Lehmann. 
Dresden 1838.) 12 0 . 

95- Illuminiertes Titelkupfer zu: Deutsche Volksblumen 

durch Friedr. Goldschmied. Leipzig o. J. (ca. 1838). 8°. 

96. Vogler. Eine Episode aus seinem Jugendleben. Von 
J. P. Lyser. (N. Zschr. f. Mus., 1839, No. 1, 3, 5, 7, 8.) 

97. Johann Schenk. (N. Zschr. f. Mus. 1839, No. 27—30.) 
Dazu Entgegnung von Seyfried. 

98. Der Helgoländer. Novelle von J. P. Lyser. (Cyanen. 
Taschenbuch. Wien und Leipzig 1839.) 

99- Die Schöppenstädter. Bagatelle. (Der Humorist, 1839, 
No. 65-73)-. 

100. Mitteilungen aus Dresden. (Ib. 1839, No. 182.) 

101. Das Musikfest zu Taucha. (Ibid. 1839, No. 226 bis 
2 34-) 

102. Herbstgabe. Ein Taschenbuch auf das Jahr 1839, 
184°, 1841. Von Caroline Leonhardt-Lyser. Meißen 
1839—1841. 8°. 


1 Vom Herausgeber falsch gdes en. 


Enthält: 1839 ? Lithographien von Lyser. 

18 40 7 

1841 4 

103. Luther. In 3 Abteilungen. (N. Zschr. f. Mus., 1840, 
No. 37-46.) 

104. Vetter Kirchhof. Genre-Bild von J. P. Lyser. (Cyanen. 
Taschenbuch. Wien und Leipzig 1840.) 

105. Christoph Teuscher. Ein Nachtstück. (Der Humorist, 
1840, No. 72, 73) 

106. Dorothea. Ein Seestück. (Ib. 1840, No. 89—94, 
96, 97-) 

107. 4 Steinzeichnungen zu: Octavianus Magnus. Ein 

satir. Gedicht von F. A. Gelbcke. Hamburg 1840. 8». 

108. „Die ersten Früchte.“ Illuminiertes Titelkupfer zu: 
Förtsch, J. Chr. K., Ein Jahr auf dem Lande. Leipzig 
ca. 1840. J. Lyser del, J. C. Böhme sc. 

109. Der Meister und der Maestro. Novelle von J. P. Lyser. 
(Orpheus. Wien, 1841.) 

iioa. „Le Duel.“ Ein Capriccio v. J. P. Lyser. (N. Zschr. 
f. Mus., 1841, No. 37.) 

11 o b. Ein Sommertag in Elbflorenz. (Ortlepp, E., Großes 
Instrumental- u. Vokal-Konzert, Stuttgart 1841, Bd. 14.) 

111. Die Sängerin. Novelle von J. P. Lyser. (Orpheus. 
Musikalisches Album für das Jahr 1842. Wien.) 

112. Die Deutsche Oper in Dresden 1842. Eine Skizze. 
(N. Zschr. f. Mus., 1842, No. 14—16.) 

113. Tonkünstler und Virtuosen. (Abendzeitung, 1842.) 
Brief an Schumann vom 4. Febr. 1842. 

114. Die Fahrt in den Rabenauer Grund. Kein Rokoko- 
Bild. (Der Humorist, 1842, No. 174—179.) 

115. Fresko-Sonett. Von J. P. Lyser. (Hansa • Album. 
Halberstadt 1842.) 

116. Drei Tage, oder: Leiden und Freuden. Novelle. 
(Cyanen. Taschenbuch. Wien 1843.) 

117- Zweier Meister Söhne. Eine Erinnerung. (N. Zschr. 
f. Mus. 1844, No. 43, 44) 

118. Der Schauermann. Erzählung. (Gedenke mein! 
Taschenbuch. Wien 1844.) 

119. Artistische Lichtbilder. I. Richard Wagner. (Zeitschr. 
f. Deutschi. Musikvereine und Dilettanten. IV. Band. Karls¬ 
ruhe 1845, S. 240— 2 45-) Gr. 8°. (Wieder abgedruckt in 
Nohl, Das moderne Musikdrama, Wien u. Teschen 1844, 
S. 169—178.) 

120. Mozarts eigene Verdeutschung des Textes „Don Gio¬ 
vanni“ nebst zwei Proben daraus. Mitgeteilt von J. P. Lyser. 
(N. Zschr. f. Mus., 1845, No. 32, 34, 37.) 

121. An der Donau. (Für Kompositen.) Gedicht. (Wiener 
Allg. Musik-Zeitung 1845, No. 42.) 

122. Ein Traum. (Ib. 1845, No. 62.) 

123. Kleine Geschichten aus dem Tagebuche eines wan¬ 
dernden Musikanten. I. Männeli Schaper. (Ibid. 1845, 
No. 69—71.) II. Der Stadtmusikant. (Ibid. No. 93.) 

124 a. Wie wollte Mozart die Tafelszene in „Don Juan “ 
au fg e f a ßt und gegeben haben ? (Ib. 1845, No. 81.) 

124 b. Grabstätte W. A. Mozarts (des Sohnes). Lithographie. 
4°. Beilage zur Wien. Allg. Mus. Zeit. 1845. 

125. Balfe. Nach dem Englischen von J. P. Lyser. (Ib. 

1845, No. 117.) 

126. Hektor Berlioz. Zerstreute Gedanken. (Ib. 1845, 
No. 123.) 

12 1. Kunst und Leben. Novelle. (Ib. 1845, No. 126—128, 
!3o—13 2 -) Hatte ursprünglich den Titel „Hoffmann“ (Brief 
an Robert Schumann vom 14. Nov. 1844.) 

128. Friedrich Rochlitz. Zerstreute Gedanken. (Ib. 1845, 
No. 136, 137.) 

129. Alexander Dreyschock. Eine Skizze. (Ib. 1845, 
No. 155, 156.) 

130. Todte und Lebende. Von J. P. L. I.Heinrich Heine. 
Wiener Zeitschr. f. Kunst, Liter., Theater und Mode. Herausg. 
von G. v. Franck, 1846, No. 210. (Wieder abgedruckt in 
Näßen, Neue Heine-Funde, Leipzig 1898, S. 6f.) 

131. 4 Tonbilder zu: Ein neuer Don Quixote. Komisch¬ 
satirischer Roman von R. F. Müllner. Wien und Leipzig 

1846. 8°. r 

132. Zerstreute Gedanken über das vierte Konzert des 









350 


Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


Alexander Dreyschock. (Wien. Allgem. Musik-Zeitung 1846, 
No. 3, 4 -) 

133. Moderne Lieder für Komposition. I—III. (Ib. 1846, 
No. 16.) 

134. Antwort auf die Bekanntmachung „In Angelegenheit 
eines ungewissen Edgar Mansfeldt, Komponisten aus Schwe¬ 
den“. (Wien. Zeitschr. f. Liter., Theater etc. 1846, No. 79.) 

135. Erinnerungen aus dem deutschen Norden. I. Ham¬ 
burg (1829—1831.) (Der Salon, Mitteilungen aus den 
Kreisen der Literatur etc., herausg. von Siegm. Engländer. 
Wrien 1847. II, S. 23—33. No. I neu abgedruckt in 
Heinrich Heine und Johann Peter Lyser. Von Gustav 
Karpeles. Voss. Zeitg., Berlin 1903, No. 487.) 

136. Miniaturen. (Ib. 1847, p. 121-—124.) 

137. Zur Biographie Mendelssohn-Bartholdys. (Wiener 
Sonntagsblätter. Wien 1847, 5 * Dezember.) Neu abge¬ 
druckt in: Johann Peter Lyser und Felix Mendelssohn- 
Bartholdy. Von Gustav Karpeles. National - Zeitung, Berlin 

4. Okt. 1903, No. 532, Sonntags Beilage. 

138. Franz Morgenroth. Erinnerungen. (Der Humorist, 
1847, No. 224.) 

139. Herbst-Abende. (Ibid. 1847, No. 239.) 

140. Die am?ie häßliche Putzmacherin. Erinnerung. (Ibid. 

1847, No. 246, 247-) 

141. Ein Deklamator. Der Wahrheit nacherzählt. (Ib. 
1847, No. 253.) 

142. Ein Sonntagsmorgen. Von J. P. L. (Ib. 1847, 
No. 264.) 

143. Romeo Baldrians Lieben , oder: Die Schildkröte. 
Novelle. (Der Humorist, 1848, No. 264—268, 270, 273 
bis 276.) 

144. Heinrich Heine, oder: ein Morgenstündchen in Wands¬ 
beck (1830). (Wiener Zeitschr. f. Kunst, Literatur, Theater 
u. Mode, 1848, No. 15, 16.) 

145. Wider Willen. Novelle von J. F. (sic.) Lyser. (Iduna. 
Taschenbuch für 1849. Wien 1849.) 

146. a) Ein Liebesbrief. Novelle von J. P. Lyser. b) Das 
Schwanenmädchen. Ballade von J. P. Lyser. (Gedenke mein. 
Taschenbuch. Wien 1849.) 

147. Ein Neujahrs-Wünschchen. Humoristisches Still¬ 
leben. (Der Humorist und Wiener Punch 1849, No. I, 2, 

5, 6, 10.) 

148. Nordisches Leben. (Ib. 1849, No. 14—22.) 

149. Der Krampus. Eine fabelhafte Begebenheit, welche 
sich in Wien im Jahre 1749 zugetragen hat. (Ibid. 1849, 
No. 39, 41, 44 — 47 , 50 — 54 )- 

150. a) 3 Zeichnungen des Mozarthauses. (In „Mozarts 
Sterbehaus“. Zur Feier des hundertjährigen Geburtstages 
herausgegeben. Wien 1856.) 

b) Mozart-Album. Festgabe zu Mozarts hundert¬ 
jährigem Todestage, am 27. Januar 1856. Herausgegeben 
von Jos. Fried. Kayser. Hamburg 1856.— Hierin: 1. Mo- 
zartiana. Novellenkranz von J. P. Lyser (16 Nummern). 
2. Mozart’s Leben, von J. P. Lyser. 3. Zu J. F. Kayser’s 
„Blüthenkranz aus Mozarts Compositionen“. Erläutert von 
Lyser. 4. Winzer und Sänger, Operette in 1 Aufzuge. 

5. 5 Lithographien und I Holzschnitt-Vignette von Lyser. 

151. Ein Hamburger Schriftsteller vor zwanzig Jahren. 
Tagebuch-Aufzeichnungen. (Deutsche Schriftsteller-Zeitung. 
1888, No. 6, p. 127 ff.) 

152. Gedicht an den todten kleinen Wörrishofer. 1868. 
(Abgedruckt in No. 151 dies. Verz.) 

153. Poetenelend. Auszug aus No. 151. Altonaer Nach¬ 
richten 1888, No. 180. 

154. Kerne Dichtung, sondern Wahrheit. Sonett. Am 

6. August 1869. (Zeise, Erinnerungen eines norddeutschen 
Poeten, Altona 1888, S. 267/8.) 

III. Verschollene und ungedruckte, bezw. nicht 
zu ermittelnde Werke. 

155. Bildnis von Carl Maria v. Weber, ca. 1820. 

156. Karikaturen für den ,,Norddeutschen Courier“ von 
G. A. v. Maltitz. (Erw. in No. 144 dies. Verz.) ca. 1822. 

157. Haasen un Swinegelwettloop. (Hamburg 1828.) 


158. Bildnis von Heinrich Heine, ca. 1828. 

159. Karikaturen von Heine und Wienbarg. ca. 1828. 

160. Beiträge zur Hamburger Lesehalle , teilweise unter 
Pseudonymen. 1828—1830. 

161. Beiträge zur Hamburger Theater-Zeitung, teilweise 
unter Pseudonymen. 1828—1830. 

162. Zeichnungen zu Immermanns Tulifäntchen. 1829. 

163. Zeichnung: Die Braut von Korinth, ca. 1829. (Er¬ 
wähnt in No. 144 dies. Verzeichn.) 

164. Verschiedene Skizzen von Robert Schumann, ca. 1834. 

165. Clara Wieck. Porträt Studie, ca. 1834. 

166. Davidsbiindler-Gruppe. ca. 1834. 

167. Bccthozcn , Adelaide komponierend, ca. 1834. 

16S. Lsola. Operntext (nach Kumohrs „letztem Savello“). 
ca. 1836. 

169 Zeichnungen der Krönungsfeierlichkeiten in Prag. 
1836. (Brief an Robert Schumann vom 2. Okt. 1836.) 

170. C. AI. v. Webers Leben und l Perke. Nach den besten 
und größtenteils bis jetzt noch nicht benutzten Quellen. 
1838. (Brief an Kob. Schumann vom 3. May 1838.) 

171 . Der Maler Paust. (Für Sauerländer in Frankfurt 
geschrieben und gezeichnet.) 1838. (Brief an Rob. Schu¬ 
mann vom 3 - Mai 1838.) 

172. Aufsatz über Robert Schumanns „Myrthen “ in der 
„Abendzeitung“. (Brief an Schumann vom 28. Okt. 1840.) 

173. Aloriz. Novelle. 1840. (Erwähnt im Briefe an Dr- 
August Schmidt, Wien, vom 29. Novemb. 1840.) 

174. Portraits für Freunde der Tonkunst, l. Heft (Mendels¬ 
sohn, Meyerbeer, Schneider, Halevy). 2. Heft (Marschner, 
Spohr, Schumann, Chopin). 1841. (Wegen des Hamburger 
Brandes nicht erschienen.) 

175. Feuilleton der „Abendzeitung“. Dresden 1841—1842. 

176. Pergolese. Novellette. 1842. (Brief an Rob. Schu¬ 
mann, vom 18. Jan. 1842.) 

177. 6 Zeichnungen: Richard Wagn r als Dirigent, (ca. 
1S43.) 

178. Aufsatz über Karl Immermann. ca. 1844. (Erwähnt 
in No. 117 dieses Verzeichn.) 

179. Ausgemalte Zeichnung zu „Don Giovanni 1S44. 
(Brief an Schumann vom 14. Nov. 1844.) 

180. Faschingsskizzen Jür Daums Elysium. (Wiener Ver¬ 
gnügungslokal). Wien, ca. 1845—1848. 

181. Über die deutsche Oper. Aufsatz. 1846. (Erwähnt 
in einem Briefe an Giacomo Meyerbeer vom 24. Dezember 
1846.) 

182. Über die Aufführung des „Ilans Heiling “ im Kämt- 
nertortheater. 1846. (Erwähnt in „Wiener Allgem. Musik- 
Zeitung“, 1846, No. 44 45.) 

183. Beiträge zur „Gegenwart“. Wien 1846 <T. 

184. Beiträge zur Wiener Zeitschrift für Literatur, Kunst, 
Theater und Mode. 1846 ff. 

185. Beiträge zu L. A. Frankls Sonntagsblältern. Wien 
1846 ff. 

186. Bilderbogen für Meßbuden (in Wien ca. 1847 ff). 

187. Zeichnungen und Karikaturen für Balladen und 
Märchen von Gustav Pick. Wien 1847. (Erwähnt in No. 284 
dies. Verz.) 

188. Iwan der Furchtbare. Drama in 5 Akten. 1847. 

189. Aufsätze für die „Parole“. Wien 1848. (Erwähnt 
in No. 284 dies. Verz.) 

190. Verschiedene Porträts von National-Gardisten. Wien 
1848. (Erwähnt in No. 284 dies. Verz.) 

191. Geschichtliche Abhandlung über Rußland, von Peter 
dem Großen bis Nikolaus I. ca. 1852. (Altonaer Postillion 
von Theodor Sievers.) (Erwähnt in No. 284 dies. Verz.) 

192. Beiträge zum „Freischütz“. Hamburg 1852ff. 

193. Beiträge zum Tiiester Lloyd. 1852fr. 

194. Beiträge zur Zeitschrift „Omnibus“. Hamburg 1852ff. 

195. Beiträge zur „ Reform “. Hamburg 1852 fr. 

196. Beiträge zu den „Jahreszeiten“. Hamburg 1852fr. 

197. Bassi. (Erwähnt in einem Briefe Lysers an F. Mehl 
vom 19. Okt. 1855.) Orig. i. d. Kgl. Bibi, zu Berlin. 

198. Mozart-Album. Bilder und Text. Hamburg 1856. 
Inzwischen aufgefunden, cf. No. 150 b dies. Verz. 

199. Die Leiden eines schwarzen Schaf bocks. Posse. Altona 
1862. (Erwähnt in No. 269 dies. Verz.) 



Hirschberg, Johann Peter Lyser. 


351 


200. Die Ermordung Lincolns. Schauspiel, für das Theater 
auf dem Hamburger Berg verfaßt, ca. 1866. (Mitgeteilt 
in No. 296 dies. Verz.) 

201. Timm Thode. Theaterstück. 1867. 

202. Paul Jonas (oder Jones). Theaterstück. 1867. 

203. Wilhelm Lange. (Für ein Hamb. Vorstadt-Theater.) 

1867. 

204. Elena. (Für ein Hamb. Vorstadt-Theater.) 1867. 

205. Galathe. Vaudeville. (Für ein Hamb. Vorstadt- 
Theater.) 1867. 

206. Der Graf von Gleichen item: Blaubart. Burleske 
Operette ä la Offenbach. 1867. 

207. Paris und Mexiko. Vaudeville. 1867. 

207 a. Bilder zu „Paris und Mexiko“. 1867. 

207 b. Komödienzettel und Annonce zu „Paris und Mexiko“. 
1867. 

208. Sonett für seinen Schwager Bollmann. 1867. 

209. Vier geharnischte Lieder. I. An des deutsche Volk. 
2. An das preußische Abgeordnetenhaus. 3. An Beust. 
4. Das Konkordat. 1867. 

210. Altonas Eigenthümlichkeiten. Gedicht. 1867. 

211. Der Teufel zu Hamburg. Gedicht. 1867. 

212. Der Schlachter auf Reisen. Gedicht. 1867. 

213. Gedicht: Die närrische Welt. 1867. 

214. Die drei Bummler. Gedicht. 1867. 

215. Der Deklamator. Soloscherz. 1867. 

216. Porträt Elisens (?). 1867. 

217. Gedicht an Napoleon ILI. 1867. 

218. Whitehaven. 1867. 

219. Brief nach Schleswig an das Taubstummeninstitut. 

1867. 

220. Prolog zu „Wilhelm Lange“. 1868. 

221. Aschenbrödel. Dram. Märchen. 1868. 

222. Vulkan und Venus. Burleske. 1868. 

223. Venus Aphrodite. Burleske. 1868. 

224. Neues Antrittslied der Venus. 1868. 

225. Tulifäntchen. Solomärchen. 1868. 

226. Das erste Debüt. Soloscherz für das Hamburger 
Wulffken-Theater. 1868. (?) 

227. Sapho. Burleske. 1868. 

228. John Marley, der Einsiedler. „Effektdrama“. 1868. 

229. Grazioso. Vaudeville. 1868. 

230. Die kleine Bettlerin. Dramolet. 1868. 

231. Der Lenz. Gedicht. 1868. 

232. Lenzprolog. (Für Mary Wülffken.) 1868. 

233. Gedicht zur Eröffnung desTivoli. (Zwischenaktszeitung 
April 1868.) 

234. Gedicht (für Gaudelius). 1868. 

235. Gedichte an den Sänger Theodor Wachtel. 1868. 

236. Einsame Stunden. Gedicht. 1868. 

237. Gedicht für Köster. 1868. 

238. Gedicht für „J. S. Meyer“. 27. April 1868. 

239. Gedicht an den Kronprinzen. 1868. 

240. Mariechen-Album. 1868. 

241. Die Tauben. Gedicht. (Fremdenblatt, Hamburg, 
19. Januar 1868.) 

242. 2 Gedichte für „Semmy“. 26. Apr. 1868. 

243. Gedicht an die Geschworenen. 1868. 

244. Es werde Licht! Gedicht. 1868. 

245. Beethoven, Feuilleton. 1868. 

246. Alexander Dreyschock. Aufsatz. 1868. 

247. Komponist und Dichter. Aufsatz. 1868. 

248. Geschichte des Tivoli in Altona. 1868. 

249. Über das Altonaer Stadt-Theater. (Zwischenakts- 
zeitung April 1868.) 

25°. Bemerkungen über Franz Schuberts ..Müllerlieder“. 

1868. 

251. Eine Künstlerhalle auf St. Pauli. 1868. 

252. Eine Novelle für „Semmy“. 1868. 

2 53 - Bettelbriefe an die dänischen und schwedischen Maje¬ 
stäten für Gaudelius. 1868. 

2 54 - Zeichnungen zu Franz Schuberts „Müllerliedern“. 
1868. 

2 55 - Porträt „in der Friedrichstraße“. 1868. 

256. Porträt des „jüngsten Zwillingsmädchens“. 1868. 
2 57 - Porträt des toten kleinen Otto Wörrishofer. 1868. 


258. Karikatur für Bätjer. 27. Januar 1868. 

259. Floribella. Lustspiel. 

260. Jolanthe. Operntext. 

261. Romeo und Julia. Operntext. 

262. Vignetten zu Musikalien. 

IV. Literatur über Lyser. 

263. Alberli, Ed., Lexikon der Schleswig-Holstein-Lauen¬ 
burg und Eutinischen Schriftsteller. Kiel 1867, I. Abt. 

S. 569 f. 

264. Beyer, C. Friedrich Rückert. Frankfurt a. M. 1888, 
S. II 3 f. 

265. Brümmer, F. Deutsches Dichter-Lexikon. Eichstätt 
und Stuttgart 1876, Bd. I, S. 545. 

266. Erler, H. Robert Schumanns Leben. 2. Aufl. Berlin 
1887. Bd. 1, S. 52, 92, 185, 186, 189. 

267. Felis, F. J. Biogr. univers. des musiciens. Paris 
1863, T. V, S. 3S6. 

268. Frimmel Th. Neue Beethoveniana. Wien 1888, 
S. 278—282, 305, 321. 

269. Gaedertz, K. Th. Die plattdeutsche Komödie im 
19. Jahrhundert. Hamburg 1894, S. I03ff. 

270. Gaedertz, K. Th. Bei Goethe zu Gaste. Leipzig 1900, 
S. 371. 

271. fGutzkow, K.) Dr. le Petits ausführliche Erklärung 
der Hogarthischen Kupferstiche etc. Herausgeg. von Karl 
Gutzkow. 14. Lief. Göttingen 1835, S. III. 

272. Heine, H. Der Salon. 3. Band. Hamburg 1837, 
S. 45 ff- 

273. Heine, H. Sämtl. Werke. Bd. XXII, Hamburg 
1876, S. 394- 

274. Houben, //. H. Emil Devrient. Frankfurt a. M. 1903, 
S. 21, 47. 

275. Der Humorist. Zeitschrift von Saphir. Wien 1842. 
S. 1007. 

276. Jansen, F. G. Die Davidsbündler. Leipzig 1883. 
S. 14—16, 29, 32, 169, 170, 219, 226, 240. 

277. Karpeles, G. Heinrich Heine und seine Zeitgenossen. 
Berlin 1888, S. 137. 

278. Karpeles, G. Heinrich Heine aus seinem Leben und 
seiner Zeit. Leipzig 1899, S. 280, 317. 

279. Karpeles, G. Der taube Maler. Neues Wiener 
Tageblatt, 1903, No. 271. 

280. Karpeles, G. Heinrich Heine und Johann Peter 
Lyser. Voss. Zeitg., 1903, No. 487. 

281. Karpeles, G. Johann Peter Lyser und Felix Mendels¬ 
sohn-Bartholdy. Nation.-Zeitg., 1903, No. 532. 

282. Kurz, H. Geschichte der neuesten deutschen Literatur. 
3. Aufl. Leipzig 1874, S. 50, 675. 

283. Lewald, A. Aquarelle aus dem Leben. 2. Teil. 
Mannheim 1836, S. 112. 

284. Ly<er, Gustav (Sohn Lysers). Die Wiener Revolution 
von 1848. Jowa Reform (Dakota, Unit. St.) 1902, No. 16 ff. 

285. Musik, Die. Berlin u. Leipzig 1902, H. 6, S. 479. 

286. No hl, L. Das moderne Musikdrama. Wien und 
Teschen 1884, S. 169 ff. 

287. Penn, H. Erinnerungen an Mozart. (N. Zeitschr. f. 
Mus., 1886, No. 41, p. 443.) 

288. Phönix, herausgeg. von Ed. Duller 1837, No. 261. 
1838, No. 148, 154. 

289 a. Schmidt, Aug. Bekanntmachung in Angelegenheit 
eines ungewissen Hrn. Edgar Mansfeldt, Komponisten aus 
Schweden. (Wiener Allg. Musik-Zeit., 1846, No. 36.) 

289b. Schmidt, Aug. Beleuchtung der Angelegenheiten, 
einen Komponisten Edgar Mansfeldt betreffend, überhaupt, 
und zugleich der Erklärung und Erwiderung der II. H. 
J. P. Lyser und Conrad Löffler. (Wiener Allg. Musik- 
Zeitung 1846, No. 44, 45.) 

289 c. In causa der H. H. Löffler und Lyser contra den 
Redakteur der Musik-Zeitung Dr. A. Schmidt. (Wiener Allg. 
Musik-Zeitung 1846, No. 44, 45.) 

289 d. Schmidt, Aug. Abfertigung und letztes Wort an 
Herrn J. P. Lyser. (Wiener Allg. Musik-Zeit., 1846, No. 50.) 

290. Schröder, H. Lexikon der Hamburger Schriftsteller. 
Hamburg 1866, Bd. 4, S. 616 f. 



352 


Chronik. 


291. Schumann, R. Jugendbriefe. Leipzig 1885, S. 229. 

292. Schumann, R. Gesammelte Schriften über Musik 
und Musiker. 4. Aufl., herausgegeben von F. G. Jansen. Leipzig 
1891. ßd. 1, S. 314. Bd. 2, S. 511—514. 

293. Strodtmann, H. Heinrich Heines Leben und Werke. 
Berlin 1867/1S69, Bd. 2, S. 192. 


294. Wasielewski, IV, J. v. Robert Schumann. 3. Aufl. 
Leipzig 1887, S. 87, 88, 139. 

295. Wienbarg, L. Wanderungen durch den Tierkreis. 
Hamburg 1833, S. 151. 

296. Zeise, II. Aus dem Leben und den Erinnerungen 
eines norddeutschen Poeten. Altona 1888, S. 255, 261, 
262, 264—267. 



Chronik. 


Vier nette Kuriositäten-Bibliographien . Bayrischer 
Hiesel. Amazonen-Literatur. Halsbandprozeß und Ca- 
gliostro. Bibliotheca selecta erotico-curiosa Dresdensis. 
Sämtlich zum ersten Male übersichtlich zusammen¬ 
gestellt von Hugo Hayn. Jena 1905. H. W. Schmidts 
Verlagsbuchhandlung (Gustav Tauscher). 

Zwei Jahrzehnte ist es her, seit Hugo Hayn, der 
ausgezeichnetste praktische Kenner der ausgedehnten 
erotischen und einer der nennenswertesten Gewährs¬ 
männer der arg verzettelten ..kuriosen 1 ' Literatur, seiner 
„Bibliotheca Germanorum erotica“ in der 2. Auflage 
die umfängliche und angesichts der Unmasse schwer 
kontrollierbarer Buchtitel in der Hauptsache verlä߬ 
liche Gestalt gab, die jetzt und wohl immerdar jedem 
Interessenten ein unvermeidliches Orakel sein wird, zu¬ 
gleich dem Sucher durch Angabe der Berliner und 
Münchner Signaturen und dem Käufer durch Angabe 
vieler Antiquar- und Auktionspreise äußerst wertvoll. 
Dann hat der in böse Verhältnisse geratene Bücher¬ 
registrator eine lange Serie bibliographischer Listen 
über die Gesamtliteratur der verschiedensten merk¬ 
würdigen literar- und kulturhistorischen Themata in 
fertiger handschriftlicher Zettelkatalogform ausgeboten, 
und es ist jammervoll, wie diese sorgsamen Unter¬ 
lagen für Sammlungen und Studien im Reiche der 
Bücher- und Kuriositätenliebhaberei sittengeschicht¬ 
lichen Kalibers großenteils, scheint’s, versunken und 
vergessen, keinesfalls aber in die rechte Schmiede ge¬ 
langt sein dürften. 

Wenn wir nun auch Hugo Hayn, seitdem er vor 
einer Reihe von Jahren aus seiner elenden Mansarde 
im Thal zu München nach Dresden übergesiedelt war, 
fast aus den Augen verloren und uns meist nur beim 
häufigen Gebrauche seiner mannigfachen Nachschlage- 
hilfsmittel des fleißigen und kundigen Mannes erinnert 


hatten, so begrüßen wir doch ungesäumt die gedruckten 
vier Bündel aus seiner Fülle bibliographischer Konvo¬ 
lute in dem nach langer literarischer Pause hervor¬ 
getretenen Bändchen freudigst als Beweis dafür, daß das 
studentische „hei lewet noch“ gottlob auch von dem 
guten Sechziger gilt. Es soll beim heutigen Anlasse 
nicht der Versuch gemacht werden, den im Druck vor¬ 
gelegten vier Verzeichnissen gleichsam auf den Zahn 
zu fühlen, hie oder da ein chronologisches Fragezeichen 
an den Rand zu setzen, dort irgendwelchen Be¬ 
standteil einer Aufschrift zu beanstanden oder ein paar 
Lücken aufzustochern. Mit solchen billigen Mätzchen, 
mit denen manche Referenten von Büchern aus dem 
Felde der Literarhistorie viel Aufhebens machen, ist 
den ins Auge gefaßten Benutzern wenig gedient. Ich 
hebe darum hier lediglich hervor, daß die Anlage dieses 
neuen Büchleins im ganzen alle rühmlichen Vorzüge 
jener älteren Haynschen Veröffentlichungen, trägt, auch 
gleich jenen in ihren ersten drei Abschnitten eine Menge 
willkommener Notizen über äußere Beschaffenheit, 
Häufigkeit des Vorkommens, Preise, Inhalt, Bedeutung 
der Titelangaben anhängt. Endlich bringt das vierte 
Stück dieses bibliographischen Kranzes eine „Biblio¬ 
theca selecta erotico-curiosa. Seltene deutsche Curiosa, 
Erotica, Gynaecologica und Sexualia in der Königlichen 
öffentlichen Bibliothek zu Dresden, mit Angabe der 
Standortssignaturen.“ In dieser vom XVI. bis ins XIX. 
Jahrhundert reichenden Auslese bezeichnender und ver¬ 
schiedenartiger Schriften aus dem einschlägigen Be¬ 
sitze der reichen Dresdner Bibliothek liefert Hayn einen 
vielfach verwertbaren Führer, der auch als Nachschlage- 
liste wie als kurzweilige Lektüre des Freundes seltsamer 
Bücher dienen kann. 


München. 


Ludwig Fränkel. 


Nachdruck verboten. — Alle Rechte Vorbehalten. 

Für die Redaktion verantwortlich: Fedor von Zobel titz in Berlin W. 15. 

Alle Sendungen redaktioneller Natur an dessen Adresse erbeten. 

Gedruckt von W. Drugulin in Leipzig für Velhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig auf Papier der Neuen Pap i er-Manufakt ur 

in Straßburg i. E. 

















ZEITSCHRIFT 

FÜR 

BÜCHERFREUNDE. 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz. 

io. Jahrgang 1906/1907. _ Heft 9: Dezember 1906. 


Aus dem Leben Heinrich Laubes. 

Episoden und Briefe. 

Mitgeteilt von 

Dr. H. H. Ho üben in Berlin. 


einrich Laube würde sehr un¬ 
gehalten sein, wenn er diese 
Mitteilungen im Jahre der 
hundertsten Wiederkehr seines 
Geburtstages zu lesen bekäme. 
Er war stets ein Feind der 
' Literaturgeschichte, die sich nicht bei den eignen 
Versicherungen ihrer Objekte beruhigt, sondern 
Herz und Nieren zu prüfen sich unterfängt und 
erst, wenn sie jede Muskel sauber präpariert hat, 
die einzelnen Glieder wieder zu einem Gebilde 
zusammenfügt, das, je nach der künstlerischen 
Fähigkeit des Bildners, Leben der Vergangenheit 
neu beseelen soll. Laube war sehr unangenehm 
überrascht, als Anfang der siebziger Jahre Lud¬ 
milla Assing, nachdem sie, schlecht beraten 
und ungeschickt genug, ihres Onkels Varn- 
hagen Briefschatz geplündert hatte, auch des 
Fürsten von Pückler-Muskau Nachlaß, der ihr 
testamentarisch zugefallen war, in geschäftlicher 
Hast auf den Markt brachte und dabei den 
umfangreichen Briefwechsel Laubes mit seinem 
fürstlichen Freunde drucken ließ. Man kann 
seinen Ärger verstehen, da ihm dies bei leben¬ 
digem Leibe widerfuhr. Aber auch die Ver¬ 
öffentlichung der Briefe Verstorbener behagte 
ihm nur selten. Die umfangreiche Goethe- 
z. f. B. 1906/1907. 


literatur hielt er zum größten Teile für höchst 
überflüssig; und doch hatte er selbst einmal 
eine Sammlung von Goethebriefen publiziert. 
In seinen ^Neuen Reisenovellen“ (II. Band, 
S. 153ff.) hatte er 1837 zuerst die Briefe Goe¬ 
thes an den Philologen Friedrich August Wolf 
bekannt gegeben, allerdings nur in einer 
„Blumenlese“. Varnhagen hatte ihm diese 
Briefe, die der Adressat seiner pietätvollen 
Sorge anvertraut, überlassen, und dem Ver¬ 
fasser dieser „Reisenovellen“, die ihn wirklich 
im September 1835 nach Weimar und in das 
Goethehaus geführt hatten, waren sie recht 
gelegen gekommen, da sie geeignet waren, 
das etwas bedenkliche Renommee dieser seiner 
Bücher bei den Zensurbehörden aufzubessern 
und seiner ganzen Schriftstellerei den Anschein 
zu geben, als ob sie nach den bisherigen per¬ 
sönlichen Ausschreitungen nunmehr einer histo¬ 
risch-objektiven Betätigung zustrebe. Sich selbst 
hätte Laube für zu unwichtig gehalten, als daß 
die Nachwelt an dem Detail seines Wirkens 
Interesse nehmen oder dies Wirken selbst zum 
Gegenstand gar ihres Studiums machen könnte: 
eine Bescheidenheit, die ihm eigentlich nicht 
ähnlich sieht. Und doch hat er sie in Wirk¬ 
lichkeit besessen. Er spricht einmal davon, 

45 
















354 


Houben, Aus dem Leben Heinrich Laubes. 


daß der Briefwechsel, den er bei der Gründung 
des Wiener Stadttheaters mit seinem, die deut¬ 
schen Theater bereisenden und geeignete Schau¬ 
spielkräfte suchenden Vortragsmeister Alexan¬ 
der Strakosch führte, ein interessantes Stück 
Theatergeschichte enthalte, und dieser wird 
denn wohl auch noch einmal zutage kommen; 
was zwar bisher davon bekannt geworden, ent¬ 
täuscht auch die bescheidensten Erwartungen. 
Im übrigen aber brauchte er in sehr rück¬ 
sichtsloser Weise den Papierkorb, in den alles 
wanderte, was nicht ganz besondere, meist ge¬ 
schäftliche Konsequenzen haben konnte, und 
wäre nicht seine Gattin gewesen, die hier sorg¬ 
samere Auskehr hielt, so wäre wohl an solchen 
verbrieften Dokumenten zu Laubes Nachruhm 
nicht viel übrig geblieben. Frau Iduna aber 
dachte weiter und sammelte, was ihr wert er¬ 
schien, zum Teil ohne Wissen des Gatten. 
Leider wurde auch ihre gute Absicht durch¬ 
kreuzt und ein großer Teil des handschrift¬ 
lichen Nachlasses ist bei einem Hausbrande in 
Flammen aufgegangen. Über manches, was 
dennoch erhalten wurde, habe ich in meiner 
eben erschienenen Laube-Biographie, die den 
ersten Band seiner dramatischen „Ausgewählten 
Werke“ 1 bildet, bereits Mitteilungen machen 
können. 

Am schlimmsten steht es um die erste 
Lebenshälfte Laubes. Aus dieser Zeit, wo 
sich sein persönlicher und schriftstellerischer 
Charakter entwickelt und die daher für den 
Psychologen immer die anziehendere bleiben 
wird, hat nur weniges sich herüber gerettet. 
Im Jahre 1840 schlug Laube einmal dem Re¬ 
dakteur der „Allgemeinen Zeitung“, Gustav 
Kolb, vor, eine ausführliche Darstellung des 
„Jungen Deutschlands“ zu veröffentlichen; an 
Kolbs Bedenken oder Indifferenz scheiterte der 
Plan, dessen Ausführung gewiß eine Reihe wert¬ 
voller Dokumente erhalten hätte; die Ereignisse 
lagen ja erst fünf Jahre zurück, die Beteiligten 
lebten noch alle und hätten gewiß sehr aus¬ 
führlich Rede und Antwort gestanden, und wir 
wären besser bekannt geworden mit einer Zeit, 
die ob ihres wogenden Reichtums an An¬ 
regungen auf allen Gebieten immer eine wichtige 
Periode unsrer literarischen Entwicklung sein wird. 


Aus dieser ersten Lebenshälfte sollen hier 
einige Mitteilungen gemacht werden, die etappen¬ 
weise durch Laubes Werdegang führen und 
ganze Strecken seines Lebens, das noch in 
manchen Punkten der Klärung bedarf, zu er¬ 
hellen geeignet erscheinen. Sie erstrecken sich 
über zehn Jahre seiner Tätigkeit, und fuhren 
an Hand ungedruckter Briefe und neuer Fest¬ 
stellungen von seinem ersten unmittelbaren Ein¬ 
tritt in die Literatur und in die mehr als pro¬ 
vinzielle Öffentlichkeit bis zu der ersten Höhe 
seines Lebens, wo der Dramatiker sich ent¬ 
wickelte, um dann neun Jahre später als der 
gereifte Dramaturg seine Bestallung als Direk¬ 
tor des Wiener Burgtheaters zu erhalten. 

I. 

Von Jäschkowitz nach Leipzig. 

Die erste bedeutende Station in Laubes 
Leben ist sein Aufenthalt in Leipzig und seine 
dortige Redaktion der „Zeitung für die elegante 
Welt“ in den Jahren 1833 unc ^ 1834. Vor 
Jahresfrist habe ich an dieser Stelle das Mani¬ 
fest wiedergeben können, mit dem der neue 
Jahrgang der „Eleganten“ von Redakteur und 
Verleger eröffnet wurde, und zur Charakteristik 
des Jugendfreundes „Fähndrich Pistol“ wurde 
auch Laubes erste Breslauer Zeit in kurzen 
Umrissen skizziert. Die Herausgabe der Ver¬ 
einszeitschrift „Aurora“, die Theaterkritiken für 
die „Breslauer Zeitung“ und die „Schlesische 
Zeitung“, und die erste Aufführung einer Posse 
„Nicolo Zaganini“ und eines ersten Trauerspiels 
„Gustav Adolph“ waren nicht viel mehr als 
Studentenstreiche gewesen, die natürlich von 
einem gewissen Talente Zeugnis gaben, aber 
noch keineswegs als Symptome eines ernst¬ 
haften Berufes aufgefaßt wurden. Die Juli¬ 
revolution riß vielmehr den bisherigen Theo¬ 
logen auf das Gebiet der Politik und Geschichte 
hinüber. Aber in dem bescheidenen Bewußt¬ 
sein, daß sein plötzlicher Enthusiasmus der 
eigentlichen Grundlage entbehre, daß ihm für 
die Würdigung der Ereignisse des Jahres 1830 
alle historischen Vorkenntnisse mangelten, be¬ 
schloß er, zunächst noch einige Zeit an dieses 
Studium zu setzen, und da er in Breslau keinen 


1 Die bei Max Hesse in Leipzig erschienene Ausgabe in zehn Bänden umfaßt eine Auswahl der Dramen Laubes, 
seine dramaturgischen Schriften mit Einschluß der „Briefe über das deutsche Theater“ und seine sämtlichen Erinnerungen 
mit allen, zum Teil noch ungedruckten Nachträgen. 





Houben, Aus dem Leben Heinrich Laubes. 


355 


Ausweg sah, diese Frist zu bestehen, zog er 
sich auf eine Hauslehrerei zurück. Vom Juli 
1830 ab war er als Erzieher in Kottwitz und 
vom Sommer 1831 in gleicher Eigenschaft auf 
dem Rittergute Jäschkowitz, nicht allzu fern 
von Breslau. Im ersteren Orte hatte er den 
polnischen Krieg als Zuschauer mitgemacht, 
und dieser hatte seinen historischen Studien 
eine bestimmte Richtung gegeben. Die Frucht 
dieser Beschäftigung war das Buch über Polen, 
der erste Teil des „Neuen Jahrhunderts“, das 
in Jäschkowitz geschrieben, in Leipzig und dann 
auf einer Badereise in Karlsbad ergänzt, über¬ 
arbeitet und abgeschlossen wurde. Jäschkowitz 
war die letzte Station vor Leipzig, und schon 
von dort aus hatte Laube, da er sich von der 
Theologie endgültig gelöst, literarische Ver¬ 
bindungen angeknüpft, die ihm später, wenn 
er ihnen allein nachging, von Nutzen sein 
sollten. Die zweite Hauslehrerschaft versprach 
bei der Verschiedenheit der politischen An¬ 
schauungen, die Prinzipal und Hauslehrer trenn¬ 
ten, keinen langen Bestand, und bereits am 
7. September 1831 wandte sich Laube an den 
Leipziger Verleger Brockhaus, sich ihm zu 
einem durch den Abgang des Dr. Hermes frei¬ 
gewordenen Posten im Geschäft dieses Verlags 
anzutragen. In erster Linie kam wohl eine 
redaktionelle Tätigkeit bei den damals stark 
verbreiteten „Blättern für literarische Unter¬ 
haltung“ in Betracht, und sie wurden denn auch 
wirklich die Brücke von Jäschkowitz nach 
Leipzig. 

Ich verdanke es dem liebenswürdigen Ent¬ 
gegenkommen dieses Verlags und im beson¬ 
deren des Herrn Albert Brockhaus , daß ich im 
folgenden genaue Mitteilungen machen kann 
über Laubes Beiträge zu der genannten Zeit¬ 
schrift und über seine damalige Korrespondenz 
mit dem Verlag, und da beides weit reich¬ 
haltiger ist, als bisher anzunehmen war, so ge¬ 
winnen wir einen wichtigen Schlüssel zu Laubes 
erster Entwicklung und einen mannigfaltigen 
Inhalt für die Zeit, in denen Laubes erste 
Schriften entstanden sind. Am 19. September 
hatte Brockhaus dem jungen Fremdling er¬ 
munternd geantwortet, ihn zu Beiträgen für 
seine Zeitschrift aufgefordert, aber ihm aus¬ 
drücklich abgeraten, dieserhalb nach Leipzig 
überzusiedeln; doch dieser Gedanke der Über¬ 
siedelung ließ Laube nicht los, er tauchte immer 


wieder in ihm auf und wurde auch nach drei¬ 
viertel Jahren ins Werk gesetzt. Der nächste 
Brief Laubes, der von Probeaufsätzen für die 
„Blätter für literarische Unterhaltung“ begleitet 
war, ist nicht vorhanden. Wir haben von ihm 
nur Nachricht durch ein späteres Schreiben 
vom 16. Februar 1832; er fragte darin nach 
dem Schicksal seiner früheren Sendung und 
sandte zugleich eine Kritik über den Roman 
„Malcolm“ von Henrik Steffens, der „in hie¬ 
sigen Blättern unverschämt gelobt“ worden sei. 
Diese Kritik wurde jedoch nicht gedruckt. Un¬ 
mittelbar darauf aber setzt die stattliche Reihe 
der Beiträge Laubes für jene Zeitschrift ein. 
Die Rezensenten der „Blätter für literarische 
Unterhaltung“ pflegten ihre Kritiken mit Zahlen 
zu unterzeichnen, die noch dazu jedes Jahr 
wechselten. Es ist also nur dem Zufall oder 
dem Archiv des Brockhausschen Verlags mög¬ 
lich, diese ungeheure Masse von anonymen 
Aufsätzen ihren wirklichen Verfassern zuzu¬ 
weisen, und die zuverlässige Registratur dieser 
Verlagshandlung ist denn auch mir zu Hilfe 
gekommen. Laube war als Mitarbeiter der 
Zeitschrift mit den Rezensentennummern 78, 113 
und 157 bedacht worden und vom März 1832 
ab laufen seine Arbeiten. Ich gebe zunächst 
ihr Verzeichnis und halte mich dann an die 
begleitende Korrespondenz und an die all¬ 
gemeinem Resultate, die sich aus der Kennt¬ 
nis der Laubeschen Beiträge für seine Bio¬ 
graphie und seine Denkungsart ergeben. 

Blätter für literarische Unterhaltung 1832. 

Nr. 67/8. 7J8. März: Berliner politisches Wochen¬ 
blatt. — Redacteur: Prof. Dr. Jarcke. 78 

Nr. 84. 24. März: Portrait von Europa. Gezeichnet 

von einem alten Staatsmann außer Diensten, und heraus¬ 
gegeben von Prof. Krug in Leipzig. 78 

Nr. 120. 29. April: Magazin für die Literatur des 
Auslandes, ein Beiblatt der Preußischen Staatszeitung. 

78 

Nr. 142. 21. Mai: Kaspar Hauser. Drei Schriften 
von Schmidt von Lübeck, A. von Feuerbach, G. F. Dau¬ 
men 1832. 78 

Nr. 146. 25. Mai: Tagebuch eines Neuvermählten 
auf seiner Hochzeitsreise an den Bodensee und in einen 
Theil der Schweiz, in Briefen an einen Freund. Stutt¬ 
gart 1832. 113 

Nr. 149. 28. Mai: Le Parnasse frangais du dix- 
neuvieme siede, Oeuvres poetiques d’Alphonse de La¬ 
martine, Casimir Delavigne et P. I. de Beranger. 1832. 

78 



356 


Houben, Aus dem Leben Heinrich Laubes. 


Nr. 151. 30. Mai: Trifolium. Über Prophetismus, 
Zahlensymbolik und Bücherreiz, von M. Frankel. 1832. 

U3 

Nr. 155. 3. Juni: Zerstreute Blätter aus den Hand- 
und Hülfsacten eines Juristen. Plerausgegeben von 
K. F. Göschei. 1832. 78 

Nr. 160. 8. Juni: Scherz und Ernst zur Charakteristik 
unserer Zeit, von J. Weitzel. 1830. 78 

Nr. 162. 10. Juni: Scheidemünze, ein Taschenbuch 
für Jedermann. Oder: Fünftausend neue deutsche 
Sprüchwörter. Von K. F. W. Wander. 1832. 113 

Nr. 165. 13. Juni: 1. Ansichten des politischen Zu¬ 
standes von Europa, nebst einer Geschichte der bel¬ 
gischen Revolution bis April 1831. Vom preußischen 
Obersten von Schepeler. 1831. 

2. Fortsetzung der politischen Ansichten und der bei 
gischen Revolution. 1831. 

3. Jetzt! Taschenbuch der Zeitgeschichte für 1832. 

Von J. F. Schneller. 1832. 78 

Nr. 170. 18. Juni: Passionsblumen und wilde Rosen, 
von H. G. Zehner. Mit einem Vorwort von Ch. E. Graf 
von Bentzel-Sternau. 1831. 113 

Nr. 174. 22. Juni: Blätter aus Prevorst. Originalien 
und Lesefrüchte für Freunde des innern Lebens, mit- 
getheilt von dem Herausgeber der Seherin von Prevorst. 
Erste Sammlung. 1831. 113 

Nr. 178. 26. Juni: 1. Der Thron der Gnade . . . von 
F. W. Krummacher. 1832. 

2. Abendblätter, ein Taschenbuch für Freunde der 
christlichen Gedanken- und Gefühlswelt von S. A. C. 
Sommer. 1832. 

3. Blätter der Erbauung und des Nachdenkens, ge¬ 
sammelt von G. V. Keller. 1832. 113 

Nr. 180. 28. Juni: Schattenrisse aus Giulio’s Leben. 
Herausgegeben von Th. H. Grafen von Heusenstamm. 
1832. 1 13 

Nr. 196. 14. Juli: Das sittliche Verdienst im Lichte 
der Philosophie und des Christenthums, betrachtet von 
Andreas Neubig. 1832. 113 

Nr. 229. 16. August: Clemens von Alexandrien als 
Philosoph und Dichter. Ein patristischer Versuch von 
F. R. Eylert. 1832. 113 

Nr. 235. 22. August: Memoiren von Anton Galotti, 
drei Mal zum Tode verurtheilten italienischen Offizier. 
In französischer Sprache herausgegeben und mit histo¬ 
rischen Actenstücken belegt von S. Vechiarelli. 1832. 

78 

Nr. 240. 27. August: Briefe des Muretius in drei 
Büchern, übersetzt und mit Anmerkungen begleitet von 
Albrecht Roder. 1832. 113 

Nr. 261/3. 17./9.September: 1. Deutschlands Einheit 
durch Nationalrepräsentation. Von Wilhelm Schulz. 
1832. 

2. Ueber die politischen und bürgerlichen Reformen 
und den Entwurf eines Staatsgrundgesetzes für Ha- 
nover, von G. F. König. 1832. 78 

Nr. 278. 4. Oktober: Die allgemeine Staatswissen¬ 
schaft, oder das reine Natur-, Staats- und Völker-Recht, 
für Gebildete, von August Arnold. Erste Abtheilung: 
Von den Grundbestandtheilenund der Form des Staats. 
1831. 78 


Nr. 281. 7. Oktober: Die platonische Aesthetik. Dar¬ 
gestellt von Arnold Rüge. 1832. 113 

Nr. 297. 23. Oktober: Eine Stimme aus Ungarn. 
Hamburg. 1832. 78 

Nr. 302/3. 28. /g. Oktober: Geschichte desAufstandes 
des polnischen Volkes in den Jahren 1830 und 1831 ... 
von R. O. Spazier. 1832. 113 

Nr. 306. 1. November: M. G. Saphirs gesammelte 
Werke. 1—4. Band. 1832. 113 

Nr. 312. 7.November: 1. Ueber Kasper Hauser, von 
Schmidt von Lübeck. 2. Heft. 1832. 

2. Mittheilungen über Kasper Hauser von G. F. Dau- 
mer. 2. Heft. 1832. 78 

Nr. 318. 13. November: Entlarvung der sogenannten 
demagogischen Umtriebe. Ein Beitrag zur Geschichte 
der europäischen Reaction seit dem Jahre 1815, von 
Rechtlieb Zeitgeist. 1832. 113 

Nr. 334/5. 29./30. November. Geschichte des Auf¬ 
standes des polnischen Volkes etc. Von R. O. Spazier. 
Zweiter Artikel. 113 

Nr. 338. 3. Dezember: Briefe eines Narren an eine 
Närrin. 1832. 78 

Nr. 342/3. 7./8. Dezember: Broschürenliteratur. 

1. Stimme während und am Schlüsse der Versammlung 
zu Hambach im Mai 1832. Allen Deutschen zur Be¬ 
herzigung. 1832. 2. Vogelperspective des hambacher 
Festes, aufgenommen von einem Polen. 1832. 3. Der 
falsche Liberalismus unserer Zeit (von Krug). 1832. 

4. Beleuchtung der wesentlichsten, gegen den Bundes¬ 
beschluß vom 28. Juni 1832 erhobenen Einwendungen, 
unter dem Gesichtspunkte der innern und äußern 
Beziehungen des deutschen Bundes. 1832. 5. Dar¬ 

stellungen der Rechte und Pflichten des Bürgers gegen 
Regierung und Obrigkeit; mit einer Vorrede von Prof. 
Schütz und einem Anhänge: Die Betrügereien bei den 
Glücksspielen. Herausgegeben von Fr. Weidemann 
in Halle. 1832. 6. Worin haben die Unruhen derZeit 
vorzüglich ihren Grund (von Krause). 1832. 7. Rous¬ 
seau gegen Hobbes, oder über das Dogma der Sou- 
veränetät des Volkes und über den wahren Grund der 
Herrschergewalt im Staate, von W. Kosegarten. 8. Wor¬ 
über streitet man? Auszug aus einer Rede (vom Bi¬ 
schof Tegner). 157 

Nr. 351. 16. Dezember: 1. Lafayette und die Revo¬ 
lution von 1830 von Sarrans dem Jüngern. 1. Band. 
Hbg., Hoffmann u. Campe. 1832. 

2. Lafayette. (Dasselbe.) Stuttgart, Metzler 1832. 78 
Nr. 352/3. 17./8. Dezember: Geschichte des Auf¬ 
standes des polnischen Volkes . . . Von R. O. Spazier. 
3 Bände. 113 

Nr. 360. 25. Dezember: Album aus Paris von August 
Lewald. 1832. 78 

Blätter für literarische Unterhaltung 1833. 

Nr. 36/7. 5-/6. Februar: Broschürenliteratur. 

Ueber die politischen Bestrebungen der gegenwärti¬ 
gen Zeit von Eduard Platner. 1832. 

Ueber die Wahl des Prinzen Otto von Baiern zum 
König von Griechenland. 1832, 



Houben, Aus dem Leben Heinrich Laubes. 


357 


Umrisse einer möglichen Reform in Ungarn, im 

Geiste des juste-milieu. Von A.. 1833. 

Constitutionelle Phantasien eines alten Steuermannes 
im Sturm des Jahres 1832. 

Für Revolutionsfreunde und Revolutionsfeinde, von 
August Leopold Bücher. 1832. 157 

Nr. 44. 13. Februar: 1. Gesammelte Blätter von Jo¬ 
hannes Nariscus. 1832. 

2. Einige humoristische Abende von Wolf Lindner. 
1832. 78 

Nr. 124. 4. Mai: Erzählungsliteratur. 

1. Herbstzeitlosen . . . von O. L. B. Wolff. 1832. 
2. Salmigondis . . . Von Theodor Hell und seinen 
Freunden. Monatsschrift. 1833. 3. Marco Doloroso. 
Die Abenteuer einer Nacht. Zwei Novellen von Wil¬ 
helm Marsano. 1832. 4. Die unheimlichen Gäste. No¬ 
velle von demselben. 1832. 5. Korallenzweige . . . von 
Hermann Meynert. 1833. 6. Atlantische Nächte . . . 
Herausgegeben . . . von Thorwald. 1832. 7. Mein 

Jugendleben und meine Reisen. Von Wit von Dörring. 
1832. 78 

Der Plan, nach Leipzig überzusiedeln, stand 
bei der Korrespondenz im Vordergründe. Er 
veranlaßte einen weiteren Brief vom 4. März 
1832, dessen Original ich, abweichend von den 
übrigen Briefen, auf der Hamburger Stadtbiblio¬ 
thek entdeckt habe und das hier im Wortlaut 
folgen möge, da es auch in anderer Beziehung 
von Interesse ist: 

Jaeschkowitz bei Breslau am 4. Maerz 32. 

Sie haben mir, geehrter Herr, auf zwei Schreiben, 
die ich an Sie gerichtet u. mit Beiträgen für die literär. 
Bl. begleitet habe, noch nichts erwidert — erlauben Sie 
mir die Bemerkung, daß ich eines Bescheides auf das 
darin Angeregte noch gewärtig bin. 

— Die Blätter selbst sind mir durch Max et C. bis 
Ende Februar zugekommen. — 

— Daß ich Ihnen aber so eben schreibe, hat fol¬ 
genden Grund: Einer meiner Freunde sagt in seinem 
letzten Briefe an mich „Bei Brockhaus ist die Redak¬ 
tion des politischen Antheils seiner Blätter, welcher die 
fremden Zeitschriften etc. offen — das wird Dir ja am 
meisten Zusagen, wende Dich doch deshalb an H. 
Br.“ - 

Ich weiß nicht, ob es das wegen Herrn Dr. Her¬ 
mes schon früher besprochne Geschäft ist, worüber 
Sie sich ablehnend gegen mich aussprachen, ich weiß 
auch nicht, ob Englisch dazu nöthig ist, was ich nicht 
verstehe — ist dem Beiden nicht so, u. betrifft’s ein 
kritisch politisches Geschäft, was mir allerdings sehr 
willkommen wäre, so ersuche ich Sie ergebenst, mich 
Ihre Anforderungen pp. ausführlicher wissen zu lassen. — 

— Aus der f erne ließe sich’s doch wol schwerlich 
abmachen, u. da die Lösung meiner hiesigen ganz an¬ 
genehmen Verhältnisse nicht binnen 24 Stunden u. nicht 
aufs Gerathewohl geschehen kann, so bitte ich Sie 
sehr, mir bis Mitte dieses Monats eine Erwiderung zu¬ 


kommen zu lassen. — Würden Sie — beiläufig gesagt 

— 2 schlanke Theile einzelner Aufsätze (über lebendig 
werdende Institute wie Simonismus, lebendig sich ge¬ 
berdende illegitim legitime Bücher — histor. Skiz¬ 
zen über die Leiche Polens, Briefe über Liberalismus, 
liberale Theologie etc.) — verlegen, oder käme Ihnen 
das Manuscript ungelegen? — 

Hochachtungsvoll 

Ihr ergebener 

Heinrich Laube. 

Auch dieser zweite Versuch, sich den Über¬ 
gang in die Literatur durch Gewinn einer festen 
Stellung zu erleichtern, hatte keinen Erfolg, 
und so schrieb er denn am 16. April an Brock¬ 
haus: „Meine eigne Reise hab ich vertagt, da 
ich wie ein Mondbewohner nach Leipzig schneite 
und ohne Haltpunkt auf dem neuen Planeten 
schwer stabil und consistent würde.“ Vierzehn 
Tage später aber hat der Plan der Übersiede¬ 
lung schon wieder festere Gestalt angenommen; 
am 1. Mai heißt es: „Ich bin schon seit meh¬ 
reren Wochen von meiner Stube aus auf der 
Reise, wahrscheinlich führt sie mich aber doch 
noch in diesem Monate nach Leipzig — wenn 
dies nicht nach Paris trotz Cholera u. Preußen. 

— Hab ich das Vergnügen, Sie zu sprechen, 
so müssen Sie mir ein Stündchen über Ihr 
Blatt herhalten, worüber ich viel auf dem Her¬ 
zen habe — ach, die sogenannte fraicheur der 
Weiber ist bei diesen und bei den Blättern 
unsrer Zeit die erste Bedingung des Abgangs.“ 

Aus den weiteren Briefen an Brockhaus er¬ 
fahren wir denn auch genau den Termin seiner 
Ankunft in Leipzig; am 30. Juni meldet er dem 
Verlag, daß er gestern angekommen sei, Brühl 
No. 317 wohne und sich in der „papiernen“ 
Stadt nicht eben behaglich fühle. „Da ich vor 
meiner Abreise nach Carlsbad noch einige 
Tage hierbleiben werde,“ fährt er fort, „so 
mache ich mir vielleicht noch auf eine Viertel¬ 
stunde das Vergnügen, Ihre persönliche Be¬ 
kanntschaft zu suchen; geschiehts nicht, so 
danken Sie’s meinem hypochondrischen Unter¬ 
leibe, daß er Sie vor einem unwirschen Gesellen 
bewahrt hat.“ Am 18. Juli ersuchte Laube 
dann um ein Ultimatum, ob er auf eine An¬ 
stellung rechnen könne, da er spätestens bis 
zum andern Tage noch in Leipzig bleibe; aber 
ohne eine solche Gewißheit mitnehmen zu können, 
reiste er dann nach Karlsbad ab. Während 
dieses Badeaufenthaltes schrieb er Stücke aus 
dem zweiten Teile des „Neuen Jahrhunderts“, 





358 


Houben, Aus dem Leben Heinrich Laubes. 


den „Politischen Briefen“, die nach dem obigen 
Brief vom 4. März 1832 zum Teil schon da¬ 
mals fertig waren. Ich habe sie bereits früher 
als ein wichtiges Urkundenbuch für Laubes 
Biographie und Entwicklung bezeichnet Ihre 
Zuverlässigkeit als biographische Quelle wird 
denn auch hier wieder bestätigt. Einer der 
politischen Briefe ist von Braunschweig datiert 
und auch die späteren „Reisenovellen“ geben 
eine Schilderung dieser Stadt. Am 18. Juli 
1832 teilt Laube dem Brockhausschen Verlag 
in der Tat mit, daß er soeben von Braun¬ 
schweig zurückkäme, so daß auch an dieser 
Stelle des „Neuen Jahrhunderts“ keine Fiktion 
vorliegt. Anfang September ist Laube von 
Karlsbad wieder zurück; auch dies ist durch 
einen letzten Brief aus dem Jahre 1832 be¬ 
stätigt. So ziehen sich also über dieses Lebens¬ 
jahr Laubes, von dem er selbst eine etwas ver¬ 
schwommene Schilderung gibt, feste Linien. 
Die Stimmung, die nach seinen „Erinnerungen“ 
über diesem Jahre lastete, spricht auch aus 
diesen gleichzeitigen Dokumenten: die roman¬ 
tische Absicht, nach Paris zu gehen, der Über¬ 
fall durch Hypochondrie, die ihm schon in 
Jäschkowitz nicht fremd war, die ziellose Rück¬ 
kehr nach Leipzig, wo auf eine Anstellung vor¬ 
läufig nicht zu rechnen war. Auch die Fahrt 
nach Braunschweig hatte gewiß nur den Zweck 
gehabt, sich dem Verleger der „Mitternacht¬ 
zeitung“ vorzustellen. 

Als der künftige Redakteur hatte er schon 
in dem obigen Briefe an Brockhaus vom 1. Mai 
angedeutet, daß er über die „Blätter für lite¬ 
rarische Unterhaltung“ mancherlei auf dem 
Herzen habe, was er mit dem Verleger münd¬ 
lich zu besprechen hoffe, und in dieser Be¬ 
ziehung ist noch eine weitere Stelle dieser 
Briefe vom 15. Mai von besonderem Interesse. 
Am 1. Februar dieses Jahres hatte Laube dem 
Stuttgarter Verleger Cotta eine „Bildungs¬ 
geschichte der Menschheit“ angeboten, die er 
in drei Bänden abfassen wollte, und der Autor 
dieses nicht geschriebenen Buches ist es, der 
am 15. Mai 1832, als er der Leipziger Redak¬ 
tion eine Kritik über „Die platonische Aesthetik, 
dargestellt von Arnold Rüge“ einsandte, fol¬ 
gende Anregung hinzufügte: 

„Ueberdie platon. Aesthetica bin ich nicht ganz so 
kurz gewesen, als Sie zumeist wünschen. Aber es giebt 
wirklich Bücher wo es die Würde Ihrer Blätter ver¬ 


langt, nicht so kurzes Kriegsgericht zu halten — bei 
bedeutenderen Büchern verlangen die Leserder literar. 
Blätter mit Recht die Essenz jener — die stete Kurze auch 
über Wichtiges sinkt zu leicht zum Rccensententon der 
Blätter zweiter u. dritter Ordnung hinab . . . Ich hielte 
es — pardonnez une proposition! — den liter. Blättern 
für sehr zuträglich, nach gewissen Abschnitten z. B. 
einem halben Jahre immer einmal still zu halten 
u. zurück- u. sich umzuschn. Dieses gleichmäßige 
Schlagen der Wellen, das Fortwogen des Bildungs¬ 
meeres, über dem so ein Blatt als forschender Vogel 
schwebt, sollte nicht ganz des Eilandes, der Himmel¬ 
fahrts-Insel, des Ruheplatzes entbehren, wo die Taube 
Noahs ihren Oelzweig ptliicken könnte. Ich meine — 
eine oder zwei Nummern lediglich dem zu widmen: 
Wie hat sich der l’roteus, die Bildung, in diesem Zeit¬ 
räume gestaltet, welche Erscheinungen haben Ver¬ 
änderungen u. wie haben sie selbige hervorgebracht 
Was war der vielarmige Charakter des Zeitraumes? 
Das erleichtert den Lesern die Schiffahrt, namentlich 
auf so bewegter See \\ ie unsre jetzige, sehr — u. ich 
wünschte, es möchte Ihnen das gefallen. Ueber viele 
schlagen die Wogen zusammen u. das scheuen die 
Halbklugen bei streng, ununterbrochener kritischen 
Blättern — so ein periodischer Arm, der sie immer 
über die Oberfläche höbe, würde gewiß Manchem will¬ 
kommen sein.“ 

Unter den Beiträgen Laubes findet sich 
aber keiner, der diesem Vorschläge entspricht 
Sie sind indes von anderem, vielfachen Inter¬ 
esse. Zunächst rein stofflich. Sie geben uns 
eine Übersicht der Lektüre Laubes in dem 
Jahre, das seine Erstlingswerke, die beiden 
Teile des „Neuen Jahrhunderts“, entstehen sah, 
und es ist von vornherein anzunehmen, daß 
zwischen dem, was er lesend aufgenommen, 
und dem, was er in seinen eignen Büchern 
wiedergab, Zusammenhänge bestehen, die man¬ 
ches erklären und ergänzen. Laube berichtet 
in seinen Erinnerungen, daß Jarckes „Berliner 
politisches Wochenblatt“ zur häuslichen Lek¬ 
türe im Jäschkowitzer Herrenhause gehörte, 
und ein „Zwischenspiel“ seiner „Politischen 
Briefe“ ist ebenfalls eine Satire auf dieses re¬ 
aktionäre Blatt, das im Oktober 1831 seine 
Wirksamkeit begonnen hatte. Mit dieser Zeit¬ 
schrift beschäftigt sich nun auch der erste Bei¬ 
trag Laubes für die „Blätter für literarische 
Unterhaltung“, und es ist gleich ein tempera¬ 
mentvoller Angriff, der alles das laut werden 
ließ, was Laube mit Rücksicht auf die poli¬ 
tischen Ansichten des Jäschkowitzer Hausherrn 
und auf ein friedliches Einvernehmen mit der 
Familie im debattierenden Gespräch nur vor¬ 
sichtig andeutete oder ganz verschwieg. „Der 



Houben, Aus dem Leben Heinrich Laubes. 


359 


Prospectus sagt, dies Wochenblatt wolle die 
Revolution in jeder ihrer Gestalten bekämpfen“, 
so hebt Laube an; „ein Prospect nimmt das 
Maul voll wie Tier und Mensch, wenn ihm nur 
ein Bissen gestattet ist. — Nach diesem Aus¬ 
spruch wollen wir wie die jüdischen Hohen¬ 
priester unsre Kleider zerreißen und nach den 
Feigenblättern greifen, denn wir müssen zum 
Urzustände zurück. Unsere jetzige Existenz 
ist ja die illegitime Folge von vielen tausend 
Revolutionen; der Herrgott, der unsere jetzige 
Erdoberfläche wahrscheinlich durch eine große 
Wasseroberfläche hervorgebracht hat, darf als 
Revolutionair in Berlin nicht geduldet werden, 
wenigstens wird ihm das ,Berliner Wochenblatt“ 
das Leben sehr sauer machen.“ Unter diesem 
Gesichtspunkt gibt Laube einen Rückblick auf 
die bisher erschienenen Nummern der Jarcke- 
schen Zeitschrift, versucht in keckem Tone eine 
Widerlegung der Hauptartikel, die er als jour¬ 
nalistische Leistungen dennoch loben muß, 
kommt dann aber zu dem Schluß: „Das 
Wochenblatt ganz zu ignorieren, wäre Ver¬ 
nachlässigung unserer schwächeren liberalen 
Brüder, da sie leicht unter jenem gewandt ge¬ 
führten Dolche erliegen könnten; wir wollen 
aber nicht gewappnet erscheinen, denn jene 
Herren führen keine schweren Schwerter — 
Leder auf der Brust und die Arlekinspritsche 
in der Hand wird zu ihrer Entwaffnung ge¬ 
nügen, denn es gilt nur Abwehr, nicht aber 
Besiegung oder Ueberzeugung jener Leute . . . 
unschädlich machen durch Leder und Pritsche; 
spotte der Leiden, und sie verlieren den Stachel 
wie die Bienen, wenn man sie ruhig stechen 
läßt und sterben.“ Damit ist denn die spätere 
Satire der „Politischen Briefe“ auf das Wochen¬ 
blatt eingeleitet. 

Auch dem Beiblatt der „Preußischen Staats- 
Zeitung“, dem 1832 neugegründeten „Magazin 
für die Literatur des Auslandes“ widmete Laube 
einen glossierenden Artikel. 

Noch manche andere Details dieser Aufsätze 
erweisen sich als eine Wirkung des Aufent¬ 
haltes in Jäschkowitz. Es ist bei dem „Jungen 
Deutschland“ charakteristisch, daß seine Ver¬ 
treter durchweg aus dem niederen Bürgerstande 
erwachsen, daß aber die Helden ihrer Novellen 
mit Vorliebe dem Adelsstände entnommen sind. 
Es zeigt dies klassisch das Emporstreben einer 
ganzen Generation in eine höhere Bildungfs- 


und Lebenssphäre. Vor allem gilt dies von 
Laube, dem späteren intimen Freunde des 
Fürsten Pückler und dem Wiener Burgtheater¬ 
direktor, der mit den österreichischen Kava¬ 
lieren sich gut abzufinden wußte. In seinen 
ersten Büchern aber, eben jenem „Neuen Jahr¬ 
hundert“, tritt eine schroffe Abneigung gegen 
den Adel, besonders den seiner schlesischen 
Heimat hervor, und so ist es ein Stück Selbst¬ 
biographie, wenn Laube, über „Lafayette und 
die Revolution von 1830 von Sarrans dem Jün¬ 
gern“ berichtend, folgender Erinnerung Raum 
gibt: „Es ist nicht lange her, daß eine reiche 
adlige Dame mir beiläufig versicherte, der alte 
Lafayette sei ein Schurke; aber adlige Damen 
haben andere Interessen als die Welt, und der 
Marquis mochte viel Teil am adligen Zorne 
haben. Ich habe die Dame gebeten, dem La¬ 
fayette von den tausend Privathandlungen, die 
von ihm zum Wohl der Menschen ausgehen 
und gar keinen Beigeschmack der verhaßten 
Politik haben, nur eine nachzuthun, und ich wollte 
für jede einzelne eine ganze Stunde ihr histo¬ 
risches Raisonnement anhören; sie hat mich 
aber einen Plebejer genannt, und ich habe 
nichts mehr von ihr gehört.“ 

Drei dieser Aufsätze Laubes sind dem 
Buche von R. O. Spazier über „Polen“ ge¬ 
widmet, ein Werk, das für den ersten Teil des 
„Neuen Jahrhunderts“ von Laube eine quellen¬ 
mäßige Bedeutung hat. Zwischen den beiden 
Hauslehrerstellen Kottwitz und Jäschkowitz 
schiebt sich ein Intermezzo ein, das Laube in 
Gesellschaft eines polnischen Offiziers zu Salz¬ 
brunn in Schlesien verlebte, und mit diesem 
Soldaten, der in den bisherigen Kämpfen ver¬ 
wundet worden, arbeitete Laube ein Memoire 
über Polen aus, das von Hoffmann und Campe 
zum Druck angenommen wurde, durch den 
Verlag verspätet zuletzt nicht erschien und 
Spazier, den Laube in diesem Sommer 1832 
bei seiner Übersiedelung nach Leipzig persön¬ 
lich kennen lernte, Vorgelegen haben soll. 
Andrerseits wieder erhielt Laube von Spazier 
das Material, das er nötig hatte, um jenes 
Memoire zu einer Geschichte Polens und be¬ 
sonders des letzten polnischen Freiheitskampfes 
zu erweitern. Es besteht also eine Wechsel¬ 
wirkung zwischen beiden Büchern, und um diese 
festzustellen, sind natürlich die Kritiken Laubes 
vor allem wichtig; er muß gerade mit dem 






360 


Houben, Aus dem Leben Heinrich Laubes. 


Abschluß seines Buches beschäftigt gewesen 
sein, als er am 4. September 1832, so schreibt 
er an Brockhaus, das eben erscheinende Werk 
Spaziers erhielt. Für Laubes damalige litera¬ 
rische Phase, in der er sich noch ganz als 
Historiker fühlte, ist noch eine andere Äuße¬ 
rung dieses Briefes von Wichtigkeit; im An¬ 
schluß an eine in der Brockhausschen Zeit¬ 
schrift erschienene Kritik eines Geschichtswerkes 
meinte er: „Wäre es nicht bedenklich wegen 
Preußens, so bedürfte der sehr bedeutende 
Kopf und in großem Elend lebende Johannes 
Müller einiger mehr anerkennender 
Worte.“ Ich möchte dabei darauf 
hinweisen, daß auch von einem 
andern Schriftsteller jener jung¬ 
deutschen Zeit, von Hermann 
Marggrafif in seinem äußerst 
wertvollen Buche „Deutsch¬ 
lands jüngste Literatur und 
Culturepoche“ (1839) eine 
förmliche Rettung Joh. 
von Müllers versucht wor¬ 
den ist. Für Laubes vier¬ 
bändige Literaturgeschichte, 
in der er auch eine Cha¬ 
rakteristik der Historiker und 
demnach auch Müllers gibt, 
ist jene frühe Äußerung zu 
beachten. 

Laubes Gedankengänge in die¬ 
sen Jahren wurden völlig 
beherrscht von den sozialen 
Theorien der Saint-Simoni- 
sten, und neben Polen und seiner Geschichte 
ist denn auch ihre Lehre der Ausgangs- und 
Endpunkt aller Deduktionen Laubes in diesen 
kritischen Aufsätzen. „Diese geniale Sekte“, 
schrieb er schon im April 1832, „ist bis jetzt 
bei uns immer nur aus unserer Schulphiloso¬ 
phie, Schulhistorie und Schulpolitik heraus 
beurteilt worden, der Schultheologie garnicht 
zu gedenken. Es wird vom Pantheismus und 
Materialismus gefaselt und vornehm von 
halber Kenntnis deutscher philosophischer 
Schätze und Sätze gesprochen, aber das histo¬ 
rische Genie, der steile Gipfel des ganzen neuern 
Weges, auf dem die Simonisten so eilig voraus¬ 
gejagt sind, daß sie in Frühreife und jäher 
Laufbahn den Hals zu brechen befürchten 
mußten, wird unbeachtet gelassen. Alle unsere 



Frau Iduna Laube. 

Nach einer Photographie von Mor. Müller jun. in Wien. 


Kritiker sind bisher hinter diesem brausenden 
Sturmwinde, der mit gewaltiger Kraft Zeit und 
Verhältnisse jeder Art von Gesellschaftlichkeit 
seit dem Anbeginn unserer Geschichte zusammen¬ 
gefügt hat und dessen bewegender Geist nun 
sichtet und prüft, hinter diesem Sturmwinde 
sind sie mit allen Kleppern aus den Fakultäts¬ 
ställen hergestolpert, jenen Geist haben sie 
nach den Heften von der Universität gemessen.“ 
Zahlreiche Äußerungen dieser Art zeigen, wie 
völlig der Autor des „Neuen Jahrhunderts“ von 
den Problemen dieses französischen Evangeliums 
angefüllt ist. Der junge Phantast und 
in steter Geldverlegenheit befind¬ 
liche Hauslehrer hält es für die 
„schönste P'orderung der St. 
Simonisten, daß die Güter 
allmählich nach Fähigkeit 
und Verdienst verteilt wer¬ 
den“. 

Als Laube sich 1834 vor 
dem preußischen Richter 
für seine bisherige schrift¬ 
stellerische Wirksamkeit 
zu verantworten hatte, 
machte er auch aus seiner 
Mitarbeiterschaft bei den 
„Blättern für literarische 
Unterhaltung“ kein Geheim¬ 
nis. Er äußerte, daß er vor¬ 
zugsweise theologische und histori¬ 
sche Werke rezensiert habe, 
politischer Gegenstände 
entsinne er sich nicht, und 
er konnte von Glück sagen, daß man diesem 
Zweige seiner Tätigkeit nicht weiter nach 
forschte. Wie die obige Übersicht seiner Kri¬ 
tiken zeigt, hat er sich mit einer ganzen Reihe 
politischer Schriften beschäftigt, und es w r aren 
darunter Bücher, bei deren Titel schon den 
preußischen Staatsamvalt eine Gänsehaut über¬ 
laufen hätte, z. B. „Deutschlands Einheit durch 
Nationalrepräsentation. Von Wilhelm Schulz“, 
das er im September 1832 anzeigte und andere. 
Hätte die inquirierende Ministerialkommission 
und ihr betriebsamer Geschäftsführer Geheimer 
Rat Tzschoppe auch diese Jugendarbeiten 
Laubes unter die Lupe genommen: die Akten 
über ihn hätten sich um ein stattliches Faszikel 
vermehrt, und seine Untersuchungshaft wäre 
wesentlich ausgedehnt worden. Denn einem 






Houben, Aus dem Leben Heinrich Laubes. 


361 



jungen Menschen von der Frische und dem 
Temperament Laubes mußten, als er zum ersten¬ 
mal auf politischem Gebiet die Feder führte, 
manche Entgleisungen begegnen, und schon 
der Enthusiasmus war bedenklich, mit dem 
dieser neue Skribent die Gegenwart mit ihrer 
revolutionären Bewegung betrachtete. „Es gibt 
kaum einen Abschnitt in der Geschichte,“ so 
rief er einmal aus, „die Gründung und Ver¬ 
breitung neuer Religionen ausgenommen, der 
auf so großartige 
Weise die große 
Poesie der mensch¬ 
lichen Entwicklung 
vor alle empfäng¬ 
lichen Organe des 
Menschen gestellt 
hätte als unsere Zeit; 
die höchsten, die 
riesigsten Ideen, 
deren der mensch¬ 
liche Geist fähig ist, 
strecken ihre Häup¬ 
ter aus dem Meere 
der Zeit und schüt¬ 
teln tönend ihre 
Locken; wie Ossians 
Gesänge werden sie 
nachgelallt von tau¬ 
send Fischern, die 
sie bei ihrem kühlen 
Geschäft hören!“ 

Dieser dithyrambi¬ 
sche Ton ist nicht 
vereinzelt in Laubes 
Kritiken und er 
dringt besonders 
stark hervor, wo es 
sich um politische 
Fragen handelt. 

Diese wenigen Andeutungen mögen genügen, 
auf die Bedeutsamkeit einer bisher noch un¬ 
bekannten Quelle zur Biographie des jungen 
Laube hinzuweisen, und es wird nicht fehlen, 
daß noch bei zahlreichen Fragen über seine 
erste schriftstellerische Produktion aus ihr ge¬ 
schöpft wird. 

II. 

Jahre des Exils. 

Laubes Redaktion der „Zeitung für die ele¬ 
gante Welt“ dauerte bis in den Sommer 1834 
z. f. B. 1906/1907. 


hinein, da lief das Maß seiner Sünden über, 
und er wurde auf preußische Veranlassung aus 
Leipzig ausgewiesen. Nachdem man ihn noch 
eine Weile hatte zappeln lassen, wurde er im 
Juli dieses Jahres in Berlin verhaftet und erst 
im März 1835 aus der Untersuchung entlassen. 
Bis das Urteil über ihn gefällt war, hatte er 
sich nach den Anweisungen des Polizeiministers 
zu bewegen; zuerst wurde er in Naumburg in¬ 
terniert, dann wurden die Zügel etwas lockerer 

gelassen, er durfte 
zur Sommerszeit in 
Kosen wohnen und 
mancherlei Ausflüge 
und Reisen machen, 
kam auch zwischen¬ 
durch häufiger nach 
Berlin, heiratete 
nebenbei und 
brachte so fast zwei 
Jahre in Ungewi߬ 
heit darüber zu, was 
für ein Schicksal ihn 
schließlich erreichen 
würde. Im Januar 
1837 erfuhr er sein 
Urteil, das auf sieben 
Jahre Festung lau¬ 
tete; auf dem Wege 
der Gnade wurde 
diese ungeheure 
Strafzeit auf andert¬ 
halb Jahre verkürzt, 
und er durfte sie 
außerdem auf der 
schönen Standes¬ 
herrschaft des 
Fürsten Pückler, in 
Muskau, verbringen, 
ohne von seinem Aufseher allzusehr in freier 
Bewegung gehemmt zu werden. 

Diese Jahre des Exils waren zugleich eine 
Zeit schweren Kampfes um die literarische 
Existenz. Nach dem Verbot, das Preußen am 
14. November 1835 gegen das gesamte „Junge 
Deutschland“, seine früheren und künftigen 
Schriften erließ und nach dem Bundestags¬ 
beschluß vom 10. Dezember desselben Jahres 
schien es eine Weile, als ob nunmehr den da¬ 
von betroffenen Schriftstellern ein für allemal 
das Handwerk gelegt sei und sie höchstens 

46 


Heinrich Laube als Reichstagsabgeordneter. 
Vogel lith., Wolf sc. 















3Ö2 


Houben, Aus dem Leben Heinrich Laubes. 


noch unter dem Schutze der Anonymität ihr 
Leben fristen könnten. Eine Broschüre Laubes 
über die französische Revolution erschien daher 
ohne Autornamen, und die Übersetzung eines 
Romans von Victor Hugo nur mit den Initi¬ 
alen ,H. LA Die nachträgliche Verfügung des 
preußischen Ministers von Rochow vom 16. Fe¬ 
bruar 1836 erkannte dann aber wieder die 
Existenzberechtigung der verfehmten Autoren 
an, vorausgesetzt, daß sie sich der preußischen 
Zensur unterwürfen, und weiterhin erschienen 
dann die meisten ihrer Schriften mit dem vor¬ 
herigen oder nachträglichen Imprimatur der 
preußischen Behörde. Diese Last hatte natürlich 
der Autor zu tragen, der unter so erschweren¬ 
den Umständen Mühe hatte, einen Verleger zu 
finden, und daher mußten die Jungdeutschen in 
diesen Jahren alle eine ungemeine Betriebsam¬ 
keit entfalten, um sich über Wasser zu halten. 

In solcher Lage sehen wir denn auch Laube, 
als er im Sommer 1835 sich in Naumburg ein¬ 
gerichtet hatte und wieder an literarischen Er¬ 
werb dachte. Zunächst beschäftigte er sich 
mit der Herausgabe eines „Almanachs der 
Schönheit“, der außer literarischen Beiträgen 
jüngerer Schriftsteller eine Reihe Porträts her¬ 
vorragender weiblicher Schönheiten enthalten 
sollte. Fürst Pückler, Varnhagen, Eduard Gans, 
O. L. B. Wolff, selbst Gutzkow und andere 
wurden als Mitarbeiter eingeladen, Laube selbst 
schrieb dafür die Novelle „Die Schauspielerin“, 
die zu Anfang des folgenden Jahres allein heraus¬ 
kam, und der Almanach sollte „in unerhörter 
Pracht“ erscheinen; die Schwierigkeit in Be¬ 
schaffung der Kupfer machte aber die Aus¬ 
führung unmöglich. Das Einladungsschreiben 
an O. L. B. Wolff zu diesem Almanach sei 
hier zunächst mitgeteilt; sein Adressat ist der 
bekannte Improvisator, Schriftsteller und Pro¬ 
fessor zu Jena, mit dem Laube schon seit 
einigen Jahren befreundet war. Wolff war der 
Vermittler gewesen, als Laube im Sommer 
1833 auf Grund seines Erstlingswerkes „Das 
neue Jahrhundert“ von der philosophischen Fa¬ 
kultät zu Jena zum Doktor promoviert wurde. 
Wie der Brief zeigt, wurde auch Heine, mit 
dem Laube ebenfalls seit zwei Jahren in Brief¬ 
wechsel stand, um einen Beitrag gebeten: 

Sonntag 2. Aug. 35. 

Anbei, Süßester, Billet für Heine, ich bitte drin¬ 
gend, es so schnell als möglich zu besorgen, u. wenn 


Sie selbst mitschreiben, dringend für mich um Antwort 
u. Gew ährung eines Beitrags für d. Almanach zu bitten. 

— Dank für Ihre schnelle Antwort — die Novelle, zu 
w elcher Sie sich erbieten, muß auf 3, höchstens 4 Bo¬ 
gen (engl. Median Octav, Seite 28 Zeilen) gehen, ist 
das möglich, so bitt ich drum. — Können Sie mir nicht 
aus Ihrer Heimat Mamburg das Porträt des dortigen 
schönsten Mädchens verschaffen, nicht? Stich wird in 
London gemacht, ganze Figur — w-issen Sic keinen 
geschickten Künstler dort, der die Skizze entwerfen 
könnte? Wird gut bezahlt. 

Brockhaus ist noch nicht zurück, von Wigand hör 
u. seh ich nichts. Scheidler hab ich einen Moment nur 
gestern Abend bepantomimt. 

Meine Gesundheit ist ganz des Teufels, ich schlafe 
des Tags 20 Stunden, nicht nur lange, sondern auch 
langsam. Lese Tretawney, finde ihn unter Erwartung. 

— Wenn Sie an die Novelle gehn, so halten Sie sel¬ 
bige nur von wollüstigem Fleische rein, bei diesem Al¬ 
manach müssen wir peu ä peu anfangen, Sie verstehen 
mich schon. — Spielt sie in höheren Verhältnissen — 
das wäre charmant. 

Grüße über Grüße, bin dumm, dumm, dumm! 

Ihr Laube. 

Frankiren Sie nur nicht, da ichs wegen der ab¬ 
gelegenen Post selten gut kann. 

Brockhaus und Wigand sind die bekannten 
Verleger, Scheidler ein Professor aus Jena. 
Durch das benachbarte Kosen war Naumburg 
eine Durchgangsstation zahlreicher Badereisen- 
der, zu denen auch diese drei gehörten. Die 
Direktiven, die Laube seinem Mitarbeiter für 
die Abfassung seiner Novelle gibt, sind cha¬ 
rakteristisch; sie stammen aus einer Zeit, wo 
die allgemeine Proskription des „Jungen Deutsch¬ 
lands“ noch nicht erlassen war. 

Anfang September wurde dieser Almanachs- 
plan aufgegeben, aber sofort in einen anderen 
gewandelt, und den Verlag dieses Unter¬ 
nehmens trug Laube Brockhaus an; da er den 
Buchhändler bei dessen Rückkehr aus Kosen 
nicht getroffen hatte, teilte er ihm am 24. Sep¬ 
tember 1835 seine nächsten Pläne mit, und 
darunter findet sich denn auch das Projekt 
eines Almanachs, der, was für damalige Zeit 
äußerst originell ist und an die so schnell ein¬ 
gegangene moderne Zeitschrift „Kosmopolis“ 
erinnert, ein internationales Gepräge tragen 
sollte. Der größere Teil des Briefes ist von 
Interesse und mag hier folgen: 

„Des Einflusses halber u. der ökonomischen Situa¬ 
tion halber werd’ ich wieder ein Journal übernehmen 

— wollen Sie etwas von Ihren Artikeln besprochen 
haben, so erfreuen Sie mich durch die Zusendung nach 
Naumburg. Ist Urania schon fertig? Eben schickt 



Houben, Aus dem Leben Heinrich Laubes. 


mir die Hinrichssche Handlung die „Penelope“, mein 
Gott, sieht die grau und hoffnungslos mir in die Augen, 
ist denn die Zeit der Blumenhagen, der Hell’schen So¬ 
nette, der Prätzelschen Fabeln noch nicht vorüber? 

Hätten Sie noch Lust auf einen Almanach für ganz 
Westeuropa einzugehen, d. h. mit völliger Theilnahme 
von Engld., Frankr., Spanien? Wenn Sie sich orien- 
tiren wollen, u. im Falle der Nichtannahme Stillschweigen 
garantiren, so steht Ihnen der ausgearbeitete Plan zu 
Diensten .... Meine Reisenovellen sollen ja bodenlos 
heruntergerissen sein in Ihren BI(ättern für literarische 
Unterhaltung). — Wolff sagte es mir, u. kann sich nicht 
drein finden, daß ich solche Taufe guten Humors ab¬ 
schütteln kann. Ist es denn so toll? Moralitaet u. 
dergl. ist wieder angegriffen, u. insofern ist mir’s bei 
meinen delicaten, d. h. schlimmen Verhältnissen von 
unberechenbarem Schaden. Es ist mir viel lieber, die 
Leute sagen, ich hätte kein Talent; das kann ich schnell 
widerlegen, wenn’s nicht wahr ist, aber jene Pastoral- 
Manier bringt einen immer tiefer unter die Polizei.“ 

Auch dieses zweite Almanachsunternehmen 
wurde nicht verwirklicht. Dagegen übernahm 
Laube im folgenden Winter eine neue Journal¬ 
redaktion, die der „Mitternachtzeitung“ in 
Braunschweig, für die er schon in diesem 
Herbst 1835 mehrere Literaturbriefe schrieb. 
Sollte dieses Engagement für Redakteur und 
Verleger ersprießlich sein, so mußte natürlich 
der Name der neuen Redaktion genannt wer¬ 
den. Die preußische Polizei jedoch erklärte, 
daß sie dann keinenfalls die „Mitternachtzeitung“ 
über die Grenze lassen werde, und soviel Mühe 
sich auch der Verleger Horneyer und Laube 
selbst auch gaben, es gelang nicht, die Erlaub¬ 
nis zur Namensnennung von Preußen zu er¬ 
wirken. Laube fuhr eigens nach Berlin, um 
die Widerstände zu besiegen, aber das Ober¬ 
zensurkollegium und das Polizeiministerium be¬ 
riefen sich auf das Gesetz, nach dem in Preußen 
keiner ein Journal redigieren durfte, der sich 
in Untersuchung befand oder noch seinem Ur¬ 
teil entgegensah. In diese Zeit führt uns das 
folgende Brieflein, dessen Adressatin sich jedoch 
nicht ermitteln ließ: 

Ich danke Ihnen schönstens, mein gnädiges Fräu¬ 
lein für Ihre Sendungen u. begleitenden freundlichen 
Worte, ’s geht recht artig schlecht, u. man thut wohl, 
das Beste zu hoffen, solange garnichts Erfreuliches ge¬ 
schieht. Die Hemmnisse treten in aller Stärke u. Aus¬ 
dehnung ein, Mitternacht muß ohne meinen Namen 
ihr Siebengestirn aufziehen, mein Asyl dahier muß ver¬ 
lassen werden, um Gelegenheit zur Verbesserung u. 
Sieg zu finden. Wahrscheinlich geh’ ich nächste Woche 
nach Berlin; bin übrigens muthig u. guter Laune; ohn¬ 
mächtiger Zorn ist immer Schwäche. Die Welt hat 


363 


tausend Zugänge. Hoffentlich hab ich bei meiner 
Durchreise noch das Vergnügen, Sie zu sehen, mich 
mündlich Ihrem Wohlwollen zu empfehlen, was Sie 
dem ungestümen Manne so unverdient geschenkt haben. 
Anbei ein Schächtelchen für Mad. Harcort, dem Sie 
wol eine Gelegenheit finden, der aegyptische Roman, 
der Phönix. Wegen der Allgem. Zeitung habe ich An¬ 
stalten getroffen, u. sie wird Ihnen wol zu beschaffen 
sein. Aber Sie sind ja einen großen Theil des Jahres 
abwesend? 

Mögen Sie sich wohl befinden, u. Ihre antheilvolle 
Gesinnung mir bewahren. 

Voll Ergebenheit 

Dr. Heinr. Laube. 

Naumb. 17. Decbr. 35. 

Tatsächlich traf Laube am 21. Dezember 
1835 i n Berlin ein, aber alle Schritte waren ver¬ 
gebens, er konnte noch zufrieden sein, daß man 
ihm überhaupt nicht jede redaktionelle Tätig¬ 
keit untersagte oder, was dasselbe gewesen 
wäre, die „Mitternachtzeitung“ glattweg verbot, 
da man ja wußte, wer die Seele des neuen 
Jahrgangs werden würde. Der Verleger hatte 
auch schon am 21. Dezember den Redaktions¬ 
wechsel bekannt gemacht, und Laube selbst 
eröffnete die erste Nummer des neuen Jahres 
mit einem umfangreichen „Prospektus“, einem 
literarischen Programm, das den ganzen jung¬ 
deutschen Sturm und Drang als das harmlose 
Tasten nach einer neuen „romantischen Schule“ 
darstellte. Obendrein hatte er zur ersten 
Nummer in Form eines Flugblattes noch eine 
besondere „Erklärung“ gegeben, daß die „Mitter¬ 
nachtzeitung“ mit dem „Jungen Deutschland“ 
nichts zu tun haben und alle auflösenden Ten¬ 
denzen bekämpfen werde. Ich habe diese Er¬ 
klärung in meiner Laubebiographie (I. Band 
der genannten Ausgabe, S. 140 f.) wieder¬ 
gegeben. Sogar noch zu einer dritten Er¬ 
klärung sah sich Laube veranlaßt. Auch er 
hatte zu denen gehört, die von Karl Gutzkow 
und Ludolf Wienbarg als künftige Mitarbeiter 
der in Frankfurt herauszugebenden „Deutschen 
Revue“ genannt worden und die, als die Hetze 
auf das „Junge Deutschland“ begann, zum Teil 
freiwillig, zum Teil auch notgedrungen, soweit 
sie in amtlichen Stellungen waren, ihre Bereit¬ 
willigkeit widerriefen. Die ganze Reihe dieser 
Erklärungen nebst dem umfangreichen übrigen 
Material der nichterschienenen „Deutschen 
Revue“, ein Literatur- und Kulturbild ersten 
Ranges, findet sich in dem kürzlich erschienenen 




364 


Houben, Aus dem Leben Heinrich Laubes. 


dritten Bande des „Bibliographischen Reper¬ 
toriums“ (4. Publikation der Deutschen Biblio¬ 
graphischen Gesellschaft). Hier ist auch Laubes 
Erklärung aus der Augsburger „Allgemeinen 
Zeitung“ wiedergegeben. Diese mehrfachen 
Unschuldsbeteuerungen berühren nicht gerade 
sympathisch und wer nicht alle begleitenden 
Umstände gerecht erwägt, wird leicht zu dem 
Schlüsse geneigt sein, daß hier ein Akt der 
Treulosigkeit vorliegt, der Laubes Charakter 
im ungünstigen Lichte erscheinen läßt. Nicht 
zu verteidigen, aber zu motivieren habe ich 
diese Handlungsweise in meiner Laubebiographie 
versucht. Hier möchte ich darüber eine Stimme 
laut werden lassen: die Varnhagens von Ense, 
der damals den Verfasser des „Jungen Europa“ 
in seine wirksame Protektion genommen hatte. 
Er sprach sich ausführlich darüber aus in einem 
mir in Abschrift .vorliegenden Briefe an einen 
nicht genannten Freund, und dieser Brief ist 
überaus merkwürdig, denn er enthält eine Cha¬ 
rakteristik des jungen Laube, so wie er Varn- 
hagen erschien. Und Varnhagen sah äußerst 
scharf; er empfand damals schon, daß Laubes 
Wesen auf eine praktische Wirksamkeit hin¬ 
drängte, und die bestimmte Art, wie Varnhagen 
dies vorträgt, macht diesen Brief zu einem 
äußerst interessanten Dokument für seinen 
Gegenstand sowohl wie für seinen Verfasser: 

Berlin, den 2. Januar 1836. 

Die Erklärung des Dr. Laube, durch die er sich 
gegen die Richtungen ausspricht, denen man ihn unter 
dem Namen des jungen Deutschland beigezählt hatte, 
war mir schon bekannt. Ich vermag aber in die Ver¬ 
dammnis, die man deßhalb über ihn verhängt, nicht 
einzustimmen. Sie müssen bedenken, daß Laube fort¬ 
während ein Gefangener ist, und als solcher spricht, 
der nicht nur in der Gewalt des Feindes ist, sondern 
auch noch neue Uebel auf sich eindringen sieht, die er 
versuchen muß abzuwenden, wenn er nicht gradezu 
untergehen will. Der Heldenmuth, lieber unterzugehen 
als sich zu beugen, ist groß und schön, wir müssen ihn 
bewundern, dürfen ihn aber nicht fordern. Galilei wider¬ 
ruft seine eingesehene Ueberzeugung, ohne daß wir ihn 
deshalb verachten dürfen. Auch die größten Könige 
bequemen sich zu schmachvollen Friedensschlüssen. 
Die Freundschaft, welche der König von Preußen nach 
dem Frieden von Tilsit gegen Napoleon heucheln 
mußte, ist nicht schlimmer noch besser, als die, welche 
von Laube gegen Tzschoppe bezeigt wird. Aus diesem 
Gesichtspunkte mögen Sie das Verhältniß ansehen, und 
Ihr Urtheil wird sich billiger stellen. Allein hier kommt 
noch ein anderer Umstand in Betracht. Laube hat 
nämlich seine Ansichten wirklich verändert, er ist in 
Bildung und Weltverständniß weiter geschritten, und 


jenes frühere unreife, gewaltsame Treiben ist nicht 
mehr das seine! In jedem Fall hat er die Welt kluger 
anzufassen gelernt, und sein Bekenntniß war ihm in 
dieser Hinsicht um so leichter, als das, wozu er sich 
gedrungen fühlt, mit dem, was man von ihm gebiete¬ 
risch forderte, wenigstens in einigen Stücken zusammen¬ 
stimmt. Und auch hiemit ist meine Entschuldigung 
für Laube noch nicht erledigt. Fühlt er sich, wie ich 
ihn sehe, so kann alles Litterarische für ihn nur unter¬ 
geordneten Werth haben; er darf leichter und lässiger 
mit diesen Verhältnissen umgehen, die doch nichtseine 
Hauptsache sind, wenngleich die Umstände sie ihm für 
den Augenblick aufdrängen. Ich glaube nämlich, der 
Kern seines Wesens, der Zusammenhang seiner Gaben, 
wie groß diese auch sein mögen, bestimmt ihn eigent¬ 
lich nicht zum Schriftsteller, und es ist eine Nothhülfe, 
daß er dennoch nur dies bis jetzo geworden ist. Aller¬ 
dings halt’ ich ihn neben Gutzkow für das entschie¬ 
denste Talent, welches in der jüngsten Zeit aufgetaucht, 
allein ich meine, die Folge könnte diesem Talent noch 
eine ganz andre Laufbahn öffnen. Seine Eigenschaften 
dünken mich mehr praküsch als schriftstellerisch, und 
die Wirklichkeit des Lebens scheint mir der Stoff, in 
welchem er am besten vermöchte zu arbeiten. Er hat 
alles, was zum gewandten Diplomaten, zum großartigen 
Unternehmer, vielleicht zum Helden gehört. Warten 
wir ab, was die Welt ihm noch darbieten wird, ob sie 
ihm die Bahnen aufschließt oder versagt. Bleibt er 
nur Schriftsteller, so lebt er in der Erscheinung nur 
mit dem mindern Thcile seiner Anlagen, und w’ird 
meist irrig beurtheilt werden, wie Mirabeau, bevor sein 
lebendiges Wort die doch ebenfalls bedeutenden Werke 
seiner Feder in Schatten stellte, und den ganzen that- 
kräftigen Mann erkennen ließ. Ob ich mich in dieser 
Bezeichnung irre? Möglich. Denken Sie aber einen 
Augenblick, daß in Laube eine Ahndung solcher Art 
wach sei, wie gering und gleichgültig muß ihm dann 
Vorkommen, was er jetzt einstweilen in den gering¬ 
fügigen Bewegungen dieser Tageslitteratur thut oder 
unterläßt, ob er sich nicht befugt dünken darf, darin 
ganz nach seiner augenblicklichen Zuständigkeit zu ver¬ 
fahren ? — Ich gebe ihm nicht Recht, aber ich kann 
ihn nicht tadeln. — 

Im Bette schreibt sich’s gar schlecht. Ich höre 
auf. Leben Sie wohl! 

Ihr V. 

(Geben Sie mir dies Blatt zurück.) 

Zu dieser Zeit, in der Laube die Redaktion 
der „Mitternachtzeitung“ führte, vielfach in Berlin 
sich aufhielt und mancherlei Reisen machte, 
kann ich noch weitere unbekannte Dokumente 
beibringen. Zunächst einmal das Einladungs¬ 
schreiben, das an die zu werbenden Mitarbeiter 
für den neuen Jahrgang gesandt wurde, ein 
kleines gedrucktes Oktavblatt, das folgenden 
Wortlaut hatte: 

Ich habe die Ehre, hochgeschätzter Herr, Sie zur 
Theilnahme an der Mitternachtzeitung, deren Redak¬ 
tion ich übernommen, einzuladen. Jeder Beitrag von 




Houben, Aus dem Leben Heinrich Laubes, 


365 


Ihnen, namentlich aber Alles, was in geringer Raum¬ 
ausdehnung und gedrängter Form Poetisches, Histo¬ 
risches behandelt, wird mir sehr willkommen sein. 
Diesen Standpunkt des Historischen möcht’ ich gern 
auch für Korrespondenzen eingenommen, und Notizen, 
Biographisches etc. ebenfalls darin einbegriffen sehn. 
Es ist dies vielleicht der glücklichste Ausweg für ein 
Journal jetziger Zeit, wo die Meinung so mannigfach, 
und die Aeußerung derselben darum den mißlichsten 
Konflikten ausgesetzt ist. 

Politik an sich bleibt von der Mitternachtzeitung 
völlig ausgeschlossen, und wo die Annäherung sich 
nicht vermeiden läßt, da ist es Tendenz der Redaktion, 
Achtung und Diskretion vor dem Bestehenden nicht 
aus den Augen zu lassen. 

Ihre gefälligen Zusendungen bitte ich ergebenst 
an die Kollmanrisehe Buchhandlung i)i Leipzig zu 
adressiren. 

Gestatten Sie die Versicherungen vorzüglicher 
Hochachtung 

Dr. Heinrich Laube. 

Daran schließen sich zwei Redaktionsbriefe, 
die neben dem Geschäftlichen auch des Per¬ 
sönlichen mancherlei enthalten. Der erste ist 
an den Freiherrn von Biedenfeld und, in einer 
Nachschrift, vielleicht an eine Verwandte des¬ 
selben gerichtet; vielleicht ist es dieselbe Dame, 
der auch der obige Brief vom 17. Dezember 
zukam. Mit von Biedenfeld war Laube schon 
in seiner Breslauer Zeit 1829—-1830 befreundet, 
und ihre gegenseitige Zuneigung ging so weit, 
daß Biedenfeld daran dachte, den jungen 
Schriftsteller zu adoptieren; mit Rücksicht auf 
die Schulden des verarmten Edelmanns lehnte 
aber Laube dies Anerbieten dankend ab. Schon 
die ganze Form des Briefes ist ein Zeugnis für 
ihre Intimität: 

Stehle mir, Werthester, aus dem Trubel einen 
Moment, um Ihnen zu sagen, wo ich sei. Bin in Schle¬ 
sien gewesen, gebäre neue Welten, redigire auf Mord, 
habe Zahnschmerzen u. keine Correspondenzen, bleibe 
vor der Hand hier, liebe Sie. 

Deutsche Zustaende — Gott, wer weiß die jetzigen 
recht zu beschreiben. Muß ein Vierteljahr anonym 
Probe redigiren, habe dann von Preußen Erlaubniß zu 
erwarten. Schicken, verschaffen Sie mir Corresptm- 
denzen u. Notizen; daran fehlt’s, je schneller, desto 
besser; sprechen Sie, wo Sie können von der Mittn. 
Ztg., die Leute denken, sie sei verboten, oder ich redi- 
girte sie nicht. Sie ist nicht verboten u. ich redigire. 
— Gott weiß, ob Sie noch in Weimar sind! 

Sehne mich sehr nach baldiger Antwort, bitte Frau 
Gemahlin bestens zu grüßen, bin unverändert 

Ihr Heinrich, 

in Berlin Mohrenstr. Englisches Haus 
d. 15. Jan. 36. 


[Dabei Zettel:] Anbei, mein gnädiges Fräulein u. 
geehrte Freundin, das Unglücksbuch u. der Unter¬ 
haltungskohl — die Regierungslasten eines abgesetzten 
Schriftstellers, tausendfach größer, als die eines gül¬ 
tigen, erlauben mir nicht, Ihnen mehr zu sagen, als wie 
ich mit herzlicher Hochachtung bin 

Ihr ergebenster H. L. 

Donnerstag früh. 

Ein zweiter Redaktionsbrief ist ein halbes 
Jahr später an einen literarischen Landsmann 
gerichtet, den späteren Breslauer Professor 
August Kahlert, der, ein Jahr jünger als Laube, 
schon mit mehreren Dichtungen und Novellen 
an die Öffentlichkeit getreten war. Der Brief 
lautet: 

Ich danke bestens, Verehrtester, für freundliche 
Sendung u. Anfrage — reise in diesem Augenblick 
nach Kosen, bleib dort ein paar Wochen, kehr dann 
hierher (Kronenstr. 50) zurück, um mit gutem Glücke 
nach Copenhagen zu segeln u. später über Hamburg 
pp. wieder hierher zu kommen. Es wird sich ungefähr 
grad so fügen, daß wir uns hier treffen, was mich sehr 
freuen würde. Ist denn Wenzel in Breslau? Hab ihm 
mit Gelinek geschrieben aber keine Antwort erhalten; 
viel Grüße für ihn. Max, dem ich mich empfehle, wollte 
mir an E. Arnd einen Correspondenten in Paris ver¬ 
schaffen ; vielleicht fällt Ihnen mal eine desfallsige 
Nachfrage ein; Heyder u. Hoftmann zum Schönsten 
grüßend, wünsche ich Ihnen ein gut Wetter aussen u. 
innen zur Rheinfahrt. 

Ihr ergebenster 

B. 15. Jul. 36. Laube. 

[Adr.] Herrn Dr. Aug. Kahlert 
Hochwohlgeb. 

Breslau. 

[A. d. Umschlag:] Dr. Laube bittet ergebenst, den 
Brief einem Paquete an H. Max beizulegen. 

Heinrich Wenzel ist ein Universitätsfreund' 
Laubes, der Hauptmitarbeiter seiner ersten in 
Breslau herausgegebenen Zeitschrift „Aurora“, 
und Eduard Arnd ein damals in Paris lebender 
Historiker, der zuerst als Dramatiker mit heute 
gänzlich verschollenen Stücken bleichsüchtiger 
Romantik aufgetreten und auf den jungen 
Dramatiker Laube, den Verfasser des „Gustav 
Adolf“ und „Moritz von Sachsen“, von starkem 
Einfluß gewesen war. 

Trotz seines vorsichtigen Verhaltens bei der 
Redaktion der „Mitternachtzeitung“ erreichte 
Laube es auch später nicht, daß ihm die Nen¬ 
nung seines Namens als Redakteur gestattet 
wurde, und als ihm schließlich das Urteil ge¬ 
sprochen wurde, war noch weit weniger daran 
zu denken. Mit dem Antritt seiner Haft in 






Houben, Aus dem Leben Heinrich Laubes. 


366 


Muskau blieb nichts weiter übrig, als sich völ¬ 
lig zurückzuziehen auf eigene Produktion. Er 
hatte unterdes die weiteren Bände seiner „Reise¬ 
novellen“ geschrieben und zum größten Teil 
in der „Mitternachtzeitung“ erscheinen lassen, 
auch den zweiten und dritten Teil des „Jungen 
Europas“, die „Krieger“ und die „Bürger“ zum 
Druck fertig gemacht, und als er jetzt mit 
seinem ganzen Hausstand — seine Frau, eine 
verwitwete Hänel, hatte ihm ein Stiefsöhnchen 
mit in die Ehe gebracht — nach Muskau über¬ 
siedelte, beschäftigte ihn bereits ein neuer Plan, 
den er in den anderthalb Jahren seiner Haft 
auch mit dem ganzen Aufgebot seiner Energie 
durchführte: die Abfassung seiner Literatur¬ 
geschichte. Einen Tag vor seiner Abreise in 
die Lausitz entwarf er gleichsam ein Programm 
seiner nächsten Zukunft in einem Briefe an den 
Mannheimer Verleger Heinrich Hoff, der mit 
großer Tapferkeit Laubes Schriften verlegte 
und auch die früher erschienenen verbotenen 
Bände auf seine Firma übernommen hatte. 
Der Brief gibt uns eine vollständige Übersicht 
alles dessen, was Laube damals beschäftigte: 

B[erlin] d. 1. Juli 37. 

Eben erhalte ich Ihren Brief vom 27., ich wohne 
im Gasthofe u. gehe morgen früh nach Muskau. Nun 
Geschäfte: 

1) Neue AWnovellen 1. 2. als Titel ganz gut. 

2) Das Manuscrpt. ist abgegangen u. wird schon in 
Ihren Händen sein; leider hat der ungeheure Trubel 
dieser Tage mich gehindert, das letzte Capitel „Das 
Schloß in PTanken“ zu schreiben, ich kann es nun nicht 
eher als in Muskau schreiben, so daß es aber wol in 
der letzten Hälfte des Juli sammt der Vorrede in Ihren 
Händen ist. 

3) Noch ein Uebelstand. im Abschnitte „Berlin“ 
wovon den hiesigen Notabilitaeten, besonders von Hum¬ 
boldt gesprochen wird, ist ein Witz durchaus wegzu¬ 
lassen, wo Humb. über Herrn v. Wei ther, damals preuß. 
Gesandten in Paris sagt: er ist Gesandter, ich aber bin 
Geschickter. H. v. Werther ist unterdessen Minister 
hier geworden, und das Buch ist mit diesem Passus 
hier verloren; u. doch muß es sich grade seines sonsti¬ 
gen Inhalts diesmal zumeist auf hier stützen. 

4) Zuerst müssen wir’s mit ein Paar Correkturbogen 
nach Muskau versuchen vom j. Europa. 

5) Ich glaub’s, daß es ihr größtes Interesse ist, im 
Herbst d. j. Europa zu versenden, mir kann’s vom grö߬ 
ten Nachtheil sein, weil ich zum Spätherbst meine Be¬ 
gnadigung erwarte u. das bedenkliche Buch gerade 
dazwischen kommt. Aber ich füge mich, das Buch 
selbst ist eigentlich conservativ, nur mit dem Titel 
müssen wir für hier eine unschuldige Wahl treffen. 
Denken wir darüber nach. 


6) Zur Zeitungsangelegenheit hoffte ich immer bis 
Neujahr au fait zu sein; lassen Sie sich in nichts be¬ 
hindern, aber wie steht’s bei der jetzt schlimmen Zeit 
mit den Mitteln? I'erner: H. v. Vaerst beabsichtigt 
im Interesse der Regierung zu Cölln um die nämliche 
Zeit ein ganz ähnlich Unternehmen mit großem Nach¬ 
druck. Ich spreche ihn heute, u. sage Ihnen Näheres 
darüber. 

Vergessen Sie um’s Himmels willen den Carton 
No: 3 nicht; im schlimmsten Falle schreiben Sie mir 
die Kosten zur Last. 

Zu Muskau wohne ich schön im Park, u. schreibe 
eine Literaturgeschichte, wozu Stahlstiche; wüßt’ ich 
nur, ob Sie nicht gar zu versteckt wären dies Jahr; ich 
möchte Ihnen gern dazu rathen, aber es ist eine theure 
Sache u. ich möchte Sie nicht noch mehr verstecken. 
Eigentlich hab’ ich’s halb u. halb versagt, Sie gehen 
aber vor; lassen Sie sich indeß für keinen Fall über die 
Kräfte hinaus verleiten; man muß am Ende auch nicht 
Alles auf eine Karte setzen. — Varnhagen grüßt; das 
Buch muß ziemlich gut gehn. Reisenovellen 3 u. 4 
müssen weiter hinaus, sie müssen noch ein paar Mal 
angezeigt werden. 300 ist ja kein Geschäft. 

Meine Frau grüßt. Ihr 

L. 

Herrn Hcinr. Hoff 
Buchhändler 

fr. Mannheim. 

Der Brief zeigt, wie wenig Laubes Unter¬ 
nehmungslust unter den Bedrängnissen der 
letzten Jahre gelitten hatte. Sein Mut ist wieder 
auf der Höhe, doch hat er Vorsicht gelernt 
Das zum Schluß erwähnte Buch sind Varn- 
hagens „Denkwürdigkeiten“, deren erste Bände 
durch Laubes Vermittlung ebenfalls bei Hoff 
erschienen waren. 

Der Ausarbeitung der vierbändigen Literatur¬ 
geschichte war fast die ganze Muskauer Ge¬ 
fängniszeit gewidmet, die aber viel zu kurz war, 
um ein solches Unternehmen auch nur einiger¬ 
maßen zur wirklichen Reife zu bringen. Das 
Buch erschien 1839 und 1840 bei Eduard 
Hallberger in Stuttgart und hat berechtigten 
Tadel gefunden. Laube hatte den Verlag auch 
Brockhaus angeboten, in einem Briefe vom 
9. November 1838, in dem es über die damals 
erst begonnene Arbeit heißt: 

„Aller Stoff, aller Name, alle Thatsache der Lite¬ 
ratur vom ersten Beginn deutscher Sprache bis zum 
heutigen Tage soll angeführt sein, damit das Buch 
nebenher die Dienste eines vollständigen Compendiums 
gewähren könne. Dazu müßten genaue Tabellen u. ge¬ 
nauer Index nach vollendetem Druck angefertigt wer¬ 
den. Ueber das Geripp hin geht nun aber eine literar¬ 
historische Tendenz, welche philosophisch-historisch 
den bloßen Stoff umfängt u. — der Absicht nach — 



Houben, Aus dem Leben Heinrich Laubes. 


367 


das Ganze zu einem in sich gefügten künstlerischen 
Ganzen verklingt und einigt.“ 

Am 29. Januar 1839 sandte Laube auch 
das Manuskript zur Ansicht, aber Brockhaus 
konnte sich nicht so schnell entschließen, wie 
Laube dies seiner bevorstehenden Pariser Reise 
wegen wünschte. 

Die schärfste Abfuhr erlitt Laubes Literatur¬ 
geschichte in den „Hallischen Jahrbüchern“, in 
denen durch Echtermeyer nach Ruges eigenen 
Worten „eine furchtbare Justiz“ an ihr ausgeübt 
wurde, in No. 293 ff. des Jahrgangs 1840. Bis 
dahin war Laube sogar Mitarbeiter dieser 1838 
gegründeten Zeitschrift gewesen. Noch 1840 
erschien dort seine Anzeige von Immermanns 
„Münchhausen“ (No. 81 ff.) und 1838 schon 
hatte er von Muskau aus auf Ruges Auffor¬ 
derung hin einen Beitrag nach Halle gesandt. 
Es war ein Aufsatz über Alexander von Stern¬ 
berg; er erschien in den No. 46 ff. und ihn hatte 
folgender Brief Laubes an Rüge begleitet: 

Ich habe Ihnen, werthester Herr, meinen herzlichen 
Dank abzustatten für Ihre freundlichen Zuschriften. 
Möge Ihrem Blatte nur meineTheilnahme etwas nützen; 
leider hat mich die winteroede, eintönige Gefangen¬ 
schaft für den Augenblick so überwältigt, daß ich ganz 
tonlos u. matt bin, u. mein erster Artikel, den ich Ihnen 
beilege, nur zu sehr nach dieser welken Existenz duftet. 

Lassen Sie sich nur nicht durch das erste Jahr ein¬ 
schüchtern, man schlägt wie ins Wasser bei uns, u. 
glaubt, die Streiche seien all verloren; am Ende er- 
giebt sich’s, daß sie alle bemerkt worden sind. Wir 
haben’s erfahren: um doch gewaltsam irgendein Echo 
zu wecken, schlugen wir immer gewaltsamer, u. zogen 
uns ein Donnerwetter zu. Ich habe jetzt das Unglück, 
einen künstlerischeren Ton zu wollen u. mich dadurch 
in etwas von meinen Leidensgenossen zu isoliren. — 
Aeußerlich wichtiger is'c’s, Wigand straff zu erhalten, 
der sanguinisch angehend, leicht nachläßt, ich werde 
von meiner Seite öfter an ihm schieben. Lassen Sie 
doch auch eine lange Zeit eine große Anzahl Exem¬ 
plare gratis verschicken, damit sich die Existenz be¬ 
merkbar u. lockend zeige. 

Was Sie von der lediglichen Literaturzeitung, dem 
fachmäßigen Recensiren entfernt, das nähert Sie gewiß 
dem Aufgenommenwerden, da Sie dies nicht mit Ober¬ 
flächlichkeit erkaufen woll’n. „Wieder eine bloße Lite¬ 
raturzeitung mehr!“ ist das allein gefährliche Wort, was 
unsrer Gleichgültigkeit für active Theilnahme so will¬ 
kommen ist — können Sie das vermeiden, dann ge¬ 
winnen wir ein groß Organ. Glauben Sie nicht, daß 
ich als Nichtfacultätsmann schulmeistre; ich habe hier 
nur Journalistenerfahrung u. Effekt aufs Allgemeine 
vor Augen, u. möchte zu gern, daß ein solch Unter¬ 
nehmen durchschlüge. 

Genießen Sie nur die frische Regung, welche solch 


ein wichtiger Anfang mit Gleichgesinnten, recht fröh¬ 
lich, ich seh’ Sie fleißig über Großkugeln u. das ver¬ 
führerische Schkeuditz nach Leipzig fahren zum Besten 
der deutschen Literatur, u. möchte Sie, ein kläglich 
Gefangener, wohl beneiden. Grüßen Sie Dr. Echter¬ 
meyer u. Witte, wenn Sie mit ihm verkehren. 

Mit herzlicher Theilnahme 

Muskau Ihr 

d. 15. Febr. 38. ergebenster Laube. 

[Adr.:] Herrn Dr. Arnold Rüge, Hochwohlgeb. 

Anbei ein Manuscr. Halle. 

Aus dieser Muskauer Zeit sei zum Abschluß 
der Exiljahre Laubes noch ein Brief mitgeteilt, 
an Gustav Schlesier gerichtet, den früheren 
Mitarbeiter der „Zeitung für die elegante 
Welt“, der sich in wohlberechneter Vorsicht 
ganz aus dem literarischen Treiben zurück¬ 
gezogen und sich politischer und historischer 
Schriftstellerei hingegeben hatte. Damals war 
eben ein politisches Buch von ihm erschienen 
„Oberdeutsche Staaten und Stämme“, und er 
suchte gerade einen Verleger für die Samm¬ 
lung der „Schriften von Friedrich von Gentz“, 
die denn auch in den folgenden Jahren er¬ 
schienen sind, und zwar im Verlag desselben 
Mannheimers Heinrich Hoff, an den Laube den 
Freund empfohlen hatte. Dies letztere geschah 
in folgendem Briefe: 

cl. 2. Mai 38. 

Ich antworte Dir spät, Liebster, weil ich Dir so¬ 
gleich Bescheid von Hoff mitgeben wollte, dem ich 
unter dem Versprechen strengster Geheimhaltung Deine 
Pläne mittheilte. In diesem Augenblicke antwortet er 
mir, daß er bald nach seiner Hochzeit, also etwa kurz 
nach diesem Briefe über Stuttgart reisen, u. mit Dir 
über die Angelegenheit sprechen werde. Sei nur so 
unbefangen wie möglich, er ist ein heitrer, praktischer 
Pfälzer. Ich unterlasse es vor der Hand, etwas über 
Deine Piojecte auszusprechen, da zunächst Alles von 
der Einigung mit dem Buchhändler abhängt. Du bist 
wol so gut, mich gleich in Kenntniß zu setzen, zu was 
für einem Resultate Ihr gekommen seid. In Betreff 
Gentzens wäre ich durchaus für den ganzen. Das 
Jahresheft kommt mir als Jahresheft etwas zu macht¬ 
los vor — wenigstens müßte es als solches nur ein erster 
Schuß sein, bis wir ein Journal haben, was uns so Noth 
thut, wies tägliche Brot. Ist Reinhold, der in Ruge’s 
Jahrb. üb. Seraphine schreibt, Dein Bekannter? Die 
Gutzkow, Mundt, Kühne reiben sich gegenseitig in 
Kläffereien auf, es wird da bald ein entscheidender 
Strich geschehen müssen, u. es ist zum Verzweifeln, 
daß ich so gebunden bin. Münch mährt mir artig was 
vor, u. macht neue Briefe nöthig für eine kleine Sache. 
Bei mir geht es traurig, da meine Frau kränkelt, u. 
offenbar von der langweiligen Existenz mit angegriffen 
ist — wie meine officiellen Collegen vom j. D. meine 
Gefängnisopfer u. Leiden plappernd ignoriren, u. — 



Houben, Aus dem Leben Heinrich Laubes. 


368 


zur Zeit der That still, hinterdrein schwatzhaft — die 
Pfauenräder schlagen, ist eine entsetzliche Erfahrung. 
Ich wünsch Dir von Herzen, daß Du mit dem Ge¬ 
schäfte zu Stande kommst, u. daß es Dir wohl gehe. 
Ich sitze wol hier bis zu Ende des Jahres, da ich 
schwerlich noch einmal einkomme. 

Und nun behüt Dieb Gott! Meine brau grüßt. 

Dein L. 

Der Brief ist für Laubes damalige Stimmung - 
und sein Verhältnis zu den jungdeutschen Kol¬ 
legen beachtenswert, und die trübe Aussicht 
auf die Dauer seiner Gefangenschaft bestätigte 
sich auch im vollen Umfange. Sein erstes 
Gnadengesuch vom 20. November 1837 war 
abgelehnt worden; dennoch entschloß er sich 


zösische Lustschlösser“, das Drama „Monalde- 
schi“ und der Roman „Gräfin Chateaubriant“. 
Heine war es, der den bisher nur brieflich ver¬ 
pflichteten Freund durch die Pariser Salons 
führte, ihn den dortigen Notabilitäten vorstellte 
und ihm die Einbürgerung auf französischem 
Boden erleichterte. 

Von dieser Reise sei ein Brief mitgeteilt, 
der an den schon genannten Gustav Schlesier 
gerichtet ist und sich unmittelbar an das letzte 
obige Schreiben anschließt Er ist aus Paris 
datiert und kommt mitten aus der dortigen 
Saison heraus, die Laube damals zum ersten 
Male mitmachte: 



)n Bfnskan. 


am 10. Juni 1838 zu einem neuen, das aber 
denselben Mißerfolg hatte. Von den andert¬ 
halb Jahren, die ihm das Urteil zudiktiert, wurde 
ihm kein Tag geschenkt, und erst im Januar 
1839 wurde er wieder frei. 

III. 

Reiseblätter. 

Die neu gewonnene Freiheit wurde von 
Laube zunächst zu ausgedehnten Reisen be¬ 
nutzt; fast ein Jahr lebte er mit seiner Frau in 
Frankreich, das ganze Land zu Fuß und zu 
Pferde durchstreifend, und er nahm von hier 
eine hübsche Reihe literarischer Anregungen mit 
nach Hause, unter deren Folgen nur drei ge¬ 
nannt sein mögen: das prächtige Werk „Fran- 


Paris, Boulevard des Italiens 
No. 7 d. 24. Decbr. 39. 

Du hast nichts von Dir hören lassen, lieber Schle¬ 
sier, als ich Dir im Frühjahre von Leipzig aus schrieb, 
ich bin unterdeß aus einem Wagen in den anderen, 
aus einem Schiffe in das andere gestiegen, habe mit 
der Heimath beinahe garnicht verkehrt, u. so ist zwischen 
uns beinahe ein Jahr hingeglitten, ohne daß wir mit¬ 
einander geredet. Für mich ein so wichtiges Jahr, die 
Bekanntschaft einer neuen Welt, die so ganz anders 
auf mich gewirkt, als ich mir vorgestellt hatte. Welche 
Macht dies Frankreich; nicht bloß als Politik. Ich 
hab es in allen Theilen durchreist, mit Anstrengung u. 
Opfern, u. bin auch nach Afrika gegangen, bis Blidah 
am Atlas. Nicht um darüber zu schreiben. Hier leb 
ich, sehr angenehm, aber bewegt u. mitgenommen von 
der immerwährenden fremden Sprache u. Welt, die je 
schwerer wird, je mehr man hineinkommt. Heine er¬ 
weist sich sehr treu u. liebenswürdig u. viel reicher, 
als ich erwartet. Er grüßt Dich schön. Und was magst 
















Houben, Aus dem Leben Heinrich Laubes, 


369 


Du gemacht haben ? Was vorbereitet, was geschrieben ? 
Ich hoffte Dich zu sehn, feilschte schon in Würzburg 
mit einem Hauderer gen Stuttgart. Da kam ein Brief 
dazwischen u. ich ging direkt an den Rhein. In sechs 
Wochen, Anfang Februar, geh ich in die Heimath zu¬ 
rück, u. käme gern über Stuttgart, scheute ich nicht 
beim deutschen Winter den Umweg, u. hoffte ich nicht, 
daß Du nun bald wieder nach dem Norden kämest. 
In Leipzig wird sich jetzt viel zusammen finden — Du 
weißt, die Wöllnerschen Maaßregeln gegen das Hegel¬ 
thum? — Diese Leute werden sich auch dahin ziehn, 
u. ich werde nun vorbereiten, mich wieder regelmäßig 
literarisch aufzuthun, meine Literatur Gesch. als Pro¬ 
gramm benützend. Die Gutzkow’sche Art wird eine 
so gemeine Pulververschwörung, daß man eine Macht 
dagegen organisiren muß. Ich habs lange nicht ge¬ 
glaubt; seh’s aber nun deutlich, daß mit diesem Intri¬ 
ganten u. jungen Miillner nichts anders als entschied- 
ner Krieg möglich, der jährlich aus drei Schlachten 
ohne Vorposten besteht. 

Ich habe hier auf den Bibliotheken sehr viel Histo¬ 
risches getrieben — das ist hier Alles so erleichtert — 
u. ich denke, es soll Dich interessiren, was davon in 
mein Buch Frankreich übergeht. Hallberger hab ich 
aufgegeben, Dir ein Exemplar meiner Litteraturgesch. 
zuzustellen. Ists noch nicht geschehn, so fordre es 
doch, durch einen Zettel Dich auf mich berufend. Ich 
habe unsägliche Noth mit diesem schwerfälligen un¬ 
geschickten Schwaben. Acht Monate druckt er, u. 
bringt endlich die Hälfte, die thörichtste Erscheinung 
von der Welt! Du mußt eine Anzeige des Buches 
machen, am Besten in einer politischen Zeitung. Bist 
Du mit keiner in Verbindung, oder weißt Du keine zu 
wählen? Manches, u. der Ton soll Dir, denk ich, ge¬ 
fallen, u. Du weißt, daß ich allen Tadel vertrage. 

Heine bringt ein Buch über Börne, was die jaco- 
binische Börnewelt Gutzkows niederhalten soll. Es ist 
in ein paar Wochen fertig. Hast Du garnichts vor, aus 
Deiner Einsamkeit herauszugehen, u. sag mir doch, 
wohin Deine Absichten gehn, u. in welcher Art u. Form 
u. ob überhaupt Du Dich associiren möchtest. Ich 
habe abgelehnt — wegen meiner Reise — mit 1840 ein 
literarisch Institut anzufangen, aber abgeschlossen für 
Ende 40. Dies unter uns! Zieh mir Deine Linien. 

Die Einlage läßt Du wol sogleich abgehn? Meine 
Frau, die überall mit herum geritten u. gefahren ist, 
grüßt Dich schönstens. 

Dein Laube. 

[Adr.] Schlesier, Stuttgart, Tübingerstr. 12. 

[Zusatz Schlesiers:] Artikel in den Unter- 
haltungsblättern über Gentz I. II. 

Unter den Wöllnerschen Maßregeln gegen 
das Hegeltum ist die Quertreiberei der reak¬ 
tionären Theologen und Historiker in Halle zu 
verstehen, die Arnold Rüge zwang, seine aka¬ 
demische Tätigkeit als Dozent der Philosophie 
aufzugeben. Das von Laube geplante journa¬ 
listische Unternehmen kam nicht zur Aus¬ 
führung, obgleich Heine daran teilnehmen wollte 
Z. f. B. 1906/1907. 


und Fürst Pückler in einer eigenen Beilage, 
„Der Park“ genannt, als Gartenkünstler zu Worte 
kommen sollte. Der Dramatiker, der nach 
Laubes Rückkehr von Paris in die Erscheinung 
trat, durchkreuzte diese Pläne. Erst zwei Jahre 
später hat Laube wieder redigiert, seine alte 
„Elegante Zeitung“, deren Altersschwäche aber 
auch er nicht mehr aufhelfen konnte oder wollte, 
denn schon Ende 1844 gab er sie wieder ab. 

Ein Nachtrag zu jenem Briefe ist ein spä¬ 
teres Schreiben an Schlesier, das unmittelbar 
nach Laubes Rückkehr nach Frankreich ab¬ 
gefaßt ist. Kaum war in Leipzig der junge 
Hausstand eingerichtet, da flüchtete Laube 
schon in die Einsamkeit des Jagdschlosses bei 
Weißwasser, das, nicht allzu fern von Muskau 
selbst, ebenfalls dem Fürsten Pückler gehörte und 
dem einstigen Gefangenen wie eine eigne Woh¬ 
nung zur Verfügung stand. Bis zum Ende der vier¬ 
ziger Jahre, als die Übersiedelung nach Österreich 
solche Besuche unmöglich machte, weilte Laube 
jährlich wochen- und monatelang auf diesem 
Schlosse, und die Mehrzahl seiner Dramen und 
sonstigen Arbeiten ist die Frucht hier verlebter 
Einsamkeit, die sich teilte zwischen Arbeit und 
Jagdvergnügen; denn seit seiner Gefangenschaft 
in Muskau war Laube ein passionierter Jäger 
geworden, eine Liebhaberei, die auch in seinem 
Büchlein „Jagdbrevier“ ein hübsches Denkmal 
gefunden hatte. 

Der muntere Ton des folgenden Briefes 
zeigt, wie erfrischend das auf Reisen verlebte 
Jahr auf Laubes Lebensmut gewirkt hatte 
und daß er vollständig auf der Höhe seiner 
jugendlich übermütigen Sicherheit sich befand: 

Jagdhaus bei Muskau 25/3. 40. 

Endlich ein Lebenszeichen von Dir, Lieber, u. zwar 
ein ganz muntres — Du kommst mir ja wie ein auf¬ 
gewecktes Käuzchen vor, das ich fast verliebt glauben 
möchte in eine feiste Schwäbin. Wie? Sage mir nur, 
Menschenkind, woher Du Nahrung für den Leib 
nimmst, der Du noch immer so vorsichtig mit dem 
Druckenlassen. Du lebst wohl das ganze Jahr mit 400 
rheinisch? Glücklicher Diogenes! Ich brauche alle 
Tage mehr, u. werde bald in Rauchwaaren oder so was 
speculiren. Aber ernsthaft, Deine Acquisitionen über 
Gentz freuen mich sehr, von Deinen sonstigen Plänen 
ferner verrathe ich nicht ein Wort, weil Du mir, — ein 
ächter Diplomat — kein eigentlich Wort gesagt hast. 
Gott walt’ es! Was will ich mehr, als daß Du Dich 
wohl befindest, u. so scheint es ja. Was sind das für 
Würgebänder u. Flausen, Du könntest nicht über meine 
Litt. Gesch. schreiben! Wofür hab ich Dich früher so 


47 









370 


Zeitler, Anthoinc de la Sale. 


lang in die Schule geschickt, u. Dich jetzt so lang in 
Ruhe gelassen, als daß Du was lernen solltest. Bilde 
Dir nicht ein, daß Dir eine Anzeige erlassen werde, sie 
braucht ja nicht bocksteif zu sein wie das Buch mit¬ 
unter selbst. Seit einem halben Jahre bist Du bei Hall¬ 
berger auf der Exemplarliste u. er hat nur nicht ge¬ 
schickt, weil er das Ganze schicken will. Vielleicht 
hast Du's jetzt schon. Such Dir also ein Organ aus, 
mir am Liebsten ein politisches, die sind alle mehr ge¬ 
lesen, u. sag, was Du magst u. kannst, nur sprich, Du 
wirst ja ganz übersichtig vor Gesicht. 

Fürchte nach meinem leichtsinnigen Tone nicht, 
daß ich so gar angesteckt sei von Frankreich, obwohl 
es mir da gut ergangen ist u. Wohlgefallen hat, u. ob¬ 
wohl ich noch kaum zwei Monate über die Grenze 
herein bin. Von Leipzig bin ich direkt hierher in den 
tiefeinsamen Forst gegangen, wo ich nur mit Hirschen 
u. Sauen verkehre u. mein Buch über Frankreich 
schreibe. Erst in drei Wochen, bis wohin es etwa zu 
Ende, geh ich auf einige Tage nach Berlin, wohne 


aber in Leipzig im Storchneste — für alle Schrift¬ 
stellerei ist ja Berlin todt, u. für meine Bliine darin ganz 
unbrauchbar. Gäbe es sonst etwas zum Theilnchmen, 
so ist man in Leipzig nahe genug zur Hand, bald aul 
5 Stunden mit der Eisenbahn. Sag mir doc h etwas 
Näheres von Deinem Leben! Hast Du noch die alte 
Wohnung, verkehrst Du noch mit den alten Bekannten? 
Kommst Du in Gesellschaftswelt, ist Dir das Leben 
recht u. reich genug? Meiner herzlichen Theilnahmc 
bei diesen Fragen sei gewiß, u. sage bald was darauf 
Deinem 

Laube. 

Mit dem Jahre 1840 beginnt die Reihe der 
Laubeschen Dramen auf der Bühne zu er¬ 
scheinen. Auch über diese Zeit liegt ein um¬ 
fangreiches handschriftliches Material vor, das 
aber zu weite Voraussetzungen erfordern würde, 
um es diesen Mitteilungen anzuschließen. 




ANTHOINE DE LA SALE / 

Oie fünfzehn freuüen der 
ebe/üollftäüüig in das Deut* 
fche übertragen / Oerlegt bei 

J. ZEITLER/LEIPZIG 1906 


Anthoine de la Sales „Quinze joyes de 
mariage“, diese köstlichen, derb-lebensvollen 
Satiren auf die Freuden der Ehe und auf die 
Beständigkeit und Treue der Frauen erscheinen 
in einem neuen Gewände auf dem deutschen 
Büchermarkt. Der Dichter, dem nach den 
Forschungen Eduard Grisebachs drei berühmte 
novellistische Werke des XV. Jahrhunderts zu¬ 
geschrieben werden, die „Quinze joyes de ma¬ 
riage“, die „Cronique du petit Jehan de Saintre“ 
und die „Cent nouvelles nouvelles“, wurde 1388 
in der Provence geboren. Die Quinze joyes 
verfaßte er in den fünfziger Jahren des XV. Jahr¬ 
hunderts. Von der ersten französischen Ausgabe 
dieses Novellenbüchleins besitzt die National¬ 
bibliothek in Paris ein Exemplar; sie ist wahr¬ 
scheinlich zwischen 1480 und 1490 in Lyon ge¬ 
druckt worden. Im Jahre 1794 erschien die erste 
deutsche Übersetzung unter dem Titel: „Fünfzehn 
Freuden der Ehe, aus einem uralten Werke ge¬ 
zogen. Nicht allein nützlich, sondern auch lustig 


und kurzweilig zu lesen.“ Diese Ausgabe ist 
natürlich gar selten geworden. Aber auch die um 
78 Jahre jüngere zweite deutsche Übersetzung 
(Die fünfzehn Freuden des Ehestandes. Von An¬ 
toine de la Sale. Berlin 1872) ist etwas ganz 
Rares, denn sie ist einer — offenbar sehr 
gründlichen — polizeilichen Konfiskation zum 
Opfer gefallen. 

Franz Blei in München hat uns nun die 
Fünfzehn Freuden der Ehe, das „Buch iro¬ 
nischer Schwermut“, wie er es nennt, aufs neue 
und vollständig ins Deutsche übersetzt, und 
zwar ganz ausgezeichnet übersetzt. Er hat 
nicht Wort für Wort übertragen, aber er triftt, 
vielleicht gerade deshalb, den Sinn der Erzäh¬ 
lungen und den Ton des Dichters um so besser 
und getreuer. 

Das neue Büchlein hat schon, ehe es noch 
auf den Ladentisch des Sortimenters gelegt 
wurde, ein eigenes Schicksal gehabt. Es 
sollte nach dem Wunsche des Übersetzers ein 




Zeitler, Anthoine de la Sale. 


371 


galten und dicfes Unglück fürLuftigKcit, 
und dies, tueil fie Dcrßeiratet und daran 
gemöt)nt find, wie ein ffel ans laften* 
tragen; ift aber Kein Oerdienft dabei. Cs 
unterbau mitb und mad)t tnir Spaß, 
inenn id) fo Diele in diefem neß zappeln 
febe, in dem fte ganz feft gefangen find, 
rnie id) es in diefen fünfzehn freuden 
gezeigt habe, zu ihrem Croft. 3a, für fie 
habe id) meine mühe, meine Hinte und 
mein Papier oerfebmendet, nicht für die 
andern, die nod) nicht Derbeiratet find, 
daß fie fid) in dem Heß nid)t follten 
fangen lalfen. nein, das ift gar nicht 
meine 7lbfid)t. Um zu bereuen,muß man 
etrnas getan haben und id) fage 
diefen nur, daß die freuden 
einig dauern und fie 
ihr Leben imflend 
enden iner* 
den. 


erlte froide der 
^ ift aber dlcfe- ein 

■ junger mann lebt in feiner 

■ fdjönften Jugend, luftig, forg* 

I los, zu allem Sd)erz aufgelegt 

■ mie zu jedem Liebesabenteuer; 

■ er fud)t fein Dergnügen nad) 
I ■ Stand und Detmögen-, eitern 
^^/oder Dermatiüte geben ihm ums 

er braucht und er hat fich nicht 
' zu Kümmern, er fiebt die üerheirateten, 
die fehr oerlegen in ihrem neß find; aber 
fie Kommen ihm oor, als ob fie fid) da 
prächtig unterhielten des föeibes rnegen. 
Cr fteht die frauen fd)ön gepußt, in Kien 
dern, die ihre männer allerdings oft nicht 
felbft bezahlt haben-, die frauen fagen 
ihnen, fie hättens uoti ihrer mutter. Der 
junge mann Kann nicht meg uon dem 
ließ, läuft immer daran herum — bis 
er hineinfällt und fich Derbeiratet. Die 



Geburtstagsgeschenk für Eduard Grisebach sein, 
der sich gerade Anthoine de la Sales Leben 
und Werke zum erfolgreichen Studium gemacht 
hatte. Er wollte es ihm, dem Sechzigjährigen, 
auf den Geburtstagstisch legen. Am selben 
Tage aber, an dem ihm der Verleger mitteilte, 
daß der Druck vollendet sei, erhielt er die 
traurige Nachricht, daß der, dem er dieses 
Buch widmete, nicht mehr unter den Lebenden 
sei. So konnte er, als er das Büchlein auf die 
Reise schickte, es mit einer zweiten, dem Bande 
lose beigelegten Widmung nur noch dem An¬ 
denken des Dichters und Forschers Eduard 
Grisebach weihen. 

Da die neue Ausgabe der „Fünf¬ 
zehn Freuden“ wie gesagt ein 
Geburtstagsgeschenk für den großen 
Bücher - Liebhaber und - Sammler 
Eduard Grisebach werden sollte — 
wir nannten ihn in dem Kreise der 
Bibliophilen gern mit einem Scherz¬ 
wort den „Bibliophilissimus“ —, so 
ließen es sich der Herausgeber und 
der Verleger angelegen sein, ihr ein 
schönes Feiertagskleid anzulegen. 

Wir merken es dem reizenden 
kleinen Quartbändchen schon von 
außen an, daß hier ein tüchtiger 


Buchkünstler seine Hand mit im Spiele gehabt 
hat. Der Verleger Julius Zeitler hatte dem 
Leipziger Graphiker Walter Tiemann die typo¬ 
graphische und künstlerische Ausgestaltung des 
Werkes anvertraut. Um das Endurteil vorweg¬ 
zunehmen : ich bekenne mit Freuden, daß ich 
gegen die künstlerische Ausstattung des Bänd¬ 
chens auch in keiner noch so kleinen Einzel¬ 
heit einen Einwand erheben könnte; ich be¬ 
trachte es vielmehr als ein wohlgelungenes 
kleines Kunstwerk aus einem Gusse. 

So wie die Dichtung sich nach ihrem Titel 
und nach ihrer Gliederung anlehnt an die viel¬ 
verbreiteten mittelalterlichen Andachtbücher 
von den sieben Freuden der Maria, 
den „Sept Joies de Notre-Dame“, 
so hat man sie auch äußerlich aus¬ 
gestattet nach der Art der französi¬ 
schen Livres d’heures des Mittelalters 
im Format, in der großen gotischen 
Type, den großen Initialen am Be¬ 
ginne der einzelnen Abschnitte, im 
Schwarz- und Rotdruck und im 
Charakter des Einbands. 

Um die Beschreibung mit dem 
Äußeren anzufangen: ein reizender, 
ganz solider Einband aus natur¬ 
farbenem gelbbraunem Schweinsleder 





rüuus3eitifl 





















372 


Zeitler, Anthoine de la Sale. 


umschließt das Buch. Den vorderen Deckel ziert 
eine große, gotisch stilisierte Vignette in Rauten¬ 
form mit Ornament und Titelumschrift. Sie 
ist nach dem Entwurf von Walter Tiemann 
in Blindpressung ausgeführt. Die vier dicken 
Bünde auf dem Rücken sind nicht nur, wie 
sonst so häufig, „markiert“, sondern das Buch 
ist wirklich in der alten soliden Art auf vier 
Bünde gebunden. Der Rückentitel ist ebenfalls 
blind eingepreßt. Und das Buch wird auch 
in alter Art durch lederne Schließen mit 
kräftigen kupfernen Krampen zusammen¬ 
gehalten. Nach einem Probeband, den der 
Leipziger Buchbindermeister Hans Dannhorn 
anfertigte, ist der Einband für die Hälfte der 
Auflage in der Großbuchbinderei von J. F. Bösen¬ 
berg in Leipzig als einer der schönsten und 
auch gediegensten Verlegereinbände, die ich 
kenne, hergestellt worden. 

Gedruckt wurde das Buch von Ltitcke & 
Wulff in Hamburg, den Druckern des Ham¬ 
burger Senats, und zwar durchweg in der von 
Otto Hupp gezeichneten „Neudeutsch“ der 
Hamburger Schriftgießerei von Genzsch & 
Heyse. Es war ein besonders glücklicher 
Griff, für das vorliegende Literaturwerk aus der 
Zeit der Gotik gerade diese schöne, ebenmäßig 
hinlaufende, streng gotische Schrift zu wählen, 
die sich nach meinem Empfinden für den Neu¬ 
druck von Literaturdenkmälern des Mittelalters 
so gut eignet wie keine andere der in den 
letzten Jahren neu geschaffenen künstlerischen 
Druckschriften. Ebenso glücklich war es, den 
großen Grad der Schrift zu wählen und sie auf 
ein starkes, gelblich getöntes Papier von kräf¬ 
tiger Struktur zu drucken. Die schönen Typen 
stehen in sattem Schwarz tief eingepreßt auf 
dem rauhen Papier, gerade so, wie wir es an 
den Inkunabeln bewundern. 

Und wie ist nun unter der leitenden Hand 
Walter Tiemanns der Satz angeordnet worden, 
und welchen Schmuck hat er dem Büchlein 
gegeben? Vor allem steht auf der Buchseite 
der Satz, der Druckspiegel im schönsten Ver¬ 
hältnis zu dem Papierblatt. Breite und Höhe 
der Kolumne und die Breite der drei Ränder 
sind gegeneinander aufs feinste abgewogen und 
ausgeglichen. Für mich ist es, wenn ich das 
Buch aufschlage, ein Vergnügen, allenthalben 
die schönen Maßverhältnisse zu betrachten. 
Wir sehen hier wie bei den alten Drucken der 


Inkunabclzeit, daß die gut gesetzten Buchseiten 
in schöner kraftvoller Schrift an sich, ohne 
weiteren Schmuck, einen ästhetischen Genuß 
gew ähren können. Wie das erreicht wird, ist 
immer wieder allen abstrahierten Regeln zum 
Trotz ein Geheimnis des Schriftsatzes. Künst¬ 
lerischer Geschmack und sicheres ästhetisches 
Gefühl sind jedenfalls hier immer die ersten 
Haupterfordernisse. 

Viel trägt für das schöne, volle, gleich¬ 
mäßige Satzbild auch in diesem Buche wieder 
bei, daß auf den Seiten wenig Absätze gemacht 
sind. Größere Unterbrechungen erleidet der 
Satz nur beim Anfang und beim Ausgang der 
einzelnen Novellen. Einige größere Unter¬ 
brechungen sind ja auch bei einem Buche von 
immerhin 186 Seiten durchaus erwünscht, und 
hier sind sie mit vollem Recht stark betont. 
Die Anfänge sind jedesmal durch eine große, 
schlichte, in saftigem Rot gedruckte Initiale 
herausgehoben, und auf diesen Seiten bilden 
die zwei ersten, aus einem größeren Grade ge¬ 
setzten und rot unterstrichenen Zeilen in sehr 
geschicktem Satz den Übergang von der großen 
Initiale zur Schrift des Textes. Das wenige 
und diskret verwendete Rot tut viel zur Be¬ 
lebung des ganzen Satzes. 

Den auf diese Weise akzentuierten Anfangs¬ 
seiten der Abschnitte stehen die Seiten mit 
den Kapitelausgängen in abgetrepptem, drei¬ 
eckig auslaufendem Satz gegenüber. Diese 
Art, die Schlußzeilen zu gruppieren, ergibt reiz¬ 
volle Satzbilder und belebt, vorzugsweise bei 
gotischen und Schwabacher Schrift-Charakteren, 
die nicht ganz gefüllten Seiten auf das ange¬ 
nehmste. Der Setzer hat das auch in diesem Druck 
mit großem Geschick gemacht. In der Vorrede 
und in den Titeln sind die fremdländischen 
Namen übrigens aus der schönen Römischen 
Antiqua von Genzsch & Heyse gesetzt, und 
es ist merkwürdig, wie gut diese Antiqua mit 
der gotischen Schrift von Hupp zusammen¬ 
geht. 

An Buchschmuck hat Tiemann außer den 
erwähnten großen Initialen nur noch das zu 
dem Inhalt des Buches mit Witz und Humor 
ausgewählte Titelbild gezeichnet: Phyllis, den 
armen Aristoteles am Zügel führend, in Holz¬ 
schnittmanier nachgezeichnet nach dem Stich des 
Meisters des Amsterdamer Kabinetts, und außer¬ 
dem das gotisch stilisierte, umseitig abgebildete 



Einband vonWalter Tiemann für Anthoine de laSale.- Die fünfzehn Freuden der Ehe 



Zeitschrijt für Biicherfreimde X 


Loubier: Anthoine de la Sale. 















Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 373 


Signet des Verlegers. Das Signet steht in rich¬ 
tigem Maßstabe ganz allein rot gedruckt auf der 
ersten Seite des Buches. Ich erwähne das be¬ 
sonders, weil die heutigen Verleger häufig für 
ihr Signet weder den rechten Maßstab im Ver¬ 
hältnis zum Format der Buchseite, noch auch 
die rechte Stelle finden können. 

Zum Schluß seien auch die für die Biblio¬ 
philen nicht ganz unwichtigen Mitteilungen ge¬ 
geben, daß die Auflage einmalig ist und 600 
mit der Hand numerierte Exemplare beträgt, 
und daß der Preis sich für ein broschiertes 
Exemplar auf 10 Mark, für ein in Schweins¬ 
leder gebundenes auf 15 Mark beläuft. 

Meine Besprechung dieses Buches enthält viel 
Lob, aber ich kann wohl sagen, daß ich dieses 
Lob aus vollem Herzen gespendet habe. Der 


Verleger Julius Zeitler hat sich von der Be¬ 
gründung seines noch jungen Verlags an red¬ 
liche Mühe gegeben, seine Verlagswerke hübsch 
zu drucken und geschmackvoll auszustatten. 
Er sagt am Schlüsse des Prospektes — der 
übrigens auch unter Beihilfe von Tiemann als 
Schriftkünstler sehr geschmackvoll gedruckt 
ist — ganz bescheiden: „Nach vielen Ver¬ 
suchen und Anläufen ist vielleicht dieses Mal, 
im Verein mit dem Künstler, einem Werk 
meines Verlages eine gute und würdige Ein¬ 
kleidung geschaffen.“ Ja, das ist der Fall. 
Ich kann nur wiederholen, daß nach meiner 
Meinung diese neue Ausgabe der „Fünfzehn 
Freuden der Ehe“ ein rechtes Buch für Freunde 
schöner Bücher geworden ist. 

Dr. Jean Loubier. 


Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe- 

Ausstellung zu Dresden. 

Von 

Oskar Loewenstein in Dresden. 


inen ganz bedeutenden Umfang hat 
auf der letzten Dresdener Kunstge¬ 
werbe-Ausstellung das Buchgewerbe 
eingenommen, dank der besonderen Bemühungen 
des Deutschen Buchgewerbe-Vereins in Leipzig, 
seines ersten Vorstehers Dr. L. Volkmann und 
seines Verwaltungsdirektors Arthur Woernlein. 

Neben dieser, das gesamte Buchgewerbe 
mit allen seinen, an der Herstellung des Buches 
der Gegenwart beteiligten Hilfsberufen zur Dar¬ 
stellung bringenden Abteilung ist auch in den 
verschiedenen Techniken dem „alten“ Buche 
und Bucheinbände eine große Entfaltung gelassen 
worden. Man findet hier Zeugen der Buchkunst 
verschiedenster Jahrhunderte, kann interessante 
Studien machen über Schriften und Schrift¬ 
malereien, Drucke, Einbandmethoden, Einband¬ 
stoffe und Einbanddekoration, Vorsatzpapiere 
u. a. m. Man wird stilistische und kulturelle Ver¬ 
gleiche anstellen können, und namentlich der 
Bücherfreund wird sich an vielen köstlichen 
historischen Schätzen weiden. 

Es ist nicht unsere Absicht, das gesamte 
Buchgewerbe hier Revue passieren zu lassen, 


dazu würde der uns zur Verfügung stehende 
Raum kaum ausreichen — auch würde in der 
dadurch nötig werdenden Gedrängtheit jedes 
einzelne Spezialgebiet zu kurz kommen. Wir 
wollen nur eines dieser Fächer, den Bucheinband, 
besprechen, wie er uns auf der Ausstellung ent¬ 
gegentritt, und wollen zeigen, was er uns in Ver¬ 
gangenheit und Gegenwart gebracht hat und 
was wir von seiner Zukunft hoffen können. Wir 
wollen dabei auch untersuchen, ob uns die 
deutsche Buchbindekunst den feinen, vom 
Künstler individuell angehauchten Liebhaber¬ 
oder Luxusband bieten kann , den wir bei anderen 
Nationen so hoch schätzen. Dazu wird uns die 
Abteilung ,,Neue englische Kunst“ Gelegenheit 
zu Vergleichen geben. Was übrigens diese 
englischen Bucheinbände auf einer deutschen 
Kunstgewerbe-Ausstellung eigentlich zu suchen 
haben, ist nicht recht klar; wollte aber die Aus¬ 
stellungs-Leitung den Anlaß bieten, Parallelen 
zu ziehen zwischen der deutschen Kunstbuch¬ 
binderei und der für den Bucheinband in Be¬ 
tracht kommenden anderer Kulturnationen, so 
durfte neben der englischen auch die französische 







374 


Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunslgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 


und skandinavische Kunstbuchbinderei der 
Gegenwart nicht fehlen. 

Wir haben es bei Betrachtung der Aus¬ 
stellung zu tun: 

1. mit den alten, früheren Jahrhunderten 
entstammenden Bänden und Deckeln, 

2. mit den ausgestellten englischen Bänden 
der Gegenwart, 

3. mit den deutschen Bänden der Gegen¬ 
wart und 

4. mit den Bänden, die uns die deutschen 
Buchbinderlehranstalten als Ausblicke in die 
Zukunft vorführen. 

Ein größerer Umfang ist dem alten Buche 
eingeräumt. Wenn auch die alte Rolle gänz¬ 
lich fehlt, die Diptychen und Triptychen kunst¬ 
voll, aber etwas eintönig, Polyptychen gar nicht 
auftreten, so hat das historische „Buch“ doch 
viele Vertreter aus den verschiedensten Jahr¬ 
hunderten, den mannigfachsten Ursprungsländern 
und Orten und den divergierendsten Herstellungs¬ 
techniken. So liegen Bände oder Deckel aus 
allen Jahrhunderten vor, vom X. bis XIX., mit 
Ausnahme des XII., Bände, deren Ursprungs¬ 
land Deutschland (München, Königsberg, Nürn¬ 
berg, Kassel, Augsburg, Saalfeld, Bamberg, Ad¬ 
mont und die berühmten sächsischen kurfürst¬ 
lichen Bände) und Frankreich (Paris, Limoges) 
sind, ferner orientalische (byzantinische), italie¬ 
nische (neapolitanische, venetianische, Floren- 
tiner), spanische, englische, flämische: gewiß 
eine große Vielseitigkeit, aus der sich der Band 
von früher studieren läßt. Unter den verschie¬ 
denen Einband-Materialien sind hervorzuheben 
die Elfenbein-Bände, die Bände in getriebenem 
Silber, zum Teil vergoldet und mit Email ge¬ 
schmückt, die gravierten Bände in Kupfer¬ 
platten mit Email, Bände aus Holz, aus Rinds¬ 
leder mit Silberstickerei, aus Kalbleder, Maro¬ 
quin, Lackleder, Schweinsleder, Pergament, 
Samt und Messing. 

Bevor wir den hervorragendsten Zeugen des 
alten buchbinderischen Kunsthandwerks näher 
treten, wollen wir aber der Pflicht genügen, 
den Besitzern der Vorlagen für deren Dar¬ 
bietung auf der Ausstellung den Dank der 
Bücherfreunde auszusprechen. Es sind dies neben 
den, öffentlichen Interessen dienenden Samm¬ 
lungen: Herzogliche Bibliothek in Gotha, Se- 
kundogenitur-Bibliothek in Dresden, Kupfer¬ 
stichsammlung weiland S. M. Königs Friedrich 


August II. in Dresden, Deutsche Gesellschaft 
in Leipzig, Königliche öffentliche Bibliothek in 
Dresden, Königliche und Universitätsbibliothek 
in Königsberg i. Pr., Stadtbibliothek in Leipzig, 
Benediktinerstift Admont — Frau Konsul Lim¬ 
burger in Dölitz und die Herren Julius Campe 
in Hamburg, Dr. A. List in Magdeburg, Graf 
Hans Wilczek in Kreuzenstein, Georg von San¬ 
dersleben in Dresden, Pastor Schuch in Leipzig 
und Alfred Reinhardt in Kauern. 

Unter den alten Schätzen, wie wir diese 
der Buchgeschichte angehörigen Bände und 
deren Vorläufer, die Diptychen und Triptychen 
nennen dürfen, sind manche kostbare Doku¬ 
mente früherer Jahrhunderte vorgeführt; sie 
zeigen nicht nur, welchen Wert auf das Material 
und die kunstvolle Arbeit gelegt wurde, sie be¬ 
kunden auch den religiösen Geist, von dem die 
Verfertiger wie deren Auftraggeber beseelt 
waren. 

Da ist beispielsweise ein Buchdeckel aus 
getriebenem, vergoldetem Silber mit der Dar¬ 
stellung des heiligen Victor aus dem Jahre 15 50; 
ein weiterer Band in Silber mit graviertem Ranken¬ 
werk und Medaillons, Mittelstück mit Gruben¬ 
email; ein Band, geschmückt mit den Wappen 
des Markgrafen Joachim von Brandenburg und 
der Herzogin Elisabeth von Braunschweig, dar¬ 
unter in Niello die Inschrift: GOT SPRACH 
ZU ABRAHAM ALLES WAS SARA DIR 
GESAGT HAT DEM VOLGE.... Auch dieser 
Münchener Band stammt von 1550, ebenso 
der gravierte Silberband mit aufgelöteten 
Mittelstücken, Eckverzierungen und Rahmen- 
w r erk; die vergoldeten Mittelstücke stellen hier 
auf dem Vorderdeckel die Justitia, auf dem 
Hinterdeckel den schlafenden Amor dar, im 
Fond befinden sich biblische Darstellungen. Ein 
anderer gravierter Silberband, dessen Mittel¬ 
stücke und Eckmedaillons aber aufgeschraubt 
und vergoldet sind, stammt aus Königsberg; in 
den Mittelstücken findet sich ein demütiger Hirt, 
umgeben von fliegenden Engelsköpfen. Ein dritter 
sehr schöner Silberband ist von 1556 datiert. Die 
aufgelöteten rautenförmigen Mittelstücke weisen 
die Wappen des Herzogs Albrecht von Preußen 
und seiner Gemahlin auf; die Eckbeschläge, 
hochgetrieben, zeigen vier Bruststückfiguren, 
zwei Markgrafen und zwei Frauengestalten, w r ohl 
deren Gemahlinnen; die aufgelöteten Randleisten 
und Bünde sind aus vergoldetem Silber. Lin 




Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 


vierter Silberband zeigt reich geätztes Riemen- 
und Arabeskenwerk; das aufgelötete Mittelstück 
trägt im Bilde den gekreuzigten Jesus, die Eck¬ 
beschläge sind gegossen und vergoldet; die reiche 
Ornamentierung erinnert an Groliersche florale 
Formen. Der Band ist ein Nürnberger Kind 
von etwa 1570. 

Mit Ausnahme des erstaufgeführten Bandes, 
der zu der Sammlung Julius Campe in Hamburg 
gehört, stammen sämtliche Silberbände aus dem 
Besitz der Königlichen und Universitätsbibliothek 
in Königsberg i. Pr. 

Unter den Elfenbeinschätzen fesseln uns zu¬ 
nächst verschiedene Diptychen und Triptychen. 

Ein Triptychon, unten die Madonna mit 
dem Kinde zwischen Engeln, die Anbetung der 
Könige, die Darstellung im Tempel, oben die 
Kreuzigung, zeigt Spuren von Bemalung. Es 
macht den Eindruck, als sei dieses Triptychon 
nicht als Notiztafel geschaffen worden; es rührt 
aus dem Frankreich des XIV. Jahrhunderts her 
und ist der Sammlung des Dr. List in Magde¬ 
burg entnommen. 

Der Flügel eines anderen Diptychons, gleich¬ 
falls mit einer Darstellung im Ternpel, ist eben¬ 
falls französischen Ursprungs und gehört zu 
derselben Sammlung. 

Wohl auch kaum als Notiztafel bestimmt 
gewesen, ist ein Triptychon französischer Her¬ 
kunft, die Anbetung der Könige und eine Dar¬ 
stellung im Tempel enthaltend; wir verdanken 
es der Sammlung Julius Campe in Hamburg, 
aus der auch noch ein Diptychon stammt, das 
Szenen aus der Kindheit und der Passion Christi 
enthält. Es ist französischen Ursprungs aus der 
zweiten Hälfte des XIV. Jahrhunderts. 

Ein weiteres französisches Diptychon mag 
um 1300 entstanden sein. Es trägt auf der 
einen Tafel die Madonna mit Kind und Engeln, 
auf der andern Christus am Kreuz zwischen 
Maria und Johannes. Eigentümer ist Herr Alfred 
Reinhardt in Kauern. 

Prächtig geschnitzt ist ein der Listschen 
Sammlung angehöriges Diptychon aus der ersten 
Hälfte des XIV. Jahrhunderts, mit Szenen aus 
der Kindheit und Leidenszeit Christi, sowie ein 
der gleichen Zeit entstammendes französisches 
Diptychon aus der Sammlung Campe, gleichfalls 
Passionsszenen enthaltend und Spuren von Be¬ 
malung aufweisend. 

Frankreich hat auf diesem Gebiete recht 


375 

viel geboten. Daher stammt auch ein Dipty¬ 
chon aus der ersten Hälfte des XIV. Jahr¬ 
hunderts, das der Deutschen Gesellschaft in 
Leipzig gehört und das rechts Christus am 
Kreuze, links die Madonna mit Heiligen, auf 
blauem Grunde geschnitzt, aufweist. Wohl der 
gleichen Epoche gehört der Flügel eines Di¬ 
ptychons mit Szenen der Passionsgeschichte aus 
der Campeschen Sammlung an. Es scheint 
nach den vorhandenen Spuren übergoldet ge¬ 
wesen zu sein. Eine Darstellung im Tempel 
dekoriert den Flügel eines zur Listschen Samm¬ 
lung gehörigen Diptychons französischen Ur¬ 
sprungs, doch läßt sich über die Zeit der Ent¬ 
stehung nichts sagen. Ein anderes französisches 
Diptychon aus der ersten Hälfte des XIV. Jahr¬ 
hunderts stellt die Verkündigung, Geburt, 
Kreuzigung und Auferstehung dar. 

Ein kleines Diptychon deutschen Ursprungs 
vom Ende des XIV. Jahrhunderts trägt die Ma¬ 
donna mit dem Kinde und die Kreuzigung 
in Abbildung. Beide Darstellungen unter go¬ 
tischen Spitzbogen weisen vorzüglich ausgeführte 
Figuren auf. Dieses und ein noch kleineres 
Diptychon gehören zur Listschen Sammlung; 
letzteres, ebenfalls deutsch und um 1400 ge¬ 
fertigt, ist mit Szenen aus der Kindheit und 
der Passion Christi geschmückt. Trotz des mini¬ 
malen Umfangs enthält es vier Darstellungen 
von ausgezeichneter Feinheit der Schnitzerei 
und in trefflicher Proportionalität des Figür- 
lichen. 

Wundervoll ausgeführt ist ein Diptychon 
derselben Sammlung, italienischer Provenienz, 
mit der Kreuztragung und Kreuzigung: eine 
erlesen feine Elfenbeinschnitzerei, namentlich in 
den vielen — über fünfzig —- Personen, zum Teil 
mit Pferden, und mit einer vorzüglichen Ausarbei¬ 
tung der zahlreichen Spitzbogen. 

Aus gleicher Sammlung stammt noch ein 
deutsches Diptychon aus der Zeit um 1480, das 
die Verkündigung und Anbetung des Kindes 
darstellt: mit der Inschrift im fliegenden Bande 
„Ave gracia plena“. 

Als Teil eines Diptychons liegt ein Relief 
aus, St. Michael mit dem Drachen, prächtig 
im Entwurf und sehr fein in der Ausführung: 
eine deutsche Arbeit um das Jahr 1000, die der 
Stadtbibliothek in Leipzig entnommen ist. 

Der Listschen Sammlung verdanken wir 
ferner ein Diptychon aus der ersten Hälfte des 



376 Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 


XIV. Jahrhunderts; das Ursprungsland ist zweifel¬ 
haft. Auch hier sind Geburt und Kreuzigung 
Christi trefflich dargestellt. 

Ein Eichenholzbucheinband mit eingelassener 
Elfenbeinplatte ist ausgezeichnet erhalten. Das 
Relief, Christus am Kreuze, ist umgeben von 
vielen biblischen Szenen. Der schöne Elfenbein¬ 
schnitt ist tief und scharf; der Eichenholzrand 
ist mit Leder bezogen und mit Glasbuckeln 
besetzt. Dieser deutsche Band stammt von ca. 
iooo und gehört der Königlichen öffentlichen 
Bibliothek in Dresden. 

Ein anderer Bucheinband in Eichenholz mit 
eingelassener Elfenbeinplatte, das Relief mit 
der Maria mit dem Kinde, hat zu seiten 
des Madonnenbildes zwei durchbrochene Elfen- 
beinsäulchen mit korinthischem Kapital; die 
mindestens 3—4 cm starken Deckel sind mit 
Pergament- oder Lederschnüren am Rücken 
des Buches befestigt. Vom Ende des X. Jahr¬ 
hunderts stammend, ist der zum Teil vergoldete 
Band byzantinisch; Eigentümerin ist die Stadt¬ 
bibliothek in Leipzig. 

Eine Buchplatte mit dem Relief Christus am 
Kreuz zwischen Johannes und Maria, ist gleichfalls 
vorzüglich erhalten, bis auf den etwas beschä¬ 
digten Rand. Die Platte entstammt der Samm¬ 
lung des Grafen Wilczek in Kreuzenstein; sie 
ist deutschen Ursprungs und im XI. Jahrhundert 
entstanden. 

Zwei weitere, vermutlich von einem Buchein¬ 
bände herrührende Plättchen stellen Kreuzigung 
und Kreuzabnahme dar. Sie zeigen Spuren von 
Vergoldung und sind zur Erhaltung in Samt¬ 
rahmen gefaßt. Ihre Provenienz, die in das 
XIV. Jahrhundert fallen dürfte, ist dem Ur¬ 
sprungslande nach nicht sicher. Sie gehören 
zur Listschen Sammlung. 

Auch unter den Ausstellungsgegenständen in 
Email finden sich einige Buchdeckel und Platten 
in sehr schöner Einlegearbeit, so zwei Buch¬ 
deckel aus Kupfer mit Grubenschmelz. Auf 
den Platten sind in halbrundem Relief getriebene 
und vergoldete Figuren festgenietet, links die 
Kreuzigung, rechts die Madonna zwischen Petrus 
und Paulus. Die Deckel sind in Limoges Ende 
des XIII. Jahrhunderts gefertigt und gehören 
zur Sammlung des Dr. List. 

Zur Listschen Sammlung zählt auch ein 
Emaildiptychon, das sehr farbenfreudig mit 
Kreuzigung und Auferstehung geziert ist; es 


rührt von Jean J. Penicaud in Limoges um 
1540 her und ist, namentlich in den Farben, 
glänzend erhalten. — 

Ist es uns auch nicht möglich, alle ausgestellten 
alten Lederbände zu beschreiben, so möchten 
wir doch diejenigen hier näher behandeln, von 
denen uns nicht bekannt ist, daß sie durch Ab¬ 
bildung bereits weiteren Kreisen bekannt ge¬ 
worden wären. Einige der ausgestellten Bände 
haben die „Monumenta Germanica“ reproduziert, 
eine weitere Anzahl ist durch die „Illustrierte 
Zeitung für Buchbinderei“ in den achtziger Jahren 
des vorigen Jahrhunderts publiziert worden. 

Hier nun finden wir Bände in gebeiztem 
Leder mit abgerollter Bordüre, in Leder mit 
farbigen Einlagen und Handvergoldung, Bände 
mit marmorierten Schnitten, in weißem Perga¬ 
ment, zum Teil bemalt, mit Handvergoldung 
und ziseliertem Schnitt, mit sogenannten eng¬ 
lischem Marmor - Vorsatz, einen kurfürstlich 
sächsischen Einband von 15 89 in I Iandvergoldung 
mit Bronzebeschlägen, einen schönen alten 
sächsischen Einband mit reicher I Iandvergoldung 
und durchbrochenen Metallbeschlägen. Ein Ein¬ 
band gleichfalls sächsischer Provenienz für 
Johann Georg, Herzog zu Sachsen, Gulich (Jü¬ 
lich), Cleve und Berge, mit den diesen Bezirken 
angehörenden Wappenschildern in durch¬ 
brochener Bronze, ist ein besonders schönes 
Kunstwerk an Gravierung und interessant durch 
den Zusammenhalt des Bandes; den Rücken 
bilden eine Anzahl Metallröhren, die durch 
Metallstäbchen mit Knöpfchen an den Spitzen 
zusammengehalten werden in der Weise, wie 
wir es bei Notizbüchern durch die Bleistifthülsen 
gewohnt sind. Ähnlich sind mehrere Rücken 
behandelt. Interessant ist auch ein Lederband 
von 1586 mit Metallbeschlägen, dem loth¬ 
ringischen Adler in häufiger Wiederholung durch 
Metallauflage und dem Monogramm C C (Carl 
von Lothringen, Erzbischof von Mainz), mit 
Mittelschild in Bronze und dem erzbischöflichen 
Wappen. Neben andern sehr schönen und reich 
gravierten Metallbänden befindet sich hier auch 
eine alte Bibel in rotem Leder mit zweifarbigen 
Metallecken (mit den Aposteln) und zweifarbigem 
Metallmittelstück (Christus) und gleichartigen 
Metallschließen. Aus der Zeit der Kopierung 
— Anfang der achtziger Jahre — sind durch 
Kopien eine Anzahl alter Riesenmappen und 
Bücher bekannt geworden, deren Originale in 




Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 3 77 


ausgezeichnet erhaltener überreicher Handver¬ 
goldung und sonstiger glanzvoller Dekoration 
ausliegen. Weiter bewundern wir an einer 
Reihe antiker abgerollter Einbände deutschen 
Ursprungs die vortrefflich ziselierten Schnitte. 
Unter den vielen sächsischen Einbänden sei noch 
hervorgehoben eine Pharmacopoea von 1582 
in reicher Rollen- und Handvergoldung. Origi¬ 
nell ist ein Buch in Herzform, in der Mitte auf¬ 
schlagbar. Ein roter Maroquinband mit ver¬ 
goldeter Pressung, die Riemenwerk darstellt, ist 
im Mittelmedaillon mit dem Titel versehen „Deila 
Ingiustitia Del Duello“; dieser hochinteressante 
italienische Band aus der ersten Hälfte des 
XVI. Jahrhunderts stammt aus der Bibliothek des 
Thomas Maioli und gehört jetzt der Königlichen 
öffentlichen Bibliothek in Dresden. Zwei braune 
Kalblederbände mit vergoldeter Pressung, beide 
sächsischen Ursprungs von 1574, erinnern eben¬ 
falls an Maiolis Eigenart; der eine Band ent¬ 
hält Sleidanus „Begriff und Auszug der vier 
Monarchien“ als Umschrift um die ovalen Mittel¬ 
stücke des Vorder- und Hinterdeckels, während 
der andere in der Mitte die Inschrift „Hegesipus“ 
trägt. Aus Venedig um 1550 rührt ein, Frau 
Konsul Limburger in Dölitz gehöriger roter 
Maroquinband her, mit Handvergoldung, Boccac¬ 
cios „Decamerone“ enthaltend, aus Florenz von 
1568 ein Dr. List gehöriger Braunkalblederband 
mit den gemalten kombinierten Wappen der 
Certaldo und Berti. Aus Neapel um 1480 stammt 
der der Herzoglichen Bibliothek in Gotha an¬ 
gehörende Rindlederband mit Silberstickerei, der 
ein burgundisches Brevier umschließt; dieselbe 
Bibliothek bringt noch weiter zur Auslage einen 
venetianischenMaroquinband von 1481 mitHand- 
vergoldung und einen venetianisch-orientalischen 
Einband mit Lederausschnittarbeit von Nicolas 
Jenson 1481. Ein italienischer, der Sekundo- 
geniturbibliothek in Dresden gehöriger Kalb¬ 
lederband von 1774 weist vergoldete Pressung 
und farbiges Riemenwerk und in der Mitte 
das kurbayrische Wappen auf. Ein anderer 
italienischer Band von 1800 ist der Herzoglichen 
Bibliothek in Gotha zu eigen und besteht aus 
Maroquinleder mit verschiedenfarbiger Leder¬ 
auflage und einem grünen Spiegel; in der Mitte 
befindet sich ein Medaillon mit einer weiblichen 
Figur. Aus gleicher Bibliothek stammt ein 
roter Maroquinband mit figürlichem und orna¬ 
mentalem Dekor in Goldpressung vom Jahre 
Z. f. B. 1906/1907 


1700. Ein anderer Rotmaroquinband italienischer 
Herkunft von 1736 stammt aus der Königlichen 
Bibliothek in Dresden; er trägt reiche Gold¬ 
pressung und das farbige Wappen Kursachsens 
und Polens. Aus dem XVII. Jahrhundert rührt 
ein derselben Bibliothek gehöriger roter Maro¬ 
quinband aus Venedig mit grünen Auflagen 
und Handvergoldung her; ebenso ein orien¬ 
talischer Maroquinband mit Blindpressung aus 
dem XVII. Jahrhundert: durchbrochene Leder¬ 
arbeit auf blauem Grunde im Spiegel. Ein per¬ 
sischer Lackeinband um 1600 hat gleichfalls 
bunt unterlegte Lederdurchbrucharbeit beim 
Spiegel. Ein schöner spanischer marmorierter 
Kalblederband von 1772 ist Eigentum der Se- 
kundogeniturbibliothek in Dresden. Einen eben¬ 
solchen (aus gleicher Bibliothek) hat Paris 1792 
hergestellt. Paris verdanken wir auch einen 
weißen Kalblederband mit farbigem Ornament 
und dem französischen Wappen aus dem Jahre 
1550. Zwei der Gothaer Bibliothek angehörende 
Pariser Bände stammen von 1530 und 1600; 
ersterer ist ein echt Grolierscher Entwurf auf 
Kalbleder: florales Ornament mit Bandwerk, 
letzterer ein grüner Maroquinband mit Lilien 
und dem Monogramm MM (Maria von Medici, 
Gemahlin Heinrichs IV.). Ein roter Maroquinband 
Pariser Abstammung mit sehr reicher Hand¬ 
vergoldung von 1747 trägt das Zeichen des 
berühmten Buchbinders Ludwigs XV., Padeloup. 
Englischer Herkunft dürfte nur ein Band in braun 
Maroquin mit Blindpressung und dem Namens¬ 
zug der Königin Elisabeth in Goldpressung sein; 
er stammt aus dem Jahre 1570 (Königliche 
öffentliche Bibliothek in Dresden). Dieser Biblio¬ 
thek ist auch die Auslage einer echten Corvine 
zu danken: ein roter Maroquinband mit Hand¬ 
vergoldung und Wappen, aus des Ungarnkönigs 
Mathias Corvinus globaler Sammlung (1458 
bis 1490). Dem Benediktinerstift in Admont 
gehören zwei Bände, die in der dortigen Kloster¬ 
buchbinderei ihre Entstehung gefunden haben; 
der eine ist ein brauner Rindslederband mit 
geschnittenem und gepunztem Dekor, in der 
Mitte die stehende Madonna, vom Ende des 
XV. Jahrhunderts, der andere ein Buchrücken 
aus demselben Säkulum. 

Die deutsche Buchbinderei ist naturgemäß 
am stärksten vertreten. Ein brauner Kalbleder¬ 
band mit reicher Blindpressung, auf dem Vor¬ 
derdeckel mit der Bezeichnung „Plutarchus“ ist 

48 



37§ Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 


Augsburger Arbeit von 1534 und der Kupfer¬ 
stichsammlung Königs Friedrich August II. in 
Dresden entlehnt. Von diesen deutschen Bänden, 
die wir hier kaum einzeln beschreiben können, 
rühren die meisten aus der zweiten Hälfte des 

XVI. Jahrhunderts her, doch sind auch das 

XVII. und XVIII. Jahrhundert vertreten; zumeist 
sind sie sächsischen Ursprungs. Kurz erwähnt 
seien noch ein gesteifter Pergamentband mit 
reicher Goldpressung vom Ende des XVI. Jahr¬ 
hunderts , ein weißer Schweinslederband mit 
reicher Blindpressung, das Mittelstück mit be¬ 
maltem Wappen (um 1570), ein braunes acht¬ 
eckiges Kalblederbändchen mit Goldpressung 
und dem kursächsischen Wappen, dazu die 
Jahreszahl 1591, ein Pergamentband Saalfelder 
Ursprungs von 1716, mit Handvergoldung und 
Bemalung und dem Monogramm des Herzogs 
Johann Ernst von Sachsen und mit eine Krone 
tragenden Genien (Sammlung List), ein roter 
Samtband mit vergoldeten Silberbeschlägen, 
und ein grüner Samtband mit durchbrochenen 
und vergoldeten Messingbeschlägen und dem 
Wappen des Kurfürsten Johann Georg I., 1652 
hergestellt. 

Von historischem Interesse ist ferner ein 
Bucheinband in Mappenform mit Klappe und auf¬ 
gemaltem figuralem Dekor, die Klappe in ver¬ 
goldetem und gebeiztem Leder. Auch einem 
persischen Buche ist die Buchklappe eigen; 
hier ist sie außen mit blinder vertiefter Relief¬ 
prägung, innen mit Gold- und Farbendruck 
verziert. 

Von den Bibliophilen und Bibliomanen 
wird unter den heutigen Bucheinbänden vor 
allem der französische und der englische Band 
gewürdigt. Durchaus nicht mit Unrecht; wohl 
aber kann man das als „traditionelle Über¬ 
kommenschaft“ bezeichnen, und man muß den 
zeitgenössischen Werken andrer Nationen, unter 
ihnen auch der deutschen, die Gerechtigkeit 
wahren, daß sie einen Platz direkt neben jenen 
einnehmen dürfen, denn auch amerikanische 
Künstler (Matthews, Zahn-Toof), dänische 
(Kyster), schwedische (Beck, Petersen, Hert- 
zog), italienische (Andersen) und deutsche 
(Kersten, Weiße, Ludewig, Hübel, Collin, 
Sperling, Göhre, Schultze u. v. a.) bringen 
Werke heraus, die Anspruch erheben können 


auf ein künstlerisches Intellekt bei vorzüglicher 
sachgemäßer Ausführung. Ja, was die deutschen 
Kunstbände betrifft, so ist das zum geflügelten 
Wort gewordene „billig und schlecht“ ein längst 
überwundener Punkt, gegen dessen Übertragung 
auf die heutige Zeit nicht scharf genug ein 
Veto eingelegt werden muß. 

Hier also sind von ausländischen Bänden 
nur englische ausgestellt, und es ist im Vergleiche 
mit dem deutschen zweierlei bemerkenswert. 

In England zählt der Bucheinband mehr 
zu den Liebhaberkünsten. Kunstbegeisterte 
Damen entwerfen die Zeichnungen und binden 
teils selbst die Bände oder lassen sie vom 
Buchbinder binden, oder ein nichtfachmännischer 
Kunstgewerbezeichner entwirft das Dekor, und 
die Buchbinderei, die handwerkstechnisch aller¬ 
dings das Höchste leistet, bindet den Band, 
während der Vergolder ihn dekoriert. Bei der 
deutschen Buchbindekunst wird von den Fach¬ 
künstlern immer mehr darauf hingearbeitet, sich 
vom akademischen Künstler (kunstgewerblichen 
Zeichner) unabhängig zu machen. Der Kunst¬ 
buchbinder will Selbstentwerfer sein, er will 
Buchbinder sein und will Selbstdekorateur sein. 
Wir halten das für einen großen Vorzug. Der 
Fachmann kennt sein Material, er weiß, was 
er diesem zumuten darf, er kennt die Technik, 
weiß, was sein Werkzeug, sein Stempelmaterial 
zu leisten imstande ist; er weiß die Schwierig¬ 
keiten verständnisvoll zu beurteilen, ist dem¬ 
gemäß in der Lage, Klippen zu vermeiden, 
er kennt die Wirkung der Farben und des 
Goldes auf seinem Material durch die Praxis 
und versteht es, Effekte in den Entwurf hinein¬ 
zubringen , die nur der in der Kunsttechnik 
und der Handwerkstechnik Erfahrene her¬ 
ausklügeln kann. Viele Zeugen solcher Gesamt¬ 
leistungen betätigen auf der Ausstellung dieses 
Übergewicht. Und wenn es auch nur einige 
wenige sind, die kürzlich Selbstentworfenes aus¬ 
gelegt haben, die Mehrzahl jedoch noch Ent¬ 
würfe anderer ausgeführt hat, so darf man 
nicht übersehen, daß wir uns noch in den 
Anfangsstadien dieser Bewegung befinden und 
daß auch bei den andern Nationen die wahren 
Fachkünstler an den Fingern hergezählt werden 
können. 

Was uns auf der Ausstellung der englischen 
Bände der Neuzeit geboten ist, ist zwar nicht 
viel, aber es ist vortrefflich. 




Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 379 


Der Heros der englischen Einbandkünstler 
T. J. Cobden-Sanderson stellt neun Bände in 
denkbar verschiedenstem Dekor aus, alle aber 
von ausgezeichnetem Effekt; gebunden sind sie 
in der Musterwerkstatt der Doves Bindery zu 
Hammersmith. Da ist ein blauer Lederband 
mit Vergoldung von Linienzügen, unterbrochen 
durch Zusammenstellung je dreier Lilienblüten 
und Rosenzweigehen mit Rosen in Medaillons. 
Ein grüner Lederband hat nur Bordüren-Ver¬ 
zierung ; Zweigehen mit abwechselnd drei 
offenen und drei vollen Blättchen nehmen sich 
ausgezeichnet aus. Ein anderer Grünlederband 
ist dekoriert durch einen zwar gut wirkenden 
Golddruck, doch streift der Entwurf den Barock 
zu sehr. Einen braunen Lederband zieren ge¬ 
bogene, sich dachartig aufbauende Linien, auf 
deren Spitzen je eine volle dicke Kugel Platz 
gefunden hat; eine diesem Dekor entsprechende 
Borde ist so einfach, dabei von so eminenter 
Wirkung, daß man diesem schlichten Entwürfe 
vor so manchem raffiniert komplizierten unum¬ 
wunden den Vorzug einräumen muß. Einen 
braunen Schweinslederband dekoriert der Künst¬ 
ler mittelst Blinddrucks eines mehr geometri¬ 
schen Dessins; dadurch erhält der Band den 
Typus einer Plattenpressung. Das Dekor er¬ 
scheint uns nicht recht zeitgemäß. Eine Bibel 
in rotem Leder mit Golddruck zeigt Bandver¬ 
schlingungen ä la Grolier, wie auch das ganze 
Dekor an diesen erinnert; nur in der Mitte 
ist die Ornamentation andersartig; hier findet 
sich ein Doppelkreis, zwischen den in Abständen 
je drei Rosenblättchen und kleine Rosettchen 
eingefügt sind. Die Wirkung ist gut, trotzdem 
ein deutsches Künstlerauge sich dem Entwürfe 
gegenüber ablehnend verhalten würde. Ein 
blauer Lederband weist nur Randvergoldung 
auf, und zwar sind durch Linien kleine Recht¬ 
ecke gebildet, deren Schmalseiten nach innen 
abgerundet sind; durch deren Aneinander¬ 
reihung sind Kreischen entstanden, in die 
kleine Blättchengruppen eingefügt sind. Bei 
einfachsten Mitteln ist hier eine volle Wirkung 
erzielt. Eine schöne Kunstarbeit ist ein Rot¬ 
lederband mit Bandverschlingungen, die sich in 
Kreisen und Voluten winden; an den Enden 
öffnen sich die Bänder, und aus ihnen heraus 
sprießen zahlreiche raketenartig in die Höhe 
schnellende Linien, aus denen sich zierliche 
Maiglöckchen entwickeln. Der Effekt ist wunder¬ 


voll. „Pericles and Aspasia“ ist ein grüner Saffian¬ 
band mit feinen Linienzügen, spiral- und kreis¬ 
förmig, mit kleinen offenen, aus Linien gebildeten 
Blättern von herzähnlicher Gestalt, Blatt- und 
Blütenstempeln. In der Wirkung ganz aus¬ 
gezeichnet, steht der Band auch als Entwurf 
in künstlerischer Hinsicht unter allen Cobden- 
Sandersonschen Einbänden unbedingt an erster 
Stelle. 

Sodann ist durch fünf Bände Douglas 
Cockereil in London vertreten; auch sein Name 
zählt beim Bücherliebhaber zu den auser¬ 
lesensten. 

Cockerell dekoriert seine Bände insofern 
ganz anders, als er nicht — wie Cobden-San¬ 
derson — jede Zutat farbiger Lederauflagen 
verschmäht; allerdings macht auch er nur einen 
sehr dezenten Gebrauch hiervon. Höchst ein¬ 
fach ist ein roter Lederband durch Linien 
dekoriert, die sich zu Rechtecken schließen und 
eine Bordüre um den Deckel bilden; die Ecken 
sind durch kleine grüne Lederauflagen verziert, 
während der ganze Fond freigelassen ist. Die 
gleiche Rechteckborde trägt der blaue Leder¬ 
band mit den dramatischen Werken von Robert 
Browning, doch sind die Rechteckfelder durch 
kleine Rosenblättchen gefüllt; hier sind auch 
die Ecken mit rotem Leder ausgelegt und der 
Fond durch zarte von der Borde zum Zentrum 
führende Linien verziert, die sich zu einem Me¬ 
daillon verschlingen, in das rot ausgelegte größere 
Rosen eingedruckt sind. Den sonstigen Fond 
füllen Dreipunkt-Gruppen vollständig aus, um 
alles zu einem trefflichen Effekt zu ge¬ 
stalten. Ein grüner Lederband ist über und 
über mit dicken Blätterzweigen, Punkten, 
vollen Kugeln und vollen Rosettenstempeln ge¬ 
füllt. Das Dekor wirkt in seinem Zuviel un¬ 
schön ; übrigens wird man durch die Blatt¬ 
zweige an die Dekorationsweise der Brüder 
Clovis und Nicolas Eve erinnert. Unbedeutend 
ist auch ein roter Lederband mit einer einfachen 
Randverzierung durch Linien, unterlegten grünen 
Blattstempeln und Punkten. Nach dem Schild¬ 
chen, das dem Ausstellungsbande in der Vitrine 
beigegeben ist, soll auch das „Guest Book“ von 
Cockerell sein, der Katalog verzeichnet aber 
W. H. Smith and Son in London als Künstler und 
Aussteller. Dieses Buch ist ein Quartband in rotem 
Leder, das in der Mitte genannten Titelaufdruck 
führt, umgeben von Eveschen Lorbeergirlanden, 



380 Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 


die sich oben zum Kreise schließen; kleine unter¬ 
legte Beeren sind an den Lorbeerzweigen in 
guter Verteilung eingestreut. Der Kranz an sich 
wirkt hübsch, nimmt sich aber in seiner Ein¬ 
samkeit auf der großen Quartfläche etwas 
verlassen aus. Hätte der Künstler wenigstens 
den Band bordürt, wenn auch nur durch eine 
einfache starke Goldlinie, so würde das Mittel¬ 
stück zu einer entschieden schöneren Wirkung 
gekommen sein. 

Im Kataloge nicht verzeichnet, wohl aber, 
wenn auch nur durch ein einziges Stück, ver¬ 
treten ist die anerkannte Buchbindekünstlerin: 
Miss C. Adams in London. Miss Adams gilt 
als vornehme Künstlerin, und das Werk atmet 
auch durchaus Künstlerschaft und Geschmack, 
trotzdem haben wir manches an ihm auszusetzen. 
Der Entwurf zerfällt in zwei Teile, in eine iiber- 
breite Borte und einen schmalbemessenen Fond- 
Die Ziselierung dieses letzteren durch allerfeinste 
Punktstempelchen zu kleinen, sich verschlingen¬ 
den Kreismustern, wirkt, gehoben durch kleine 
Kreisstempel, recht gut; aber er hat den Charak¬ 
ter einer weiblichen Handarbeit, etwa einer 
Leinenstickerei, ein Eindruck, der sich auch 
bei der Borte wiederholt. Bei dieser sind 
die Kreise nicht durch Punktstempelung oder 
Punzierung hervorgebracht, sondern durch volle 
Linien. Die Anordnung der Kreise und Halb¬ 
kreise macht einen entschieden weiblichen Ein¬ 
druck, die Halbkreise sehen wie Langetten 
aus. Und dennoch wirkt das Ganze recht hübsch, 
nur harmonieren zwei so verschiedene Vergolde¬ 
charaktere wie Punkt-Dekor und volles Linien- 
Dekor nicht gut zusammen. Ein erhöher künst¬ 
lerischer Effekt wäre erzielt worden, wenn 
beide Teile — Fond und Borte —, zumal sie 
dasselbe Dessin zeigen, vergoldet worden wären. 

Ehe wir die Ausstellung der deutschen 
Buchbinderei besprechen, möchten wir einige 
Aufklärungen geben, die für den Bücherfreund 
nicht ohne Interesse sein werden. 

Die deutsche Buchbinderei ist vielverzweigt. 
Ursprünglich gehörten zu ihr auch noch 
die Lederwarenherstellung, die Einrahmung 
von Bildern, das Aufziehen von Karten 
und Plänen und die Kartonnagenfabrikation 
(Futteralmacherei). Alle diese Zweige haben 
sich außerordentlich entwickelt und an 


Umfang dermaßen zugenommen, daß jeder 
Zweig sich wieder in Spezialbranchen teilte und 
Sonderberufe hervorbrachte. So schieden aus 
der Buchbinderei zumeist in den letzten vierzig 
Jahren, viele Spezialitäten aus, die heute mit 
ihr nur noch lose Zusammenhängen und eigene, 
vielfach sehr bedeutende und umfangreiche 
industrielle Betriebe wurden. Das sind z. B. die 
Geschäftsbücher-, die Album-, Mappen-, Karton¬ 
nage-, Portefeuille- und Lederwarenfabrikation, 
die Notizbücher-, Schreibhefte- und die Rahmen¬ 
fabrikation. 

Innerhalb der übriggebliebenen Buchbinderei 
hat sich aber gleichfalls noch eine Sonderung 
vollzogen, nur daß viele Werkstätten mehrere 
Zweige der Restbuchbinderei auch nebenein¬ 
ander kultivieren. Da ist die Großbuchbinderei 
mit ihrem auflagenweisen Verlegerbande und 
der Deckenfabrikation für nummernweise er¬ 
scheinende Journale oder heftweise erscheinende 
Lieferungswerke; die Sortimentsbuchbinderei 
mit ihrer stück-, halb- oder ganzdutzendweisen 
Einzelproduktion; die Kunstbuchbinderei, die 
sich auf Luxus-, Liebhaber- und Prachtwerke 
verlegt und ihre Erzeugnisse, nach individuellem 
Geschmack und den Sonderverhältnissen an¬ 
gepaßt, kunstgerecht entwirft und ausführt; 
schließlich die Reparaturwerkstatt und Klein¬ 
buchbinderei, die gewöhnliche Bücher bindet, 
bereits einmal gebundene Bücher nach Defekt¬ 
werden umbindet, Zeitschriften und Lieferungs¬ 
werke „in Decke bringt“, Ausbesserungsarbeiten 
aller Art vornimmt, Broschüren drahtet und 
heftet, Plakate oder Landkarten aufzieht und 
sonst vorkommende Einzelarbeiten pflegt. Ein 
Übergreifen der einen Spezialgattung in eine 
andere ist allerdings nicht ausgeschlossen. 

Die Ausstellung zeigt uns die Großbuch¬ 
binderei, die Kunstbuchbinderei und, weniger in 
Betracht kommend, die Sortimentsbuchbinderei. 

Der uns zugemessene Raum bedingt es, 
daß wir uns in unserer vergleichenden Be¬ 
trachtung auf das Äußerste beschränken. Wir 
können daher dem Großbetriebs- (industriellen) 
und dem Sortimentsbande nur insoweit gerecht 
werden, als es für den Bücherfreund zum Ver¬ 
ständnis unumgänglich nötig ist, über deren 
Charakter unterrichtet zu sein. Denn der Bücher¬ 
freund hat jedenfalls nur an dem künstlerisch 
hergestellten Handband, dem nach individuellen 
Intellekt des Künstlers gefertigten Einzelbande 



Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 38 1 


ein höheres Interesse. Wohl wird auch der 
Sortimentsband eines tüchtigen Buchbinders 
Anerkennung verdienen, aber er wird eben 
schon, wenn er das gewohnte Niveau über¬ 
schreitet, dem Gebiete des Kunstbandes zugeteilt 
werden müssen; die Grenze ist da kaum 
festzustellen. 

Der industrielle Band ist der in größeren 
Auflagen fabrikmäßig und uniform hergestellte 
Einband, der vermöge eines geschulten Arbeits¬ 
personals, einer in hoher Vollkommenheit maschi¬ 
nellen Einrichtung, eines zeichnerisch stelbständig 
entwerfenden Künstlerpersonals — fast jede 
bedeutendere Großbuchbinderei hat jetzt ihr 
eigenes Künstlerzimmer — eine Vollendung er¬ 
reicht hat, die auch auf der Ausstellung zur 
Geltung gelangt ist. Das Uniforme aber, die 
Unmöglichkeit, für sich etwas Apartes haben 
zu können, unterscheidet streng den industriellen 
vom Kunstbande, und der Bücherliebhaber will 
für sich etwas Eigenartiges, dem persönlichen 
Geschmack Entsprechendes haben. Daher muß 
sich an dieser Stelle der Großbetriebsband 
unserer Besprechung entziehen, nur wollen wir 
nicht zu bemerken unterlassen, daß auch in 
seiner Art das Beste geleistet worden ist. 

Treten wir den ausgestellten Kunstbänden 
näher, so finden wir, daß eine ganze Reihe 
buchbinderischer Fachkünstler vertreten ist und 
daß viele von ihnen wieder mit einer großen 
Anzahl von Bänden aus den verschiedensten 
Fachkunsttechniken und dem mannigfachsten 
Dekor den Beweis erbringen, daß die hohe Auf¬ 
gabe für das deutsche Kunsthandwerk jeglichen 
Berufs: „die Kunst in das Handwerk zu tragen 
oder, wo sie bereits seßhaft war, zu steigern“, 
auch von der Buchbinderei erfaßt und erfüllt 
worden ist. 

Schon bei einem Allgemeinüberblick muß 
die Metamorphose auffallen, die die moderne 
Richtung in dem kurzen Intervall von etwa 
zehn Jahren durchgemacht hat. Um diese 
Zeit bürgerte sich die Jugendrichtung auch in 
der Buchbinderei ein, und in dem Drange nach 
Neuartigem, Ungewöhnlichem kam sie zu Ex¬ 
zentrischem und Widerwärtigem, zu Unmöglich¬ 
keiten, Gesuchtem und Banalem. Verfasser 
dieser Zeilen war es vornehmlich, der den Kampf 
gegen diese Bucheinbandsdekorationsweise auf¬ 
nahm und dem das geflügelte Wort von dem 
sich Abklärenmüssen entgegengehalten wurde. 


Dieser Abklärungsprozeß ist aber ein voll¬ 
ständiger Reformprozeß gewesen, ein Umsturz, 
denn bei der heutigen Buchdeckenverzierung 
ist, insofern der Kunstband in Betracht kommt, 
von auch nur einem Anklange an die damalige 
Ornamentierung nicht zu reden. Bei den im 
Großbetriebe hergestellten Bänden kann man 
dagegen oft noch jene Richtung als Basis des 
zeitigen Dekors erkennen, doch hat auch hier 
tatsächlich eine Läuterung stattgefunden. Ins¬ 
besondere haben bei floralen Ornamen- 
tationen die massigen Schilfgewächse Wasser¬ 
rosen und zarteren Blüten, Blättern und Stielen 
weichen müssen, auch ist man davon abge¬ 
gangen , den Einband als Illustrationsfeld an¬ 
zusehen, was er ja nicht sein soll; der Inhalt des 
Buches wird heute höchstens noch symbolisch 
auf dem Deckel angedeutet. Auffällig ist weiter, 
daß der Biedermeierstil aus dem zweiten Viertel 
des vorigen Jahrhunderts, der in den nahe ver¬ 
wandten Berufen, Buch- und Steindruck sowie 
Schriftguß, seine Wiedergeburt feierte, in der 
Buchbinderei sich noch kein Bürgerrecht wieder¬ 
erworben hat; nur vereinzelt wagt er sich 
noch schüchtern hervor. 

Wir hatten schon an anderer Stelle darauf 
hingewiesen, daß bei uns das rühmliche Streben 
der Bindekünstler besteht, selbst zu entwerfen, 
und auch wir schätzen den Kunstbuchbinder 
höher ein, der seine Entwürfe selbst schafft, als 
den , der nur den buchbinderischen Interpreten 
seines entwerfenden Künstlers bildet. Auf 
der Ausstellung gibt es noch eine dazwischen 
stehende Gruppe, nämlich solche Buchbinder, 
in deren Werkstatt zwar der Entwurf geschaffen 
oder der Band gebunden, die aber bei der 
größeren Gestaltung ihres Geschäfts nicht selbst 
entwerfen — oder nur selten — und nicht selbst 
binden oder vergolden können, weil der Um¬ 
fang ihres Betriebs ihnen hierzu nicht die Zeit 
läßt. Das sind die Kunstwerkstätten, die aus 
kleinen Anfängen sich emporgearbeitet haben, 
deren Inhaber auch heute noch die Lorbeeren 
einheimsen, die eigentlich ihren Mitarbeitern, 
den entwerfenden Künstlern und ihren Ver¬ 
goldern, zukommen. Wir können sie hier nicht 
scheiden, weil sie sich als Eigenentwerfer und 
als Eigenhersteller bezeichnen. 

W. Collin , königlicher Hofbuchbinder, Ber¬ 
lin W., ist durch eine größere Anzahl schöner 
Bände vertreten, die auf mannigfachste Weise 



382 Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgeweibe-Ausstellung zu Dresden. 


dekoriert sind. In seinen Entwürfen — eine 
Anzahl stammt vom Maler L. Siitterlin — 
kämpfen gewissermaßen die Neigung für die 
frühere Art der Deckendekoration und das Zu¬ 
geständnis für die moderne. Man muß aber 
zugeben, daß hier wie dort Schönheiten zu¬ 
tage treten, die selbst eingefleischten Gegnern 
der einen oder der andern Richtung unum¬ 
wundene Anerkennung abnötigen müssen; aller¬ 
dings wird man nicht alles gleichwertig ein¬ 
schätzen können, und die kritische Sonde wird 
auch manches ans Licht bringen, was dem 
künstlerischen Organismus schädlich ist. So 
ist in einem Neuen Testament (grau Ecrase- 
leder mit Handvergoldung und Lederauflage) 
der Typus der Ornamente mehr dem typo¬ 
graphischen als dem Buchdeckendekor-Charakter 
angepaßt. In einem olivgrünen Ecrasebande (Bis¬ 
marcks Erinnerungen) kommt die naturalistische 
Richtung zum Wort. Dickens’ „Weihnachts¬ 
abend“ ist im Dekor etwas antiquiert; ein Taschen- 
kalender von 1841 in gelb Maroquin ist einfach, 
fast zu einfach dekoriert. Einen etwas zu düstern 
Eindruck macht eine Adreßmappe in gebeiztem 
Leder mit Lederschnitt, Eckbeschlag und Hand¬ 
vergoldung. Ein prachtvoller Porträt-Leder- 
schnitt ist in dem Bande „A. von Menzel“ ge¬ 
liefert. Die Porträttreue des Künstlers ist 
außerordentlich, der Kopf, Hochrelief, tritt 
prächtig aus einem vertieften Medaillon heraus; 
Schnitt, Treibarbeit und Punzierung sind tadellos 
ausgeführt, die Modellierung ist bewunderungs¬ 
wert, doch hätte das Ganze etwas lebhafter in 
der Tönung gehalten sein können. Nach einem 
Sütterlinschen Entwürfe bietet Collin einen 
schönen Halbpergamentband mit Kalbleder¬ 
bezug; letzteren wie den Pergamentrücken 
zieren Lederauflagen in Formen der bekannten 
Grolierstempel und reiche Linienvergoldung. 
Bei Schröders „An Belinde“ kommt namentlich 
das herrlich gebeizte sogenannte Collinleder zu 
prächtiger Geltung. Man muß sagen, Collin 
versteht es, sein Material zu behandeln. Wir 
können nicht jeden einzelnen Band besprechen, 
wollen aber noch einen grünen Maroquinband 
hervorheben, dessen reiche Ornamentierung 
durch Blumenstempel, Kreischen und Linien 
mit Lederauflagen trefflich wirkt, und einen 
Band „Die Perlenschnur“, Entwurf von Sütterlin, 
in grauem Kalbleder und moiriertem Collinleder 
von vornehmer Wirkung. Wir sehen also, daß 


die geschätzte Werkstatt alle Techniken an¬ 
wendet und beherrscht. 

Hans Dannhorn, Kunstbuchbinder und Lehrer 
der königlichen Akademie für graphische Künste 
und Buchgewerbe in Leipzig, erweist sich als 
ausgezeichneter Vergoldetechniker, der an¬ 
scheinend nicht selbst entwirft. Die Bände sind 
zum Teil von Georg Belwe entworfen. Er 
leistet aber als Interpret des Entwerfers Vor¬ 
zügliches. Auch bei Dannhorn findet man die 
verschiedensten Buchausstattungen, z. B. in bezug 
auf die verwendeten Leder: Pergament, Maro¬ 
quin, Schweinsleder, Wildleder usw., in den 
Techniken neben vorzüglicher Handvergoldung 
Schwarzfarben- und Blinddruck, — Lederauf¬ 
lagen, Riemennahtwerk und Pergamentdurch¬ 
züge. Unbedeutende Schwächen abgerechnet, ist 
die technische Behandlung der zuweilen recht 
komplizierten Entwürfe eine gute. Die Entwürfe 
selbst sagen uns im ganzen weniger zu; ein 
Pergamentband mit blauen Lederauflagen und 
reicher Vergoldung ist sehr hübsch. 

Hübel & Denck, königlich bayerische Hof¬ 
buchbinderei in Leipzig, haben am stärksten 
ausgestellt und zwar nach zwei Richtungen hin: 
Industriebände und Kunstbände. Auch die Ent¬ 
würfe der Massenbände sind teils von starker 
Wirkung; jedes Bezugsmaterial ist ange¬ 
wendet: Tuch, Grobleinen, Feinleinen, Leder, 
Pergament, Papier. Ganz hervorragend als so¬ 
genannter „Prachtband“ ist ein Weißmaroquin¬ 
band in byzantinischem Stil mit farbig deko¬ 
riertem Schnitt, Seidenvorsatz und reichem Gold- 
und Farbendruck. Überaus wirkungsvoll ist 
ferner der Band „Chinesische Charaktere“ mit 
den farbenfrohen chinesischen Drachen u. a. 

Bei den Kunstbänden der Firma fällt vor 
allem der feine Geschmack ins Auge, dann aber 
sieht man, daß neben den älteren Richtungen auch 
die moderne gewürdigt ist, daß die schaffenden 
Künstler — die Offizin ist zu groß geworden, 
als daß der Inhaber, ein anerkannter Kunst¬ 
buchbinder, jetzt noch Zeit fände, selbst zu 
entwerfen — sich von den Kraßheiten der Mo¬ 
dernen fernhalten. Diese Künstler sind leider 
nicht namhaft gemacht; sie sitzen zum Teil als 
Angestellte der Firma im Hause der Offizin, 
zum Teil sind es kunstgewerbliche Zeichner¬ 
größen, die im speziellen Aufträge ihre Ent¬ 
würfe geliefert. Vornehm ist die „Chronik 
des sächsischen Königshauses“: Maroquin mit 




Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 


verschiedenfarbigen Lederauflagen und verzier¬ 
tem Goldschnitt. Während „Pan“ in lila Ecrase 
mit Handvergoldung und Lederauflagen sehr mo¬ 
dern gehalten ist, ist das „Germanische Museum“, 
grau Ecrase mit braunem Maroquin-Rücken, 
mit dem deutschen Adler und deutschen 
Eichenzweigen geschmückt, ganz nach altem 
Schlage dekoriert. Bierbaums „Irrgarten der 
Liebe“ trägt wenig dekorativen Schmuck, 
nur um die Bünde herum, und erzielt eine volle 
Wirkung. In derben Formen gehalten ist ein 
den Wald behandelndes Werk: Wald, Baum¬ 
stamm und Baumschlag auf grünem Leder in 
marmorierten Lederauflagen. Ein Werk von 
Voigt präsentiert sich auf grün Ecrase in Linien- 
und pflanzlichem Dekor, Warnecke „Hauptwerke 
der bildenden Kunst“ im Netzdekor. Die Kunst¬ 
werkstatt weiß aber auch in den Bezugsstoffen 
ungewohnte Effekte zur Geltung zu bringen, so bei 
„Lorenzo“ in antikmarmoriertem blauem Samt, 
dessen kunstvolles Dekor in Verbindung mit 
dem Stoff ausgezeichnete Wirkungen erzeugt. 
Trefflich im Entwurf sind weiter die „Mono¬ 
graphien“ in weiß Pergament, mit blauen Per¬ 
gamentstreifen durchzogen. Der Entwurf „Linie 
und Form“ ist ja allgemein bekannt; er ist treff¬ 
lich und symbolisiert in feiner, kunstsinniger 
Weise den Inhalt. Dieser wie der Entwurf zum 
„Pan“ rühren von dem Berliner Künstler Paul 
Volkmann her. Alles in allem ist die Hübelsche 
Ausstellung — wir konnten natürlich nur ein¬ 
zelnes heranziehen — einer der Glanzpunkte 
der buchgewerblichen Abteilung. 

Der interessanteste und vielseitigste Aus¬ 
steller ist unbestritten Paul Kersten, Lehrer an 
der Kunstklasse der Buchbinder-Fachschule in 
Berlin. Kerstens Hauptverdienst reicht weiter 
als seine Ausstellung zeigt. Er ist die Ver¬ 
körperung der Bewegung zur Schaffung einer 
großen deutschen Buchbindekunst. Als die 
allgemeine Bewegung zur Begründung eines 
neuen Stils, mit dem die Morgenröte einer 
neuen Zeit hereinbrechen sollte, einsetzte, hielt 
sich die Buchbindekunst zurück. Da war es 
vornehmlich Kersten, der auch in sie den 
Samen steckte, aus dem die moderne Richtung 
erblühte. Er, der mit einer ihm eigenen Energie 
alles verfolgte, was Fachkunst und Literatur zu¬ 
tage förderte, trat aktiv ein, schriftstellerisch 
und künstlerisch, auch eine neuzeitliche sezes- 
sionistische Einbandsdekoration bei uns zu 


schaffen. Die neue Richtung, so unklar sie in 
ihren ersten Anfängen auch war, hatte unbe¬ 
dingt das Gute, daß die Künstler begannen, 
selbst zu entwerfen und sich von dem Hervor¬ 
holen alter Stile und der einfachen Kopierung 
früherer Erzeugnisse zu emanzipieren. Daß in 
diesen ersten Bewegungen so manches Exal¬ 
tierte, Unschöne und Geschmacklose erschien, 
war ganz erklärlich; gute, zeitgemäße Vorbilder 
fehlten und die Sucht, originell zu sein, tat ein 
übriges, um manche Gegnerschaft für die 
„Jugendrichtung“ auf dem Plane erscheinen zu 
lassen. Die „Abklärung“, auf die man die 
Gegner vertröstete, blieb zunächst aus; heut 
nach einem Dezenium kann man aber sagen, 
was sich vollzog, war keine Abklärung, es war 
eine vollständige Reform. War die Jugend¬ 
richtung ein Umsturz, den viele nicht mitmachen 
wollten, so war die Moderne eine Reform, die 
auf der ganzen Linie Anhänger fand. Der 
heiße Kampf um eine neue Schmuckweise, die 
scharfe Gegnerschaft gegen das Extravagante 
haben eine Mäßigung erzeugt, die einer neuen 
Richtung endgültig auf die Beine half. In diesem 
Sinne nun trat Kersten auf, vielbewundert ob 
seiner Vielseitigkeit in der Ornamentation, an¬ 
erkannt wegen seines Geschmacks und seines 
Eifers. Es war 1897, da er auf der Sächsisch- 
Thüringischen Ausstellung mit siebzig kunstvollen 
Einbänden nach eigenen Entwürfen auftrat. So¬ 
viel Entwürfe, soviel gute Ideen und soviel vor¬ 
zügliche technische Ausführungen. Bei aller Ver¬ 
schiedenheit des Dekors war aber hier doch ein 
Kompositionssystem vorherrschend: das Über¬ 
ziehen von Deckel und Rücken um die Bünde, 
oder nur der Deckel mit gotisierenden Bogen 
in fein ausgeklügelten Über- und Unterführungen, 
Verschlingungen und künstlerischem ungekün¬ 
steltem Aufbau. Durch diese zahlreichen Bogen¬ 
windungen entstand eine Art Netzdekoration 
von prächtigem Effekt. Ihr Einfluß läßt sich 
bei allen jüngeren Künstlern, ja selbst bei 
älteren, nach weisen. Einige Jahre später 
sahen wir — bei Keller & Reiner in Berlin aus¬ 
gestellt — eine größere Anzahl neuer Kersten- 
scher Bände, bei denen dieses Netzdekor immer 
noch sehr stark vertreten war. Und heute? 
Auf der Dresdner Ausstellung, die Kersten 
mit einunddreißig eigen entworfenen Bänden 
beschickt hat, sind nur noch drei in 
dieser Ornamentationsart geschaffen. Aber 




384 Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 


es ist dies Verlassen eines Systems nicht 
zum Schaden des Künstlers geschehen, auch 
nicht zum Schaden der Kunst; hat er mit 
seinem Netzdekor Schule gemacht, so werden 
seine mannigfaltigen jetzigen Dekors auch wieder 
vorbildlich für andere Künstler werden. Bei 
keinem andern finden wir einen gleichen Ge¬ 
dankenreichtum; jeder Band ist anders geartet. 
In der Hauptsache sind die gotischen Bogen 
durch die zierlichen englischen Stempel, kleine 
Blättchen, Herzchen usw. verdrängt. Jeder 
Band wirkt — bis auf die Durchziehungen von 
Pergamentstreifen und das Verwenden gewebter 
Spitze, was schon der geminderten Dauerhaftig¬ 
keit wegen zu verwerfen ist — jeder Band ist 
eigenartig; jeder läßt einen vollen Künstler er¬ 
kennen. Ein prächtiger Band ist z. B. Verlaines 
„Poesies“: blau Saffian mit einem über 
den Rücken bis weit über die Hälfte des 
Deckels gehenden Linien-Dekor von geraden, 
gebogenen und strahlenartigen Linien und 
grauen Lederauflagen. Entwurf und Harmonie 
der Farben sind hier gleich bewundernswert. In 
Art der Cobden-Sandersonschen Entwürfe, und 
doch wieder anders, ist die Komposition des 
Bandes Nietzsche „Also sprach Zarathustra“. 
Die breite Bordüre ist in reizvoller Anord¬ 
nung nur dreier Stempel wunderbar fein 
entworfen. Sehr eigenartig ist auch der 
Band Marie Madeleine, „Die drei Nächte“: ein 


hübsches Kreisliniendekor auf hellgrauem Maro¬ 
quin mit dunkelblauen Lederauflagen, mit 
Stempelchen bedruckt; drei kleine, rot aus¬ 
gelegte Herzchen finden sich im Fond. Das 
Dekor ist augenscheinlich symbolisch: die Sterne 
deuten auf die Nächte, die Herzchen auf die 
Liebesgeschichte. Von ganz besonderem Reiz 
ist der Band Sello, „Ein später Strauß“. Das 
dunkelgrüne Ecraseleder ist mit drei schmal¬ 
parallellaufenden Kreisen bedruckt, aus deren 
Zentrum nach allen Richtungen gebogene Linien 
als Blumenstiele sprießen, deren Spitzen zarte 
Blumen krönen. Die schwungvoll gebogenen 
Stiele streben kreuzförmig auseinander und er¬ 
zielen eine bezaubernde Wirkung. In OskarWildes 
„Granatapfelhaus“ tritt wieder einmal des Künst¬ 
lers Rund- und Spitzbogen-Dekor auf; er bringt 
dieses Bogen-Dekor in Verbindung mit kleinen 
grünen Lederauflagen an den Treffpunkten der 
Linien, was belebend wirkt. „Les fleurs du Mal“ 
in juchtenrot Ecraseleder mit orange und oliv¬ 
grünen Lederauflagen weist einen floralen Dekor 
von reizender Wirkung auf und ist bei seiner 
schönen Umrandung ein ganz ausgezeichneter 
Entwurf. Der gotisierende Band Duret 
„Whistler“ zeigt uns den geistreichen Entwerfer 
in neuem Lichte. Große Spitzbogen gehen in 
noch größere über und gestalten ein eigen ge¬ 
artetes schönes Netzwerk. 

[Schlu/s folgt im nächsten Hefte.] 














Briefe von Karl Philipp Conz und Karl Friedrich Stäudlin 

an Herder. 


Von 


Dr. Paul Trommsdorff in Charlottenburg. 



us den Handschriftenschätzen der 
Königlichen Bibliothek zu Berlin 
habe ich in dieser Zeitschrift (Jg. 9. 
Bd. 1. S. 118 f.) einen Brief von Karl Philipp 
Conz an Schiller veröffentlicht, der aber nicht 
das einzige handschriftliche Stück ist, das die 
Königliche Bibliothek von Conz besitzt. Außer 
einer kurzen Eintragung in Varnhagens Stamm¬ 
buch vom 6. Februar 1809 erwähne ich eine 
längere Ausführung auf fünf eng beschriebenen 
Folioblättern in Form eines Briefes, datiert „Tüb. 
d. 16. Jenner 96“, die der Empfänger — nach 
der Handschrift zweifellos K. Fr. Stäudlin — mit 
der Aufschrift versehen hat: „Geschichte eines 
skeptischen Jünglings von ihm selbst ge¬ 
schildert.“ Conz berichtet hier seinem Freunde, 
wie er bei Beginn des Studiums der Philo¬ 
sophie von Zweifeln an der Wahrheit der 
überlieferten dogmatischen Lehren ergriffen 
worden sei, und wie er sich damit abgefunden 
habe. Endlich sind in der Königlichen Biblio¬ 
thek noch acht weitere Briefe von Conz vor¬ 
handen, darunter drei an Friedrich August Wolf 
und je einer an Jean Paul und Johann Gottfried 
Herder. In dem Briefe an Jean Paul bittet 
Conz in äußerst schmeichelhaften Ausdrücken 1 
um einen Beitrag zu dem von dem Buchhändler 
Osiander in Tübingen für das Jahr 1815 ge¬ 
planten Taschenbuche, das ungefähr die Ein¬ 
richtung der eingegangenen „Iris“ haben und 
„Phoebe“ getauft werden sollte. Zwei Briefe 
an Wolf aus dem Jahre 1812, die Conz als 
Begleitschreiben zu Vergleichungen einer Tü¬ 
binger Platohandschrift sandte, werden für 


Philologen von Interesse sein. Des Abdrucks 
wert erscheint mir aber vor allem der ausführ¬ 
liche Brief an Herder, der, wie die gleich zu 
erwähnenden Briefe Stäudlins, aus dem Herder¬ 
schen Nachlaß 2 stammt. 

Der Anlaß zu dem Brief war folgender. 
Zu den Studiengenossen und Freunden von 
Conz gehörte Karl Friedrich Stäudlin , ein 
jüngerer Bruder des durch seine Fehde mit 
Schiller bekannten schwäbischen Dichters Gott¬ 
hold Stäudlin. Er war im Jahre 1761 geboren, 
studierte von 1779—1784 im theologischen 
Stift zu Tübingen und wurde, nachdem er von 
1786 an als Erzieher auf Reisen und im Aus¬ 
lande gelebt hatte, schon 1790 als ordentlicher 
Professor der Theologie nach Göttingen berufen, 
wo er 36 Jahre hindurch bis zu seinem Tode 
wirkte. Als Stipendiat hatte er bereits einige 
Gedichte drucken lassen. Die ersten wissen¬ 
schaftlichen Arbeiten, mit denen er hervortrat, 
waren dann die zur Ostermesse 1785 er¬ 
schienenen Beiträge zur Erläuterung der bibli¬ 
schen Propheten und zur Geschichte ihrer Aus¬ 
legung. Erster Teil. Hierzu hatte Conz eine 
Übersetzung und Erläuterung von Nahum und 
Habakuk beigesteuert, die er dem von ihm 
hochverehrten Herder zueignete. „Sie waren es,“ 
schreibt er in der Widmung, „der Sie mit Ihren 
geistreichen Schriften meine noch schwankende 
Neigung auf eine Art Studium hinlenkten, das 
anfänglich mit meinen anderen Fähigkeiten oder 
vorgefaßten Ideen im Kampfe zu liegen schien“, 
und weiter: „Wie glücklich wäre ich, wenn 
nachstehende Blätter mir auch die Aufmerk- 


1 Ich teile hier nur den Schluß des Briefes mit. — (Die Schreibweise dieses und der folgenden Briefe bis auf die 
geringsten Kleinigkeiten genau wiederzugeben, habe ich für überflüssig gehalten, da es den Lesern dieser Zeitschrift wohl 
gleichgültig ist, zu wissen, ob dieses oder jenes Wort so oder so, mit lateinischen oder deutschen Buchstaben geschrieben 
ist.)— „Ich würde diesem trocknen Briefe noch vieles hinzusetzen, wozu mich mein Herz drängt, indem ich an einen 
Mann schreibe, der meine innigste Verehrung schon seit meinen Jünglingsjahren hat, als wie eine fremde Erscheinung 
mich Ihr Genius zuerst in den Grönländischen Prozessen überraschte, wenn nicht alles was ich hier absichtslos sagen 
würde, den Schein der Bestechung für die Erfüllung meiner Bitte so leicht annehmen könnte. Aber eines darf ich nicht 
unterdrücken. Nehmen Sie meinen wärmsten und reinsten Dank für den reichen Genuß , den mir Ihre vortrefflichen 
Schriften so oft gewährten und für die höhere Weise, womit Ihre Mühe mir viele Stunden beglückte, mit der Liebe an, 
die Ihnen und den Göttinnen, denen wir beide, wenn schon mit verschiedenen Diensten huldigen, so eigen ist.“ 

2 Der umfangreiche literarische Nachlaß Herders wurde durch das preußische Kultusministerium 1878 erworben 
und der Königlichen Bibliothek überwiesen; in den Briefen sind 374 Freunde und Bekannte Herders vertreten. 

Z. f. B. 1906/1907. 49 




386 


Trommsdorff, Briefe von Karl Philipp Conz und Karl Friedrich Stäudlin an Herder. 


samkeit eines Herders zuziehen könnten, eines 
Mannes, dessen Schriften ich schon im Über¬ 
gangsalter des Knaben zum Jünglinge mit 
enthusiastischer Bewunderung verschlang, und 
dessen Unterricht auch dem reiferen unter¬ 
suchenden Jünglinge immer dankbare Verehrung 
ablocken mußte.“ Das Buch aber sandte 
Stäudlin an Herder mit folgendem hübschen 
Briefe: 

Stuttgardt, d. 22. März 1785. 

Hochwürdiger 

Hochzuverehrender Herr Consistorialrath, 
Zwei junge Theologen, die Ihre Schriften seit langer 
Zeit lesen und bewundern und sich schon oft über die- 
selbigen mit Wärme und Hochachtung gegen ihren 
erhabenen Verfasser unterhalten haben, wagen es, 
Ihnen hier einige unvollkommene Versuche, als schwache 
Zeichen ihrer kindlichen Dankbarkeit, zu überreichen. 
Mein Freund und Mitarbeiter hat Ihnen seine Arbeit 
öffentlich zugeeignet — ich reiche Ihnen die meinige 
mit gleich innigem Gefühl des Danks und der Ehrfurcht 
in der Stille. Die Schrift beschäftigt sich mit einem 
Gegenstände, über den Sie, wie über so manche andere, 
das erste Licht angezündet haben, dessen Strahlen sich 
nun immer weiter zu verbreiten beginnen. Ich bin es 
überzeugt, daß es einem Manne, wie Sie, nicht gleich¬ 
gültig sein kann, das Bewußtsein zu haben, an zwei 
Jünglingen durch Ihre unsterblichen Schriften Auf¬ 
klärung und Besserung gewirkt zu haben, und daß Sie 
auch unsere Irrtümer oder Verschiedenheiten in den 
Meinungen mit Güte und Nachsicht beurtheilen werden. 
Ohne diese Überzeugung würd’ ich es nie gewagt 
haben, Ihnen diese Schrift zuzusenden. Der Himmel 
segne ferner Ihre großen Bemühungen, den Menschen 
aufzuklären, den Geschmack für das Schöne und Er¬ 
habene zu schärfen und auszubreiten, die Gesetze 
denkender und empfindender Wesen zu entdecken, 
und der Religion öffentlich Recht zu sprechen. Ich 
bin mit vollkommenster Hochachtung 
Dero 

Gehorsamster Diener 
M. Stäudlin. 

Herder antwortete freundlich aufmunternd, 
und das gab beiden Freunden den Mut, ihn 
um Vermittelung einer Hofmeisterstelle zu bitten. 
Zuerst brachte Stäudlin sein Anliegen in einem 


Briefe an, der wohl verdient, hier gleichfalls ganz 
abgedruckt zu werden. Er lautet: 

Stuttgardt, d. 23. Dez. 1785. 

Hochwürdiger Herr Superintendent, 
Verehrungswürdigster Mann, 

Der Augenblick, in dem ich Ihren Brief empfing, 
gehört unter die angenehmsten meines Lebens und 
wie oft hab’ ich mich inzwischen desselben mit dem 
wahrsten innigsten Vergnügen erinnert, wie oft mich 
mit meinem Freunde desselben gefreut und mich mit 
ihm zu neuer Anstrengung aufgemuntert! Ein Mann, 
den ich schon so lange hochschätzte, dessen Schriften 
ich viele der schönsten Stunden meines Lebens danke, 
den ich schon so oft wegen seiner Verdienste um meine 
Bildung und Aufklärung im Stillen gesegnet hatte, 
nimmt mein geringfügiges Geschenk gütig auf, sagt 
mir freundlich seinen Beifall, bietet mir seine Dienste 
an, und ermuntert mich, auf einer mit Schüchternheit 
angetretenen Bahn fortzugehen! Meine dankbare 
Empfindung hierüber ist zu süß und zu stark, als daß 
ich sie vor Ihnen zurückhalten könnte. Nehmen Sie 
zugleich meine aufrichtigste Versicherung hin, daß, 
so bald ich meine Arbeit fortsetzen sollte, (welches 
freilich unter meinen gegenwärtigen Umständen so bald 
nicht wahrscheinlich ist,) ich mich mit Aufbietung all 
meiner Kraft bemühen werde, etwas hervorzubringen, 
das Ihres Beifalls und Ihrer Aufmunterung würdiger 
sein soll! 1 Ich habe inzwischen durch Erfahrung die 
Klippen, welche dem Bibelausleger begegnen, näher 
kennen, also auch mehr ausweichen gelernt, und wo 
ich nicht irre, mein Gefühl für das Schöne und Wahre 
mehr geschärft und berichtigt, ich habe Sie mehr 
studirt. 

Durch Ihre erste liebreiche Aufnahme haben Sie 
mich schon so dreist gemacht, daß ich eine Bitte an 
Sie wage. Sie haben mir dadurch so viel Vertrauen 
und Zuversicht eingeflößt, daß ich mich Ihnen gerade 
und ohne Rückhalt eröffne. Ich bin izt ein Jahr von 
der Universität entfernt, allein bis zu meiner wahr¬ 
scheinlichen Bedienstung habe ich nach der in meinem 
Vaterlande unabänderlichen Ordnung noch einen sehr 
weiten Weg. In dieser Zwischenzeit sehe ich keinen 
andern Ausweg, meine Kräfte im Leben zu üben und 
mir etwas zu verdienen, als eine Hofmeister- oder andre 
Lehrstelle. Sollten Sie also Gelegenheit haben, mich 
zu einer solchen Stelle vorzuschlagen oder zu empfehlen, 
so wollte ich Sie dringenst bitten, meiner eingedenk 


1 Erst 1791 konnte Stäudlin „Neue Beiträge zur Erläuterung der biblischen Propheten“ erscheinen lassen, von 
denen er Herder ein Exemplar mit folgenden Zeilen schickte: „Erlauben Sie, vortrefflichster Mann, daß ich Ihnen bei¬ 
liegende Schriften mit eben der Verehrung überreiche, mit der ich Ihnen vor ungefähr fünf Jahren meine ersten Beiträge 
zur Erläuterung der Propheten überreicht habe. Der Beifall eines der genievollsten deutschen Schriftsteller war damals 
ungemein aufmunternd für mich, jetzt würde er es nicht weniger sein. Die Vorsehung hat es mir inzwischen nicht an 
mancherlei Mitteln fehlen lassen, mich weiter auszubilden. Ich habe Gelegenheit gefunden, eine Reise durch die Schweiz, 
Frankreich, England und Deutschland zu machen und endlich ward mir hier ein Platz angewiesen, wo ich viel Gutes 
wirken und empfangen kann. Ich fühle mich glücklich, Ihnen, verehrungswürdiger Herr Vicepräsident, nun näher zu sein 
und hoffen zu dürfen, daß ich Sie bald in Weimar selbst der Verehrung werde versichern können, mit der ich stets 
sein werde Ihr gehorsamster Diener Stäudlin.“ 

Göttingen, den 6. November 1791. 







Trommsdorff, Briefe von Karl Philipp Conz und Karl Friedrich Stäudlin an Herder. 


387 


zu sein. Sie könnten dadurch vielleicht viel zur Ruhe 
eines Jünglings beitragen, der sich längst nach einem 
etwas weiteren Wirkungskreise sehnt und Kräfte sich 
selbst fortzubringen fühlt, ohne sie üben zu können. 
Ich habe nicht nur in der Kunst der Erziehung und 
des Unterrichts mich schon häufig geübt, sondern ich 
glaube auch, daß noch fernere Übung mir als Vor¬ 
bereitung zu einem künftigen Amte sehr vorteilhaft 
sein würde. Wenn Sie dies bewegen kann, bei Ge¬ 
legenheit etwas für mich zu tun, so sollen Sie in mir 
den dankbarsten Jüngling und sich an mir nicht be¬ 
trogen finden! 

Erlauben Sie, daß ich Sie noch um Ihren Rat über 
etwas bitte. Da sowohl mein Verleger als auch meine 
gegenwärtige Lage mir verbieten, sogleich fortzusetzen, 
so habe ich mich entschlossen, den Vorrat von 
Betrachtungen über den 7 >ierkwiirdige?i Zustand des 
Zweifels und die Geschichte des Skeptizismus , welche 
ich seit geraumer Zeit gesammelt habe, herauszugeben. 
Was halten Sie von einem philosophisch-historischen 
Werkchen, das die Quellen und Folgen der Zweifelsucht 
in Beispielen und lebendiger Darstellung zu zeigen 
suchte, das die interessanten Schicksale und die Bildung 
der berühmtesten Skeptiker aufzuklären, den Kampf 
der erwachenden Vernunft in so manchem Jünglinge 
zu beschreiben, die Irrgänge der sterblichen Weisheit 
lebhaft zu bezeichnen, und zugleich der menschlichen 
Tugend und Gewißheit ein kleines Monument zu er¬ 
richten trachtete? Eigene Erfahrung hat mich in einer 
großen Periode meines Lebens auf diesen Gegenstand 
sehr aufmerksam gemacht. Eine nähere Beleuchtung 
derselben könnte, dünkt mich, besonders für unser 
gegenwärtiges Zeitalter nützlich werden. 1 2 

Ich kann diesen Brief nicht schließen, ohne Ihnen 
noch für die mannichfaltige Belehrung, die mir erst 
kurz der zweite Theil Ihrer Ideen zur Geschichte der 
Menschheit gegeben hat, für den süßen Enthusiasmus, 
in den mich diese Schrift oft versetzte, für die großen 
Aussichten, die sie mir eröffnete, gerührt zu danken. 
O daß Sie dieses große allumfassende Werk glücklich 
und bald vollenden mögen! Wie sehr wünsche ichs, 
nicht nur für mich, sondern zur Ehre der Nation! 

Herr Prof. Schnurren 2 freut sich Ihres Beifalls 
und versichert Sie seiner vollkommensten Hochachtung. 
Mein Bruder, den Sie vielleicht schon als Dichter 
kennen, gibt mir seine ehrerbietige Empfehlung an 
Sie auf. Würdigen Sie mich ferner Ihrer Gewogenheit 
und verzeihen Sie mir meine dreiste Bitte! Ich bin 
mit unauslöschlicher Hochachtung 

Euer Hochwürden 


Erst weit später, wenige Wochen vor Ab¬ 
schluß seines Studiums, wandte sich Conz mit 
der gleichen Bitte an Herder. Er war damals 
noch im Tübinger theologischen Stift, wo er, 
wie viele seiner Genossen, den mönchischen 
Zwang als schweren Druck empfand. Sein Brief 
bezeugt gleichfalls den tiefen Einfluß, den Herders 
Schriften auf weite Kreise ausübten. Außerdem 
ist das Schreiben besonders interessant durch 
den Rückblick, den Conz auf seine innere 
Entwicklung und seine ersten poetischen Ver¬ 
suche wirft, wie auch durch die Darlegung 
seiner ferneren Pläne. Von den hier ange¬ 
kündigten Arbeiten brachte er zunächst das 
wortreiche Gedicht auf Mendelssohn heraus 
(Moses Mendelssohn, der Weise und der Mensch. 
Ein lyrisch-didaktisches Gedicht in vier Gesängen 
von M. C. Ph. Conz. Stuttgart, 1787), in dem 
er noch im platonischen Sinne das Gute als 
oberstes Ideal hinstellt. In der Vorrede erklärt 
hier Conz, ähnlich wie in dem vorliegenden 
Briefe, er wünsche bei reiferen Jahren einmal 
sich „an ein ganz philosophisches größeres 
Gedicht, etwa die Seele wagen zu dürfen; ein 
Feld, worin vielleicht, vorzüglich für den deut¬ 
schen Dichter, noch Lorbeeren zu brechen wären“. 
Dieses Gedicht war auf drei Gesänge berechnet, 
von denen aber nur der erste in zwei Teilen 
1792 und 1793 im II. und IV. Bande von Schillers 
Neuer Thalia erschien; in dem zweiten Teile 
ist eine Hinneigung zu dem ästhetischen Ideal 
der Schönheit als der sinnlich in die Erscheinung 
tretenden Vollkommenheit deutlich erkennbar. 
Ohne besondere Bedeutung ist die 1791 anonym 
in Königsberg erschienene Schrift mit dem Titel 
„Schicksale der Seelenwanderungs-Hypothese 
unter verschiedenen Völkern und in verschiedenen 
Zeiten“, zu der ihn Herders drei Gespräche 
über die Seelenwanderung (zuerst im Teutschen 
Merkur von 1782, dann 1785 umgearbeitet in 
der 1. Sammlung der Zerstreuten Blätter) und 
Johann Georg Schlossers 1781 und 1782 heraus¬ 
gegebenen zwei Gespräche über denselben 
Gegenstand angeregt hatten. 


Gehorsamster Diener 
M. Karl Friedr. Stäudlin. 


1 Das geplante Werk erschien 1794 in 2 Bänden unter dem Titel: „Geschichte und Geist des Skeptizismus vor¬ 
züglich in Rücksicht auf Moral und Religion.“ Den 1. Band ließ Stäudlin am 27. Juli 1794 Herder mit einem Briefe 
zugehen, in dem er ihn bittet: „Nehmen Sie beiliegende Schrift von mir ebenso gütig auf, als Sie bei meinem vorher¬ 
gehenden gethan haben. Die Entstehung derselben ist zum Theil zufällig und gründet sich auf Erfahrungen meines früheren 
Lebens. Dies hat der Ausarbeitung ein Interesse für mich gegeben, ohne welches ich sie vielleicht nicht hätte aushalten 
können. Den zweiten Theil werde ich in kurzer Zeit Ihnen gleichfalls zu überreichen die Ehre haben.“ 

2 Christian Friedrich Schnurrer, Professor der griechischen und der orientalischen Sprachen in Tübingen, seit 1777 
Stiftsephorus. 





388 


Trommsdorff, Briefe von Karl Philipp Conz und Karl Friedrich Stäudlin an Herder. 


Für die in dem folgenden Briefe erwähnten 
literarischen Arbeiten von Conz bitte ich die 
Bemerkungen zu dem schon veröffentlichten 
Briefe an Schiller zu vergleichen. 

Tüb., d. 3. Aug. 1786. 

Hochwürdiger, Hochgelehrter, Hochzuvenerirender 
Herr Generalsuperintendent! 

Was werden Euer Hochwürden von mir denken? 
Ich widme denselben in einer öffentlichen Zuschrift 
die geringe Arbeit über die beide Propheten Nahum 
und Habakuk; von einer Unpäßlichkeit, die mich zu 
Haus hielt, verhindert, überlasse ich es meinem Freund 
Stäudlin, der Ihnen von Stuttgardt aus die Beiträge 
überschickt, ohne ein Schreiben von mir. Sie beehren 
uns beide mit einem so aufmunternden als unverdienten 
freundschaftlichem Briefe und — noch habe ich Ihnen 
selbsten nicht geschrieben. In der That, ich würde 
glauben, Euer Hochw. müßten mir allen Mangel an 
Lebensart absprechen, wenn ich nicht wieder hier das 
volle Zutrauen zu Ihrer gütigen Nachsicht hätte, da 
Sie mit Ihrer Ihnen ganz eigenen liebreichen Denkart 
mir schon auf eine so beschämende Art zuvorgekommen 
sind. 

Die wahre Ursachen meines bisherigen Stillschwei¬ 
gens waren: — Ich wollte einem Manne, dessen Geschäfte, 
dessen Thätigkeitskreis so weitreichend ist, wie sein Geist, 
nicht unnötig mit Correspondenz lästig fallen, da jede 
Minute, die ich ihm dadurch entzöge, ein Raub am 
Publikum werden könnte, und was hat ein Einzelner 
für Ansprüche gegen das Ganze? Dann wollte ich 2) 
die Schuld der Höflichkeit und der Dankbarkeit erst 
dann entrichten, wann ich sie mit einem unbedeutenden 
Geschenk an den Mann den ich über alles schätze, dem 
ich so vieles von den Jahren der ersten Jugend an — 
ach den Tagen der schönen Entwürfe, wo die Fantasie 
mit ihrem Rafaelspinsel alles so anders malt, bis zur 
reifem ins erste Mannsalter überfließenden Jugend 
zu danken habe, ich will sagen mit einem flüchtig be¬ 
arbeiteten höchst unvollkommenen Aufsatz über den 
Geist der Ritterzeit, der aber doch vielleicht Ideen hat, 
begleiten könnte. Das Werkchen nämlich sollte schon 
vorige Messe bei Herrn Ettinger, der Ihnen diesen Brief 
überschicken wird, herauskommen: Wenn es jetzt fertig 
ist, wie ich hoffe, hab ich ihn gebeten, es für Sie bei¬ 
zulegen. 1 

Empfangen Sie also zuförderst meinen wärmsten 
vollkommensten Dank für die gütige Aufmunterung, 
der Sie mich bei meinen biblischen Arbeiten gewürdigt 
haben. In einer Lage, wie die des Stipendiums ist, 
die, (ich verkenne ihr Gutes nicht, viel weniger das 


Gute der beiden Männer Storr 2 3 4 5 und Schnurrer, die 
daran arbeiten) doch schon vermög ihres . ..^hischen 
Zuschnitts, den die Superintendenten nicht ändern 
dürfen und können, so viel niederdrückendes geist- 
tödtendes hat, so viel unangenehme Sensationen von 
inwendigher beim Anblicke so vieler Jünglinge, die da 
irren ohne Zweck, notwendig gewähren muß, bei einer 
solchen oft wahrlich öden Stimmung der Seele ist eine 
Auffrischung von einem Herder, das was dem jungen 
Wettläufer beim olympischen Spiel der Zuruf eines 
versammelten Volks sein muß: Eine solche Stimme 
gilt ihm für Stimme des Volks. 

Noch ist der zteTheil der Beiträge nicht erschienen. 
Die Lage des Herausgebers (Er ist gräflich degen- 
feldischer Hofmeister) meines sehr lieben Freundes 
scheint die Herausgabe verzögern zu wollen. Es sind 
nun 2 neue Mitarbeiter hinzugetreten, beide unsre 
akademische Freunde, Paulus, den Sie aus dem Re¬ 
pertorium kennen,^ und Gaab, der noch unbekannte 
Verfasser der Linien zu einer Geschichte der Dogmatik 
im 14. St. der Beiträge fürs vernünftige Denken in der 
Relig .5 Ich werde nur wenige Kapitel des Prof. 
Ezechiels dahin kommentieren und Obadia. Wirklich 
bin ich seit einiger Zeit etwas von diesem Studium 
abgekommen. Der Reiz, den das litterarische Schwelgen 
hat, ist zu verführerisch, als daß man ihm immer wieder¬ 
stehen könnte. — Es war, wie mancher Jünglinge so 
immer auch mein Fehler, der gefährliche Vervielfäl¬ 
tigungsgeist in meinen Studien. Von einer zu reizbaren 
Fantasie dahin dorthin gelockt, streifte ich beinah in 
die meisten Gebiete des Wissens, ohne lange zu wissen, 
wo ich mich ansiedlen wollte. Immer kämpfte der 
Dichter mit dem Gelehrten. Ich war ein I3jähriger 
Knabe, als ich Klopstock ohn’ ihn zu verstehen, mit 
dem vollsten Enthusiasmus verschlang — ich ahndete 
ihm wenigstens nach, und daß ich empfand bei ihm, 
waren mir die heißen Thränen, die ich ob ihm vergoß, 
Zeugen; ich hatte noch nicht 14 Jahre, als Goethes 
Werther meiner Seele auf einmal neuen Schwung und 
Ton gab, und mich über die Sphäre meiner dumpfen 
Schulwände in eine neue Welt hinausriß. — Um die 
nämliche Zeit las ich, ohne den Namen des Verfassers 
zu wissen, Ihre Litteraturbriefe — ich verschlang sie 
mehr —, hier, und durch Hagedorn und Geliert, ward 
ich auf das Studium der Alten erst mit voller Seele 
aufmerksam gemacht. Hatte ich bisher in einem 
Horaz, einem Virgil geblättert, so waren sie nun meine 
beständige Taschenbücher. Ich that bald Anakreon, 
den ich entlehnt hatte und für mich ganz abschrieb 
hinzu, und hatte die Iliade zur Hälfte, mit Anstrengung 
und Mühe für mich, lesen und ziemlich verstehen lernen, 
als ich im I5tenjahr ins Kloster kam. Doch wo gerathe 


1 Die kleine Schrift „Über den Geist und die Geschichte des Ritterwesens älterer Zeit. Vorzüglich in Rücksicht 
auf Deutschland“ erschien 1786 anonym in Gotha bei Carl Wilhelm Ettinger. 

2 Gottlob Christian Storr, Professor der Theologie, seit 1786 Superintendent des Stifts. 

3 Die hier fehlenden Buchstaben habe ich nicht mit Sicherheit entziffern können; glolöet ist etwa erkennbar. 

4 Heinrich Eberhard Gottlob Paulus hatte 1785 im 17. Teil des Repertorium für Biblische und Morgenländische 
Literatur eine Abhandlung über das Hohelied veröffentlicht. 

5 Johann Friedrich Gaabs „Erste Linien zu einer Geschichte der Dogmatik“ erschienen 1785 anonym in Heft 7 der 
Beyträge zur Beförderung des vernünftigen Denkens in der Religion“ und im selben Jahre in Buchform. 




Trommsdorff, Briefe von Karl Philipp Conz und Karl Friedrich Stäudlin an Herder. 389 


ich hin? Ich erinnerte mich des schönen Traumes 
vergangner Jugendjahre, auflebender erster Ideen, 
goldener Hoffnungen, erster glühender Ruhmgier — 
und komme in Versuchung — Sie verzeihen mir, wenn 
es Eitelkeit ist — mit aller jugendlichen Geschwätzig¬ 
keit Ihnen eine Geschichte meines unbedeutenden 
Selbsts zu liefern. Die Gedanken drangen sich mir 
um so mächtiger auf, da ich nun am Ziele einer neun¬ 
jährigen klösterlich-akademischen Laufbahn bin. Ich 
werde die Universität in 6 Wochen verlassen, ach wie 
viele Entwürfe sind zernichtet — dieser Schneckengang 
hier war mir immer unerträglich! — wie viele Revolu¬ 
tionen meines Geistes, meiner Ideen hab ich erlitten 
und wie viel fehlt am Ende zum Bilde, das ich mir 
vorgehalten hatte, nach dem ich rang, das ich erreichen 
wollte — aber freilich, das ich oft auch wieder aus den 
Augen ließ, lässig im Ringen, oft dem Leichtsinn zur 
Beute hingeworfen und das ich oft vor lauter litterari- 
schem Dampfe nimmer sah. Es war mir schädlich, 
daß ich zu früh schriftstellerte, mich zu sehr vielleicht 
zerstreute.— So hab ich seit ich hier bin, (meine erste 
dramatische Sünde, im i8ten Jahr ausgeheckt,) einen 
Conradin von Schwaben drucken lassen, schon 82 
Tyrtäus übersetzt 1 , in Almanache, verschiedene Journale 
geschrieben, und Schildereien von Gr(iechenland) und 
Episteln 2 3 4 drucken lassen. Beide letztere wünschte 
ich Ihnen doch schicken zu können, wann ich einen 
bequemen Weg dazu wüßte. — Ich werde nun, denn 
ich bin seit einiger Zeit ziemlich genesen von der 
Ruhm- und Autorsucht — eine Zeitlang wieder, mehr 
sammeln. Ich bin so frei, Euer Hochwürden doch 
einige Ideen vorzulegen, und Sie dabei um Ihren Rath 
zu bitten. Was ich einmal noch in Zukunft von reifer 
Arbeit dem Publikum liefern möchte, wären: 

1) Linien zu einer Philosophie der ebräischen 
Sprache. Daß ich durch die Lektüre Ihrer Schriften 
auf diesen Gedanken gekommen, ahnden Sie selbst. 
Ich denke, in Aphorismen es zu bearbeiten, und diese 
dann mit Beispielen zu belegen. Welche Lektüre könnte 
ich, außer Ihren Schriften, noch nützen? 

2) Versuch einer Geschichte (hist, raisonnee) der 
Lehrmeinung von der Seelenwanderung. Wieder Ihre 
und Herrn Hofrat Schlossers Ideen haben diesen 
Gedanken in mir gereift. Ich habe hiezu schon ge¬ 
sammelt und für die iste cstl. Jahrhunderte die patres 
genützt. Was hätt’ ich hier vorzüglich alles zu lesen? 


3) Womit ich einst meine dichterische Laufbahn 
schließen möchte, wäre ein philosophisches Gedicht 
über die Seele. Ich habe bereits, wie Sie vielleicht 
wissen aus öffentl. Anzeigen, ein Gedicht angekündigt 
Zum Andenken Mendelssohns. Es wird nicht bloß 
panegyrisch, es kommentiert wirklich hier philosophi¬ 
sche Arbeiten, und ist also in neuer Manier ein philo¬ 
sophisch-lyrisches Gedicht. Ich bin begierig, was die 
Kunstrichter mit anfangen. Im Anschlüsse lege ich 
E. H. ein Avertissement bei. Darf ich mir schmeichlen, 
Ihren Namen auch auf die Subskrib. Liste zu be¬ 
kommen ? 3 

Und nach allen diesen Zudringlichkeiten, wodurch 
ich, indem ich einen Fehler gegen die Höflichkeit 
wieder gut machen wollte, ihn aufs neue vielleicht ver¬ 
stärke, komme ich noch mit einer Bitte an Sie. Ich 
hatte anfänglich Hoffnung, das künftige Jahr als Hof¬ 
meister bei einem Graf Biland aus Holland hier in 
Tübingen bleiben zu können, was mir das angenehmste 
gewesen wäre. Nun bleibt aber der ohnedem erst 
13jährige Graf wieder bei seiner Mutter zu Haus. 
2 andre für mich inkonvenable Plätze, die mir ange¬ 
tragen wurden, konnte ich nicht annehmen. Mein 
Vater hat wenig Vermögen und ziemlich Kinder, dem 
mag ich , da er ohnedem Beamter ist und ich ihm zu 
Haus nichts dienen kann, wenigstens in die Länge 
nicht beschwerlich fallen. Ich suche also eine Hof¬ 
meisterstelle, auf 2—3 Jahre. Wann Sie, unbeschwert 
Gelegenheit hätten, mir in Weimar, Gotha, Jena, Erfurt 
oder sonst wo zu einer verhelfen zu können, würden Sie 
sich mir um so mehr verbinden, als ich dadurch viel¬ 
leicht Gelegenheit bekäme, den Mann, für den ich so 
viele hochachtungsvolle Bewunderung hege, von An¬ 
gesicht zu Angesicht kennen zu lernen. Ich werde 
mich noch 6 Wochen hier aufhalten und, im Nov. ist 
unser Examen theol., vor dem Examen wird man ohne 
Schwierigkeit nicht aus dem Lande entlassen. Nach 
den 6 Wochen ist dann mein Aufenthalt im Kloster 
Lorch bei Schwäbischgemünd (in meinem elterlichen 
Hause). Ich bin mit der vollkommensten Hochachtung 
Euer Hochwürden ganz gehorsamster Dr. Conz. [Nach¬ 
schrift:] Herr Prof. Schnurrer, von dem ich E. Hochw. 
noch seit Ihrem gütigen Briefe an uns seine hochach¬ 
tungsvolle Empfehlung zu melden habe, schreibt wirk¬ 
lich an einer Disp(utation) über Hab(akuk) II 1.4 


1 Eine Übersetzung von vier „Kriegsliedern“ ist abgedruckt in der von seinem Freund Graf Reinhard 1783 ver " 
öffentlichten Übersetzung des Tibull. 

2 Episteln. Zürich, bey Orell, Geßner, Füßli & Co. 1785. Als Verfasser nennen sich unter der Widmung K[arl] 
R[einhard] und K[onz]. 

3 Das dem Gedicht vorgedruckte Verzeichnis der Subskribenten enthält Herders Namen nicht. 

4 Disputatio philologica ad carmen Chabacuci cap. III quam . . . praeside Christiano Frid. Schnurrer ... de fendent 
. . [folgen sieben Namen]. Tubingae 1786, erweitert wieder abgedruckt in Schnurrers Dissertationes philologico-criticae. 

Gotha 1790. 





Chronik. 


Eine Monographie des Bucheinbands. 

Jean Loubier. Der Bucheinband in alter und neuer 
Zeit. Mit 197 Abbildungen. Berlin und Leipzig, Her¬ 
mann Seemann Nachfolger. 

Die Monographie zeigt, wie ein kunstgewerblicher 
Gegenstand historisch zu behandeln ist; würde mehr 
in diesem Sinne gearbeitet, dann wäre die Erforschung 
der Geschichte des Kunstgewerbes weiter, als sie in 
Wirklichkeit ist. Hier ist das Thema mit Bestimmtheit 
ins Auge gefaßt und alle allgemeinen ästhetischen 
psychologischen kulturphilosophischen Betrachtungen, 
wie sie in solchen Monographien gegenwärtig gang 
und gäbe, sind beiseite gelassen. Überdies hat 
gerade die künstlerische Kultur des Buches in den 
letzten zehn Jahren eine so große Verfeinerung erfahren, 
so starke Teilnahme, ja Leidenschaft ist dafür lebendig 
geworden, so große positive Erfolge hat der moderne 
Geschmack speziell in der Buchausstattung errungen, 
daß das historische wissenschaftliche Interesse hier be¬ 
sonders in den Hintergrund gerückt ist; auf der einen 
Seite gibt dieser Umstand ja Zeugnis davon, daß eine 
kraftvolle zukunftsfrohe Gesinnung hier zu walten an¬ 
fängt, auf der anderen Seite hat er aber zur Folge ge¬ 
habt, daß der Dilettantismus, das Ästhetentum und 
der Journalismus im Buchgewerbe mehr als sonstwo 
an Feld gewonnen haben. Um so beruhigender und 
beglückender wirkt daher eine solche Untersuchung, 
die mit Strenge und Treue gearbeitet ist, von der man 
sagen kann: es ist kein Satz darin, der nicht von Arbeit 
und Überlegung erfüllt ist. 

Zuerst wird der deutlichste Begriff von Technik, 
Material, Dekorationselementen gegeben. Der weitere 
historische Inhalt ist folgender: Darstellung des Schrift¬ 
wesens im Altertum. Die elfenbeinernen Schrifttäfel¬ 
chen und Konsulardiptychen der römischen Kaiserzeit 
als Vorstufen der Buchdeckel. Fehlen eigentlicher 
Bücher bis zum V. Jahrhundert. Die frühesten erhal¬ 
tenen Einbände aus dem VII. Jahrhundert n. Chr.; 
meist mit Täfelchen der Konsulardiptychen belegt; in 
karolingischer Zeit mit den Elfenbeinschnitzereien der 
Klosterwerkstätten bekleidet (Tuotilo). Byzantinische 
Metalldeckel mit Goldschmelz. — Die reichen Arbeiten 


der ottonischen Epoche (X. Jahrhundert): metallgetrie¬ 
bene Reliefs oder Elfenbeintafeln unter byzantinischem 
Einfluß; Filigran, Edelsteine, Perlenschnüre den breiten 
Rahmen bedeckend. — In der romanischen Zeit Vor¬ 
liebe für schwere, große, den ganzen Deckel erfüllende 
Metalltafeln mit vorspringendem Relief; der Rand mit 
Glasflüssen, Gemmen, geschnittenen Steinen der An¬ 
tike und Filigran bestreut, oder es sind getriebene Oma- 
mentstreifen aufgenagelt. Häufig sind gravierte Metall¬ 
platten ausgeschnitten und auf den Deckel genagelt 
(Pommersfelden, München, Würzburg, Hildesheim). 
Große Gruppe von Deckeln, die nur mit Grubenschmelz 
bekleidet sind, besonders um 1200 am Niederrhein und 
in Limoges. Im XIV. Jahrhundert Zunahme der 
Bücher, infolgedessen wird weniger Wert auf den Ein¬ 
band gelegt. Die metallenen Prachtdeckel werden 
ganz selten. Der Lederband mit Metallbeschlägen tritt 
auf, zuerst der Lederschnittband; im Mittelalter ver¬ 
einzelt, erlangt er im XV. Jahrhundert seine künst¬ 
lerische Höhe und eine gewisse beschränkte Ver¬ 
breitung (figürliche Darstellungen). Zur größten Be¬ 
deutung bringt es aber im XV. Jahrhundert der Leder¬ 
band mit Blindpressung (mit eingepreßten Stempeln), 
der im XII. Jahrhundert schon in England hergestellt 
wird; Teilung der Fläche durch Linien in Felder; Rauten, 
Rosetten, Lilien sind die Schmuckelemente. — Aus dem 
mittelalterlichen Ledereinband entwickelt sich in Ita¬ 
lien der Renaissanceband; er nimmt orientalische Mo¬ 
tive auf. Der orientalische Einband, der in einem be¬ 
sonderen Kapitel behandelt wird, unterschied sich von 
dem abendländischen durch die Vergoldung und die 
Ornamentierung: ein ovales Mittelfeld, vier Felder in 
den Ecken; Mauresken. In Venedig ahmt man ihn 
direkt nach; orientalische Lederarbeiter sind dort tätig. 
Die „Aldinen“ (des Verlegers Aldinus) und die ,,Cor- 
vinen“ (der Bibliotheka Corvina des Mathias Corvinus 
von Ungarn) zeigen die orientalischen Elemente in 
feinster Durcharbeitung: geometrisches Bandwerk gibt 
den strengen Grundcharakter, Mauresken und Ranken 
werden hineingefüllt. Die Leidenschaft vornehmer 
Sammler fördert das Gewerbe mächtig: Jean Grolier, 
Thomas Maioli, Demetrio Canevari. Zur feinsten 





















































Chronik. 


391 


Ausbildung kommt es hierdurch in Frankreich. Höchste 
Eleganz, Strenge, dekorativer Geschmack. Lieb¬ 
haber sind Franz I., Heinrich II. und seine Geliebte, 
Diana von Poiüers, seine Gemahün Catharina von 
Medici, Franz II., Heinrich III. und IV. und des 
letzteren Gemahlin Marie Margarethe von Valois, der 
Sammler J. A. de Thou. Gegen Ende des XVI. Jahr¬ 
hunderts wird der Stil reicher; Nicolaus Eve, Hofbuch¬ 
binder, führt eine neue Ornamentation („ä la fanfare“) 
ein. In Deutschland herrscht im XVI. Jahrhundert ein 
handwerklicher Betrieb. Bürger, Gelehrte, nicht vor¬ 
nehme Gönner sind Besteller. Der mittelalterliche 
schwere Holzdeckel hält sich lange neben dem Papp¬ 
deckel, die Blindpressung neben der Vergoldung; alle¬ 
gorische, mythologische, religiöse Figuren, historische, 
biblische Darstellungen, Fürsten-, Reformatorenporträts. 
Verwendung der Platten- und Rollenstempel; erst um 
1550 Eindringen der französischen und italienischen 
Schmuckweise. Die wichtigsten Förderer sind die 
sächsischen Kurfürsten, vor allem August, für den Ja¬ 
kob Krause (um 1570) die schönsten deutschen Buch¬ 
einbände fertigt. Vereinzelte prachtvolle Silberdeckel; 
z. B. für Albrecht von Preußen; Eisenhoit. Die Pflege 
des Buches am englischen Königshofe; besonders Elisa¬ 
beth und ihr Adel (Parker Wotton); silbergestickte 
Einbände. 

Alle neuen Dekorationsweisen im XVII. und XVIII. 
Jahrhundert gehen von Frankreich aus. Zunächst der 
zarte Dekor ,,fers pointilles“, eine Überspinnung des 
Leders mit Stempeln aus punktierten Linien, oder Zu¬ 
sammensetzung von Buketts aus haarfeinen Ranken 
(Meister Le Gascon und Badier). Um 1665 wird das 
Fächermuster ,,ä l'eventail“ beliebt, das besonders in 
Italien und Deutschland Verbreitung findet (Hofbuch¬ 
binderei in Heidelberg). Im Anfang des XVIII. Jahr¬ 
hunderts das Spitzenmuster „fers ä la dentelle“; die 
Muster treten auf den Rand zurück, der Spiegel bleibt 
glatt und häufiger ohne Schmuck (Padeloup, Derome, 
feine Maroquinbände für Ludwig XVI. und Marie An¬ 
toinette). Die größte Vereinfachung des Kunstbuch¬ 
bandes am Ende des XVIII. und Anfang des XIX. Jahr¬ 
hunderts; Empire. In den dreißiger Jahren des XIX. 
Jahrhunderts beginnt man in Frankreich zu reicheren 
Formen zurückzukehren, indem man den Dekor der 
Renaissance, auch der Gotik wieder verwendet. Wenn 
auch technisch vorzüglich, ist diese Richtung, ebenso 
wie die deutsche Renaissancebewegung seit 1870, ohne 
künstlerische Kraft geblieben. Erst von England geht 
seit den achtziger und neunziger Jahren des XIX. Jahr¬ 
hunderts eine lebenskräftige moderne Bewegung aus 
(Morris). 

An diese Grundzüge schließt sich das überreiche 
Material an; viele kulturgeschichtliche Notizen, die 
enge Beziehung zum Thema haben, sind dazwischen 
eingestreut. Die Sachlichkeit, mit der alle Elemente 
einzeln und nacheinander behandelt werden, macht das 
Gesamtbild so reich. Gerade aus dieser Sachlichkeit 
fühlt man die Liebe, die echte Liebe, die Versenkung 
in den Gegenstand, man fühlt, daß Loubier ein wahrer 
Freund schöner Bücher ist, frei von aller Bibliomanie, 
der seine Bücher liebt und pflegt, um sich und seinen 


Freunden, sibi et amicis, wie auf dem Exlibris Pirk- 
heimers steht, einen stillen und edlen Genuß zu be¬ 
reiten; alles das fühlt man, ohne daß davon weiter die 
Rede ist. Und wiewohl Loubier die ganze verfeinerte 
Buchkultur unserer Tage in sich aufgenommen hat, so 
läßt er sich nicht davon hinreißen, sondern mit Be¬ 
scheidenheit und Hingebung unterwirft er sich seiner 
rein historischen Aufgabe; so ist denn auch die Sprache 
einfach und, wo es sich um Erklärung der Techniken 
handelt, von großer Deutlichkeit. Das Abbildungs¬ 
material ist sehr reich, vorzüglich ausgewählt und es 
gibt wenige Bücher, wo es mit solchem Geschick stets 
auf die betreffenden Textstellen verteilt ist. 

Berlin. Dr. Hermann Schmitz. 


Ergänzungen zum Goedeke. 

In der Michaelismesse 1801 sollte nach Goedeke 2 
§ 315 II 42 (= 8, 58 No. 42 ein ' Al manuell der Grazien' 
natürlich auf das Jahr 1802 herauskommen, nach den 
an S. Geßner und F. Matthisson erinnernden angekün¬ 
digten Beiträgen klassizistisch gehalten. Goedeke 2 § 315 
II 81 (= 8, 63 No. 81) verzeichnet für 1805—1808 ein 
von Justus Lafontaine herausgegebenes ‘Taschenbuch 
der Grazien’ (Mannheim, Ferd. Kaufmann 16 0 ) mit 
einem Nachzügler auf 1820 (ibid., Schwan und Götz 16 0 ), 
nach den Beiträgen ein Organ der Heidelberger Ro¬ 
mantik. 

Zwischen beiden liegt ein unmittelbar an den an¬ 
gezeigten 1802er Almanach sich anschließender, Goe¬ 
deke unbekannter 

„Almanach] und / Taschenbuch / der]Grazien ] 1803.] 
herausgegeben / von / Justus Lafontaine / Mannheim ) bei 
dein Hofbuchhändl. F. Kaufmann. / (Unter diesem ge¬ 
stochenen Titel: ‘F. Wolfif sculpsit’.)“ Das Titelkupfer 
stellt eine Allegorie derZeit dar, ‘A: W: Küfifner sc. M: 
[-annheim] 1798.* Der nun folgenden gestochenen Wid¬ 
mung des Verlegers ‘An Amalia Friderica Verwittwete 
Erbprinzessin von Baden 1 entspricht ein das moralische 
Ziel des Büchleins symbolisierendes Kupfer ‘Gest. v. 
Ant. Karcher Manh.‘ mit den Worten ‘Haeusliches 
Glück 1 und der Unterschrift ‘Nur auf diesem Wege 
reifen des Lebens befsere Freuden 1 . Der erste ‘Alma¬ 
nach. 1 betitelte Teil enthält ein Kalendarium (im ganzen 
7 ungezählte Bll.) und 9 Monatskupfer, wie alle Stiche 
des Bändchens in Punktiermanier, ‘Gest. v. Ant. Kar¬ 
cher Manh. 1799*. Nach einer Erklärung im zweiten 
Teile, p. 100—114 stellen sie ‘Szenen aus Amors Leben.* 
vor. Der zweite, ‘Taschenbuch der Grazien. 4 betitelte 
Teil des Bändchens umfaßt die belletristischen Beiträge 
auf 148 Seiten (Bogenzählung 1—12 und 2 ungezählte 
Bll.) in 12 0 . Die prosaischen Beiträge überwiegen; sie, 
so gut wie die poetischen, charakterisieren das Taschen¬ 
buch als klassizistisches: ‘Menalkas und Dafne. Eine 
[prosaische] Idylle. 1 in Geßners Art erinnert an das 
Programm des geplanten 1802 er Almanaches, ‘Die 
Cikade in der Falle, (aus der griechischen Anthologie) 1 
pag. 90 an Herders ähnliche Bestrebungen; die Y Unter¬ 
zeichneten, ebenfalls in Distichen abgefaßten 7 ‘Gast¬ 
geschenke. (bloß für Bekannte) 1 pag. 115—117 knüpfen 





392 


Chronik. 


in ihrem Titel direkt an Goethe-Schillers Xenien an. 
Ausdrücklich bezeichnet erscheint das literarische Ideal 
der Almanachschreiber — ‘Weimar, meiner Herder 
und Göthe Wohnsitz* — in der anonymen Ode ‘Wün¬ 
sche, nach Horaz 1 . (p. 74.) 

Die meisten Beiträge sind anonym: außer dem 
Herausgeber nennt sich nur ‘Wilh. Tischbein* mit vollem 
Namen hinter 8 an Klopstockschen Komparativen und 
an Alliterationen reichen Hexametern, die der Titel 
‘Wirklicher Traum. 1 (p. 122) zusammenfaßt. Sonst be¬ 
gegnen nur die Chiffern ‘f}.‘ (p. 3—17), am häufigsten 

(p. 37f., 80f., 87 f ., 114, 115-117, 1 1 9 f-» 125, 143). 

‘Nettchen W.‘ (p. 129), ‘AugustaP.* (136f., i4of.), diese 
letztere die spätere Mitarbeiterin am Taschenbuch 
1805—1808 Augusta Pattberg , die sich gerne hinter 
Chiffern aus den Anfangsbuchstaben ihres Namens barg 
(vgl. Reinhold Steig, Frau Auguste Pattberg geb. von 
Kettner. Neue Heidelberger Jahrbücher 6 [1896], 77). 
Ein a. a. O. p. 76 abgedruckter Brief der Pattberg be¬ 
weist überdies, daß ihr die volle Form ihres Vornamens 
Augusta geläufig war. Schließlich verwenden die beiden 
ähnliche Themata behandelnden Gedichte des Alma- 
nachs (‘Am Grabe meiner Mutter. 1 136—138. — ‘Trost 
für alle Leiden.“ i4of.) dasselbe Metrum wie das von 
R. Steig a. a. O. p. 106f. abgedruckte von 1807. Mit 
diesem Gedichte haben die zwei des Almanachs auch 
den Matthissonschen Stil gemein, wenn auch nicht in 
so ausgeprägtem Maße. Sie erinnern da einerseits an 
die ‘Gesänge für gesellschaftliche Freuden.', die der 
1801 angekündigte Almanach enthalten sollte, anderer¬ 
seits an den romantischen Charakter der spätere Jahr¬ 
gänge des Taschenbuches, an denen Augusta Pattberg 
ja auch beteiligt war. An eine Weiterführung desselben 
war übrigens schon 1803 gedacht worden, wenn p. 17 
die Fortsetzung des ersten Beitrages ‘künftig 1 ver¬ 
sprochen wird. 

Graz. Othmar Schissei v. Fleschetiberg. 


Zur Literatur der Totengespräche. 

Über einen interessanten literarischen Fund hat 
der Wiener Bibliothekar Dr. Robert F. Arnold in den 
„Mitteilungen des Österreichischen Vereins für Biblio¬ 
thekswesen“ berichtet. Dr. Arnold hat nämlich in der 
Bücherei des Stiftes Admont in Steiermark ein Toten¬ 
gespräch zwischen Telemach und Robinson auf¬ 
gefunden, das wohl aus verschiedenen Angaben be¬ 
kannt, aber doch seit längerer Zeit verschollen war, so 
daß August Kippenberg in seiner Dissertation „Robinson 
in Deutschland bis zur Insel Felsenburg“ (Hannover 1892) 
davon sagen mußte: „Das Buch war leider nirgend 
mehr zu finden.“ Auf seinen Fahrten zur Sammlung 
der noch lange nicht genug gewürdigten und überall 
hin zerstreuten Totengesprächsliteratur hat nun Dr. 


Arnold an dem angegebenen Orte jenes Buch entdeckt. 
Das Werkchen, 3 + 184 Seiten stark und in dem für diese 
Literaturgattung üblichen Kleinquart gebunden, führt 
den Titel: „Wundersame Erzehlungen aus dem Reiche 
derer Toten, als Telemaque, des Ulyssis Sohn, und der 
berühmte Engelländer Robinson Crusoe, einander da¬ 
selbst angetroffen. Worinnen das tneiste, beste und 
merkwürdigste, was von dieseti beyden Personen ge¬ 
schrieben, enthalten ist; ihre Erzehlungen aber mit 
vielen nachdenklichen, sehrcuriosen, Anmerckungen und 
Reflexionen untermischt sind, dergestalt, daß Leute, 
welche bey Hofe oder sonst in der Welt, ihr Glück 
suchen, oder auch weite und gefährliche Reisen thun 
müssen, die herrlichsten Regeln und Lehren, samt Nach¬ 
richten von denen wundersamsten Zufällen allhier fin¬ 
den. Durchgehends überaus anmutig und nützlich zu 
lesen. Franckfurt und Leipzig, zu finden bey Adam Jo- 
nathan Felßeckers seb. Erben. Anno MDCCXXXIX." 
Da in diesem Felßeckerschen Verlag, der nachweislich 
schon 1670 in Nürnberg vorkommt, seit 1720 eine ganze 
Reihe von Ausgaben des Defoeschen Robinsonromans 
in deutscher Übersetzung und vielleicht auch eine 
solche des „Telemach“ erschienen ist, so darf Arnolds 
Vermutung als wohlbegründet angesehen werden, daß 
dieses Totengespräch mit seinen zahlreichen Hinweisen 
auf Telemach und Robinson den Zweck hatte, für diese 
Übersetzungen selbst Reklame zu machen. Ganz in 
der üblichen Weise mit einem allegorischen Kupfer¬ 
stich ausgestattet, der links den von der Minerva mit 
Schild und Lanze beschirmten Telemach, rechts Ro¬ 
binson in seiner Fellkleidung und daneben allerhand 
weitere allegorische Darstellungen zeigt, hält sich das 
Buch im übrigen völlig in der damals so beliebten 
Totengesprächstradition. Es versichert, den „Kern aus 
beyden Büchern, so von ihnen handeln, herausge¬ 
nommen, alle Weitläuffigkeiten aber, und solche Dinge, 
die dem Leser im geringsten verdrüßlich fallen könnten, 
sorgfältigst vermieden“ zu haben; es hält dieses Ver¬ 
sprechen freilich weder in negativer noch in positiver 
Hinsicht, denn es ist durchsetzt mit zahlreichen ratio¬ 
nalisierenden Abschweifungen und läßt dem Robinson 
sein Leben nur bis zum 9. Buch berichten. Es wird 
daher auch auf eine nötige Fortsetzung verwiesen, die 
nach einem Gewährsmann Kippenbergs um 1740 er¬ 
schienen sein soll, bisher indessen noch nicht entdeckt 
worden ist. Vielleicht hat es außer dieser zweiten 
Fortsetzung auch noch eine dritte oder vierte Fort¬ 
setzung gegeben; hat es doch, wie Arnold hierfür an¬ 
führt, selbst Totengespräche in fünf bis sechs Fort¬ 
setzungen ohne Wechsel der Redenden gegeben. Jeden¬ 
falls wird man dem genannten Entdecker darin bei¬ 
pflichten müssen, daß es sehr erfreulich wäre, wenn 
eine solche Fortsetzung aus einer öffentlichen oder 
privaten Bibliothek zum Vorschein käme. 

München. Karl Schneider. 


Nachdruck verboten. — Alle Rechte Vorbehalten. 

Für die Redaktion verantwortlich: Fedor von Zobeltitz in Berlin W. 15* 

Alle Sendungen redaktioneller Natur an dessen Adresse erbeten. 

Gedruckt von W. Drugulin in Leipzig für Velhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig auf Papier der Neuen Papier-Manufaktur 

in Straßburg i. E. 









ZEITSCHRIFT 

FÜR 

BÜCHERFREUNDE. 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz. 

io. Jahrgang 1906/1907. _ Heft 10: Januar 1907. 


Eine wirtschaftliche Buchdruckergeschichte. 

Von 

Theodor Goebel in Stuttgart. 



ücher, welche die Geschichte der 
Buchdruckerkunst behandeln, 
gibt es in reicher Fülle. Ihre 
Erfindung, Entwicklung und 
Ausbreitung ist in ungezählten 
Bändengeschildert worden, frei¬ 
lich oft genug mit wenig Glück oder oberflächlich, 
nicht gründlich, nicht erschöpfend; ja wir besitzen 
tatsächlich keine den Anforderungen der Gegen¬ 
wart entsprechende deutsche Geschichte der 
deutschesten Erfindung, und wenn auch unter 
der Legion der buchdruckergeschichtlichen Mo¬ 
nographien einzelner Länder und Städte sich 
vieles Gute und Vortreffliche befindet, so kann 
dies doch das fehlende allgemeine und gründ¬ 
liche Geschichtswerk nicht ersetzen. In fast 
allen Werken aber, die von der Buchdrucker¬ 
geschichte handeln, ist ein recht beachtens¬ 
werter Punkt derselben entweder gar nicht be¬ 
rührt oder doch sehr obenhin behandelt: der 
nämlich, den man die 'ökonomische, wirtschaft¬ 
liche Geschichte der Buchdruckerkunst nennen 
darf, die sich, abgesehen von der Bedeutung 
der Erfindung Gutenbergs für den Fortschritt 
der menschlichen Gesellschaft und der Zivili¬ 
sation, mit den Buchdruckern selbst\ mit ihrem 
gewerblichen und gesellschaftlichen Leben, mit 
der Einrichtung und dem Betriebe der Buch¬ 
druckereien im Laufe der Jahrhunderte, mit 
z. f. b. 1906/1907. 


I. 

den gegenseitigen Beziehungen der typographi¬ 
schen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, mit ihren 
Sitten, Gebräuchen, Arbeitsgewohnheiten, Dauer 
der Arbeitszeit, Löhnen usw., eingehend be¬ 
schäftigt hätte. Es erklärt sich dies einesteils dar¬ 
aus, daß die Mehrzahl der Verfasser typo¬ 
graphisch-geschichtlicher Werke Gelehrte und 
keine Buchdrucker waren, die dem Fachge¬ 
schichtlichen fremd gegenüber standen, andern- 
teils wohl auch daraus, daß in dieser Beziehung 
Quellenmaterial kaum vorhanden, in jedem Falle 
aber sehr schwer zu erlangen war. Dieser 
Mangel ist auch von einem französischen Buch¬ 
drucker, Dr. Paul Mellottee , Buchdruckerei¬ 
besitzer zu Chäteouroux, empfunden worden 
und hat ihn zur Abfassung eines Werkes, dessen 
erster Band kürzlich im Verlage von Hachette 
& Co. in Paris erschienen ist, veranlaßt: 

Histoire economique de VImprimerie , par 
M. Paul Mellottee, docteur des Sciences po- 
iitiques et economiques. Tome I. DIm¬ 
primerie sous VAnden Regime, 1439—1789. 

Bevor wir uns dem Inhalte des Werkes 
zuwenden, sei seiner graphischen Ausstattung 
gedacht, die eine sehr elegante und tadellose 
ist; 980 Exemplare sind im Druck numeriert, 
und von diesen sind, wie es in Frankreich 
Brauch ist bei fein ausgestatteten Büchern, 
10 Exemplare auf Papier aus der kaiserlichen 

50 





394 


Goebel, Eine wirtschaftliche Buchdruckergeschichte. 


Manufaktur in Japan, und 20 auf holländischem 
Büttenpapier von van Gelder Zonen in Amster¬ 
dam gedruckt worden; für die übrigen diente 
Velin- und Alfapapier, und nur zu 150 unnume- 
rierten wurde gewöhnliches Druckpapier ver¬ 
wandt. Der Satz erfolgte aus einer schönen 
Antiquatype französischen Schnitts, die ein 
klassisches Seitenbild bietet, wo es nicht ge¬ 
stört wird durch die aus Egyptienne gesetzten, 
dem Texte eingefügten Rubriken, was sich 
durch Marginalien, wofür der breite weiße Rand 
hinreichenden Raum bot, leicht hätte vermeiden 
lassen. Eine Anzahl Abbildungen schmücken 
und erläutern den Text; ihrer wird noch später 
gedacht werden. 

Dem beregten Mangel in der Behandlung 
der Buchdruckergeschichte abzuhelfen, diese 
Lücke zu ergänzen, hat, für Frankreich wenig¬ 
stens, Herr P. Mellottee als eine ernster Arbeit 
würdige Aufgabe erkannt, „denn“, sagt er mit 
dem Sozialisten Engels, „das Ergebnis der 
wirtschaftlichen Tätigkeit und der ganze hier¬ 
aus folgende Bau der menschlichen Gesellschaft 
bilden zu jeder Zeit die Basis der politischen 
und intellektuellen Geschichte dieser Zeit“. 

Mit dem Jahre 1789 schließt er den ersten 
Band seines Werkes, da die große französische 
Revolution das ganze Druckwesen umformte 
durch Proklamation der Freiheit, in deren Gefolge 
auch sehr bald eine Vervollkommnung der 
Druckpressen und Maschinen eintrat. Die Lage 
der Arbeiter in jener Zeit aber charakterisiert 
er treffend im Vorwort seines Buches. „Es 
scheint,“ sagt er, „daß die Arbeiter unter dem 
Ancien Regime keine sonderlich hervorragende 
Stellung auf der sozialen Leiter einnahmen, 
um dadurch irgendwie die Aufmerksamkeit auf 
sich zu lenken. Man beschäftigte sich nicht 
mit ihnen, man verachtete sie sogar. Die 
Handwerker, schreibt Loiseau, werden ihrer 
mechanischen Tätigkeit halber nur als niedrige 
und geringe Personen angesehen. Es ist aller¬ 
dings Tatsache, daß infolge besonderer könig¬ 
licher Huld die Buchdruckerkunst nicht den 
mechanischen Handwerken beigezählt wurde, 
aber diese Ausnahme blieb in bezug auf die 
Druckereiarbeiter ohne wesentlichen Einfluß 
wenigstens in der öffentlichen Meinung.“ 

Dies erklärt auch, weshalb direkte Mit¬ 
teilungen und Nachrichten über wirtschaftliche, 
den Druckereibetrieb betreffende Fragen, über 


Ergebnis und Organisation der Arbeit und der 
Arbeiter, absolut nicht aufzufinden sind, so daß 
der Verfasser die von ihm gesuchten Daten 
nur in sehr vereinzelten Fällen in nebensäch¬ 
lichen Betrachtungen und Berichten entdecken 
konnte, was aber sein Werk, auch wenn ihm hier 
und da erschöpfende Geschlossenheit abgehen 
sollte, nur um so wertvoller erscheinen läßt. 

In der Einleitung betont Mellottee zunächst 
die Bedeutung der Buchdruckerkunst für die 
Zivilisation des ganzen Menschengeschlechts 
und gibt dann einen Überblick der Geschichte 
ihrer Erfindung und Ausbreitung. Er weist 
darauf hin, daß auch schon vor der Erfindung 
Gutenbergs der Drang nach Wissen und Freiheit 
sich hier und da mächtig regte, daß dieser 
Drang und seine Wirkung aber eng beschränkt 
blieb auf die Kreise derGelehrten und Studenten: 
„Da erschien die Buchdruckerkunst. Alsdann 
waren es nicht mehr nur einige hundert Hörer, 
auf welche die Lehren der neuen Theoretiker 
einzuwirken vermochten. Durch die Buch¬ 
druckerkunst konnte man sich an Hundert¬ 
tausende, an die Massen, an das gesamte Volk 
wenden. Wenn Luther sich rühmte, daß er 
mit seiner Feder und seinem Tintenfaß stärker 
sei als der Kaiser mit seiner Armee, so durfte 
er dies, denn er hatte die Buchdruckerkunst, 
die seine Lehren und Gedanken zum Gemein¬ 
gut des Erdkreises machte. Sie allein ver¬ 
mochte die gewaltigen Bewegungen der Refor¬ 
mation, der Renaissance und der Revolution 
hervorzurufen; sie erweckte und kräftigte das 
Ringen nach Freiheit. Der Buchdrucker wurde 
in der Tat der Priester des freien Wortes, 
des freien Gedankens und der Vernunft, das 
Buch aber wurde das Symbol des unbegrenzten 
Strebens nach Wissen.“ 

Mit dem Erfinder selbst, sowie mit dem an 
die Sorbonne gerichteten Briefe des Professors 
Guillaume Fichet vom i.Januar 1471, in welchem 
dieser Gutenberg als wirklichen und alleinigen 
Erfinder der Buchdruckerkunst erklärt, beschäf¬ 
tigt er sich an erster Stelle, um dann auf die 
Sendung Nicolas Jensons, eines der besten 
Graveure der Pariser Münze, durch den König 
Karl VII. von Frankreich zu sprechen zu kommen. 
Am 4. Oktober 1458 wurde Jenson nach Mainz 
gesandt, „um, wie es in dem königlichen Schreiben 
heißt, sich heimlich über die Kunst zu unter¬ 
richten und die Erfindung sich in geschickter 





Goebel, Eine wirtschaftliche Buchdruckergeschichte. 


395 


Weise anzueignen“. (!) Er blieb drei Jahre in 
Mainz, erlernte daselbst die Buchdruckerkunst 
und wollte gerade nach Paris zurückkehren, als 
ihn die Nachricht von dem am 21. Juni 1461 
erfolgten Tode des Königs, seines Auftraggebers, 
erreichte, und er zugleich erfuhr, daß dessen 
Nachfolger Louis XI. es sich zur Aufgabe zu 
machen scheine, alles umzustoßen, was sein 
Vater geschaffen habe. Er zog es deshalb vor, 
noch länger als Druckereiarbeiter in Mainz zu 
bleiben, und erst der Überfall der Stadt durch 
Adolph von Nassau am 28. Oktober 1462 ließ 
ihn rheinaufwärts wandern, so daß wir ihn später 
in Venedig wiederfinden. — 

Herr Mellottee schildert dann die Einführung 
der Buchdruckerkunst in Frankreich resp. Paris 
in den ersten Monaten des Jahres 1470 durch 
Friburger, Gering und Crantz, deren ganzes 
Druckmaterial aus einer Presse und einer ein¬ 
zigen Schriftgattung bestanden haben soll; er 
erwähnt das erste von ihnen gedruckte Buch, 
Gaparini Epistolae, das im August 1470 erschien, 
und dem sie bis 1473 noch zweiundzwanzig 
andere, sämtlich in lateinischer Sprache, folgen 
ließen. Die drei Drucker erfreuten sich des 
Schutzes des Hofes und des Königs Louis XI., 
wie es aus einem Briefe von ihnen, der im 
Britischen Museum aufgefunden worden ist, 
hervorgeht. Dieser Schutz war ihnen aber 
auch sehr notwendig, der Feindseligkeit der 
Abschreiber und Illuminierer wegen, die in ihnen 
nur Broträuber erblickten; im Jahre 1470 gab 
es deren noch 6000 in Paris, und wenige Jahre 
später waren fast keine mehr vorhanden, denn 
die Druckerpressen, so gering auch noch ihre 
Zahl war, schufen doch zehnmal mehr als 
jene Tausende. Diese erregten sogar 1477 zu 
Toulouse einen Aufruhr, der aber natürlich 
das Fortschreiten der Buchdruckerkunst nicht 
aufhalten konnte; ihre Kunst, die während des 
ganzen Mittelalters in Frankreich in hoher Blüte 
gestanden hatte, verfiel sofort, als noch weitere 
Buchdrucker in Paris und in anderen Städten 
Frankreichs sich niederließen; gegen das Ende 
des XV. Jahrhunderts gab es in der Tat schon 
mehr als vierzig Plätze in Frankreich, an denen 
Druckerpressen tätig waren, und zur selben Zeit 
wurden in Paris allein über dreißig Druckereien 
gezählt. 

Unter der absolutistischen Herrschaft Louis XI. 
war es nur natürlich, daß die Regierung ihre 


Aufmerksamkeit sofort der neuen Kunst, deren 
künftige Macht man ahnte, zuwandte, angeblich 
zwar, um sie zu schützen gegen schlechte Nach¬ 
ahmer, in Wirklichkeit aber, um das Königtum 
selbst zu schützen gegen Aufklärung des Volks 
durch die Presse, sowie auch die Religion, rich¬ 
tiger die Geistlichkeit, vor ihren Folgen zu be¬ 
hüten. Man schuf deshalb Privilegien für die 
zu errichtenden Druckereien; die zu druckenden 
Werke bedurften bald einer vorgängigen Druck¬ 
erlaubnis, und eine Buchhandels- und Druckerei- 
Polizei wurde zur Überwachung der Tätigkeit 
der Gutenbergsjünger bestellt. Das hinderte 
indes den König Louis XII. nicht, in einem 
Erlasse vom 9. April 1513 „die Wissenschaft 
der Druckerei als eine Erfindung, die inehr 
göttlich als menschlich zu sein scheine“ zu be¬ 
zeichnen, und sie auch durch Gewährung von 
Steuerfreiheit in hohem Betrage zu fördern. 

Aber nicht nur den Abschreibern und Illu- 
minierern war die Buchdruckerkunst ein Werk 
des Teufels, auch das lichtscheue Pfaffentum von 
damals erkannte bald, daß sie seinem Treiben sehr 
gefährlich werden könnte, und wußte Franz I., 
den man später den Vater und Beschützer der 
Wissenschaften genannt hat, 15 34 einen Befehl 
zu entreißen, durch den er den Druck von 
Büchern in ganz Frankreich bei Strafe des 
Stranges verbot, welchen Befehl er indes bald 
auf Einsprache des Parlaments wieder aufhob, 
zugleich alle von seinen Vorgängern den 
Druckern gewährten Privilegien und sonstigen 
Vergünstigungen bestätigend. Unter seiner 
Regierung ereignete sich auch 1539 der erste 
bekannte Buchdruckerstreik, und zwar zu Paris 
und Lyon, der noch näher geschildert werden soll. 

Die französischen Könige wandten der Buch¬ 
druckerkunst fortdauernd ihre Aufmerksamkeit 
zu; unter Louis XIII. erschien am 9. Juli 1618 
ein Gesetz, das sich mit dem ganzen Wesen 
derselben und ihren Einrichtungen befaßte. Es 
bestätigte deren Privilegien und gab Vorschriften 
betreffend den gesamten Druckereibetrieb, das 
Lehrlings- und Gehilfenwesen, die Aufnahme 
in den Buchdruckerstand, die Witwen- und 
Kinderrechte usw.; das wichtigste aber war 
die Gründung einer Syndikatskammer oder 
Prinzip als Vereinigung, mit einer vorgeschriebenen 
alljährlichen Versammlung am 8. Mai, 2 Uhr 
mittags, in Gegenwart eines Zivilbeamten und 
des Vertreters des Staatsanwalts. 



396 


Goebel, Eine wirtschaftliche Bnchdruckergeschichte. 


Louis XIV. müßte nicht der „Sonnenkönig“, 
der in sich selbst den Staat erblickte und sich 
deshalb in alles mischte, gewesen sein, wenn 
er nicht auch die Buchdruckerei reglementiert 
hätte; seine Vorschriften waren indes zum Teil 
recht heilsame. Es sei streng darüber zu 
wachen, hieß es in denselben, „daß alle Bücher 
auf schönes und gutes Papier und nur mit 
scharfen, nicht abgenutzten Typen gedruckt 
würden“. Keinem Buchdrucker solle gestattet 
werden, seinen Beruf auszuüben, wenn er nicht 
wenigstens zwei ihm gehörende Pressen besitze 
und mit guten Schriften versehen sei. Die 
Vereinigung mehrerer Buchdrucker behufs Er¬ 
füllung dieser Vorschriften sei nicht zu erlauben. 
Die Zahl der Buchdruckereien setzte der König 
für Paris auf sechsunddreißig fest, den Buch¬ 
händlern aber, die nicht schon Buchdruckereien 
besaßen, wurde verboten, sich zur Übernahme 
etwa freiwerdender Druckereiberechtigungen zu 
melden, ein Verbot, das zu andauernden Streitig¬ 
keiten zwischen beiden Gewerbtreibenden Ver¬ 
anlassung gab, das jedoch im Jahre 1723 durch 
Louis XV. zur großen Unzufriedenheit der Buch¬ 
händler bestätigt wurde, unter Beibehaltung 
der Beschränkung der Zahl der Buchdruckereien 
auf 3^, die jetzt während siebzig Jahren in 
Geltung blieb, indes vielfach umgangen wurde. 

1777, unter Louis XVI., beschäftigte sich 
die Regierung resp. das Parlament abermals 
mit der Reglementierung der Druckereien und 
ihrer Einrichtungen, nachdem durch den fort¬ 
schrittlichen Minister Turgot die Brüderschaften, 
Zünfte und Meisterschaften aufgehoben worden 
waren. Die Druckereiarbeiter waren gehalten, 
sich mit einer Identitätskarte zu versehen, auf 
welcher jeder Wechsel der Arbeitsstelle ein¬ 
zutragen und die alljährlich von der Syndikats¬ 
kammer zu visieren war. Verzeichnisse der 
Arbeiter mit Notizen über ihre Führung mußten 
bei dem Prinzipalssyndikat niedergelegt werden 
und an dieses hatten die Prinzipale sich zu 
wenden bei Bedarf an Arbeitern, was recht 
bequem und zweckmäßig war, da die verschie¬ 
denen Syndikate sich die Namen von beschäf¬ 
tigungslosen Arbeitern gegenseitig mitzuteilen 
hatten. Die Faktore, Gewißgeld- und berechnen¬ 
den Setzer hatten im Sommer von 6 Uhr morgens 
bis abends 8 Uhr bei der Arbeit zu sein, im 
Winter aber von 7 Uhr morgens bis 9 Uhr 
abends. Die Beträge, die für das Einträgen 


in die Listen, für die Identitätskarten (Cartouche 
genannt), für Umschreibungen usw. zu zahlen 
waren, wurden durch die Syndikatsbeamten als 
Unterstützungen verteilt an alte arbeitsunfähige 
und an kranke Arbeiter, sowie an solche, die 
eine dreißigjährige Dienstzeit hinter sich hatten, 
— eine der ersten Nachrichten über Wohlfahrts¬ 
einrichtungen in Druckereien. 

Der Verfasser glaubt indes bezweifeln zu 
dürfen, daß diese königlichen Erlasse stets 
strenge befolgt wurden; sei es nicht geschehen, 
so treffe das Königtum keine Schuld, denn 
dieses habe der Buchdruckerkunst meist wohl¬ 
wollend gegenüber gestanden und sie nach 
Kräften gefördert. 

Im zweiten Kapitel beschäftigt sich Herr 
Mellottee mit den Vorschriften betreffend die 
Druckerlaubnis, die je nach dem Inhalte des 
Gegenstandes, mochte es ein Werk, eine Bro¬ 
schüre, ja selbst eine Affiche sein, bei der be¬ 
treffenden weltlichen oder geistlichen Behörde 
(Bischöfe oder deren Vertreter), wie auch 
bei der Universität eingeholt werden mußte. 
Letzterer stand sogar das Recht zu, in den 
Druckereien Nachforschung zu halten, ob die 
im Druck befindlichen Bücher usw. auch 
ordnungsmäßig geprüft worden seien, doch 
habe sie nur selten von diesem Rechte Ge¬ 
brauch gemacht, und die darin liegende Zensur 
habe mehr in der Theorie als in der Praxis 
bestanden. 

Dieser gemütliche Zustand währte indes 
nicht lange, denn schon am 13. Juni 1521 
erließ Franz I. eine Verordnung, durch die 
den Buchhändlern und Buchdruckern verboten 
wurde, irgend etwas zu veröffentlichen oder 
zu verkaufen, was nicht die vorgängige Ge¬ 
nehmigung der Universität oder der Theologi¬ 
schen Fakultät erlangt habe. Es war dies 
somit die tatsächliche Einführung der Präventiv¬ 
zensur in Frankreich; sie war eine Folge des 
auf dem Lateranischen Konzil von 1515 ge¬ 
faßten Beschlusses, daß kein Buch gedruckt 
werden dürfe, das nicht vorher von einem 
Bischof oder von dem durch ihn beauftragten 
Geistlichen, sowie von dem Inquisitor der Stadt 
durchgesehen und gebilligt worden sei. In 
Frankreich bildete die Theologische Fakultät 
der Universität die höchste Zensurbehörde; 
ihr waren selbst die Bischöfe für von ihnen 
verfaßte Schriften unterworfen, und sogar der 



Goebel, Eine wirtschaftliche Buchdruckergeschichte. 


397 


berühmte Bischof von Meaux und Günstling 
Louis XIV., Bossuet, mußte sich ihr unter¬ 
werfen. „Die Theologische Fakultät war da¬ 
mals allmächtig, auch die höchsten Häupter 
mußten sich vor ihr verneigen“, sagt der Ver¬ 
fasser. Es währte dies indes nicht allzu lange 
Zeit; die Könige eigneten sich dem Druck¬ 
wesen gegenüber das Recht der obersten Ge¬ 
walt an, und ein Erlaß vom 28. Februar 1723 
übertrug auch die Entscheidung in allen Druck- 
bewilligungs- und Zensurstreitigkeiten, die bisher 
dem Parlamente zugestanden hatte, dem Privat¬ 
rate des Königs; das Recht der Druckbe¬ 
willigung wurde dem Parlament damit für alle 
wichtigeren Angelegenheiten entzogen, so daß 
ihm nur noch Nebensächliches verblieb. 

Die Bedeutung des General-Polizeileutnants 
in Zensurfragen, sowie die des Kanzlers als 
Vertreter des Königs, werden vom Verfasser 
näher erörtert, und er macht uns auch mit 
dem Generaldirektor des Buchhandels, einer 
sehr mächtigen und einflußreichen Person, 
die das Erscheinen jedes Werkes fördern oder 
hindern konnte, bekannt. 

Es ergibt sich aus allen diesen interessanten 
Mitteilungen, daß die Druckereiverhältnisse in 
Frankreich unter dem Ancien Regime, wären die 
Gesetze streng eingehalten worden, weit ent¬ 
fernt gewesen sein würden von einem ange¬ 
nehmen Betriebe und der Freiheit der Presse. 
Es hing fast alles von der Person des obersten 
Beamten ab, und Buchhandelsdirektoren, wie 
der liberale und hochsinnige L. de Malesherbes, 
mögen deshalb sicherlich hochgeschätzt wor¬ 
den sein. 

Im nächsten Kapitel, dem dritten, werden 
die Ausnahmen von den die Presse beengen¬ 
den Vorschriften und die „stillschweigenden 
Genehmigungen“ behandelt, und die hierauf 
bezüglichen Mitteilungen lassen erkennen, daß 
auch schon damals nichts so heiß gegessen 
wurde, als man es kocht. Schon der Umstand, 
daß das an den Kanzler zu richtende Gesuch 
um Druckbewilligung mit vielen Weitläufigkeiten 
und bedeutendem Zeitaufwand verbunden war, 
zwang zu Ausnahmen für rasch zu liefernde 
Arbeiten, wie Zeitungen, Broschüren und der¬ 
gleichen; die Genehmigung des Polizeirichters 
mußte hier genügen, und auch diese mag nicht 
selten umgangen worden sein; die „stillschwei¬ 
gende Genehmigung“ trat dann an deren Stelle 


und sie bestand höchstens noch in einem münd¬ 
lichen Gutheißen. Ja, in der Zeit der berüch¬ 
tigten Regence des Herzogs von Orleans, in der 
die niedrigste Pornographie florierte, suchten 
die Behörden im Stillschweigen die eigene 
Deckung, da sie diese oft von einflußreicher 
Seite ausgehenden Schriften nicht zu unter¬ 
drücken wagten, sie aber auch nicht offiziell 
genehmigen konnten, ohne sich selbst zu kom¬ 
promittieren. Über diese stillschweigenden Ge¬ 
nehmigungen wurden gleichwohl amtliche Re¬ 
gister geführt, aber man bezeichnete die Bücher 
dieser Art als im Auslande gedruckt, obwohl 
man sehr wohl wußte, daß sie in Frankreich 
trotz der angeblichen Druckorte Lausanne, Genf, 
London usw. gedruckt waren. Es war ein 
wissentliches Umgehen der Gesetze, das schlie߬ 
lich ganz offen getrieben und fast zur Regel 
wurde, das sogar in dem Enzyklopädisten 
Diderot einen energischen Verteidiger fand. 
Die Behörden sind in ihrer Duldsamkeit aber 
noch weiter gegangen. Sie ließen den Buch¬ 
händler oder Buchdrucker wissen, daß er dieses 
oder jenes Buch auch ohne Genehmigung heim¬ 
lich drucken könne; da man jedoch nicht vor¬ 
auszusehen vermöchte, bis zu welchem Grade 
sich die Geistlichkeit oder die Polizei dagegen 
ereifern würde, so müsse er den Verlagsartikel 
zu sofortigem Verschwinden bereit halten, so¬ 
bald man ihm mitteile, daß Nachforschungen 
bei ihm veranstaltet werden würden. Und es 
war die Polizei, welche so gefällig war, solche 
nette Belehrungen zu geben, die in der Tat 
die russischen Zensurverhältnisse der jüngsten 
Zeit noch übertreffen. Kein Wunder, daß sich 
in Frankreich gesellschaftliche Zustände heraus¬ 
bilden konnten, die zu der großen Revolution 
führen mußten. Es hat aber auch nicht an 
Leuten gefehlt, die dies rechtzeitig erkannten, 
wie der Kanzler Meaupeou, der die Gesetz¬ 
gebung für Buchdruck und Buchhandel refor¬ 
mieren wollte, dafür jedoch nicht die notwen¬ 
dige Unterstützung fand, — nach ihm ging das 
Verhängnis unaufhaltsam seinen Weg. 

Das vierte Kapitel des Mellotteeschen Werkes 
ist den Privilegien gewidmet. Ihr Zweck war, 
den Drucker gegen Nachdruck zu schützen; 
sie bildeten somit die erste Anerkennung des 
literarischen Eigentums. Vor Erfindung der 
Buchdruckerkunst gab es nichts Ähnliches, 
denn die Manuskripte waren persönliches, auf 



398 


Goebel, Eine wirtschaftliche Buchdruckergeschichte, 


ihre Besitzer beschränktes Eigentum, an deren 
Verbreitung in größerer Zahl behufs Erzielung 
von Gewinn damals wohl kaum gedacht worden 
ist. Mit der Erfindung und Verbreitung der 
Buchdruckerkunst änderte sich dies auch nicht 
plötzlich; denn erst im Jahre 1618 wurde in Frank¬ 
reich das Autorrecht gesetzlich anerkannt; bis 
dahin suchte man sein Eigentum durch Privi¬ 
legien, Ausflüsse fürstlicher Macht und Gunst, 
zu schützen; an das Recht des Druckers oder 
Verfassers auf solchen Schutz dachte man kaum. 
Daß Übertretungen der Privilegien, d. h. Nach¬ 
druck durch sie geschützter Werke, bestraft 
wurden, ist nur selbstverständlich; anfänglich 
bestanden die in den Privilegien selbst fest¬ 
gesetzten Strafen in Konfiskation der nachge¬ 
druckten Werke und in Geldstrafe; 1686 und 
1723 wurden dieselben sehr verschärft, konnten 
auch durch den Richter weder gemildert, noch 
erlassen werden, und steigerten sich bis zu 
körperlicher Züchtigung des Übertreters und 
zum Verlust der Meisterschaft. Das älteste 
bekannte französische Privilegium datiert von 
1507 und wurde von Louis XII. dem Drucker 
Antoine Verard für eine Ausgabe der Episteln 
Pauli, mit Erläuterungen von einem Doktor 
der Theologischen Fakultät, verliehen. 

Der Verfasser zeigt dann weiter, durch wen 
und an wen zumeist die Privilegien verliehen 
wurden, bespricht ihre Verschiedenheit und 
ihre Dauer, die gewöhnlich eine kurze von 2, 
3 oder 5 Jahren war, 10 Jahre aber kaum 
jemals überschritt, wenn nicht eine schwer zu 
erlangende Verlängerung bewilligt wurde; die 
Kürze der Dauer aber hatte den Nachteil, daß 
manchmal ein durch Privilegium geschütztes 
Werk bei dessen Ablaufen noch lange nicht 
ganz verkauft sein mochte, so daß sein Ver¬ 
trieb alsdann durch billigere Nachdrucke sehr 
geschädigt werden konnte. Das Privilegium 
konnte übrigens durch den König oder das 
Parlament zurückgezogen werden, wenn sich 
beim Druck des Werkes herausstellte, daß sein 
Inhalt aus irgend einem Grunde als gefährlich 
erachtet wurde; es gewährte also wohl Schutz 
gegen Nachdruck, aber nicht gegen die Zensur. 
Dieses Zurückziehungsrecht führte zu einem 
langen Streite zwischen dem Parlament und 
dem Rate des Königs, wobei sich die Schei¬ 
dung vom Rechte des Verfassers und dem 
des Druckers herausbildete. Im Jahre 1777 


wurde jedoch diese Eigentumsfrage gleich der 
der Dauer der Privilegien, die jetzt für den 
Druck neuer Bücher auf mindestens 10 Jahre 
festgesetzt wurde, durch königlichen Erlaß end¬ 
gültig geregelt. „Das literarische Eigentums¬ 
recht, dessen Vorläufer das ursprüngliche Pri¬ 
vilegium war, war hiermit geboren“, sagt 
Mellottee. 

Das fünfte Kapitel handelt in der Haupt¬ 
sache von den Strafen, von denen die Über¬ 
treter der die Presse regulierenden Gesetze 
getroffen wurden. Sie waren zum Teil sehr 
strenger Natur und trafen in erster Linie 
den Drucker schädlich erachteter Bücher und 
Schriften, nicht den Verfasser, und zwar, weil 
man sagte, daß dessen Arbeiten keinen großen 
Schaden anrichten könnten, wenn sie nicht 
durch den Druck verbreitet würden, es somit 
ohne dessen Beihilfe leicht möglich sein würde, 
sie zu unterdrücken. Es ist nun zwar schon 
bemerkt worden, daß es mit dem Befolgen der 
Gesetze nicht peinlich genau genommen wurde, 
und daß selbst die Behörden oft beide Augen 
schlossen, immerhin waren sie vorhanden, und 
wo sich ein Kläger fand bei Übertretungen, 
da mußte der Richter seines Amtes walten. 

Daß Franz I. bei Todesstrafe allen Druck 
in Frankreich verbot, wurde bereits berichtet, 
ebenso daß dieser königliche Schwabenstreich 
niemals Geltung erlangte; von ernsterer Wir¬ 
kung war die Verordnung Heinrichs II. vom 
11. Dezember 1547, die nicht nur den Drucker 
gefährlich erachteter Schriften mit dem Tode 
bedrohte, sondern diese Strafe nebst Güter¬ 
einziehung sogar gegen unterlassene Einholung 
der Druckgenehmigung bei der Theologischen 
Fakultät aussprach, wenn es sich um den 
Druck die Heilige Schrift betreffender Bücher 
handelte. Sechzehn Jahre später, am IO. De¬ 
zember 1563, erstreckte Karl IX. die Strafe 
des „Erdrosseltwerdens“ auf alle ohne könig¬ 
liche Erlaubnis erfolgten Drucke, Plakate selbst 
nicht ausgenommen. Und die Todesstrafe 
wurde sogar noch in einem königlichen Erlaß 
vom 16. April 1757 den Druckern von Schrif¬ 
ten, welche die Religion angriffen, die Geister auf¬ 
regten, die königliche Autorität schädigten usw. 
angedroht, und dies alles in dem Lande, das 
damals einen Voltaire, Diderot und andere 
hohe und freie Geister zu seinen Söhnen 
zählte! Die Richter genossen zwar in jenen 




Goebel, Eine wirtschaftliche Buchdruckergeschichte. 


399 


Tagen große Freiheit bezüglich der An¬ 
wendung der Gesetze und schützten oft Drucker 
und Buchhändler vor deren Schärfe; nichts¬ 
destoweniger wäre es gefährlich gewesen, sich 
auf ihre Milde zu verlassen: in der Zeit von 
1660 bis 1756, also in weniger als einem 
Jahrhundert, wurden tatsächlich 869 Autoren, 
Drucker, Verkäufer von Büchern, Kupferstichen 
und Holzschnitten gefangen in die Bastille ge¬ 
setzt, — mindestens ein Drittel hiervon aber 
waren Drucker! Selbst die furchtbare Strafe 
des Verbrennens ist an mehreren vollzogen 
worden. So wurde 1546 der Buchhändler 
Mace Moreau zu Troyes lebendig verbrannt; 
im Jahre vorher widerfuhr das gleiche Schicksal 
Etienne Polliot, der eine Last durch ihn be¬ 
zogener verbotener Bücher auf den Scheiter¬ 
haufen tragen mußte, um gleichzeitig mit ihnen 
verbrannt zu werden. Etienne Dolet, Jean Morel 
und Martin Lhomme erlitten ebenfalls den 
Märtyrertod. 

Natürlich gab es auch eine Anzahl anderer 
„milderer“ Strafen, bevor zum Äußersten 
geschritten wurde. Sie begannen mit mehr 
oder minder schwerer Geldbuße, Wegnahme 
der Bücher eventuell gefolgt von ihrer öffent¬ 
lichen Verbrennung, Auspeitschen, Verbannung, 
Pranger usw. Aber auch der Galgen wurde zum 
Schützer von Religion und Königtum berufen; 
er arbeitete fleißig, — so wurden z. B. im 
Jahre 1610 an einem Tage in Paris drei Bücher¬ 
verkäufer gehenkt! Für derlei unfreiwillige 
Beförderungen ins Jenseits hatte man auch 
ein beschönigendes Wort erfunden: man nannte 
dies confiscation du corps — Wegnahme des 
Körpers! — Im Laufe der Zeit milderten sich 
die Strafbestimmungen zwar, immerhin war die 
Todesstrafe für schuldige Drucker und Buch¬ 
händler noch nicht aufgehoben und in einem 
Gesetz von 1728 wird auch noch der Pranger 
aufgeführt, an dessen Stelle im Wiederholungs¬ 
fälle fünfjährige Verbannung auf die Galeeren 
trat. 

Die Druckereien waren einer doppelten 
Kontrolle unterworfen: die Syndikatskammern 
der Drucker mußten solche durch ihre Agenten, 
d. h. durch Mitglieder der Kammer, ausüben, 
und den Buchhandels-Inspektoren fiel die Kon¬ 
trolle ebenfalls zu. Erstere hatten namentlich 
darauf zu achten, daß die Typen tunlichst 
neu und nicht abgenutzt waren, und daß die 


Zahl der Pressen in den privilegierten Pariser 
Druckereien nicht weniger als vier betrug; auch 
sollten sie ihr Augenmerk auf etwa geübten 
Nachdruck, sowie auf Druck von Werken ohne 
offizielle Genehmigung richten, doch liebten sie 
nicht, gegen ihre Kollegen aufzutreten und 
überließen deshalb diese Seite der Kontrolle 
gern den Buchhandels-Inspektoren. Als solche 
fungierten Polizeibeamte, deren Amt kein be¬ 
neidenswertes war, denn Buchhändler und 
Buchdrucker verstanden es, ihnen ihre Auf¬ 
gabe gründlich schwer zu machen und sie 
nach Möglichkeit irre zu führen. 

Aber alle Schutzmaßregeln und Schutz¬ 
beamte vermochten nicht die Prinzipien auf¬ 
recht zu erhalten, auf denen das ganze Ancien 
Regime beruhte; die stillschweigenden und die 
geheimen Druckbewilligungen gewährten zwar 
der Presse einen gewissen Grad von Freiheit, 
doch ermutigte diese Art von Toleranz zu 
ihrem Mißbrauch, ohne zu einer wahren Freiheit 
der Presse zu führen, die, durch entsprechende 
Gesetze geregelt, Königtum und Religion besser 
geschützt haben würde, als die üblichen Ver¬ 
günstigungen oder die harten Strafen bei Über¬ 
tretungen. Die unheilvolle Wirkung dieses 
Zwittersystems wird vom Verfasser durch Dar¬ 
stellung zweier eklatanter Fälle, von denen 
einer die berühmte Enzyklopädie betraf, am 
Schlüsse dieses Kapitels dargelegt. 

Damit schließt zugleich die erste der drei Ab¬ 
teilungen des wertvollen Mellotteeschen Buches; 
die zweite behandelt die Buchdruckerei mit ihren 
geschäftlichen Einrichtungen. 

Neben den königlichen Erlassen und Re¬ 
glementierungen gab es auch solche korpora¬ 
tiver Art, die nach und nach so anwuchsen, 
daß sie den Druckereibetrieb einengten, so daß 
eine Gegenströmung unvermeidlich wurde, was 
schließlich zu unhaltbaren Zuständen führen 
mußte. Bevor der Verfasser darauf eingeht, 
gibt er eine anziehende und lehrreiche Schil¬ 
derung der Innungen, oder, wie man sie zur 
Zeit der Entstehung nannte, der Arbeitsgemein¬ 
schaften, neben denen ferner die Brüderschaften 
erblühten. Erstere waren rein geschäftlicher 
Natur, begründet, das Handwerk und den 
Handwerker zu schützen vor Verfall und schä¬ 
digender Konkurrenz, sowie um ihm Rechts¬ 
schutz zu sichern; letztere genügten dem reli¬ 
giösen Empfinden des Volkes und bildeten 



400 


Goebel, Eine wirtschaftliche Buchdruckergeschichte. 


zugleich in jener Zeit die Wohlfahrtseinrich¬ 
tungen, förderten auch das gesellige Leben 
durch Veranstaltung von Festen usw. Der 
Verfasser bezeichnet das XIII., XIV. und XV. 
Jahrhundert als die goldene Zeit der Arbeits¬ 
gemeinschaften; seine Schilderungen der da¬ 
maligen patriarchalischen Verhältnisse kon¬ 
trastieren gewaltig mit den sozialen und den 
Arbeiterverhältnissen der Gegenwart. Aber 
schon im XVI. Jahrhundert begann das Ver¬ 
bleichen dieser schönen Zeit, und zwar waren 
es die Meister, welche durch Erschwerung des 
Meisterwerdens eine Konkurrenz nicht auf- 
kommen lassen wollten, dabei bestrebt, die aus 
dem Steigen der Preise ihrer Erzeugnisse ent¬ 
springenden Vorteile allein einzuheimsen. Mi߬ 
stimmungen auf seiten der Gehilfen und Lehr¬ 
linge waren die Folge hiervon, zumal die Meister 
bei den Innungen und den das Koalitionsrecht 
beschränkenden und sogar die Höhe der Arbeits¬ 
löhne festsetzenden Behörden Unterstützung 
fanden. Daß solche Zustände, die in den 
folgenden Jahrhunderten noch Zunahmen, auch 
dem Fortschritt feindlich waren, ist in ihrer 
Natur begründet. 

Das zweite Kapitel der zweiten Abteilung 
des Mellotteeschen Werkes berichtet zunächst 
über den Stand des Buchhandels und der Buch¬ 
händler vor und bald nach der Einführung der 
Buchdruckerkunst in Frankreich, und kommt 
sodann auf die Buchdrucker zu sprechen, bevor 
sie sich zu einer festgeschlossenen Gemeinschaft, 
was erst im Jahre 1618 geschah, vereinigt hatten. 
Dieser späte Zusammenschluß war in ihrer 
exzeptionellen Stellung begründet, die sie, wenn 
auch nicht als Mitglieder der Universität, so 
doch als deren Schutzverwandte und als von 
den Königen begünstigt, gegenüber den ge¬ 
wöhnlichen Handwerkern genossen, Vergün¬ 
stigungen, die ihnen aber keineswegs schwere 
Plackereien ersparten oder sie vor der Möglich¬ 
keit, von harten Strafen heimgesucht zu werden, 
schützten, wie dies aus dem Vorhergehenden 
ersichtlich ist. Einen großen Vorteil aber ge¬ 
währte diese Freiheit von zünftiger Gemein¬ 
schaft und Genossenschaft: es konnte jeder 


Buchdrucker ein Geschäft einrichten, ohne durch 
Innungssatzungen daran behindert zu sein, — 
die Buchdruckerei war bis 1618 tatsächlich 
eine freie Kunst in Frankreich, und diese 
Freiheit war ohne Zweifel eine der Haupt¬ 
ursachen ihrer raschen Entwicklung, welche der 
Innungszwang später allerdings einschränkte. 

Im dritten Kapitel wird von den Brüder¬ 
schaften der Buchhändler und Buchdrucker 
gehandelt und zunächst ihres Schutzpatrons, 
des heiligen Johannes von der Lateinischen 
Pforte, gedacht. Warum man ihn zu dieser 
Würde gewählt und den übrigen Evangelisten 
vorgezogen hat, wird damit begründet, daß 
Johannes der Lieblingsjünger Christi gewesen 
sei, dem von ihm hergeleiteten Evangelium 
auch ein gewisser Mystizismus innewohne, der 
den Buchhändlern als ein Symbol des Buches 
erschienen wäre. 1 Das „De la Porte Latine“ 
wird darauf zurückgeführt, daß der Heilige vor 
der Lateinischen Pforte zu Rom den Märtyrer¬ 
tod erlitten habe. Die Entstehung dieser Brüder¬ 
schaft datiert indes vor die Erfindung der 
Buchdruckerkunst in das Jahr 1401, wo König 
Karl VI. eine Vereinigung von Abschreibern, 
Illuminierern, Buchhändlern und Buchbindern 
als solche bestätigte. Ihre Gebräuche, Messen, 
Feste, Kirchenschmuck usw. werden vom Ver¬ 
fasser geschildert und beschrieben; bei Be¬ 
schaffung des letzteren wurde sehr verschwen¬ 
derisch vorgegangen; so ließ man eine Statue 
des heiligen Johannes aus Silber anfertigen, und 
ein Thronhimmel von schwarzem Samt mit 
Kreuz und Fransen aus Silber kosteten be¬ 
deutende Summen. Daß auf die Missale und 
sonstigen Altarschmuck große Pracht verwendet 
wurde, lag im Wesen der Brüderschaft; die 
Bücher waren zumeist Geschenke einzelner 
oder mehrerer ihrer Mitglieder, die Mittel zur 
Bestreitung der Ausgaben wurden aber teils 
durch feste Beiträge, teils durch Kirchen- und 
sogar Hauskollekten aufgebracht, und Sendungen 
von geweihtem Brot oder Brötchen an Freunde, 
hochgestellte Gönner und selbst an den König 
verpflichteten die Empfänger zu namhaften 
Gegengaben. 


1 Die Setzer in Frankreich bezeichnen dem entsprechend noch heute die von ihnen selbst zu stellenden Utensilien, wie 
Winkelhaken, Schiff, Ahle usw., als ihren „Saint-Jean“. 




Der „ULK“. 


Sein Werden und Sein. 

Von 

Fritz Engel in Berlin. 



ie Anfangsgeschichte des „Ulk“ hat 
einiges gemein mit den Anfängen der 
periodischen Presse überhaupt. Denn 
wie mit der Verbreitung der Buchdruckerkunst 
die Zeitungen vielfach entstanden sind aus zu¬ 
erst gelegentlich herausgegebenen, von Hand 
zu Hand weiter verbreiteten Blättern, den so¬ 
genannten „Fliegenden Blättern“ (von denen das 
Münchener Witzblatt noch heute seinen Namen 
hat), so ist auch der „Ulk“ von Hause aus nur 
die bei besonderen Anlässen gedruckte Ge¬ 
legenheitsschrift eines Vereins gewesen. In der 
kleinen westfälischen Landgemeinde Haspe, die 
erst Anfang der siebziger Jahre Stadtrechte 
empfing, existierte eine „Gesellschaft Ulk“, eine 
von dem Ingenieur Fr. Schmidt geleitete 
Karnevals Vereinigung, die etwa der jetzt 
florierenden „Schlaraffia“ zu vergleichen 
gewesen sein mag und gleich dieser ihre 
Filialen in zahlreichen anderen Städten hatte. 
Heute und schon seit lange ist die „Ge¬ 
sellschaft Ulk“ die sich als „Societe d’Ulk“ 
bis nach Genf erstreckte, ausgestorben und 
sie ist so völlig tot, daß alle meine Er¬ 
kundigungen in Haspe nach näheren Einzel¬ 
heiten resultatlos verlaufen sind. 

Damals aber, um das eherne Jahr 1870 
herum, war sie im Blühen, und ihre Editionen 
müssen Beifall genug gefunden haben, daß 
es lohnend erschien, sie als öffentlich er¬ 
scheinende Wochenschrift in die damals 
noch sehr dünne Reihe der deutschen Witz¬ 
blätter zu stellen. Das Blatt, vier Seiten 
Oktav, und mit einer großen und mehreren 
kleineren Holzschnitt-Illustrationen geputzt, 
wurde vom 3. April 1872 ab, wenn auch 
mit Sonderabonnement und dem drückenden 
Zeitungsstempel noch unterworfen, dem 
wenige Monate vorher von Rudolf Mosse 
begründeten und schnell zur Verbreitung 
gelangten „Berliner Tageblatt“ beigelegt. 

Der Kopf, der dann später anderen wich, 
zeigt eine gewisse eichene Wucht. Auch der 
Inhalt der ersten Nummern ist schwer poli- 
Z. f. B. 1906/1907. 


tisch. Schon spiegelt sich der beginnende Kultur¬ 
kampf in scharfen Ausfällen gegen den Kleri¬ 
kalismus. Bezeichnend für die überragende 
Stellung, die Otto von Bismarck in der Öffent¬ 
lichkeit einnahm, ist der Umstand, daß das 
erste große Bild der ersten Nummer sich mit 
keinem andern als mit ihm beschäftigt. Es 
stammt von der Hand Herman Scherenbergs, 
der seinen liebenswürdigen, fast immer mit 
Herzlichkeit gemischten Humor und seine 
sichere politische Treffkunst dem Blatt ein 
Vierteljahrhundert hindurch zur Verfügung 
hielt, bis er, kaum merklich ermüdet, im Jahre 
1897 starb. 

Wie dieses eben erwähnte Bismarckbild, so 



B j ö 


Der Oberkönig von Norwegen. 

Zeichnung von Josef F aragö. 

rnson: „Haakonchen, Haakonchen, nur reden, wenn ich dich frage!...“ 

51 















402 


Engel, Der „Ulk“. 



Die höflichen Raucher. Zeichnung von P. Halke. 

Eine Großmacht nach der andern: „Aber ich beraube Sie doch nicht. . .“ 


zeigen auch die andern, die im Laufe der Jahr¬ 
zehnte erschienen und von denen einige diesen 
Mitteilungen beigefügt sind, daß der Schalk, 
auch wenn er im oppositionellen Lager be¬ 
heimatet war, doch immer mit einer respekt¬ 
vollen Scheu zu dem großen „Handlanger“ auf¬ 
sah. Auch nach dem Jahre 1878, als Bismarck 
die große Rechtsschwenkung gemacht hatte, 
ist das deutlich wahrnehmbar. Fast immer 
mischt sich ein Ton der Wehmut in die Bitter¬ 
keit der Polemik, der Wehmut darüber, daß 
der große Mann nun sein Herz den Todfeinden 
des Liberalismus geschenkt hatte. Als dann 
später der Kanzler zuerst dem amtlichen, dann 
dem irdischen Dasein Valet sagte, war es ge¬ 
rade die Witzpresse, die von ihrem verbrieften 
Recht, grelle Kontraste zu schaffen, Gebrauch 
machte und immer wieder den Schatten Bis¬ 
marcks seinen Nachfolgern vorführte. Und noch 


heute gehört seine Helden¬ 
gestalt zu dem eisernen Fond 
des „Ulk“ und anderer Witz¬ 
blätter. 

Das Gesicht, das den 
„Ulk“ volkstümlich gemacht 
hat, empfing das Blatt im 
übrigen erst, als sein erster 
Redakteur, F. Herzke, von 
Siegmund Haber abgelöst 
wurde. Haber, aus dem Kauf¬ 
mannstande hervorgegangen 
hatte das echte Schlesierblut, 
diese aus mildem Spott und 
rascher Formgewandtheit ge¬ 
bildete Begabung, die so 
viele Söhne Schlesiens in 
die Zahl unserer bekannten 
11 umoristen und T agesschrift- 
steller geführt hat. Geschult 
am Vorbild der Kladdera¬ 
datsch-Gelehrten und ihnen 
wesens- und strebensver- 
wandt, beherrschte Haber 
den knappen Wortwitz ebenso 
wie das Gedicht in seinen 
einfacheren Formen. Aber 
seine Stärke war die poin¬ 
tierte Prosa, erfüllt von fast 
immer höchst gutmütigen 
Betrachtungen über die klei¬ 
nen Schäden der Gesellschaft 
und der Familie. Indem er wie viele Schlesier den 
berliner Dialekt besser reproduzierte als das 
Knüppeldeutsch seiner heimatlichen Fluren, gab 
er dem „Nunne“ die einprägsamen Konturen 
des über Himmel und Welt schwadronieren¬ 
den, alkoholfreundlichen Spießers, der sich 
schließlich, da er doch nichts ändern kann, be- 
scheidet pait dem ewig wiederkehrenden End¬ 
spruch: „Ick hab’ et aber 
immer jesagt, die Menschen 
sind ebent zu komische Leite.“ 

Diese lächelnde Resignation, 
die viel Verstehen und Ver¬ 
zeihen in sich schließt, war 
ganz die seines Schöpfers. 

Und stets war es der 
gesunde Menschenverstand, 
der aus Siegmund Habers 
kleinen Schöpfungen sprach. 


Hans Naivus. 

Zeichnung 
von Paul Halke. 



























Engel, Der „Ulk“ 


403 


Das sah man an den 
„Originalmitteilungen 
der Frau Rentier 
Schladeberg aus der 
Manteuffelstraße“, die 
als nahe Verwandte 
der Buchholzen von 
Julius Stinde ohne 
Ziererei, aber immer 
gemütlich sich über 
die verschiedensten 
öffentlichen Vorgänge, 
besonders aber über 
Feste äußerte und in 
diesen ihren Bericht¬ 
erstattungen allemal 
den Standpunkt der 
biederen humorbegab¬ 
ten berliner Hausfrau 
wahrte. Das sah man 
vollends, wenn Paula 
Erbswurst sprach, die 
Konfektionsdame vom 
.,Hausvoigteiplatz links', 
die im „Ulk“ und auch 
in der Wirklichkeit 
heute nicht mehr exi¬ 
stiert, mit ihrer immer¬ 
hin noch gut bürger¬ 
lichen, nicht gerade an 
Austern und Sekt ge¬ 
wöhnten und schlie߬ 
lich stets aufs „Reelle“ 
gerichteten Flottheit. 
Damals, in diesem 



Hennig als Erzieher. Zeichnung von L. Feininger. 



Nunne. Zeichnung von 
Herrn. Scherenberg. 


Um für künftige Mörderjagden besser vorbereitet zu sein, hält die Schutzmannsschule jetzt 
wöchentlich zweimal einen Dach-Kursus ab. 


kleineren und bescheideneren 
Berlin, war sie ein Typus, 
und ihre ständigen Rede¬ 
wendungen: „Doch ich will 
nicht vorgreifen“ und „Ich 
kann es nicht anders leug¬ 
nen“ wurden bald vom Volks¬ 
mund aufgegriffen. Noch 
heute sind sie lebendig. 
Auch Paula, so sehr sie, um 
ihre „Bildung“ zu zeigen, in 
einem ganz persönlichen 
Deutsch einherstelzte, hatte 


Herz und Kopf immer auf den rechten Fleck, 
und aus dem Gewirr drollig verschraubter Vor¬ 
stellungen, die sie sich von Politik und Poli¬ 
tikern machte, leuchtete zuguterletzt doch stets 
ein einfach kluger Sinn hervor. 

Im Jahre 1874, während der Kampf um die 
Zivilehe und die Unruhe des „großen Krachs“ 
ihre Detonationen auch im Witzblatt vernehmen 
lassen, verschwindet der Vermerk am Kopf: 
„Herausgegeben unter Mitwirkung der Gesell¬ 
schaft Ulk von Haspe.“ Das Blatt steht jetzt auch 
äußerlich auf eignen Füßen und legt sich die weit¬ 
hin bekannt gewordenen Zweizeiler am Kopf zu: 





















































404 


Engel, Der „Ulk“. 



Frida Klapperschlange. 
Zeichnung von Paul Halke. 


Täglich wird viel Ulk gemacht, 
Donnerstag wird er gebracht; 

und unter anderen den folgenden: 

Zwei gute Groschen kostet jede Nummer. 

Ob’s nicht zu billig? Das ist unser Kummer. 

Aus dem Donnerstag als Erscheinungs¬ 
tag wurde späterhin aus technischen 
Gründen der Freitag. Auch das Format 
änderte sich im Jahre 1874 in Großquart, 
bis es nach elf Jahren zu dem ursprüng¬ 
lichen, aber nun acht Seiten stark, zurück- 
kehrte. Witzige Köpfe wie Belly und 
Hugo Littauer zupften im Verein mit 
dem leitenden Redakteur die mit Narren¬ 
schellen behangene Laute. Der Berliner 
Kongreß, die Richard Wagner-Fehde und 
alle andern Ereignisse der großen und 
kleinen Welt reflektierten in Bild und Wort. 

Anfang der achtziger Jahre stößt zum 
Korps der Mitarbeiter Richard Schmidt- 
Cabanis mit seinem sangesfrohen, nun 
auch schon verstummten Mund. Er war 
die beste Ergänzung Siegmund Habers, 
denn er war fast in allem sein Gegenteil. 
Kampfnatur und fanatischer Vertreter der 
liberalen Weltanschauung, ein gerader Ab¬ 
kömmling der Barden von 1848, war er 
wie mit dem Herzblut Herweghs undFreilig- 
raths geimpft. Er glaubte an die Mög¬ 
lichkeit, eine wahrhaft schöne Welt auf¬ 
zurichten auf dem Fundament größter 
bürgerlicher und persönlicher Freiheit. Er 
glaubte, daß die menschliche Natur von 
den Schlacken, die ihr anhaften, gereinigt 
werden könnte, und daß das Ziel des Indi¬ 
viduums die größtmögliche moralische Ver¬ 
vollkommnung sein müsse. Er, der ehe¬ 
malige Schauspieler, trat darum in brausen¬ 
den Strophen mit dem ganzen Pathos der 


idealen Forderung vor seinen Hörerkreis; und 
wenn er sich dabei gelegentlich allzuhoch über 
die Wirklichkeit und ihre grauen Unzulänglich¬ 
keiten erhob, so blieb die Stärke seines mensch¬ 
lichen und dichterischen Naturells doch immer 
erquickend. Romantisch verklärte Reinheit ver¬ 
langte er auch von der Kunst, dem Gedanken 
nach und in der Form. So trotzte er dem Vor¬ 
wurf, für die Regungen einer neuen Zeit kein 
Verständnis zu haben, und warf sich in den 
Kampf gegen Ibsen, Hauptmann und ihre Schule, 
die ihm eine Schule des Bösen zu sein schien, und 
gegen die formalen Entartungen der modernen 
Poesie, die er mit kaustischem Witz in den 
„Pessimistbeetblüten jüngstdeutscher Lyrik“ zu 


Deutsche Barmherzigkeit — 






LTDroBy- 

ly0 

\ 



— und russischer Dank. 
Zeichnungen von H. Wilke. 



















- 1. , - ’ 

xTvo'ii 


; 

y~' 

i m m 


mm 

Sifi 


SHBflKl 


f' ■',’"^i f r' 


PI# 

-' / 


It# 


' . i 




.■'; r r {-’ '.v ■ - 

,■ ;; 7 - ■••. -vv;v.'- -,-•. 


'-*7^.y7y.' 


Die Könige in Paris. Zeichnung von Josef Faragö. 

Eduard: Da fährt Fifi. ’N bischen dick, aber immer noch passabel. 
Leopold: Richtig! Ich habe sie noch als unschuldiges Laufmädel gekannt. 
Eduard: Sieh mal an, du auch? 


Zeitschrift für Bücherfreunde X. 


Zu Engel -, Der ,,Ulk“ 







































405 



Engel, Der „Ulk“. 


verhöhnen suchte. Er selbst besaß eine For¬ 
mengewandtheit, die mit Wort und Reim die 
kühnsten Balancierübungen bewältigte. Wie oft 
hat sein „Blinder Seher“ das bewiesen, und wie 
loderte der Zorn der „Geheimrats-Jette“ gegen 
ihre Gnädige in diesen wunderlichen Oktaven, 
die in der Durchsetzung der klassischen Form 
mit berliner Schnoddrigkeiten stets eine hoch¬ 
komische Wirkung übten! 

Die Mitte der neunziger Jahre brachte dem 
äußeren wie dem inneren Wesen des „Ulk“ 
nicht unwichtige Veränderungen. Siegmund Haber 
starb, und die Leitung des Blattes ging zuerst 
an Richard Schmidt-Cabanis und später an den 
Verfasser dieser Zeilen über, der sich der 


Die Spionriecherin. Zeichnung von L. Feininger. 
La France strengt ihr Riechorgan unnütz an und verzerrt dadurch ihr 
hübsches Gesichtchen. 


Geheim ratsjette. 

Zeichnung von Herrn. Scherenberg. 

Unterstützung Sigmar Meh¬ 
rings ', des pointenreichen 
und formgewandten, und 
neuerdings auch des Herrn 
Artur Fürst erfreut. Neben 
den rein politischen Themen 
wurden nun allmählich, den 
Strömungen der Volksent¬ 
wicklung folgend, die sozialen 
gepflegt. Auch neue stän¬ 
dige Figuren kamen auf, 
wenngleich es keiner von 
ihnen bisher gelang, „Paulas“ 
oder „Jettes“ Popularität zu 
erringen. Immerhin gibt sich 
„Frommhold Zuverlässig“ 
Mühe, den Nörglern ins Ge¬ 
wissen zu reden; „Kassandra 
Bohnensaft“ liest im Kafifee- 
grund die kommenden Dinge, 
die sich dann freilich nie er¬ 
eignen; „Hans Naivus“ stellt 
sich, indem er die Kulissen- 
und Literaturwelt belauscht, 
dümmer, als er ist; und 
„Frieda Klapperschlange“ 
ist sozusagen eine jüngere 
Schwester der Paula Erbs¬ 
wurst, nur daß sie sich die 
Dinge nicht mehr vom Her¬ 
zen schreibt, sondern tippt. 

Vor allem aber wurde 
der illustrierte Teil erweitert. 
Schon vorher war dafür 
Ludwig Manzel gewonnen 
worden, der dann später in 































4 o6 


Engel, Der „Ulk“. 



Die Alliierten. Zeichnung von Fritz Gehrke. 


General Terauchi (zum Engländer): „Wat? In sonnen Uffztich kommste zu’n Appell? Wenn de dir nich jleich in 'ne stramme 
Haltung bringst, denn wer’ ick dir mal japanisch kommen! Vastehster!“ 


die vorderste Linie unserer zeitgenössischen 
Bildhauer vorriickte und sich wohl noch heute, 
als Mitglied des Senats der Königlichen Aka¬ 
demie der Künste und Inhaber der großen 
goldenen Medaille, gern der für ihn vergangenen 
Zeit erinnert, da er seine klare und immer den 
Plastiker verratende Zeichnenkunst der Kari¬ 
katur zur Verfügung stellte. Wer heute sieht, 
mit welch gewandtem Humor Manzel politische 
und unpolitische Stoffe aufgriff, wird bedauern, 
daß er sich von diesem PVlde ganz zurück¬ 
gezogen hat. 

Unter Manzels Leitung wurden zugleich die 
ersten Versuche gemacht, dem „Ulk“ neben 
der politischen auch die wirkliche „Farbe“ zu 
geben. Die Entwicklung der Technik und die 
Bedürfnisse des Publikums drängten eben da¬ 
nach, das Witzblatt zu kolorieren. Es war die 
Zeit, da der „Simplizissimus“ begann, mit seinen 
auch in der Farbenwirkung großzügigen Blättern 
viele zu erfreuen und manchen zu ärgern. Der 


Holzschnitt, dem trotzdem das beste Andenken 
gesichert bleibt, war durch die Vervollkomm¬ 
nungen des Druckverfahrens zurückgedrängt. 
Es war dem „Ulk“ in einem eigenen Atelier 



Cassandra Bohnensaft. 
Zeichnung von Paul Halke. 



































































Engel, Der „Ulk 1 


407 



jetzt mit Hilfe des Photographen und 
des Ätzers möglich, in wenigen Tagen 
ein Bild vom Reißbrett des Zeichners in 
ein farbiges Blatt dem Massendruck zu¬ 
zuführen und vor den auf das „Aktuelle“ 
erpichten Leser zu bringen. Der „Ulk“ 
begann schüchtern mit einer einzigen 
Farbe, der roten. Seitdem hat er gelernt, 
die Buntheit der Welt auch in sich selbst 
widerzuspiegeln. Er erscheint nun zwei-, 
gelegentlich auch vielfarbig, und immer 
mehr entwickelt sich in den Zeichnern die 
Fähigkeit, die Farbe nicht nur als Hilfs¬ 
mittel, sondern als wesentlichen, ja ent¬ 
scheidenden Bestandteil der Karikatur 
wirken zu lassen und sie bald zur maleri¬ 
schen, bald zur humoristischen Geltung 
zu bringen. 

Insbesondere ist es Lyonei Feininger , 
als junger Anfänger dem „Ulk“ von Ludwig 
Manzel zugeführt, der als Farbenkünstler 
sich einen Namen gemacht hat. Es ist 
erstaunlich, wie koloristisch seine Blätter 
wirken, auch wenn sie nur mit Schwarz und 
einer Farbe arbeiten. Durch immer neue 
Mischungen und Abschattierungen der Haupt- 
und Nebentöne erzielt er dann eine vollkommene 
Gemäldewirkung. Das ist aber nur die eine 
Seite seines Könnens. Deutsch-Amerikaner von 
Geburt, hat er seine Jugend nicht vergebens 
in dem Lande verlebt, das auch in der Groteske 
seiner Humore ein Land der unbegrenzten 


Berlin: „Ach, diese ewigen Stadtbahnschmerzen ! . 

Zeichnung von Ernst Stern. 

Möglichkeiten ist. Wer je ein amerikanisches 
Witzblatt in die Hand nahm, weiß, welch tolle 
Purzelbäume der Zeichnerwitz Amerikas zu 
schlagen weiß. Es ist das System der äußersten 
Übertreibung. Auch Feininger hat diesem Genre 
in den ersten Jahren gehuldigt. Dann war es 
eine Freude zu sehen, wie das Künstlerische in 
ihm wuchs und wie er als echter Humorist bei 
Menschen und Dingen zumeist nur 
noch die wirklich komischen und 
den Spott herausfordernden Einzel¬ 
heiten sah. Zum Feierlichen neigte 
Aber wenn es 


Nachtquartier. Zeichnung von Hermann Abeking. 

„In diesem Hotel war, als ich ankam, nicht ein Zimmer frei, und wissen Sie, 
wo ich übernachtet habe? Auf dem Billard! Und wie ich am Morgen die Rechnung 
verlange, sagt der Kellner: Billardbenützung pro halbe Stunde 80 Heller, macht für 
10 Stunden 16 Kronen ! . .“ 


und neigt er nicht, 
doch einmal seiner Stimmung ent¬ 
spricht, dann erhalten die Blätter 
einen besonderen Zug ins allgemein 
Gültige und Große. Wo er porträ¬ 
tieren oder vielmehr Menschenge¬ 
sichter in seinem Hohlspiegel auf¬ 
fangen kann, ist er am frohesten 
und, was seines Amtes ist, erfrischend 
rücksichtslos. 

Ziemlich zur gleichen Zeit wie 
Feininger trat Fritz Gehrke dem 
„Ulk“ näher: ein politisch denkender 
Kopf, der seine Zeichnungen mit 
strenger Logik und mit scharfem 


















408 


Engel, Der „Ulk“. 


oppositionellem Trotz durchführt. 

Ihm schloß sich Paul Halke an ; 
flink, lustig, ein nie um drollige 
Mittel verlegener Spaßvogel, dem 
nicht so sehr der Zorn der Unzu¬ 
friedenheit den Stift führt, als die 
Lust, zu erheitern. Es stammen 
aber auch politische Blätter aus 
seiner Hand, die den Humor ernster, 
ja melancholischer Stimmungen 
wiederzugeben wissen. 

Auch der als Radierer bekannt 
gewordene dann plötzlich und frei¬ 
willig aus dem Leben geschiedene 
Josef Faragö hat dem „Ulk“ Zeich¬ 
nungen gegeben, die mit schnell 
fassendem Instinkt das Lächerliche 
der darzustellenden Personen auf- 
griffen und Wiedergaben, ohne der 
künstlerischen Wirkung Eintrag zu tun; immer 
aber fiel auf seinen Blättern die strenge Einfach¬ 
heit der Linie auf. Wie in früheren Jahren 
Arbeiten von Wilhelm Schulz, Edmund Edel 
und Vanselow, so werden in neuerer Zeit auch 


die fröhlich geschwungenen Kon¬ 
turen H. Wilkes (eines aus der viel¬ 
köpfigen Zeichnerfamilie) im „Ulk“ 
sichtbar, neben ihm der junge 
Hennan Abcking und der elegante 
Wiener Printz, dann mit gelegent¬ 
lichen Zeichnungen der romantische 
Schwarz-weiß-Künstler E. M. Lilien, 
der „Maler der Peripherie“ Hans 
Baluschek, der ihm geistesverwandte 
Zeichner der Vorstadt, Zille, des 
weiteren der drastische Erich Stern, 
die graziöse Käthe Münzer und 
andere. 

Es ist ein Zug der Zeit, daß 
die Schar der Künstler in diesem 
Maße wächst, und damit auch die 
Zahl der Bilder, die das Witzblatt 
schmücken. Schneller noch und 
bequemer als das Wort in Vers oder Prosa in¬ 
formiert das Bild, und unser Lesepublikum, das 
immer mehr ein Schaupublikum wird, kann gar 
nicht rasch genug informiert werden. Wir 
Textschreiber stehen neidlos zurück und mit so 



Der blinde Seher des Ulk. 
Zeichnung von 
Herrn. Scherenberg. 



„Die tote Hand“. Zeichnung von Fritz Gehrke. 

„Alles muß bluten für den Fiskus! Nur diese ewig habsüchtige Hand wird nicht abgeschlagen!“ 




































































Herbststimmung. Zeichnung von Paul Halke. 
„Sehe jeder, wie er’s treibe — 

Und wer steht, daß er nicht falle. . 


Zeitschrift für Bücherfreunde X. 


Zu Engel: Der „ Ulk' 




























Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 4®9 



viel Bescheidenheit, wie wir 
eben aufzubringen wissen, 
fügen wir uns den Zeichnern 
gegenüber in eine Rolle, ähn¬ 
lich der des Operndichters, 
der sein Werk dem Kompo¬ 
nisten überläßt und es im 
Verein mit dessen Namen in 
die Welt gehen sieht. Wir 
sind es, die die Ideen zu den 
Zeichnungen geben, und wir 
müssen sie uns aus allen Ge¬ 
bieten des öffentlichen Lebens, 
aus Politik, Gesellschaft, Kunst, 
Wissenschaft, Familie, und 
wenn es sein muß, aus den 



eignen Fingern saugen. Dann 
lassen wir sie in der Gestal¬ 
tung des Zeichners hinaus¬ 
flattern und lassen sie wirken 
— selbst bis in das Bureau 
des Staatsanwalts. Er ist 
zuletzt oft der einzige, der sich 
des „Urhebers“, des Redak¬ 
teurs, erinnert. Er sagt nicht, 
wie Oberbürgermeister Kirsch- 
ner: „ich kann warten“. Bald 
kommt der Moment, wo uns 
vor unserer Gottähnlichkeit 
bange wird und wo wir schwer 
empfinden, daß wir allzumal 
Sünder sind. . . . 



Paula Erbswurst im Wandel der Zeiten. 
Zeichnungen von Herrn. Scherenberg. 


Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe- 

Ausstellung zu Dresden. 

Von 

Oskar Loewenstein in Dresden. 


II. 


er Leiter der Fachklasse für Buchaus¬ 
stattung an der Kunstgewerbeschule 
in Elberfeld, % A. Loeber jun., hat sich 
auf eine ganz besondere Buchdeckelschmuck¬ 
weise versessen: auf die Technik der Batik. Die 
Batik wird wenigen unserer Leser selbst nur 
dem Namen nach bekannt sein. Es ist eine 
seit alten Zeiten auf Java geübte Technik, Web- 
stofife auf eigene Weise zu mustern. Auf den 
Stoff wird rechts und links das Muster mit er¬ 
wärmtem Harz aufgetragen, indem ein fein- 
Z. f. B. 1906/1907 


spitziges hohles Metallröhrchen mit der Masse 
gefüllt und aus freier Hand über den Stoff 
geführt wird, auf diesen also in feinen Linien 
das Muster abgebend. Nunmehr wird der Stoff 
auf beiden Seiten mit Wachs bedeckt, und nur 
die zum Färben bestimmte Stelle wird aus¬ 
gespart. Den so vorbereiteten Webstoff bringt 
man in die flüssige Farbe, die aber nur von 
den ausgesparten Stellen angenommen wird. 
Dann wird der Webstoff durch Auskochen vom 
Harz und Wachs befreit; und die Prozedur 

52 




































410 Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 





fiir ijnmor nml Satire. 

unlvr tHila'irtanj ilrr üft H If." von i':.•; f 


«r. 5. 

I. Jaljtiunifl. 


n.-r 

AK.nuriiirutnprrl» 
Ix-ti'M «inlfljilhrlKli 
für In nml AuoUml 

II H. Ä Kr i 
Kiiurlnr N’uimncro 


sö erlitt. 

1., ihni 1872. 


Liiever „Ulk“ 
«inchi'int Mittwochs. 
Sfiinmtl. Postaastaltc» 
'leg In- uiul Auslaodes 
sowie Buchbandlnngvu 
u. Z«itTiag8spc(liteiirv 
aehnuen Abonnements 
entgegen. 


Ursprünglicher Kopf des „Ulk“. (1872.) 
Zeichnung von Herrn. Scherenberg. 


wiederholt sich bei jeder folgenden Farbe. Der 
Zweck dieses „Batikens“ ist einmal die wunder¬ 
volle Farbenwirkung und zweitens die große 
Haltbarkeit der Farben, die fast unverwüstlich 
genannt werden kann. 

Natürlich bedarf diese javanische Kunst, 
wenn man sie auf die Stoffe des Bucheinbands 
übertragen will, einer entsprechenden Ummode¬ 
lung. Loeber wendet die Technik besonders 
bei Pergament gern an; nun ist die Tierhaut 
aber nicht immer geneigt, die Farben gut anzu¬ 
nehmen — Leder leichter, Pergament schwerer 
— und da behandelt sie Loeber zur Annahme 
der Farbentöne ebenso: er schützt diese Stellen 
durch das Aufzeichnen einer Wachsschicht. Die 
zur Verwendung kommenden Farben sind che¬ 
mische Beizen, die licht- und waschecht sind. 
Die Beseitigung der Wachsschicht wird jedenfalls 
durch Auswaschung erfolgen. Tatsächlich er¬ 
scheinen die Dessins weicher, doch ist es klar, 
daß hier ein ganz geübter Zeichner wirken 
muß. 

Loebers Batikbände, als farbige Bände be¬ 
trachtet, sind tadellos, aber die Technik ist nicht 
nach jedermanns Geschmack. Pergament hat 
an sich etwas Frostiges, was ihm zwar durch 
die feurigen Farben der Batikierung einigermaßen 
genommen wird, aber gerade der Pergament¬ 
band wird nie schöner wirken, als wenn er nur 
durch Gold dekoriert wird. Unsere ersten 
Pergamentbandkünstler (wie z. B. H. Anderson- 
Rom) wenden bei ihrer Ornamentierung nur 


Gold an, Farben gar nicht oder ganz selten. 
Was wir an den Entwürfen hauptsächlich tadeln, 
das sind die Dekorationssujets. Häuser, ganze 
Straßen usw. gehören nicht auf den Deckel, und 
wenn es sich zehnmal darum handelt, ein Buch 
wie „Alte holländische Städte“ in einen „passen- 



„Ich kann warten“. . . 

(10. Februar 1899.) 

Zeichnung von Paul Halke für den „Ulk“. 



















Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 4^ I 



Der Geburtstagskuchen. 

,Eene Rosine kannste Dir nehmen, faß’ aber keene Fliege.' . .“ 
Zeichnung von Heinrich Zille für den „Ulk“. 


den“ Einband zu bringen. Diese 
Häuserfront ist ja freilich meisterhaft 
gezeichnet und in der gedachten 
Technik wird der Effekt einer schönen 
Mosaik erzielt. Ein gelblicher Perga¬ 
mentdeckel mit Goldliniendruck und 
Pergamentstreifen, die zugleich die 
Schließen bilden und mehrfarbig und 
golden dekoriert sind, ist von einer 
anmutigen Farbenwirkung. Ein brau¬ 
ner Kalblederband in Batik dunkel¬ 
blau ornamentiert, läßt den tüchtigen 
Entwerfer erkennen. Die Deckel¬ 
einteilung — Dreiteilung — ist recht 
effektvoll, und die Füllung der Lücken 
durch Goldsternchen und Kreischen 
kommt dem hübschen Entwurf zu¬ 
gute. Es ist einleuchtend, daß die 
Ornamentierung zur Erzielung von 
Farbeneffekten eine völlig anders 
geartete sein muß als für Vergol¬ 
dungen, und insoweit es sich um 
ornamentales Dekor handelt, wird 
Loeber den Anforderungen gerecht. 

Sagt uns die ganze Tecknik in An¬ 
wendung auf den Bucheinband auch 
nicht recht zu, so muß man doch 
zugeben, daß Loebers Entwürfe (von 
den Sujetbedenken abgesehen) seiner Technik 



Kürschner, der Unbestätigte. 

„Sie wünschen?“ 

„Ick soll Ihnen helfen — ick bin Wartefrau.“ 
Zeichnung von Paul Haike für den „Ulk“. 


wohl angepaßt sind. Übrigens erscheint uns 
die letztere wesentlich günstiger bei andern Buch¬ 
binderarbeiten. Mehrere Schreibmappen und 
Schreibunterlagen in gutem Dekor lassen dies 
erkennen und sprechen für den Künstler. 

Die beim Bucheinband mehr und mehr in 
Verfall geratende Technik des Lederschnitts 
übt Heinrich Pralle in Hamburg flott weiter. 
Er kultiviert damit ein undankbares Gebiet, 
denn es ist immer undankbar, etwas zu fertigen, 
was der Mode entrückt ist. Pralle ist ein vor¬ 
züglicher Lederschneider; er hascht nicht nach 
Effekten und verschmäht es, zu blenden; seine 
Entwürfe sind wohldurchdacht, aber sie er¬ 
greifen nicht. In einem Bande „Andersens Mär¬ 
chen“ bringt er drei Figuren, unter ihnen den 
Erzähler Andersen bei trefflicher Porträttreue 
in guter Plastik zur Darstellung. Durch Beizung 
erzielt er feine Licht- und Schattenwirkungen, 
die Kontraste weiß er zu heben durch scharfen 
Schnitt und Hochtreiben, wie durch schwächere 
Kontur- und Markierungslinien. Ein anderer 
Band des gleichen Inhalts ist ebenfalls mit dem 

















































412 


Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 



Der alte Kämpfer. (Zum Tode Eugen Richters.) 

„Ach, da sehe ich ja gute alte Feinde! Ich bitte ums Wort! . .“ 
Zeichnung von L. Feininger für den „Ulk“. 


Porträt des Märchen¬ 
erzählers geziert und 
wie jener in Leder ge¬ 
schnitten. Hier läßt der 
Künstler auch die Tiere, 
die in den Märchen eine 
tragende Rolle spielen, 
auf dem Einbande 
plastisch hervortretend 
erscheinen; durch viel¬ 
farbige Beizen unter¬ 
stützt er Plastik und 
Gesamtwirkung. 

Ein vorzüglicher 
Vergolder ist Wilhelm 
RaiLch in Hamburg. 

Wieviel von den schö¬ 
nen Entwürfen auf sein 
Konto kommen, konn¬ 
ten wir nicht feststellen; 
ein Teil derselben zeigt 
das Signum Th. Th. 

Heines. Auch Rauch 
trägt der Wiederein¬ 
bürgerung der Perga¬ 
mentbände Rechnung. 

Ein solcher mit reichem 
Goldlinien- und Blätter¬ 
dekor zeugt von Ge¬ 
schmack. Hellgrüne 
Bordüren-Auflage und 
juchtenrote Lederauf¬ 
lagen von Eckstücken 
tragen das ihre zu 
einem trefflichen 
Schmuckeffekt bei; nur 
sollte das Grün etwas 
dezenter sein. Der 
schon seit einigen Jahren bekannte Band Mühl¬ 
brecht, „Bücherliebhaberei“, in dunkelgrünen 
Lederecrase mit einem reichen Efeuranken- 
Dekor, roten und weißen Lederauflagen und 
Liniengolddruck hat noch nichts von seinem 
Reiz eingebüßt. Er ist flott und edel und vom 
Künstler herrlich ausgeführt. Der Band ist auch 
mit einem ziselierten Goldschnitt geschmückt. 
Andere Bände desselben Künstlers verdienen 
gleichfalls volle Anerkennung, so Hermann Bahr, 
„Sezession“ (Entwurf von Heine) in olivfarbenem 
Maroquin mit flotter Linienvergoldung usw. 

Unsere technische Musteranstalt, die Reichs¬ 


druckerei in Berlin, die dem Bücherfreund eine 
wahre Schatzgrube an typographischen Kunst¬ 
werken ist, liefert auch in Bucheinbänden mit 
künstlerischem Schmuck viel Schönes und Außer¬ 
gewöhnliches. Ihr gegenüber ist die Klage 
der Buchbinder sehr berechtigt, daß bei ihren 
Arbeiten der Name des Entwerfers nur dann 
genannt wird, wenn es ein Künstler von Beruf ist, 
ein Maler, Architekt, Kunstgewerbeprofessor, 
nicht aber, wenn es ein Buchbinder ist. Da¬ 
durch wird der Glauben großgezogen, wir besäßen 
keine entwerfenden Fachkünstler, die würdig 
wären, für ein künstlerisch so Hervorragendes 





























Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 4^3 


•Br. 53 unb 54 beö „UL Mi”. 

j 

^ 3) a s neue I) ft u 8. ^ 



^6 ber püfifjäuter t>« iuol)f (jinctit fldit? 


Bismarck und die Zivilehe. Hinter dem Gatter Lasker und Rickert. 
Aus der Kulturkampfzeit. 

Zeichnung von Herrn. Scherenberg für den „Ulk“. 


leistendes Musterinstitut zu entwerfen. Tatsäch¬ 
lich aber sind viele bedeutende Werke der 
Reichsoffizin unter hoher Anerkennung der Ent¬ 
würfe von fachlichen Künstlern komponiert. 

Die von der Reichsdruckerei ausgestellten 
Werke waren uns sämtlich bereits bekannt; sie 
sind nicht für diese Ausstellung geschaffen und 
schon mehrere Jahre alt. Bei dem raschen 
Wechsel in der modernen Buchdecken-Zierweise, 
der auf dieser Ausstellung besonders stark her¬ 
vortritt, geben die Vorlagen dieser Offizin 


kein getreues Bild vom 
heutigen Stande des 
Buchdeckenschmucks. 
Dennoch bietet eine Be¬ 
trachtung der herrlichen 
Bände immer wieder 
einen hohen Genuß. In 
der technischen Aus¬ 
führung von höchster 
Vollkommenheit, zeugen 
auch die dekorativen 
Entwürfe von künstleri¬ 
scher Eingebung, womit 
nicht gesagt sein soll, 
daß sie alle auch unserm 
Geschmack entsprechen. 
Was zur Zeit des ersten 
Auftauchens der Jugend¬ 
richtung im derzeitigen 
Geiste geschaffen wor¬ 
den, wurde damals wohl 
schön gefunden; jetzt, 
nach der Läuterung, sind 
die Ansichten über das 
„schön“ sehr geteilt. Bei 
andern Stilen ist das we¬ 
niger der Fall, weil man 
sich da besser in die Zeit 
und die Stilperioden zu¬ 
rückversetzenkann, denn 
der Stil existierte, der 
moderne aber ist noch 
im Werden, in der Ent¬ 
wicklung, in der Aus¬ 
bildung. — Hier finden 
wir eine Mappe aus der 
Sammlung der Kaiserin 
Friedrich in dunkel¬ 
blauem Ecraseleder mit 
prächtiger Handvergol¬ 
dung und Ledereinlagen in weiß und andern 
Farben. Der wundervolle Entwurf rührt von 
Prof. H. E. von Berlepsch-Valendas her. „Die 
Bücher der Chronika der drei Schwestern“ 
sind in ihrem Entwürfe von Joseph Urban nicht 
sehr schön, die Ausführung hingegen in grün¬ 
blauem Saffian mit Handvergoldung und Leder¬ 
auflagen ist vorzüglich. Eine Graukalbleder¬ 
decke mit gelbem Riemengeflecht, Blinddekor 
und Metallbeschlägen hat den verstorbenen 
Otto Eckmann zum Entwerfer. „Druckschriften 
































































































414 


I.oewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstelluny zu Dresden. 


des XV.—XVIII. Jahrhunderts“ in silbergrauem 
Ecraseleder mit Lederauflagen und Handver¬ 
goldung, sowie den Band „Die Nibelunge“ 
in dunkelblauem Ecrase mit reicher Handvererol- 
düng und Lederauflagen hat Joseph Sattler sehr 
schön entworfen. Sattler hat auch für ein 
anderes Exemplar des gleichen Werkes in Perga¬ 
ment mit Lederauflagen den Entwurf geliefert 
Ungenannt blieb der Zeichner des Pergament¬ 
bandes mit Lederauflagen und Handvergoldung: 
„Kaiser Wilhelm II. Reisen nach Norwegen 1889— 
1890“. Die Bandverschlingungen des sonst schön 
entworfenen Dekors sind etwas antiquiert. Zwei 
Entwürfe für verschiedenartige Ausstattung lie¬ 
ferte Otto Eckmann zu dem Werke „Italienische 
Porträtskulpturen“; die eine Ausführung zeigt auf 

grauem Kalb¬ 
leder mit ver¬ 
tieftem vierecki¬ 
gem Mittelstück 
Hand Vergol¬ 
dung, Lederauf¬ 
lagen und Far¬ 
bendruck, das 
andere Exem¬ 
plarist in weißes 
Kalbleder ee- 



Frommhold 
Zuverlässig. 
Zeichnung von 
L. Fcininger 
für den „Ulk". 



Krefeld ejr Frühjlingsgedanken. 

„Sieh doch, Elli, das erste Veilchen!" 

„Ach, Quatsch! Da kriegen wir endlich die versprochenen Tanzhusaren, und nun 
ist der dumme Frühling da!“ 

Zeichnung vou Käthe Münzer für den „Ulk“. 


bunden und mit Handvergoldung, 
etwas Lederauflage und Farben¬ 
druck versehen. Den gleichen Ent¬ 
werfer hat auch das Werk „Deut¬ 
sche und italienische Inkunabeln“ in 
dunkelblauem Kalbleder mit reichen 
Lederauflagen und I landvergol- 
dung. Schließlich sei noch Joseph 
Sattlers Entwurf zu „Peter Flötner“ 
verzeichnet, der sehr geschmack¬ 
voll ist und dessen Ausführung in 
blauem Kalbleder mit reicher Hand¬ 
vergoldung im Renaissance-Cha¬ 
rakter peinlich sauber und exakt 
geschah. Die Reichsdruckerei, die 
bei ihren Mitteln nicht zu fragen 
braucht, wieviel eine Arbeit kostet, kann sich 
den Luxus erster Entwerfer, erster Vergolder 
und unbeschränkter Zeit, die auf eine Arbeit 
verwendet werden darf, schon gestatten. Daher 
ist es denn erklärlich, aber auch erfreulich, daß 
nur das Prächtigste geschaffen wird. 

An Reichhaltigkeit und Gediegenheit kommt 
Kersten und Hübel & Denck am nächsten Carl 
Schnitze, Kunstgewerbliche Werkstatt für Buch¬ 
binderei in Düsseldorf. In der Hauptsache hat 
Schultze Handvergoldungen in Begleitung von 
Lederauflagen vorgeführt, doch fehlt 
es auch nicht an Bänden, bei denen 
die Lederauflage als Haupttechnik auf- 
tritt, und vereinzelt ist auch der Leder¬ 
schnitt vertreten. Eine recht gute 
Wirkung erzielt der Künstler mit „L’art 
dans la Decoration interieure“, einem 
Quartband in grauem Maroquin mit 
reicher Handvergoldung und Leder¬ 
auflagen. Unter einer ganzen Reihe 
schöner Halblederbänden wollen wir 
als recht effektvoll hervorheben ein 
Maiglöckchen - Dekor (Schopenhauer), 
eine Schneeglöckchen - Verzierung 
(Lange, „Künstlerische Erziehung“) 
und einen Obelisk-Entwurf (Schiller), in¬ 
dessen sind auch die andern fein ab¬ 
gestimmt in der Vereinigung hübscher 
Phantasiepapiere, der leicht hingewor¬ 
fenen Vergoldungen und der Lederauf¬ 
lagen. Von vorzüglichem Effekt ist 
ein weißer Pergamentband mit Hand¬ 
vergoldung (Wille, „Einsiedelkunst“). 
Der Band ist mit einem stimmungs- 
















Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 4*5 


vollen Sujet, einer verästelten Baumgruppe, 
deren Laub prächtig gedruckt ist, dekoriert 
Der Lederschnittband C. H. Stratz, „Die Rassen¬ 
schönheit des Weibes“, ist in seiner vielfarbigen 
Beizung und bei einer vorzüglichen Modellierung 
von bedeutender Wirkung; nur hätte für den 
Bezugsstoff ein milderes Gelb gewählt werden 
sollen, überdies ist die karrierte Bordüre nicht 
nach unserm Geschmack. Die Plastik ist bei der 
weiblichen Figur, ungeachtet einer nur mäßigen 
Treibarbeit, doch ziemlich stark; die Körper¬ 
formen erscheinen schön, weich und lieblich, die 
Konturierungen durch Markierungen mittelst des 
Falzbeins tragen nicht wenig zu der erzielten 
Plastik bei. Der Band „Memoires de Barthe- 
lemy“ in rotbraunem Maroquin erzielt trotz 
des etwas zusammengewürfelten Stils (Maioli — 
Le Gascon — Eve — Grolier — italienische 
Renaissance) eine recht gute Wirkung. Der 
Charakter der englischen Bände- 
Dekoration wohnt dem Werke „Ex¬ 
position Meissonnier“ bei. Die 
Schmuckweise ist auf die reiche 
Bordüre beschränkt, den Fond ziert 
nur das Monogramm E. M., und 
dadurch wird bei der großen freien 
Fläche das herrliche Ecraseleder 
prachtvoll zur Geltung gebracht. 

Ein noch junger Künstler ist 
Franz Weiße, Kunstbuchbinder und 
Assistent an der Handwerker- und 
Kunstgewerbeschule in Elberfeld. 

Er liefert schon jetzt Hochbeachtens¬ 
wertes und haben wir von ihm wohl 
noch schönes zu erwarten. Auch 
er entwirft selbst und hat nur eigen 
Entworfenes ausgeführt. Vortreff¬ 
lich ist sein Ruskin, „Menschen 
untereinander“, entworfen und aus¬ 
geführt: in reichem Handgolddruck 
auf weißem Schweinsleder. Gleich¬ 
falls weißes Schweinsleder mit Ver¬ 
goldung zeigt Bierbaums „Irrgarten 
der Liebe“, doch ist dies Dekor 
durch Dreiecke und sonstige geo¬ 
metrische Figuren in häufiger 
Wiederholung zu steif und unkünst¬ 
lerisch, trotzdem es Mode ist. Eine 
vorzügliche Arbeit in Vergoldung und 
Lederauflage liegt in Jean Loubier, 

„Der Bucheinband“, vor. Die ganze 


Anlage des Entwurfs, Blütenstiele etlicher Phan¬ 
tasieblumen durch Goldlinien dargestellt, die 
Blüten in Lederauflage, bilden das hübsch 
angeordnete Hauptdekor; darüber tritt in klarer 
Schrift der Buchtitel heraus, darunter befindet 
sich eine Fußleiste mit Lederauflage. Auch die 
Behandlung des schönen Ecrase muß anerkannt 
werden. „Naturprodukt und Kunstprodukt“ von 
Ludwig Volkmann ist vollständig in Kersten- 
schem Geiste gehalten, doch ohne Anlehnung; 
der ganze Typ ist Kerstenscher Art, und dieser 
Typ hat Schule gemacht. Das rehbraune Ecrase¬ 
leder ist durch gerade und gebogene Linien 
überreich ornamentiert; die hierdurch gebildeten 
Ornamentfiguren sind recht hübsch und greifen 
interessant ineinander zu netten ornamentlichen 
Gestaltungen; Kreischen und Pünktchen füllen 
die Lücken und unterstützen die Wirkung. 

Hatten wir es bisher bei den Ausstellern, 


„Anbetung.“ Frei nach Stephan Sinding. 
Zeichnung von Lyonei Fein in ger für den „Ulk“. 
















4i 6 


Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellun“ zu Dresden. 


%i. 13 „t/rü*. 

Hins für eine |)ernidic 

foff der üeidislianjl’cr noch feiner (ßenefunn trauen? 



Ärinr JAIIongr! ^inlri (id) lurit 
;faR’ rr jrbr CJriniirrung an |otd)r Bril. 



$u militair-fromm tf) aud) nidjt gut, 
tötril bas brm fanb ju uirl koftrn tRut. 



Aud) bir|r orrmriör rr jrbrnfaUe 

mit ffiolTn hrinrn ß o p f uon „ b u n n r mo l» “ 



£rüg’ rr Rr fo gentlemaulike, 

^üm' bas „ffioil“ auf grünrn ,Bn>rig. 



Aud) fo rinr inud)tr uns krinrn Sd)rrj 
Oae tinur i|t gtult, ubrr ftad)lid) bue fjrrj 


DÜ 



£)if Uadtmrlt rinft frin ;fjaig>l rrblidrt, 
jDrn jt'orbrrrkrunj barauf gebrücht. 


Zeichnungen von Hermann Scherenberg für den „Ulk“. 


die nicht eigene Entwürfe ausführten, zu tun 
mit Buchbindern, die die Entwürfe sich hatten 
zeichnen lassen, so haben wir es bei dem 
nächsten Aussteller gegenteilig zu tun mit dem 
entwerfenden Künstler, der seine Entwürfe von 
Buchbindern hat ausführen lassen. Es ist dies 
Fritz Hcllmut Ehmcke in Düsseldorf. Ehmcke 
ist hier durch ein Bücherzimmer vertreten, aus 
dem für uns die Vorsatzpapiere und Buch¬ 
einbände von Interesse sind. Was erstere betrifft, 
so sind sie wenig von Belang; die Vorsätze in 
Linoleumpapieren machen keinen freundlichen 
Eindruck; als Einbandmaterial sind sie noch 
weniger von Reiz, ja manche entbehren gründ¬ 
lich eines guten Geschmacks. Etliche Bände mit 


Stickerei auf Kanevas, ausgeführt von Klara 
Moeller-Koburg (wohl die Gattin des Ausstellers) 
sowie mit Stickerei auf Leder, Bände in Seiden¬ 
stickerei, recht hübsch im Dessin, sind ihrer Rich¬ 
tung wegen zu verwerfen. Seidenfäden vermögen 
einer Strapazur, wie solche einem Buche zuteil 
wird, schwerlich Widerstand zu bieten. Ein 
Schweinslederband mit einer Prunkstempel-Or- 
namentierung, ausgeführt von C. Böttger, erzielt 
einen recht hübschen Effekt, ebenso ein von 
demselben ausgeführter Kalblederband mit Gold- 
und Blinddruck (C.-M.-C. 1903). Ein mausgrauer 
Kalblederband mit Blinddruck und Reliefarbeit, 
von C.Schultze ausgeführt, ist von guter Wirkung, 
recht nett auch ein lila Saffianband mit Golddruck, 




























Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 4^7 



Die Eine geht — und Drei kommen! 
Zeichnung von Ludwig Manzel für den „Ulk" 


ausgeführt von C. Böttger. Ein Band mit Perlen¬ 
stickerei auf schwarzem Samt von Klara Moeller, 
ausgeführt von der Frauen-Handarbeitsschule 
München, bringt uns die Niedlichkeiten aus 
Großvater^ Zeiten in Erinnerung. Es sind das mehr 
weibliche Handarbeiten als buchbinderische Ob¬ 
jekte, dennoch erzielen Entwurf und Ausführung 
gemeinsam einen ganz leidlichen Effekt. Zwei 
Bände in Batiktechnik, einer auf Seide, einer 
auf Leder, sind recht hübsch in der Wirkung, 
der letztere mehr als der erstere. Auch den 
Schablonendruck (Pfau) finden wir auf einem 
olivgrünen Seideneinbandausgeführt; wir können 
uns mit dieser Technik aber nicht befreunden, 
es geht ihr das Künstlerische ab. Ganz gut 
wirkt ein von G. H. E. Ludwig ausgeführter 
Wildlederband mit Gold- und Schwarzdruck. 
Ein weißer Kalblederband mit Golddruck (Par- 
zival) ist bei aller Einfachheit des Entwurfs mit 
der hübscheste der ganzen Ehmckeschen Aus¬ 
stellung. 

Ein anderer Künstler, Paul Dobert in Magde¬ 
burg, stellt von Walter Buhtz, Buchbinderei in 
z. f. B. 1906/1907. 


Magdeburg, ausgeführte Bucheinbände, Schreib¬ 
mappen usw. aus; sie weisen auf Maroquin, 
Schweinsleder, Wildleder, Pergament, Plüsch 
und Leinwand ziemlich dürftige Dekors auf. 

Auch die in der Abteilung Leipziger Buch¬ 
gewerbekünstler von Walter Tiemann in Leip¬ 
zig ausgestellten Bucheinbände sind interesselos. 
Die in derselben Abteilung von Professor Franz 
Hein ausgestellten Vorsatzpapiere sind hyper¬ 
modern; der Vorsatz „Teuerdank“ beispielsweise 
ist nach dem Rezept zubereitet, mehr erraten zu 
lassen, als zu sagen. Man muß schon eine ganze 
Weile suchen, ehe man das Motiv: schwarze 
Schwäne, herausfindet. 

Professor Peter Behrens in Düsseldorf hat 
seinen Raum mit einer großen Anzahl an den 
Wänden hängender Rahmen angefüllt, Vorsatz¬ 
papiere nach Art der Marmorphantasiepapiere 
enthaltend, die zuerst in Dänemark von Anker 
Kyster und in Deutschland von Paul Kersten ein¬ 
geführt wurden. Durch Tupfen, Ziehen, Drehen, 
Streichen usw. werden allerlei Figuren in den 
Marmor gebracht, die oft reizvolle Effekte 

53 


















































































41 8 Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 


erzielen. Hier gefallen uns am besten einige 
Dessins floralen Charakters, eines die Klette 
darstellend, ein anderes ein Haselnußmuster und 
ein Muster mit pflaumenähnlichem Gebilde. Die 
Entwürfe stammen von der Gattin des Künstlers, 
Frau Lilly Behrens, die auch gegen ein Dutzend 
Bücher, in derartige Papiere gebunden, auslegt. 
Schon an anderer Stelle bemerkten wir, daß uns 
solche Papiere als Vorsätze recht gut Zusagen, 
daß sie uns als Buchbezugsstoffe jedoch nicht 
behagen wollen. Bei einer Dekorierung der¬ 
artiger Bände wird durch das dessinierte Papier 
die Aufmerksamkeit von der Vergoldung allzu 
sehr abgelenkt. 

Hier und da finden wir noch einzelne neu¬ 
zeitliche Objekte, die kurz herangezogen sein 
mögen. So in der Sakristei eine Bibel in 
braunrotem Maroquin, entworfen von Grete 
Kühn, von Hofbuchbinder Richard Oesterreich 
in Dresden ausgeführt. Sie bricht mit der Ge¬ 
wohnheit streng ernster Ausstattung religiöser 
Bücher, die außer Kreuz, Kelch, Schrift und 
biblischen Darstellungen keinen Dekor kennen. 
Hier liegt eine pflanzliche Ornamentation in 
Handvergoldung vor, während Messingkanten, 
Messingecken und ebensolche Schließen den 
Schutz gegen vorzeitige Abnutzung bieten. 

Noch stärker tritt das Brechen mit jener 
Gewohnheit hervor bei einer Reihe evangelischer 
Gesangbücher in Leinen und Leder mit Ver¬ 
goldung. Diese sind von 
Otto Hupp in Schleißheim 
nach Angaben von Pro¬ 
fessor Dr. Joh. Ficker in 
Straßburg entworfen und von 
I. B. Schmidt in Mainz aus¬ 
geführt. Die Entwürfe sind 
weder schön, noch nach 
kunsthandwerklicher Rich¬ 
tung hin interessant. Das 
von Otto Hupp dafür ge¬ 
zeichnete Vorsatzpapier ist 
direkt geschmacklos und 
widerspricht jedem Gefühl 
für eine ernste Ausstattung 
kirchlicher Bände. Dagegen 
hat Hupp eine Bibel in ge¬ 
schnittenem Leder gezeich¬ 
net, die dem Besitze des Frei¬ 
herrn von Heyl zu Herrns¬ 
heim entnommen ist und 


bei deren Dekoration der Künstler auf die Zier¬ 
weise der alten kursächsischen Bände zurück¬ 
greift. Auf dem Deckel befinden sich in Le¬ 
der geschnitten und getrieben Christus am 
Kreuz, die Wappen des Heylschen Hauses und 
eine größere Zahl Lederschnitt-Inschriften, wie 
I. N. R. I. — C. H. v. H. - - LABOREMUS - 
BIBLIA SACRA; die ziemlich flach gehaltenen 
getriebenen Ornamente treten gut heraus, ge¬ 
hoben durch Eckbeschlag und Schließen. 

Die Bremer Abteilung hat ein Quart-Gäste¬ 
buch ausgelegt, das in grauem P 2 craseleder 
reiche Ornamentation durch I Iandvergoldung 
auf dem Vorder- und Hinterdeckel trägt. Von 
Ernst Müller-Scheessel in Bremen etwas bunt, 
aber gut wirkend entworfen, ist das Gästebuch 
von Martin Lehmann ebenda sauber ausgeführt. 

Wohl das luxuriöseste Stück der Ausstellung 
ist das Goldene Buch der Stadt Dresden. Es 
ist von Professor Otto Gussmann in Dresden- 
Blasewitz entworfen, die ausführende Kraft ist 
ungenannt geblieben. Ein weißer stumpfer Leder¬ 
band mit Gold- oder Goldbronzebeschlag ist mit 
zahlreichen Lapislazulisteinen besetzt; an den 
Ecken sind deren vier große angebracht und 
rundum 68 kleinere. In dem Basrelief des 
Fonds hat eine weibliche Fägur Platz gefunden, 
deren Gewand über und über mit ganz kleinen 
Lapislazuliperlen besetzt ist. Die Eigenart er¬ 
gibt sich schon aus dem Gesagten; an Prunk 



Eine englandfreundliche Familie. 
Zeichnung von Ludwig Manzel für den „Ulk". 












Loeivenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 4*9 


überbietet der Band wohl noch die alten Edel¬ 
steinbände. 

In dem Berliner Raum 183 hat Architekt 
William Müller einige sehr gut ausgeführte 
Lederschnitte auf marmoriertem Leder aus¬ 
gestellt; sie haben aller Wahrscheinlichkeit nach 
W. Collin in Berlin zum Verfertiger. 

Lassen wir das ausgestellte Material in seiner 
Gesamtheit noch einmal an uns vorüberziehen, 
so müssen wir uns freuen über die Liebe, die 
unsere Ahnen dem Bucheinband haben zuteil 
werden lassen. Da waren die kostbarsten Be¬ 
zugsstoffe und teuersten und edelsten Zutaten 
wie Gold, Silber, Edelsteine nicht zu schade, 
die mühevollste Behandlung und Bearbeitung 
nicht zu zeitraubend: man würdigte eben den 
Einband damals mehr als heute, und die Biblio¬ 
philie beschränkte sich nicht auf den Druck 
allein, auch die schützende Hülle für den 
wertvollen Inhalt wurde hoch eingeschätzt. 
So rühmen wir noch heute das lebhafte Inter¬ 
esse für kostbare Bände bei den sächsischen 
Kurfürsten Friedrich dem Weisen (i486—1525), 
bei August III. (1696—1763), des letzteren 
Minister Grafen Brühl (1700—1763); bei Al- 
brecht V. von Bayern (1528—1579); wir kennen 



Schreck bei der N euj ah r s b o w 1 e. 

Bernhard: „Port Arthur übergibt sich. Dann halte ich es 
für einen Akt wohlwollender Neutralität, daß ich es auch tue . . 
Zeichnung von Lyonei Feininger für den „Ulk“. 



Der Dreibund. 

Zeichnung von Lyonei Feininger für den „Ulk“. 


die für Anna von Österreich, der Mutter 
Louis XIV. (1601 —1666), herrlich gebundenen 
Werke, und wissen die hohe Würdigung zu 
schätzen, die Matthias Corvinus dem Buche und 
seinem Einbande angedeihen ließ. Andere Große, 
die dem künstlerischen Bucheinband zu einer 
würdigen Stellung verhalten, waren die fran¬ 
zösischen Könige Franzi. (1494—1547), Hein¬ 
rich II. (1547—1559) und Ludwig XVIII. (1755 
bis 1824). Bekannt als hervorragende Einband¬ 
liebhaber sind ferner Eugen von Savoyen 
(1663—1736), Kardinal Mazarin (1602—1661), 
und der mit feinstem Geschmack und Schön¬ 
heitssinn für den Bucheinband und selbst mit 


























420 Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 



Mein System. Fünfzehn Minuten täglicher Arbeit für die Gesundheit des Volkes. 

Frei nach Zeichnungen von Dorph zu „Müllers Übungen“ von Josef Faragö für den „Ulk“, 
i. Ffänderingend rufe ich alle zum Kampf gegen die Sozialdemokratie. — 2. Nur so kann die Regierung ihr Gleichgewicht bewahren. — 3. Ich 
will den Boden der Verfassung nicht verlassen. — 4. Aber die inneren Krisen werde ich mit gepanzerter Faust abwehren. — 5. An meinen 
Freunden, den Agrariern, soll sich keiner vergreifen. — 6. Wenn mir jemand von Fleischnot redet, fall' ich auf den Rücken. — 7. Mit voller 
Wucht werfe ich mich den sozialistischen Forderungen entgegen. — 8. Freilich, wenn mich das Zentrum nicht stützte, läge ich längst auf der 
Nase. — 9. Manchmal macht mich auch ein Vorstoß der Orthodoxie betreten — 10. und ich muß sie mir drei Schritte vom Leibe halten. — 
11. Gern aber versöhn’ ich mich wieder mit ihr — 12. und schwöre ihr bei meinen Lenden Treu und Gehorsam. — 13. Die Freisinnigen können 
mir den Buckel lang rutschen. — 14. Was mir die Freisinnigen raten, habe ich mir an den Sohlen abgelaufen. — 15. Desto sorgfältiger neige 
ich der Rechten mein Ohr. — 16. Aber nach außen hin werfe ich mich kühn in die Brust — 17. und wahre meinen Platz an der Sonne. 


zeichnerisch entwerfendem Talent ausgestattete 
Jean Grolier Vicomte d’Agnisi (1478—1565). 

Bei uns in Deutschland wurde die Einband¬ 
liebhaberei nicht unwesentlich gefördert durch 
Lucas Cranach und Hans Holbein, die es nicht 
verschmähten, auch Zeichnungen für Buchein¬ 
bände zu schaffen. 

Sehen wir uns die alten Bände vergleichend 
mit den neuzeitigen Schöpfungen auf diesem 
Gebiete an, so können wir kühn das Haupt 
erheben und sagen: auch heut wird eine herrliche 
Einbandkunst geübt. Zwar verwenden wir nicht 
mehr so kostbare Edelstofife und bringen nicht 
mehr ganze Kapitel der biblischen Geschichte 
auf dem Deckel an, zwar prunken unsere Bände 
nicht mehr durch das Übermaß an Ornamentik, 
durch solche Fülle an Gold und leuchtenden 
Farben: wir dekorieren in der Erkenntnis, daß 
sich mit einem Wenig an Mitteln ein Viel an 
Wirkung erzielen läßt. Das soll keine Herab¬ 
würdigung der alten Bände sein; es arbeitet nur 


jede Zeit im Geiste und Geschmack der Leben¬ 
den. Wollten wir heute ein Werk in Art jener 
alten Bände binden, so würde man es absurd 
finden. Wir dürfen aber auch die heutigen 
Einbandschöpfungen schon um deswegen höher 
bewerten, als zwischen der alten und neuen 
Zeit eine lange Periode des Niedergangs liegt, 
der Geist des Materialismus heut verbreiteter ist 
und wir in einer Epoche des um die Existenz 
ringenden Hastens und Drängens leben. 

Es springt in die Augen, daß bei den De¬ 
korations-Entwürfen sich eine freiere Entfaltung 
in den Kompositionen konstatieren läßt. Der 
größere Teil derselben ist von Akademikern 
ausgeführt, der kleinere vom buchbinderischen 
Fachmann selbst. Man kann nicht sagen, die 
eine Gattung sei schöner und kunstgerechter 
als die andere. Wohl aber kann man die 
Behauptung aufstellen, daß der Buchbinder 
Entwürfe liefert, die mit denen des Akademikers 
vollkommen in Wettbewerb treten können. Der 













































Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. \ 2 \ 


nächsten Zukunft muß es Vorbehalten bleiben, 
den Buchbinder in der Kunst des Zeichnens 
und Entwerfens so zu fördern, daß er später 
des nichtfachmännischen Künstlers entraten 
kann. 

Wer die große Zahl der ausgestellten Bände 
mehr als oberflächlich betrachtet hat, der wird 
es sich nicht versagen können, Reflexionen an¬ 
zustellen über den Wechsel in der Buchaus¬ 
stattung von heute gegen früher. Tritt dieser 
Wechsel beim Papier, beim Druck, beim Buch¬ 
schmuck auffallend hervor, so konnte er auch 
beim Bucheinbände nicht ausbleiben. 

Bezüglich der angewendeten Techniken fällt 
auf, daß der Lederschnitt, der unter den Kunst¬ 
techniken des letzten Jahrzehnts noch eine ge¬ 
wisse Rolle spielte, mehr und mehr verschwindet; 
auch die Lederauflage tritt mehr als Beiwerk 
denn als eigene Haupttechnik bei der Einband¬ 
dekoration auf. Wo das Hauptdokor Leder¬ 
auflage bei den ausgestellten Bänden ist, sind 
diese meist nicht jetzt geschaffen, sondern schon 
älteren Datums. Den Farbendruck findet man 
fast nur noch im Großbetriebe und zwar vielfach 
in Verbindung mit Prägung; der Handband hat 
sich seiner fast ganz entäußert. Und doch mag 
der Handbandkünstler die Farbenbeigabe nicht 
ganz missen; nicht nur als untergeordnetes Glied 
der Zierweise durch Lederauflage wendet er 
ihr noch seine Aufmerksamkeit zu, er bringt 
sie auch durch neue Techniken zur Geltung. 
Da sind es auf der Ausstellung zwei Dekorations¬ 
methoden, die Batik und das Schablonen-Dekor, 
die die Bände farbig dekorieren; beide Tech¬ 
niken nehmen aber keine hervorragend künst¬ 
lerische Stelle ein. Auch durch die dessinierten 
Kleistermarmor- und Phantasiepapiere wird der 
Farbenfreude Rechnung getragen. Neu ist 
ferner das Lederriemen- und Pergamentflecht¬ 
werk, das Durchziehen mit allerhand Stoffen 
und das Unterlegen durchbrochener Stoffe mit 
Seide usw. — neu freilich auch nur in gewissem 
Sinne, denn es ist eigentlich ein Wiederhervor- 
suchen einer schon vor langen Jahren ge¬ 
übten Praxis. 

Aber allen diesen Schmuckweisen wird 
kein langes Leben erblühen; sie tragen zwar 
zur Vervielfältigung der Zierweisen bei, haben 
aber den Keim des Todes schon in sich. 

Dagegen wird die Handvergoldung, diese 
vornehmste und künstlerischste Schmucktechnik, 


die zum Glück auch die meistgeübte ist, bestehen 
bleiben und keiner Modewandlung und Neu¬ 
erungssucht zum Opfer fallen; in ihrer Übung 
kann sich der wahre Fachkünstler auch wahr¬ 
haft künstlerisch betätigen. 

Von Materialien ist und bleibt das Leder 
das edelste, und wenn auch ihm die Mode neue 
Konkurrenten schafft, so wird es sich 
dieser erwehren. Neben dem Lederbande 
herrschte auch früher schon der Halblederband. 
Während beim ersteren aber Rücken iind Deckel 
verziert wurden, beschränkte sich das Dekor 
des letzteren auf den Rücken und das auf den 
Deckel herüberreichende Leder längs des 
Rückens; allenfalls brachte man noch ein paar 
kleine Goldlinien oder Blindlinien oder ein 
Stempelchen auf den Lederecken an. Der 
heutige Halblederband bricht mit diesem System 
und zwar je nach dem Bezugsstoffe. Schon 
das jetzt vielbeliebte Phantasiepapier trägt ein 
Dekor in sich selbst, aber auch Fein- und Grob¬ 
leinen reizen zu einem eigenen, meist farbigem 
Dekor. Pergament wird bei Halblederbänden 
selten angewendet, wohl aber treten häufiger 
Halbpergamentbände an die Stelle der Halb¬ 
lederbände, d. h. der Rücken ist Pergament, 
der Deckelbezug von einem andern Stoff. 
Sehr stark tritt in der jüngsten Zeit auch der 
Ganzpergamentband auf. Er hat seine Vor¬ 
züge, aber auch seine Schattenseiten: neben der 
schon genannten „Kälte“ die schlechte Bieg¬ 
samkeit und mangelhafte Schmiegsamkeit des 
Stoffes. Das Material läßt sich unbequemer 
bearbeiten als Leder, und jede Stärken¬ 
abweichung markiert sich unschön. 

Das Dekor der heutigen Bände sucht zu 
wirken durch die Bearbeitung des Einband¬ 
stoffes und durch eine bestimmte Verzierungs¬ 
richtung, in früherer Zeit hätte man gesagt: 
durch eine „Stilrichtung“. Davon aber kann heute 
nicht viel die Rede sein, da in einem „Stil“ nur 
dann noch dekoriert wird, wenn man Bände 
im Charakter vergangener Tage ausstatten will. 
Beim Dekor des Überzugsmaterials durch des¬ 
sen Bearbeitung kommen im wesentlichen in Be¬ 
tracht das Papier und das Leder. Dem Papier¬ 
stoff sucht der Buchbinder ein eigenartiges 
Gepräge zu geben, indem er dieses nach seinem 
individuellen Geschmack vorbereitet; er mar¬ 
moriert es selbst, erfindet neue sogenannte 
Kammzüge, tupft, benutzt Stäbchen, Stiftchen, den 




422 Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerhe-Ausstellung zu Dresden. 


Daumen, Schwämmchen, dreht und wendet das 
Papier und erhält dadurch abwechselungsreiche 
Phantasiedessins. Das Leder bearbeitet er durch 
Beizen und Färben und gestaltet es so zu vielartig 
abgetönten, oft recht stimmungsvollen Ader¬ 
marmors, bei denen teils diese Marmorierung 
als Selbstzweck auftritt, teils nur als Grundlage 
für das folgende Dekor. 

Unter der heute beliebten Mannigfaltigkeit 
der Deckendekorationskunst leidet die Eigen¬ 
art des Künstlers; es ist nicht mehr die Per¬ 
sönlichkeit desselben, die aus seinem Werke 
spricht. Daher geht ihm jetzt mehr das ab, 
was wir Stil nennen; er ist auf alle Stile ge- 
aicht, nur nicht auf den eigenen. Sprach man 
ehedem von einer Dekorationsweise im Stile 
Grolier, Maioli, Le Gascon, Eve, Harleigh usw., 
so kann man heute nur von einer Jugendrichtung, 
von einer Sezession, einer Moderne reden. Aber 
in diese Richtungen haben unsere Künstler 
wenigstens reiche Modulationen gebracht, so 
daß wir von einer floralen Verzierungsrichtung 
sprechen könnten, von Netz- und Rund- und 
Spitzbogen-Dekor, von einer ornamentalen 
Schmuck weise, von figürlicher Dekoration. Und 
jeder Künstler betätigt sich in allem; erscheint 
bei Schaffung eines neuen Werkes einer augen¬ 
blicklichen Eingebung zu folgen. Die Schatten¬ 
seite dessen ist, daß die Individualität des 
Künstlers ausgeschaltet wird, der Vorzug, 
daß das Kopieren von alten Werken auf hört 
und daß die technische Übung des Künstlers 
in allen Dekorationsrichtungen ihn zu einem 
Universal-Fachkünstler macht, der den Inten¬ 
tionen seines Auftraggebers allzeit gerecht 
werden kann. 

Der Wandel in der Ausstattung läßt sich 
auch beim Vorsatz beobachten. In den alten 
Werken, die uns zeigen, daß die früheren Jahr¬ 
hunderte ihre Bände mit marmorierten Papieren 
ausstatteten, die sich der Buchbinder selbst de¬ 
korierte, finden wir die gestrichenen, gezogenen 
Marmorpapiere, bei denen hellblau und rot vor¬ 
herrschend gewesen sind; namentlich begegnet 
man vielfach dem sogenannten Schneckenmar¬ 
mor, der auch in der englischen Buchbinderei 
Bürgerrecht hatte. Die deutsche Buchbinderei ist 
durch die Verhältnisse zu unausgesetztem Wechsel 
gekommen, als ihr vor hundert Jahren durch Be¬ 
gründung von Spezial-Buntpapierfabriken (die 
erste deutsche Buntpapierfabrik wurde 1810 in 


Aschaffenburg gegründet) die Arbeit desSelbst- 
marmorierens abgenommen wurde; es war ja 
so bequem, sich der fertig bezogenen Vorsatz¬ 
papiere zu bedienen, deren Musterungen sich 
ursprünglich eng an die handmarmorierten des 
Buchbinders anschlossen. Naturgemäß erwei¬ 
terten diese Fabriken das Gebiet ihrer Erzeug- 
nisse; der Markt verlangte Neues, und so sahen 
wir denn in den Vorsätzen aus dem letzten 
Jahrhundert eine Vielseitigkeit und Buntscheckig- 
keit, die auch noch unterstützt wurde durch 
die Spezialisierung in Massenbände und Einzel¬ 
bände. So konnte man besonders seit dem 
merkantilen Aufschwünge zu Beginn der sieb¬ 
ziger Jahre beim Stückbande und Kunstbande 
die verschiedenartigsten Vorsätze verfolgen, 
Kammschnittpapiere, Kleistermarmor, Ader¬ 
marmor, denen in weiteren Perioden folgten 
weiße Schreibstoff-Vorsätze und Glacepapiere, 
dann geprägte Papiere wie Moirepapier, bunte 
Phantasie- und goldgedruckte Brokatpapiere, die 
wieder einfarbigen weichen mußten, namentlich 
schwarzen und graphitfarbenen Vorsätzen. Eine 
Zeit hindurch war es auch Mode, Schnitt und 
Vorsatz in Übereinstimmung zu halten, beson¬ 
ders beim gewöhnlichen Kammschnitt und 
Pfauenmarmor; für Prachtbände und Kunstbände 
wendete man daneben auch Seidenrips- und 
Moire antique und selbst Ledervorsätze an. Von 
diesen letztgenannten abgesehen, haben sie nun 
alle den wieder selbst marmorierten Dessin¬ 
marmors und Phantasiepapieren buchbinderischer 
Eigendekoration beim Kunstbande Platz machen 
müssen. 

Der Buchschnitt trägt entschieden viel dazu 
bei, schon von vornherein für einen Band ein¬ 
zunehmen. Sein Entwicklungsgang ist rasch 
berichtet. Die „Alten“ zierten die Schnitte 
durch Färben. Rotschnitt, Blau-, Grün- und 
Gelbschnitt waren die üblichsten Farbschnitte. 
Kostbare Werke wurden auf dem Schnitte 
künstlerisch bemalt. Auch der Goldschnitt war 
schon zeitig in Aufnahme gekommen und dieser 
wurde bis in die neueste Zeit reich dekoriert 
durch Malereien und Ziselierung. Auf der 
Ausstellung fanden wir bei den älteren 
Bänden auch Farbschnitte mit feiner Punkt¬ 
ziselierung. Im letzten Jahrhundert herrschte 
zumeist der Marmorschnitt, dem für einfachere 
Werke Sprengschnitte (Kreide-, Kleie-, Säge¬ 
späne- usw. Schnitte) zur Seite standen. Am 



Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 4^3 


meisten geübt wurden die Kleistermarmors, die 
Kammschnitte und der Adermarmor, bei dem 
rote und blaue zarte Adern bevorzugt waren. 
Daneben übte für feine Werke immer wieder der 
Goldschnitt seine Macht aus. Das letzteViertel des 
XIX. Jahrhunderts brachte dann erneut den zise¬ 
lierten und gemalten Goldschnitt und den Farb- 
schnitt mit Dekor; es versündigte sich aber 
an der Schnittdekoration durch verschiedene 
mechanische Verfahren zum „Schmucke“ des 
Schnittes. Zuerst kam die Dekoration durch 
Klischeedruck (das sogenannte Grünesche Schnitt¬ 
verfahren); es war dies noch die verhältnismäßig 
anständigste Dekorations-Imitation auf mecha¬ 
nische Weise. Dann kam der Schmuck des „Ab¬ 
ziehmarmors“. Dieses Verfahren hat sich schon 
deshalb schwer eingebürgert, weil es zu oft ver¬ 
sagte. Der Farbenauftrag in umgekehrter 
Reihenfolge, wie die Farben auf dem Schnitte 
stehen sollen, geschieht maschinell auf einem 
gelatinierten Papier, das heißt zwischen Papier 
und Farben liegt eine lösliche Gelatineschicht. 
Dieses in Bogen gelieferte Papier wurde in 
Buchschnittgröße geschnitten; ein solcher Ab¬ 
schnitt wurde, mit der Papierseite nach oben, 
auf den Schnitt gelegt, und durch leises Be¬ 
tupfen mit einem in warmes Wasser getauchten 
Schwamm wurde die Gelatine abgelöst, das 
Papier vorsichtig abgezogen, und das Bild — 
Kammschnitt oder Phantasieschnitt — verblieb 
auf dem Schnitte. Das Verfahren entspricht 
ganz dem Metachromatypie-, dem Abzieh¬ 
bilder-Verfahren, das erst als Kinderspiel 
auftrat, dann sich aber auch die Gewerbe 
nutzbar machte. Das dritte mechanische 
Schmuckverfahren war die Marmorierrolle. Auf 
einem Streifen Gummi wurde der Adermarmor 
oder dergleichen vulkanisiert, der Streifen 
auf ein Walzengestell aufgezogen und mit 
der Walze, der auf einem Stempelkissen 
Parbe gegeben worden, das Dessin auf 
den Schnitt abgerollt. Für einen einiger¬ 
maßen guten Band sind alle diese Methoden 
nicht verwendbar gewesen. Wohl aber kam 
vorübergehend die Kombination von Gold- und 
Farbschnitt mit Marmorschnitt in Aufnahme; 
blätterte man im Buche, so kam der zweite 
Schnitt zu Gesicht. Auch dies hat sich nicht 
halten können, konnte natürlich auch nicht als 
künstlerisch angesehen werden. Heute finden 
wir den Marmorschnitt in seinen verschiedenen 


Varianten in Anwendung, den Goldschnitt, der 
für uns der edelste und schönste Schnitt ist, diesen 
in Verbindung mit Malerei und Ziselierung, fer¬ 
ner den ganz weiß gelassenen Schnitt, den 
geschnittenen, geglätteten und den rauhen Bart¬ 
schnitt (tranche ebarbee). 

Erwähnen wir noch das Kapitelband, das 
unsere Altvordern sich selbst fertigten und das 
später von der mechanischen Weberei be¬ 
zogen wurde. Mit Genugtuung begrüßen 
wir es, daß uns die Ausstellung jetzt wieder 
das eigen hergestellte umstochene Kapitel 
präsentiert. Möchte sich dieses für die feine 
Buchbinderei von neuem allgemein einbürgern. 

Damit hätten wir ein ungefähres Bild von 
der Entwicklung der Buchbinderei gegeben und 
von ihrem heutigen Stande. Was wir erreicht 
haben in der kurzen Spanne Zeit von 36 
Jahren, ist gewiß nicht zu unterschätzen; 
es ist so viel, daß wir überall als die 
gefiirchtetsten Konkurrenten angesehen werden. 
Jetzt aber gilt es, das Erreichte festzuhalten 
und einen künstlerischen Nachwuchs zu schaffen, 
der im Wandel der Zeiten und Verhältnisse 
die Errungenschaften zu steigern befähigt ist. 
Diesen Nachwuchs soll uns eine noch junge 
Institution heranbilden: die Fach- und Vergolde¬ 
schule. Sie soll nicht alles allein vollbringen, 
das kann die Theorie nicht, sie soll die Praxis 
unterstützen, die Werkstatt. 

Ein Vierteljahrhundert ist es her, daß in 
Deutschland aus privaten Mitteln die erste Ver¬ 
goldeschule gegründet wurde. Nach anfäng¬ 
lichen Kämpfen um die Existenz brach 
sie sich Bahn; sie erwies sich als lebensfähig 
und erzielte neben moralischen auch materielle 
Erfolge, die die Begründung weiterer Privat¬ 
fachschulen zeitigten. Diese schönen Resultate 
ließen es zum guten Ton gehören, eine Ver¬ 
goldeschule besucht haben zu müssen, denn die 
Jünger der Buchbindekunst wollten mehr sein, 
als bloß Handwerker: sie wollten Bind ekünstler 
sein, sie fühlten sich als solche, erwarteten aber 
als solche auch besser dotierte Stellen, zu denen 
sie ihre künstlerische Vorbildung berechtigte. 
Wo aber sollten diese Stellen herkommen, da 
die Amateure für den Bucheinband bei uns 
völlig fehlten und da bei der aus den früheren 
kleinlichen Verhältnissen überkommenen Ge¬ 
ringwertung der Handwerkskunst der Etat für 
Einbände selbst bei dem besseren bücher- 



424 Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 


kaufenden Publikum sich in ganz mäßigen 
Grenzen hielt? Die Rückwirkung konnte nicht 
ausbleiben. So hatten sich infolge des stär¬ 
keren Andrängens von Schülern die Vergolde¬ 
lehranstalten wohl vermehrt, die Aussichtslosig¬ 
keit für besser honorierte Stellen hatte aber 
ein Abflauen im Besuche dieser Anstalten einer¬ 
seits im Gefolge, wie andererseits die Steigerung 
im Bedarfe künstlerischer Arbeiten ausblieb, so 
daß die künstlerisch vorgebildeten jungen Buch¬ 
binder doch nur zur Herstellung der landläufigen 
Einbände herangezogen werden konnten. Man¬ 
che der jungen Lehranstalten ist diesen Ver¬ 
hältnissen zum Opfer gefallen. Immerhin hatte 
der Drang nach mehr künstlerischer Ausbildung 
doch Wurzel geschlagen. Zunächst erkannten die 
alten Innungen, daß sich ihre Aufgabe nach der 
Seite der Lehrlingsausbildung zu erweitern habe; 
sie wendeten vor Freisprechung der Lehrlinge 
eine strengere Kontrolle bei Anfertigung der 
Gesellenstücke an und richteten Abendkurse, 
Fach- und Fortbildungsschulen und Lehrwerk¬ 
stätten ein, deren Wirken anfangs auf die ma¬ 
nuelle Handwerkstätigkeit gerichtet war, das 
sich dann aber auch auf den Unterricht im buch¬ 
binderischen Kunsthandwerk ausdehnte und eine 
besondere Fürsorge der Allgemeinbildung 
der jungen Leute zuteil werden ließ. Hatte 
die Buchbinderei somit neben den privaten 
Ausbildungsinstituten noch Innungsinstitute ge¬ 
schaffen, so hatten des weiteren die zahlreichen 
Kunstgewerbevereine Lehrkurse für alle Hand¬ 
werke errichtet, in denen dem Zeichenunterricht 
und dem Komponieren und Entwerfen liebe¬ 
volle Pflege zuteil wurde. So impulsiv diese 
Einrichtungen waren, Bestand erhielten sie in 
vielen Fällen erst durch die materielle Unter¬ 
stützung von Staat und Gemeinde, die so¬ 
wohl Privatanstalten dotierten, wie sie auch den 
Innungsschöpfungen mit Beihilfen an die Hand 
gingen. Preußen, Sachsen, Württemberg, Ba¬ 
den gingen voran, andere Staaten folgten, Ge¬ 
meinden, kunstgewerbliche und buchgewerbliche 
Vereine taten ein übriges. Sehen wir uns nun 
einmal die Erfolge an, die auf der Dresdner Aus¬ 
stellung die Vorführung der Schülerarbeiten uns 
vor Augen bringt. 

Die dem Professor Karl Gross in Dresden 
unterstellte Gruppe Schulen bringt nicht nur 
Entwürfe und Zeichnungen, sie bringt auch 
eine große Zahl fertiggestellter Arbeiten, und 


beteiligt sie auch alle Handwerke, so nimmt 
doch die Buchbinderei viel Raum ein für zum 
Teil recht beachtenswerte Leistungen. 

Die Kunstgewerbeschule Düsseldorf, am 
Orte eine unserer hervorragendsten Privatfach¬ 
schulen (von Paul Adam), scheint es mehr auf 
Laien- als Fachmanns-Bildung abgesehen zu 
haben. Die Entwürfe sind durchgehend« nicht 
von Bedeutung; man erkennt, daß der Zeichen¬ 
unterricht nicht von einem buchbinderischen 
Fachmann erteilt wird, was wir für einen 
erheblichen Vorzug halten würden. An 
den Ausführungen sind viele Damen beteiligt, 
und das Streben scheint zu bestehen, hier Lieb¬ 
haberinnen heranzubilden, wie sie die englische 
Buchbinderei bereits besitzt. An der Fähigkeit 
fehlt es so mancher Schülerin nicht, ja es zeigen 
sich sogar Talente für Vergoldung unter ihnen. 
So erweisen sich Emma Volk, Heinrich Arthur 
Steiner, Rosa Waibel, Karl Koester, Fritz 
Schmitz als entschieden begabt, doch fehlt — 
abgesehen von den mangelhaften Entwürfen — 
noch recht viel in den Fachtechniken. Das 
Goldene Buch der Kunstgewerbeschule Düssel¬ 
dorf ist das bedeutendste Stück der Ausstellung. 
Das Ecraseleder ist gut behandelt, das Dekor durch 
Kreise; Voluten und ein Mitteldekor füllen die 
Decke. Der Entwurf von Max Hertwig ist 
ganz sachgemäß, der Ausführer ist nicht nam¬ 
haft gemacht. 

Von der noch in der Entwickelung be¬ 
griffenen Kunstgewerbeschule Aachen sind Bände 
nicht ausgelegt, doch verdienen einige Flächen¬ 
muster-Entwürfe von Lucie Nockemann wegen 
ihrer guten Eignung als Vorsätze der Anführung. 

Die Handwerker- und Kunstgewerbeschule 
Elberfeld weist in ihren Musterbüchern eben¬ 
falls Flächenmuster auf, die zwar nicht direkt 
für buchbinderische Zwecke entworfen sind, diesen 
aber mit Vorteil dienstbar gemacht werden 
können, sowohl für Vorsatz- wie Einbandpapiere. 
Entworfen sind sie von Julius Mermagen, dem 
Lehrer der Dekorationsklasse, und W. Sötebier. 
In dieser Schule wird die Buchbinderei in 
höherem Maße gepflegt als bei den andern 
Kunstgewerbeschulen. Der Einfluß, der bei den 
Einzelausstellern bereits genannten Lehrer 
J. A. Loeber und Franz Weiße tritt auch in 
den Schülerarbeiten zutage, in denen sich das 
Ringen nach künstlerischer Betätigung erfolg¬ 
reich bemerkbar macht. So sind Batikbände 



Loewenstein, Die Buchbinderei im Lichte der dritten deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung zu Dresden. 4^5 


von wunderschöner Farbenwirkung ausgelegt und 
Handvergoldungen von recht guter Ausführung 
reifer Entwürfe. Auch Meister haben die Kurse 
mitgenommen, um sich in den Kunsttechniken 
zu vervollkommenen. Ein nach eigenem 
Entwurf in Blind- und Golddruck auf Saffian 
ausgeführter Band „Art et Decoration“, der 
hübsch entworfen und gut ausgeführt ist, rührt 
von einem erst 17 Jahre alten Schüler Atzler her. 
Einen schönen Blinddruck auf rotbraunem Leder 
hat Scheick in Oldenburg geliefert. 

Die Handwerker- und Kunstgewerbeschule 
Bannen hat in der Fachklasse für Lithographen, 
die dem Lehrer H. Steiner untersteht, hübsche 
zu Vorsatzpapieren geeignete Entwürfe ge¬ 
schaffen; auch die lithographierten Marmor¬ 
papiere von A. Wolff sind recht wirkungsvoll. 

Die Handwerker- und Kunstschule Altona 
weist einige efifektreiche Entwürfe für Einband- 
Ausstattungen auf, deren Urheber der Maler 
Röhr, Lehrer der Anstalt, ist. Einige prächtige 
Tupfenpapiere desselben Zeichners sind von 
H. Grund ausgeführt. Des weiteren fanden wir 
hübsche Entwürfe von Kleister- und Sägespäne- 
Schnitten, von Schablonen- und Marmor-Zieh¬ 
schnitten, in Farben und Gold leicht ziseliert. 
Röhr hat auch Vorsatzpapiere und Bezugs¬ 
papiere entworfen, die von C. Hamer, Albrecht 
und Paulicki sorgfältig ausgeführt sind. Direktor 
J. Mittelsdorf entwarf kompliziertere Decken- 
und Rücken-Entwürfe von feiner Wirkung, der¬ 
selbe und Maler Battermann stellen zugleich 
recht gute moderne Vorsatzpapiere aus. So an¬ 
erkennenswert aber auch alle diese Entwürfe sind, 
scheint uns hier doch das falsche System vorzuherr¬ 
schen, daß nur die Lehrer entwerfen und die Schüler 
die Entwürfe ausführen. Bleibt man bei diesem 
System, so wird man über die elende Kopiererei 
nicht fortkommen. Man lasse doch die Schüler 
selbst entwerfen; ist es auch noch unvollkommen, 
so lernen sie daraus viel mehr, namentlich dann, 
wenn der Lehrer die Entwürfe mit ihnen be¬ 
spricht, auf Schwächen und Fehler hinweist und 
Ratschläge für Abänderung gibt. 

Vor der Kunstklasse der Berliner Buchbinder- 
Fachschule muß man Respekt haben. Was wir 
eben der Altonaer Schule als Wegweiser für den 
Unterricht unterbreitet haben, hier finden wir 
diesen Weg beschritten. Sämtliche Entwürfe 
rühren von den Schülern selbst her, die sie auch 
ausgeführt haben. Man muß den Lehrern 
z. f. B. 1906/1907. 


L. Siitterlin und P. Kersten das Kompliment 
machen, daß sie schöne Erfolge aufzuweisen 
haben. Man vergißt oft vollständig, daß es 
Schülerarbeiten sind, die hier vorliegen. Fast 
alle Entwürfe sind gut und viele Ausführungen 
ganz vortrefflich. Es sind Maroquin- und Saffian¬ 
bände, Bände in Phantasie- und Marmorpapieren 
moderner Dessins, Leinen- und Pergament¬ 
bände. Unter den Techniken tritt am häufigsten 
die Handvergoldung auf, auch in Verbindung 
mit Lederauflagen; wir finden Pergament mit 
Banddurchzug und Schweinsleder mit Blinddruck. 
Nur ein Schablonenband, dessen roter Stern 
auf dem Marmorpapier gräulich wirkt, ist mi߬ 
glückt — wie das ganze Genre der Schablonen¬ 
bände. 

Aus der Handwerkerschule Hildesheini, bei 
der die Buchbinderei auch fleißig gepflegt wird, 
ist nicht viel nennenswertes hervorzuheben; hier 
sind nur die Entwürfe des Schülers Heldberg, 
als von Befähigung zeugend, anzuführen. Sein 
Entwurf zu „Des Volkes Stärke“ ist zwar nicht 
zeitgemäß, aber er bot ihm bei der Ausführung 
Gelegenheit, zu zeigen, daß er in den Tech¬ 
niken etwas leisten kann. 

Die Kunstgewerbe- und Handwerkerschule 
Magdeburg pflegt mehr andere Handwerke als 
die Buchbinderei, doch finden wir eine Reihe 
Flächenmuster, die beim Bucheinband als Be¬ 
zugs- wie als Vorsatzstoff benützt werden 
könnten. Die ausgeführten Gewebe-, Papier- und 
Pergamentbände bringen nicht viel Gutes, die 
Linoleumdrucke sind etwas zu düster. 

Was uns die Fachschule der Buchbinder- 
Innung Dresden bringt, zeigt uns, daß auch 
hier der Unterricht zum Teil an einem 
falschen System krankt. Zwar weisen 40 Buch¬ 
rücken, die mannigfaltig dekoriert sind, auf eine 
tüchtige Pflege der Vergoldetechnik hin, aber bei 
aller Mannigfaltigkeit vermissen wir einen neuen 
Gedanken, einen kühnen Zug in eine terra 
nova. Daraus erhellt, man lehrt Technik, 
aber nicht Kunst. Dasselbe falsche System 
tritt auch bei einer größeren Reihe Entwurf- 
Zeichnungen hervor, die einem bei W. Knapp 
in Halle erschienenen Werke entstammen; der¬ 
artige Vorlagen sollen nicht einfach nachgebildet 
werden, sie sollen Ideen erzeugen und An¬ 
regungen bieten zu Neukompositionen. Nur da¬ 
durch wird ein geistiger Fortschritt erzielt; 
den technischen wird schon die Praxis bringen. 

54 






426 


Springer, Gegenseitige Kopien von Miniaturen. 


Der Hauptfehler ist, daß der Unterricht den 
Interessen der Innungsmitglieder dient, während 
er den Interessen des zu bildenden Nachwuchses 
dienen müßte. Daher wird hier den lokalen 
Bedürfnissen zu sehr Rechnung getragen; es 
wird gelehrt, was zurzeit gerade in Dresden 
gebraucht wird, doch der Zug ins Schöpferische 
ermangelt. Wohl sind neben den 40 Buchrücken 
Proben von Schnittmarmorierungen, Kamm-, 
Ader-, Pfauenmarmor und verzierte Blumen¬ 
schnitte in recht guter Ausführung vorhanden, 
aber die neue Zeit ist spurlos vorübergegangen. 
Auch die drei großen Bände in Handvergoldung 
und Lederauflagen: Landor, „Auf verbotenen 
Wegen“ und zwei Exemplare „Moderne Kunst“ 
sind ganz hübsch entworfen, doch mehr in 
älterer Richtung. Über die kleinen technischen 
Schnitzer wollen wir hinweggehen, da es Schüler¬ 
arbeiten sind. Vielleicht giebt gerade das aus¬ 
gesprochene Bedenken Anlaß zur Änderung des 
Systems im Unterricht nach neuen Prinzipien. 

Die Königliche Akademie für graphische 
Künste und Buchgewerbe Leipzig ist darauf 
bedacht, allen an dem Buch mitwirkenden Fak¬ 
toren eine gediegene Ausbildung zu geben, und 


die reiche Ausstellung zeigt in der Graphik ein 
riesenhaftes Material. Hier haben wir es nur 
mit der Buchbinderei zu tun und finden ein 
großes Gebiet auch weitsichtig beackert. Es 
wird mit gleicher Liebe die Vorbereitung für den 
Verlegerband wie für den Handband gepflegt. 
Wir sehen dem Lederbande wie dem Leinen¬ 
bande, dem Vorsatz wie dem Buchschnitt volle 
Aufmerksamkeit gewidmet. Die Handvergol¬ 
dungen, sowohl auf den Deckeln wie auf den 
Rücken, lassen Geschmack und gute Technik 
erkennen; daß die Schüler auf diesem Gebiete 
Tüchtiges lernen müssen, dafür bürgt schon 
der als Lehrer amtierende treffliche Vergolder 
H. Dannhorn. 

Wir dürfen also wohl erhoffen, daß uns die 
nächste Generation eine größere Reihe junger 
Künstler bringen wird, und wenn der Bücher¬ 
freund in seinen Kreisen auf die „Kunst“ hin¬ 
weist, die im Handbande liegt, so daß sich die 
Zahl der Einband - Amateure vermehrt, so 
wird der Einbandkünstler neben der Freude am 
Schaffen auch das Bewußtsein haben, daß seine 
schöne Kunst nicht nur nach Brot zu gehen 
gezwungen ist. 



Gegenseitige Kopien von Miniaturen. 

Von 

Professor Dr. Jaro Springer in Berlin. 



enry Martin, seit kurzem als Nachfolger 
von Jose Maria de Heredia Direktor 
der Pariser Arsenal-Bibliothek, hat im 
Bulletin du Bibliophile in einer langen 
Artikelreihe, die sich durch mehrere Jahrgänge 
hindurchzieht, die Miniaturen der Pariser Aus¬ 
stellung „Les Primitifs Fran^ais“ (1904) behandelt. 
Aus diesen Aufsätzen ist sehr viel zu lernen, 
Tatsächliches und auch, wie solche Studien zu 
machen sind. Ich möchte nur eine Frage zur 
Erörterung bringen, die hier zum erstenmal 
behandelt wird: Kannten die Miniaturmaler des 
Mittelalters ein Druckverfahrenl Etwas weniger 
überraschend klingt die Frage vielleicht in der 
Fassung: Kannten die Miniaturmaler ein Verfahren, 
mit Hilfe eines Pausmaterials die Umrisse einer 
Zeichnung auf ein Blatt Pergament oder Papier 
abzuklatschen? Mit einer vorsichtig bedingten 


Behauptung gibt Henry Martin die bejahende 
Antwort auf diese Frage. Er kam auf folgende 
Weise dazu: Es waren ihm eine größere Anzahl 
französische Miniaturen des XIV. und XV. Jahr¬ 
hunderts bekannt geworden, bei denen der Zeichner 
rechts und links vertauscht hatte. Der Krieger 
führt das Schwert, der Schreiber die Feder mit 
der linken Hand, der Heilige segnet mit der Linken. 
Diese auffallenden Fehler sind natürlich nicht ur¬ 
sprüngliche Absicht des Künstlers, ganz sicher 
handelt es sich hierbei um Nachzeichnungen, bei 
denen die Umkehrung durch den Kopisten ver¬ 
schuldet wurde. Zu einigen dieser gegenseitigen 
Wiederholungen fand dann Martin auch die recht¬ 
seitigen Originale, die als Vorlage gedient haben. 
Es ist natürlich ohne weiteres klar, daß ein Kopist, 
der in der gewöhnlichen Weise abzeichnet, die 
Vorlage nicht im Gegensinn geben wird. Durch 













Springer, Gegenseitige Kopien von Miniaturen. 


427 


einen mechanischen Vorgang, der die Arbeit des 
Zeichners erleichtert, muh die Umkehrung erfolgt 
sein. Es scheint, daß die bequeme Faulheit des 
Kopisten Anlaß zu einer Erfindung gab, die man 
wohl ein Druckverfahren nennen kann, durch 
dessen Anwendung ein Gegenbild von der Zeich¬ 
nung entstand. Eine Vorfrage ist zu beantworten: 
Kannte das Mittelalter Pauspapier (Durchzeichen- 
Papier)? Pergament, selbst das dünnste von un¬ 
geborenen Lämmern, war dazu nicht geeignet. 
Das Papier des Mittelalters war auch im geölten 
Zustand zu wenig durchscheinend. Dünne Platten 
von Horn waren im Mittelalter bekannt, zum 
Schutze von gemalten Bucheinbänden fanden sie 
Verwendung. Ob sie auch zum Durchpausen be¬ 
nutzt wurden, davon hat sich jedenfalls keine 
Nachricht erhalten. Bei der Sprödigkeit des Ma¬ 
terials ist es nicht sehr wahrscheinlich. Das spätere 
Mittelalter aber kannte eine Art von Pauspapier. 
Bei einem französischen Schriftsteller vom Ende 
des XIV. Jahrhunderts, Jean Le Begue, fand Henry 
Martin ein Rezept zur Herstellung offenbar einer 
Art von Pauspapier, das carta lustra genannt wird. 
Martin übersetzt es französisch mit feuille-lustre; 
einen entsprechenden deutschen Ausdruck zu finden, 
ist mir nicht geglückt. Ich lasse hier das Rezept 
nach dem von Martin gegebenen Wortlaut (Bulletin 
du Bibliophile 1906, 15) folgen: 

Carta lustra, per quam transparent que sub 
ipsa sunt posita, protracta et figurata in aliis cartis 
vel in papiris aut in tabulis, et possint igitur in 
ipsa carta lustra penitus et recte abstrahi qualia 
sunt que sub ipsa ponuntur, protracta vel protrac- 
tiones et picture, super quas ipsa extenditur, fit 
hoc modo. Perungas subtiliter sepo arietino la- 
pidem equalem et politam, latitudinis et longi- 
tudinis tante quante vis facere cartam. Postea, 
cum pincello lato, linies ex cola liquefacta, clara 
et lucida, lapidem ipsam, et dimitte siccari. Postea, 
eleva ab uno angelo lapidis aliquantulum linituram 
illam colle siccate, que erit subtilis ut carta, sed 
erit lustra, et vide si non sit satis grossa, seu spissa; 
verum, quando sit nimis subtilis, non eleves, sed 
permittas et adhuc linias desuper de eadem cola, 
et permitte siccari; et, ut prius, tempta si satis 
grossa sit, et totiens hoc reiteres quod fiat suffi- 
cienter grossa. Postea, ex toto eleva a lapide, 
quia suprascripta perunctio lapidis ex adipe arie¬ 
tino facta dabit facilitatem elevandi ipsam cartam, 
quam non permiserit lapidi glutinari nec adherere. 
Et sic habebis cartam lustram ad ea que dicta 
sunt fienda. 

Das im ersten Satz vorkommende Wort „ab¬ 
strahiere“ scheint der lateinische Ausdruck für Pausen 
zu sein. 

Ich habe mich durch eigene Anwendung davon 
überzeugt, daß das Rezept gut ist. Als „lapis 
equalis“ diente mir eine Schiefertafel. Das Auf¬ 
trägen des Leims mit einem Pinsel kann ich nicht 
für praktisch halten: die Borstenstriche bleiben 


beim Trocknen, die übereinandergelegten Leim¬ 
schichten mindern die Durchsichtigkeit und Klar¬ 
heit. Wenn ich den mittelalterlichen Maiern noch 
einen Rat geben könnte, so wäre es der, den 
Leim nicht mit dem Pinsel aufzustreichen, sondern 
auf die eingeseifte Steinplatte auszugießen. Etwa 
entstehende Luftblasen sind mit einer Nadel, so¬ 
lange der Leim noch dünnflüssig ist, aufzustechen. 
Auf diese Weise bekommt man nach dem Trocknen 
eine sehr schöne, klare und durchsichtige Leim¬ 
platte, ganz ähnlich unsrer Gelatine, die sehr gut 
zum Pausen verwendet werden kann. Mit trocknem 
Zeichenmaterial (Kohle, Kreide, Metallstift) kann 
aber nicht gearbeitet werden, weil das auf der 
glasartigen Oberfläche der Leimplatte nicht haftet 
und keinen Strich gibt. Nasses Material, das mit 
dem Pinsel oder der Feder aufgetragen wird, ist 
deswegen ausgeschlossen, weil jede Feuchtigkeit 
den trocknen Leim zum Aufquellen bringt. Die 
Zeichnung läßt sich nur mit einem spitzen Instru¬ 
ment in die Leimplatte einritzen. Ein solches 
nadelartiges Werkzeug, unsrer Radier- oder Schneid¬ 
nadel ähnlich, war dem mittelalterlichen Miniatur¬ 
maler bekannt. Er brauchte es, um in den Gold¬ 
grund, solange er noch weich war, Ornamente 
einzudrücken. Legt man die Leimplatte auf eine 
Miniatur, so können mit Hilfe einer Nadel die 
Umrisse der durchscheinenden Zeichnung einge¬ 
ritzt werden. Die Zeichnung der Vorlage wird 
also bei diesem Pausverfahren in vertieften Linien 
eingeschnitten. Von einer solchen Pause kann 
sehr leicht auf mechanischem Wege ein Abklatsch 
hergestellt werden. Auch das habe ich probiert 
und die Möglichkeit eines solchen Drückens fest¬ 
gestellt. Nasse Farbe, die den Leim aufquellen 
lassen würde, kann natürlich nicht zum Abdruck 
benutzt werden, nur trockene, zu feinem Pulver 
zerriebene. Ich habe die Leimplatte mit Ruß ein¬ 
gerieben, dann den Ruß von der glatten Ober¬ 
fläche abgewischt, so daß er nur noch in den 
eingeritzten Linien haften blieb, die Leimplatte 
dann mit der eingeschwärzten Seite auf ein Blatt 
Papier gelegt und die Rückseite mit einem Falz¬ 
bein fest und mehrfach überstrichen. Der in den 
eingeritzten Linien befindliche Ruß wurde dadurch 
auf das Papier übertragen. Mit einer Art von 
Reiberdruck wurde also eine Reproduktion der 
gepausten Zeichnung hergestellt, die aber natürlich 
nur ein Gegenbild der Vorlage zeigt: was auf der 
Zeichnung rechts ist, erscheint im Abdruck links. 

Daß Miniaturen durchgepaust wurden, geht aus 
dem mitgeteilten Rezept hervor. Bei dem hand¬ 
werksmäßigen Betrieb der Buchillustration im späten 
Mittelalter lag es nahe, die Pause zur mechanischen 
Vervielfältigung zu benutzen, und daß dies ge¬ 
schehen ist, beweisen die gegenseitigen Kopien. 
Lange bevor man von Holz- und Metallplatten 
Papierabdrücke zu machen verstand, haben die 
Miniaturmaler schon ein Druckverfahren gekannt, 
das sie freilich nur als Eselsbrücke benützten. 






Chronik. 


Zum 200. Geburtstag K. H. von Heineckens. 

Bücherfreunde hatten alle Ursache, im letzten Jahre 
eines kenntnisreichen, ja bahnbrechenden Meisters in 
der Erforschung der historischen Grundlagen des Buch¬ 
drucks zu gedenken: Karl Heinrich von Heineckens. 
Seine großen Verdienste sind jedem bekannt, der sich 
als Forscher oder Genießer mit den ersten Regungen 
des deutschen Buchdrucks und der mechanischen Ver¬ 
vielfältigung des Bildes beschäftigt hat. Daß er ungleich 
vielen Geringeren, deren 
Namen Gönnerschaft oder 
Zufall der Nachwelt über¬ 
lieferten , einer unverdien¬ 
ten Vergessenheit anheim¬ 
fiel, erklärt die Zeit, in der 
er seine besten Bücher 
schrieb: die zweite Hälfte 
des XVIII. Jahrhunderts. 

In Deutschland war der 
Stern Winckelmanns aufge¬ 
gangen, und Winckelmanns 
Lehre von dem allein selig¬ 
machenden Klassizismus 
wurde von Männern wie 
Lessing, Oeser usw. sieg¬ 
reich gefördert. Neben 
Winckelmanns Namen aber 
„durfte“ —ich zitiere Goethe 
(„Dichtung und Wahrheit“ 

VIII.) — „Heinecken nicht 
wohl genannt werden, teils 
weil er sich mit den allzu 
kindlichen Anfängen der 
deutschen Kunst, welche 
Oeser wenig schätzte, gar 
zu emsig abgab, teils weil er 
einmal mit Winckelmann 
unsäuberlich verfahren war, 
welches ihm dann niemals 
verziehen werden konnte“. 

Doch war es nicht der 
Zank mit Winckelmann, der 
Heineckens Namen neben 
dem des großen Klassizisten verblassen ließ, sondern 
seine eifrige Vorliebe für die „allzu kindlichen Anfänge 
der deutschen Kunst“. Er war es in erster Linie, der 
auf den Holzschnitt der Spielkarte und des Heiligen¬ 
bildes als Vorstufe des Tafel- und des Typendrucks 
unermüdlich hinwies, durch glückliche Behandlung und 
durch gründliche Kenntnisse das Studium dieser Vor¬ 
stufe zur Wissenschaft zu erheben verstand und durch 
ein phänomenales Entdeckerglück der Forschung den 
allein richtigen Weg wies. Dafür nun hatten die 
Intellektuellen des XVIII. Jahrhunderts, die, in Bewun¬ 
derung für die Alten versunken, die Denkmäler der 
eigenen Vergangenheit gering achteten, kein Verständ¬ 
nis. Erst unserer Zeit blieb es Vorbehalten, an das 
Lebenswerk Heineckens mit allen Behelfen einer ge¬ 


reiften Kritik und einer verfeinerten Technik wieder 
anzuknüpfen. Aber bis heute ist die Persönlichkeit 
Heineckens hinter seinen Werken verborgen geblieben. 

Man muß weit zurücksuchen, um halbwegs befrie¬ 
digende Aufschlüsse über den Lebensgang Heineckens 
zu erhalten. (Schlichtegroll, Nekrolog. 1791. I. 294. 
II. 381. — Ersch und Gruber, Allgemeine Encyclopadie 
der Wissenschaften und Künste. II. 3. 4.) Als Sohn des 
Malers und Alchymisten Paul Heinecken und der Katha¬ 
rina Elisabeth, geb. Öster¬ 
reicher wurde er 1706 — 
das Datum ist nicht bekannt 
— in Lübeck geboren. Ein 
um 15 Jahre älterer Bruder 
des Wunderkindes Christian 
Heinrich Heinecken, des 
„Knaben von Lübeck“ wuchs 
er in bescheidenen Verhält¬ 
nissen zu einem fast krank¬ 
haft wißbegierigen Jüngling 
auf, besuchte das Gymna¬ 
sium seiner Vaterstadt und 
studierte in Jena und in 
Leipzig die Rechte. In den 
Familien von König, der 
Grafen Renard und Löwen¬ 
dahl als Erzieher tätig, trat 
er vielfach mit den Kreisen 
der Dresdener Hofgesell¬ 
schaft in Verbindung und 
erregte durch seine umfang¬ 
reiche Bildung und seine 
guten Formen die Aufmerk¬ 
samkeit des damals all¬ 
mächtigen Grafen Brühl, der 
ihn als Privatsekretär in 
seine Dienste nahm. Durch 
seine Beschlagenheit in 
allen wirtschaftlichenFragen 
wußte Heinecken sich dem 
Staatsminister, durch seine 
umfassenden Kenntnisse auf 
allen Gebieten der bildenden 
Kunst dem Kunstfreunde Brühl unentbehrlich zu machen. 
So gelang es ihm, dem sein Gönner den Reichsritter¬ 
stand verschaffte, immer einflußreichere Stellungen zu 
bekleiden und sich ebensoviel Vermögen wie Feind¬ 
schaften zu erwerben. Als nach den Siegen Friedrichs 
des Großen die prunkvolle Mäcenatenherrlichkeit Brühls 
zusammenbrach, war auch Heinecken so stark kom¬ 
promittiert, daß er längere Zeit in Haft gehalten wurde. 
Er verstand es, seine Ankläger zu widerlegen, zog es 
aber vor, als Verwalter der Brühlschen Güter Dresden 
zu verlassen. Weniger seinem Berufe, als seinen kunst¬ 
historischen Studien ergeben, verbrachte er die letzten 
Jahre seines Lebens auf seinem Gute Alt-Döbern in der 
Lausitz, wo er am 21. Januar 1791 starb. Sein hand¬ 
schriftlicher Nachlaß — u. a. die Fortsetzung seines nur 



KarlJHeinrich von Heinecken. 1706—1791. 





























Vollbild aus BALLADEN von BÖRRIES 
FREIHERRN VON MÜNCHHAUSEN, 
gezeichnet von ROBE RT ENGE LS. 
Verlag von F. A. LATTMAN N, GOSLAR. 















































































































Chronik. 


429 


teilweise veröffentlichten „Dictionnaire des artistes“ — 
befindet sich in Dresden. Seine durchweg anonym 
erschienenen Hauptwerke sind: „Nachrichten von 
Künstlern und Kunst - Sachen.“ Leipzig 1768 — 69; 
„Neue Nachrichten von Künstlern und Kunstsachen.“ 
Dresden und Leipzig 1786, und vor allem die „Idee 
generale d’une Collection complette d’Estampes avec 
une dissertation sur 1’origine de la gravure et sur les 
Premiers livres d’image.“ Leipsic et Vienne. 1771. — 
Sein Bildnis ist dem 26. Bande der „Neuen Bibliothek 
der schönen Wissenschaften und der freyen Künste“, 
Leipzig 1781, entnommen. 

Wien. G. A. Crüwell. 


Balladen von Börries Frhr. von Münchhausen. 

Von fen Balladen von BörriesFreiherrnvon Münch¬ 
hausen, deren erste Ausgabe wir seinerzeit hier an¬ 
gezeigt haben, ist vor kurzem die zweite veränderte und 
vermehrte Auflage (2. und 3. Tausend) in F. A. Latt- 
manns Verlag in Goslar erschienen. 

Diesmal hat Robert Ejigels den dekorativen und 
illustrativen Schmuck des Buches geliefert. Das Balladen¬ 
buch bildet einen stattlichen Quartband in starkrippigem 
olivengrünem Leinen, dessen Vorderdeckel den Titel in 
kräftigem Schwarzdruck trägt, nur von einer starken 
Linie eingefaßt. Die Farbe des Vorsatzes bildet ein 
dunkler getöntes Grün, von dem sich das Ockergelb 
eines seltsamen Schmuckstücks abhebt: über die beiden 
Vorsatzseiten ziehen sich die Abbildungen zweier An¬ 
schnallsporen. Das dürfte fast gesucht erscheinen; aber 
es ist es in Wirklichkeit nicht. Die ritterliche Zier 
symbolisiert sozusagen den dichterischen Inhalt des 
Buches; aus vielen der Balladen klirrt und klingt 
Sporenschritt hervor— Münchhausen steigt gern in die 
Ritterzeit hinab, und sein Genius findet da auch die 
entsprechendsten Stoffe. Dann folgt ein weißes Blatt 
mit einem hübschen Signet und nun der von Engels 
entworfene Doppeltitel: ein reizvolles Gewebe von 
Blattranken, in dem die Titel stehen. Der sonstige 
Buchschmuck bezieht sich auf die Seitenumrahmung, 
ein geschmackvolles Blumenornament, auf charakte¬ 
ristische Vignetten, Einstreubilder und eine Anzahl 
ganzseitiger, farbiger Illustrationen, von denen wir eine 
Probe anbei geben. 

Die Vignetten und Kopfbilder sind in kräftigen 
Linien gehalten, die sich für die Schwarzweißrepro¬ 
duktion vortrefflich eignen. Engels ist ein phantasie¬ 
begabter Künstler, dem, ähnlich wie Sattler, die mittel¬ 
alterliche Staffage besonders gut liegt. Wir sehen in 
der „Gräfin Monbijou“ die Gräfin mit dem Pagen 
tanzen, während die Musiker aufspielen, in der 
„Schenkin“ die blonde Kellnerin, die dem Herrn 
Bertrand von Chateau Sicie die Speisen reicht, im 
„Seidnen Haar“ die schöne Sitta mit Jung-Hildetant, in 
den „Glocken von Hadamar“ die alte Abtei in Brand 
und den Schwarm der anziehenden Söldner, im „Lied 
des Obristen“ den fidelen alten Landsknecht und am 
Schluß des Liedes „dat größte Swien, dat der Buer 
hätt“, sein pantoffelschlurrendes Eheweib. Die fünf 
kolorierten Vollbilder gehören zu den Balladen „Der 


Page von Hochburgund“, „Halfdan“, „Alte Ballade“, 
„Die Boten“ und „Die Spinnhexe“. Dichter und 
Illustrator treffen sich hier völlig in ihrer Eigenart. 
Gleich das erste Buntbild, Page und Königin durch den 
Frühling reitend, ist von wundervollem poetischem Reize. 
Ebenso prächtig ist der tote Knut der „Alten Ballade“ 
wiedergegeben, niedergestreckt im Dornengestrüpp, 
durch das wilde Rosen wuchern, sein treues Schlacht¬ 
pferd mit weit offenen Nüstern über ihn gebeugt. Das 
Bild zu den „Boten“ findet der Leser als Beilage: die 
Herzogin flicht den Kranz für den Feldhauptmann, den 
der Narr dem Glücklichen bringen soll. Die Re¬ 
produktion der Farbentafeln ist ausgezeichnet. 

Die Balladen Münchhausens werden sich in der 
neuen Gewandung auch neue Freunde erwerben. 

— bl— 


Ein Menzel-Katalog. 

Adolph von Menzel. Abbildungen semer Gemälde 
und Studien. Auf Grund der von der Königlichen 
Nationalgalerie im Frühjahr 1905 veranstalteten Aus¬ 
stellung unter Mitwirkung von Dr. E. Schwedeler-Meyer 
und Dr. J. Kern. Herausgegeben von Dr. Hugo 
von Tschudi. Mit 661 Illustrationen im Text und 
25 Bilderbeilagen. München, Verlagsanstalt F. Bruck¬ 
mann A.-G. 1905. 

Wir müssen in die Zeiten des Renaissance-Fleißes 
zurückgehen, um auch nur einen Vergleich mit Menzels 
gewaltigem Lebenswerk zu erhalten. In dem Dasein 
dieses Mannes hat eben nichts eine Rolle gespielt als 
seine Arbeit; er gehörte zu denen, die immer disponiert 
waren, die keine Erholung brauchten und denen die 
— allerdings ausgiebigen — täglichen Mahlzeiten ge¬ 
nügten, um „die Maschine stets geheizt zu halten“. Die 
Ausstellung seiner Bilder im Jahre 1905 zeigte einen 
beispiellosen Zudrang; man sagte sich, daß in abseh¬ 
barer Zeit keine Gelegenheit von ähnlicher Vollständig¬ 
keit geboten werden würde, nicht nur zum Bewundern, 
sondern auch zum Vergleichen. Vielfach erklang der 
Wunsch nach einem Erinnerungswerk. Diesen Wunsch 
hat Herr von Tschudi erfüllt. Allerdings könnte keine 
Monographie, kein Prachtwerk sich mit einem ähnlichen 
Konvolut Abbildungen belasten, wie sie uns in dieser Ver¬ 
öffentlichung geboten werden. Die Londoner National¬ 
galerie hat zuerst einen grandiosen illustrierten Katalog 
ihrer Schätze herausgegeben, und ihrem Beispiel ist die 
unsere gefolgt. Der mächtige Foliant ist in der Tat 
eine Art von Katalog, dessen zahllosen Abbildungen 
die sorgsam redigierten Legenden den Wert eines 
kunsthistorischen Dokumentes verleihen. Natürlich hat 
man von den in ungeheurer Anzahl vorhandenen Zeich¬ 
nungen des Meisters absehen müssen: das hätte einen 
Katalog im Umfange des Konversationslexikons er¬ 
geben. Das farbige Werk Menzels aber ist in fast 
lückenloser Vollständigkeit aufgeführt, nach Techniken 
und in diesen wiederum chronologisch geordnet. Den 
großen, vielfigurigen Gemälden ist meist noch eine 
kleine Federskizze beigegeben, die in des Meisters 
eigner Hand die Namen der Dargestellten unter die 
Köpfe setzt. Menzel war kein Experimentierer, so neu 








430 


Chronik. 


sein Vorgehen den Zeitgenossen auch schien. Er hat 
nicht, wie beispielsweise Böcklin, dasselbe Thema zu 
variieren, durch kleine Veränderungen neu anzupacken 
gesucht. Eine Farbenskizze, ein paar Federzeichnungen 
und dann das große Bild: und wie es war, w'ar es gut. 
Wo es sich um Repräsentationsbilder Lebender handelt, 
wie z. B. bei der Königsberger Krönung, kommen noch 
die Porträtstudien dazu, die an und für sich schon eine 
den Psychologen wie den Historiker unendlich fesselnde 
Reihe von Dokumenten bilden. Man hat das Empfinden: 
so haben die Leute wirklich ins Leben geschaut, nicht 
weil Menzel sie für sein Bild so brauchte, sondern weil 
sie so waren. Die Wiedergabe der Bilder hat das 
übliche unangenehme Glanzpapier notwendig gemacht. 
Eine Reihe von Gemälden sind als Einschaltbilder auf 
schönem Kupferdruckpapier wiedergegeben. Hübscher 
grauweißer Büttenmarmor dient als Vorsatz. Bei einem 
so starken Band hätte man aber besser getan, noch 
einen Leinenfalz vorzusetzen. Rücken und Ecken des 
Deckels sind in weißem Pergament gehalten, die Fläche 
selbst in dunklem Steingrün mit schlichtem goldenen 
Titelaufdruck. Ein Schutzumschlag aus weißem Bütten 
trägt in roter Tinte das Autograph Menzels. R. 


English coloured books by M. Hardie. 

(Methuen and Co., London.) 

Der neuste Band aus „The Connoisseurs Library“ 
ist der farbigen Buchillustration gewidmet. Martin 
Hardie, der Autor, legt seinem Werke die übersichtliche 
Dreiteilung: Holz-, Stein- und Metallreproduktion zu¬ 
grunde, ohne die verbindenden Fäden von der einen 
zur andern gänzlich zu zerschneiden. Natürlich geht 
er bei der Stoffordnung chronologisch zu Werke. In¬ 
dem er den Deutschen achtungsvoll den Vortritt in 
der Holzschneidekunst läßt, leitet er seine Arbeit mit 
dem berühmten Buch von St. Alban ein. Diesem Werk 
aus dem Jahre i486, das seinen Namen von der Stadt, 
in der es gedruckt wurde, erhielt, liefen nur zwei Cax- 
tons aus dem Jahre 1481 „The Mirrour of the World“ 
und „Parvus et Magnus Cato“ mit zwei kleinen, in bei¬ 
den wiederholten Holzschnitten voran, so daß das 
Buch von St. Alban nicht nur das erste Farbschnitt- 
buch, sondern überhaupt eines der ersten gedruckten 
Bücher Englands ist. Wie so viele Werke des XV. Jahr¬ 
hunderts führt es keinen selbständigen Titel, sondern 
umfaßt vier Teile, deren Sondertitel im Colophon fest¬ 
gestellt werden wie folgt: „Here in thys boke afore ar 
contynt the bokys of hawkyng and huntyng with other 
plesuris dyverse as in the boke apperis and also of 
Cootarmuris a nobull werke. And here now endyth 
the boke of blasyng of armys translatyt and compylyt 
togedyr at Saint albons the yere from thincarnacion of 
owre lorde Ihu Crist. M.CCCC.LXXXVI.“ Drucker und 
Verfasser sind in das gleiche geheimnisvolle Dunkel 
gehüllt. Nur einen Hinweis auf einen „Schoolmaster 
von St. Alban“ als möglichen Autor und Drucker 
findet sich im Colophon des Neudrucks der „Cronicles“ 
durch Wynkyn de Worde, die ja auch ursprünglich 
aus der Presse von St. Alban stammen. Der vierte 


Teil des Books of St. Alban, der sich mit Wappen¬ 
kunde beschäftigt, enthält nun eine Beigabe von 66 
Druckseiten, deren Initialen durch Holzschnitte ge¬ 
ziert sind und die 117 Wappenbilder tragen. Rot, 
gelb, blau und olivegrün sind sowohl bei den Initialen 
wie bei den Wappen durch Farbdruck wiedergegeben, 
während die seltner vorkommenden Farben mit der 
Hand nachgefügt sind. Dieses Buch sollte auf beinah 
dreihundert Jahre das einzige englische Buch mit Färb- 
holzschnitten bleiben. Es steht völlig isoliert da. Seine 
paar Exemplare würden mit Gold aufgewogen werden, 
wenn sie überhaupt auf den Markt kämen. Das 
British Museum besitzt natürlich ein Exemplar. 

Die nächste Zeit begnügte sich mit mehr oder weniger 
roher Handausmalung. Einerseits war Handarbeit da¬ 
zumal das billigste, andererseits hatten die Editoren 
noch mit der Rivalität der ausgezeichneten Manuskript- 
Miniaturen zu kämpfen. Diesem ausgetuschten Buch¬ 
schmuck von 1500—1800, bei dem bald der Metallstich 
den Holzschnitt verdrängen sollte, widmet Mr. Hardie 
sein zweites Kapitel. Eine spezielle Literatur begleitete 
die Technik; so wurde 1660 zu London ein Buch ver¬ 
öffentlicht „ofdrawing, linning, washing, or colouring 
of maps and prints," dem bald mehrere andere folgen. 
Oft auch kolorierte der Autor selbst aufs sorgfältigste 
die Stiche, die er entworfen. Ein schönes Beispiel 
für solche künstlerische Einheitlichkeit bietet eine 
„Natural History of English Insects“, die der Maler 
Eleazer Albin 1720 herausgab und der er 1731 bis 1738 
eine ebenfalls ausgezeichnete Ornithologie folgen ließ. 

Erst im XVIII. Jahrhundert belebte sich unter Kir- 
kall, Jackson und andern der Holzschnitt unter der 
Spielart des „Chiaroscuro“ neu. Es ist dies ein Holz¬ 
schnitt, der das ganze Papier antönt, während die 
Lichter durch Tiefschnitt ausgespart bleiben. Jede Farbe 
erhielt ihren eignen Holzblock und wmrde — nach Art 
des heutigen Dreifarbendrucks — übereinander gedruckt; 
gewöhnlich wurden zunächst die Konturen und tiefsten 
Schatten in Schwarz gedruckt, die andern Farben 
folgten in bestimmter und ausgeprobter Reihenfolge. 
E. Kirkall wandte die Technik zuerst in England zu 
Beginn der zwanziger Jahre des XVIII. Jahrhunderts 
an; er druckte die Konturen jedoch von Metallplatten 
ab, eine entschiedene Verbesserung. Er arbeitete nach 
italienischen Vorbildern. 1754 erschien —Theorie und 
Praxis zugleich —John Baptist Jacksons „Essay on the 
Invention of Engraving and Printing in Chiaro Oscuro“, 
das von größter Bedeutung für eine ganze Illustrations¬ 
periode werden sollte. Auch er begann mit Repro¬ 
duktionen italienischer Gemälde und ging dann zu 
Tapeten, in der neuen Manier koloriert, über, in denen 
er entschieden sein Bestes leistete. 

Einmal in Gang gebracht, schritt die Bewegung 
langsam fort. Savage mit seinen Aquarellreproduk¬ 
tionen in farbigen Tinten folgte; ferner George Baxter, 
der seine Technik mit dem Schleier des Geheimnis¬ 
vollen zu umgeben verstand. Er soll bis zu 12 Platten 
benutzt haben und zw-ar unter Anwendung von Ölfarben. 
Die Resultate — wie sie beispielsweise in den „Fea- 
thered Tribes of the British Isles“ von Mudie (1834) 
und in „The Artist“ von Gandee (1835) vorliegen, sind 




Chronik. 


431 


recht glückliche und verdienen wohl das Patent, das 
der Erfinder im Jahr 1836 für seine Technik zu erlangen 
verstand. Sein Besitz an 100000 schönen Platten ging 
1860 an Vincent Brooks, dann an Abraham Le Blon 
über und wurde 1896 nach des letzteren Tode in alle 
Winde zerstreut. 

Der Metalldruck lief gleichzeitig und getrennt neben 
dem Holzschnitt her. Er wurde zumeist in mehrplat¬ 
tigem Druck angewandt. James Christopher Le Blon 
ist hier der Neubeleber und Verbesserer, dessen 1722 
in London erfolgte Veröffentlichung des englisch und 
französisch geschriebenen Buches „Golorito. L’Har- 
monie du coloris dans la peinture, reduite en pratique 
mecanique ect. ect.“ gradezu bahnbrechend gewirkt hat. 

Von nun an multiplizieren sich die Techniken. 
Mezzotint und Acquatint auf der einen Seite, die Litho¬ 
graphie auf der andern erobern das Buchfeld. Namen 
wie Blake und Ackermann sind auch uns Deutschen 
geläufig — und nicht nur den Spezialisten unter uns. 
Die farbigen Acquatints vom Ausgang des XVIII. bis 
zur Mitte des XIX. Jahrhunderts gehören wieder zu 
den gesuchten Sammelobjekten. Wer möchte nicht 
ein Alkensches Sportbild, eine Cruikschanksche Ra¬ 
dierung besitzen? 

Schließlich entwickeln sich in der Neuzeit die ver¬ 
schiedenen Techniken analog den unsern. Die Chro¬ 
molithographie, die große Familie der photomecha¬ 
nischen Techniken überflutet mehr oder minder künst¬ 
lerisch den Buchschmuckmarkt. Dazwischen ragt, 
eine einzelne Gruppe wahrer Kunstwiederbelebung, die 
Chiswick Press auf, erscheinen Männer wie Evans, der auf 
den Holzschnitt schwor, wie Walter Crane und die 
Kate Greeneaway, welch ersterer nie die Popularität 
haben wird, die er verdient und die in übertriebenem 
Masse der idyllisch-philiströsen Malerin Klein-Englands 
zuteil geworden ist. 

Selbstverständlich kann eine Arbeit erschöpfend 
nur abgeschlossene Perioden behandeln — und auch 
hier ist man vor Überraschungen nie sicher. Aber 
Mr. Hardie gibt auch von den neueren und neuesten 
Zeiten ein übersichtliches Bild, das nicht von der Par¬ 
teien Streit verzerrt wird. Er fügt dem epischen Teil 
seines Werkes dann noch einiges rein Bibliographisches 
an, das für unsere Leser von besonderem Interesse 
sein wird. Das 25. und Schlußkapitel behandelt das 
Sammeln farbig illustrierter Bücher und bringt inter¬ 
essante Details über Preise an der Hand von Katalogen. 
Eine Reihe von Anhängen ist zu Plattenaufzählungen 
einiger Größen wie Baxter, Ackermann, Rowlandson, 
Alken verwendet. Index wie Inhalt sind mit großer 
Sorgfalt redigiert. 

Der starke Lexikonband ist auf büttenartigem Pa¬ 
pier in großen deutlichen Typen gedruckt; zahlreiche 
farbige Illustrationsbeispiele sind eingefügt. Der Ein¬ 
band ist mit rotem Englischleinen bezogen und durch 
Blindpressung leicht gemustert. Nur der Rücken und 
ein schmales Hauptstück tragen den Titel in Goldbuch¬ 
staben. Der Preis beträgt M. 25. —bl— 


Verschiedenes. 


Seiner bedeutsamen Retif-Monographie hat Eugen 
Diihren (Iwan Bloch) als Supplement eine Retif-Biblio- 
graphie angefügt: Retif Bibliothek. Verzeich?iis der 
französischen und deutschen Ausgaben und Schriften 
von und über Retif de la Bretonne unter Mitwirkung 
von Max Harrwitz, herausgegeben vo 7 i Dr. Eugen 
Diihren (Berlin, Max Harrwitz 1906. 8°. VIII + 42 S. 
M. 4.-). 

Paul Lacroix hat schon 1875 eine Bibliographie der 
Werke Retifs versucht. Sie ist unvollständig geblieben, 
wie auch die vorliegende nicht absolut vollständig ist. 
Denn bei dem Riesenumfange der Lebensarbeit des 
merkwürdigen Mannes und bei den ungewöhnlich 
komplizierten Verhältnissen der Drucklegung und des 
Vertriebs seiner Schriften sind einzelne seiner Publika¬ 
tionen gänzlich verschollen; es ist auch fraglich, ob sie 
je wieder auftauchen werden. Bloch ist es indessen 
gelungen, die Angaben Lacroix’ vielfach zu berichtigen 
und vor allem zu erweitern, so daß wir in seinem Buche 
zum erstenmal eine wenigstens annähernd erschöpfende 
Bibliographia Restifiana vor uns haben. Vor allem sind 
die deutschen Übersetzungen, die Lacroix nur wenig 
berücksichtigen konnte, sorgfältig notiert; auch die 
Übersetzer wurden zum großen Teile eruiert: H. F. 
Cramer, Ch. S. Mylius, Ch. A. Wichmann, J. A, Engel¬ 
brecht, F. W. L. Meyer u. a., und unter den mannig¬ 
fachen Deckfirmen die tatsächlichen Verleger richtig 
gestellt. Die bibliographischen Beschreibungen sind 
außerordentlich genau, die angefügten Antiquariats¬ 
preise höchst interessant für die Wertschätzung, deren 
Retif sich z. Z. erfreut. 

Die Ordnung der französischen Ausgaben gibt 
zunächst die erste Originalausgabe, an die sich die 
späteren Ausgaben und Nachdrucke unter derselben 
Nummer mit Beifügung eines Buchstabens anschließen. 
Ein dreifaches, sehr geschickt aufgestelltes Register 
erleichtert die Übersicht. —bl — 


Eine ganz ausgezeichnete Ausgabe von Laubes 
Ausgewählten Werken verausgabt Max Hesses Verlag 
in Leipzig. Dr. H. H. Houben, einer der trefflichsten 
Kenner Laubes, zeichnet als Herausgeber und hat es 
verstanden, in dieser Edition der Erinnerung an Laubes 
hundertsten Geburtstag ein literarisches Denkmal zu 
setzen, das alle diejenigen Werke zu einem Ganzen 
vereinigt, denen der Unvergeßliche seine dauernde 
Bedeutung in der deutschen Literatur- und Theater¬ 
geschichte verdankt. Der Neudruck seiner Lebens¬ 
erinnerungen führt uns die Persönlichkeit des Alten 
näher, die durch die Veröffentlichung zahlreicher bis¬ 
her ungedruckter Stücke aus Laubes Nachlaß noch 
charakteristischer ausgestaltet wird. Auch seine „Briefe 
über das deutsche Theater“ hat der Herausgeber hier 
zum erstenmal aus dem Dunkel verschollener Zeitungs¬ 
literatur an das Licht gehoben. 

Die biographische Einleitung Houbens schöpft 
gleichfalls aus einem umfangreichen Material an Briefen 
und Aktenstücken, die bis dahin nicht benützt werden 






432 


Chronik. 


konnten, und bietet ungemein viel Neues in der an¬ 
sprechenden Form, die auch die Leser dieser Hefte 
an Houbens Feder kennen. Anderes grundlegendes 
Material wurde gesichtet und nachgeprüft, und vielfach 
ergab ydiese Revision zugleich abweichende Resultate 
von dem, was bisher von anderer Seite mitgeteilt wurde. 

Auch das außerordentlich sorgfältig zusammen¬ 
gestellte Register muß erwähnt werden. Die Ausgabe 
umfaßt zehn Bände (in fünf gebunden) und zeichnet 
sich gleich den übrigen Hesseschen Publikationen durch 
seine saubere Ausstattung und seinen billigen Preis aus. 

—m. 

Der Nationalroman der Spanier, Cervantes ’ un¬ 
sterblicher Don Quichotte de la Mancha, ist nun, etwas 
verspätet zum Jubiläum, auch in einer aus einem be¬ 
sonders nationalen Produkt des Landes hergestellten 
Liebhaberausgabe erschienen, nämlich auf Blättern 
aus Korkholz. Zu dem zweibändigen Werk, das im 
Verlage von M. Viader zu San Felin de Guirolo in der 
Originalsprache erschien, sind über 20000 Blätter be¬ 
nutzt. Der künstlerische Leiter der Ausgabe, M. Carivell, 
Direktor einer der Hauptbibliotheken Barcelonas (in 
dessen Umgegend sich große Waldungen von Kork¬ 
eichen befinden), hat kürzlich vor einer Versammlung 
im dortigen Athenäum die Einwände widerlegt, daß das 
blätterige Korkholz infolge seiner Struktur zu Buch¬ 
material etwa nicht dauerhaft genug sei; die Blätter aus 
dieser Rinde sollen von unvergleichlicher Geschmeidig¬ 
keit sein und es mit den besten Papiersorten aufnehmen 
können. Ein spanischer Ingenieur, Artiga, hat erklärt, 
die Blätter des Buches seien von unbegrenzter Halt¬ 
barkeit und so dauerhaft wie das beste Pergament. 
Man kennt überdies Korkstücke aus demX. und XL Jahr¬ 
hundert, die noch völlig gut erhalten sind. Zudem sind 
die Blätter durch ein besonderes Verfahren aseptisch 
gemacht und können demgemäß jedem Schaden durch 
Würmer und ähnliche Bücherfeinde Widerstand leisten. 
Gesetzt ist das Werk mit alten gotischen Schriftzeichen 
von Inkunabeln und ausgestattet mit polychromen 
Initialen und Kopfstücken, zu denen die alten Hand¬ 
schriften und reichgezierte Missalen aus spanischen 
Kirchenschätzen als Vorbilder dienten. Die Auflage 
ist auf 52 Exemplare beschränkt; davon war die erste 
Nummer für König Alfonso XIII. bestimmt, die übrigen 
sind vorausbestellt bis auf3 Exemplare, die der Verleger 
(seiner Anzeige und einer redaktionellen Notiz in der 
„Bibliographie de la France“ zufolge) in Paris im Juli 
v. J. zum Verkauf anbot durch seinen Vertreter Arturo 
Vinardell Böig, 10 rue Alphonse Daudet. B. 

Mit der uns vorliegenden zweiten Hälfte des zweiten 
Bandes schließt das Werk von Paul Kersten (Verlag 
Wilhelm Knapp, Halle a. S. 1906) über „ Moderne Ent¬ 


würfe für Bucheinbände“ ab. Wie unsere Leser sich 
erinnern werden, behandelte der erste Band Leder¬ 
bände, der zweite Ganzleinenbände. Die letzten Liefe¬ 
rungen fahren fort, hübsche Dessins in Farbenblind¬ 
pressung und Goldprägung zu bringen. Das pikante 
und doch feine Korn des Englischleinens in seinen zahl¬ 
losen Farbstellungen eignet sich prächtig zur Unterlage 
für Zierlinien und Mosaiken. Meist ist auch die Spiegel¬ 
mitte in der Art freigehalten, daß der Buchtitel darauf 
angebracht werden kann. Einzelne Blätter, wie Tafel 17 
des zweiten Bandes, auf denen links unten ein unregel¬ 
mäßiges Feld für den Titel bestimmt scheint, gehört 
nicht zu den glücklichsten Erfindungen. Bei der Anord¬ 
nung der Rückenmotive ist stets auf genügend Schrift¬ 
raum Rücksicht genommen. Das ganze Werk kann 
Buchfreunden wie Buchbindern, die den großen buch¬ 
gewerblichen Zentren ferner stehen, w-arm zur Anregung 
ihres Geschmackes und zur Anleitung zu eigner 
Schöpfung empfohlen werden. Noch wertvoller wäre 
das schöne Werk allerdings, wenn es auch kurze Aus¬ 
weise über den ungefähren Kostenpunkt — abzüglich 
der natürlich nach Dicke und Erhaltungszustand stark 
variierenden Arbeiten am Block selbst — enthielte. Wir 
sind schon verschiedenfach gefragt worden: wer macht 
mir so etw'as und was kann es mich kosten? 

—m. 

Einer der in unserer Zeit der Arbeitsteilung höchst 
seltenen Buchkünstler, die ihre Arbeit nicht nur mit 
Holzschnitten und Buchschmuck ausstatten, sondern 
auch selber setzen, drucken und heften, ja sogar in 
eigenem Verlage herausgeben, ist der Däne Kristian 
Kongstad in Fredensborg bei Kopenhagen. Vorjährig 
veröffentlichte er eine Sammlung von 12 Monats¬ 
gedichten des jüngst verstorbenen dänischen Ly¬ 
rikers Viggo Stuckenberg, und jetzt ist aus seiner 
Presse hervorgegangen ,,Sören Kierkegaard, Aforismer“, 
aus dem Hauptwerk des 1855 4 dänischen Religions¬ 
philosophen „Entw r eder-Oder“ (das ja auch deutsch vor¬ 
liegt), ausgewählt von Kongstad. Der Künstler hat der 
auf 300 numerierte Exemplare beschränkten Ausgabe 
(auf Büttenpapier) ein schönes Porträt des Verfassers 
beigegeben, nach einer unsignierten Bleistiftzeichnung 
im Besitze der Kopenhagener Königlichen Bibliothek 
in Holz geschnitten. Das Lockenhaar darauf und der 
Schmuck der Vorsatzblätter, eine Schnecke mit ihrem 
Haus links unten, ein Schmetterling rechts oben, sind 
farbig, erstere braun, letzterer blau gedruckt; der Text 
in Morristypen, die einzelnen Sentenzen durch blaue 
Rosetten getrennt. Der Titel steht auf dem blauen 
Umschlag, mit grünem Shirting-Rückenstreifen, zwischen 
zwei Rosettenleisten in Gold; unter der Schmutztitel¬ 
zeile ein wundervoller Blumen- und Fruchtkorb. Das 
schmucke Büchlein ist für Kr. 2.50 von seinem Heraus¬ 
geber und Verfertiger zu beziehen. B. 


Nachdruck verboten. — Alle Rechte Vorbehalten. 

Für die Redaktion verantwortlich: Fedor von Zobeltitz in Berlin W. 15. 
Alle Sendungen redaktioneller Natur an dessen Adresse erbeten. 


Gedruckt von W. Drugulin in Leipzig für Velhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig auf Papier der Neuen Papier-Manufaktur 

in Stralöburg i. E. 









ZEITSCHRIFT 

FÜR 

BÜCHERFREUNDE. 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz. 

io. Jahrgang 1906/1907. __ Heft 11: Februar 1907. 


Verlorene Bücher und Peter Philipp Wolf: 
ein vergessener Schriftsteller. 

Von 

Max Harrwitz in Berlin. 


erloren gegangene Bücher — 
welchen Bibliophilen reizt es 
nicht, sie kennen zu lernen, 
vielleicht in der stillen Hoff¬ 
nung, gelegentlich eins von 
ihnen zu finden; sicherlich aber 
interessiert ihr Schicksal, denn „habent sua fata 
libelli“, und dieser Spruch gilt doch gewiß am 
meisten von verschollenen Werken. 

Verloren gegangen sind im Laufe der Jahr¬ 
hunderte hauptsächlich die alten Schulbücher, 
die Donate usw., verbraucht, zerlesen und fort¬ 
geworfen. Verloren sind ferner viele der gericht¬ 
lich unterdrückten und verbotenen Werke, 
der Pasquille, der Sektenschriften, der religions- 
oder regierungsfeindlichen Streitschriften. 

In Frankreich ist unlängst zum drittenmal 
eine Zusammenstellung solcher Bücher er¬ 
schienen und sie läßt erkennen, daß das Schick¬ 
sal dieser Raritäten meist erklärlich ist. Auch 
für die deutsche Literatur wäre ein ähnliches 
Verzeichnis gewiß von großem Interesse. Die 
von der Auskunftsstelle der deutschen Biblio¬ 
theken veranstaltete Gesuchliste bietet dazu eine 
brauchbare Grundlage, wenn auch eine gründ¬ 
liche Sichtung des gebotenen Materials not¬ 
wendig sein wird. Denn zweifellos wird sich 
z. f. b. 1906/1907. 


das eine und andere der dort vergeblich 
gesuchten Bücher gelegentlich in Privat¬ 
bibliotheken oder Antiquariatslagern doch noch 
entdecken lassen. 

So fand ich selbst z. B. einen in der Lite¬ 
raturgeschichte als selbständiges Buch ver- 
zeichneten Roman von Sass, „Die rote Grete“, 
der durch die Gesuchliste auf keiner deutschen 
Bibliothek aufgefunden werden konnte, in einem 
Jahrbuch als ersten Beitrag enthalten. Bei 
richtigerer Angabe wäre das Werk sicher zu 
finden gewesen. 

Nach dieser kurzen Abschweifung komme 
ich zu meinem eigentlichen Thema, von einem 
Buche handelnd, das sich durch die Gesuchliste 
ebenfalls auf keiner deutschen Bibliothek vorfand. 

Das Werk, das schließlich in bester Erhaltung 
doch noch in meinen Besitz gelangt ist, führt den 
Titel „Magister Skriblerus Es erschien im 
Jahre 1803 zu Leipzig bei P. Ph. Wolf. Bereits 
eine flüchtige Durchsicht des Inhalts fesselte 
mich stark, und da der Roman mir in meiner 
mehr als 25jährigen Praxis meiner Erinnerung 
nach nie vorgekommen ist, interessierte es mich 
besonders, den Verfasser festzustellen. Das Deut¬ 
sche Anonymen-Lexikon versagte, aber Kaysers 
Bücher-Lexikon nannte mir im Nachtrag auf 

55 








434 


Harrwitz, Verlorene Bücher und Peter Philipp Wolf: ein vergessener Schriftsteller. 


Seite 153 als Verfasser Peter Philipp Wolf, 
also denselben, der auf dem Titel als Verleger 
genannt ist Die Richtigkeit dieser Angabe 
fand ich in Meusel - Hamburgers Gelehrten- 
Lexikon bestätigt. Sie ist also in Holzmann 
und Bohattas Anonymen-Lexikon nachzutragen. 

Doch wer ist dieser Verfasser des „Magister 
Skriblerus“, dieser Peter Philipp Wolf? Die 
unsicheren und in verschiedenen Bänden ver¬ 
teilten Angaben Meusels, die ihn erst Buch¬ 
handlungsgehilfen, dann Verlagsbuchhändler 
und schließlich Professor in München und zu¬ 
gleich Buchhändler in Leipzig sein lassen, waren 
nur dazu angetan, mein Interesse rege zu halten, 
ebenso auch die weiteren Notizen über seine 
Werke: Romane, Schriften über und gegen 
die Jesuiten, historische Forschungen u. a. mehr. 

Daß der Verfasser über den Buchhandel 
sowie über die Literatur seiner Zeit und das 
Schriftstellertum gut Bescheid weiß, zeigt der 
Inhalt des „Magister Skriblerus“; denn der 
Roman ist eine Satire auf den Buchhandel, auf 
das lesende und bücherkaufende Publikum, auf 
die aus Gewinnsucht schreibenden Schriftsteller. 

Was ich über den Verfasser fand, ist nicht 
viel, aber es zeigt, daß das Schicksal seiner 
Schriften demjenigen seiner Lebensschicksale 
gleicht; auch er ist unverdient vergessen worden, 
auch er hat sich nicht recht durchringen 
können trotz aller mutigen Kämpfe, auch ihn 
hat ein tragisches Ende dahingerafft. Sein 
Leben ist eine Odyssee im Kleinen. 

Ich folge in der Schilderung seines Lebens 
hauptsächlich einem Vortrage, den Professor 
Dr. A. v. Kluckhohn „zur Erinnerung an Peter 
Philipp Wolf“ in der Sitzung vom 3. Dezember 
1881 in der Königl. Bayerischen Akademie der 
Wissenschaften hielt und der in den Sitzungs¬ 
berichten der historischen Klasse des genannten 
Jahres (Bd. II, S. 449 u. folg.) abgedruckt ist. 
Eine übersichtlichere, aber gekürzte Biographie 
aus der Feder des Hofrats Dr. Sieg. Riezler 
findet sich in den „Deutschen Biographien“. 

Wolf wurde am 28. Januar 1761 als Sohn 
eines Schlossermeisters zu Pfaffenhofen in Ober¬ 
bayern, nahe Ingolstadt, geboren. Er studierte 


in München auf verschiedenen Schulen und 
wurde für den geistlichen Stand bestimmt. 
Da er Jesuiten zu Lehrern gehabt hatte und 
ihren schädlichen Einfluß an den Quellen kennen 
lernen konnte, widerstrebte sein freier Geist 
dieser Art von Erziehung und er floh von 
München nach Straßburg ohne Geld, ohne 
Empfehlung, sogar nur notdürftig bekleidet. Ge¬ 
zwungen durch den Mangel an allem Not¬ 
wendigen kehrte er jedoch bald nach München 
zurück, wo er durch seine Eltern in das Kloster 
zu Weihenstephan bei Freising als Alumnat ge¬ 
bracht wurde, um nun doch noch Geistlicher zu 
werden. Wiederum trieb ihn der Klosterzwang 
fort und es glückte ihm, bei dem Buchhändler 
Strobel Unterkunft zu finden, um dort den 
Buchhandel zu erlernen. Infolge von Diffe¬ 
renzen, die der junge und freiheitliebende 
Zögling mit dem leicht erregbaren Chef hatte, 
trat er in eine andere Buchhandlung über, 
wodurch er seinen einstigen Chef kränkte. 
Dieser rächte sich, indem er, als eine anonyme 
Schmähschrift gegen ihn erschien, Wolf als 
Verfasser verklagte, da nur dieser einige in der 
Schrift gemachte Angaben hätte wissen können. 
So wurde Wolf auf ein Jahr eingesperrt. 

Kaum freigelassen, verließ er sofort wiederum 
München (wohl im Jahre 1783 oder 1784) und 
ging in die freie Schweiz, wo er in Zürich beim 
Ratsherrn und Buchhändler Füssli Aufnahme 
fand. 

Füssli war mit dem intelligenten und 
kenntnisreichen Gehilfen so zufrieden, daß er 
ihm nach einiger Zeit die Redaktion der in 
seinem Verlage erscheinenden Züricher Zeitung 1 
anvertraute. Er redigierte sie neun Jahre lang 
und lernte während dieser Zeit Französisch, 
Englisch und Italienisch, hatte regen Verkehr 
mit Pestalozzi und verfaßte inzwischen auch eine 
Geschichte der Jesuiten in vier Bänden, die nicht 
geringes Aufsehen erregte. Brachte sie ihm 
doch sogar einen Ruf nach Wien ein, dem er 
aber nicht Folge leistete. 

Vielmehr machte er sich alsbald unter 
anderen Arbeiten an die Abfassung eines noch 
größeren Werkes, einer Geschichte der römisch- 
katholischen Kirche, von der der erste Band 
im Jahre 1793 und später noch zwei weitere 
Bände in Zürich erschienen. 


1 Sie erscheint noch jetzt unter dem Titel „Neue Züricher Zeitung“ als 127. Jahrgang im alten Verlage von 
Orell Füssli in Zürich. Peter Philipp Wolf ist also einer ihrer ersten Redakteure gewesen. 




Harrwitz, Verlorene Bücher und Peter Philipp Wolf: ein vergessener Schriftsteller. 


435 


Welche Ursachen Wolf sodann veranlaßten, 
die Schweiz zu verlassen und seine Schritte 
nach Leipzig zu wenden, ist nicht aufgeklärt. 
Wir finden ihn 1796 in der sächsischen Buch¬ 
händlerstadt wieder, wo er sich als Verleger mit 
den ersparten Geldern niedergelassen hatte, um 
hauptsächlich seine eigenen Werke, besonders 
Band 4 und 5 seiner großen Kirchengeschichte 
zu edieren. Band 6 und 7 mit dem Nebentitel 
„Geschichte der Religion und Kirche in Frank¬ 
reich“ ist nicht mehr von ihm verfaßt, aber im 
Jahre 1802, anscheinend ebenfalls in seinem 
Verlage, herausgekommen; wenigstens scheint 
der außer ihm genannte Schmidt nur der 
Leipziger Kommissionär gewesen zu sein. 

Zugleich gab Wolf die Anregung zu anderen 
Verlagswerken, wie z. B. einer Staatengeschichte 
für die Jugend, für die er auch seinen 
früheren Lehrer und Freund Westenrieder in 
München für den bayerischen Teil zu gewinnen 
suchte. Seine verlegerischen Erfolge scheinen 
jedoch keine großen gewesen zu sein, sei es, 
daß er nicht über genügend Kapital verfügte, 
sei es, daß die ungünstigen Zeitverhältnisse 
besondere Schwierigkeiten boten. Große peku¬ 
niäre Verluste, die ihm ein Engländer zufügte, und 
die Erkenntnis, daß „nur mit schlechten Büchern 
ein gutes Geschäft“ zu machen sei, verleideten 
ihm den Buchhandel derartig, daß er sich ent¬ 
schloß, die Verlagstätigkeit in Leipzig auf¬ 
zugeben und nach München zurückzukehren. 
Der kampffrohe und wanderlustige Mann sehnte 
sich nach einem bescheidenen, ruhigen Posten, 
und wäre es auch nur, wie er an den Historiker 
Westenrieder schrieb, „die Stelle eines Nacht¬ 
wächters“ gewesen. 

Er siedelte also in der zweiten Hälfte des 
Jahres 1803 nach München über und widmete 
sich als „noch zurzeit privatisierender Ge¬ 
lehrter“ wieder ausschließlich den historischen 
Forschungen und schriftstellerischer Tätigkeit. 
Das erste größere Werk dieser Art, die Ge¬ 
schichte Maximilians I. und seiner Zeit, deren 
Abfassung ihm im Jahre 1804 durch kurfürstliche 
Verfügung übertragen wurde, begann 1806 zu 
erscheinen und wurde dem Kurfürsten gewidmet. 
Ein zweiter Band folgte 1807, während zwei 
weitere Bände infolge seines Todes von Breyer 
herausgegeben wurden. Unbestreitbar war 
Wolf der erste, der das ungeheuere Quellen¬ 
material dieser Zeitepoche aus den Archiven 


zusammengestellt und für die Geschichte nutz¬ 
bar gemacht hat. 

Es hat den Anschein, als ob ihm bereits 
bei Übertragung dieser wichtigen Arbeit ein 
Ruf an die bayerische Akademie mit dem Titel 
„Professor“ in Aussicht gestellt wurde. Man 
plante damals schon eine Reorganisation dieses 
Instituts, die freilich erst später eintrat. Denn 
erst nach 5 Jahren, also 1808, erfüllte sich Wolfs 
Hoffnung; damals wurde ihm auch zugleich mit 
dem Diplom als Mitglied der Akademie, mit 
welchem ein Gehalt von 1200 fl. verbunden war, 
das Privilegium zur Herausgabe der Münchener 
Zeitung verliehen. Dieses Diplom, das vom 
12. Januar 1808 datiert ist, trägt die Unterschrif¬ 
ten Jacobis, Schlichtegrolls und Westenrieders. 

Man muß es als ein tragisches Geschick 
bezeichnen, daß Wolf, der im Leben so viel ge¬ 
kämpft und gelitten hatte, nun, da er an dem Ziel 
seiner Wünsche angelangt war und einer sorgen¬ 
losen Zukunft entgegensehen konnte, wohl in¬ 
folge Überanstrengung lebensmüde wurde; es 
scheint, daß er bereits zu der Zeit, da er mit Erfolg 
an dem bedeutendsten Werke, das er hinterließ, 
der Geschichte des Kurfürsten Maximilian, ar¬ 
beitete und die Anerkennung des Königs fand, 
der ihm den Hofratstitel verlieh, einer geistigen 
Umnachtung entgegenging und daß diese Er¬ 
kenntnis selbstmörderische Neigungen in ihm 
wachrief. Schon sollten durch eine königliche 
Verfügung Maßregeln getroffen werden, um den 
gemütskranken Mann in eine Heilanstalt unter¬ 
zubringen, als er auf einem Spaziergang, sich 
den Augen des ihm beigegebenen Wärters ent¬ 
ziehend, am 10. August 1808 bei Bogenhausen 
sich in die Isar stürzte und nur als Toter den 
Fluten entrissen werden konnte. Sein einstiger 
Lehrer und FYeund Westenrieder berichtet, daß 
Wolf „närrisch“ geworden sei und sich schon 
öfters hätte das Leben nehmen wollen; nach 
Westenrieders Aufzeichnungen wäre bereits der 
9. August als Todestag anzusehen. 

A. v. Kluckhohn gibt in seinem Vortrage 
„Zur Erinnerung an Peter Philipp Wolf“ der 
festen Ansicht Ausdruck, daß Wolf „ein Opfer 
der übermäßigen Anstrengungen geworden, die 
er sich von frühem Mannesalter an auferlegte“. 
Die buchhändlerischen Mißerfolge in Leipzig 
mögen den damals bereits verheirateten Mann, 
der für eine Familie zu sorgen hatte, hart 
mitgenommen haben. Bei seiner Rückkehr 





436 


Harrwitz, Verlorene Bücher und Peter Philipp Wolf: ein vergessener Schriftsteller. 


nach München scheint er sich alsdann mit 
Feuereifer in die archivalischen Vorarbeiten für 
das große Werk seines Lebens, die Geschichte 
Maximilians, gestürzt zu haben, da er in wenigen 
Jahren bereits neben seiner Tätigkeit als Redak¬ 
teur der Münchener Zeitung zwei Bände dieses 
Werkes fertig stellte und den dritten Band im 
Manuskript hinterließ. Allerdings mußte sein 
Nachfolger in der Akademie, der mit der Fort¬ 
setzung des Werkes betraut wurde, der Histo¬ 
riker Brey er, diesen dritten Band in seinem 
letzten Teil umarbeiten, 
da er bereits Spuren 
der geistigen Umnach¬ 
tung Wolfs aufwies. 

Durch die Freund¬ 
lichkeit eines Urenkels, 
des Herrn Ludwig Wolf, 

Inhabers der Königl. 

Hof- und Universitäts¬ 
buchdruckerei Dr. C. 

Wolf & Sohn in Mün¬ 
chen, bin ich instand 
gesetzt, das einzige von 
ihm existierende Por¬ 
trät, nach dem im Be¬ 
sitz der Familie befind¬ 
lichen Gemälde von 
Edlinger, den Lesern 
vor Augen zu führen. 

Dies Originalgemälde 
soll allerdings nicht 
ganz getreu sein; es 
läßt besonders den 
Ausdruck der Energie, 
wie mir scheint, vermissen, während die hohe 
Begeisterungsfähigkeit, die Wolf auszeichnete, 
seine Herzensgüte und besonders die un¬ 
gewöhnlichen Leiden seiner Jugendjahre in 
dem Bilde kräftigen Widerhall finden. Das 
Porträt wurde von Karl Wolf, einem Urenkel 
Wolfs, einem Bruder des obengenannten Herrn, 
im Jahre 1867 in vorzüglich gelungener Litho¬ 
graphie reproduziert. 

An dieser Stelle sei im Anschluß an die 
Erwähnung jener beiden Urenkel noch des 
einen Sohnes Wolfs gedacht, der auch den 
Vornamen Wolf führte und ebenfalls wie sein 
Vater dem Buchhandel lebhaftes Interesse ent¬ 
gegenbrachte. Er war „der Philosophie und 
beider Rechte Doktor“, Privatdozent an der 


Ludwig-Maximilians-Universität und bürger¬ 
licher Buchdrucker zugleich. Als solcher hat 
er im Jahre 1829 eine Broschüre: „Uber den 
Deutschen Buchhandel“ neben anderen Schriften 
über gewerbsrechtliche Fragen, die er zum Teil 
selbst verlegte, verfaßt. Über andere Nach¬ 
kommen Wolfs spreche ich noch. 

Es haben sich einige recht umfangreiche 
Briefe Wolfs an Westenrieder erhalten, die nicht 
nur über die Arbeitsweise dieses Buchhändler- 
Gelehrten und die Verlagsunternehmungen des 

gelehrtenBuchhändlers 
Auskunft geben, son¬ 
dern auch über seine 
Verbindung mit be¬ 
deutenden Männern 
wie Wieland, Weisse 
und anderen, und ferner 
interessante Schlag¬ 
lichter auf seinen vor¬ 
nehmen Charakter, 
seine Selbsterkenntnis 
und Bescheidenheit 
werfen. So beginnt 
einer dieser Briefe, vom 
10. Januar 1797 aus 
Leipzig datiert, den 
Kluckhohn in dem 
schon mehrfach er¬ 
wähnten Vortrage „Zur 
Erinnerung an P. Ph. 
Wolf“ ganz wiedergibt 
und der an Prof. Westen¬ 
rieder in München ge¬ 
richtet ist, wie folgt: 

„Verehrungswürdiger Herr! — Mein Lehrer und 
mein Freund! 

Ich nehme mir im Ernste vor, in so lesbarer Hand¬ 
schrift als mir nur immer möglich seyn wird, an Sie zu 
schreiben. Ich zweifle aber, daß mir mein Vorsatz 
gelingen werde. Ich bin durch das Schnellschreiben, 
wozu mich meine Geschäfte nöthigen, so sehr ver¬ 
wöhnt, daß ich nicht hoffen darf, jemals wieder eine 
erträgliche Handschrift schreiben zu können. Zudem 
hat mich auch, worüber ich mich nun freylich schämen 
sollte, die Bemerkung, daß unter Buchhändlern selten 
Schönschreiber gefunden werden, verführet, meine 
eigene Handschrift zu vernachlässigen. Inzwischen 
danke ich Ihnen recht sehr für Ihre freundschaftliche 
Erinnerung. Von meinem Lehrer, dem ich so viel zu 
verdanken habe, und den ich nie vergessen werde, 
kömmt mir selbst eine kleine Bestrafung nicht un¬ 
gelegen. Bey der Herausgabe der kleinen Welt¬ 
geschichte hatte ich, wie Sie aus meiner in ver- 



Peter Philipp Wolf. 
Edlinger pinx., K. Wolf lith. 1867. 










Harrwitz, Verlorene Bücher und Peter Philipp Wolf: ein vergessener Schriftsteller. 


437 


schiedenen gelehrten Zeitungen abgedruckten An¬ 
kündigung ersehen haben werden, keine andere Ab¬ 
sicht, als die Kenntnis der Geschichte, die in allen 
Verhältnissen des bürgerlichen Lebens so überaus 
wichtig ist, und so zu sagen für die erste Stufenleiter 
zur wahren gesellschaftlichen Aufklärung angesehen 
werden kann, auf eine angenehme Weise zu befördern, 
und dadurch vielleicht auch etwas zur Verbesserung 
des durch schlechte Schriftsteller verdorbenen Ge¬ 
schmackes beyzutragen. — Ich habe mich dabey zwar 
geäußert, daß eine gute Darstellung und ein reiner 
deutscher Styl Haupteigenschaften dieser Geschichte 
seyn werden. Aber ich setzte zugleich hinzu, daß ich 
weit entfernt sey, dem Publikum statt der Geschichte 
einen Roman nach der Mode aufzutischen, und daß 
ich mich zur Ausführung meines Vorhabens mit 
Männern verbunden habe, welche als Geschichts¬ 
schreiber anerkannte Verdienste hätten, und von denen 
es nicht zu befürchten wäre, daß sie die Geschichte 
nach der Weise elender Romanschreiber verderben 
würden. Wenn also mein Plan dieser Absicht gemäß 
und so ausgeführt werden kann, als ich ihn auszuführen 
versprochen habe, so dürfte das ganze Unternehmen 
nicht so fest in Merkantilrücksichten ein¬ 
träglich, als auch in Beziehung auf die 
Literatur verdienstlich seyn . . .“ (Dieser 
Brief zeigt uns Wolf zugleich als ideal 
angelegten Verleger, wie er überhaupt 
viele interessante literarische und buch¬ 
händlerische Einzelheiten enthält.) „Für 
die beyden nächstkünftigen Messen habe 
ich schon alles, was für meinen Verlag 
gedruckt werden soll, festgesetzt. Wenn 
Sie also die Freundschaft für mich haben 
wollten, mir die eine oder andere Ihrer 
Arbeiten zum Druck zu überlassen, so 
könnte ich mich nur dahin verpflichten, sie 
zur Oster-Messe 1798 gedruckt zu liefern. 

. . . Sie können, wenn Sie Briefe an mich 
hierher übermachen wollen, sich entweder 
der Adresse des Herrn Docktors und Pro¬ 
fessors Eschenbach, oder aber des Steuer¬ 
revisors Schneider, am Grimmaischen 
Thore, in dessen Hause ich wohne, be¬ 
dienen. Weisse lebt hier still, aber geehrt. 

Ich habe ihn nur ein paarmal in den heu¬ 
rigen Winterkonzerten gesehen. Gellerts 
Grab war eines der ersten der hiesigen 
Denkmähler, das ich nicht blos in Augen¬ 
schein nahm, sondern wobey ich auch mit 
einer Art Andacht verweilte. Ohne Zweifel 
ist die musterhafte Regierung unsers 
Churfürsten, die gemäßigte aufgeklärte 
Denkungsart unserer hiesigen ersten 
Magistratspersonen, der gute Ton in den 
besseren Gesellschaften, und überhaupt 
der sanfte Charakter der Aufklärung, der 
hier im Allgemeinen herrscht, wohl das 
schönste Denkmal für die Verdienste des 
guten Gellerts. Überhaupt war sein Zeit¬ 
alter das schöne Zeitalter der Literatur...“ 


Nicht minder interessante Einblicke gewährt 
ein Brief von ihm, ebenfalls an Westenrieder 
gerichtet, vom 14. Februar 1797, aus dem 
hier folgende Stelle herausgegriffen sei: 

„Ich bin, um Sie doch auch von meinem häus¬ 
lichen Zustande zu unterrichten, ungeachtet meiner 
körperlichen Schwächlichkeit gleichwohl fortdauernd 
gesund gewesen. Ich nenne nämlich Gesundheit das 
Vermögen, immer mit dem Geiste arbeiten zu können, 
ohne von körperlichen Qualen gepeinigt zu werden. 
Es wäre unbescheiden, wenn ich Sie alles dessen, was 
ich seit 13 Jahren, die ich von München entfernt bin, 
gearbeitet habe, erinnern wollte. In der That aber 
gehörte auch wohl eine sehr feste Gesundheit dazu, 
alles das zu leisten, was ich nur in Zürich geleistet 
habe, wo ich einen großen Theil der Orellischen Hand¬ 
lungsgeschäfte besorgte, nebenbey die in dieser Hand¬ 
lung herauskommende politische Zeitung neun Jahre 
hindurch schrieb, französisch, italienisch und englisch 
lernte, und für den Druck noch außerdem weit mehr 
arbeitete, als ich meiner Ehre wegen hätte arbeiten 
sollen. Indessen aber ist mir diese Zeit so schnell 



Titelkupfer zum ersten Bande von Wolfs Allgemeiner Geschichte der 
Jesuiten. (Zürich, Orell, Geßner, Füßli & Co. 1789.) 

























438 


Harrwitz, Verlorene Bücher und Peter Philipp Wolf: ein vergessener Schriftsteller. 


dahin geflohen, daß ich statt Jahren nur Augenblicke 
gelebt zu haben vermeyne. Nur meine beyden Kinder, 
die allen meinen Stolz und alle meine Lebensfreude 
ausmachen, erinnern mich durch das Größerwerden, 
daß ich schon seit 5 Jahren Ehemann und seit 4 Jahren 
Vater bin. 1 

Ich kann, wenn ich in meine betrettenen Lebens¬ 
pfade zurücksehe, nicht genug die Wunder der Vor¬ 
sehung preisen, der ich es allein zu verdanken habe, 
daß ich in eine Lage versetzt worden bin, die mich 
gleichsam nöthigte, meine Kräfte zu üben. Der Himmel 
weiß, was aus mir geworden wäre, wenn mich ein 
widerlicher Zufall nicht aus München vertrieben hätte. 
Ich könnte es durch mein eignes Beyspiel erhärten, 
wie wenig eine Erziehung in einem Seminar, wie das 
in München ist, taugt. Rohe Studentensitten, von denen 
man selbst in gesetzteren Jahren noch immer etwas 
zurückbehält, asketischer Stolz, mönchische Heucheley, 
jugendlicher Eigendünkel sind die Klippen, an welchen 
selbst die hoffnungsvollsten Jünglinge scheitern können. 

Es ist unbescheiden, soviel von mir selbst zu 
schwätzen. Ich bitte Sie, mir diese Art von Ruhm¬ 
redigkeit zu verzeihen . . . .“ 

Es folgt dann die Antwort auf einen ihn 
ehrenden Auftrag des Adressaten, den er nicht 
ganz ablehnt: 

,,Sie müssen mir aber Zeit dazu lassen. Die Be¬ 
sorgung der Buchhandlung, die ich ganz allein ohne 
alle Gehülfe führe, läßt mir kaum soviel Zeit übrig, 
als ich nöthig habe, die angefangene Geschichte der 
römischen Kirche nach und nach zu beendigen. Zudem 
bin ich Willens, die letztem Theile dieses Werkes, 
welche die Geschichte der durch die Revolution hervor¬ 
gebrachten Veränderungen in der französischen Kirche 
enthalten werden, sehr ausführlich zu bearbeiten, indem 
ich die verschiedenen Broschüren, die in Frankreich 
über diesen Gegenstand während der Revolution 
herausgekommen sind, schon über die Anzahl von 
600 Stück als nothwendige Subsidien für meine Arbeit 
gesammelt habe. Allen diesen Wust zu durchgehen, 
zu lesen, zu exzerpieren, zu vergleichen, an Ort und 
Stelle zu rangieren, erfordert ebenfalls Zeit, die ich 
genau Zusammenhalten muß . . . .“ 

Wolf gibt dann interessante Schilderungen 
des Gelehrtenlebens in Leipzig, referiert über das 
Journalwesen, wobei er nicht versäumt, drei 
französische Journale, deren Debit für Deutsch¬ 
land er besitzt, zu empfehlen, und bespricht 
voll Entrüstung das literarische Ereignis des 
Jahres, den Schiller - Goetheschen Xenien- 
almanach, den er „eine wahre Schande für die 


Literatur“ nennt „Was sich zwey Menschen, 
die als schöne Geister einen Ruf erhalten haben, 
nicht alles erlauben!“ Er verbindet damit ein 
günstiges Urteil über Nicolai: „Um die Wieder¬ 
herstellung der deutschen Litteratur hat er un¬ 
streitig sich verdient gemacht. Seine Zanksucht 
rührt zum Theil von den Schwachheiten des 
Alters, noch mehr aber von einem gewissen 
Merkantilgeist her, der ihn jede Gelegenheit 
wahrnehmen lälit, eine Aufsehen erregende 
Schrift ins Publikum zu bringen . . .“ 

Aus den übrigen erhalten gebliebenen Briefen 
Wolfs ersehen wir, dali seine verlegerischen 
Unternehmungen nicht sehr erfolgreich waren. 

„Mein Gewerbe läßt mich überhaupt die traurigsten 
Erfahrungen machen. Ich sehe, daß die entsezliche 
Lesewuth des Publikums weit eher durch schlüpfrige 
Romane als durch irgend ein Werk, worinn feine Sitten 
mit Kunst und Geschmack beschrieben sind, befriedigt 
werden kann. Spieß und Cramer sind gegenwärtig 
an der Tagesordnung, und es ist traurig, daß gegen 
solche Schmierer kein geistreicher Schriftsteller die 
Konkurrenz aushalten kann. Das nämliche gilt auch 
von politischen Schriften. Je heftiger und ungesitteter 
ihrTon ist, je mehrere Leser finden dieselben. Schriften, 
worin die Gegenstände des Tages mit Gründen und 
ruhiger Vernunft abgewogen werden, bleiben ungelesen, 
oder finden ein sehr kleines Publikum. 

Unter meinen neuen Verlagsbüchem befindet sich 
auch eines, wovon ich wünschte, daß Sie es lesen 
möchten. Ich habe es nicht gewagt, Ihnen dieses 
Werk (es heißt: Lucifer oder gereinigte Beyträge zur 
Geschichte der französischen Revolution) in einem 
Paquete zu senden. Ich bitte, lassen Sie Sich dasselbe 
von Hrn. Lindauer für meine Rechnung geben. Der 
Verfasser heißt Oelsfier, und privatisiert seit mehreren 
Jahren in Paris. Den Gang der französischen Revolution 
hat wohl schwerlich ein anderer mit so vielem Scharf¬ 
sinn als er beobachtet. Der nämliche Oelsner ist auch 
Verfasser der beyden Vorreden zu Sieyes Schriften, 
und mehrerer Aufsätze in der Klio, und in den Bey- 
trägen zur Geschichte der französischen Revolution. 
Aus dem Verlage des Hrn. Gessners werde ich Ihnen 
nächstens ein neues Buch unter dem Titel: Meine 
Nachforschungen über den Gang der Natur in der 
Entwickelung des Menschengeschlechtes, übersenden. 
Der Verfasser, von welchem Sie ohne Zweifel den 
vortrefflichen Volksroman, Lienhard und Gertrud, ge¬ 
lesen haben werden, ist einer der originellsten Köpfe, 
die ich kenne. Was er ist, das ist er ganz durch sich 
selbst. Er hat dem Bücherstudium durchaus nichts zu 


1 Im Jahre 1792 hatte er nach mancherlei Schwierigkeiten sich einen eigenen Herd begründet, indem er sich mit 
Elisabeth Sytz in Ehrendingen vermählte. Der Ehe entsprossen zwei Kinder. Das eine derselben war die Malerin Louise 
Wolf, geboren am 10. Februar 1798 zu Leipzig. Vergleiche über sie die Deutschen Biographien (1898) und Nagler, Künstler- 
Lexikon Bd. 22. Nach dem Urteil Hyac. Hollands scheint sie sowohl die edlen Charaktereigenschaften als auch die 
Federgewandtheit von ihrem Vater geerbt zu haben. Sie ist unvermählt am 4. Juli 1859 zu Bogenhausen bei München 
gestorben. 




Harrwitz, Verlorene Bücher und Peter Philipp Wolf: ein vergessener Schriftsteller. 


439 


verdanken. Er liest wenig Gedrucktes. Ich habe in 
seinem persönlichen Umgänge zu Zürich (er ist ein 
Züricher) ungemein viel vergnügte Augenblicke ge¬ 
nossen. Mit Rousseau sympathisirte er in seinem Leben 
am meisten. Zur Zeit, als dieser noch lebte, besuchte 
er ihn jährlich ein paarmal . . . .“ 

Nach weiteren literarischen Berichten fährt 
er fort: 

„Sie haben allerdings recht, es zu mißbilligen, daß 
ich mich zu früh ins Gebiet der ernsthaften Wissen¬ 
schaften gewagt habe. Die Natur hat mich mit einer 
sehr reichlichen Gabe von Einbildungskraft versehen, 
die mir bev meinen historischen Arbeiten mehr als 
einen schlimmen Streich spielen mußte. Indessen 
fehlte es mir von meinen Kindesbeinen her an jener 
fröhlichen Laune, die der schöne Geist haben muß, um 
seinen Arbeiten den nöthigen Gehalt von Witz zu geben. 
Meine Jugend war außerdem durch äußere Umstände 
schon sehr frühzeitig von mancherley Unglücksfällen 
bestürmt, und meine Einbildungskraft, die in einer 
günstigeren Lage nach fröhligen Gestalten gehascht 
hätte, gewöhnte sich daher an traurige Bilder. In einer 
solchen Gemüthsstimmung wurde daher die Politik 
bald das Steckenpferd, worauf ich mich herumtummelte. 
Ich fieng an für dieses Fach alles zu sammeln, was ich 
entweder durch wohlfeile Preise in Auktionen oder 
durch Geschenke guter Freunde zusammen bringen 
konnte. Ich habe auf diesem Wege eine Bibliothek 
erworben, die gegen 3000 Bände meistens historischer 
Werke enthält. 

Die Geschichte der Jesuiten verdankt einem ganz 
besonderen Umstande das Daseyn. Der Prinzipal 
der Orellischen Buchhandlung führte mich einst auf 
die Stadtbibliothek zu Zürich. In derselben fand ich 
eine besondere Reihe Schriften, welche sich auf 
die Jesuiten und ihre Geschichte bezogen, und die 
von einem reichen Engelländer, nebst einem Capital, 
von dessen Zinsen noch fernere Schriften ähnlichen 
Inhalts angeschafft werden sollten, dahin geschenkt 
worden sind. Es waren gegen 1000 große und kleine 
Werke, die meisten in englischen Band gebunden, und 
als Buchbinderstöcke, womit sonst die Rücken der 
Bücher geziert werden, fand ich theils Eulen, theils 
Dolche auf den Rücken und auf den Deckeln der Bände. 

Meine Begleiter.äußerten sich, daß sich aus 

diesen Materialien eine Ordensgeschichte bearbeiten 
ließe. Diese Aeußerung fiel wie ein Funken in meine 
Seele. Ich hatte keine Ruhe mehr, und entdeckte der 
Orellischen Societät meinen Wunsch, eine solche Ge¬ 
schichte zu schreiben. Den nämlichen Tag noch hatte 
ich alle 1000 Bände mit Eulen und Dolchen auf meiner 
Stube: Ich fieng mit Eifer die Arbeit an, und brach 
mir von dieser Zeit an stets einige Stunden von meinem 
Schlaf ab, oder ich arbeitete vielmehr, ohne Tag und 
Nacht wahrzunehmen, immer so lange, bis ich vor 
Müdigkeit mich hinlegen mußte. Mein Tagewerk fieng 
sich oft schon wieder vor Mitternacht an ... . Je 
weiter ich in der Arbeit fortrückte, je mehr Lust 
bekam ich dazu. Ich ahndete, daß ich wohl von Rom 
aus einige brauchbare Subsidien erhalten könnte. Ich 


suchte dort einen Correspondenten, und da in Rom 
alles feil ist, so gelang es mir bald, von wichtigen 
Sachen, die nie im Drucke erschienen sind, Abschriften 
zu erhalten. Außer zweyen Nachdrücken ist die ziem¬ 
lich starke Originalausgabe nahe daran, vergriffen 
zu seyn. Ich habe mehr Beyfall erhalten, als ich ver¬ 
diente, und ich wünschte jetzt, dieses Werk von den 
unzähligen Fehlern zu reinigen, und in einer ganz ver¬ 
änderten Gestalt wieder neu erscheinen zu lassen . . . .“ 

Die wenigen uns überkommenen Briefe 
Wolfs sind so ungemein charakteristisch und 
so inhaltreich, daß man nur bedauern kann, 
nicht mehr von seiner Korrespondenz erhalten 
zu finden. Außer den Menschen zeigen die 
Briefe uns Wolf hauptsächlich als Buchhändler 
und als Historiker. Der Schriftsteller Wolf 
kommt dabei etwas zu kurz weg. 

Ich lasse hier zunächst ein Verzeichnis aller 
mir bekannt gewordenen Schriften und Werke 
Wolfs folgen, und zwar die meisten unter genauer 
Beschreibung nach Exemplaren, die sich in 
meinem Besitz befinden. Ich möchte aber gleich 
vorweg die Vermutung aussprechen, daß damit 
die Bibliographia P. Ph. Wolfiana noch nicht er¬ 
schöpft sein dürfte. Sicherlich wird noch manche 
anonym oder pseudonym erschienene Schrift aus 
seiner Feder existieren oder vielleicht in Verlust 
geraten sein; nach Kenntnisnahme seiner Schreib¬ 
weise wird es wohl auch noch gelingen, dieses 
Dunkel insbesondere über frühere Arbeiten, so¬ 
zusagen über seine literarischen Jugendsünden, 
aufzuhellen. Nicht einmal das oben erwähnte 
Pamphlet, dessentwegen er als Jüngling in 
München verurteilt wurde, konnte bisher dem 
Titel nach einwandfrei festgestellt werden. 

Die folgende Liste ist zwar chronologisch 
aufgestellt, aber spätere Ausgaben sind ebenso 
wie später erschienene Fortsetzungen unter das 
Jahr des ersten Bandes der Original-Ausgabe 
eingeordnet. Kurze Notizen zur Illustrierung 
des Dunkels, das bei Wolfs Schriften in den 
Bibliographien herrscht, sind beigefügt. Ich 
komme weiter unten auf den Inhalt der Bücher 
ausführlicher zu sprechen. 

1. Erzählungen zum Tröste unglücklicher Menschen 
von Peter Philipp Wolf. München bey Jos. v. Crätz 
1784. 190 Seiten u. 1 Blatt Inhaltsverzeichniß. Mit 

hübscher satirischer Titelvignette, von Söckler in Kupfer 
gestochen, die den Tanz um die Narrenkappe und 
Masken darstellt. (Vergl. das Faksimile auf Seite 441). 





440 


Harrwitz, Verlorene Bücher und Peter Philipp Wolf: ein vergessener Schriftsteller. 


Das Buch, eins der ersten oder vielleicht das erste 
von Wolf verfaßte, ist dem bekannten Hofrat Karl 
v. Eckartshausen gewidmet. In Kaysers Bticher-Lexikon 
wird J. Lindauer als Verleger genannt, während mein 
Exemplar und das in der Münchener Hof- und Staats- 
Bibliothek [Signatur 8° P. O. Germ. 1637] aufbewahrte 
den obengenannten Verleger auf dem Titel trägt. 
J. v. Crätz ist vermutlich der Münchener Buchhändler, 
bei dem Wolf seine zweite Stellung fand, nachdem er 
von Strobel (oder Strobl?) fortgegangen war. Der 
Ladenpreis des Buches war 9 Groschen. Der Name 
des Verfassers ist auf dem Titel genannt. 

2. Salvator, oder merkwürdige Beiträge zur Ge¬ 
schichte uns ers Philosophischen Jahrhunderts. (Nürn¬ 
berg) 1784. 271 Seiten mit Titelvignette von Verfielst in 
Kupfer gestochen. (Vergl. das nebenstehende Faksimile.) 

Anonym erschienen und ohne Druckort. Kaysers 
Bücher-Lexikon gibt Grattenauer in Nürnberg als Ver¬ 
leger an. Ein Exemplar ist in meinem Besitz. 

3. Lilienberg, eine deutsche Originalgeschichte. 
Frankfurt und Leipzig 1784. 2 Blatt und 216 Seiten, mit 
kleiner Titelvignette in Holzschnitt. 

Anottym erschienen und ohne Angabe des Ver¬ 
legers. Motto rückseits des Titels: „Dicere verum, 
quid vetat? —“ Das seltene Werk, von dem ich bisher 
nur ein Exemplar in der Münchener Hof- und Staats¬ 
bibliothek (Signatur L. O. Germ. 1637 6 ) fand, enthält 
eine interessante gedruckte Widmung: „An mein 
teutsches Vaterland“, die P. P. W. unterzeichnet ist; 
sie schließt mit den Worten: „und wer sein Vater¬ 
land liebt, der wird desswegen, weil ich frei schrieb, 
keinen Stein auf mich werfen.“ 

Der Roman ähnelt in mehrfacher Beziehung dem 
unter No. 2 aufgeführten Werke „Salvator“. 

Auch hier handelt es sich um ein moralphilo¬ 
sophisches Buch, und zwar in dem Maße, daß der 
Verfasser sich veranlaßt sieht, die Nachsicht des Lesers 
mehrere Male zu erbitten, da er fürchtet, langweilig zu 
werden. Auch hier wird eine eigenartige Erziehungs¬ 
geschichte dargestellt, auch hier spielt ein idealer 
Pflegevater, allerdings zum Unterschied neben einem 
idealen Vater in dem früheren Werk „Salvator“, eine 
Rolle. Auch hier gibt Wolff gewissermaßen in Wahrheit 
und Dichtung seine Lebensgeschichte oder wenigstens 
viele Ausschnitte daraus. Auch hier endlich ergreift der 
Verfasser die Gelegenheit, scharfe Angriffe gegen Per¬ 
sonen von großem politischem und nach seiner Ansicht 
schädlichem Einfluß zu unternehmen. 

Aber Wolf glaubte, daß nach dem Geschmack 
seiner Leser eine Liebesgeschichte dazu gehöre, um 
Interesse zu wecken und deshalb hat er eine größere 
Wertheriade eingeflochten, die er auf S. 75 vorweg 
wie folgt ankündet: 

„Wenn es dem zärtlichen Theil meiner Leser 
beliebt, ietzt eine Pause zu machen: so will ich nichts 
dagegen einwenden. Denn selbst ich habe hier eine 
sehr lange Pause gemacht, um Feuer vom Himmel zu 
rufen, wenn das meinige zu schwach seyn sollte, der 
Geschichte, die ietzt für Jünglinge und Mädchen wichtig 
zu werden anfängt, Wärme und Leben mitzutheilen. 
Freilich sind alle Romane von dem, was ietzt folgen 


6 fl I D <t t0 1 

oDer 

nierfroürbtge 23etträ<je 

jur 

© c f cb i cf) t e 

% 

unfcr* 

fpbifoMlc&cn 3aljrl)untfrtf. 



MDCSLXXXIV. 


Titel zu P. P. Wolfs ,,Salvator“. Nürnberg 1784. 

wird, angefüllt, und ich werde mich hier und da der 
traurigen Nothwendigkeit ausgesetzt sehen, nichts 
Neues mehr schreiben zu können. Doch das schadet 
nichts. Würde man wohl sonst so viele Romane lesen, 
wenn man sich nicht immer gerne das alte Lied wieder¬ 
holen ließe? — Ob mein Lilienberg so zärtlich, wie 
Siegwart, seufzen, und so rasend, wie Werther, schwärmen 
könne: Davon wird mein Leser in den folgenden Büchern 
genau unterrichtet werden.“ 

Diesen Liebesroman läßt Wolf seinen Helden als 
Studenten, anscheinend in Heidelberg, erleben, wobei 
er das allzu flotte Leben der Studenten verurteilt. 
Der Roman läßt übrigens an verwickelten Szenen 
nichts zu wünschen übrig und zeigt drastisch, in welchem 
Umfang Wolf seiner Phantasie die Zügel schießen 
lassen konnte. Zwischendurch geht die Erzählung 
eines Einsiedlers, der als früherer Mönch über die 
schrecklichen Zustände des Klosterlebens berichtet, 
insbesondere die Erziehung der Jesuiten und das Zölibat 












Harrwitz, Verlorene Bücher und Peter Philipp Wolf: ein vergessener Schriftsteller. 


441 


® r j «51 u 1131 n 

Jttm 

%, t p f t e 
«ti g l ü c f (t c C) e 1* 

i Ml f c| Mt 

Ha 

g3eter qM)Utpp SSolf* 

35cui fittttt 4t«rt »on OttUMof 11 
jugeeifjuct. 

gngmjHji 

m 



*oc<xxxxxxxxx XX XXXXXXXXX xxxxxx» 
tm'indjcn, 

fcep 30fepl> »on £rä§. 1784. 


Titel zu P. P. Wolfs „Erzählungen“. München 1784. 


scharf verurteilt und der dem jungen Lilienberg seinen 
Liebesroman als Beichtvater schildert. 

Lilienberg, der Held des Buches, rettet schließlich 
seine Babet, die sich aus Liebespein und Lebens¬ 
überdruß ins Wasser gestürzt hat, und „der Himmel 
goß seinen Segen über die Glücklichen, und sie lebten 
in Liebe und Freude ein glückliches Leben“. 

Zweifellos hat auch dieses Werk Wolfs das gleiche 
Schicksal der Konfiskation ereilt, wie vermutlich den 
„Salvator“ und einige seiner anderen allzu scharfen 
Schriften. Die Angriffe gegen den allmächtigen Minister 
wären ja Grund genug zur Verfolgung gewesen, und 
auch die in fast allen Schriften Wolfs vorhandenen 
Seitenhiebe auf die Jesuiten würden dazu wohl auch 
ausgereicht haben. 

Erwähnt sei schließlich noch, daß auch in diesem 
Buche wie bei „Salvator" die Dialogform mit der Er¬ 
zählungsweise abwechselt und häufig Briefe wiederum 
letztere ablösen, so daß also die Geschichte in dreierlei 
Weise fortläuft. 

4. Tugend und Laster in Erzählungen und mo¬ 
ralischen Briefen. München bei Lentner 1785. 

Nach Kaysers Bücher-Lexikon gab es außer dieser 
Z. f. B. 1906/1907. 


Münchener Ausgabe zu 9 Groschen noch eine bei 
Gerold in Wien erschienene, die 16 Groschen kostete. 

5. Allgemeine Geschichte der Jesuiten von dem Ur- 
sprunge ihres Ordens bis auf gegenwärtige Zeiten. In 
4 Bänden. Zürich bey Orell, Gessner, Füssli Co., 
1789—92. Mit einer Titelvignette und einem größeren 
satirischen Frontispiece in Kupferstich (beide im ersten 
Bande). (Vergl. das Faksimile auf Seite 437.) 

Anonym (aber nur Band I; in Band II—IV ist der 
Verfasser genannt) erschienenes Hauptwerk Wolfs von 
beträchtlichem Umfang. Kaysers Bücher-Lexikon gibt 
Leipzig bei Schmidt als Bezugsquelle an; vermutlich 
hat Schmidt die Wolfsche Buchhandlung nach Wolfs 
Weggang von Leipzig weitergeführt, so daß er nur als 
Bezugsquelle anzusehen war. Angegebener Preis 6 Tlr. 

5 a. Titel wie No. 5, doch mit dem Zusatz: „heraus¬ 
gegeben von Peter Philipp Wolf“. In 4 Bänden Lissabon 
bei Pompal Co. 1792. Mit dem gleichen Frontispiece 
in etwas geringerem und wenig abweichendem Kupfer¬ 
stich (aber ohne Titelvignette). 

Vermutlich eine der zwei von Wolf im Briefe an 
Westenrieder erwähnten Nachdrucksausgaben. Druck¬ 
ort und Verleger sind fingiert und scheinen auf Nürn¬ 
berg hinzuweisen. 

5 b. Andere von Wolf erwähnte Nachdrucksausgabe, 
über die ich nichts näheres finden konnte. 

5c. Titel wie vorher, mit dem Zusatz: „von Peter 
Philipp Wolf. Zweyte durchaus verbesserte und ver¬ 
mehrte Auflage.“ Leipzig bey Peter Philipp Wolf 1803. 

Textlich abweichend von der ersten Ausgabe; 
sie führt ferner nicht das Frontispiece, wie auch im Text 
keine Andeutung darauf hinweist, während die anderen 
Ausgaben eine ausführliche Erklärung des Kupfer¬ 
stiches enthalten. 

6. Geschichte der römischkatholischen Kirche unter 
der Regierung Pius VL. In 7 Bänden. Zürich 1793, 
Germanien 1795 und Leipzig ... 1802. Mit den Porträts 
Pius VI. und Josephs II. als Frontispieces, letzteres von 
Lips in Kupfer gestochen, während ersteres ein ano¬ 
nymer Kupferstich ist. 

Kaysers Bücher-Lexikon gibt für Band 4—7: Wolf 
und in Klammern Schmidt, wohl den Nachfolger der 
Wolfschen Buchhandlung in Leipzig, als Besitzer an 
und als Kaufpreis für diese 4 Bände 4 Taler 22 Gr., 
während Band 1—3 in Zürich als bei Gessner erschienen 
und als Preis 4 Taler genannt wird. Ferner sagt 
Kayser von Band 6 und 7, daß sie auch unter dem 
besonderen Titel „Geschichte der Religion und Kirche 
in Frankreich“ ausgegeben wurden. 

7. Geschichte der Veränderungen in dem religiösen, 
kirchlichen und wissenschaftlichen Zustande der öster¬ 
reichischen Staaten unter der Regierimg Josephs II. 
Zürich 1793 bei Gessner. 

Nach Kaysers Bücher-Lexikon zitiert. Preis 1 Tlr. 
16 Gr. 

8. Versuch über die Begriffe des Rechts. Münster 
1798 bei Platvoort. 

Kayser nennt Coppenrath als Bezugsquelle und 
zitiert neben einer gewöhnlichen Ausgabe, die 4 Gr. 
kostete, noch eine auf Schreibpapier zum Preise von 














442 


Harrvvitz, Verlorene Bücher und Peter Philipp Wolf: ein vergessener Schriftsteller. 


9. Über die Wiederherstellung der Jesuiten. Luzern 
1799 - 

Kayser gibt als Bezugsquelle Schmidt in Leipzig 
und als Preis 5 Gr. an. 

1 o. Vorschlag zu einer Reformation der katholischen 
Kirche. Leipzig und Luzern bei Gessner, Usteri und 
Wolf 1800. 

Von Kayser als bei Schmidt zum Preise von 7 Gr. 
erhältlich aufgeführt. 

11. Magister Skriblerus. Ein komischer Roman. 
Leipzig bey Peter Ph. Wolf 1803. 356 Seiten. 

Anonym erschienen und von Kayser im Nachtrag 
des Bücher-Lexikons auf Seite 153 (ohne den Zusatz: 
Ein komischer Roman) verzeichnet; als Verleger ist 
Schmidt in Leipzig genannt. Preis 1 Tlr. 4 Gr. Fehlt 
bei Goedeke. Kein Exemplar auf deutschen Biblio¬ 
theken. Ein Exemplar in meinem Besitz. 

12. Kurzgefaßte Geschichte, Statistik und Topo¬ 
graphie von Tirol. München bei Jos. Lindauer 1807. 
8 und 324 Seiten. 

Kayser führt dies Buch richtig an; Preis 1 Tlr. 4 Gr. 

13. Geschichte Maximilians I. und seiner Zeit. 
Pragmatisch aus den Hauptquellen bearbeitet. Band 1 
bis 3. München 1807—1809 bey Jos. Lindauer. Mit je 
1 Kupfer (Porträts). 

Kayser führt nicht ganz korrekt 4 Bände (Band 3 
und 4 von K. W. Fr. von Breyer, Band 4 auch unter 
dem Titel: Geschichte des 30jährigen Kriegs 1. Band) 
mit 2 Kupfern. München 1807—11 bei Lindauer an. 
Preis des ganzen Werkes 11 Tlr. 12 Gr. In Wirklich¬ 
keit sind Band 1—3 von Wolf verfaßt; Band 4, von 
Breyer fortgesetzt, trägt ebenfalls den Zusatz: „be¬ 
arbeitet von Wolf”, weil er das Material bereits zu¬ 
sammengetragen hatte. Ich komme weiter unten auf 
dieses Werk zurück. 

Hierzu kommen noch: 

14. Die Züricher Zeitung. Zürich bei Orell, Füssli 
& Co., wohl aus den Jahren 1785—94(?) 

und 

15. Die Münchener Zeitimg aus den Jahren 1807(?) 
und 1808, Zeitungen, die beide zweifellos viel aus seiner 
Feder brachten, da er sie ja redigierte. 

Es fehlt in dieser Liste ferner jene Schrift, die Wolf 
auf Anzeige seines früheren Chefs eine Haftstrafe und 
die Verweisung aus München einbrachte. 

Das erste der genannten Bücher (die „Er- 
zähhmgen zum Tröste wigUicklicher Menschen “), 
das auf dem Titel den vollen Autornamen 
und die Zueignung an den Hofrat und Geheimen 
Archivar von Eckartshausen trägt, enthält eine 
vierseitige in sehr unterwürfigen Worten ver¬ 
faßte Widmung: 

„Der ehrenvolle Beyfall, mit welchem das 
Publikum die edlen Zeugnisse Dero menschen¬ 
freundlichen Gesinnungen und die reifen 


Früchte Dero Bemühungen aufnimmt, hat mich 
zu dem kühnen Entschluß gebracht, E. G. 
gegenwärtige Erzählungen zu widmen . . . . 
Dieß war auch immer mein lebhaftester Wunsch, 
für Unglückliche schreiben zu können. Man 
macht so kostbare Anstalten, die Glücklichen 
zu belustigen; und den Betrübten ihren Kummer 
zu benehmen, wird so wenig Thätigkeit an¬ 
gewendet. 

„Ew. Gnaden waren der erste Schriftsteller 
meines Vaterlandes, der die Sprache des Herzens 
mit so vielem Nachdrucke und so guten Er¬ 
folgen reden konnte . . . .“ Es folgt dann 
ein für Wolf ungemein charakteristisches Vor¬ 
wort an die Leser und die Kritiker, in dem er 
schließlich bekennt, daß er darauf gefaßt ist, 
daß das Buch eventuell in die Makulatur 
wandere. „Und dann hat es ein Ende.“ Das 
Werk enthält 23 kleine Geschichten mit Titeln 
wie „Die Familie“, „Die weise Frau“, „Der 
Jüngling“, „Skizze aus der Geschichte meiner 
Jugend“, „Etwas von den Geheimnissen der 
Philosophie“, „Philipp und Marie, oder die 
glückliche Familie“, „Die Nonne“ usw. Viele 
dieser Geschichten schließen sich inhaltlich an¬ 
einander an; sie sind alle hübsch und interessant 
geschrieben, mit Wärme und viel Gefühl. 
Einige enhalten offenbar PMebnisse aus Wolfs 
eigenem Leben. Alle sind sie moralisierend, be¬ 
handeln zum Teil Liebesaffären und gehen oft 
in Dialogform über. Riezler sagt von ihnen 
treffend: „Es sind Sittengemälde aus dem Leben 
der Gegenwart, entworfen mit der ganzen Emp¬ 
findung des Zeitalters und mit der Bitterkeit, 
welche die herben Schicksale der eigenen 
Jugend und der auf dem Bayern Karl Theodors 
lastende geistige Druck dem Verfasser ein¬ 
flößten.“ 

Im auffallenden Gegensatz zu der hübschen 
Ausstattung steht der fehlerhafte Druck, der 
auf schlechtes Korrekturlesen hindeutet. Viel¬ 
leicht war der Autor während der Drucklegung 
nicht mehr in München. 

Das unter No. 2 verzeichnete Werk, der 
Roman „ Salvator “, erschien anonym und ohne 
Druckort. Wer Wolfs andere Bücher kennt, 
die stets größere Vorreden enthalten, wird es 
auffallend finden, daß hier die Vorrede fehlt. 
Der Autor hatte aber bei diesem Buch alle Ur¬ 
sache, jede Andeutung seiner Autorschaft zu 
vermeiden. „Salvator“ ist ein revolutionäres 



Harnvitz, Verlorene Bücher und Peter Philipp Wolf: ein vergessener Schriftsteller. 


443 


Werk im besten Sinne, doch im Gegensatz zu 
dem vorhergehenden in so scharfer Sprache 
geschrieben, so voll von Angriffen nicht gegen 
herrschende Systeme, sondern direkt gegen 
einflußreiche Personen, die mit Namen genannt 
sind, daß es Wahnsinn gewesen wäre, sich als 
Urheber zu nennen oder auch nur erraten zu 
lassen. 

Wenn „Salvator“ nicht urdeutsch wäre, son¬ 
dern französischen Ursprungs, so würde man 
staunen, mit welchem sicheren politischen Emp¬ 
finden der Verfasser die furchtbare Revolution 
vorausgeahnt, ja als sicher und bald eintreffend 
prophezeit hat. 

„Ein geschwächter, siecher Körper, ein un¬ 
fähiger Geist war unser Staat. Die Glieder 
waren heillos; das Haupt hatte kein Gehirne 
mehr; das Herz war zerrissen und die Säfte 
geschwächet. 

„Die Versuche, die man hie und da machte, 
das baufällige Gebäude noch vor einem gänz¬ 
lichen Sturz zu retten, gleichen wahrlich nur 
jenen schwachen Stützen, mit denen man ge¬ 
borstenen Häusern zu Hülfe kommt. Allein wie 
gefährlich ist es, in einem geflickten Hause zu 
wohnen, dessen Grund täglich und stündlich zu 
sinken anfängt! — Den morschen Grund aus¬ 
zuwühlen und neue Festen zu bauen, hierzu 
war man zu ohnmächtig, zu weichlich. Es wird 
diese mühevolle Arbeit einer Männergeneration 
aufbehalten, welche mit unsern kraftlosen Sitten 
unbekannt, keine Weiber mehr seyn werden. 
Ob diese glückliche Revolution noch ferne sey, 
oder ob wir wirklich schon gebohren sind, 
Augenzeugen, und wenn uns Muth und Kraft 
nicht gebricht, auch Mitarbeiter zu werden, das 
bleibt bisher noch ein Räthsel, an dessen Auf¬ 
lösung müßige Köpfe sich beschäftigen mögen.“ 

Soviel aus der Einleitung. 

Das Buch selbst schildert die Lebensge¬ 
schichte eines Mannes, der, das illegitime Kind 
eines berühmten Jesuiten, von seinem Adoptiv¬ 
vater, einem Dorfpfarrer, erzogen und bestimmt 
wird, ein Reformator zu werden. In der ersten 
Hälfte stellt es uns also eine Erziehungs¬ 
geschichte dar, die, wie oft bei Wolfs Arbeiten, 
teilweise in Dialogform abgefaßt ist. Salvator 
wird Jurist und lernt als Rechtsanwalt in 
M(ünchen?) Menschen und Charaktere kennen. 
Insbesondere verweilte er fast täglich in einer 
der bedeutenderen Buchhandlungen. „Die Auf¬ 


oder Abnahme der Wissenschaften glaubte er 
nirgends sicherer, als in einer Buchhandlung 
finden zu können.“ „Er hielt sich oft mehrere 
Stunden im Gewölbe auf, durchsuchte die Me߬ 
katalogen, bemerkte fleißig die Bücher, welche 
man kaufte, und fand zu seinem Erstaunen, 
daß das goldene Zeitalter der Wissenschaften 
schon lange vorüber seye. Die erstaunliche 
Menge der Schriften, die von einer Messe zur 
andern erscheinen, kann unmöglich eine solide 
Denkungsart erhalten, welche die wenigen, aber 
guten Bücher zu unterstützen suchen. Wenn 
in einem ganzen Jahre nichts, als ein Helvetius, 
Montesquieu, Robinet gedruckt würde; so hätte 
die Gelehrsamkeit wahrlich wichtigere Vortheile 
erhalten, als durch tausend Theaterschriften, 
Romane usw. Ich weiß nicht, ob man nicht 
mit Grund den Buchhändlern selbst zur Last 
legen sollte, daß keine wichtige, unsterbliche 
Schrift mehr gedruckt werde. Gewiß ist es, 
daß das Interesse eines Buchhändlers sehr 
vieles verlieren würde, wenn er einem Schrift¬ 
steller zur Bearbeitung seines Werkes so viele 
Zeit gestatten sollte, als zur Reife einer guten 
Schrift erfordert wird. Nebendem ist es auch 
soweit gekommen, daß man eine Zeitschrift, 
die man mit weniger Mühe und Gelehrsamkeit 
verfassen kann, höher bezahlet, als das tief¬ 
sinnige Werk eines philosophischen Denkers. 
Auch hindert der Geschmack des Publikums 
die Aufnahme großer Kenntnisse. Zu dieser 
Zeit herrscht die Sucht, Personal-Anzüglich¬ 
keiten zu lesen. Man kauft Pasquille, und haßt 
eine ernsthafte, philosophische Lektüre . . .“ 

Hieran schließen sich scharfe Angriffe gegen 
einige namentlich aufgeführte Prediger: „Sie 
sind jene Tartüfen, welche in den Beichtstühlen, 
und wohl auch selbst in den Häusern mancher 
Bürger Feindschaften stiften, Töchter entführen, 
Familien zu Grunde richten, die gute Sache 
unterdrücken . . .“ 

„Man sprach hierüber sehr vieles in der 
Buchhandlung, und erschienen auch Schriften, 
welche die Prediger zum Aergerniß aller Zeloten 
auf den Schandpranger stellten. Allein die 
traurige Folge war, daß man solche Schriften 
sogleich unterdrückte . . . .“ 

„In keinem Falle prostituieret sich ein hoch¬ 
löblicher Senat oft schändlicher, als bey der 
Confiskation eines Buches, und beweiset er durch 
so ein Verfahren nur gar zu deutlich, wie sehr 



444 


Harnvitz, Verlorene Bücher und Peter Philipp Wolf: ein vergessener Schriftsteller. 


es ihm an Einsichten und Klugheit fehle. Um 
ein Buch wichtig und bekannt zu machen, darf 
man es nur verbieten.“ 

„Wüßten doch die Herren (von der Obrigkeit) 
den Zusammenhang und die Verfassung des 
Buchhandels, wie bald würden sie einsehen, 
daß das Verbot die Verbreitung gefährlicher 
Schriften nicht nur nicht verhindere, sondern 
vielmehr befördere! Nach meiner Meynung wäre 
das erste Mittel, ein Buch unschädlich zu machen, 
ein gänzliches Stillschweigen . . 

Dieses Thema der Unterdrückung wird be¬ 
sonders ausführlich behandelt, speziell welche 
Bücher davon gewöhnlich betroffen werden. 

Es folgt nun ein recht charakteristisches 
Kapitel, in dem der Verfasser einen Dialog 
zwischen einem Verlagsbuchhändler und einem 
Schriftsteller ausführt. Der Buchhändler regt 
Salvator zur Abfassung eines Werkes an, 
das er in Verlag nehmen will, er macht ihm 
Vorschläge, gibt ihm Ideen, und Salvator 
„faßte den kühnen und in seinem Zeitalter 
höchst gefährlichen Entschluß, seine angenehmen 
Träume von Staatsverwaltung, von Fürsten¬ 
erziehung, von Religion und Sitten öffentlich dem 
Publikum mitzuteilen. Er schildert in seinem 
Helden freylich nur ein Ideale, aber ein Ideale, 
dessen Wirklichkeit der Patriot vergeblich 
wünschet.“ Diese Schilderungen, die nun folgen, 
sind sehr ausführlich und allerdings „idealster“ 
Art. Anordnungen, Gesetze, Strafen, alles wird 
eingehend auseinandergesetzt, eine Utopie 
von reinster Färbung. Selbst die Säkularisierung 
der Klöster ist nicht vergessen. „Wie glücklich 
wurden Mechmeths Unterthanen!“ 

„Lange berathschlagte sich Salvator, ob er 
sein Manuscript dem Buchhändler anvertrauen 
sollte. Es war, als ob er dessen Schicksal 
vorausgesehen hätte. Du hast hier, sagte er 
zu sich selbst, einen Roman geschrieben, der sich 
wirklich auf geschehene Beyspiele gründet....“ 
„Dennoch besiegte die Wahrheitsliebe diese 
Beweggründe“, heißt es weiterhin; der Verleger 
war entzückt, das Buch wurde gedruckt und 
verbreitet. „Was Salvator vermuthet hatte, 
geschah. Man sah dieß Buch als ein Pasquille 
auf große Herren an. Adel, Pfaffen, Damen, 
Räthe und Rathsdiener fanden sich äußerst 
beleidigt .... Der Buchhändler wurde zu 
einer beträchtlichen Geldbuße verurtheilt, und 
Salvator sitzt noch immer einsam ohne Ge¬ 


sellschaft, ohne Buch, ohne Dinte und Papier 
im Gefängniß, vielleicht auch ohne 1 Iofnung, je 
befreyet zu werden.“ 

Und nun aus der Rolle fallend, fahrt Wolf 
fort: „Und wird mich, den Verfasser des Salvator, 
wohl ein anders Schicksal erwarten? Ich habe 
Ursache, gleiche Mißhandlungen zu befurchten» 
da schon auch Schriften, welche mit mehr 
Phlegma verfaßt waren, den Verläumdungen 
und Pasquillen gleich gehalten wurden. Meine 
Freymüthigkeit, die gefährlichste Tugend eines 
rechtschaffenen Mannes, wird ohne Zweifel den 
Verlust meiner Freyheit, und meiner Ruhe 
nach sich ziehen. Ich weiß, daß man mich mit 
Gefängniß oder Landesverweisung oder gar mit 
Schimpf dafür bestraffen werde; und doch kann 
ich mich nicht bereden, meine Arbeit den Flam¬ 
men zu übergeben . . . .“ 

Der Schluß des ersten Teiles lautet: „Ich 
ende mit dem Wunsche, daß sich Sünder be¬ 
kehren, und Gerechte in ihrer Gleichmüthigkeit 
erhalten möchten. Beichte, Reu und Leid samt 
steifen Vorsatz wird nicht erklecken, den Laster¬ 
haften zu reinigen. Denn es ist auch diese 
eine kostbare Wahrheit, daß der, welcher ge- 
sündiget hat, seine Sünde an Leib und Seele 
mit sich ins Grab nehmen wird. — Die ihr 
eure Sünden alle Quartale beichtet, bedenket 
diese Wahrheit, und lebet gerecht. —“ 

Im zweiten Teil fährt Wolf dann mit seinem 
„Salvator“ fort. Das Buch des Helden wird 
öffentlich verbrannt, nachdem auch der leib¬ 
liche Vater des Verfassers, der Jesuitenpater, 
dagegen heftig vorgegangen ist. Salvator wird 
verurteilt, „drey Tage auf dem Pranger öffent¬ 
lich ausstehen und dann mit dem Staubbesen 
aus der Stadt gestäupt und ewig des Landes 
verwiesen zu werden“. 

Salvator muß also wandern und leidet, 
unbemittelt wie er ist, viel und schwer. „Der 
arme, unglückliche Mann! wie vieles Leiden 
verursachten ihm sein Patriotismus, seine auf¬ 
richtige, männliche Denkungsart, und seine edle 
Wahrheitsliebe!“ 

„Salvator fand allenthalben“, heißt es bei 
diesen Schilderungen seiner Leidenszeit, „auch 
in den entferntesten Reichen und Provinzen die 
Geschichte seines Vaterlandes wiederholt, und 
er fieng nunmehr an, zu begreifen, daß alle 
Bemühungen der Philosophie so lange ver¬ 
gebens sein werden, bis nicht durch eine große 



Hamvitz, Verlorene Bücher und Peter Philipp Wolf: ein vergessener Schriftsteller. 


445 


Revolution die ganze Verfassung der politischen 
Gesetze zu Grunde gehen wird . . . Ein¬ 
geschaltet wird dann die „fortgesetzte Re¬ 
gierungsgeschichte des Mechmeths, aus Salvators 
Tagbuch gezogen“, die recht interessante Ideen 
enthält. Namentlich die Einrichtung der Zensur, 
der Polizei und der Schulen usw. sind eigen¬ 
artig. Dabei unterläßt Wolf nicht, in Fußnoten 
scharfe Kritik an den Zuständen in München 
zu üben, besonders an den Klosterschulen. Es 
ist leider hier nicht möglich, auf den Inhalt 
dieser Ausführungen näher einzugehen, die er 
in Form der Gesetzgebung eines fingierten 
Ministers Abaleth im Reiche Mechmeths dem 
Leser bietet. Dabei erklärt er Mönche absolut 
für ungeeignet, Lehrer der Jugend zu sein. 
„Männer, deren Geist Berufsmäßig mit den ver¬ 
kehrtesten Prinzipien einer gesunden Vernunft 
angesteckt ist, Männer, deren Wissenschaft sich 
manchmal blos auf den Mechanismus, oder auf 
elende Theorien gründet, Männer, welchen man 
ordentlicher Weise keine Welt- und Menschen- 
kenntniß, keinen gebildeten Geschmack, keinen 
Patriotismus, keine bürgerliche Tugend zumuthen 
darf, solche Männer sind wahrlich unfähig, die 
National-Erziehung auf sich zu nehmen.“ Und 
fernerhin: „Mönche! was nutzen uns eure Philo¬ 
sophien und Theologien! Bürger, nützliche, 
redliche, tugendhafte, aufgeklärte Bürger und 
nicht Pfaffen und Mönche erziehet (für) uns!“ 

Im Staate Mechmeth werden daher auch alle 
Derwische von der Erziehung der Jugend fern 
gehalten und diese wird nur den einsichtvollsten 
und redlichsten Männern anvertraut. 

„Der Plan, nach welchem künftig die Jugend 
sollte erzogen werden, bestand hauptsächlich 
darinn, daß jede Classe der Bürger zu den ihr 
eigenen Pflichten und Diensten gebildet wurde. 
Man verbannte alle unnüzen Wissenschaften, 
und gieng die erste Sorge dahin, den erfinde¬ 
rischen und thätigen Geist der bürgerlichen 
und brauchbaren Gewerbe zu bilden. Alle 
mechanischen Künste, welche hierzu dienten, 
wurden aufgemuntert, und das Studium der 
Stadt- und Landwirthschaft als eine Sache von 
der ersten Wichtigkeit betrieben. 

„Die Moral, nach welcher der sittliche Theil 
des Menschen gebildet wurde, gründete sich 
ganz auf die Grundsätze der Tugend und 
Ehrlichkeit. Man wollte, daß jeder Bürger, 
auch ohne Hofnung eines Gewinnstes, blos 


durch das belohnende Gefühl der Ehrlichkeit 
zu den Pflichten seines Standes sollte auf¬ 
gemuntert werden . . . .“ Es wird nun der 
Plan besonderer Schulen entwickelt, in denen 
Gelehrte, Künstler, Adlige usw. unterrichtet und 
ausgebildet werden. 

Salvator kommt auf seinen Wanderungen 
auch zu einem (evangelischen) Pastor, der Ge¬ 
fallen an ihm findet. Er wird dringend ein¬ 
geladen, bei ihm zu bleiben und hat nun Ge¬ 
legenheit, in häufigen Unterhaltungen seine 
Ideen über die Religion dem Leser zu entwickeln. 

„Die wahre Religion,“sagt Salvator, „istTugend 
und Rechtschaffenheit. Der Urheber der mensch¬ 
lichen Natur kan von mit Vernunft und Willen 
begabten Wesen nichts, als die Erfüllung der 
Pflichten fordern. Das größte Verdienst der 
Sterblichen reicht nicht weiter, als hierher.“ 
In einer Fußnote bemerkt dazu der jugendliche 
Verfasser: „Ohne den Glauben ist keine Glück¬ 
seligkeit möglich, sagen die Theologen! Wer 
nicht glaubt, wird verdammt. — Wunderliche 
Dogmen! Ich glaube keine Widersprüche, keine 
unnatürliche Begebenheiten, keine tolle Märchen, 
und ich denke demohngeachtet, wenn ich ein 
ehrlicher Mann im ganzen Umfange bin, auf 
Glückseligkeit Ansprüche machen zu dürfen.“ 

Und an anderer Stelle läßt er Salvator 
sagen: „Der simpelste, und zugleich beste Gottes¬ 
dienst bleibt immer der dankbare Genuß dessen, 
was uns Gottes Güte bescheret. Unser Herz ist 
der Altar, auf welchem wir opfern , und unsere 
frommen und tugendhaften Gesinnungen die 
Opfer, welche dem Wesen aller Wesen allein 
gefällig sind . . . .“ 

Während Salvator noch bei dem Pastor 
weilt und dessen Tochter sich in den Jüngling 
verliebt, erhält dieser die Nachricht, daß der 
Fürst, der ihn verbannt hat, gestorben ist, und 
sein (Münchener) Buchhändler ladet ihn dringend 
ein, für seinen Verlag eine Lebensbeschreibung 
dieses verhaßten Regenten zu schreiben. Un¬ 
gern geht Salvator an die Arbeit, führt sie aber 
in gründlicher Weise aus, indem er die Fehler 
der Erziehung des Fürsten dem Leser vor 
Augen führt und ihr die Hauptschuld beimißt, 
weshalb die Regierungszeit des verstorbenen 
Herrschers so wenig befriedigt habe. 

Salvator wird nun in sein Vaterland feierlich 
zurückberufen und heiratet die Tochter des 
Pastors. Den Kenner der Biographie Wolfs 




446 


Harrwitz, Verlorene Bücher und Peter Philipp Wolf: ein vergessener Schriftsteller. 


wird dieser Schluß seltsam berühren, da Wolf 
1784 nicht ahnen konnte, daß er, der doch 
in dem Salvator sich selbst darstellte, 1803 nach 
München heimkehren, in Ehren aufgenommen 
und ebenfalls beauftragt werden würde, die Bio¬ 
graphie eines bayrischen Regenten zu schreiben. 

Wahrheit und Dichtung sind in dieser Auto¬ 
biographie eigenartig vermischt, ebenso wie 
moralisierende Tendenzen mit scharfen Angriffen 
gegen bestehende Zustände und Personen. Er¬ 
wägt man das jugendliche Alter und die ganz 
katholisch - mönchische Erziehung Wolfs, dann 
muß man staunen, zu welcher Höhe freier und 
unbefangener Denkungsweise er sich damals 
bereits aufgeschwungen hatte. 

Das unter No. 5 verzeichnete Werk (Ge¬ 
schichte der Jesuiten) scheint das einzige zu 
sein, das neben Nachdrucksausgaben auch eine 
neue Auflage erzielte. Seine Entstehungs¬ 
geschichte wurde uns durch die oben wieder¬ 
gegebene Briefstelle aus Wolfs eigenen Worten 
an Westenrieder bereits bekannt. 

Wolf leitete die erste Auflage seines Werkes 
folgendermaßen ein: „Ich habe nicht nöthig, 
die Veranlassung gegenwärtiger Schrift mit 
Gründen zu rechtfertigen, die mühsam aus der 
Ferne geholt sind. Man wird sie in der Nähe, 
und vornämlich in dem Bedürfnisse unseres Zeit¬ 
alters finden. Es ist nicht bloß Privatklage, es ist 
allgemeine Überzeugung aller Männer von Ein¬ 
sicht, daß die Jesuiten seit wenigen Jahren an 
Macht und Einfluß wieder ein fast entscheidendes 
Gewicht über Staaten, Stände und ganze Gesell¬ 
schaften erhalten haben . . . .“ Sein Urteil über 
die Jesuiten ist in den Worten des Vorworts 
enthalten: „Die Moral ihres Ordens, und ihr 
Ansehn, hat die Welt mit Heuchlern und 
Menschenmördern angefüllt. Man fürchtet den 
dummen Kopf eben so wie den klugen. Man 
hat nur zu viele Beyspiele, daß Dummheit und 
Witz von den Jesuiten zu gleichen Absichten 
und Zwecken mißbraucht werden.“ Trotz dieses 
scharfen Urteils muß dem Verfasser zugestanden 
werden, daß er bemüht blieb, sich den freien 
Blick nicht trüben zu lassen und objektiv zu 
schreiben. „Man wird eine Menge Aneckdoten 
vermissen, die hie und da in tausend Zeitschriften 
zerstreut liegen,“ sagt Wolf in der Vorrede zum 
Schlußband, „man wird es vielleicht tadeln, daß 
ich gewissen ziemlich laut gewordenen und bis 
zur Ermüdung des Publikums weitgetriebenen 


Gezänken keinen Werth beylegte. Allein, so 
wie man aus dem bisher befolgten Plane deut¬ 
lich genug absehen kann, das es mir in der 
Hauptsache nur darum zu thun war, eine all¬ 
gemeine Idee von dem Jesuitenorden darzustellen, 
so wird man auch leicht begreifen, daß ich 
ohne diesen allgemeinen Begriff zu verwirren, 
nicht leicht in das Detail von unzähligen mehr 
oder minder wichtigen Umständen mich ver¬ 
wickeln konnte . . . So hat Wolf es ver¬ 
standen, das außerordentlich umfangreiche, ihm 
teilweise handschriftlich von verschiedenen Seiten 
zuströmende Material zu sichten, zu prüfen und 
auszuscheiden und Brauchbares übersichtlich 
zu gestalten. 

In der Vorrede zum dritten Bande spricht 
sich Wolf über die Gründe aus, weshalb er die 
Anonymität fallen ließ. „Meine Freunde sind 
erschrocken, als sie dem zweyten Bande dieser 
Geschichte meinen Namen vorgesezt fanden. 
Sie haben mir über diese Unvorsichtigkeit, oder 
vielmehr über diese Eitelkeit, mündlich und 
schriftlich die betrübtesten Folgen für meine 
Ehre, für mein Leben, und was bey einem 
Schriftsteller, welcher, um mit der Authorschaft 
nicht darben zu müssen, sich um eine Ver¬ 
sorgung oder um ein Amt bewirbt, allerdings 
auch in Anschlag gebracht werden darf, für 
mein bürgerliches Glück prophezeihet . . . 

Er malt nun die Gefahren und Schwierigkeiten 
aus, die ihm bevorstehen könnten. „Allein 
ich dachte einerseits, daß in dem Falle, wenn 
die Jesuiten ein Interesse haben, einen Verfasser 
zu entdecken, es ihnen ein leichtes sey, denselben 
auszukundschaften. Andererseits beruhigte mich 
die Gewißheit, die ich von dem Daseyn so 
vieler wohldenkender Männer in meinem Vater¬ 
lande habe, deren Beyfall mir nicht gleichgültig 
ist....“ Mit letzteren meint Wolf besonders 
diejenigen „edlen Patrioten“, die seiner Bitte im 
ersten Bande des Werkes entsprachen und ihm 
Material lieferten, „unerschrockene Männer, 
welche über Kabalen erhaben, der Macht und 
der Rache der Gesellschaft trotzen“. Denn im 
allgemeinen fürchtete man sich vor dem Jesuiten¬ 
orden „wie vor einer Schlange, der man nicht 
zu nahe kommen kann, ohne von ihrem Stachel 
verwundet zu werden“. 

Es möge mir gestattet sein, noch einige Worte 
dem als Frontispiece (Abbildung auf Seite 437) 
beigegebenen Kupferstich zu widmen, der offen- 



447 


Harrwitz, Verlorene Bücher und Peter Philipp Wolf: ein vergessener Schriftsteller. 


bar von Wolf selbst entworfen ist. Er stellt ein 
„nach architektonischen Regeln aufgeführtes Ge¬ 
bäude“ dar und soll ein symbolisches und histo¬ 
risches Denkmal des Jesuitismus in seiner ganzen 
Größe verkörpern. In zwölf Nummern erklärt 
uns Wolf die einzelnen Teile des Gebäudes, von 
den „charakteristischen Werkzeugen der ersten 
Profession des Ordensstifters“ an, ferner der 
„Krone oder Dachung des Gebäudes“, nämlich 
den unzähligen Büchern ihrer Moralisten, des 
Busenbaums, Escobars usw., sodann der Haupt¬ 
säulen, die aus Kaufmannsgütern bestehen und 
den Handel der Jesuiten in allen Weltteilen 
anzeigen, weiterhin den zwei Hauptgestalten, 
der „Heucheley“ und dem „Fanatismus“ usw. 
bis zur „Grundfeste der Macht“, dem unerme߬ 
lichen Reichtum, Kassen, worin der Gewinn 
verborgen liegt. Hier zeigt sich recht sichtbar die 
Richtigkeit seiner Selbsterkenntnis in einem der 
Briefe an seinen Lehrer und Freund Westen¬ 
rieder, daß er über ein reiches Maß von Phantasie 
verfüge, die ihm manchen Streich spiele. 

In rechter Erkenntnis, daß ein derartiges 
Titelkupfer geeignet sei, ein Vorurteil gegen 
die Objektivität des Verfassers zu erwecken 
und eines ernsten historischen Werkes nicht 
angemessen erscheine, hat der Verfasser in der 
zweiten Auflage das Bild und die alberne Er¬ 
läuterung fortgelassen. 

Diese zweite Auflage wird mit einer ganz 
neuen Vorrede eingeführt. Wolf erwähnt darin, 
daß er neben Freunden „zweyerley Arten von 
Gegnern“ gefunden habe. „Die eine wundert 
sich, daß ich von den Jesuiten nicht noch viel 
Schlimmeres gesagt habe; die andere kann mir 
es nicht verzeihen, dieselben nicht als ganz un¬ 
schuldige, heilige, um Staat und Kirche höchst 
verdiente Leute geschildert zu haben. Es giebt 
fast überall einen Mittelweg; nur hier ist es 
schwer, einen solchen zu finden. Man kann, 
ohne die historische Wahrheit zu verletzen, 
von den Jesuiten das Schlimmste sagen . . . .“ 
Also auch nach zwölf Jahren hat der Verfasser 
sein Urteil nicht geändert. Er detailliert und 
begründet seine Ansicht. Namentlich von 
Interesse ist das, was Wolf von der Jugend¬ 
erziehung sagt, die er ja an sich selbst erproben 
mußte und gründlich kennen lernte. Sein Ge¬ 
samturteil fällt vernichtend aus und ist ein kräf¬ 
tiger Warnungsruf, der gerade damals nicht 
überhört werden konnte. 


Als Beigabe zu dieser Geschichte der Jesuiten 
befindet sich übrigens im vierten Bande aller 
Ausgaben, aber in der zweiten Auflage eben¬ 
falls bedeutend vermehrt, ein „Verzeichniß älterer 
und neuerer Schriften, den Jesuitenorden be¬ 
treffend“. Es umfaßt eng gedruckt fast hundert 
Seiten und ist ein schönes Zeichen des Fleißes 
und der großen Arbeitslust Wolfs, wenn es auch 
inzwischen längst durch bessere Bibliographien 
auf diesem Gebiete überholt worden ist. An¬ 
schließend folgt ferner noch ein Register über 
die vornehmsten Personen und Sachen, die in 
dem Werke Vorkommen. 

Unmittelbar an die Bearbeitung dieser Ge¬ 
schichte der Jesuiten schloß sich das unter 
No. 6 angeführte Werk (Geschichte der römisch- 
katholischen Kirche) an, das sich noch um¬ 
fangreicher gestaltete. Auch hier zeigt das 
Vorwort klar, aus welchem freiheitlichen Geiste 
heraus das Werk geschrieben wurde. „Es 
ist eine von Seite der bejochenden Parthey 
sehr laute Klage, daß es ihre Gegner, die Auf¬ 
klärer und Philosophen, darauf absehen, alle 
Religion aus den Herzen der Menschen zu 
reißen. Diese Klage bleibt aber sehr einseitig, 
so lange nicht entschieden wird, was für ein 
Begriff denn eigentlich mit dem Worte Reli¬ 
gion verbunden werden müsse. Will man einen 
bloß blinden Glauben an gewisse Systeme Reli¬ 
gion nennen; so ist freylich bekannt genug, 
daß jener Glaube seit einigen Jahren ziemliche 
Noth gelitten habe. Nimmt man, was noch 
häufiger geschieht, Religion und Kirche für 
eine und die nämliche Sache, so liegt es wieder 
klar am Tag, daß es mit der letzten gerade 
so mißlich stehe, als mit gewissen Regenten, 
welche von dem an sich sehr zweydeutigen 
Satze, daß alle obrigkeitliche Gewalt von Gott 
herrühre, Gelegenheit nehmen, ihr eigene 
Personen für eine göttliche Staatsgewalt an- 
sehen zu lassen.“ 

Ist es nicht staunenswert, daß ein in ganz 
katholischen Kreisen aufgewachsener Jüngling, 
der in einem Jesuiten-Seminar Unterricht erhielt, 
dann Buchhandlungslehrling wurde, sich zu einer 
so freien Denkungsart aufschwingen konnte? — 

Treffend sind auch die Worte, die seine 
historischen Studien begründen; sie zeugen für 
den Ernst, mit dem er die großen politischen 
Entwicklungen seiner Zeit beobachtete. „Nichts 
zeigt uns den Gesichtspunkt, aus welchem das 





448 


Harrwitz, Verlorene Bücher und Peter Philipp Wolf: ein vergessener Schriftsteller. 


Gegenwärtige beurtheilt werden muß, so deut¬ 
lich, als die Geschichte des Vergangenen. In 
ihr sehen wir die Quellen des Wohlstandes 
oder Verderbens der Völker, und in ihr hegen 
die Keime zu allen unsern heut zu Tage er- 
lebten Revoluzionen verborgen.“ 

Mit diesem klaren Blick und der großen 
Energie im Kampfe für Wahrheit und Recht 
bewahrte er sich ein schönes Maß von Be¬ 
scheidenheit. „Ohne mich je für fähig zu halten, 
den bessern Schriftstellern meines deutschen 
Vaterlandes an Einsicht und Geschicklichkeit 
gleich werden zu können; so würde ich mich 
doch gerne mit dem Verdienste bescheiden, 
etwas, wenn es auch noch so geringe wäre, 
zur Verminderung des Aberglaubens, zur Er¬ 
weiterung der Kenntnisse, und folglich zum 
Nutzen des Publikums beygetragen zu haben. 
Kann ich eines solchen Verdienstes sicher sein, 
so mag man mich, so laut man nur immer 
will, einen Enragee, einen Modephilosophen, 
einen Illuminaten, oder, was noch weit mehr 
zu bedeuten hätte, einen Jakobiner schelten.“ 
Und in der Tat sind ihm alle diese Vor¬ 
würfe gemacht worden, obgleich sie sich wider¬ 
sprechen und schon daraus auch am besten 
sich selbst widerlegen. 

Was nun den Inhalt und die Darstellungs¬ 
weise dieses groß angelegten Werkes betrifft, 
so kann man es ebenso wie das vorangehende 
nur mit ungewöhnlichem Interesse lesen. Man 
beachte z. B. das ausführliche Kapitel über Gass- 
ners Wundertaten. Besonders aber die zwei letz¬ 
ten Bände, die die „Geschichte der Verände¬ 
rungen, welche das Religion- und Kirchenwesen 
in Frankreich während der Revolution erlitten 
hat,“ enthalten, sind von aktuellstem Inter¬ 
esse, zumal sie von einem Zeitgenossen 
herrühren. Wolf benutzte zu dieser Arbeit 
nicht nur die großartige Sammlung Paul Usteris, 
die fast alles enthielt, was zur Zeit der fran¬ 
zösischen Revolution über ihren Verlauf erschien, 
sondern er las und studierte auch eifrig den,Moni¬ 
teur', „dieses in seiner Art einzige Tagblatt“, und 
er hatte ferner Gelegenheit, den größten Teil 
der französischen ausgewanderten Geistlichkeit 
näher kennen zu lernen und sich persönlich ein 
Urteil über sie zu bilden. „Ich habe mich“, 
sagt der Verfasser im Vorwort zum sechsten 
Band, „bemühet, dem Gange der Begebenheiten 
von Schritt zu Schritt zu folgen, mich fort¬ 


dauernd an die öffentlichen Verhandlungen in 
dem großen Volkssenate zu halten, und mit 
demselben, soweit es zur Zeichnung des Zeit¬ 
geistes, zur Karakteristik der entgegengesetzten 
Partey, zur Beleuchtung der gegen einander 
streitenden Interessen, und zur Berichtigung 
ungleicher Begriffe nöthig schien, die gelegen- 
heitlichen Handlungen und Meynungen des 
Augenblicks zu verbinden. Es ist möglich, 
daß man auch mir Parteylichkeit zur Last legen 
werde. Allein ich kenne und liebe keine andere 
Partey, als die Partey der Wahrheit und der 
Vernunft.“ 

Soviel über dieses zweite Geschichtswerk 
des damaligen Buchhandlungsgehilfen und 
Zeitungsredakteurs Wolf. Es sei nur noch 
darauf hingewiesen, daß das Erscheinen der 
sieben Bände des Werkes sich über eine 
Zeitepoche erstreckt, die für den Verfasser 
große Veränderungen brachte. Während die 
ersten Bände noch in Zürich erschienen, hatte 
anscheinend sein Freund Paul Usteri den Ent¬ 
schluß gefaßt und ausgeführt, eine Verlags¬ 
buchhandlung in Leipzig zu begründen und 
Wolf zum Geschäftsführer zu machen. Band 2 
und 3 tragen die Angabe: Germanien 1794 
resp. 1795 auf dem Titel, aber Band 4—6 
erschienen alsdann in der Peter Philipp Wölf¬ 
ischen Buchhandlung in Leipzig in den Jahren 
1 796—98, und Band 7 trägt die Bezeichnung: 
Leipzig bey Peter Philipp Wolf und Compagnie 
1802. 

Dieser letzte Band des Werkes, der mit 
dem charakteristischen Urteil über den Oppo¬ 
sition machenden Klerus schließt: „Allein sie 
stritten für die Sache der Kirche, und verloren 
die Sache der Religion scheint nach der Ab¬ 
sicht des Verfassers nicht als Schlußband ge¬ 
dacht zu sein, da er auf der letzten Seite die 
Worte „Ende des siebenten Bandes“ trägt. 
Tatsächlich ist aber nicht mehr erschienen. 

Während der Drucklegung des ersten Bandes 
dieses Werkes erschien die unter No. 7 ver- 
zeichnete historische Studie über Österreich, der 
eine rechtswissenschaftliche (?) Arbeit (No. 8) 
sowie eine zweite Schrift über seine Gegner, 
die Jesuiten, in den Jahren 1798 und 1799 
folgten. Diese Werke erschienen in Münster 
(fingierter Druckort?) und in Luzern (?). Leider 
waren mir alle drei bisher nicht zugänglich; sie 
scheinen recht selten zu sein. Das als No. 10 



Harrwitz, Verlorene Bücher und Peter Philipp Wolf: ein vergessener Schriftsteller. 


449 


bezeichnete Schriftchen (Vorschlag zu einer 
Reformation) tritt aus der Reihe der historischen 
Arbeiten auf religiösem Gebiete heraus und 
scheint eine Agitationsschrift zu sein, die be¬ 
stimmt war, Wolfs Gedanken über die Zustände 
in der katholischen Kirche praktische Folgen 
zu geben. Auch sie scheint das Prädikat 
„äußerst selten“ zu verdienen. 

Sie ist für unsere Zwecke schon allein wegen 
der Verlagsfirma recht interessant. Sie zeigt 
Wolf als Teilhaber eines Verlagsgeschäfts, dem 
Paul Usteri und Gessner angehörten. Ihr Inhalt 
ist nach Riezler ein solcher, der nur zum Teil 
später in Erfüllung ging, während er andrerseits 
eine „Unterschätzung des starren Beharrens und 
der zähen Lebenskraft der Kirche, welche den 
aufgeklärten Kreisen dieser Epoche gemeinsam 
war“, enthält. 

Da mir die Schrift bisher nicht zugänglich 
war, entnehme ich Zitate aus ihr dem Artikel 
aus der Deutschen Biographie. Hiernach 
hoffte Wolf, nachdem „eine fatale Reaktion 
beinahe alles Gute vernichtet, was Josef II. und 
Leopold II. gestiftet hatten“, von einer zusammen¬ 
zurufenden Kirchenversammlung durchgreifende, 
selbst vor den Dogmen nicht Halt machende 
Reformen, also Forderungen, die er bereits 
16 Jahre vorher im „Salvator“ und anderen 
Schriften gestellt hatte: Kampf gegen Aber¬ 
glauben, gegen falsche Wunder, gegen Pro¬ 
zessionen und überhaupt alle die Anstalten der 
gröbstsinnlichen Andacht, die doch nicht im¬ 
stande sein könnten, der Kirche ihr verlorenes 
Ansehen wiederzugeben. 

Von dem folgenden (No. n), anonym er¬ 
schienenen, wieder ganz anders gearteten Buche 
(Magister Scriblerus) ist es nicht geglückt, über¬ 
haupt noch ein Exemplar in irgendeiner öffent¬ 
lichen oder privaten Sammlung aufzufinden. Das 
einzige bekannte Exemplar befindet sich in 
meinem Besitz. Ein solches Faktum reizt an 
sich schon, den Inhalt dieses „komischen 
Romans“ kennen zu lernen. 

Hier zeigt sich nun, daß Wolf von seiner 
Phantasie nicht zuviel gesagt hat. Er fabuliert 
kühn darauf los, aber immer verbunden mit 
unerschöpflicher Satire, zum Teil in Dialog¬ 
form, auf die damaligen literarischen Zustände 
und mit scharfem Spott über die Geringwertigkeit 
der Taschenbücher, über Erziehungswesen, über 
den Buchhandel und seine Auswüchse, über 
z. f. B. 1906/1907. 


gewisse Sorten von Dichtern und Schriftstellern, 
über Kritiker, Philosophen und Staatsbeamten 
eifernd. Die Wiedergabe einiger Kapitelüber¬ 
schriften möge den Inhalt des Buches charak¬ 
terisieren. Es beginnt mit „Meine Studenten¬ 
jahre“, dann folgt „Mein erster Auftritt in der 
Gelehrtenwelt als Schriftsteller“, „Meine Bekannt¬ 
schaft und meine Verhältnisse mit dem Buch¬ 
händler A.“ ein Kapitel, das den Verlagsbuch¬ 
handel geißelt; weiter ein sehr drolliger 
Abschnitt „Die Lesebibliothek“, in dem der 
Autor beobachtet, von wem und was für Bücher 
entliehen werden, wobei es an mancherlei Pikan- 
terien nicht fehlt. Es folgen Kapitel wie „Ich 
werde Erfinder eines neuen Systems in der 
spekulativen Philosophie“, „Szenen aus meiner 
Ehestandsgeschichte“, „Ich bewerbe mich um 
eine Staatsbedienung und erhalte eine Stelle“, 
„Ich verkaufe meine Stelle und mache mich aus 
dem Staube“. Humoristisch ist das 19. Kapitel, 
das „Merkwürdigkeiten von Musenstadt“ betitelt 
ist. Es folgen weiter „Ich werde Mitglied des 
Klubbs der Xenien-Macher“, „Ich verlasse 
Musenstadt und werde Buchhändler“ usw. 

Es wäre interessant, festzustellen, ob das 
Opus bald nach Erscheinen unterdrückt wurde. 
Es enthält nämlich eine große Fülle von leicht 
erkennbaren Anzüglichkeiten, durch die sich 
dieser und jener beleidigt gefühlt haben mag. 
Jedenfalls wäre es kein Wunder, wenn dieser 
Schriftsteller- und Buchhändler-Roman dazu 
beigetragen hätte, dem Buchhändler und Schrift¬ 
steller Wolf den Aufenthalt in Sachsen, speziell 
in der Buchhändlerstadt Leipzig, zu verleiden. 
Bald danach übersiedelte er nach München. 

Nach diesen Arbeiten folgt eine mehr¬ 
jährige Pause, die vielleicht auffallen könnte, da 
Wolf ja nun nach Aufgabe seines Geschäfts 
mehr Muße zur Schriftstellerei hatte. Wir wissen 
jedoch aus seinen Briefen, daß er um diese 
Zeit mit gründlichen Vorstudien für das unter 
No. 13 verzeichnete Geschichtswerk beschäftigt 
war, das von den Historikern als Wolfs beste 
und wertvollste Arbeit beurteilt wird. Außer¬ 
dem erschien im Jahre 1807 das unter No. 12 
genannte Buch über Tirol, dessen Vorarbeiten 
zweifellos mehrere Jahre in Anspruch nahmen. 
Hier haben wir wieder eine gründliche und 
erschöpfende Arbeit auf einem ganz neuen 
Felde, auf dem Wolfs Neigung zur Geschichts¬ 
forschung nur zum Teil Boden fand; eine ernste 

57 




450 


Harrwitz, Verlorene Bücher und Feter Philipp Wolf: ein vergessener Schriftsteller. 


und sorgfältige volkswirtschaftliche Arbeit, die 
sicherlich vorher große körperliche Anstren¬ 
gungen gekostet, da Wolf offenbar Tirol gründ¬ 
lich durchwandert und mit offenen Augen überall 
beobachtet, sich Notizen gemacht und diese 
systematisch und übersichtlich zusammengestellt 
hat. Im Vorwort nennt Verfasser sein Buch 
nur eine Skizze, da trotz angestrengtesten Fleißes 
noch zu große Schwierigkeiten vorhanden seien, 
um den Stoff vollständig und pragmatisch zu 
bearbeiten. „Nur eine flüchtige Übersicht der 
Geschichte, der Beschaffenheit und der Verfas¬ 
sung eines Landes, das in so vielerley Beziehungen 
die öffentliche Aufmerksamkeit verdient.“ End¬ 
lich glaubt er, in dieser Schrift sich keine an¬ 
maßenden Urteile und Äußerungen erlaubt zu 
haben, die „für die Ehre oder das Selbstgefühl 
der biedern, braven, Tirolernation beleidigend 
oder empörend seyn könnten“. 

Obwohl auch dieses Buch längst beim Ver¬ 
leger vergriffen ist, also guten Absatz gefunden 
hat, scheint es in den Kreisen der Interessenten 
wenig bekannt zu sein; wenigstens habe ich 
festgestellt, daß es nicht einmal in der großen 
Bibliothek des Deutsch-Österreichischen Alpen¬ 
vereins Sektion Berlin vorhanden ist, die be¬ 
sonders reich an Schriften über Tirol ist und 
seit Jahren alles darüber zu erwerben sucht. 

Das 13. Werk der Liste (Geschichte Maxi¬ 
milians) ist das einzige, das gewissermaßen 
bestellte Arbeit war; es ist dasjenige, das Wolf 
infolge eines ehrenvollen Auftrages von seiten 
des Kurfürsten Max Joseph übernommen hatte. 
Vermutlich war der derzeitige Minister Montgelas 
der Vermittler zwischen Wolf und dem Fürsten. 
Es ist aber auch sein letztes Werk, an dem er 
infolge geistiger Überarbeitung zugrunde ging. 

Der dritte Band ist noch von ihm verfaßt, 
doch herausgegeben von C. W. Fr. Breyer, der 
dann das groß angelegte Werk, zu welchem 
das Material bereits von Wolf zusammengetragen 
war, fortsetzte, aber das Andenken und die 
Verdienste Wolfs würdigte, indem er neben 
seinen Namen auch diese Fortsetzung als „prag¬ 
matisch aus den Hauptquellen bearbeitet von 
Peter Philipp Wolf“ auf dem Titel bezeichnete. 
Dieser vierte Band hat außerdem einen zweiten 
Titel „Geschichte des dreyßigjährigen Krieges. 
Nach ungedruckten Papieren, von C. W. Fr. 
Breyer. Band I. München 1811.“ 

Wolf hat den ersten Band, der mit dem 


Porträt Maximilians I., von II. Lips in Kupfer 
gestochen, geschmückt ist, „Seiner Majestät 
dem König Maximilian Joseph“ gewidmet. 

„Nur schüchtern wage ich es,“ sagt der 
Verfasser, „mich mit dieser meiner Arbeit dem 
Throne Ew. Kgl. Majestät zu nähern. Denn 
ein Werk, welches sich unter dem Titel einer 
Geschichte Maximilians I. ankundigt, berechtiget 
zu Erwartungen, denen selbst das glänzendste 
Genie des Geschichtsschreibers nicht ganz ent¬ 
sprechen könnte. Wie wenig aber auch ist, 
was ich mit meinen schwachen Kräften leiste, 
darf ich mir vielleicht gleichwohl schmeicheln, 
daß Ew. Kgl. Majestät Allergnädigst ein Werk 
aufzunehmen geruhen werden, dessen Inhalt die 
Thaten eines der größten Regenten aus Ew. 
Majestät Kgl. Hause wieder in das Gedächtniß 
ruft . . .“ 

Nach dieser Zueignung könnte man fast der 
Meinung sein, aus dem liberalen Politiker, der 
einst von reformatorischen, fast revolutionären 
Ideen erfüllt war, sei ein Hofmann geworden; 
doch schon das Vorwort beweist, daß der Ver¬ 
fasser gewillt ist, objektiv Geschichte zu 
schreiben, wenn er auch nicht mehr so scharf 
im Ausdruck des Lobes und Tadels ist wie 
in jüngeren Jahren. 

Und wie ein Vorausahnen seines für die 
Vollendung des Werkes zu frühen Todes 
schließt Wolf das Vorwort. „Ob er im Ucbrigen 
dieses Werk, und ob er es nach dem um¬ 
fassenden Plane, den er entworfen, vollenden 
werde, kann zuerst nur von Umständen, über 
die er nicht gebieten darf, und dann von der 
Gesundheit seines Geistes und seines Körpers 
abhangen. Für seinen Theil wünscht er das 
Zeitmaaß, das die Vorsehung seinem Leben noch 
zugemessen haben mag, ganz mit dieser Arbeit 
ausfüllen zu können.“ 

Es ist hier nicht möglich, auf das Werk 
ausführlicher einzugehen. Doch scheint es mir 
für die Lebensgeschichte des Verfassers 
interessant genug, das Vorwort des dritten 
Bandes, den Professor Breyer als Nachfolger 
Wolfs hinzugefügt hat, wiederzugeben: 

„Schon waren zwey volle Drittheile dieses 
Buches gänzlich vollendet und größtentheils 
bereits abgedruckt, als der unermüdet thätige 
Verfasser desselben von einer Krankheit über¬ 
fallen wurde, welche nach wenigen Wochen 
seinem nützlichen Leben ein Ende machte. So 




Harrwitz, Verlorene Bücher und Peter Philipp Wolf: ein vergessener Schriftsteller. 


451 


lieb hatte aber derselbe dieses Geschäft ge¬ 
wonnen, daß er es selbst in diesen letzten 
Wochen seines Lebens nicht nur fortsetzte, 
sondern auch diesen dritten Band, soweit der 
Plan dafür entworfen war, ans Ende führte. 
Dieses letzte Drittheil mußte indessen begreif¬ 
licherweise völlig umgearbeitet werden . . . . 
Die fünf letzten Kapitel des achten Buches sind 
daher so gut, wie völlig, meine Arbeit, so wie 
alles Uebrige in diesem Bande ganz dem ver¬ 
ewigten Wolf angehört. Aber selbst in Be¬ 
ziehung auf jene fünf letzten Kapitel war mir 
der Plan vorgezeichnet .... Möchte auch 
meiner Arbeit jener glückliche Erfolg zu Theil 
werden, womit die redlichen Bemühungen meines 
würdigen Vorgängers gekrönt wurden! Denn 
jeder wahre Kenner ertheilte der Geschichte 
Maximilians I. das Lob, daß sie mit Wahrheits¬ 
liebe, unermüdlichem Fleiße und Sachkenntniß 
geschrieben, und für die Historie wahrhaft be¬ 
reichernd sey.“ 

Dieses Urteil wurde in der Tat über das 
letzte große Werk Wolfs allgemein von ma߬ 
gebenden Gelehrten geteilt. Es ist neben der 
Geschichte der Jesuiten wohl das einzige, das 
nicht ganz in Vergessenheit geraten ist. Alle 
anderen Bücher Wolfs haben das Schicksal 
erlitten, das ihm selbst beschieden war: ver¬ 
schollen und vergessen. Jetzt, da sein hundert¬ 
jähriger Todestag sich nähert, scheint mir ein 
Mann von so umfassender Tätigkeit, von so rast¬ 
losem, nur auf das Beste gerichtetem Streben, 
wohl wert, der Erinnerung wiedergewonnen zu 
werden. In so engem Gesichtskreis, wie ihn 
das Jesuiten-Institut in München dem Knaben 
darbot, aufgewachsen, hat er unter großen Ent¬ 
behrungen und scharfen Kämpfen als Buch¬ 
handlungsgehilfe es verstanden und ermöglicht, 
sich allgemeinere Bildung und freieren Blick für 
vorhandene Schäden zu verschaffen. Mit achtung¬ 
gebietender Energie, Mut und Opferfreudigkeit 
ist er daran gegangen, den Kampf in großem 
Stil und mit Ausdauer gegen dunkle Mächte 
auszukämpfen — wie ein roter Faden zieht sich 
insbesondere durch alle seine Schriften der Haß 
gegen Falschheit und Heuchelei —, als Zeitungs¬ 
redakteur hat er dann in Zürich erfolgreich lange 
Zeit gewirkt und, gleichzeitig seiner Neigung 
für die Historie folgend, das erstere größere 
Geschichtswerk verfaßt. Hieran schloß sich seine 
buchhändlerische Selbständigkeit in Leipzig, die, 


so bedeutend sie auch für die kurze Zeit gewesen, 
doch in den Leipziger Buchhändlerkreisen an¬ 
scheinend ganz in Vergessenheit gekommen 
ist. Dies beweist nicht nur die Tatsache, daß 
keins seiner Werke in der großen Bibliothek 
des Börsenvereins für den deutschen Buch¬ 
handel zu finden ist, obwohl mehrere inhaltlich 
sogar auf den Buchhandel Bezug nehmen und 
für ihn von besonderem Interesse sind. Selbst 
der Inhaber der Firma Rudolph Hartmann 
weiß nichts davon, daß seine Buchhandlung 
aus dem einstigen Wolfschen Geschäft, das im 
Jahre 1803 von Schmidt übernommen wurde, 
hervorgegangen ist. 

Vergessen wurde auch der Schriftsteller 
Wolf von dem Literarhistoriker Goedeke und 
seinen Mitarbeitern, obwohl doch geringere 
Schriftsteller der Aufnahme für wert erachtet 
wurden; übersehen haben ihn ferner die Ver¬ 
fasser des Deutschen Anonymen Lexikons und 
viele andere Bibliographen. Ja sogar seine Zeit¬ 
genossen Meusel und Hamburger, die Heraus¬ 
geber des Gelehrten-Lexikons, vermochten nur 
ungenaue und zweifelhafte Angaben zu machen, 
die sie erst in den Nachträgen berichtigten und 
ergänzten. Und doch ist dieser Mann, der die 
letzten Jahres eines Lebens in großer Bescheiden¬ 
heit, die ihn stets zierte, als stiller Gelehrter 
lebte und wirkte, wie oben berichtet, in Ehren als 
Professor und Mitglied der Bayrischen Akademie 
der Wissenschaften, als bayrischer Hofrat, als 
Redakteur der Münchener Zeitung sowie als 
Begründer einer Buchdruckerei-Firma von Ruf 
aus dem Leben geschieden. 

Letztere ist neben seinen zumeist vergessenen 
Schriften das einzige Werk, das nicht nur von 
ihm erhalten blieb, sondern sogar im Laufe der 
Jahre zu großem Ansehen gelangte. Es ist dies die 
noch in München bestehende Firma Dr. C. Wolf 
&Sohn, Kgl. Hof-und Universitäts-Buchdruckerei, 
die dauernd im Besitz der Wolfschen Familie 
geblieben ist. Sie kann demnächst die 1 oojährige 
Gedenkfeier ihrer Begründung veranstalten. 

Uns Bibliophilen hat Peter Philipp Wolf, der 
idealgesinnte Buchhändler, der ideenreiche und 
mutvolle Schriftsteller, der verständnisvolle Poli¬ 
tiker und deutsche Patriot, der langjährige 
Redakteur großer Tageszeitungen, der verdienst¬ 
volle und emsige Historiker, der erfolgreiche 
Buchdruckereibesitzer, der liberal denkende 
Katholik und der human gesinnte Mann, einige 



452 


Molsdorf, Mittelalterliche Formschnittdarstellungen des Apostolischen Glaubensbekenntnisses. 


Bücher hinterlassen, die nicht nur inhaltlich in 
vielfacher Beziehung von Interesse sind, son¬ 
dern auch noch den großen Reiz der be¬ 
sonderen Seltenheit für sich haben, einer der¬ 


artigen Seltenheit, daß man sie kaum noch 
auftreiben und teilweise in der Tat als ver¬ 
schollen bezeichnen kann. Menschen und Bücher 
haben ihre Schicksale. 



Mittelalterliche Formschnittdarstellungen des Apostolischen 

Glaubensbekenntnisses. 

Von 

Dr. W. Molsdorf in Breslau. 



Darstellung 


aß die christliche Kirche des Mittel¬ 
alters neben der Unterweisung in Wort 
und Schrift mit Vorliebe die bildliche 
der Heilslehren 


zur Vermittelung 


an die Gläubigen gewählt hat, ist bekannt. 
Insbesondere wußte sie den I Iolz- und Metall¬ 
schnitt in ausgiebigster Weise erbaulichen 
Zwecken dienstbar zu machen. Um so mehr 
kann es auffallen, daß von den Denk¬ 
mälern, die von einer bildlichen Aus¬ 
legung eines so wichtigen I lauptstuckes 
wie des Apostolischen Glaubensbekennt¬ 
nisses — oder um einen kürzeren Aus¬ 
druck dafür zu gebrauchen — des 
Credo noch heute Zeugnis geben, nur 
sehr wenige der Formschneidekunst an¬ 
gehören. Überblicken wir an der Hand 
von Schreibers ,,Manuel de l’amateur 
de la gravure sur bois et sur metal 
au 15c siede“ das einschlägige Material, 
so sind es eigentlich nur drei verschie¬ 
dene Ausgaben eines Blockbuches* 
sowie drei Einzelblätter, 2 die uns eine 
ausreichende Vorstellung von der Art 
der bildlichen Vermittelung des Credo 
verschaffend Es kann aber keinem 
Zweifel unterliegen, daß die Ursache des 
seltenen Vorkommens der Credodar¬ 
stellungen lediglich in der starken 
Abnutzung durch den Gebrauch wie in 
dem vernichtenden Einflüsse der Zeit 


Abb. 1. Der heilige Andreas. 

Bruchstück einer Apostelfolge mit dem Symbolum Apostolicum. 
(Original in der Kgl. und Universitätsbibliothek zu Breslau.) 


1 T. IV, p. 237—244. 

2 T. II, No. 1759, 1852, 1853. 

3 Von Darstellungen des Credo in Kupfer¬ 
stich führt Passavajits „Peintre-graveur“ nur eine 
einzige auf (II, S. 229 f.), von der Lehrs in seiner 
Monographie über den Meister mit den Band¬ 
rollen nachgewiesen hat, daß sie eine von diesem 
Stecher ausgeführte Kopie einer Apostelfolge des 
Meisters ES ist (S. 11). 













453 


Molsdorf, Mittelalterliche Formschnittdarstellungen des Apostolischen Glaubensbekenntnisses. 


überhaupt zu suchen ist Die Anfertigung 
solcher Bilder wird für die Formschneider nicht 
weniger lohnend gewesen sein als die Aus¬ 
gabe der Erklärung des Bekenntnisses durch 
den Buchdruck, die beispielsweise der Augs¬ 
burger Typograph Anton Sorg in seiner Bücher¬ 
anzeige vom Jahre 1483 mit anzuführen nicht 
unterläßt: „item ein Auslegung des heiligen 
Pater noster und des Glaubens“. 1 Bestätigt 
wird diese Annahme auch dadurch, daß sich 
mehrfach einzelne Blätter erhalten haben, die 
ohne Zweifel als Bruchstücke von Credodar¬ 
stellungen zu betrachten sind. Denn wenn sich 
z. B. auf einem Schrotblatte mit dem Apostel 
Thomas (Schreiber No. 2751) die Legende 
findet: „et vitam eternam. amen“, so kann die 
Anbringung des Spruches nur einen Sinn haben, 
wenn dem Bilde die übrigen Apostel mit den 
vorangehenden Sätzen des Credo voraufgingen. 
In den Beischriften der einzelnen Artikel etwa 
Attribute der Heiligen erblicken zu wollen, ist, 
wie wir noch sehen werden, ausgeschlossen. 
Das Attribut des Thomas ist die Lanze, seltener 
das Winkelmaß, und erstere fehlt auch auf 
dem erwähnten Schrotblatte nicht. Als solche 
Bruchstücke von Credodarstellungen hat 
Schreiber die unter No. 2745—2751 und 2964 
aufgeführten Blätter erkannt; hinzuzufügen ist 
aber noch ein jüngstes Gericht (No. 605), das 
sich durch die Legende: „Ascendam ad vos in 
judicio et ero testis velox — Inde venturus 
est judicare vivos et mortuos“ als Rest einer 
Darstellung des Symbolum verrät. 2 Ein weiteres, 
noch unbekanntes Fragment besitzt die König¬ 
liche und Universitäts-Bibliothek zu Breslau, 
das ich im Einbande einer Inkunabel fand. 
Es ist ein Holzschnitt des Apostel Andreas mit 
dem Wortlaute des zweiten Artikels auf einem 
Spruchbande (Abb. 1). 

In den Credoillustrationen lassen sich deut¬ 
lich zwei Gruppen unterscheiden. Die eine 
sucht die Kenntnis der Glaubensregel durch 
eine Folge von Apostelbildern zu vermitteln, in 
der zu jedem Jünger der Wortlaut des ent¬ 
sprechenden Artikels hinzugesetzt ist, den ihm 
die Tradition zuweist. Bekanntlich geht die 
Legende, daß die zwölf Apostel vor ihrem 



Abb. 2. Maria Mag dal e na. 

(Aus H. Bouchot: Les deux Cents Incunables xylographiques de la 
Bibliotheque nationale. Paris, E. Levy. 1903, No. 139.) 


Auseinandergehen „in alle Welt“ die Glaubens¬ 
regel in der Weise aufstellten, daß ein jeder 
von ihnen einen Satz als seinen Beitrag aus¬ 
sprach. Vielfach lehnt sich die Zuweisung der 
einzelnen Artikel unter die Zwölfe im Mittel- 
alter an eine pseudoaugustinische Predigt 
(No. 240) an, die folgende Verteilung gibt: 
Petrus: Credo in Deum, patrem omnipotentem, 
creatorem coeli et terrae. Andreas: Et in 
Jesum Christum, filium eius unicum, Dominum 
nostrum. Jacobus maior: Qui conceptus est 
de spiritu sancto, natus ex Maria virgine. Jo¬ 
hannes: Passus sub Pontio Pilato, crucifixus, 
mortuus et sepultus. Thomas: Descendit ad 
inferna, tertia die resurexit a mortuis. Jacobus 
minor: Ascendit ad coelos, sedet ad dexteram 
Dei patris omnipotentis. Philippus: Inde ven¬ 
turus est judicare vivos et mortuos. Bartho- 
lomaeus: Credo in spiritum sanctum. Mat- 


1 Vergl. F. Falk: Der Unterricht des Volkes in den katechetischen Hauptstücken am Ende des Mittelalters. Histo¬ 
risch-politische Blätter für das katholische Deutschland, Bd. 109 (1892), S. 722 h 

2 Vergl. C. Wernicke: Die bildliche Darstellung des apostolischen Glaubensbekenntnisses in der deutschen Kunst 
des Mittelalters. Christliches Kunstblatt 1889, S. 63. 













454 


Molsdorf, Mittelalterliche l'ornisclmittdarstellungen des Apostolischen Glaubensbekenntnisses. 



Abb. 3. Bartholomaeus und Matthaeus mit Artikeln des 
Credo und dem französischen Text des 8. und 9. Gebotes. 
(Aus H. Bouchot: Les deux Cents Incunables xylugraphiqties de la 
Bibliotheque nationale. Paris, E. Levy. 1903, No. 77.) 

t/iaeus: Sanctam ecclesiam catholicam, sanc- 
torum communionem. Simon: Remissionen! 
peccatorum. Judas Thaddaeus: Carnis resur- 
rectionem. Matthias: Et vitam aeternam. Durch¬ 
aus nicht selten vorkommende Abweichungen 
von dieser Aufstellung 1 beweisen jedoch, daß 
die Überlieferung keineswegs eine einheitliche 
war, und darum haben die einzelnen Artikel 
im Gebiet der christlichen Kunst keine Ver¬ 
wendung als Attribute für die Apostel finden 
können. Zu diesen Credodarstellungen in Form 
einer Apostelfolge gehören die bei Schreiber 
No. 2745—2751 und 2964 aufgeführten Blät¬ 
ter, die aus sechs verschiedenen Ausgaben 
stammen. 

Bei der das ganze Mittelalter hindurch herr¬ 
schenden typologischen Interpretation in der 
theologischen Wissenschaft kann es nicht wun¬ 
dernehmen, daß diese Methode auch auf die 
Credodarstellungen ihren Einfluß ausübte. So 
werden den Aposteln mit ihren Aussprüchen 
die Bilder von Propheten beigegeben, die mit 
verwandten alttestamentlichen Zitaten die Wahr¬ 
heit der Glaubenssätze bekräftigen sollen. Der 

1 So z. B. in dem oben angeführten Schrotblatt des 
Thomas. 


in der Königlichen Öffentlichen Bibliothek zu 
Stuttgart befindliche Holzschnitt des Nürnberger 
Formschneiders Hans l’aur (ca. 1470) ist ein 
recht charakteristisches Beispiel dieser Art 
(Abb. 6). Daß auch die zehn Gebote in Parallele 
gestellt worden sind zu den Artikeln des Glaubens, 
zeigt ein in der Pariser Nationalbibliothek vor¬ 
handener, wohl etwas älterer 1 lolzschnitt (Abb. 3). 

Neues boten diese Credobilder nicht. Der 
Gedanke, die Apostel als Verkündiger der ein¬ 
zelnen Glaubenssätze darzustellen, unter 1 Ieran- 
ziehung der Propheten als alttestamentlicher 
Typen, war in der christlichen Kunst hingst 
heimisch geworden; wir finden diese Verbindung 
bereits in den Resten der aus dem Ende des 
X. Jahrhunderts stammenden Wandmalereien 
der Reichenau. Erfinderisch zeigt sich dagegen 
der Formschnitt in der zweiten Gruppe der 
Credodarstellungen, bei denen nicht die Apostel, 
sondern der Inhalt der Artikel zum vorwiegen¬ 
den Gegenstände der Illustration gemacht sind. 
Es ist interessant, zu beobachten, daß die Be¬ 
vorzugung des Inhaltes des Credo als Dar¬ 
stellungsmoment sogar dahin führte, daß die 
durch die Tradition gegebene Teilung des 
Symbolums in zwölf Abschnitte ganz außer 
acht gelassen wurde. So sucht ein früher der 
Weigelschen Sammlung angehöriger I lolzschnitt 



Abb. 4. Jüngstes Gericht. 

(Aus einem Blockbuch von ca. 1470 im Besitze der Münchener Hof- 
und Staatsbibliothek.) 

























































)&) tjii'tbtngcf 
»ftftt äBtti’rijfKjef 
fvhcf/^rlwinei 
vn 

Gmc vbmanttif 

fmbcn vaftvücv 
OÖJÖ C VÜulyhtLt 
tttmacfcf tu? 
nnrtd g-cpj^^n 

Onöt^aG 

ffijhsttt h rt ewige 
Jörnen ^utt vb 
lern bmeti 

JL Xsauib V$ 

©Sfcljmtf J)ct£-gc^ 


t'pilrti'u^ 

•ublKin^tfb 




OtUitrj«» , 

ÖdimomD|^ 


• 06 »$. 

©ffötcfeWtbe 
icl/ «ned 


Abb. 6. 

Oberes Stück aus dem der Königl. Öffentl. Bibliothek zu Stuttgart gehörigen Holzschnitt des Credo mit Aposteln und Propheten. 

(% der Originalgröße.) 


Zu Molsdorf: Mittelalterliche Formschnittdarstellungen us~u. 


Zeitschrift Jür Bücherfreunde X. 







Molsdorf, Mittelalterliche Formschnittdarstellungen des Apostolischen Glaubensbekenntnisses. 


455 



Abb. 5. Grablegung und Höllenfahrt Christi aus einem Holzschnitte 
des Credo. (Nach T. O. Weigel und A. Zestermann : Die Anfänge der 
Druckerkunst. Leipzig: T. O. Weigel 1866, No. 36.) 


(Schreiber No. 1853) aus der Mitte 
des XV. Jahrhunderts die Kenntnis 
des Credo nicht in zwölf, sondern 
in achtzehn Darstellungen zu ver¬ 
mitteln (Abb. 5). Doch darf man 
solche Abweichungen wohl nur als 
Ausnahmen betrachten; in der Regel 
wird man sich auch hier an die über¬ 
lieferte Zwölfteilung gehalten haben, 
so natürlich in allen den Fällen, wo 
eine Verbindung der beiden Dar¬ 
stellungsarten angestrebt und der 
dem Inhalte des Artikels gewidmeten 
Hauptillustration das Bild des ent¬ 
sprechenden Apostels und eventuell 
auch des Propheten hinzugefügt 
wurde. Von dieser Kombination 
zeugen heute noch außer dem bereits 
erwähnten Fragmente mit dem jüngsten Gericht 
(Schreiber No. 605) drei verschiedene Ausgaben 
eines Blockbuches, von denen sich leider nur je 
ein Exemplar erhalten hat. Schreiber hat im 
vierten Bande seines Manuel (S. 237 fr.) diese 
Xylographa eingehend besprochen und ihr Ab¬ 
hängigkeitsverhältnis voneinander festgestellt. 
Wir geben in Abbildung 4 eine Darstellung 
aus dem der Münchener Hof- und Staatsbiblio¬ 
thek gehörigen Exemplare wieder, das zwar 
als das jüngste (ca. 1470), aber jedenfalls als 
das künstlerisch bedeutendste anzusehen ist. 

Auffallenderweise hat weder die Malerei 
noch die Plastik des Mittelalters die Auslegung 
des Credo nach dieser Richtung hin in den 
Bereich der Darstellung gezogen, wenigstens 
ist uns kein derartiges Denkmal erhalten ge¬ 
blieben. 1 

Das Breslauer Fragment gehört der ersten 
Gruppe der Credobilder an. Die beigegebene 
Abbildung, in einem Drittel der Größe des 
Originals, erübrigt eine Beschreibung bis auf die 
Anführung des Kolorits. Das Untergewand des 
Apostels zeigt ein helles Rot, sein Mantel ist 
in den tiefen Falten mit einem dunklen Grau 
gedeckt und mehrfach mit blauen Kreuzen ge¬ 
ziert, von denen sich jedoch nur geringe Reste 
erhalten haben; das Futter ist gelb. Dieselbe 
Farbe hat auch der Nimbus des Heiligen, das 
Kreuz sowie die obere und untere Einfassung 


des mit Lackrot überzogenen Wandteppichs. 
Das Parkett des Fußbodens ist grün ausgemalt. 
Daß der Formschneider die Kolorierung des 
Blattes voraussetzte, beweist das fast gänzliche 
Fehlen von Schraffierung. Der Dialekt der 
Legende: „Und in ihesum cristum seinen ein- 
gepornen sun unnsern herren“ deutet nach 
Franken, und der Wortlaut zeigt eine große Über¬ 
einstimmung mit dem entsprechenden Stücke 
des Paurschen Holzschnittes, dessen Herkunft 
aus Nürnberg sicher ist. Nach Nürnberg weist 
uns auch die auffallend gedrungene Gestalt des 
Andreas, dessen Körper noch keine fünf Kopf¬ 
längen mißt. Solche stark untersetzte Figuren 
sind in Nürnberger Malereien aus der Zeit der 
Mitte des XV. Jahrhunderts vielfach anzutrefifen; 
ich erinnere nur an die beiden Antoniusbilder 
des Tucherschen Altars. 2 Zu erwähnen bleibt 
noch, daß der Druck mit dem Reiber her¬ 
gestellt wurde und jedenfalls in die Zeit um 
1470 fällt. Das Wasserzeichen des Papiers ist 
eine Hand mit kleinem Kreuz auf dem Mittel¬ 
finger. 

Kann somit an der Herkunft unseres Holz¬ 
schnittes aus Nürnberg kaum gezweifelt werden, 
so fehlen doch für weitergehende Vermutungen, 
etwa in ihm ein Erzeugnis der Paurschen 
Werkstatt zu erblicken, sichere Anhaltspunkte. 
Dagegen finden wir Spuren der Tätigkeit des 
Meisters unseres Credofragmentes wenigstens 


1 Vergl. C. Wernicke im Christlichen Kunstblatt 1893, S. 72. 

2 Vergl. H. Thode: Die Malerschule von Nürnberg im XIV. und XV. Jahrhundert. Frankfurt a. M. 1891, S. 62 
und Taf. 11. 


























456 


Molsdorf, Mittelalterliche Formschnittdarstellungen des Apostolischen Glaubensbekenntnisses 


noch in zwei anderen Blättern, auf die etwas 
näher eingegangen werden muß, da ihnen der 
deutsche Ursprung neuerdings abgesprochen 
ist. Die Pariser Nationalbibliothek besitzt zwei 
Holzschnitte, eine heilige Katharina und eine 
heilige Maria Magdalena, deren Herkunft Bou- 
chot 1 nach Frankreich, und zwar nach der 
Picardie verlegt. Auf die Zusammengehörig¬ 
keit der beiden Heiligen ist bereits von 
Schreiber (No. 1317 und 1594) hingewiesen, 
und Bouchot hat die Beobachtung gemacht, 
daß die Konturen der einen Figur nach denen 
der anderen durchgezeichnet sind. Es ist da¬ 
her nur hier von der Maria Magdalena eine Ab¬ 
bildung (2) wiedergegeben. Schon eine flüchtige 
Betrachtung zeigt, daß dieser Holzschnitt in 
engster Beziehung zu unserem Andreas steht. 
Wir finden dieselbe Untersetztheit und Derb¬ 
heit der Gestalt, die gleiche Anordnung des 
nur in der Musterung wenig abweichenden 
Wandteppichs und dieselbe Form des Parkettes, 
die namentlich durch das Umspringen des 
Musters in der Mitte auffällt. Während nämlich 
auf der linken Hälfte die schwarzen Dreiecke 
der einzelnen Felder links stehen, liegen sie auf 
der rechten Plälfte rechts; das letztere Merk¬ 


mal ist namentlich auf dem Bilde der Katha¬ 
rina noch deutlich zu erkennen. Die I lerkunft 
der drei Blätter aus derselben Werkstatt darf 
daher als sicher angenommen werden, und da 
sich der Andreas schon durch seine Legende 
als deutsches Erzeugnis legitimiert, fällt ohne 
weiteres der Versuch Bouchots, für die Dar¬ 
stellung der beiden weiblichen I Iciligen franzö¬ 
sischen Ursprung geltend zu machen. 2 Dagegen 
erfährt die Ansicht Schreibers, der in den Holz¬ 
schnitten der Katharina und Maria Magdalena 
Wolgemutsche Einflüsse findet — also ihren 
Ursprung in Nürnberg sucht —, durch unseren 
Andreas ihre Bestätigung. 

Großen künstlerischen Wert kann man 
keinem der drei Blätter beilegen, immerhin ist 
aber dem Formschneider derselben in der Früh¬ 
geschichte des Holzschnittes eine nicht unbe¬ 
deutende Stellung einzuräumen. Die Ausgabe 
seines Credo, mag sie in einer Folge loser 
Blätter oder als Blockbuch erschienen sein, war 
vermutlich nicht gerade originell, verdient aber 
durch die Größe ihrer Anlage Beachtung, und 
es ist nur zu bedauern, daß sich von seiner 
Arbeit nicht mehr als dieses Bruchstück erhalten 
zu haben scheint. 


1 Les deux cents Incunables xylographiques du departement des estampes (de la Bibliotheque nationale). Paris 
1903, No. 136, 139. 

2 Die Resultate Bouchots stehen hinsichtlich des Ursprunges der ältesten Erzeugnisse der Formschneidekunst in 
starkem Gegensatz zu den Ergebnissen der bisherigen Forschung. Für die weitaus überwiegende Zahl der Holzschnitt¬ 
inkunabeln wird die Entstehung nach Frankreich verlegt. Doch muß betont werden, daß die Ansichten Bouchots einer 
gründlichen Nachprüfung bedürfen, denn seine Beweisführung ist oft recht bedenklicher Art. So wird als Hauptargument 
für den französischen Ursprung des hier in Frage kommenden Blattes der heiligen Katharina angeführt: „Le mot 
Katharina (auf dem Spruchbande über dem Haupte der Heiligen) au lieu de Katharina indique la France“. Daß im 
Mittelalter die Namensform Katherina in Frankreich vorkommt, soll keineswegs bestritten werden, nur trifft das für 
Deutschland gleichfalls zu. Abgesehen davon, daß sich auf Bildwerken von unbestreitbarer deutscher Herkunft diese 
Schreibweise findet, genügt ein Blick in eines der Heiligenleben aus dem Ausgange des XV. Jahrhunderts (z. B. 
Nürnberger Ausgabe von 148S), um sich zu überzeugen, daß diese Namensform in Deutschland eine durchaus gebräuch¬ 
liche war. 






Zur Erinnerung an Sophie Mereau. 


Von 


Hans Benzmann in Berlin-Wilmersdorf. 



er Name Sophie Mereau ist jedem 
Bücherfreunde bekannt Gehören’doch 
die Werke dieser romantischen Dich¬ 
terin und ersten Gattin Clemens Brentanos, 
wenn auch nicht zu den Seltenheiten, so doch 
zu den „gesuchten“ des antiquarischen Bücher¬ 
markts. Freilich, der Wert dieses Sammel¬ 
objekts wurde im Laufe der letzten Jahre von 
Antiquaren und Liebhabern recht verschieden 
eingeschätzt. Im Schaufenster eines bekannten 
Berliner Antiquars hing noch vor einem halben 
Jahr ein broschiertes Exemplar der „Gedichte“ 
(1800—02, Berlin) mit der stolzen Angabe 
„Preis 70 M“. Unterdes ist der Preis für die 
Originalausgabe verhältnismäßig sehr gesunken. 
Die Höhe des Werts und des jeweiligen Markt¬ 
preises hängt natürlich in erster Linie von der 
Seltenheit des Buches und sodann von der 
Nachfrage und endlich in absteigender Linie von 
dem wachsenden Angebot ab. Nicht immer 
spielt die Ausstattung dabei eine gleich wichtige 
Rolle. Der rein literarische Wert kommt gar 
erst auf die dritte Linie. So ist denn auch 
die Ausstattung der „Gedichte“ der Sophie 
Mereau keine hervorragend originelle und ein¬ 
heitliche. Sie ist nur fein, vornehm und zeugt 
von dem guten Geschmack des Empire. Der 
Druck ist zart, lyrisch beseelt möchte ich sagen. 
Dazu ziert den ersten Band eine schön kom¬ 
ponierte romantische Landschaft als Titelbild 
(Kupfer nach einem Bilde von Lütke), den zweiten 
ein wenig origineller, doch sehr fein abgetönter 
Kupferstich (knabenhafter Genius in bebuschter 
Landschaft) von J. W. M. (Johann Wilhelm Meil). 

Es gibt aber noch andre, vielleicht auch 
seltnere Nachdruckausgaben der „Gedichte“. 
Sehr hübsch ist die Ausgabe „Wien und Prag 
1805“; eine Kupfer und eine Titelvignette von 
M. Pöltzel zieren sie. Im „Frankfurter Bücher¬ 
freund“ von Joseph Baer & Co. (4. Jahrgang 
No. 11 und 12) ist sie für 20 M. angeboten. 
Dieselben Antiquare bieten die Wiener Aus¬ 
gabe von 1818 mit 15 M. im 517. Katalog an. 
Beide Ausgaben sind Goedeke übrigens un¬ 
bekannt geblieben. 

Wer war nun Sophie Mereau, deren Bücher 

Z. f. B. 1906 1907. 


so interessante Schicksale durchgemacht haben, 
die aus zärtlichen Händen in gleichgültige, aus 
diesen in gierige Käufer- und wiederum in zärt¬ 
liche Liebhaberhände gewandert sind, von 
Erbschaft zu Erbschaft, von Auktion zu Auktion, 
über Menschenalter? — 

Ich blättre zunächst in dem Büchlein. Sagen 
uns die Verse etwas über die Dichterin, über 
den Menschen? Langweilige Frauenlyrik. 
Reflexionpoesien im Stile der Schillerepigonen. 
Ich blättre weiter. Ansprechende Zeilen, Natur¬ 
beobachtungen lassen mich verweilen, ziehen 
mich mehr und mehr an. Ich finde z. B. folgendes 
ganz persönlich gehaltenes, zart und duftig wie ein 
Aquarell wirkendes, an Seele und Empfindung 
lebendiges Gedicht: 

An ein Abendlüftchen. 

Sei mir gegrüßt aus deinen reinen Höhen, 

Du Himmelsluft! 

O! säume nicht, mich liebend anzuwehen 
Mit süßem Duft! 

Es lauscht in dir der hingefloh’nen Zeiten 
Geliebtes Bild. 

Des Herzens Tausch, die Welt voll Seligkeiten, 

Wie du so mild! 

Die goldnen Ähren sanken schweigend nieder 
Beim Sichelschall; 

Da gingen wir und sangen frohe Lieder 
Durch Feld und Thal. 

Du säuseltest aus blauem Äther nieder 
Sanft zu uns hin 

Und küßtest uns; — wir küßten froh dich wieder 
Mit leichtem Sinn. 

Uns war so wohl, von deinem Hauch durchdrungen, 
Wie du so leicht, 

Und in der Ahndung süßen Traum verschlungen, 
Dem keiner gleicht. 

Du kehrst zurück zu deiner feinen Quelle — 

Woher? Wohin? 

Wer weiß es? — So bewegt der Zeiten Welle 
Den leichten Sinn. 

Ach fern, ach fern wie deine Ätherschwingen 
Entfloh das Glück, 

Und deine leichten stillen Flügel bringen 
Es nie zurück! 


58 




458 


Benzmann, Zur Erinnerung an Sophie Mereau. 


Statt jener Ruhe, die dein Hauch mir sandte, 
Verglimmt das Herz, 

Das einst in reger Lebensglut entbrannte, 

In stillem Schmerz. 

Du kehrst zurück mit himmlischem Gefieder 
Im Abendschein; 

Und küssest mich mit süßem Atem wieder, 

Doch ach! allein! 

Das ist doch überraschend poetisch — 
warm, lebendig im Tone, erlebt in jeder Zeile! 
Und nun begreife ich, weshalb diese Dichterin, 
auf die Schiller so deutlich eingewirkt hat, eine 
„romantische“ Dichterin genannt wird. In der 
Tat, die zarte, feine Naturbeseelung läßt sie 
als Angehörige des Kreises der Tieck, Novalis 
und Höderlin erscheinen. Und weiter, ich finde 
Verse, die mit einer gewissen üppigen Kraft die 
Natur darstellen, daß wir an die hochroman¬ 
tischen Gemälde des Claude Lorrain erinnert 
werden, wie beispielsweise in dem Gedicht 
„Schwarzburg“. 

Die meisten ihrer Poesien sind elegisch ge¬ 
stimmt; von Sehnsucht und Entsagung, von 
einem unbestimmten Schicksal klagen und 
träumen sie, von einer großen Liebe, die sich 
nicht offenbaren mag und kann, die in Fesseln 
geschlagen ist und nimmer sich zu befreien 
vermag. Und diese Liebe galt einem der 
genialsten Deutschen, einem dichterischen 
Genius, dem die Phantasie zum Dämon wurde, 
dessen Flug aber bisweilen höher ging als der 
Flug unserer Größten .... diese Liebe galt 
Clemens Br ent Mio. 

Es ist merkwürdig, wie wenig bisher trotz 
aller Neuromantik und trotzdem unermüdlich 
in vergessenen und verschütteten Schächten 
nach altem Golde geschürft wird, Clemens 
Brentano Anerkennung und wahrhafte Würdi¬ 
gung gefunden hat. Was macht es seiner 
Größe, wenn sich Liebhaber und Antiquare um 
seine Werke, und noch mehr um die Original¬ 
ausgaben seiner Dichtungen streiten, wenn sie um 
die Schätze feilschen und die Kleinodien in den 
verhängten Bibliothekzimmern hegen! Wer kennt 
und schätzt Brentanos herrliche geniale Lyrik, die 
sich mit der Goethes messen kann, die von 
originellen und überirdisch schönen Bildern und 
Ideen überfließt?! Eine Phantasie wie die Dantes 
herrscht in seinen „Romanzen vom Rosenkranz“ 
und in seinen Geistlichen Gedichten. Das Volks¬ 


lied feiert in seinen Liedern und Romanzen 
eine wahrhafte Auferstehung. Neuerdings ist 
eine Ausgabe: „Ausgewählte Werke“ (Heraus¬ 
geber Max Morris, Verlag Max Hesse, Leipzig) 
erschienen. Aber wie hat es der Herausgeber, 
der entschieden sein Gebiet kennt, übers Herz 
bringen können, nur gegen 50 Seiten Gedichte von 
Brentano aufzunehmen! Wie Mörike, Novalis, 
Hölderlin, Keller endlich zu ihrem Rechte ge¬ 
kommen sind, so muß auch Brentano die hervor¬ 
ragende Stelle erhalten, die ihm gebührt. Alle 
Zerfahrenheit seines Wesens, alle eingebildete 
und echte Leidenschaft seines unsteten Herzens, 
Ironie und Zynismus und endlich alle fanatische 
Glaubenswut konnten das Feuer dieses Geistes 
nicht unterdrücken; sie führten ihm nur neue 
Nahrung zu, daß es bisweilen zwar trübe brannte 
und grell aufleuchtete, doch immer wieder, eine 
natürliche Lohe, rein und wärmend gen Himmel 
schlug. 

Diese Ausführungen sind hier wohl am 
Platze. Nicht nur, weil Brentano der Geliebte 
und später der Gatte der Sophie Mereau war. 
Auch letztere wurde literarisch mumifiziert. Auch 
sie ist mehr wert als die viel mehr bekannten 
Dichterinnen der Vorzeit und der Nachzeit, die 
Karschin, Stolterfoth, Paoli, Plönnies und wie 
sie alle heißen, die immer wieder in den 
Anthologien erscheinen. Wir haben nur eine 
Droste und ein paar unbekannte wirkliche 
Dichterinnen, und zu diesen rechne ich auch 
Sophie Mereau. (Freilich viel begabter, fast 
genial zu nennen, war die wenigstens in lite¬ 
rarischen Kreisen geschätzte Günderode.) Mit 
den großen Talenten gerieten in der öden 
Epigonenzeit, die das phrasenhafte Zeitalter 
der Revolution mit heraufbeschworen hat, in 
der Ruhmeszeit eines Geibel, Prutz, Herwegh, 
Kinkel, Gutzkow, natürlich auch die kleineren 
aber echten Talente in Vergessenheit. Ich bin 
überzeugt, daß wir nach wenigen Jahren ein 
andres Bild von der Lyrik des XIX. Jahrhunderts 
gewonnen haben werden. Ähnlich, wie wir jetzt 
schon infolge der Berliner Jahrhundertausstellung 
anders als vor kurzem noch über die Ent¬ 
wicklung der deutschen Malerei im XIX. Jahr¬ 
hundert denken. 

Übrigens erfreute sich Sophie Mereau der 
Anerkennung ihrer bedeutendsten Zeitgenossen. 
Kein Geringerer als Schiller selbst hütete und 
pflegte ihr Talent. Den dritten Band der 




Benzmann, Zur Erinnerung an Sophie Mereau. 


459 


„Thalia“ (1791) hatte er mit einem ihrer Ge¬ 
dichte abgeschlossen („Die Zukunft“), und seit¬ 
dem war sie ständige Mitarbeiterin an den 
Musenalmanachen und an den „Horen“. Im 
Januarheft der von Achim von Arnim heraus¬ 
gegebenen „Zeitung für Einsiedler“ werden „Aus¬ 
züge aus Briefen Schillers an eine junge Dichterin“ 
mitgeteilt. Dr. Friedrich Pfaff, der Neuheraus¬ 
geber der „Trost Einsamkeit“, nimmt an, daß 
Amalie von Imhoff die Empfängerin dieser 
Briefe sei. Professor Max Koch weist jedoch 
nach, daß sie an Sophie Mereau gerichtet sind 
(Kürschner, Nationalliteratur Bd. 146 S. XLVII). 
In dem Briefe vom 18. 1. 1795 heißt es über 
Gedichte der Mereau: „Ich entdecke darin 
denselben Geist der Contemplation, der allem 
aufgedrückt ist, was Sie dichten. Ihre Phantasie 
liebt zu symbolisieren, und alles, was sich ihr 
darstellt, als einen Ausdruck von Ideen zu be¬ 
handeln.“ Auch Schiller betont also den 
melancholischen Geist der Poesien. „Geist, 
Empfindung, poetische Malerey und Sprache 
ist in diesem vereinigt“, sagt er von einem be¬ 
schreibenden Gedicht. Herder nennt sehr be¬ 
zeichnend (in den „Erfurter Nachrichten“) die 
Gedichte der Mereau einen „schönen Garten“. 
Die Verfasserin trete „nie über die Grenzen 
ihres Geschlechts hinaus; ihre Empfindungen 
in Leid und Freude, in Kummer und Sehnsucht, 
in Hoffnung und Zufriedenheit, sowie ihre Male¬ 
reien der Natur, selbst ihre ersten Vor- und 
Grundsätze sagt sie aus dem Herzen, mithin 
weiblich“. Selbst Goethe lobte die Gedichte. 

Goethe hat auch einmal sehr entschieden 
in das Schicksal der Dichterin eingegriffen. 
Er war es, auf dessen Veranlassung der Herzog 
Karl August unter Umgehung des Konsisto¬ 
riums die Ehe der Sophie und des Professors 
der Rechte Fr. Ernst Karl Mereau in Jena 
trennte. Karoline von Schlegel schreibt dazu 
an ihren August Wilhelm (Mai 1801): „Beide 
können sich wieder vermählen, und Mereau 
sieht schon umher, wen er verschlingen will, 
ob er gleich sagt: j’ai aime beaucoup ma 
femme, je l’aime encore et je l’aimerai toujours.“ 

Clemens Brentano hatte Sophie Mereau im 
Herbst 1799 in Jena kennen gelernt, und zwar 
in einer Abendgesellschaft. Bald entspann sich 
aus literarischen und freundschaftlichen Be¬ 


ziehungen ein leidenschaftliches Verhältnis, unter 
dem die zart fühlende Sophie schwer litt. 

Doch öfters — ach! und dreimal weh der Armen, 
die in dem Streit mit weicher Seel erliegt! 
geschieht es, daß ihr Schicksal, ohn Erbarmen, 
in Widerspruch die Zartgeschaffne schmiegt, 
wo selbst die schönsten Triebe sichrer sie zerstören 

klagt sie in dem längeren Gedicht „Seraphine“. 

Die Liebenden suchten in der Trennung 
Ruhe zu finden. Brentano bereist öfters den 
Rhein, er knüpft überall zarte Verhältnisse an. 
In Rüdesheim, auf einer Rheinfahrt mit Savigny, 
wird er durch die Reize der schönen Kellnerin 
Walpurgis gefesselt (1801), in Koblenz (1802) 
durch Benedikte Korbach, die bereits die Braut 
eines andern ist. Im November 1802 befand 
er sich in Düsseldorf. Er schreibt von dort 
aus an Arnim: „Eigentlich weiß ich nicht, was 
ich hier treibe. Im Anfang hielt mich die hiesige 
Schauspielergruppe fest, ich dachte, mein In- 
triguenstück („Ponce de Leon“) zu kontrahieren 
und aufzuführen, ich war unter allen diesen 
Mariannen und Philinen zu Haus wie Meister. 
Aber obschon eine einzige liebenswürdige 
Schauspielerin mich durch ihre große Ähnlich¬ 
keit in der Figur mit der Mereau interessiert, 
so ist und bleibt sie doch ein Geschöpf, das in 
der Nähe tödlich ist.“ So gedenkt dieser aben¬ 
teuerliche, egoistische und verwöhnte Geist 
fortwährend der um einige Jahre älteren, schon 
verblühten Geliebten! 

Auch Sophie sucht zu ihrer Beruhigung 
die Fremde auf, besonders Italien. Aber die 
Leidenschaft treibt die Liebenden immer wieder 
zusammen. Ein solches Zusammentreffen schil¬ 
dert Brentano in seinem genialen Jugendroman 
„Godwi“, in dessen Schlußkapitel es heißt: 
„Im Januar 1800 verließ Maria J. und ging nach 
D. (Dresden). Hier fand er — unvermutet wie 
ich glaube — die Frau, die er liebte, wieder. 
Sie kam von einer Reise aus Italien zurück — 
er sah sie, um sie nie wieder zu sehen ...“ Im 
Mai 1803, als er eine ebenfalls mehrjährige 
Neigung zu Marianne Jung (die spätere Marianne 
Willemer, Goethes Suleika) überwunden zu 
haben glaubt, hat Brentano eine neue Zu¬ 
sammenkunft mit der bereits von ihrem Manne 
geschiedenen Sophie. Darauf schreibt er im 
Sommer 1803 an Arnim: „Sophie liebt mich, 
d. h. sie liebt mich zum erstenmal mit Heftigkeit. 



6o 


Benzmann, Zur Erinnerung an Sophie Mereau. 


Nach langem Kampfe stehen wir uns nahe. 
Sie liebt mich so, wie ich sie einst geliebt; 
sie liebt, so sich selbstvernichtend, daß ich 
nicht weiß, woher ich all den Liebreiz auf¬ 
bringen soll, den sie in mir findet. Ach, Arnim, 
und auch ich finde täglich mehr Göttliches in 
ihr! So ist der Streit aus, ich werde geliebt 
und bin ruhig, habe kein Ziel mehr als die 
Kunst und Freundschaft, beide sind mir mehr 
als alle Liebe. Alle Bitten des Vaterunsers 
sind mir gewährt, ich habe nichts mehr zu ver¬ 
langen und werde nun arbeiten, dichten und 
Dich mitlieben.“ Er entschließt sich, sie trotz 
des Widerspruchs der beiderseitigen Familien 
zu heiraten. „Arnim, dieses Weib ist un¬ 
schuldig“, schreibt er mit Emphase, „und fromm 
wie kein andres. Sie wäre ein Engel, wäre sie 
eine Jungfrau; nun ist sie zur Anmut geworden. 
Ihre Liebreize, ihr Lebensmut, ihre Herzensgüte 
sind so unzählig, das sie ewig abblühen wird, 
nie abgeblüht sein wird. So werde ich denn alle 
natürlichen Dinge bald haben, die auch Goethe 
begehrt hat, und wie will ich dichten!“ 

Am 29. November 1803 wurde das Paar in 
der lutherischen Kirche zu Marburg tatsächlich 
ehelich verbunden. 

Es wurde keine gerade unglückliche, aber 
auch durchaus keine glückliche Ehe. Glück 
und Ruhe vermochte ein so wetterwendischer, 
proteusartiger Charakter nicht zu gewähren. 
Brentanos naiver Egoismus wurde jedoch durch 
Sophiens Selbstaufopferung gemildert. Auch 
war er liebenswürdig und gutmütig. In einem 
Briefe an Charlotte von Ahlefeld freilich gesteht 
Sophie, daß das Zusammenleben mit Clemens 
Himmel und Hölle enthalte, daß aber die Hölle 
vorherrschend sei. „Zu Hause fühlte er sich 
nicht glücklich, und auf Reisen packte ihn 
regelmäßig Sehnsucht und Eifersucht.“ 

Clemens leitete seine Unruhe und seine 
Enttäuschungen nach Berlin hin ab; der wackre 
Arnim muß alles miterleben. Am 2. April 
schreibt er an diesen: „Du mußt nicht glauben, 
lieber Arnim, als sei ich unglücklich oder ver¬ 
ändert durch meine Verbindung mit Sophien: 
nein, ich fühle mein Dasein durch sie verschönt, 
aber beflügelt sehe ich es nicht. Sie ist ein 
gutes Kind und eine freundliche Frau, die ich 
liebe, aber ich bin ohne Gehilfen, ohne Mit¬ 
teilung in meinem poetischen Leben . . .“ Bald 
darauf wird Clemens glücklicher Vater. In der 


Tat, dieses Ereignis erfrischte sein Gemüt. Ihm 
verdankt er manche Anregung für eine Dich¬ 
tung, an der er damals — nach einer Limburger 
Chronik — arbeitete und deren P'ragmente 
später unter dem Titel „Aus der Chronik eines 
fahrenden Schülers“ erschienen. Übrigens gehört 
auch das herrliche „Lied der Spinnerin“ („Es 
sang vor langen Jahren wohl auch die Nach¬ 
tigall“) der Marburger Zeit an. 

Aber das Knäblein Achim Ariel Tyle starb 
nach fünf Wochen .... Da schreibt Clemens 
schmerzerfüllt an den Getreuen in Berlin: „Seit 
Achim tot ist, auf den ich meine Hoffnung 
ganz gelehnt hatte, ist das Glück von mir ge¬ 
wichen; mein armes Weib kann nicht glücklich 
mit mir sein .... Lieber Junge, ich will zu 
Dir nach Berlin kommen, sobald Du es mir 
schreibst, und ich will mit Dir reden über das, 
was mir gut und würdig ist“ (28. 8. 1804). 

Um diese Zeit waren Brentanos bereits nach 
Heidelberg übergesiedelt, wohin 1805 auch 
Arnim folgte. „Madame Brentano ist nun 
auch hier“, schreibt ein Zeitgenosse, Professor 
K. Ph. Kayser (9. 9. 1804). „Es ist eine nied¬ 
liche kleine Figur. Einigen Reiz hat die Zeit 
schon von ihrem Gesicht abgestreift. Sie hat 
ein freundliches Wesen, spricht gern von lite¬ 
rarischen Produktionen, doch ohne Ziererei 
und ohne sich darauf etwas einzubildcn. Selbst 
in Botanik besitzt sie Kenntnisse. Als wir un¬ 
längst in Mannheim waren, examinierte sie mich 
auf einem Spaziergange auf die Mühlau und 
an die Neckarspitze. Noch ehe sie hier war, 
sagte Brentano, seine Frau habe sich vor¬ 
genommen, eine Flora von Heidelberg zu 
schreiben.“ 

Doch die Ehe der Brentanos befand sich 
bereits in ihrem Herbste. Auch ein zweites 
Kind starb. Und am 31. Oktober 1806, als 
vor kurzem der erste Band von „Des Knaben 
Wunderhorn“ erschienen war, verschied die 
sanfte freundliche Sophie bei der Geburt eines 
dritten Kindes. „Es ist sehr traurig,“ schreibt 
damals Joseph Görres, der dem Freunde in 
seiner Verlassenheit treu zur Seite stand, „er 
weiß nicht, wozu er sich entschließen soll. 
Reisen steht ihm nicht an, und hier weint er 
oft, wenn er in den Papieren kramt, oder sonst 
Dinge sieht, welche die Erinnerung in ihm auf¬ 
regen. Dabei ist er wieder schlagend witzig und 
oft heiter. Alle Leute sind übrigens mehr oder 




Goebel, Eine wirtschaftliche Buchdruckergeschichte. 


461 


weniger gegen ihn gespannt, und da ist denn 
immer Hypersthenie auf der einen und Asthenie 
auf der andern Seite. Ihm ist das keinesfalls 
gleichgültig, und er thut alles, um sich gegen 
uns zu rechtfertigen, wo er denn freilich von 
seinem Standpunkte immer Recht behält. Für 
uns ist übrigens Brentano unschätzbar, er hat eine 
herrliche Büchersammlung, sehr schöne eigene 


Arbeiten hat er uns mitgeteilt, und seine eigene 
Person ist interessanter als das beste Buch.“ 
Von besonderem Einfluß ist diese Ehe¬ 
episode weder im guten noch im bösen Sinne 
auf Brentano gewesen. Doch sind einige der 
herrlichsten Lieder des genialen Mannes aus 
diesem zeitweise leidenschaftlichen Verhältnisse 
heraus entstanden. 



Eine wirtschaftliche Buchdruckergeschichte. 

Von 

Theodor Goebel in Stuttgart. 

II. 


ie Geschichte der 1618 gegründeten Ge¬ 
meinschaft resp. des Vereins der Buch¬ 
händler und Buchdrucker, einschließlich 
der Buchbinder, bildet den Gegenstand des näch¬ 
sten Kapitels. Da die alten Brüderschafts-Ord¬ 
nungen in Verfall geraten waren, was zu Unord¬ 
nung geführt hatte, so kamen Buchhändler und 
Buchdrucker beim König um die Gestattung der 
Bildung einer Gemeinschaft ein, und diese 
wurde ihnen bewilligt, wie bereits aus der 
Einleitung des Mellotteeschen Werkes mitge¬ 
teilt worden ist, wo auch das Wichtigste an¬ 
gedeutet wurde über die Tragweite der aus 
dieser Veranlassung ergangenen königlichen 
Verordnung, die den Mitgliedern des Vereins 
ein bestimmtes Stadtviertel, das der Universität, 
zur Wohnung anwies. Letzteres führte zu 
einer Revolte der Buchbinder, die sich weder 
in bezug auf ihre Wohnungen, noch auf die 
Verkaufsplätze ihrer Waren einschränken lassen 
wollten; da man aber sehr energisch gegen sie 
vorging, mußten sie nachgeben. 

Die für denVerein der Meister geschaffene 
Syndikatskammer besaß auch das Recht der 
schiedsgerichtlichen Entscheidung in Fällen von 
Streitigkeiten zwischen den Vereinsmitgliedern, 
was deren Anrufung der Gerichte verhüten 
sollte; auch wurde in der Kammer Beschluß 
gefaßt über gegen andere, den eignen Verein 
belästigende Vereine zu unternehmende Schritte. 
In der Gemeinschaft ging es im Laufe der Zeit 
nicht ohne störende Meinungsverschiedenheiten 



unter den Mitgliedern ab; eine ihrer Hauptursachen 
war die Zulassung zur Meisterschaft, die nur durch 
den Verein bewilligt werden sollte, aber wieder¬ 
holt umgangen wurde, bis es gelang, das hierfür 
bestehende Reglement wieder in Kraft zu setzen. 
Dieses aber machte es dem Gehilfen tatsächlich 
unmöglich, als Meister aufgenommen zu werden, 
wenn er nicht die Witwe eines verstorbenen 
Meisters heiratete; alle etwa freiwerdenden 
Berechtigungen wurden immer für die Meisters¬ 
söhne reserviert. Der Zunftgeist war herr¬ 
schend. 

Ernstere Streitigkeiten entstanden aus der 
Rivalität der drei von der Gemeinschaft um¬ 
schlossenen Berufsklassen, von denen jede 
behauptete, daß sie das Recht habe, auch das 
Gewerbe der anderen auszuüben. Die Buch¬ 
drucker sahen in den Buchhändlern nur ihnen 
untergeordnete Bücherverkäufer; diese dagegen 
sagten sich, daß sie sehr wohl auch die von 
ihnen verkauften Bücher drucken könnten, und 
die Buchbinder argumentierten in gleicherweise, 
— alle glaubten sich im Recht als Meister der 
Gemeinschaft , durch die sie nicht auf ihren 
persönlichen Beruf beschränkt wären. Um 
diese Streitigkeiten zu heben, ergingen 1666/67 
Verordnungen, welche die Meisterschaft nur 
für einen Beruf zuließen; diejenigen aber, welche 
letztere vor dieser Zeit erworben hatten, glaubten 
sich nicht dem neuen Gesetz unterwerfen zu 
müssen. Übertretungen und Strafen waren 
die Folge; das Ende dieses heftigen und 








4Ö2 


Goebel, Eine wirtschaftliche Buchdruckergeschichte. 


interessanten Innungsstreites aber war, daß die 
Buchbinder sich 1686 von der Gemeinschaft 
der Buchdrucker und Buchhändler lossagten, 
nachdem man sich noch vorher bei einer Fest¬ 
lichkeit die Gläser an den Kopf geworfen, die 
Syndikatskammer auch illoyaler Handlungen 
beschuldigt hatte. Die entscheidende endgültige 
Trennung fand allerdings erst 1731 statt; in 
der Zwischenzeit war es wegen der Verteilung 
der der bisherigen Gemeinschaft gehörenden 
Möbel, gottesdienstlichen Geräte usw. noch 
wiederholt zu Streitigkeiten gekommen; der 
silberne heilige Johannes verblieb dabei den 
Buchdruckern. Die Buchbinder hoben jetzt aber 
auch die kirchliche Gemeinschaft auf. 

Kaum waren indes die Buchdrucker und 
Buchhändler von den Buchbindern befreit, als 
sie auch schon anfingen, sich gegenseitig zu 
bekämpfen. Letzteren war die Buchdrucker¬ 
kunst von allem Anfang an eine unwillkommene 
Erscheinung gewesen, durch die sie sich in 
ihrem Gewerbe beeinträchtigt glaubten; sie 
suchten sie deshalb dadurch niederzuhalten, 
daß sie den Buchdruckern die Manuskripte vor¬ 
enthielten, auch andere Schritte unternahmen, 
um sie zu schädigen, dabei die Freiheit der 
Meisterschaft begünstigend, sei es, um selbst 
Buchdruckereien zu errichten, sei es, um deren 
Zahl zu vermehren, Konkurrenz zu schaffen 
und den Bücherdruck zu verbilligen. Man hatte 
sich zwar im Laufe der Zeit zu einer Brüder¬ 
schaft und Gemeinschaft vereinigt, latente 
Gegnerschaften hatten aber stets stattgefunden, 
und eine königliche Verordnung von 1683 legte 
Feuer an die Mine, die jetzt in einem Prozeß 
der Drucker gegen die Buchhändler zur Ex¬ 
plosion kam. Man bekämpfte sich mit Druck¬ 
schriften und Gutachten, bis 1686 ein könig¬ 
liches Reglement für die Buchdrucker entschied 
und für Paris die Zahl der Druckereien, wie es 
deren Inhaber wünschten, auf sechsunddreißig 
beschränkt ließ. Gegenzüge der Buchhändler 
folgten, doch hatten diese nur insofern einigen 
Erfolg, als die Buchdrucker verpflichtet wurden, 
ihre Söhne eine einjährige Lehrzeit durch¬ 
machen zu lassen, falls diese eine freiwerdende 
Buchhandlung übernehmen sollten, während 
den Söhnen der Buchhändler dies ohne jede 
Lehrzeit gestattet war. — 

Ein anderer Kampf wurde am 9. März 1726 
zum Abschluß gebracht: der gegen die Uni¬ 


versität geführte, die wie mitgeteilt, eine Art 
Oberhoheit über das Buchgewerbe besessen, 
diese aber verloren hatte. Die Gemeinschaft 
hatte sich von den aus diesem Abhängigkeits¬ 
verhältnis gefolgerten Rechten nach und nach 
freigemacht, womit erklärlicherweise die Uni¬ 
versität nicht einverstanden war, und es führte 
dies zu einem langwierigen Prozeß, der schlie߬ 
lich damit beigelegt wurde, daß Buchdrucker 
und Buchhändler, die fortfuhren, sich „Stützen 
der Universität“ zu nennen und daraus ent¬ 
springende Vorrechte auszunutzen, sich dazu 
verstanden, bei Übernahme der Meisterschaft 
der Universität den Eid der Treue zu leisten, 
dem Rektor bei seinen Phnpfängen eine Kerze 
im Gewicht von einem Pfund darzubringen, 
diesen auch durch ihren Syndikus beiwohnen 
zu lassen. Damit war der Eitelkeit der Uni¬ 
versität Genüge geschehen, und sie ließ fortan 
ab von ihren Reklamationen. 

Im übrigen Frankreich hatten sich Buch¬ 
drucker und Buchhändler ebenfalls zu Gemein¬ 
schaften vereinigt; 1789 waren deren in zwanzig 
Städten bekannt; die Vorgänge in diesen Ver¬ 
einigungen waren in der Provinz die gleichen 
wie in Paris. Mellottee schildert als Beispiel 
die Gemeinschaft von Troyes, wo man eben¬ 
falls bestrebt war, die Meisterschaften zu be¬ 
schränken behufs Verringerung der Konkurrenz. 
So gab es dort 1651 18 Buchdrucker-Meister¬ 
schaften, 1763 aber zählte man deren nur 
noch fünf. — 

Das den Lehrlingen , Buchdruckern wie 
Buchhändlern gewidmete Kapitel ist eines der 
interessantesten. Das erste offizielle Dokument, 
die Lehrlinge betreffend, stammt von Franz I. 
und datiert vom 21. Dezember 1541; es wird 
darin vorgeschrieben, daß nach vollendeter 
Lehrzeit der junge Mann ein Zeugnis seines 
Meisters haben müsse, und daß nur Gehilfe 
und Meister werden könne, wer eine regel¬ 
rechte Lehrzeit durchgemacht habe. Die Buch¬ 
drucker, die sich sonst besser dünkten als die 
Handwerker, standen in dieser Beziehung auf 
ganz gleicher Stufe mit ihnen; sie schrieben 
auch vier Lehrjahre vor, denen noch drei 
Gehilfenjahre zu folgen hatten, bevor sie zur 
Bewerbung um die Meisterschaft zugelassen 
wurden. Bis zur Mitte des XVI. Jahrhunderts 
bestanden keine gesetzlichen Vorschriften in 
bezug auf das Alter und sonstige Eigenschaften 





Goebel, Eine wirtschaftliche Buchdruckergeschichte. 


463 


der Lehrlinge; noch vorhandene Lehrverträge 
ergeben, daß der Eintritt in die Lehre meist 
erst mit 17 bis 18 Jahren und noch später 
erfolgte; eigentümlich berührt es aber, wenn 
1572 Karl IX. vorschreibt, daß jeder, der sich 
zum Lehrling melde, lesen und schreiben können 
müsse, was auch durch Patente von Louis XIII. 
von 1610 und 1618 eingeschärft wurde. 1649 
aber war man bereits anspruchsvoller; es wurde 
verlangt, daß der sich als Lehrling Meldende 
die lateinische Sprache grammatikalisch richtig 
schreibe und spreche, auch das Griechische 
lesen könne, worüber er eine Bescheinigung 
des Rektors der Universität 1 beizubringen hatte, 
bei Strafe von 300 Livres und Ungültigkeits¬ 
erklärung des Lehrvertrags. Diese Bestimmung 
schloß viele junge Leute von der Erlernung 
der Buchdruckerkunst aus und führte bald 
einen Arbeitermangel herbei; schon 1654 wurde 
deshalb das Gesetz zeitweilig aufgehoben und 
den Buchdruckern gestattet, während zehn Jahren 
junge Leute als Lehrlinge anzunehmen, wenn 
sie auch nur schreiben und lesen konnten. 
Nach Ablauf dieser Frist sollte das Gesetz von 
1649 wieder in Kraft treten, doch ist dies so 
wenig geschehen, daß es im XVII.Jahrhundert 
Buchhändler geben konnte, die nicht einmal 
ihren Namen zu schreiben verstanden. 

Außer den mitgeteilten Bedingungen für 
die Lehrlingsaufnahme war auch gesetzlich 
vorgeschrieben, daß der sich Meldende ein 
gutes Leumundszeugnis besitzen, katholisch 
und von Geburt Franzose sein müsse, auch 
dürfe er nicht — verheiratet sein, eine Be¬ 
dingung, die erklärlich wird, wenn man erfährt, 
daß sich damals 30 Jahre alte Männer noch 
als Lehrlinge aufnehmen ließen. Daß seitens 
der Meister auch die Absicht, den Nachwuchs 
und damit die Konkurrenz in engen Schranken 
zu halten, hierbei eine Rolle spielte, ist nahe¬ 
liegend. 

Anfänglich genügte ein gegenseitiges Über¬ 
einkommen zur Aufnahme der Lehrlinge, seit 
1618 aber war ein vor einem Notar abge¬ 
schlossener Vertrag erforderlich, und der Lehr¬ 
ling mußte in die Bücher der Buchdrucker¬ 
gemeinschaft eingetragen werden, wenn seine 


Aufnahme Gültigkeit haben sollte. Nicht un¬ 
wesentlich war das Lehrgeld, das laut eines 
von Mellottee mitgeteilten Vertrags — der 
aufzunehmende Lehrling war 24 Jahre alt! — 
150 Livres betrug, von denen 75 sogleich, 
und 75 nach Verlauf eines der nächsten Jahre 
zu zahlen waren. Sofort zu zahlen waren aber 
noch 60 bis 70 Livres, von denen 30 auf das 
Aufnahmezeugnis der Gemeinschaft, 6 auf das 
Zeugnis des Rektors, 3 für dessen Diener (!) usw. 
kamen; auch der Notar mußte für den Lehr¬ 
vertrag bezahlt werden, das Krankenhaus und 
die Armen waren zu bedenken, und die Zeug¬ 
nisse über Religion und gute Führung wurden 
gewiß auch nicht umsonst ausgestellt.—Welcher 
Buchdrucker von heute würde einen Lehrling 
erhalten, wenn er ähnliche Forderungen stellen 
wollte?! Und dabei übersehe man nicht den 
höheren Wert des Geldes in jener Epoche! — 
In der ersten Zeit der Buchdruckerkunst 
währte die Lehrzeit drei Jahre; 1615 wurden 
vier Jahre als Minimum festgesetzt, eine Grenze 
nach oben gab es nicht, und so kam es, daß 
die Mehrzahl der Lehrverträge auf fünf Jahre 
lautete. Aus noch vorhandenen Dokumenten 
ist ersichtlich, daß von 1601 bis 1623 Lehr¬ 
verträge ausgefertigt wurden auf 3 Jahre 15, 
auf 4:68, auf 5:103, 6:43, 7:1, 8:3, und 
einer sogar auf 10 Jahre! Von 1624 bis 1651 
lauten die Zahlen: auf 3 Jahre 1, 4:71, 5 : 295, 
6:78, 7:8, 8:6; später wurde die lange Dauer 
abgeschafft, und von 1759 bis 1789 gab es 
nur noch eine vierjährige Lehrzeit. Ihre un¬ 
gewöhnliche Länge erklärt sich in einer Anzahl 
von Fällen dadurch, daß alsdann die Ange¬ 
hörigen des Lehrlings gar nichts für ihn zahlten 
und der Meister es sogar übernahm, ihn auch 
zu kleiden. Die Lehrzeit konnte indes durch 
diesen, der dafür eine Schadloshaltung empfing, 
abgekürzt werden; nicht sonderlich Gewissen¬ 
hafte unter ihnen schufen sich dadurch eine 
ansehnliche Einnahmequelle, und in Paris nahm 
dieses Verkürzen so überhand, daß 1618 das 
Schöffengericht den Meister, der Lehr¬ 
linge gegen Entschädigung vor Ablauf ihrer 
gesetzmäßigen Lehrzeit freisprach, bis zu 1000 
Livres Strafe verurteilte, die Lehrlinge aber 


1 Ein Spottvers aus jenen Tagen sagt uns, wie diese Bescheinigung gelegentlich verschafft worden sein mag. Er lautet: 

Je cours chez le recteur qui, regent severe, 

Devient traitable et doux en voyant le ducat 
Que je lui mets en mains pour son certificat . . . 




464 


Goebel, Eine wirtschaftliche Buchdruckergeschichte. 


mußten die doppelte Zeit, die sie zu früh ausge¬ 
treten waren, nachlernen. — 

Das sechste Kapitel ist überschrieben Les 
Alloiies. Für diese Art der Arbeiter besitzen 
wir kein Äquivalent im deutschen Druckerei¬ 
betriebe, und sie existieren auch, soweit bekannt, 
nicht mehr im französischen. Mellottee kenn¬ 
zeichnet sie als junge Leute von etwa 20Jahren, 
die kaum lesen und meist nicht ihren Namen 
schreiben konnten; sie verdingten sich auf zwei, 
drei oder mehr Jahre an Buchdrucker und 
arbeiteten dann an der Handpresse, nicht als 
Lehrlinge, sondern als einfache Arbeiter, die 
niemals Gehilfe oder Meister werden konnten. 
Sie erscheinen ziemlich spät im Druckerei¬ 
betrieb, ein offizielles Dokument erwähnt sie 
erst 1713; entstanden waren sie infolge der 
Streitigkeiten zwischen den Meistern und Ge¬ 
hilfen, die aus der Lehrlingsangelegenheit hervor¬ 
gegangen waren. Da in ihrer Folge die Zahl 
der Lehrlinge gesetzlich sehr eingeschränkt 
worden war, so daß sie dem Bedürfnis nicht 
mehr genügte, stellten die Meister solch junge 
Burschen an die Pressen und schufen damit 
eine Art unzünftiger Druckereiarbeiter. Die 
Behörden mischten sich bald auch hier ein, 
und es muß wundernehmen, daß dieselben in 
jener Zeit strenger Innungsbeschränkungen nicht 
nur die Anstellung dieser Arbeiter guthießen, 
sondern 1724 sie sogar anordneten, „um den 
unbilligen Forderungen der Gehilfen zu be¬ 
gegnen und annehmbare Arbeitspreise zu er¬ 
zielen“. Jeder Buchdrucker von Paris mußte 
einen Alloue beschäftigen, und wer mehr als 
vier Pressen besaß, hatte bei Strafe deren zwei 
einzustellen, welche Verordnung bis 1789 in 
Kraft blieb und so willig befolgt wurde, daß 
meist drei oder vier Alloues in jeder Druckerei 
arbeiteten und ihre Zahl in Paris sich fast immer 
auf über hundert belief. Unter ihnen befanden 
sich Kinder von nur 12 Jahren, und namentlich 
in der letzten Zeit des Ancien Regime wurde 
die Mehrzahl im Alter von 13 bis 15 Jahren 
angenommen. Man fragte bei ihrer Einstellung 
auch nicht nach Religion und Nationalität; die 
Hauptsache war, daß sie billig arbeiteten, nicht 
streikten und sich nicht bei den Behörden be¬ 
klagten. In bezug auf ihre Anstellung bestanden 
gesetzliche Vorschriften, doch wurden sie von 
den Buchdruckern nicht befolgt, und die Be¬ 
schwerden der Gehilfen gegen diese illoyalen 


Konkurrenten fanden keine Beachtung, so sehr 
die Beschwerdeführer auch in der Tat unter 
diesem System leiden mochten. 

In dem von den Gehilfen handelnden 
Kapitel erörtert der Verfasser zunächst die 
Vorbedingungen für die Gehilfenschaft und 
das Material, aus dem sie sich zusammensetzte. 
In Paris wurden bis 1618 nur diejenigen Ge¬ 
hilfen für voll anerkannt, die daselbst die 
Lehrzeit bestanden hatten, denn die konkurrenz¬ 
fürchtenden Meister suchten, erfüllt vom klein¬ 
lichsten Innungsgeiste, allen Zuwachs fernzu¬ 
halten; um aber schließlich zur Bewerbung 
um die Meisterschaft zugelassen zu werden, 
mußte ein Gehilfe als solcher auch noch min¬ 
destens drei Jahre bei einem oder mehreren 
Meistern in Paris gearbeitet haben, — nur 
Meisterssöhne waren hiervon ausgenommen. 

Das folgende Kapitel ist den Meistern 
gewidmet. Der Meisterschaft wurde in jener 
Zeit der strengen Innungsverbände großes 
Gewicht beigelegt, und sie zu erlangen, war 
nicht leicht; sie bildete bis zu einem gewissen 
Grade eine Bestätigung der moralischen, ma¬ 
teriellen und technischen Befähigung des Be¬ 
werbers, und ihre Erwerbung war mit nicht 
geringen Schwierigkeiten verknüpft. Solange 
die Buchdruckerei eine freie Kunst war, gab 
es solche zwar nicht; mit der Einrichtung der 
Syndikatskammern änderte sich dies aber so¬ 
fort; es wurde verlangt, daß jeder der sich 
zur Meisterschaft Meldenden seine Lehrzeit in 
Paris bestanden habe, falls sie nicht Söhne 
oder Witwen von Buchhändlern, Buchdruckern 
oder Buchbindern seien; die Meldung zur Auf¬ 
nahme war ein Jahr vorher zu machen. Auch 
mußte die gewerbliche Befähigung der Meister¬ 
schaftskandidaten von zwei bekannten Mit¬ 
gliedern dieser Stände durch Zeugnis bekräftigt 
werden, und es war nur je eine Aufnahme im 
Jahre gestattet. Zudem hatten die Kandidaten 
vor dem Gemeinschafts-Syndikus, seinen Bei¬ 
geordneten, vier früheren Beamten der Gemein¬ 
schaft und vier Buchhändlern, die ihr wenigstens 
zehn Jahre angehörten, eine Fachprüfung zu 
bestehen, die mindestens zwei Stunden zu 
währen hatte, und die dem Prüfling nur die 
Aufnahme sicherte, wenn zwei Drittel der An¬ 
wesenden ihre Stimmen zu seinen Gunsten ab- 
gaben. Die Prüfung war eine theoretische und 
praktische; wurde sie bestanden, so hatte der 



Goebel, Eine wirtschaftliche Buchdruckergeschichte. 


465 


neue Meister, nachdem er vorher schon ein 
Leumundszeugnis und eine Bestätigung seines 
treuen Katholizismus beigebracht — Protestanten 
waren seit dem 9. Juli 1685 von der Meister¬ 
schaft ausgeschlossen —, vor dem General¬ 
leutnant der Polizei den Eid, alle die Buch¬ 
druckerei betreffenden Gesetze zu befolgen und 
die üblichen Zahlungen zu leisten, abzulegen. 
Abgesehen von diesen Bedingungen war die 
Erwerbung der Meisterschaft noch mit sehr 
erheblichen, im Laufe der Zeit sich steigernden 
Kosten verbunden. Bis zum Jahre 1659 hatten 
die Meisterssöhne und die Gehilfen, die eine 
Meisterstochter oder Witwe heirateten, nichts zu 
zahlen, während die nicht solcherweise bevor¬ 
rechteten Gehilfen im Jahre 1615 20 Livres, 
1618 60 Livres, 1649 300 Livres und 1659 
300 Livres und 10 Livres für das Krankenhaus 
zahlen mußten; mit letzterer Steuer wurden 
in diesem Jahre auch die Bevorrechteten be¬ 
legt. Diese Forderungen stiegen mit der Zeit 
derart, daß sie 1777 für Meisterssöhne bei Be¬ 
werbung um die Meisterschaft von Buchhandel 
und Buchdruck 1200 Livres, für bevorrechtete 
Gehilfen für den Buchhandel allein 1300 Livres, 
erstrebten diese aber die Meisterschaft beider 
Gewerbe 3000 Livres, für unbevorrechtete 
2000 resp. 3000 Livres betrugen. Dazu kamen 
dann noch allerhand Sporteln und Abgaben, 
welche die Aufnahmegebühren für erstere auf 
2000, für letztere auf über 4000 Livres brachten, 
was der Verfasser nach dem Geldwerte von 
heute auf 8—10000 Franks bemißt. Für diese 
Summe hatte der neuaufgenommene Meister 
noch keine einzige Type oder Presse, — nur 
die Berechtigung, damit zu arbeiten, sobald er 
solche besaß, hatte er sich durch dieselbe 
erkauft. 

Trotz der hohen Kosten der Meisterschaft 
waren die Buchdrucker und Buchhändler doch 
nicht vollständig geschützt gegen die Kon¬ 
kurrenz, und zwar erwuchs ihnen diese sogar 
aus einer Maßnahme der Regierung selbst, 
die damals, wo ihr Machtbereich nur selten 
die Grenzen des eignen Landes überschritt, 
eine weltumspannende Politik ihr auch keine 
Kopfschmerzen machte, sich um allerlei Kleinig¬ 
keiten kümmern konnte. Geld und wieder Geld 
aber brauchte sie geradeso wie heute, und um 
solches zu erlangen ohne direkte Steuern, wurde 
zu allerlei Mitteln gegriffen. Eins derselben 
Z. f. B. 1906/1907. 


waren die Meisterschaftsbriefe, die, natür¬ 
lich gegen gute Zahlung, zur Etablierung als 
Meister in irgend einem Berufe berechtigten, 
ohne daß die Gemeinschaften es hindern durften, 
und die überdies den Erwerber der Anfertigung 
von Meisterstücken, der Prüfungen und sonstiger 
Zahlungen überhoben. Solcher Meisterschafts¬ 
briefe wurden für jedes Handwerk und Beruf 
zwei in jeder Stadt, Vorstadt und Flecken des 
Königreichs ausgestellt, und, um ihren Absatz 
zu sichern, verbot man die Aufnahme von 
Meistern und Meisterssöhnen, bis die Meister¬ 
schaftsbriefe Abnehmer gefunden hatten. Übri¬ 
gens war es den betreffenden Gemeinschaften 
gestattet, diese Briefe aufzukaufen und sich 
dadurch vor Konkurrenz zu schützen. Ihre 
Erfindung aber war, das leuchtet ein, die eines 
schlauen Finanzgenies, das eine reiche Geld¬ 
quelle zu erschließen wußte, ohne neue Steuern 
aufzulegen. 

Autorisierte Buchdruckereien gab es im 
Jahre 1704 nur 274 in ganz Frankreich, ihre 
Zahl war für die einzelnen Städte festgestellt; 
gleichwohl gestattete der König denjenigen, 
welche vor der Feststellung schon ihr Geschäft 
betrieben hatten, dasselbe fortzusetzen, wenn 
auch dadurch die festgesetzte Ziffer überstiegen 
werden sollte. Das führte jedoch zu neuen 
Kämpfen zwischen Buchhändlern und Buch¬ 
druckern, denn erstere sahen in der Beschrän¬ 
kung der Zahl der Buchdruckereien eine 
Ursache der Verteuerung des Druckes; ihre 
Klage darüber, die natürlich wieder beim 
König angebracht werden mußte, hatte aber 
keinen Erfolg; die Beschränkungen wurden 
bestätigt, ja die 1704 genehmigte Zahl wurde 
noch herabgesetzt auf 251, „weil eine Anzahl 
Buchdrucker sich nicht durch ihre Arbeit auf 
rechtmäßige Weise erhalten könnten und des¬ 
halb durch Privilegien geschützte Werke heim¬ 
lich nachdruckten“. Die letztere Zahl wurde 
bis zur Revolution von 1789, welche Freiheit 
in jeder Hinsicht brachte, aufrecht erhalten, 
war aber gleichwohl nicht zutreffend, denn 
außer den schon vor 1704 in Betrieb befind¬ 
lich gewesenen Druckereien, die geduldet 
wurden, und denen der Witwen, bestanden 
auch Geheimdruckereien, und selbst Polizei¬ 
beamte hatten ohne jede Berechtigung 
Druckereien eingerichtet. Die Beschränkung 
war gleichwohl eine sehr einschneidende; so 

59 



466 


Ebstein, Johann Friedrich Blumenbach als Bibliophile. 


gab es im Jahre 1618 in Paris 76 Druckereien, 
die auf die Zahl 36 zurückgeführt wurden; in 
Troyes zählte man 1700 deren 16, 1704 aber 
gestattete man ihrer nur 4, und 1789 gar nur 3. 
Was aus der großen Anzahl derjenigen, denen 
der Weiterbetrieb verboten wurde, geworden 
ist, darüber sagt der Verfasser leider nichts. 

Die Mehrzahl der Buchdrucker und Buch¬ 
händler scheint nur in der ersten Zeit der 
Kunst in günstigen Verhältnissen gelebt 
zu haben; genannt werden u. a. Godart & 
Merlin in Paris, die 1538 250 Arbeiter und 12 
bis 13 Pressen beschäftigten. Aber gegen 
das Ende des XVII. Jahrhunderts wurde in 
einer an den König gerichteten Denkschrift 
geklagt: „Die Buchdruckerei ist der ärmlichste 
Beruf, den es auf der Welt gibt. Schwere 
Arbeit und Elend war stets das Los der Buch¬ 
drucker, und es gibt in Paris nicht deren zwei, 
die, wenn nur Drucker allein, ein Vermögen 
von 10000 Livres besitzen.“ Das galt für ganz 
Frankreich, und zwar waren die Ursache die 
fortwährenden Kriege, die alle Verhältnisse 
unsicher machten. 

Wenn aber, mit wenigen Ausnahmen, die 


Buchdrucker damals keine Reichtümer besaßen, 
so erfreuten sie sich doch bei ihren Zeitgenossen 
hoher Achtung. Ihre Privilegien und der Schutz 
der Universität stellten sie über die Hand¬ 
werker, — die Buchdruckerei war eine Kunst, 
kein Handwerk; als „Künstler“ trugen sie den 
Degen an der Seite, und ihr Beruf war kein 
Herabsteigen der Person aus ihrem Stande, 
wie ein solches aus dem Betriebe eines Hand¬ 
werks gefolgt sein würde. Gab es unter den 
Buchdruckern auch solche, deren Wissen sich 
nicht über die Mittelmäßigkeit erhob, so zählten 
sie doch auch Gelehrte von bedeutendem Ruf 
in ihren Reihen. 

Hiermit schließt die zweite Abteilung des 
Mcllotteeschen Werkes, über dessen ungemein 
hohen Wert kein Zweifel bestehen wird. Die 
dritte Abteilung beschäftigt sich mit der Organi¬ 
sation und der Technik der Arbeit; sie führt 
uns in die Druckereien selbst und schildert 
ausführlich deren Betrieb und die beruflichen 
Verhältnisse, und bietet uns ein so farbenreiches 
und vielseitig interessantes Bild, wie wir in der 
Tat kein ähnliches in deutschen Werken vom 
Druckereiwesen besitzen. 


Johann Friedrich Blumenbach als Bibliophile. 

Mitgeteilt von 

Dr. Erich Ebstein in München. 


or kurzem hat L. Gerster Albrechtvon Haller 
als Bibliophilen gefeiert und in dieser 
hübschen Arbeit dessen acht verschiedene 
Exlibris reproduziert („Schweizerische 
Blätter für Exlibris-Sammler.“ I. Jahrgang. Separat¬ 
abdruck). Daß Blumenbach auch seine, speziell 
die von ihm verfaßten Bücher, lieb hatte, können 
die beiden bisher unbekannt gebliebenen Briefe von 
ihm zeigen, die ich der wiederholten Liebenswürdig¬ 
keit des Herrn Theodor Apel verdanke; sie sind 
an keinen geringeren Künstler als Daniel Chodo- 
wiecki gerichtet, der stets begehrt war, wo es galt, 
etwas Besonderes zu leisten. 

Die fünf Vignetten, die sich Blumenbach zu¬ 
nächst erbat, erschienen erst in den „Beyträgen zur 
Naturgeschichte“, die 1790 in Göttingen bei Die¬ 


terich herauskamen; sie sind in der Tat prächtig 
ausgefallen, und man kann verstehen, wenn 
Chodowiecki Blumenbachs Wünschen ganz ent¬ 
sprochen hat. 1 

Die schwierigste Aufgabe stellte Blumenbach, 
als er die Titelvignette zur zweiten Ausgabe des 
bekannten Buches „Über den Bildungstrieb“ 
(Göttingen 1789) — und zwar nach recht de¬ 
taillierten Vorschriften — verlangte. Jedenfalls 
befriedigte den Professor die Ausführung nicht. 
Denn wir wissen aus einem Briefe Blumenbachs 
aus eben dem Jahre (1787), 2 daß er die erste 
Zeichnung, die eine Sphinx darstellte, an den 
Künstler wieder zurücksandte und statt dieser 
einen dichten Busch wünschte, in dem ein Vogel im 
Neste seine Eier brütet. Er schrieb hierzu: „Es 



1 Genaue Beschreibung bei W. Engelmann, Chodowiecki, Leipzig 1857, S. 220 f. 

2 Vgl. Engelmann, S. 310. 








Ebstein, Johann Friedrich Blumenbach als Bibliophile. 


467 


ist doch ganz sonderbar, daß es so äußerst schwer 
hält, für eine so allgemein geläufige Sache, wie 
das Zeugungsgeschäft ist, eine anständige und doch 
zugleich recht expressive und allgemein verständ¬ 
liche Vorstellung zu geben.“ 

In der Tat enthält die Ausgabe von 1789 in 
Medaillonform mit gravierter Einfassung die nun 
gewünschte Ausführung: In einem Walde sitzt vor 
einem großen viereckigen Steine eine brütende 
Henne. Der bemooste Stein trägt die Inschrift: 
Veneri Caelesti Genetrici. 1 Damit kam die Titel¬ 
vignette zur zweiten Auflage schließlich nur auf 
eine kleine Modifikation derjenigen zur ersten 
Ausgabe von 1781 heraus, die der Göttinger 
Kupferstecher Riepenhausen gestochen hatte. Die 
Vignette am Schluß des Buches zeigt — ebenfalls 
von Riepenhausen —, wie Blumenbach sich aus¬ 
drückt, „eine anständige, und doch, wie Natur¬ 
kenner wissen, sehr bedeutungsvolle Vorstellung 
des Genusses, der dann den Bildungstrieb zur 
Folge hat“. — 

Zum Schluß lasse ich die beiden bisher nicht 
bekannten an Chodowiecki gerichteten Briefe 
Blumenbachs folgen: 

Göttingen, den Ilten Febr. [17]S7 
Ew. Wohlgebohren 

erinnern Sich vielleicht meiner noch, da ich schon vor 
einigen Jahren einmal so frey gewesen, um Dero Meister¬ 
hand zu 5 Vignetten , 2 über die Verschiedenheiten im Men¬ 
schengeschlecht zu erbitten, die aufs vollkommenste allen 
meinen Wünschen entsprochen haben, und von denen ich 
nun bald öffentlich Gebrauch zu machen gedenke, da 
ich zeither durch andere Geschäfte davon abgehalten 
worden. 

Jetzt komme ich indeß mit einem andern recht sehr 
dringenden Anliegen, um ein Titelkupfer und eine Titel¬ 
vignette zu einer Schrift über die Erzeugung, Fortpflanzung 
etc. die gleich nach Ostern bey Herrn Dieterich heraus¬ 
kommen soll und die ich um nichts in der Welt ohne 
diesen Schmuck von Ihrer Hand ins Publikum schicken 
möchte. 

Das Titelkupfer sollte ein einnehmendes allegorisches 
Bild der zeugenden Fruchtbarkeit darstellen, und dazu 
schickt sieh wohl nicht übel ein junger Mann, stehend oder 
knieend, vor seiner sitzenden lieben schönen Frau mit 
offenem Busen, die die Frucht ihrer Liebe, ein nacktes 
kleines Kind auf dem Schooße liegend hat, — also eine 
stumme und doch sehr laut beredte Scene. Die besonders 
(— als welches der Hauptpunkt beym ganzen sein würde —) 
durch den bedeutenden Blick beseelt wird womit die bei¬ 
den jungen Leute entweder einander oder ihr Kind etc. 
ansehen. Die Scene könnte in ein eichenes Gehölz oder 
in eine ländliche Laube oder Hole oder Hütte etc. versetzt 
werden, ganz wie es Ew. Wohlgebohren am besten finden. 
Das Costume dächte ich, etwa ä l’antique aufs simpelste; 
etwa sie in einem einfachen leichten Gewände, er in einer 
kurz aufgeschürzten Bekleidung mit blosen Armen und 
Beinen etc. 

Im ganzen geht mein Wunsch mir dahin allen mög¬ 
lichen Ausdruck von liebevoller Wärme mit aller edlen 


Simplicität vereint zu sehen. Das ganze wünschte ich in 
Oval, und etwa von beygeliender Größe. 

Nun die Vignette. Ein Sphinx der ganz von beygehen- 
dem Abdrucke eines alten hetrurischen Steins genommen 
werden könnte; so daß die liegende männliche Figur weg¬ 
fällt; und der Sphinx dagegen mit der rechten Hand auf 
ein Schild deutet, den er mit der Linken hält, und der die 
Aufschrift hat: antiquam exquirite matrem. 

Bios um die Größe anzudeuten habe ichs versucht die 
Vorstellung flüchtig hierbey zu kritzeln. 

Den Siegelabdruck darf ich mir gelegentlich wieder 
ausbitten. 

Die größte Gefälligkeit aber, um die ich Ew. Wohl¬ 
gebohren aufs dringendste und angelegentlichste ersuchen 
darf, ist die, mir noch diese ergebenste Bitte um beide 
Platten wenigstens noch vor Pfingsten gütigst zu erfüllen. 
— Und, zumal zum Titelkupfer die nächste selige Stunde 
zu nützen, wo Sie Sich so ganz aufgelegt fühlen wer¬ 
den einen so lieben Gegenstand ganz con amore zu be¬ 
arbeiten. 

Gleich vorläufig darf ich auch so frey sein Ew. Wohl¬ 
gebohren zu ersuchen, mir nachher von beiden Platten ein 
Dutzend Probeabdrücke unter Ihrer gütigen Aufsicht zu be - 
sorgen: das ich leider bey den 5 Menschen Varietäten zu 
bitten verabsäumt habe. Sollten Sie noch einen Probeab¬ 
druck von diesen übrig haben, so machten Sie mir damit 
ein großes Geschenk für meine zwar sehr unvollständige, 
mir aber immer gar wichtige kleine Sammlung von Ihren 
Werken. 

Der ich mit unveränderlicher Verehrung verharre 
Ew. Wohlgebohren 

Gehorsamster Diener 
Joh. Fr. Blumenbach 

Prof, me die. 

Göttingen, den 28t- Febr. [i 7]&7 
Ew. Wohlgebohren 

danke ich aufs allerverbindlichste für die baldige und 
bestimmte Antwort auf meine neuliche Bitte. 

So gern ich es auch gesehen hätte wenn dieselbe hätte 
auf Pfingsten erfüllt seyn können, so bescheide ich mich 
doch gern daß die Calenderkupfer meinem Herrn Verleger 
näher am Herzen liegen müssen! 

Darf ich dann aber dagegen wohl hoffen daß mich 
Ew. Wohlgeb. medio July mit den bewußten beyden Ar¬ 
beiten, (der 8ten Platte sowohl als der Vignette) erfreuen 
werden ? ich habe ein angelegentliches kleines Privatinter¬ 
esse dabey daß die ganze Schrift (mit diesem Schmuck 
von Ihrer kunstreichen Lland) zu Ende July ausgegeben 
werden kan. Daher ich Ihnen unendlich verbunden seyn 
werde wenn Sie die Gefälligkeit haben und mich nur 
mit einer Sylbe benachrichtigen wollen, ob ich dem zu 
folge medio July auf die beiden Platten Rechnung machen 
darf? 

Den Bauch des Sphinx habe ich wohl unrichtig ge¬ 
zeichnet. Der ist so viel ich mich entsinne auf der Gem¬ 
me nicht Menschlich sondern würklich Löwen&xtig (mit 
wellenförmigen Ungleichheiten etc. etc.). Auch die Hinter¬ 
füße auf welchen er aufrecht sitzt sind von Löwen. Nur 
statt der sonstigen Löwen-Vorderf üße hat er Menschen-Ar?ne; 
welche Vorstellung von Sphingen auf aegypliscYitn und 
hetruscisch.en Kunstwerken zuweilen vorkommt. 

Ich empfehle mich und mein Anliegen Dero gütigem 
Andenken und beharre mit vollkommenster Hochachtung 
Ew. Wohlgebohren 

ergebenster 
Joh. Fr. Blumenbach. 


1 Vgl. Zeitschrift für Bücherfreunde, Jahrgang 1898, S. 162. 

2 Das auf der Königlichen Bibliothek in Berlin befindliche Exemplar — „ex Bibliotheca Friderici Jacobi — ent¬ 
hält die 5 Vignetten außer im Text noch hinten angebunden (mit breitem Rand). 






Chronik. 


Aus dem Insel-Verlag. 

Aus dem Leipziger Insel - Verlag liegt uns eine 
ganze Reihe prächtiger neuer Veröffentlichungen vor. 
Die Großherzog Wilhelm Ernst - Ausgabe deutscher 
Klassiker hat sich nun auch auf Schiller erstreckt. 
Seine Dramen, Gedichte und Erzählungen, historischen 
und philosophischen Schriften sowie die Übersetzungen 
sind in einem geschmackvollen Karton vereinigt worden, 
der die Sammlung ganz besonders zu Geschenkzwecken 
geeignet erscheinen läßt (M. 27). Über die äußere 
Ausstattung dieser Ausgabe haben wir schon zu 
öfterem gesprochen; frühere Fehler sind verbessert 
worden, vor allem schlägt das Papier nicht mehr durch. 
Für die Herausgabe zeichnet Professor Albert Köster. — 
Ganz reizend ist die von Felix Paul Greve besorgte 
neue Übersetzung von Murgers ,,Boheme“, in einer 
prächtigen Antiqua von W. Drugulin gedruckt und mit 
einer Anzahl ganzseitiger Illustrationen von Franz 
von Bayros geschmückt. Es liegt ein großer Reiz in 
diesen entzückenden Zeichnungen, die die Montmartre- 
Heldinnen der Schilderungen Murgers darstellen und 
die in ihrer graziösen Anmut an die Bilder Lamis zu 
Mussets Werken erinnern. Auch die Übersetzung ist 
zu loben. — Fast pomphaft prächtig ist eine Erinnerungs¬ 
gabe an Nietzsche: „InMemoriam Friedrich Nietzsche“, 
Dichtung von Gabriele d’Annunzio. Otto Freiherr 
von Taube hat die stolzen Verse des italienischen 
Parnassiers ausgezeichnet verdeutscht und der Verlag 
ihnen ein Schmuckgewand gegeben, das die Publikation 
in der Tat zur Würde eines Denkmals erhebt. Ein 
Pergamenteinband mit dem Aufdruck „In Memoriam 
F. N.“ in schlichter Goldantiqua bildet die äußere 
Hülle für die gedankenschwere Dichtung. Breitkopf 
& Härtel übernahmen den Druck; die schöngeschnittenen 
Typen stehen tiefschwarz auf dem Büttenpapier, nur 
die ersten beiden Strophen und die Anfangsworte der 
Abschnitte sind in rot gehalten. Das Seitenbild ist 
von vollendeter Harmonie (M. 12). — Der gleiche 
Verlag verausgabte auch ein eigenartig interessantes 
Buch Karl Larsens; dessen „Poetische Reisen“ (2 Bände; 
je M. 3,50), übersetzt von Erna Bobe und mit einem 
schlichtvornehmen Titelentwurf von Walter Tiemann 
versehen: keine der gewöhnlichen Reisebeschreibungen 


fingerfertiger Touristen, sondern stilistisch fein ge¬ 
schliffene und inhaltlich ungemein anregende Essais 
über Land und Leute in Rußland, Deutschland, Spanien 
und Portugal. — 

Von weiteren Neudrucken des Insel-Verlags ist 
vor allem die prächtige zweibändige Ausgabe von 
Poccis Lustigem Komödietibiichlein zu nennen (M. 7, in 
Halbpergament M. 10): eine Gabe zum hundertjährigen 
Geburtstage Poccis (7. März 1907). Über Pocci haben 
wir kürzlich eine eingehende Monographie aus der 
Feder Leopold Hirschbergs veröffentlicht, in der auch 
die Kasperlkomödien des Grafen gewürdigt wurden. 
Wertvoll bei der Insel-Ausgabe ist vor allem die Fest¬ 
stellung des Originaltextes, die mit Hilfe Professor 
Hyacinth Hollands und der Gräfin Maria Pocci in 
München ermöglicht wurde; letztere steuerte aus der 
Hinterlassenschaft ihres Vaters auch die Handschrift 
des Eröffnungsprologs, die den zweiten Band einleitet, 
und ältere Entwürfe zu „Aschenbrödel“ und „Eulen¬ 
schloß“ bei. Ähnlich verhält es sich mit dem Bilder¬ 
schmuck; auch in dieser Beziehung hat sich der Nach¬ 
laß ergiebig gezeigt. Möge die neue Ausgabe dazu 
beitragen, das Verständnis für den liebenswerten Poeten 
und humorvollen Zeichner zu erhöhen. — 

Auch des alten Kortüm lustige Jobsiade ist im 
gleichen Verlage in hübschem Neudruck erschienen. 
Otto Julius Bierbauin hat dazu eine launige Vorrede 
in Knittelversen geschrieben, die sich dem Charakter 
des seligen Jobstes wohl anpaßt. Der starke Oktav¬ 
band ist genau im Geschmack seiner Entstehungszeit 
gehalten. Graubraunes ,,Düten“-Papier mit ovalen 
Titelschilden als Umschlag, ein altmodisches blau-grau¬ 
rotes Vorsatzmuster und ein Papier, dem alten so gut 
nachgebildet, daß es sogar — durchschlägt. Der Band 
ist ein Nachdruck der ersten, alle drei Teile umfassen¬ 
den Ausgabe von 1799, doch stammen einzelne der 
charakteristisch primitiven Holzschnittchen des ersten 
Teils aus der Ausgabe von 1784. Walter Tiemann 
zeichnete Titel, Zierstücke und Einband. Den Freun¬ 
den des wackeren Kandidaten ist ein hübsches Äqui¬ 
valent für die Urausgabe damit zur Hand gegeben. 

Es ist erfreulich, wie der Inselverlag aus jeder seiner 
Veröffentlichungen ein selbständiges kleines Kunstwerk 


















Chronik. 


469 


zu machen versteht. Der „Inselalmanach auf das Jahr 
1907“, der die Verlagswerke anzuzeigen bestimmt ist, 
präsentiert sich in einer zierlich von R. A. Schröder 
gezeichneten Titelrahmung und Umschlagvignette. Die 
hübsche Schrift stammt von Heinrich Wieynk. Den 
Kalenderblättern folgt eine Reihe von Artikeln „Aus 
Büchern und über Bücher“, unter denen erste Künstler¬ 
namen und köstliche Illustrationsreproduktionen ver¬ 
treten sind. Unter anderem zwei wunderhübsche figür¬ 
liche Zeichnungen von Ludwig von Hofmann, der auch 
ein Essay über Wilde während seiner letzten Lebens¬ 
periode beigesteuert hat; ferner das Francine-Blatt 
aus der neuen Murger-Ausgabe und die Titelzeichnung 
zu den Verlaineschen Gedichten, von denen etliche 
abgedruckt sind. Unter den Artikeln findet sich manche 
an und für sich fesselnde Studie. Ein Verzeichnis der 
Verlagswerke schließt den Band. Ein solcher Almanach 
reizt freilich mehr zum kaufen, als die mehr oder 
minder geschmacklosen Waschzettel-Anpreisungen, die 
häufig dem gelobten Werke den Fluch der Lächer¬ 
lichkeit zuziehen. — bl— 


Kunst. 


Bruno Heroux ; Malerische Emdrücke einer Reise 
von Leipzig nach Oberitalien. 36 Skizzen eines deutschen 
Steinzeichners. Die Blätter wurden auf der Handpresse 
bei Julius Klinkhardt in Leipzig gedruckt. Die Auflage 
beträgt 80 mit der Hand numerierte Exemplare. Quer- 
Folio. Preis 36 M. 

Bruno Heroux ist den Lesern dieser Zeitschrift be¬ 
kannt. Sie wissen, daß seine Arbeiten, zumal die Ex¬ 
libris, durch die absolute Sicherheit der anatomischen 
Zeichnung, die klare Symbolik und die meisterhafte 
Beherrschung aller Techniken ihm in der Graphik der 
Gegenwart eine der vordersten Stellen anweisen. Aber 
in der vorliegenden prächtigen Sammlung tritt der 
Künstler als ein andrer vor uns hin. Wer hätte von 
ihm nach seinen früheren Leistungen diese leichte und 
zugleich scharfe Erfassung landschaftlicher und archi¬ 
tektonischer Impressionen erwartet? Es ist, als hätte mit 
dem Verlassen des heimatlichen Bodens das fran¬ 
zösische Blut der Vorfahren die anerzogene deutsche 
Art ausgeschieden, wenigstens soweit sie den neuen 
Aufgaben des reisenden Malers sich nicht fügen wollten. 
Wie die Valeurs gegeneinander abgestuft und durch 
den überall aufs feinste erfaßten Luftton verschmolzen 
sind, das erinnert an die besten Leistungen der Crayon¬ 
manier. Dabei ist durch den Umdruck die Unmittel¬ 
barkeit und die liebenswürdige Heiterkeit der Originale 
ohne jede Einbuße gewahrt worden: eine auch typo¬ 
graphisch bemerkenswerte Leistung. 

Die Reise beginnt am werdenden Völkerschlacht¬ 
denkmal vor Leipzigs Toren. Mächtig strebt das 
Massiv, umgeben von den riesigen Gerüsten, aus der 
Treppenbasis empor und mutet in seiner formlosen 
Ungestalt geheimnisvoll kyklopisch an. Als stärkster 
Gegensatz treten daneben die üppigen Barockformen 
der neuen Front der Wiener Hofburg am Michaelis¬ 
platz. Ein Abstecher nach Preßburg erschließt die 


anmutige Silhouette des Michaelistors; dann geht es 
zu den Fluten des Adria. Miramare erscheint: der 
erste Gruß südlichen Reichtums der Vegetation, ver¬ 
eint mit dem Zauber des Meeres. Der rauhe Karst 
bietet in den grandiosen Höhlenbildungen von Canzian 
und Matavun, den zerrissenen Formationen der Ober¬ 
fläche, dem romantischen Wasserspiegel der Machort- 
schitschgrotte dem Stifte reiche Ausbeute'; flüchtig 
taucht der belebte Hafen von Triest auf. Fünf Blätter 
geben Veduten und Einzelheiten aus Venedig, auch 
Rialto und S. Maria della Salute in neuer, besonders 
reizvoller Auffassung; der grandiose Prato della Valle 
in Padua, diese unvergleichliche Platzanlage, ist in 
ihrer monumentalen Schönheit packend wiedergegeben; 
düster groß hebt sich dort die Kirche del Carmine, in 
Verona die massige Brücke zum Scaligerkastell vom 
Horizont ab. Zwei andere Veroneser Ansichten, mit 
die am besten gelungenen der Sammlung, zeigen den 
Markt auf der Piazza d’Erbe und die Arena während 
einer gymnastischen Aufführung. Dann geht es wieder 
nordwärts, an den Gardasee, hinauf ins spärlich be¬ 
wohnte, selten besuchte Ledrotal, zu den Oliven von 
Torbole, nach Fasano und Maderno, wo höchst reiz¬ 
volle architektonische und landschaftliche Motive den 
Künstler länger festhalten und seiner Mappe reiche 
Ausbeute gewähren. Salo, die Grotten des Catull und 
die alte Scaligerburg auf der Halbinsel Sirmio am 
Südende des Sees geben, ehe es heimgeht, die großen 
Schlußeindrücke. 

Die Aufzählung kann und soll nur den Reichtum 
des stofflichen Inhalts der Sammlung andeuten. Wer 
ihren künstlerischen Wert, die feine Persönlichkeit und 
das hohe Können genießen will, die sich darin allent¬ 
halben offenbaren, der nehme die Mappe zur Hand, 
die ihm schon von außen durch ihre schlichte Vornehm¬ 
heit einen Genuß besonderer Art ankündigt. Und hat 
er sie einmal geöffnet, so wird er sie schwerlich wieder 
aus der Hand legen, ehe er das letzte der zarten Japan¬ 
blätter umgewandt hat, und oft zu ihr zurückkehren. 

Leipzig. Georg Witkowski. 

Moderne Illustratoren: Aubrey Beardsley von 
G. Esswein. R. Piper & Co., München. (3 M.) 

Von den „Modernen Illustratoren“, deren bisher 
erschienenen sieben Bände hier besprochen wurden, ist 
ein neuer Band erschienen, der Aubrey Beardsley ge¬ 
widmet ist. Dieser Modekünstler, dessen Gebiet so 
beschränkt ist, dessen Schaffen eher einen Extrakt aus 
anderen Faktoren als eine in sich beschlossene Eigen¬ 
art darstellt, ist ein sonderbares Gemisch von Intellek¬ 
tualismus und Phantastik. Eine Phantastik, die echt 
englisch ist; insofern sie das derb Bizarre als Charakter 
prägt. 

Dieses Besondere, Bedingte muß bei Beardsley zum 
Ausgangspunkt der Erörterung gemacht werden, das 
Einseitige der Essweinschen Behandlungsweise tritt zu¬ 
tage. Gewiß ist seine Stellungnahme richtig. Er weist 
Beardsley im Grunde ab, da er das Leben reicher und 
stärker empfindet als dieser Engländer, der am Leben 
eigentlich vorübergeht. Es ist anzuerkennen, daß Ess- 







470 


Chronik. 


wein diesen Standpunkt vertritt in einer Zeit, wo das 
Künstelnde das Künstlerische oft in den Schatten stellt. 

Doch muß dann gerade durch die Erörterung un¬ 
zweifelhaft feststehen, daß der Autor für das Künst¬ 
lerische, Technische Auge und Sinn besitzt. Das geht 
aber nicht hervor. Esswein behandelt die Illustratoren 
als Literat. Der Künstler aber folgt ebensosehr den 
technischen Mitteln, die ihn leiten, wie den Ideen 
seiner Zeit, und je mehr er Künstler wird, den Mitteln. 
Darum muß sich auf das Künstlerische, auf die Mittel 
die Erörterung richten. Davon aber spricht Esswein 
kaum. Er gibt eine kulturgeschichtliche Paraphrase 
über den Zeitgehalt in Beardsleyschen Werken. Reicht 
das hin? Gerade der abweisende Kritiker muß, um 
dem Vorwand zu entgehen, er lasse sich durch das 
Inhaltliche abschrecken, sein Augenmerk auf das Tech¬ 
nische richten. Das ist bisher noch bei keiner Beardsley- 
Monographie geschehen. Da wird in äußerlicher Weise 
auf dem Erotischen herumgeritten, dem ein dämo¬ 
nisches Kulturmäntelchen umgehängt werden soll. Ein 
andermal verflüchtigt sich die Darstellung in ein halt¬ 
loses reges Spiel von Behauptungen. Das, was über 
diesen Übertreibungen und Entgleisungen als künstle¬ 
risches Mittel steht, bleibt unberücksichtigt. Es wäre 
von dem Reiz der Linie, dann von dem Kontrast 
schwarz und weiß zu reden. Dann von den Einflüssen, 
die Beardsley schufen. Und dies beides muß er¬ 
wachsen auf dem Grund einer Notwendigkeit, die zeigt, 
weshalb Beardsley so nachgab. Auf diesem Weg er¬ 
gibt sich dann eine Kritik. Nicht eine Kulturkritik, 
sondern eine Kunstkritik. Das Problem „Beardsley“ 
ist dazu interessant genug. Als Kulturbetrachtungen 
behalten die Essweinschen Worte ihren Wert; man 
könnte diese Auseinandersetzungen etwa als eine Ein¬ 
leitung bezeichnen, die den Kulturhintergrund zeichnet. 

Charlottenburg. Ernst Schur . 


Eine glänzende Reproduktion von Adolph Menzels 
Prachtwerk „Die Armee Friedrichs des Großen in ihrer 
Uniformierung“ beginnt im Verlage von Martin Olden- 
bourg in Berlin zu erscheinen. Über das Original ist 
kaum noch ein Wort zu sagen: im Ruhmeskranze 
Menzels bildet es das leuchtendste Blatt. Der faksimile¬ 
getreuen Wiedergabe liegt das von ihm selbst kolo¬ 
rierte Handexemplar des Meisters zugrunde. Die 
Professoren Doepler und Skarbina überwachen die 
Vervielfältigung, Hauptmann Jany von der kriegs¬ 
geschichtlichen Abteilung des Generalstabs hat den 
begleitenden Text geschrieben, der einen zusammen¬ 
hängenden Überblick über die gesamte friderizianische 
Armee gibt. 

Bei der Auswahl der Tafeln wurde sowohl dem 
künstlerischen wie dem geschichtlich-militärischen 
Charakter Rechnung getragen; d. h. es wurden die 
schönsten der Blätter Menzels aufgenommen und dabei 
wurde zugleich auch berücksichtigt, daß alle Truppen¬ 
teile von historischer Bedeutung vertreten sind, so daß 
eine vollständige Darstellung des Heeres Friedrichs 
des Großen in ihren wichtigsten Typen gegeben ist. 

Die Ausgabe erfolgt in io Großfolio-Lieferungen 
(zu je M. 20) von 10 Tafeln in farbiger Reproduktion, 


auf Karton montiert. Wir werden Gelegenheit finden, 
noch zu öfterem auf das Werk zurückkommen zu 
können, das für Bibliotheken, Theater, Künstler, Mili¬ 
tärs, schließlich auch für das deutsche Haus eine un¬ 
erschöpfliche Fundgrube der Belehrung und Anregung 
bietet. Das erste Heft ist bereits erschienen und zeigt 
in seinen 10 Farbentafeln die Reproduktionstechnik 
auf einer bisher kaum erreichten Höhe der künstle¬ 
rischen Ausführung. —bl— 

Axel L. Romdahl: Om Exlibris. Stockholm 1905. 
Hasse W. Tullberg. (36 S. Gr. 8°.) Kr. 0,50. 

Auf knappem Raume wird ein dennoch ausreichen¬ 
der Überblick über die Entstehung der Sitte, Eigen¬ 
tumszeichen in den Büchern anzubringen, und die Ge¬ 
schichte des Exlibris in den verschiedenen Ländern 
und Stilarten geboten. In Schweden müsse diese 
Kleinkunst, meint der Verfasser, vom Publikum noch 
mehr gefördert, vom Künstler gehoben werden, bis sie 
sich mit der künstlerischen Kultur des Landes auf 
andern Gebieten messen könne; wer aber den ganzen 
Brauch für unnötigen Luxus ansehe, da ja ein ge¬ 
schriebener Name oder gedruckter Zettel dieselben 
Dienste tue, dem antworte er: „Von allem Luxus 
können wir am wenigsten die Schönheit entbehren, 
auch nicht im Alltagsleben bei der Arbeit“. Den Auf¬ 
satz illustrieren 34, größtenteils nach Strichzeichnung 
phototypisch vorzüglich wiedergegebene Exlibris, 
unter denen die 12 schwedischen auch Sammlern neu 
sein dürften. Hervorgehoben seien von Modernen um 
seines Besitzers willen das sehr schlichte Exlibris 
Lindgrens für König Oskar II. (ein O, darin die Zahl; 
umgeben von Lorbeerzweigen, darüber die Krone, da¬ 
runter die Devise: Über Tiefen hin zur Höhe empor); 
wegen ihrer lebhaften Zweifarbenwirkung, die uns in 
der nordischen Buchkunst der Gegenwart so häufig 
entgegentritt (Schwarz- und Rotdruck) das von Tore 
Wahlström für Nils Sjöberg und das des Norwegers 
Gerhard Munfhe, der wie immer mit den einfachen 
Elementen Bogen und Linie ein wundervolles altnor¬ 
disches Muster ausarbeitet, die Buchstaben des Be¬ 
sitzernamens hier aber so barock zweireihig anordnet, 
daß er nicht zu entziffern ist; wegen seiner Kontrast¬ 
wirkung in Schwarz-Weiß nach Vallotons Art der Ame¬ 
rikaner W. Edgar Fisher. £chon im XVIII. Jahrhundert 
haben übrigens in Schweden die Graveure I. E. Rehn 
und I. Gillberg für Ulfsparre und Daniel Tilas sehr 
dekorative Buchzeichen im Rokokostile gestochen. 

Der Verleger und Drucker des Büchleins, das in 
einem Kalbsleder täuschend nachahmenden Umschlag 
steckt, Hasse W. Tullberg, Direktor einer bedeutenden 
Druckerei, die als Spezialität gerade feinen Illustra¬ 
tions- und besonders Stahldruck pflegt, beschreibt in 
einer Beilage die unterschiedlichen Reproduktionsver¬ 
fahren für Exlibris, wie seine Offizin sie ausführt, bringt 
eine Liste der schwedischen Künstler, die sich bereit 
erklärt haben, solche anzufertigen, und zeigt auf drei 
Tafeln mit Originalen (den Buchzeichen des Grafen 
Carl Trolle Bonde, des Pastors Albin Hildebrand und 
des Verlegers selber), wie er seine Sammlung, auf 
verschiedenfarbige Kartons geklebt, einrichtet, und was 






Chronik. 


471 


seine Druckerei in Stahlätzung, -gravüre und -druck zu 
leisten vermag. Er fordert schließlich zur Gründung 
eines schwedischen Exlibris-Tauschvereins auf, dessen 
Mitgliederliste gedruckt und an ähnliche Vereine des 
Auslands geschickt werden soll. Die Adressen der¬ 
selben, ihre Organe, und die wichtigste Exlibris- 
Literatur (leider ohne Charakterisierung und mit stark 
gekürzten Titeln) sind im Anhang mitgeteilt. B. 


Verschiedenes. 


Eine Literaturgeschichte für die „Nichtwissenden“ 
nennt Eduard Engel seine große Geschichte der deut¬ 
schen Literatur von den A?ifängen bis in die Gegen¬ 
wart, die in Leipzig (G. Freytag) und in Wien 
(F. Tempsky) in zwei stattlichen, sehr schön aus¬ 
gestatteten Bänden erschienen ist. Dieser ausdrück¬ 
liche Hinweis auf das Publikum, das sich der Verfasser 
wünscht, entschuldigt mancherlei bibliographische 
Mängel und erklärt auch das Aphoristische der Be¬ 
handlungsweise. Gelehrsam ist Professor Engel nicht, 
aber gottlob auch nicht langweilig; im Gegenteil, die 
Frische seines Vortrags entschädigt für die Bedenken, 
zu denen seine höchst persönliche Auffassung zuweilen 
Anlaß gibt. Vortrefflich sind die Anfänge, die mittel¬ 
hochdeutsche Zeit, auch das dem Humanismus und der 
Reformationsepoche gewidmete Kapitel. Flüchtiger 
wird die Entstehungsgeschichte des Volksbuchs von 
Faust gestreift und ebenso flüchtig die lehrhafte Dich¬ 
tung dieser Periode behandelt. Ausgezeichnet ist die 
knappe Charakteristik von Gryphius als Dramatiker; 
aber auch hier wie bei Anton L T lrich von Braunschweig 
und Bucholtz, um Stichproben herauszuheben, sind die 
bibliographischen Angaben nicht ganz genau; bei wich¬ 
tigen Literaturdenkmalen, z. B. bei der Erstausgabe 
des „Simplicissimus“, fehlt das Erscheinungsjahr ganz. 
Dagegen muß man E. Engel Dank wissen, daß er den 
von der Literaturgeschichte fast vergessenen,,Teutschen 
Michel“ Grimmelshausens wieder zu seinem Recht ver- 
hilft. Von den kurz aufgezählten Robinsonaden sind 
viele nur Titelspekulationen; die erste Übersetzung 
des Defoeschen Romans erschien übrigens schon 1720. 
Bei manchen Jahreszahlen weiß man nicht, ob sie das 
Jahr der Entstehung des betreffenden Werkes oder 
des Erscheinens sein sollen. Beispielsweise steht hinter 
Lessings Jugendlustspiel „Der Freygeist“ 1749; das ist 
das Entstehungsjahr, gedruckt wurde es erst in den 
Schriften 1755. Mit einem ganz vortrefflichen Kapitel 
über Friedrich den Großen in seinem Verhältnis zur 
deutschen Literatur schließt der erste Band. 

Der zweite umfaßt Goethe und Schiller, die Epi¬ 
gonen und Romantiker, das junge Deutschland und 
die Gegenwart. Gegen die Kapitel über die beiden 
Größten ist nichts zu sagen. In der Notiz über die 
Gesammelten Werke Schillers hätte die beste Aus¬ 
gabe, die historisch-kritische Goedekes, nicht fehlen 
dürfen. Faust zweiter Teil ist in Berlin schon vor der 
Bearbeitung L’Arronges in Devrients Bühneneinrichtung 
im damaligen Viktoria- und National-Theater aufgeführt 


worden. Die älteste Ausgabe gesammelter Schriften 
Goethes war die unberechtigte Himburgsche, der die 
Nachdrucke in Karlsruhe, Frankfurt, Reutlingen folgten, 
ehe Göschens Ausgabe herauskam; den neueren „guten 
Gesamtausgaben“ hätte die Hempelsche, von Förster, 
Loeper und Strehlke redigierte noch angefügt werden 
können. Sehr hübsch ist der Abschnitt über die Ro¬ 
mantik. Dem „Godwi“ Brentanos gingen die „Satiren 
und poetischen Spiele“ voran; das „Wunderhorn“ er¬ 
schien erst 1806, Arnims „Ariel“ hätte wenigstens Er¬ 
wähnung verdient. Kleists „Germania“ - Ode wurde 
nicht erst 1821 veröffentlicht, sondern erschien schon 
1813 als Flugblatt und wurde mannigfach nachgedruckt. 

Engels Urteil über Pückler ist merkwürdig scharf; 
Meinholds „Bernsteinhexe“ mit „widerwärtig“ und 
„schmutzig“ abzutun, ist unverständlich; sehr freut 
mich seine Begeisterung für Alexis und Gotthelf. Heines 
erste Poesien erschienen nicht im „Gesellschafter“, 
sondern in „Hamburgs Wächter“; die „Gedichte“ 
wurden zwar schon im Dezember 1821 verausgabt, sind 
aber von 1822 datiert. 

Den Abschnitten über die Dichtung der Gegenwart 
schickt Engel ein paar Worte voraus, in denen er ohne 
weiteres zugesteht, daß sein Urteil Partei sei. Im 
übrigen enthalten auch diese Kapitel viele recht gute 
und treffende Bemerkungen, bis auf die ganz ober¬ 
flächlichen Erörterungen über die literarische Presse; 
Engel kennt nur das treffliche „Literarische Echo“, er 
hätte aber zum mindesten noch das „Euphorion“ 
nennen müssen und unter den literarischen Ver¬ 
einigungen wohl auch die Gesellschaft der Bibliophilen 
und die für Theatergeschichte, schon ihrer Veröffent¬ 
lichungen halber. Alles in allem: ein Werk, das man 
mit hohem Interesse und mannigfach auch unter Kopf¬ 
schütteln lesen wird, das reiche Anregungen gibt und 
ebenso lebhaften Widerspruch herausfordert. 

—bl- 


Eine Veröffentlichung von zarter Schönheit sendet 
uns der Verlag von F. Tempky in Wien und 
G. Freytag in Leipzig zu. Unter dem Titel ,,Kling, 
Klang, Gloria“ hat Herr W. Labler eine Reihe von 
Volks- und Kinderliedern ausgewählt und in Musik 
gesetzt, deren reichen Ausschmuck Heinrich Leffler 
und J. Urban gespendet haben. 

Es ist hier nicht der Ort, auf die musikalischen 
Verdienste der Veröffentlichung einzugehen. Daß — 
seit der Mopsus-Ausgabe — zum erstenmal der Ver¬ 
such gemacht wird, Noten anders, denn durch bunte 
Titel zu schmücken, ist an und für sich anerkennens¬ 
wert. Mit Unterschied natürlich. Ich möchte nicht Beet¬ 
hovens Sonate üben und dabei stundenlang den bunten 
Krimskrams rechts und links vor Augen haben. Aber für 
solche Liederchen, die nur zum Durchspielen, zum 
Erklingenlassen gedacht sind, ist das zierliche Beiwerk 
sehr reizvoll und ergänzt das Tonbild, gibt ihm sozu¬ 
sagen eine feste Form auch für das Auge. 

Schon das äußere Gewand des Heftes im Quer¬ 
folioformat ist originell. Im kattunartig gemusterten 
blaugrauen Grund ist das weiße Titelschild ausgespart, 
auf dem blaue, wie schabloniert wirkende Glocken- 







472 


Chronik. 


blumen den Titel einläuten. Auf dem zartgrünen, 
gespritzten Vorsatzpapier wiederholen sich die Cam- 
panulen, indem sie ihre zarten Stengel zum Reigen 
schlingen. 

Den Notenseiten sind teils schmale Rahmen oder 
breite Schmuckleisten gegeben, teils sind ihnen Voll¬ 
bilder von entzückendem Farbenschmelz und liebens¬ 
würdigster Erfindungsgabe gegenübergestellt. Die 
Bilder sind nicht einzeln signiert, aber man kennt 
mühelos die zarter getuschten, poetischeren Schöpf¬ 
ungen Lefflers aus den derben, humoristischeren, so¬ 
zusagen mit unruhigerer Pinselspitze bearbeiteten 
Urbans heraus. 

„Kling, Klang, Gloria“ ist kein Kinderbuch schlecht¬ 
hin. An allen seinen feinen süßen Details werden sich 
wohl Erwachsene eher erfreuen als Kinder. Aber es 
fügt den durch die Musik ausgelösten Genüssen des 
Hörens und Fühlens auch noch den des greifbar Sehens 
zu und ist ein weiteres, wenn auch nur kleines Steinchen 
zum Bau, den Wagner durch die Verschmelzung aller 
Künste angestrebt hat. —m. 


Einen sehr hübschen Neudruck von Celanders im 
Original kaum noch aufzutreibenden Roman „Der ver¬ 
liebte Studente“ hat Julius Zeitler in Leipzig veranstaltet 
(in Halbpergament M. io). Das Geheimnis des Pseu¬ 
donyms Celander ist immer noch nicht gelüftet worden; 
es ist aber wahrscheinlich, daß Johann Georg Gressel 
sich dahinter verbarg (wie auch unter den Decknamen 
Philomusus, Musophilus und Verimontaeiquerenus, unter 
denen er Studentenlieder, Sonette, Kantaten usw. 
meist schlüpfrigen Inhalts veröffentlichte). In den Lite¬ 
raturgeschichten wird Celander nur von Menzel er¬ 
wähnt und auch von ihm auch nur als Lyriker. Seine 
„Verliebten Gedichte“ (Hamburg und Leipzig 1716), 
die er später mit den Poesien Hochgesangs zu einer 
,Sammlung Allerhand Sinn-reicher Gedichte* zusammen¬ 
stellte (Stockholm 1721), sind ebenso verschollen wie 
seine Studentenromane, deren Reigen „Der verliebte 
Studente“ (Cölln, Bey Pierre Marteaux, 1709, d. h. 
Hamburg bei Liebezeit) eröffnete. Der Bevorworter 
des Neudrucks, Dr. Aljr. Semerau , sagt ganz richtig, 
daß der Roman mehr als Kulturdokument wie vom 
literarischen Standpunkte aus betrachtet werden will. 
Literarisch ist er wenig wert, als Sittenbild von höch¬ 
stem Interesse. 

Die Roßbergsche Druckerei in Leipzig hat für den 
Neudruck altertümliche Typen gewählt, die indessen 
gut lesbar sind und in ihrem satten Schwarzdruck auf 
dem schönen Papier ein treffliches Seitenbild geben. 
Die einmalige, handschriftlich numerierte Auflage von 
550 Exemplaren ist fast vergriffen. —bl— 


Dr. Leopold Hirschberg hat zum 100. Todestage 
der Karoline von Günderode das von ihr und Creuzer 


gemeinsam verfaßte merkwürdige Buch „Melete von 
Jon“ bei Max Harrwitz in Berlin neu herausgegeben. 
Es ist bekanntlich nur bis zum fünften Bogen (bei Mohr 
und Zimmer in Heidelberg 1806) gedruckt worden; 
nach dem Tode der Günderode wurde der Satz zer¬ 
stört ; das einzige Exemplar der vorhandenen Bogen 
befand sich auf Stift Neuburg und diente dem Neu¬ 
druck als Unterlage. Der Inhalt ist bunt; Gedichte 
un d F reundesbriefe, U nwesentliches und M inderwertiges 
neben Intimem und Charakteristischem, das Ganze aber 
doch von so hohem Interesse, daß man für die Gabe 
dankbar sein kann, zumal der Verlag für eine ge¬ 
schmackvolle äußere Ausgestaltung gesorgt hat (Preis 
M. 10, in Ganzlederband M. 16). —bl — 

Wilhelm Müllers Gedichte sind in einer vollständigen 
kritischen Ausgabe mit Einleitung und Anmerkungen 
von James Tajt Hatßcld in B. Behrs Verlag in Berlin 
herausgegeben worden (M. 6.—, gebd. M. 7.—). Ein 
Porträt des Dichters nach der feinen Zeichnung Wilhelm 
Hensels und eine Faksimilierung des Gedichtes „Cal- 
deron“ sind dem Bande beigefügt. Der ziemlich um¬ 
fangreichen Einleitung folgen die schönen, Tieck ge¬ 
widmeten Dichtungen eines reisenden Waldhornisten, 
die in Schuberts Müllerliedern Allgemeingut des deut¬ 
schen Volkes geworden sind. Die Griechenlieder machen 
den Textbeschluß, an den sich höchst interessante 
kritische Anmerkungen anreihen. Der Band ist sehr 
stimmungsvoll mit dunkelviolettem schwachgenarbtem 
Papier bezogen und ausgekleidet; der Rücken ist in 
Pergament gebunden mit Goldaufdruck; der obere 
Seitenrand trägt Goldschnitt. —m. 


Clemens Brentanos „verwilderter Roman“ Godwi 
ist in unsrer Zeit der Neudrucke nun auch reproduziert 
worden. Das Original dieser Jugendarbeit Brentanos, 
der nur die ganz verschollenen „Satiren und poetischen 
Spiele von Maria“ vorangingen, ist so ungemein rar 
geworden, daß wohl nur noch sehr wenige komplette 
Exemplare existieren; in die Gesammelten Schriften 
Brentanos wurde lediglich ein kurzes Fragment aus 
„Godwi“ aufgenommen. Die im Verlage von Hermann 
Seemann Nachfolger in Berlin erschienene Neuausgabe 
wird sich also lohnen, zumal der Preis (M. 8.—) gering 
ist. Dr. Anselm Ruest hat eine interessante und liebe¬ 
volle Beurteilung des Werkes als Einleitung beigesteuert, 
die den intimen Reizen der Arbeit mit feinem Verständ¬ 
nis nachspürt. Der Abdruck hält sich genau an das 
Original von 1801/02; nur einige offenbare Satzfehler 
fanden Berichtigung. Vermutlich wird auch dieser 
Neudruck bald vergriffen sein. Für eine etwaige zweite 
Auflage möchten wir ein etwas besseres Papier und sorg¬ 
fältigere Korrektur anempfehlen. Der erste Verleger 
hieß nicht Witmans, sondern Wilmans. 10 Exemplare 
der Ausgabe wurden auf Japan abgezogen. —m. 


Nachdruck verboten. — Alle Rechte Vorbehalten. 

Für die Redaktion verantwortlich: Fedor von Zobeltitz in Berlin W. 15. 
Alle Sendungen redaktioneller Natur an dessen Adresse erbeten. 


Gedruckt von W. Drugulin in Leipzig für Velhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig auf Papier der Neuen Papier-Manufaktur 

in Straßburg i. E. 











ZEITSCHRIFT 

FÜR 

BÜCHERFREUNDE. 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz. 

io. Jahrgang 1906/1907. _ Heft 12: März 1907. 


Die Ausgaben von Börnes Schriften und die Herstellung 

einer neuen Edition. 

Von 

Professor Dr. Ludwig Geiger in Berlin. 


it den Vorbereitungen zu einer 
neuen großen Börne-Ausgabe 
beschäftigt, für die ich mich mit 
Rudolf Fürst, Michael Holz¬ 
mann, Alfred Klaar und Alfred 
Stern vereinigt habe, einer Aus¬ 
gabe, die mit Unterstützung der Börne-Admini¬ 
stration in Frankfurt a. M. und auf Grund des 
in ihrem Besitz befindlichen großen und bisher 
noch wenig benützten handschriftlichen Materials 
im Verlage von S. Schottländer in Breslau 
erscheinen soll, mußte ich mich zunächst nach 
den bisher herausgekommenen Gesamtausgaben 
umsehen. Sie sind, wie die Editionen aller 
unsrer großen Schriftsteller bis zu Goethes 
Tode, in Goedekes Grundriß verzeichnet. Aber 
wie? Der grimmige Haß, den Goedeke schon 
in seiner ersten Ausgabe 1881 zum Ausdruck 
brachte, hat sich anscheinend auch auf den neuen 
Herausgeber vererbt. Dieser Haß hat ihn nicht 
nur dazu verführt, alle heftigen, ungerechtfertig¬ 
ten Anklagen Goedekes beizubehalten, sondern 
hat ihn auch zu einer Sorglosigkeit verleitet, 
die für ein bibliographisches Verzeichnis ver¬ 
hängnisvoll ist. Die Literatur ist ganz außer¬ 
ordentlich dürftig angegeben. Bei der Auf¬ 
zählung der einzelnen Aufsätze lassen sich die 
z. f. B. 1906/1907. 


größten Lücken erkennen. So werden z. B. 
nicht nur bei der „Wage“ und den „Zeit¬ 
schwingen“ die einzelnen Aufsätze nicht ange¬ 
führt, sondern manche Zeitschriften, „Das lite¬ 
rarische Wochenblatt“, die „Neckarzeitung“, 
Müllners „Literaturblatt“, drei periodische Unter¬ 
nehmungen, in denen zahlreiche Aufsätze unseres 
Publizisten zuerst erschienen, werden überhaupt 
nicht genannt; G. Schnapper-Arndts hervor¬ 
ragende, durch sachliche Genauigkeit sich aus¬ 
zeichnende, vollkommen Neues gewährende 
Publikationen in der von mir herausgegebenen 
„Zeitschrift für die Geschichte der Juden in 
Deutschland“ werden mit keinem Worte er¬ 
wähnt; eine, schon des Ortes wegen, wo sie 
erschienen ist, höchst interessante Sammlung 
„Souverainer Witz aus Ludwig Börnes Schriften, 
Alkmaar. P. Kluitmann 1875“, 172 S., wird 
einfach ignoriert. Bei neueren Gesamt-Ausgaben 
wird außer bei der ganz wertlosen Wiener 
nirgends ein Verleger genannt, während es 
doch von großer Wichtigkeit gewesen wäre, 
bei der gleich zu nennenden Brodhagschen in 
Stuttgart den Namen des Buchhändlers an¬ 
zuführen. Die Reklamsche Gesamt-Ausgabe 
— unter den neueren gewiß die verbreitetste — 
wird überhaupt nicht erwähnt. Daß der von 

60 









474 


Geiger, Die Ausgaben von Börnes Schriften und die Herstellung einer neuen Edition, 


mir veranstaltete Neudruck der Briefe des 
jungen Börne an Henriette Herz, der zum 
erstenmal die Briefe dieser Freundin enthält, 
nicht zitiert wird, auch nicht einmal in den 
Nachträgen, obgleich mein Buc